Carl Zeiss Jena

Carl Zeiss Jena 1960er

OPREMA und ZRA1   Inbegriffe eines Technologieschubs

Das Flektogon 2,8/35mm, das nach der Neuberechnung von 1953 erstmals in größeren Stückzahlen gefertigt wurde, bildete für Carl Zeiss Jena den Anschluß an die moderne Objektiventwicklung. Gleichzeitig wurde mit diesem Objektiv aber auch klar, wie stark man mit der bis dahin vorherrschenden Methodik, Objektive zu berechnen, an die Grenzen der Machbarkeit gelangt war. Für das sechslinsige Flektogon artete beispielsweise eine einzige Durchrechnung für drei Farben in etlichen tausend einzelnen Rechenoperationen aus, die von einer handvoll Beschäftigten in ziemlich stupider Weise an mechanischen Rechenmaschinen vorgenommen werden mußten. Es war abzusehen, daß zukünftige Objektive immer komplizierter aufgebaut sein werden und die Rechenarbeit daher mit den bisherigen Methoden nicht mehr zu schaffen sein würde.


Aus diesem Grunde wurden im VEB Carl Zeiss JENA im Mai 1954 Arbeiten an einer programmgesteuerten Rechenanlage begonnen, die bereits nach siebeneinhalb Monaten zum Ende desselben Jahres zum Abschluß gebracht werden konnten. Mit der „Optikrechenmaschine OPREMA“ war einer der ersten Industrierechner auf deutschen Boden geschaffen worden. Mit 17.000 Relais, 90.000 Selengleichrichtern, 500 Kilometern Kabel und 55 Quadratmetern reiner Aufstellfläche erreichte man eine Taktfrequenz von gerade einmal 100 Hertz. Und trotzdem war dieses Monstrum ein ungeahnter Fortschritt, denn die Optikrechenmaschine OPREMA vermochte es, komplexe Objektivberechnungen automatisiert und fehlerfrei binnen Milisekunden durchzuführen und dabei 120 Optikrechner von dieser stupiden Arbeit zu befreien. Letztere hätten Tage oder gar Wochen für dieselbe Arbeitsleistung gebraucht und es bestand stets die allzu menschliche Gefahr, daß sich der Fehlerteufel einschleicht. Die OPREMA ermüdete nicht und es stellte sich auch heraus, daß sie fehlerfrei arbeitete. Sie war nämlich aus zwei gleichartigen Rechnern aufgebaut, die eigentlich zur Fehlerkontrolle parallel laufen sollten. Als man aber sicher gehen konnte, daß dies nicht notwendig war, trennte man die beiden Anlagen und hatte so die doppelte Rechenleistung zur Verfügung.


Interessant übrigens, daß man seinerzeit eine Relaisanlage für zuverlässiger hielt gegenüber einem Rechner auf Röhrenbasis. Für eine derartig geringe Taktfrequenz mag das zutreffend gewesen sein. Durch eine geschickt ausgelegte Konstruktion wurden die Relais zudem stets nur im stromlosen Zustande geschaltet. Ein gewichtiger Vorteil war überdies der Energieverbrauch, der bei verblüffend niedrigen 30...40 Watt gelegen habe. Damit hätte man gerade mal eine handvoll Röhren heizen können.

Zeiss OPREMA
Zeiss Oprema Computer
Zeiss Oprema

In einem Aufsatz in der Jenaer Rundschau vom Februar 1956 berichtet der Chef der Abteilung Photo, Prof. Harry Zöllner, davon, daß ihm diese OPREMA seit einem Jahr für die Entwicklung von photographischen Objektiven zur Verfügung steht. Das würde bedeuten, daß gleich im Anschluß an die Fertigstellung des Rechners erste Früchte geerntet werden konnten. Eberhard Dietzsch verweist jedoch darauf, daß mit der OPREMA hauptsächlich Strahlrechnungsarbeiten erledigt werden konnten; von einer Bildfehlerbildung oder gar automatischer Korrektion sei man noch weit entfernt gewesen. Ein großer Fortschritt war aber bereits, daß nun auch die sogenannten windschiefen Strahlen, die beim Durchlaufen des optischen Systems kein einziges Mal die Achse schneiden, mit derselben Geschwindigkeit durchgerechnet werden konnten, wie Meridionalstrahlen. Zuvor wurden mit den mechanischen Rechenmaschinen vom Typ "Mercedes Euklid" dafür ganze 20 Minuten je Fläche benötigt! Erst jetzt wurden Objektive wie das unten beschriebene Flektogon 4/25 mit seinen 13 Flächen überhaupt erst beherrschbar. Dietzsch gibt zudem an, daß der praktische Nutzen der OPREMA sogar dadurch weit über das ursprünglich erhoffte Maß hinausging, weil überdies auch Variationen hervorgerufen durch Dezentrierungen und Toleranzen durchgerechnet werden konnten. Den sich letztendlich einstellenden Erfolg, der mit der OPREMA erzielt werden konnte, beziffert Dietzsch mit folgendem Vergleich: Ob eine Konstruktion erfolgreich war, also in Produktion gehen konnte, wurde stets anhand eines Versuchsmusters überpüft. Dabei habe die Ausbeute an produktionsreifen Versuchsobjektiven zwischen 1948 und 1954 bei lediglich etwa 17 Prozent gelegen. 1956 jedoch, im Jahr der ersten vollen Wirksamkeit der OPREMA, sei dieser Anteil bereits auf 70 Prozent gestiegen.


Doch die Anforderungen wuchsen rasch. Bereits ab 1956 wurde mit dem Zeiss Rechenautomat ZRA1 ein Nachfolger gebaut, der auf Ferritkernen, Germaniumdioden und Elektronenröhren basierte. Er war ab etwa 1959/60 einsatzbereit. Im Gegensatz zur OPREMA wurde dieser Rechner anschließend gar in Serie gefertigt (31 oder 32 Stück?) und kam damit auch anderen Betrieben und Forschungsstätten zugute. Für die Objektiv-Entwicklungsabteilung des VEB Carl Zeiss JENA war die Anhebung der Rechengeschwindigkeit auf anderthalb Flächen je Sekunde aber nicht der einzige Vorteil des neuen Rechners. Durch das veränderte Grundkonzept, den leistungsfähigen Trommelspeicher und die Eingabe per Lochkartenleser waren nun weitergehende Programmierungen machbar:


"Das Optik-Programm wurde wesentlich von Dieter Klein, Klaus Lösche, Hans-Werner Stanko, Dieter Mikolajetz und Gerhard Enke geschaffen. Es zeichnete sich u.a. dadurch aus, daß es eine Variablenkopplung und die Bildung allgemeiner Bildfehler durch Linearkombination von Strahlenaberrationen und/oder Systemparametern gestattete. Dadurch konnten technologische Nebenbedingungen weitgehend berücksichtigt werden. Auf Betreiben von Georg Pradel wurde die automatische Korrektion in den Anfängen erprobt. Diese Entwicklungslinie wurde in Jena konsequent weiterverfolgt bis hin zu ausgereiften Programmsystemen wie AKOS (Automatische Korrektion Optischer Systeme) oder CADOS (Computer Aided Design of Optical Systems) für schnellere Maschinen. Der ZRA1 und das für den ZRA1 bereitgestellte Programmsystem ermöglichte die Weiterentwicklung zu höheren Leistungsparametern von Objektiven." [Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 117f.]


In der darauffolgenden Zeit entstehen im Zeisswerk eine ganze Reihe an Objektivkonstruktionen, deren Eigenschaften mit den bis dahin zur Verfügung stehenden Methoden im Traum nicht denkbar gewesen wären. Vor allem im Weitwinkelbereich ist ein erstaunlicher Technologieschub zu verzeichnen gewesen. Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit lassen den VEB Carl Zeiss JENA, der noch zehn Jahre zuvor in Trümmern gelegen hatte und anschließend fast bis auf die letzte Maschine demontiert worden war, während der 1960er Jahre wieder zu einem der weltweit führenden Hersteller photographischer Objektive emporsteigen.



Literatur:


Hellmuth/Mühlfriedel: Carl Zeiss Jena 1945-1990, 2004, S. 175f.

Kämmerer/Kortum: Oprema, die programmgesteuerte Zwillingsrechenanlage des VEB Carl Zeiss Jena;  Feingerätetechnik 3/1955, S 103ff.

Zöllner, Harry: Das Foto-Objektiv in Praxis, Entwicklung und Fertigung, Jenaer Rundschau, 2/56, S. 36ff.

Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, S. 108ff. (Es existiert zudem ein inhaltlich weitgehend identischer 26-seitiger Sonderdruck dieses Aufsatzes, der freilich abweichende Seitenzahlen aufweist.)

elektrische Blendenwertübertragung
elektrische Blendenwertübertragung

Ganz am Ende der 1960er Jahre konnten Früchte geerntet werden, die man während der gesamten letzten zehn Jahre gesät hatte: Herausragende optische Konstruktionen in hochmodernen Objektivfassungen – hier am Beispiel des Jena Pancolar 1,8/50mm. Mit der Praktica LLC wurde im Herbst 1969 eine Konzeption für eine Systemkamera in den Markt eingeführt, deren Bedeutung wir erst heute, ein halbes Jahrhundert später in vollem Umfange zu würdigen wissen. Aus den Umwegen und Sackgassen heraus, die man zuvor mit der mechanischen Blendenwertübertragung bei der Pentacon Super gegangen war, kam man in Dresden auf die  Idee, die Codierung des nach dem Auslösen zu erwartenden Blendenwertes vollständig zu überarbeiten. Statt einer mechanischen Eingabe des Blendenwertes erfolgte dies nun auf rein elektrischem Wege. Aber das war nur der eine Teil der Idee. Der zweite lag darin, die dafür notwendigen Baugruppen vollständig in das Objektiv zu integrieren. Andere Hersteller arbeiteten auch mit veränderlichen elektrischen Widerständen, um den zu erwartenden Blendenwert schon vor dem Abblenden an die Belichtungsmessung der Kamera weiterzugeben. Sie bauten aber das dazu notwendige Potentiometer in die Kamera ein und mußten anschließend technisch problematische, nur mit großem Aufwand zu fertigende mechanische Übertragungsmittel zwischen Kamera und Objektiv vorsehen, um beide Baugruppen miteinander kommunizieren zu lassen. Bei der Praktica LLC und ihren Meyer- und Zeissobjektiven geschah dies nun auf rein elektrischem Wege, mit all den Vorteilen, die ein solcher Übertragungsweg bietet.


Im Jahre 2019, dem Zeitalter der Spiegellosen Systemkamera, kann man sich gar keine mechanischen Übertragungen zwischen Kamera und Objektiv mehr vorstellen. Auch wenn heute nicht mehr mit analogen Spannungswerten gearbeitet wird: Die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre durch Kooperation des gesamten Photogerätebaus der DDR erstmals verwirklichte elektrische Kommunikation zwischen Kameragehäuse und Objektiv ist zum Vorbild für alle dahingehenden Nachfolger geworden. Und der VEB Carl Zeiss JENA war, was diese Entwicklungen betraf, damals noch stets und ohne zeitlichen Verzug "mit am Ball" gewesen.

Ab 1963 wurden sukzessive neue Fassungen eingeführt. Neue Fertigungsmethoden ermöglichten, daß die mehrgängigen Steigegewinde der Schneckenzüge nun deutlich steiler ausgeführt  werden konnten,  was einen stark verlängerten der Auszug des Objektives möglich machte. Beim obigen Flektogon 2,8/35mm konnte  auf diese Weise jetzt bis 18cm ab der Filmebene an das Motiv herangegangen werden. Als mechanisches  Problem ergab sich dabei, daß auch die Übertragung der Springblendenmechanik diesem großen Hub folgen mußte, was neue technische Lösungen erforderte, auf die ich im Folgenden noch näher eingehen werde

Sonnare 180 und 300mm

Diese Objektive wurden bereits in der Sektion der 1950er Jahre beschrieben. Sie wurden 1959 bzw. 1963 neu gerechnet, um sie für das Mittelformat 6x6 zu ertüchtigen und damit eine Nutzung an der seinerzeit international führenden Mittelformatspiegelreflexkamera Praktisix zu ermöglichen. Die Neuberechnung hängt aber auch mit der Einführung der Vollautomatischen Springblende zusammen. Es fällt nämlich auf, daß die meisten älteren Systeme einer Neurechnung unterzogen wurden, als ihre Fassungen auf Automatikblende  umgestellt werden sollten. Grund dafür ist ein Abbildungsfehler namens Blendendifferenz, der bei guten Springblendenobjektiven auch gut korrigiert sein muß. Man versteht darunter die Eigenheit mancher Konstruktionen,  daß sich die Ebene der stärksten Einschnürung des bildseitigen Strahlenganges  (wo also die "Punktschärfe" liegt)  längs der optischen Achse verschiebt, sobald man die Blendenöffnung verändert. Das ist im Prinzip eine direkte Folge  des Kugelgestaltsfehlers optischer Systeme (sphärische Aberration) und der Tatsache, daß dieser Kugelgestaltsfehler durch bloßes Abblenden stark gemildert werden kann. Bei Springblendenobjektiven  kann man über diese Verschiebung der Schärfe aber nicht mehr hinwegsehen, weil jene prinzipiell und ausschließlich bei offener Blende scharfgestellt werden. Photographiert wird aber fast immer mit einem mehr oder weniger abgeblendeten Objektiv, wodurch nun quasi stets und zwangsläufig bei jeder Aufnahme Blendendifferenz auftritt. Das konnte natürlich bei hochentwickelten Kamerasystemen nicht mehr geduldet werden und so erforderte die Umarbeitung der Blendenmechanik von Normal- auf Automatikblende  auch ein Überarbeiten der optischen Konstruktion. Beispielsweise ist überliefert, daß einer der Gründe dafür, weshalb Prof. Zöllner nach Erscheinen der Praktisix das Tessar 2,8/80mm so rasch wie möglich durch das neue Biometar ablösen wollte, darin gelegen hat, daß ersteres  erheblich mit Blendendifferenz behaftet gewesen ist.  Beim vierlinsigen Tessar war keine weitere Optimierung mehr möglich; bei anderen Objektiven, die auf Springblende umgerüstet wurden, kann man aber davon ausgehen, daß  im Zuge der Neuberechnung besonderes Augenmerk auf eine verbesserte Behebung der Blendendifferenz  gelegt wurde. 


Das 180er Sonnar mit dem Rechnungsdatum 14. Februar 1959 wurde dann spätestens ab April 1961 in der neuen Springblendenfassung hergestellt, das 300er mit Rechnungsdatum 19. August 1963 dann ab April 1964. Vom 300er wurden aber zunächst nur kleine Serien von wenigen hundert Stück pro Jahr fabriziert. Ich habe ja schon an anderer Stelle erwähnt, daß dessen Produktion ganz offensichtlich sehr arbeitsaufwendig und auch materialmäßig teuer gewesen sein muß. Es gehörte aber auch qualitativ zum Besten was es damals auf dem Weltmarkt  zu kaufen gab.

Sonnar 180 Zebra
Sonnar 300 Zebra

Die Umstellung auf die Springblende ging bei diesen beiden Sonnaren übrigens  mit einer Umstellung auf das Schraubbajonett der Praktisix einher. Dies bot die prinzipielle Möglichkeit, das jeweilige Objektiv über einen Adapter an verschiedene Kleinbildkameras anzuschließen. Als diese Konzeption erarbeitet wurde, waren das Praktina Bajonett und die Exakta die führenden Systeme. Bei diesen beiden Anschlüssen war es möglich, die BLENDENVOLLAUTOMATIK der Sonnare aufrechtzuerhalten. Schon während der Einführung dieser beiden Sonnare  schied aber die Praktina  IIA wegen Einstellung der Produktion aus und die Exakta verlor nach und nach an Bedeutung. Also war es das  M42-Gewinde, das nun den Dresdner Kamerabau dominierte, ohne daß man sich bei Pentacon wirklich bewußt für diese damals schon veraltete Gewinde-Lösung entschieden hätte. M42 war um 1970 von den besagten drei Anschlüssen schlicht und ergreifend derjenige, der übrig geblieben war.


Was den Adapter von Praktisix auf M42 betrifft, wurde nun allerdings gerade bei diesem Anschluß leider keine Vollautomatik erreicht, sondern die Blende  mußte nach dem Auslösen immer manuell geöffnet werden. Das war an sich schon ungünstig, wurde aber noch problematischer, als  mit der PRAKTICAmat die Innenlichtmessung bei Arbeitsblende eingeführt wurde. Nun sprang bei jeder Belichtungsmessung die Blende zu und mußte dann wieder manuell geöffnet werden, um scharfstellen zu können. Das war  äußerst unpraktisch, wurde aber im Prinzip 20 Jahre lang so gebaut, weil man 1959 nun einmal (unbewußt) diese Richtungsentscheidung getroffen hatte. Eine gewisse Erleichterung brachte die Blendenelektrik, die ja ein Abblenden des Objektives zur Messung unnötig machte. Dafür mußten aber nun aber wiederum mechanische Einrichtungen geschaffen werden, um die Stellung des Blendenrings an den Adapter weiterzugeben, der das Potentiometer für die Blendenelektrik enthielt. Das verkomplizierte das System unnötig, ohne daß man grundsätzlich die nur halbautomatische Springblende in eine vollautomatische umwandeln konnte. Nur das Zuspringen der Blende bei jeder Messung wurde dadurch eliminiert. Aus diesem Grunde wurde in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre beispielsweise mit dem Sonnar 2,8/200 und dem Prakticar 4/300 nun wieder vom Konzept der Adapter abgegangen und eigens zu den jeweiligen Systemen kompatible Objektive entwickelt.


Diese ganze Entwicklung konnte man freilich am Anfang der 1960er Jahre noch nicht absehen. Die Richtungsentscheidungen, die damals in Dresden und Jena  getroffen wurden, deuten darauf hin, daß ursprünglich das Schraubbajonett der Praktina IIA als zukünftiger Standard vorgesehen war. Die Objektivanschlüsse der Praktina und Praktisix waren – vom unterschiedlichen Auflagemaß und dem Bajonettdurchmesser abgesehen - voll kompatibel zueinander, sodaß der dazugehörige Adapter quasi nur eine mechanische Verlängerung darstellte. Mit der Einstellung der schwer verkäuflichen Praktina ein Jahr später war diese Ideallösung allerdings gestorben und der Dresdner Kamerabau hatte sich dadurch gewissermaßen unbeabsichtigt eine Konzentration auf das problematische M42-Gewinde auferlegt. Das sollte sich später  noch als eine große Bürde herausstellen.

Selten anzutreffen ist diese Kombination des Olympiasonnars mit einem Adapter zur Aufrechterhaltung der automatischen Springblende  an der Praktina IIA.  Das liegt daran, daß die  Serienfertigung  des Springblenden-Sonnars erst im September 1962 anlief, währenddessen die Produktion der Praktina schon im Mai 1960 eingestellt worden war. Und weil einer der Gründe für das Aufgeben der Praktina-Reihe darin lag,  daß man unbedingt  die Bevorratung mit Objektiven ihres Anschlusses los haben wollte, wurden Wechselobjektive für die Praktina während der 1960er Jahre auch nur noch sporadisch ausgestoßen. Bei diesem Exemplar handelt es  sich übrigens um die erste Version des Springblenden-Sonnars 180mm, das sich noch durch eine kürzeste Einstellentfernung von 2,2m auszeichnet. Unten die für die damalige Zeit (1962!) hochmodern gefertigten Fassungsteile. Man beachte den  kugelgelagerten Blendenkäfig. Diese aufwendige Konstruktion war notwendig, um trotz der massereichen Blendenmechanik die Blendenschließzeit von etwa 25 Millisekunden zu gewährleisten.

Zusammen mit der Springblende wurde außerdem bei vielen damaligen Objektiven sukzessive der extrasteile Schneckengang und eine automatische Blendenkorrektur eingeführt. Letztere sorgte dafür, daß beim  beim Naheinstellen der durch den verlängerten Auszug bedingte Lichtverlust automatisch durch eine Öffnung der Blende ausgeglichen wurde. Das war eine praktische Angelegenheit, die besonders beim Flektogon 2,8/35mm und dem Sonnar 3,5/135mm mit ihren langen Schneckengängen eine sinnvolle Wirkung hatte, weil bei diesen der Verlängerungsfaktor nicht mehr vernachlässigt werden kann. Zum Patent angemeldet wurde diese Idee am 17. Oktober 1960 [DDR-Patent Nr. 29.092]. Helmut Scharffenberg, Rudolf Paul und Hermann Friebe waren die Erfinder. Grundlage war der schräg verlaufende Schlitz der Blendenführung (Teil 7), die unten anhand der Zeichnung und rechts am praktischen Beispiel dargestellt ist. Diese damals sehr sinnvolle Einrichtung wurde  aber rasch obsolet, als in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Innenlichtmessung zum Standard wurde, die diesen Lichtverlust nun automatisch berücksichtigte.

DD29092

Den extrasteilen Schneckenhang hatte das 180er Springblendensonnar übrigens nicht von Anfang an. Ursprünglich lag die Naheinstellgrenze bei 2,2m und wurde ab der Zebra-Version auf 1,7m verkürzt. Das 300er gab es aber von Anfang an nur in der letztgenannten Version. Für die Pentacon Super wurden sogar einzelne Stücke dieser beiden Sonnare herausgebracht, bei denen ein zusätzlicher Stößel den eingestellten Blendenwert an diese speziell dafür eingerichtete Kamera übermittelte. Das war insgesamt alles sehr modern und international wirklich tonangebend. Insbesondere das 180er Sonnar mit seinem steilen Schneckengang und der dadurch springenden Scharfstellung ist auch heute noch ein begehrenswertes Objektiv für die Pentacon Six. Von der Bildleistung ganz zu schweigen. Unter Umständen muß heute nur einmal der Schneckengang mit einem modernen, synthetischen Fett neu geschmiert werden. Die Originalschmiermittel sind nach 40...50 Jahren meist verbraucht. Wie sowas aussieht, das kann man sich in der Reparatur-Sektion einmal ansschauen.  Das Sonnar 180mm kostete 652,80 Mark für die Praktisix, 734,80 Mark für M42 und Exakta (mit zusätzlichem Adapter) und 747,80 Mark für die Pentacon Super.

Nicht von ungefähr gilt das Sonnar 2,8/180mm als das Portraitobjektiv des Mittelformates schlechthin. Die Bildwirkung und das Freistellungsvermögen dieses Objektives sind legendär. Photo von Lubomir Arabadjiev, Bulgarien.


Beinah märchenhaft ist die Stimmung, die Artur Popiołek aus Polen mit dem Olypiasonnar an seiner Pentacon Six herbeizaubern konnte (Fomapan 100, Rodinal).

Unten: Mit solch einer Ausrüstung wurde im gesamten Ostblock gearbeitet. Auch Dr. Siegmund Jähn hatte diese Zusammenstellung 1978 mit in der Sojus-Kapsel.

Cardinar 2,8/85mm

So sehr man auch über die vielen Zeiss-Neuentwicklungen der 1960er Jahre ins Schwärmen geraten kann, so wenig sollte man unter den Tisch fallen lassen, wie viel an Entwicklungskapazität für Kamera-Flops verbraten wurde. Das läßt sich auch an diesem Zeissobjektiv ablesen. Es wurde für die Pentina geschaffen – eine Kleinbildspiegelreflexkamera mit Zentralverschluß. Diese Kamera ging noch auf ein Projekt der alten Zeiss Ikon zurück und hing nach der Zusammenlegung der Entwicklungsabteilungen wie ein Klotz am Bein der Kamerawerke. Mit viel Aufwand hatte man die Kamera zuendeentwickelt und mit ebenso viel Aufwand hatten Meyer-Optik und Zeiss drei Wechselobjektive geschaffen. Diese mußten aufgrund des engen Durchlasses des Zentralverschlusses ganz spezielle Vorgaben erfüllen. Das Cardinar 2,8/85mm ist angesichts der zu überwindenden optischen Klippen ein wirklich hochwertiges Portraitobjektiv. Doch nur 3000 Stück ließen sich absetzen. Ob sich damit überhaupt die Entwicklungskosten wieder einspielen ließen, möchte ich mal dahingestellt lassen. Geld verdient hat man damit jedenfalls nicht, und Devisen schon gar nicht. Mit den Objektiven für die Schmalfilmspiegelreflexkamera Pentaflex 8 lassen sich noch weitere Beispiele für solche Flops finden. Sie waren mit speziellen Anpassungen für einen speziellen Kameratyp geschaffen worden. Damit schied eine „Umnutzung“ an einem anderen System aus. Ich kann nur Vermuten, daß die Abteilung Photo des Zeisswerks in den 60er Jahren auf einigen Entwicklungskosten sitzengeblieben ist. Anhand der  nachfolgenden Entscheidungen kann man zum Schluß kommen, daß von nun an mit spitzerem Bleistift gerechnet worden ist. Zum Beispiel wurde 1965 zwar das 135er Sonnar in der Lichtstärke auf 1:3,5 gesteigert, für das offenbar bereits im Niedergang befindliche Exaktabajonett blieb es aber bei der alten Lichtstärke von 1:4,0. Auch die Zahl der echten Neuentwicklungen ging nun in den 70er Jahren deutlich zurück.

Cardinar 2,8/85mm
Cardinar 2,8/85mm scheme

Die Schnittzeichnung weist das Cardinar als einen klassischen Sonnartypus aus. Der Begriff "SONNAR" wurde allerdings nicht verwendet, um den erbitterten Markenrechtsstreitigkeiten mit Zeiss Oberkochen aus dem Wege zu gehen. Daß exklusiv ein neuer Gattungsname kreiert worden ist, deutet darauf hin, daß Zeiss Jena eigentlich größere Exporte auf den Westmärkten erhofft hatte.

Cardinar 4/100mm



Auf derselben Frühjahrsmesse 1960 wurde neben dem Cardinar 85mm für die Pentina auch das Cardinar 4/100mm für die Werra vorgestellt.  Dieses "Erscheinungsdatum" ist insofern ein wenig irreführend, da Egon Brauer bereits zur Herbstmesse 1957 zusammen mit der neuen Werra III von einem "neu errechnete[n] Typ 1:3,5, f = 100mm" berichtete [Vgl. Bild & Ton 10/57, S. 270]. Hierbei muß es sich um einen Prototypen gehandelt haben, denn das letztlich produzierte Cardinar hat als Abschlußdatum der Konstruktion den 14. Juni 1958.  Im Messebericht der "Bild & Ton" vom März 1960 (also VOR der Messe) war noch  von einem namenlosen Teleobjektiv die Rede.  Offenbar zögerte man, die beiden neuen Teleobjektive 2,8/85 und 4/100 unter dem Markennamen "Sonnar" auf den Markt zu bringen, obwohl es sich durchaus um echte Sonnartypen handelte.  Zeiss Jena war im damaligen Rechtsstreit mit Zeiss Oberkochen derart verunsichert, daß man begann, neue Objektivnamen zu kreieren.

Jena Cardinar 4/100mm

Unten links ein Cardinar 4/100mm aus dem Jahre 1961, rechts eins von 1968.

Interessant daran: Innherhalb dieses Zeitraumes hat es das Gütezeichen Q verloren. Das Gütezeichen 1 auf einem Jenaer Objektiv ist wiederum etwas Außergewöhnliches. Ein Jahr später wurde die Produktion eingestellt.

Jena Cardinar 4/100mm
Jena Cardinar 4/100mm

Besser informiert über die letztliche Namensgebung war aber der Schöpfer dieses Objektivs Erich Fincke, der zusammen mit seinem Kollegen Wolf Dannberg einen längeren Aufsatz zu "Neuen Zeiss-Foto-Objektiven aus Jena" in der "Fotografie" veröffentlichte [Heft 3/1960, S. 83f]. Dannberg stellte sein neues Flektogon 4/25 vor, Fincke seine Cardinare. Hier beschrieb Fincke die hauptsächlichen Konstruktionsprobleme, die bei diesen beiden Objektiven gelöst werden mußten, um  sie dezidiert für den Einsatz an Zentralverschlußkameras einsatzfähig zu machen. Da sie ja nicht eingebaut, sondern als Wechselobjektive VOR den Verschluß gesetzt werden sollten, drehte sich die hauptsächliche Schwierigkeit um die Festlegung des sogenannten Blendenorts. Diese in diesem Zusammenhang stehenden Konstruktionsschwierigkeiten hat Fincke zusammen mit Prof. Zöllner in einer Patentschrift zum Cardinar 4/100 näher ausgeführt, die ich erst kürzlich aufgetan habe [DDR Nr. 23.651 vom 17. November 1958]. Um Vignettierungen zu vermeiden, muß die Blende des Wechselobjektivs so nah wie möglich an die Verschlußlamellen herangeführt werden, genau so, wie man das vom fest in den Zentralverschluß eingebauten Objektiv kennt. Sonst würde schlicht keine gleichmäßige und gleichzeitige Belichtung des gesamten Bildfeldes erfolgen während der Zeit, in der sich die Lamellen des Verschlusses öffnen und schließen. Dieses Verlegen der Blende weit nach hinten bei gleichzeitiger Verkürzung der Schnittweite, damit die Hinterlinse so nah wie möglich an den Verschluß rückt, waren die hauptsächlichen Konstruktionsprobleme, die Zöllner und Fincke zu lösen hatten. Erfüllt wurden diese Forderungen erfindungsgemäß dadurch, daß die Hinterlinse als dünnes, sammelnd wirkendes Element ausgeführt wurde, das so nah an den vorderen Objektivteil herangerückt wurde, daß der Luftraum zwischen den beiden Teilen nur 17% der Gesamtbrennweite des System betrug und zudem die gesamte Baulänge des Objektivs vom vorderen Linsenscheitel der Frontlinse bis zum hintersten der Hinterlinse kleiner ist als 57% der Gesamtbrennweite von 100mm blieb. Dabei läßt das Patent für die besagte Hinterlinse ein Glas mit der für damalige Verhältnisse bemerkenswerten Brechzahl von n = 1,807 erkennen. Möglicherweise handelt es sich um das Schwerflint SF 6 des VEB Jenaer Glaswerk mit einer reziproken relativen Farbzerstreuung von 25,5.

Interessant ist auch, daß das Berechnungsbeispiel in der Patentschrift mit einem Öffnungsverhältnis von 1:3,5 angegeben ist. Das ist insofern von Bedeutung, als daß mir aufgefallen ist, daß sich bei fast allen Cardinaren für die Werra die Blende nicht vollständig öffnen läßt. Ich interpretiere das dahingehend, daß das maximale Öffnungsverhältnis mechanisch auf 1:4,0 begrenzt wurde, damit dieses Objektiv mit vollen Blendenstufen besser zur Belichtungsautomatik der Werra kompatibel war. Diese Vermutung wird dadurch gestützt, daß ich ein einzelnes Exemplar dieses Cardinars besitze, bei dem sich die Blende tatsächlich vollständig öffnen läßt und auf diese Weise offenbar die volle Lichtstärke von 1:3,5 wirksam wird. Auch einer der Konstruktionsverantwortlichen für die Werra, Rolf Miller, schreibt in seinem Aufsatz "Die Bildleistung der Werra" [Fotografie Heft 4/1958, S.122ff] von einem Teleobjektiv  3,5/100mm.


Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, daß das Cardinar eigentlich auf diese etwas höhere, aber "krumme"  Lichtstärke 1:3,5 berechnet worden ist.  Da die zwischenzeitlich herausgekommene Werra IV und später auch die  Werra V aber  mit einem Lichtwertverschluß arbeiteten, der nur volle oder halbe Stufen einzustellen erlaubte, waren Blendenwerte außerhalb dieser Normreihe  problematisch geworden. Der auch heute noch oft anzutreffende maximale Öffnungswert 1:3,5 entstammt einer Blendenreihe, die längst nicht mehr gebräuchlich ist.  Der rechnerisch exakte Blendenwert 3,564 ist dabei genau 1/3 Belichtungsstufe lichtstärker als das Öffnungsverhältnis 1:4,0. Für die Werra III spielte diese Abweichung eine untergeordnete Rolle, aber sie stand im Widerspruch mit den  gekuppelten Belichtungsmessern der anderen Modelle.

Links das übliche Öffnungsbild der Blende  bei Einstellung auf 1:4, rechts das abweichende Bild bei einem nicht mechanisch begrenzten Einzelexemplar.

Von diesem gut auskorrigierten Fünflinser  wurden zwischen 1959 und 1969 etwa 18.000 Stück hergestellt. Es kostete glatt 200,- Mark und war damit mehr als doppelt so teuer, wie das vergleichbare Telefogar 3,5/90 mm für die Altix.



Nachtrag vom 22. 12. 2018: Yves hat mittlerweile einen "Photo-Kino-Katalog" in dem alle möglichen Artikel aus diesem Industriezweig vom "Taschenstativ Ines" bis zum Kamerakran mit drei Tonnen Tragfähigkeit aufgelistet sind. Interessant ist nun ein Änderungsblatt zu diesem Katalog vom September 1959, mit dem eigentlich Irrtümer und Druckfehler berichtigt werden sollten. Hier wird nun schwarz auf weiß die Umbenennung des Objektivs 3,5/100 mm in das Cardinar 4/100 mm bestätigt mitsamt der Änderung seiner Lichtstärke.

Pentovar  2,8/35-100mm (?)



Zum Abschluß noch ein Objektiv, das man sich zwar hat patentrechtrechtlich schützen lassen, das aber leider nicht auf den Markt gebracht wurde. Wolfgang Naundorf und Harald Maenz  hatten mit ihrem Patent Nr. DD48.057 vom 18. Mai 1965 ein "Objektiv mit veränderbarer Brennweite und optischer Kompensation der Bildortverlagerung" entwickelt, das möglicherweise eine Reaktion auf das Voigtländer Zoomar 2,8/36-82mm gewesen sein könnte. Das ist sogar sehr wahrscheinlich, denn die Patentschrift bezieht sich explizit auf ein bekanntes derartiges Objektiv, dessen kürzeste Brennweite kleiner als die ausgezeichnete Bilddiagonale sei und das eine Brennweitenvariation  von maximal 2,3-fach aufweise. Beides trifft paßgenau auf das erwähnte  Voigtländersche Varioobjektiv zu, das seinerzeit praktisch ohne Konkurrenz war.  Es wurde von einem in den USA lebenden Österreicher namens Frank Gerhardt Back entwickelt  (DBP Nr. 1.116.427 vom 14. November 1958) und ab 1959 in Braunschweig gefertigt. Naundorf und Maenz wollten mit ihrer Erfindung den Variobereich auf über 1:2,8 ausdehnen und dabei die Verzeichnungsprobleme des Konkurrenzproduktes umgehen.

Zeiss Jena Pentovar 2,8/35-100 mm

Wie der Linsenschnitt aus der Patentschrift zeigt, wäre für dieses Zoom mit dem Brennweitenbereich 35 bis 100 Millimeter ein ganz erheblicher Linsenaufwand vonnöten gewesen, wobei ausschließlich hochbrechende Gläser zum Einsatz gekommen wären. Die Linse Nummer sechs hätte sogar aus neuartigem Boratglas bestehen sollen, welches von Werner Vogel und Wolfgang Heindorf  erst wenige Jahre zuvor im Jenaer Glaswerk entwickelt worden war (DDR-Patent Nr. 22.535 vom 26. Juni 1959). Allein die Materialkosten hätten den Preis dieses Objektives also in exorbitante Höhen getrieben; vom Fertigungsaufwand ganz zu schweigen. Zudem zähle ich nicht weniger als 26 Glas-Luft-Flächen. Im Zeitalter der einschichtigen Vergütungen wäre also von der Lichtstärke 1:2,8 effektiv nur wenig übriggeblieben.

Marco Kröger 


Letzte Änderung: 10. November 2021