Zeiss-Sonderobjektive

Die Bilder oben zeigen links die Front- und rechts die Rückansicht. Auffällig ist der große Durchmesser des hinteren Systemteils und der kleine Durchmesser des vorderen, der wie gesagt durch die nach vorn verlegte Pupille den Einsatz einer aufsteckbaren Aperturblende ermöglicht. Das eigentliche Ziel dieser Sonderbauform dürfte aber gewesen sein, trotz des großen Bildwinkels dieses Objektivs unter minimalster Vignettierung durch enge Öffnungen photographieren zu können – also zum Beispiel durch ein Schlüsselloch. Daß dabei (über einen M42-Adapter) eine normale Praktica  verwendet und über deren Reflexsucher scharfgestellt werden konnte, ist das besonders verblüffende an diesem Objektiv.

Jena Sonderobjektiv 2,8/35mm

Wenn ich die Patentbeschreibung Dietzschs recht verstehe, dann liegt der eigentliche Kunstgriff, der all diese sich im Grunde genommen widersprechenden Eigenschaften dennoch zu vereinigen vermag, in der Formgebung des Luftzwischenraumes l1, der laut Patentschrift die Form eines sammlenden Meniskus aufweist und deshalb zerstreuend wirkt.* Das im Patent angegebene  Ausführungsbeispiel 1 (das wohl dem praktisch ausgeführen Objektiv zugrundeliegt) läßt zudem erkennen, daß für die beiden großen Sammellinsen im hinteren Systemteil hochbrechendes Kronglas verwendet wurde (Brechzahlen von 1,7564 und 1,681 bei Abbezahlen von 52,9 bzw. 54,7).  Zumindest bei ersterem Glase handelt es sich um das Schwerstkron SSK11, das radioaktives Thorium enthält und daher zu einer charateristischen Vergilbung neigt. Bei den beiden mir zur Verfügung stehenden Exemplaren des SO 3.1 zeigen sich daher  jeweils die typischen gelblichen Verfärbungen in der hintersten Gruppe, die zwangsläufig nach längerer Dunkellagerung auftreten.


*Und weil mich ein Leser darauf hingewiesen hat, daß es widersprüchlich sei, wenn ein sammelnder Meniskus zerstreuend wirke, hier noch mal der genaue Wortlaut des Schutzanspruchs 1 des genannten Patentes DD301.976: "In Lichtrichtung vor dem Grundobjektiv wird eine konvergente Linsenkombination angeordnet, welche aus einem zum Objekt erhabenen streuenden Meniskus und einem nachfolgenden sammelnden meniskenförmigen Verbundglied, welches eine zum Objekt hohle, sammelnde Kittfläche enthält, besteht, wobei der die genannten Meniskenglieder trennende Luftraum die Form eines dünnen sammelnden Meniskus besitzt und somit streuend wirkt." Ich glaube dieser scheinbare Widerspruch läßt sich leicht aufklären. Dietzsch sagt ja, die Form des Meniskus sei sammelnd. Ein sammelnder Meniskus ist eine Linse, dessen beiden Linsenscheitel in ein und dieselbe Richtung gekrümmt sind und dessen Dicke in der Mitte größer ist als am Rand. So viel zur äußeren Gestalt. Die Wirkung kann jedoch, da es sich hierbei eben nicht um eine Linse aus Glas, sondern um eine zwischen zwei Gliedern befindliche Luftlinse handelt, trotzdem zerstreuend sein.


Auch wenn es reißerisch klingen mag: Aber statt Photoobjektive für eine Konsumgüterproduktion auf Weltniveau wurden also teure Geheimprojekte für das MfS in die Tat umgesetzt. Dafür war in den 80er Jahren offenbar genügend Geld da. Mit der DDR-Photoindustrie ging es derweil steil bergab, was bis zum Untergang dieses Staates allein durch die nach wie vor großen Absatzzahlen der zum Schleuderpreis produzierten Prakticas verdeckt wurde. Die tatsächliche Lage der traditionsreichen mitteldeutschen Kamera- und Objektivbaubetriebe wurde allen erst so richtig klar, als man sich ab Sommer 1990 plötzlich der technischen und preislichen Konkurrenz des Weltmarktes gegenübersah.

Geräuscharme Spiegelreflexkamera

An die GSK war auch eine Langfilmkassette und eine Datenrückwand ansetzbar, um beispielsweise die Uhrzeit einbelichten zu können. Auf diesem Bild sieht man auch die auf das Sonderobjektiv aufgesteckte Irisblende, falls bei viel Licht dessen Menge reduziert werden mußte.


Aufnahme: Detlev Vreisleben

Marco Kröger


letzte Änderung: 24. November 2020