Apo-Germinar

Apo-Germinare

Es hat einmal Anwendungsfälle für die Photographie gegeben, die heute beinah schon vergessen sind, weil sie mittlerweile vollständig durch neue Technologien abgelöst wurden. Dazu gehörte der gesamte, einstmals riesige Bereich der Reproduktionsphotographie, bei der es hauptsächlich um das Anfertigen sogenannter Klischees für den Druck ging. Auf photomechanischem Wege mußten dazu Farbauszüge vom Original hergestellt werden, um die drei Druckfarben und ggf. zusätzlich schwarz übereinanderdrucken zu können. Wie man sich leicht denken kann, mußten die dafür verwendeten Objektive für alle drei Spektralbereiche genau dieselbe Brennweite haben, d.h. alle drei Teilbilder hatten genau gleich groß zu sein. Kurz vor der Wende zum 20. Jhd. wurden von Zeiss Jena für diese Zwecke die sog Apo-Planare mit Lichtstärken bis 1:7,5 geliefert, um 1903 gefolgt durch die Apo-Tessare 1:10 bis 1:15, die als klassisches Tessar aufgebaut waren. Ende der dreißiger Jahre kam eine Reihe der Apo-Tessare mit der Lichtstärke 1:9 hinzu, bei denen die Verkittung im hinteren Systemteil durch einen hauchdünnen Luftzwischenraum ersetzt wurde (also vier Linsen in vier Gruppen). Die gebräuchlichsten dieser Apo-Tessare wurden im Jahre 1955 noch einmal neu berechnet.

Apo-Tessar

Dieser asymmetrische Typ des Reproobjektivs hat aber ein Problem: Es läßt sich nicht für alle infragekommenden Abbildungsmaßstäbe die Farbquerkoma  beseitigen. Das zumindest gibt Prof. Harry Zöllner als Beweggrund an, weshalb er um 1957 ein symmetrisches Reproduktionsobjektiv geschaffen hatte, das er sich  am 9. Juli 1960  beim DDR-Patentamt schützen ließ (DD24.255). Diese als Apo-Germinar bekannt gewordenen Spezialanastigmate hatte Zöllner zusammen mit Fritz Disep entwickelt.

Apo-Germinar

Um eine gute Lichtverteilung im Bildfeld zu gewährleisten, müssen solche Systeme möglichst gedrängt aufgebaut sein. Um dies zu erreichen, sind alle vier Glieder des  Zöllnerschen Apo-Germinars von sammelnder Wirkung. Der Korrektur kommt dabei zugute, daß die Einzelbrechkräfte der Linsen möglichst klein gehalten sind. Ferner  bestehen die inneren Elemente aus Kurzflint - einem Spezialglas mit besonderem Dispersionsverlauf,  das die vollständige Hebung des Farbvergrößerungsfehlers über das gesamte Spektrum hinweg möglich macht. Um 1970 wurde dieser ursprüngliche Erfindungsgedanke Zöllners und Diseps aber verlassen, da offenbar mit verbesserter Glastechnologie der bislang sechslinsige Aufbau zugunsten eines klassischen vierlinsigen Doppelanastigmaten aufgegeben werden konnte.

DD24.255
DD24.255

Diese beiden Varianten des Apo-Germinars sind im Patent Nr. DD24.255 angegeben. Tatsächlich produziert wurde offenbar die sechsgliedrige, unverkittete Linsenlage, die im rechten Schema dargestellt ist. Bestätigt wird diese Annahme durch die Fachliteratur [nach Fincke: Das Objektiv Deiner Kamera, 2. Aufl, 1963 S. 126.]

Apo-Tessar, Apo-Germinar
Apo Germinar W

Das war auch deshalb möglich, weil diese klassischen Reproduktionsobjektive nur Bildwinkel von um die 45 Grad abdecken (müssen). Das ist wiederum der Grund dafür, weshalb diese Germinare mit solch langen Brennweiten (bis 1200mm) geliefert wurden. Große Vorlagen, zum Beispiel Gemälde, verlangten nach langen Brennweiten, weil das Ziel ja nicht in der sonst in der Photographie üblichen verkleinerten Abbildung lag, sondern um ein Gewinnen von Farbauszügen in der Größe des gewünschten Endformates. Die zugehörigen Reproduktionskameras nahmen dann übrigens einen ganzen Raum ein. Deshalb sind schon Mitte der 60er Jahre Bestrebungen nachweisbar, den Bildwinkel derartiger Objektive auf über 80 Grad zu erweitern [DDR-Patent Nr. 57.451 vom 5. Oktober 1966, Wolfgang Naundorf und Harald Maenz]. Dieses Objektiv mit seinem beträchtlichen Aufwand wurde aber meines Wissens nicht in Serie gebaut.


Erst Anfang der 1980er Jahre wurden in dieser Richtung wieder Arbeiten aufgenommen und auch in einer größen Serienfertigung praktisch umgesetzt. Ziel war es, bei einer Arbeitsblende von 1:16 und Abbildungsmaßstäben zwischen 1:5 und 5:1 einen Bildwinkel bis etwa 75 Grad abzudecken. Das Ergebnis, das "Apo-Germinar W", wurde von Walter Hörichs und Volker Tautz am 3. Mai 1982 patentiert [Nr. DD207.268]. Es wurden drei unterschiedliche Ausführungen mit Brennweiten von 150; 210 und 240mm geschaffen, die unter Ägide des VEB Carl Zeiss JENA jeweils etwa 800 bis 850 mal gebaut wurden. Eine weitere Herstellung (oder zumindest Montage vorhandener Teile) durch die Nachfolgefirma des Betriebsteiles Saalfeld nach der Wende muß zudem hinzugerechnet werden.

Apo-Germinar W

Auch beim Apo-Germinar W wird in den Linsen drei und sechs jeweils Kurzflint eingesetzt. Die drei im Februar 1981 berechneten Varianten dieses Weitwinkel-Reproduktionsobjektivs  gehörten zum Besten, was international in diesem Metier angeboten wurde. Um den einzig verbleibenden "Bildfehler", nämlich den natürlichen Lichtabfall zum Bildrande hin, der sich bei solche großen Bildwinkeln zwangsläufig einstellt, zu kompensieren, wurden noch eigens für das jeweilige Objektiv berechnete Grau-Verlaufsfilter geschaffen und  am 1. Juni 1983 in der DDR-Schutzschrift Nr. 215.872 patentiert. Dazu wurde eine Chrom-Nickelschicht derart auf das Filterglas aufgedampft, daß die Transparenz zum Rande radial von 40 auf 100 % zunimmt. Diese Grau-Verlaufsfilter sind in der obigen Abbildung auf den drei Apo-Germinaren W aufgesetzt.

Apo-Germinar W

Marco Kröger


letzte Änderung: 22. Mai 2021