Sonstige Objektive
Ludwig Meritar 3,5/75 Beier Precisa

Als Meritar 3,5/75 mm wurde dieser wohlfeile Dreilinser in den 1950er Jahren auch in Mittelformatkameras des Nennformates 6x6 verbaut. Für die Bildgröße 6x9 gab es eine Variante mit der Lichtstärke 1:4,5.


Bei der Reparatur dieser Kamera entdecke ich übrigens auf der Rückseite der Andruckplatte dieses Datum. Es lohnt sich also manchmal, an solchen Stellen nachzuschauen

Zeiss Oberkochen Tessar 3,5/50mm


Ein interessantes Versuchsobjektiv aus der Bundesrepublik ist dieses Tessar 3,5/50mm mit Anschluß für die Exakta Varex. Mir ist nicht bekannt, daß in Oberkochen Objektive für dieses Kamerasystem serienmäßig gefertigt wurden. Möglicherweise wurde das Versuchsobjektiv aber gezielt mit einer Fassung für die Exakta versehen, um die optische Rechnung mit dieser Kamera praktisch erproben zu können. Schließlich galt die Exakta bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre als die international führende einäugige Kleinbildreflexkamera.

Lithagon und Ennalyt: Retrofokus-Pioniere aus München



Hans Lautenbacher ist heute leider ein vergessener Objektivkonstrukteur. Dabei gehört er neben Kollegen wie Rudolf Solisch, Hubert Ulbrich, Günter Klemt, Walter Wöltche und Günther Lange zur ersten Generation deutscher Objektivkonstrukteure, die im schwierigen Metier der Retrofokusobjektive Lösungen erarbeiten konnten. Dieser Objektivtyp, der schon seit der Zwischenkriegszeit bekannt war, wurde nun in den 1950er Jahren sehr aktuell, als sich die Einäugige Reflexkamera von Deutschland ausgehend international als Aufnahmesystem duchsetzte. Bekanntermaßen braucht dieser Kameratyp ausreichend Bewegungsspielraum zwischen Objektiv und Film damit der Reflexspiegel hochklappen kann. Aber auch die moderne Sucherkamera, die jetzt immer öfter so konstruiert wurde, daß der Zentralverschluß zwischen Objektiv und Kameragehäuse angeordnet wurde, verlangte nach solch langen Lufträumen. Genau dieser Gesichtspunkt war schon in den 30er Jahren der Antrieb zur Entwicklung von Retrofokussystemen gewesen, auch wenn es damals jenen Begriff noch nicht gab (H.W. Lee 1930, US 1.955.590; L.L. Mellor 1931, US1.910.492; W. B. Rayton 1932, US1.934561).

US1910492 Mellor Retrofocus 1931

Oben das frühe Beispiel Mellors aus dem Jahre 1931, das auch wirklich praktisch ausgeführt und von der Technicolor-Gesellschaft eingesetzt wurde. Die Filmkameras der frühen Farbkinematographie brauchten einen großen Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel, um zwischen Kamera und Film die Strahlenteilerprismen für die Farbauszüge unterbringen zu können. Damit stand damals hauptsächlich der Gesichtspunkt der verlängerten Schnittweite im Vordergrund. Jetzt, in den 50er Jahren, sollte die verlängerte Schnittweite noch zusätzlich mit einem möglichst großen Bildwinkel einhergehen. Der Retrofokustyp wurde damit zum Inbegriff des Weitwinkelobjektivs für moderne Kameras und nur die besten Firmen des optischen Gewerbes wagten den Schritt auf dieses sehr schwierig zu beackernde Feld.

Enna Super-Lithagon 2,5/35mm

Die Marktposition einer Weltfirma steht und fällt mit ihrem Fachpersonal. Der Optikkonstrukteur ist für eine Objektivbauanstalt in etwa das, was der Emulsionär für eine Filmfabrik ist. Eine Mischung aus seinem über lange Zeit hinweg erworbenen Erfahrungswissen und immer wieder frisch aufkeimenden Konstruktonsideen war die Grundlage für zeitgemäße Objektive. Hans Lautenbacher kam um 1954 vom Agfa Kamerawerk zur Optischen Anstalt des Werner Appelt in München. Hier sorgte er binnen kurzer Zeit für einen beachtlichen Technologieschub für das kleine Werk. Nach den einfachen Lithagonen 4,5 und 3,5/35mm mit einem Triplet als Grundobjektiv folgte im Februar 1955 das Lithagon 2,8/35 mit einem auf fünf Linsen erweiterten Triplet (DBP Nr. 1.102.435). Genau ein Jahr später gelang es ihm, mit dem Ultra-Lithagon 3,5/28mm den Bildwinkel auf 75 Grad auszudehnen (DBP Nr. 1.100.313). Auf Grundlage eines zweiten Ausführungsbeispiels dieser Schutzschrift konnte Lautenbacher bei einer Beschränkung des Bildwinkels auf etwas über 60 Grad die Lichtstärke weiter anheben: Aus dieser Erfindung ging damit auch das Super-Lithagon 2,5/35 mm hervor.

Enna Super-Lithagon 2,5/35
DE1100313 Super-Lithagon 2,5/35

Doch damit aber nicht genug für Herrn Lautenbacher. Im September 1958 ließ er sich schließlich ein Super-Lithagon 35mm patentieren, bei dem er die Lichtstärke auf 1:1,9 steigern konnte (DBP Nr. 1.102.435). Dieses Objektiv mit seinen vielen einzeln stehenden Linsen aus niedrig dispergierenden Gläsern war seiner Zeit deutlich voraus. Leider lag es wohl auch außerhalb des Preisbereiches, für den das Enna-Werk seine Marktlücke gefunden hatte. Auch die damals noch einschichtige Vergütung dürfte bei 16 Glas-Luft-Grenzflächen wohl zu Problemen beim pratischen Einsatz geführt haben.

Enna Super Lithagon 1,9/35mm

In der Folgezeit ging die Weiterentwicklung in Bezug auf die Retrofokus-Typen bei Enna in eine gänzlich andere Richtung. Statt einer Erhöhung der Lichtstärke forcierte Lautenbacher nun gezielt eine Ausweitung des Bildwinkels auf über 80 Grad. Mit dem Lithagon (später Ennalyt) 4/24 mm war er im September 1960 in ein Gebiet vorgedrungen, das bislang nur von den allerbesten Objektivbaufirmen betreten worden war. Neben einem Angénieux R61 3,5/24 mm hatte der in den Westen geflohene Zeissianer Rudolf Solisch im November 1956 ein 4/24 mm zum Patent angemeldet, das kurze Zeit später von ISCO in Göttingen als Westrogon auf den Markt gebracht wurde. Im Frühjahr 1960 folgte schließlich ein Flektogon 4/25, mit dem es Carl Zeiss Jena gelungen war, den Bildwinkel auf über 80 Grad auszudehnen. Wolf Dannberg hatte zwischenzeitlich die von Solisch aufgelassene Lücke gefüllt. Erst im Laufe der 60er Jahre war es auch anderen Firmen vergönnt, in diese Gefilde vorzustoßen. Zeiss Oberkochen folgte 1961 mit dem lichtstarken Distagon 2,8/25 mm und mit der heute beinah vergessenen Firma Topcon betrat alsbald auch die japanische Photoindistrie diesen Spitzensektor.

Lithagon Ennalyt 4/24 mm

An diesem Ennalyt fällt die im Vergleich zu den genannten Konkurrenten ausgesprochene Kompaktheit auf. Das liegt auch an der vergleichsweise kleinen Frontlinse. Überhaupt erweckt das Linsenschnittbild die Anmutung von Objektiven, wie sie erst 10... 20 Jahre später üblich waren. Allesamt einzelnstehende und auch vergleichsweise dünne Linsen mit Ausnahme einer einzigen Linse mit ausgesprochen großer Mittendicke, wie sie ebenfalls seit den 70er Jahren oft in Retrofokuskonstruktionen anzutrefen ist. An sich also sehr modern. Allein der Blick auf die in der Patentschrift Nr. DE1.228.820 angegebenen recht moderaten Glassorten läßt sogleich wieder erkennen, daß wir uns im Jahr 1960 befinden. Auch der Preis sollte wohl deutlich unter dem der schier unerschwinglichen Modellen von Angénieux und ISCO bleiben.

Ennalyt 24 mm
DE1228820 Lithagon 4/24

So sensationell ein solches Superweitwinkelobjektiv damals auch gewesen sein mag, so enttäuscht ist man heute von der Bildleistung dieses frühen Modells. Die Schärfe ist selbst abgeblendet außerhalb der Bildmitte unzureichend. Außerdem vignettiert es außerordentlich. Für Farbfilm war das eigentlich unzumutbar. Trotzdem blieb dieses Ennalyt 24 mm recht lange im Angebot, später sogar mit Automatikblende und Kunststofffassung. Es ließ sich wohl preiswert genug herstellen, um mit fernöstlichen Erzeugnissen konkurrieren zu können. Für den angepeilten Kundenkreis war die zweitklassige Bildleistung wohl ohnehin nebenrangig.

Elbaflex Ennalyt 24 mm
Werra Ennalyt 4/24

Diese Version ist natürlich nicht authentisch. Aber sie zeigt, wie kompakt das Ennalyt doch gebaut ist, daß es sogar an eine Sucheramera mit Hinterlinsenverschluß gepaßt hätte.

Deutsche Retrofokus-Pioniere Teil 2: Schneider und ISCO



Wenn man sich mit Patentschriften beschäftigt, dann kann man manchmal Informationen aus ihnen herauslesen, die deutlich über den reinen Erfindungsgegenstand hinausgehen, der da eigentlich beschrieben wird. So habe ich beispielsweise herausgefunden, daß Rudolf Solisch, der Errechner des Flektogon 2,8/35, Mitte der 50er Jahre ganz offenbar in die Bundesrepublik geflohen ist und wohl auch die Idee für einen neuen Typus des Weitwinkelobjektivs gleich im Gepäck miführte. Sind von ihm noch aus dem Frühjahr 1955 Jenaer Patentanmeldungen überliefert, so bildete sein im November 1956 für die Göttinger Firma ISCO angemeldetes Patent Nr. DE 1.063.836 unmittelbar die Grundlage für deren Westrogon 4/24 mm. An dieser Stelle sei gleich erwähnt, daß von Beginn an der Hersteller ISCO eng an die Mutterfirma Schneider in Kreuznach gebunden war und sich daher auch die Produktentwicklungen immer wieder kreuzten.


Aus weiteren Patentanmeldungen Solischs erfährt man, daß dieser spätestens ab 1959 mit einem Konstrukteur namens Walter Wöltche zusammengearbeitet hat. Aus dieser Zeit stammen die bekannten Teleobjektive dieser Firma, die zum Beispiel unter dem Namen Iscaron auf dem Markt erschienen. Auch die als Iscorama bekannt gewordenen Anamorphoten stammen aus dieser Phase und es wurden sogar Vario-Objektive für Schmalfilmkameras patentiert. In der Folgezeit erscheinen dann die zahlreichen Patente des Gespanns Solisch/Wöltche unter dem Firmennamen Schneider Kreuznach. Aus dieser fruchtbaren Phase sind auch solche weltbekannten Objektive wie das Xenon 1:0,95 für den Kinefilm hervorgegangen [DE1.249.555 vom 20. April 1963]. Um 1965 muß Rudolf Solisch aber verstorben sein, denn bereits 1963 angemeldete Patente, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre bekannt gemacht wurden, weisen diesen Umstand so aus.

Schneider PA-Curtagon 4/35mm

Also fährt Walter Wöltche mit seiner Arbeit alleine fort und schafft dabei insbesondere im so interessanten Metier der Retrofokus-Konstruktionen einige bemerkenswerte Meilensteine, von denen ich hier zwei herausgreifen möchte. Zum einen ist dies das PA-Curtagon 4/35 mm von Schneider Bad Kreuznach. "PA" steht dabei für perspektivischer Ausgleich. Durch ein Verschieben des Objektivkörpers parallel zur optischen Achse können Gegenstände außerhalb des eigentlichen Bildfeldes abgebildet werden, ohne daß die Kamera beispielsweise gekippt werden muß. Diese aus der Großformatphotographie altbekannte Vorgehensweise verhindert die ansonsten unvermeidlichen "stürzenden Linien"; ein unästethisches Zusammenlaufen eigentlich paralleler Kanten des Motivs. Heute nennt man diesen Korrekturvorgang bereits bei der Aufnahme allgemein "shiften".


Um diese Möglichkeit der Parallelverschiebung der optischen Achse für das Arbeitsgerät der einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera zu erschließen, mußte ein dafür brauchbares Objektiv gleich dreierlei nur schwer in Einklang zu bringende Forderungen erfüllen: Erstens sollte ein solches Objektiv an sich schon die Wirkung eines Weitwinkels aufweisen, da es sich hier ja hauptsächlich um Einsatzfälle in der Architekturphotographie dreht, wo der Aufnahmeabstand stehts begrenzt ist. Zweitens mußte dieser Bildwinkel aber darüber hinaus noch einmal deutlich größer sein, da ein Verschieben des ganzen Objektives natürlich einen ausreichend großen Bildkreis erfordert. Drittens mußte dieses Objektiv zu allem Unglück auch noch eine ganz besonders lange Schnittweite bieten, damit die Verschiebung der vorderen Objektivfassung in Einklang mit den meist zu engen Durchmessern der Kameraanschlußstücke zu bringen sei. Diese Vorraussetzungen allesamt zugleich zu erfüllen, das war damals in den 60er Jahren ein schwieriges Unterfangen.

DE1447270 PA Curtagon Wöltche

Beinah hat es nun den Anschein, als sei dieses PA-Curtagon nur ein Beiprodukt größerer Arbeiten Wöltches an Retrofokusobjektiven gewesen, denn es taucht nur als zweites Zahlenbeispiel in einer Offenlegungsschrift "Photographisches oder kinematographisches Weitwinkelobjektiv mit langer bildseitiger Schnittweite" auf, die in Deutschland offensichtlich nie zu einer Patenterteilung geführt hat, wohl aber in Frankreich [DE1.447.270 vom 30. Mai 1964 und FR1.433.922 vom 18. Mai 1965]. Geeignet für die Verwendung als Shiftobjektiv war dieses Erfindungsbeispiel insbesondere durch den gedrungenen Aufbau, der den Lichtverlust zum Rande hin eingrenzte sowie aufgrund der großen Schnittweite von über 130% der Brennweite. Die moderate Lichtstärke von 1:4,0 genügte für den vorgesehenen Anwendungszweck hingegen vollkommen.

PA Curtagon Exakta

Die genannte Offenlegungsschrift läßt auch erkennen, daß für das Jahr 1964 ziemlich hochbrechende Glassorten Verwendung fanden. Statt des für das 24x36-Format notwendigen Bildkreises von von 43,3 mm zeichnete das PA-Curtagon einen solchen von 57 mm Durchmesser aus, wodurch sich das Objektiv in alle Richtungen um 7 mm verschieben ließ. An der Skizze unten erkennt man auch gut, wie ausgeprägt der hintere Hauptpunkt H' in Richtung der Bildebene verschoben ist – weit außerhalb des optischen Systems.

Schneider PA-Curtagon
PA Curtagon Bildleistung

Die oben zusammengestellten Leistungsdaten des PA-Curtagon lassen erkennen, daß für ernsthaftes Arbeiten ein Abblenden auf den Wert 1:8 zugrundegelegt werden muß. Dann erreicht das Objektiv (für damalige Verhältnisse!) bis weit in die Randzonen eine gute Bildleistung und auch der Lichtabfall bleibt mit weniger als ⅓ Blendenwert überraschend gering.

PA-Curtagon Exakta

Es sollte freilich nicht verschwiegen bleiben, daß bei 35 mm Brennweite eine Verschiebung von maximal 7 mm nur einen sehr bescheidenen Zuwachs an Bildfläche mit sich bringt. Die wirklichen Nöte des Architekturphotographen in Bezug auf den Zwang zum Ankippen der optischen Achse bei hohen Gebäuden ließen sich mit einem solchen Objektiv noch nicht völlig ausmerzen. Schließlich lag der maximal ausgenutzte Bildwinkel dieses PA-Curtagon auch nur bei bescheidenen 78 Grad. Im Grunde genommen handelte es sich also nur um ein Retrofokus-Weitwinkel von etwa 27 mm Brennweite, das auf 35 mm hochskaliert wurde, was neben dem Anwachsen des Bildkreises auch die nötige Verlängerung der Schnittweite mit sich brachte. Von den extremen Shift-Konstruktionen, die heute Bildwinkel weit über 100 Grad bieten, war dieser Pionier also noch weit wentfernt. Trotzdem verblieb dieses Objektiv verblüffend lange im Angebot dieses Herstellers.


In seiner oben angesprochenen Offenlegungsschrift, die das PA-Curtagon enthielt, hatte Walter Wöltche in einem Ausführungsbeispiel Nummer 3 bereits eine Lösungsmöglichkeit für ein Retrofukusobjektiv etwa mit den Daten 2,8/25 mm angegeben. Schneider Kreuznach Zielte ganz offensichtlich darauf ab, ein Pendant zum Oberkochener Distagon 2,8/25 mm auf den Markt bringen. Diesen ersten Ansatz nahm Wöltche daher in einer Patentanmeldung vom 22. Oktober 1966 wieder auf, von der wiederum nur eine Offenlegungsschrift erhalten geblieben ist. Man muß also davon ausgehen, daß auch in diesem Falle zumindest in der Bundesrepublik kein Patentschutz erreicht werden konnte. Aber aus diesen Arbeiten ging nichtsdestoweniger ein Superweitwinkel hervor, das zu seiner Zeit noch wenig Konkurrenz auf dem internationalen Markt zu fürchten hatte: Das Super-Angulon-R 4/21 mm für die Leicaflex SL.

Super Angulon 4/21 mm Leicaflex

Mit diesem Superweitwinkelobjektiv war Walter Wöltche nur drei Jahre nach dem Flektogon 4/20 mm von Dannberg/Dietzsch zu den absoluten Spitzenkonstrukteuren im deutschen Objektivbau der Nachkriegszeit aufgestiegen. Meine Faszination für diese Retrofokusobjektive, wie ich sich sicherlich nicht verbergen kann, rührt schließlich daher, daß auf diesem Gebiete nach 1945 wirklich noch einmal völliges Neuland betreten werden konnte. Und die Anforderungen, die das Errechnen dieser hochkomplexen Systeme an den Konstrukteur stellte, erreichten ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß. Vergleichbar ist dieses Gebiet allenfalls mit den zu ebenjener Zeit aufkommenden Varioobjektiven für Film und Fernsehen. Und es kommt nicht von ungefähr, daß es gerade die Objektivbauanstalt in Kreuznach gewesen ist, die auch auf diesem Neuland eine führende Rolle einnehmen konnte. Diese Tatsache zeugt davon, daß man hier inbesondere die aufkommende digitale Rechentechnik im Griff hatte und äußerst fruchtbar zur Optimierung der komplexen Systeme einzusetzen vermochte.

DE1497596 Super Angulon 4/21

Charakteristisch sind natürlich die beiden mittleren Gruppen mit ihren großen Mittendicken und der plattenartigen Formgebung bei diesem Super-Angulon. Dem Patent zufolge trägt insbesondere die sammelnd wirkende Verbundfläche in der dritten Gruppe zur Beherrschung der Bildleistung bei derart großen Gesichtswinkeln bei. Besonders verblüffend für mich war, daß mit Ausnahme der Linse Nummer 7 nur niedrig dispergierende Glassorten mit ny-Werten über 45 zum Einsatz kamen. 


Es mögen nicht zuletzt diese teuren Gläser ausschlaggebend dafür gewesen sein, daß dieses ab Jahresende 1968 für die neue Leicaflex SL gelieferte Super-Angulon-R 4/21 fast 1000,- D-Mark kostete. Es sollte nicht weniger als ein Vierteljahrhundert lang im Leitz'schen Lieferprogramm bleiben.

Retrofokus-Pioniere Teil 3: Zeiss West und die Distagone



In Heidenheim bzw. Oberkochen beginnt die Ära der Retrofokusobjektive wohl im Sommer 1953 mit einem Distagon 5,6/60 mm für Hasselblad 1000F Mittelformat Spiegelreflex. Günther Lange  hatte am 9. Juli 1953 das Bundespatent Nr. 947.750 angemeldet für ein Weitwinkel mit 60 mm Brennweite und einer Schnittweite von mindestens 80% dieser Brennweite. Daß er sich noch ganz am Anfang dieser Entwicklungstätigkeit befand, zeigt sich daran, daß das maximale Öffnungsverhältnis auf 1:5,6 beschränkt blieb. Schaut man sich das Schnittbild zu diesem Objektiv an, dann erkennt man, daß es sich im Grunde genommen lediglich um ein Triplet-Gundobjektiv mit einem im großen Luftabstand vorgesetzten zerstreuenden Meniskus handelt, wie man es von etlichen Kleinbild-Weitwinkeln aus dieser Zeit mit etwa den Daten 4,5/35 her kennt. Zur besseren Bildfehlerkorrektur sind lediglich die beiden hinteren Glieder des Triplets als Kittglieder ausgeführt.

DE947750 Distagon 5,6/60 Hasselblad

Prinzipiell gleichartig aufgebaut war auch der Nachfolger dieses Objektives. Zur besseren Auskorrektion der Bildfehler wurde nun allerdings die vordere Zerstreuungslinse als Kittglied aus zwei Linsen ausgelegt und der zerstreuend wirkende Teil des Triplets gar zur Beseitigung der Farbfehler aus drei Linsen. Anders als bei Nasse behauptet, wurde dieses Objektiv nicht auf eine Kleinbildvariante hin skaliert (allenfalls in die andere Richtung). Denn für das Distagon 4/35 mm existiert explizit ein Schutzrecht Nr. DE1.063.767 vom 27. Februar 1958. Als Erfinder wurde neben Günther Lange Helmut Eismann benannt. 

DE1063767 Distagon 4/35

Bei diesem Distagon 4/35 mm handelt es sich um ein ganz außergwöhnlich hoch auskorrigiertes Weitwinkelobjektiv. Die Behebung der Bildfehler übertrifft das Flektogon 2,8/35 aus der DDR bei weitem, was freilich angesichts der geringeren Lichtstärke kaum verwundert. Durch den gedrängten Aufbau konnte die Frontlinse für die damalige Zeit  sehr klein im Durchmesser gehalten werden, was die sonst recht problematische Streulichtanfälligkeit bei diesen Objektivtypen minimiert. Daß der ansonsten immer auffällig große Luftraum zwischen zerstreuendem Vorsatz und dem Grundobjektiv in diesem Fall kaum vorhanden ist, liegt wohl auch an der erstaunlich großen Dicke des vorderen Elements dieses Grundobjektives.

Distagon 4/35 Contarex

Auch die Hauptsächlich aus Messing bestehende Fassung überragt alles, was seinerzeit von anderen Herstellern geboten wurde. Als Folge der durchdachten Grundkonstruktion der Contarex, bei der die Einstellung der Blende ein Bestandteil der Kamera ist, konnte die zirkuar angesteuerte Blendenautomatik funktionell sehr einfach gehalten werden. Trotzdem wurde die Mechanik kugelgelagert. Leider war das gesamte Contarex-System aufgrund einer Zeiss-Ikon-typischen Überkonstruktion völlig überteuert und damit am Photomarkt ohne großen Erfolg. An diesem Dilemma konnte auch das oben gezeigte vereinfachte Modell letztlich nichts mehr ändern.

Distagon 4/35

Marco Kröger


letzte Änderung: 23. März 2021