Objektive vor 1950


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Objektive vor 1950

Interessante Normal-, Wechsel- und Spezialobjektive aus dem mitteldeutschen Raum vor Gründung der DDR

Das Tele-Tessar


Die Verwendung des Begriffs "Teleobjektiv" erfolgt in der Literatur nicht einheitlich. Unter einem Teleobjektiv versteht man allgemein eine Linsenkombination, die bei einer langen Äquivalentbrennweite eine vergleichsweise kurze Schnittweite aufzuweisen hat. Das führt dazu, daß gewisse Autoren beispielsweise auch Sonnartypen unter die Teleobjektive einordnen, weil sie ebenfalls eine vergleichsweise kurze Schnittweite aufbieten. Auch Hubert Ulbrich tut dies in seiner Patentschrift zum Orestor 2,8/135 [Nr. DD33.141], obgleich er angibt, der Systemteil hinter der Blende habe sammelnde Wirkung. Demgegenüber steht eine ältere Definition: "Zweigliedrige optische Systeme, bestehend aus einem sammelnden Vorderglied und einem in relativ großem Abstand angeordneten Hinterglied von zerstreuender Wirkung, nennt man Fern- oder Teleobjektive." [Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 304.] Teleobjektive "im engeren Sinne" zeichnen sich also dadurch aus, daß der bildseitige Systemteil zerstreuende Wirkung hat.


Ursprünglich wurde diese Wirkung dadurch erzielt, daß die Optikfirmen sogenannte "Tele-Negative" anboten, die hinter dem vorhandenen Aufnahmeobjektiv (beispielsweise einem Tessar 6,3/150mm für das Format 9x12cm) in den Strahlengang eingebracht wurden. Diese zerstreuend wirkende Linsenkombination des Tele-Negativs hatte nun zur Folge, daß sich die wirksame Brennweite des Gesamtobjektives um einen bestimmten Faktor verlängerte, ohne daß der Auszug des Balgens aber im selben Maße mitverlängert werden mußte. Das bewerkstelligte die schnittweitenverkürzende Wirkung des Tele-Negativs. Wir verwenden dieses Prinzip heute noch beim sogenannten Telekonverter, der ebenfalls zerstreuende Wirkung hat.

Ähnlich wie beim Telekonverter hat dieses Prinzip aber zwei entscheidende Nachteile: Erstens wird die Qualität des Grundobjektives erheblich beeinträchtigt, wenn beliebige Tele-Negative mit beliebigen Grundobjektiven kombiniert werden. Und zweitens bleibt je nach Verlängerungsfaktor kaum noch Lichtstärke übrig. In der Zeit, bevor Linsen vergütet werden konnten, kamen obendrein noch störende, wilde Spiegelbilder hinzu – hervorgerufen durch die zusätzlichen Glas-Luft-Grenzflächen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gingen die Objektivbauanstalten daher dazu über, komplette Teleobjektive herauszubringen. Einer der Vorreiter auf diesem Felde war Zeiss mit deren Magnaren. Ein solches Magnar hatte beispielsweise die Daten 1:10/45cm, zeichnete das 9x12-Format aus, benötigte aber nur einen Auszug von 15cm – also ziemlich genau denjenigen des Normalobjektives. [Vgl. Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.):  Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 305.] Diese Zusammenhänge sind unten noch einmal bildlich dargestellt. [aus: Zeiss (Hrsg.): Photographische Objektive, Jena, 1926, S. 13.]

Magnar und Tele-Tessar

Diese "echten Teleobjektive" waren eine große Herausforderung für den Objektivkonstrukteur, der eine möglichst kompakte Bauweise erzielen wollte, ohne daß sein Teleobjektiv gegenüber den "normal gebauten" Fernobjektiven stark qualitativ hinterherhinkte. Insbesondere litten diese frühen Teletypen an einer ziemlich ausgeprägten kissenförmigen Verzeichnung, die sich kaum auskorrigieren ließ [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 76.]. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1919, schlug der damals gerade erst 30-jährige Willy Merté daher einen anderen Weg ein. Benötigte das oben angegebene Magnar 10/45cm nur 15cm Balgenauszug (also 33% der Brennweite), so lag der erforderliche Auszug bei seinem Tele-Tessar bei beinah doppelt so hohen 60% der Brennweite [Vgl. Pritschow, photographische Kamera, 1931, S. 305]. Damit erlaubte dieses Tele-Tessar, eine Brennweite von 25cm an einer 9x12-Kamera zu verwenden, ohne über den normalen Balgenauszug von 15cm hinausgehen zu müssen. Diese Einschränkung bei der Schnittweitenverkürzung wurde durch einem deutlichen Zuwachs an Bildleistung aufgewogen. Das Tele-Tessar 1:6,3 wurde am 17. Juni 1919 unter der Nr. 347.838 im Deutschen Reiche zum Patent angemeldet. Daß Merté der Urheber gewesen ist, geht aus der Schutzschrift nicht hervor, sondern ist lediglich durch die Mitteilung Pritschows überliefert. 

Ganz offensichtlich hatte Dr. Willy Merté dieses Teleobjektiv unter Verwendung der Korrektionsprinzipien des Rudolph'schen Tessars (Verknüpfung eines Neu- mit einem Altachromaten) geschaffen. Der Schutzanspruch des Patentes liegt jedenfalls darin, daß die Behebung der sphärischen, chromatischen und insbesondere der astigmatischen Fehler dadurch erreicht wurde, daß die Kittfläche im hinteren Glied eine sammelnde Wirkung hat.

Merté Tele-Tessar Patent

Dieses Tele-Tessar 1:6,3 hatte mit über 30 Grad einen ziemlich großen Bildwinkel. So zeichnete das ursprüngliche Tele-Tessar 6,3/18cm immerhin das Plattenformat 6,5x9cm vollständig aus. Dessen Rechnung wurde am 22. Dezember 1919 abgeschlossen. Anfang der 30er Jahre sorgte aber die Kleinbildphotographie für frischen Wind in Dresden und Jena. Jetzt waren noch einmal höhere Anforderungen zu bewältigen, weil die Negative nun stark nachvergrößert werden mußten. Es wurde mit dem Abschlußdatum 8. Februar 1932 ein Tele-Tessar 6,3/18cm geschaffen, das nur noch einen Bildwinkel auszuleuchten hatte, der mit 14 Grad weniger als halb so groß sein mußte. Die Bildwinkelreserve war freilich groß genug, daß dieser Typus später auch sporadisch für die Standard Exakta und in geringen Stückzahlen sogar für die Exakta 6x6 geliefert wurde. In erster Linie war das neue Tele-Tessar 18cm natürlich für die Contax der Zeiss Ikon AG gedacht. Beginnend im Januar 1938 wurde es aber auch in einer Fassung für die Kleinbild-Spiegelreflexkamera Kiné-Exakta hergestellt. Hier fiel es bestechend kurz und wegen der Aluminium-Fassung auch außerordentlich leichtgewichtig aus. Etliche hundert Stück wurden bis 1942 in dieser Ausführung immerhin noch fabriziert. Von Robert Richter liegt aus dem Frühjahr 1939 sogar noch ein Patent zur Verbesserung des Tele-Tessars vor (Nr. DD5860). Die Fertigung wurde nach dem Kriege aber trotzdem nicht wieder aufgenommen.

Zeiss Jena als Pionier der asphärischen Objektive


Und weil hier vom Magnar die Rede war, möchte ich noch eine Tatsache ergänzen, die trotz ihrer Bedeutung für die Geschichte der rechnenden Optik heute völlig unbekannt ist. Je nachdem in welcher Werbebroschüre man blättert, sind es mal die Firmen Leitz, Canon, Nikon usw. die sich  mit der Pioniertat brüsten, als Erste Linsen in ihren Objektiven verbaut zu haben, deren Oberfläche von der Kugelform abweicht: Sogenannte Asphären. Das entspricht alles nicht den Tatsachen. Die Verwendung von asphärischen Linsen im Objektivbau ist wesentlich älter als gemeinhin gedacht.


Ich habe oben einen Aufsatz zitiert, den Willy Merté für einen Ergänzungsband verfaßt hat, um das "Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie" in Folge der stürmischen Entwicklung der 30er Jahre auf den neusten Stand zu bringen. Dieser Ergänzungsband, herausgegeben von Kurt Michel, wurde fertig, als ein gewisser Joseph Goebbels gerade den Totalen Krieg ausgerufen hatte. Man wird unschwer einsehen, daß dieser Ergänzungsband damals kaum größere Verbreitung und Beachtung gefunden haben mag; er wird auch nicht in nennenswerter Auflage gedruckt worden sein. Und als der Krieg vorbei war, war sein Inhalt schon wieder überholt. Damit ist aber auch der hierin enthaltene Aufsatz Willy Mertés in Vergessenheit geraten; zumal  dieser Mann bereits im Frühjahr 1948 in den USA verstorben ist.


Rolleifreunden sagt der Begriff "Magnar" etwas. Jeder Rollei-Sammler hätte gerne eins. Dieser Produktname wurde nämlich ein zweites Mal belegt. Es handelt sich um ein brennweitenloses "Vorsatzfernrohr" für die Rolleiflex mit vierfach vergrößernder Wirkung. Es wurde 1939 kurz vor Kriegsausbruch herausgebracht und wird anschließend kaum in größeren Stückzahlen (genau weiß man es nicht mehr) hergestellt worden sein. Es ist also selten. Mit knapp 200,- Reichsmark war es auch fast so teuer, wie die Kameras, für die es gedacht war.


Was nun selbst eingefleischten Rollei-Experten kaum bekannt sein dürfte: In diesem Magnar steckt eine Linse mit asphärischer Fläche. Willy Merté persönlich gibt dies in seinem Aufsatz "Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929" auf Seite 12 des Ergänzungsbandes an. Und wer sollte es wissen, wenn nicht der Konstrukteur selbst.


In einem kleinen, aber nicht unbedeutenden Teil, muß die Geschichte des photographischen Objektives also in einem neuen Licht gesehen werden. Daß das Magnar dabei "nur" ein Vorsatz zur Verlängerung der Äquivalentbrennweite gewesen ist und offenbar nur in geringen Stückzahlen produziert wurde, tut der Tatsache keinerlei Abbruch, daß das Magnar 4x das erste serienmäßig hergestellte Objektiv der Welt gewesen ist, bei dem eine asphärische Linse eingesetzt wurde.

Zeiss Magnar 4x

Zu diesem Thema  ist noch anzumerken, daß man bei Carl Zeiss Jena bereits seit Mitte der 30er Jahre damit experimentierte, Asphären im Photoobjektivbau einzusetzen. Bei Thiele sind mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 2/5cm und sogar 1,5/5cm überliefert. Aufgrund eines am 6. Dezember 1940 angemeldeten Patentes wissen wir, daß es Dr. Willy Merté gewesen ist, der  solche deformierte Fläche in den Tessar-Typus einführte. Dieses Patent ist erst 1954 in der DDR unter der Nr. DD2675 veröffentlicht worden; sechs Jahre nach dem Tode des Urhebers. Bemerkenswert ist, daß Merté in zwei der vier Patentbeispiele die asphärische(n) Flächen(n) dort hin verlegt, wo sich normalerweise beim Tessar die Verkittung befindet. Das ist vor allem in der Hinsicht interessant, daß  Ernst Wandersleb bereits am 25. Juli 1939  ein diesbezügliches  Patent angemeldet hatte,  das erst 1953 in der DDR [Nr. DD2905] und gar erst 1958 in der Bundesrepublik [Nr. DE969.283] erteilt wurde. Wanderslebs Ansatz lag nämlich darin, die deformierte Fläche ganz bewußt innerhalb einer Kittgruppe anzuordnen. Der Hintergrund war der, daß sich asphärische Flächen nur schwer mit höchster Präzision herstellen ließen, diese Präzisionsanforderungen aber sogleich abgemildert würden, wenn die Brechkraftunterschiede zwischen den zwei Linsen durch Verkittung herabgesetzt wären. 


Über das Verhältnis zwischen Merté und Wandersleb herrscht meiner Ansicht nach große Unklarheit, nicht zuletzt weil Wandersleb von seinem Kollegen aus der Position des Leiters der Abteilung Photo sukzessive verdrängt worden ist und dabei politische und rassische Diffamierung innerhalb des Unternehmens offenbar eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt haben. Diese beiden Patente hinterlassen aber den Eindruck, daß die beiden Herren vor Ausbruch des Krieges noch in kongenialer Manier zusammengearbeitet haben.

Leica-Sonnar – Ein Sonnar, das gar keins ist?


Während des Totalen Krieges wurde im Objektivbausektor bei Carl Zeiss Jena ein Technologiesprung von ungeheurer Tragweite vorangetrieben. Die Luftaufklärung verlangte nach Objektiven, die – um vom Wetter weitgehend unabhängig zu sein – Aufnahmen im Infrarotbereich ermöglichen sollten. Gleichzeitig waren bei sehr langen Brennweiten unvorstellbare Lichtstärken gefordert. Eines dieser "Ultrarot-Objektive" für das "Projekt UHU" wies bei einer Brennweite von 400 Millimetern eine maximale Öffnung von 1:1,5 auf. Um solche Ziele zu erreichen, waren nicht nur bedeutende wissenschaftliche Leistungen im Bereich der optischen Konstruktion notwendig, sondern auch eine enorme Fortentwicklung der Glastechnologie. Es waren unter anderem solcherlei "Errungenschaften", die dafür sorgten, daß dieser verbrecherische Krieg bis fünf Minuten nach Zwölf weitergeführt werden konnte.


Gleich nach Kriegsende wurden dann die klugen Köpfe und die geheimen Unterlagen von den zuerst in Thüringen angekommenen Amerikanern requiriert. Etwa ein anderthalbes Jahr später demontierte die Sowjetische Besatzungsmacht fast die gesamten Fertigungsanlagen. Danach fiel Carl Zeiss Jena als Lieferant für Photoobjektive lange Zeit aus. Erst nach 1950 konnte man wieder sukzessive an die ehemalige Bedeutung in diesem Sektor anknüpfen.

Leica-Sonnar 5,8cm

In dieser Lückenphase müssen gar seltsame Dinge vor sich gegangen sein. Das ist ja auch kein Wunder, wenn hochspezialisierte Facharbeiter arbeitslos sind. Die suchen sich dann eben ihren Unterhalt. Und so ähnlich, wie niemand so recht sagen kann, wo genau eigentlich zu ebenjener Zeit die Mimosa-Kamera herkam, so verhält es sich auch mit diesem ominösen Leica-Sonnar. Dieses Objektiv gibt es in vielen, in Details voneinander abweichenden Ausführungen – mit unterschiedlichen Brennweitenangaben, mit verschiedenen Lackierungen und ab und an sogar vergütet. Eines haben diese Objektive aber allesamt gemein: Sie sind weder von Leitz ("Leica") noch von Zeiss ("Sonnar") fabriziert worden. Diese beiden Markenbezeichnungen wurden schlichtweg geklaut.

Leica-Sonnar 1.5/5.8 cm

Diese Leica-Sonnare, die hin und wieder auftauchen, sind interessante Überreste aus der obenbeschriebenen kurzen Lückenphase der späten 1940er Jahre. Diese kurze Zeitspanne ist heute zum Teil schon vergessen, weil sie in beiden deutschen Staaten alsbald von einer Ära des Wiederaufbaus und der Neuentwicklungen abgelöst wurde, deren Glanz noch heute das geschichtliche Bild überprägt. Um so wertvoller ist eine zeitgenössische Veröffentlichung der Abteilung Photo des Zeisswerkes aus dem Jahre 1949, die ein Licht in diesen Zeitabschnitt wirft:


"Während der Demontage im Winter 1946 auf 1947 sind, teils durch Werksangehörige, teils durch Außenstehende, die während dieser Zeit Zutritt zum Werk hatten, Objektive in fertigem und halbfertigem Zustand, teils auch nur in Einzelteilen, herausgeschafft und fremden Stellen in die Hand gespielt worden. Soweit es sich um fertige oder fast fertige, jedenfalls schon geprüfte Objektive handelte, ist eine Schädigung unseres Namens kaum eingetreten. Anders liegt der Fall bei den aus Einzelteilen von anderer Seite mit mehr oder weniger Geschick und Glück zusammengebauten Objektiven. Nur da, wo die Objektive errechnet und hergestellt werden, kennt man die genauen Daten und Maße, die beim Fassen unbedingt eingehalten werden müssen, soll jedes Objektiv die vorgeschriebene Leistung haben. Linsen aus verschiedenen Fabrikationsserien kann man nicht ohne weiteres zu einem vollwertigen Objektiv kombinieren. Darum kehren sie die Pfuscher aber nicht, wenn nur das Objektiv äußerlich wie 'Zeiss' aussieht und so graviert ist.

Wir haben sogar in einigen Fällen Gelegenheit gehabt festzustellen, daß einzelne Linsen fehlten.

Ein großer Teil der gefälschten Objektive ist dem sorgfältigen Beobachter äußerlich an der schlechten Gravierung der Entfernungs- und Meterteilung oder der üblichen Objektivbeschriftung zu erkennen. Auch die vielfach ganz willkürlich gewählten Fabrikations-Nummern berechtigen zu Zweifeln an der Echtheit, wenn sie bei Sonnaren unter der Zahl 2 000 000 liegen.

[...] Seit vorigem Jahr [also 1948, MK] sind an vielen Stellen Objektive mit der Gravierung Sonnar 1,5/5,8 cm (oder 6cm) aufgetaucht, vereinzelt auch mit der Gravierung 5 cm. Hauptsächlich werden diese Objektive in Fassungen für die Leica angeboten. Die Gravierung lautet mitunter 'Leica-Sonnar' ohne jede Firmenbezeichnung, während manche auch mit Carl Zeiss, Jena graviert sind.

Es handelt sich bei diesen Linsen um während des Krieges von anderer Seite für Sturzvisiere nach einer Sonnarform hergestellte Objektive in einer ziemlich rohen Fassung ohne Irisblende und ohne jede weitere Beschriftung. Es ist anzunehmen, daß verschiedene Werkstätten, die leider noch nicht ermittelt werden konnten, diese Objektive umgefaßt und ergänzt haben. Die Käufer derartiger Objektive haben verschiedentlich bei uns wegen der schlechten Bildqualität reklamiert. Selbstverständlich lehnen wir jede Nachprüfung und Instandsetzung ab und versuchen, die Objektive aus dem Verkehr zu ziehen.

[...] Durch eine Anzeige in verschiedenen Fach- und Tageszeitungen haben wir vor dem Ankauf von unter der Hand angebotenen Objektiven gewarnt und gebeten, vorher unter Angabe der vollen Beschriftung und der Fabrikations-Nummer anzufragen, ob es sich um ein Original-Zeiss-Fabrikat handelt. Eine sichere Feststellung ist natürlich nur an Hand des betreffenden Objektivs möglich, da wir an Hand der Nummer nur feststellen können, ob darunter ein Objektiv der angegebenen Art von uns hergestellt worden ist. Die Fälscher können nämlich absichtlich oder zufällig eine Nummer aufgraviert haben, unter der tatsächlich ein gleiches Objektiv von uns hergestellt und ausgeliefert worden ist.

[...]"


Sturzvisiere waren spezielle Zielgeräte für Kampfbomber. Wer über diese martialischen Tötungsmaschinerien Nähreres wissen möchte, der lese in einschlägigen Quellen unter den Stichworten "Stuvi" und "Stuka" nach. Da das ganze Gerät bei der Zeiss Ikon in Dresden gefertigt wurde, wird wohl auch das zugehörige Objektiv von dort her stammen. Ja, vielleicht ist es sogar noch von Ludwig Bertele, dem Erfinder der Sonnare, errechnet worden; der hatte schließlich sein Büro in den ehemaligen Ernemannwerken behalten. Und so wie die Mimosa allen Indizien nach durch arbeitslose Zeiss Ikon Mitarbeiter geschaffen worden sein mag, so könnten auch diese Leica-Sonnare auf ähnliche Weise entstanden sein, indem in Dresden die vorhandenen Linsen neu gefaßt und mit einer Irisblende versehen wurden.


Ich persönlich habe allerdings einen ganz anderen Eindruck. Erstens einmal ergibt es durch die starken Zerstörungen im Ikon-Werk wenig Sinn, daß die Umbauten nun gerade in Dresden erfolgt sein sollten, wo die Anlagen und Maschinen schließlich in Trümmern lagen. Bei genauerer Betrachtung dieses ominösen Sonnars fielen mir doch etliche Ähnlichkeiten mit Objektiven auf, wie sie vor, während und nach dem Kriege von Meyer-Optik in Görlitz gefertigt wurden. Dazu gehören die Machart der Aluminiumfassung genau so, wie die Gravur mit ihrem charakteristischen Schriftbild. Aber das sind natürlich nur Vermutungen, die heute keiner mehr belegen oder entkräften kann. Ich kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß die hier zu sehende Objektivfassung in irgendeiner Hinterhofwerkstatt zusammengeschustert wurde. Im Gegenteil: Es ist eine echte Ingenieurleistung erkennbar. Die Fassung des Leica-Sonnars mußte sogar komplexer aufgebaut sein, als bei üblichen Normalobjektiven mit Leica-Anschluß. Das liegt daran, daß die Brennweite dieses "Sonnars" länger ist, als bei Leitz üblich (ca. 52mm). Bei den originalen Normalobjektiven wird zur Kupplung mit dem Entfernungsmesser einfach der Objektivhub abgetastet, um beispielsweise auf einen Meter scharfzustellen. Durch die längere Brennweite des Leica Sonnars ist dieses Maß aber nicht nutzbar. Die Kurve zur Kupplung mit der Abtastrolle des Entfernungsmesser braucht daher eine besondere Form.

Daß dieses dubiose Leica-Sonnar keine für photographische Zwecke ausreichende Bildqualität erreicht, muß übrigens nicht verwundern. Schließlich lag seine Aufgabe ursprünglich im rein visuellen Bereich, indem es zwei Visiermarken – eine gekoppelt an die Flugzeuglängsachse, die andere an die Bordwaffe – im Unendlichen abbildete, mit deren Hilfe dann gezielt werden konnte. Digitalphotographen haben freilich längst wieder das cremige Bokeh für sich entdeckt...

Marco Kröger M.A.


letzte Änderung: 6. September 2020