Objektive aus Rathenow
ROW Orthan

Für das Großformat fertigte der VEB ROW Rathenow noch einige Zeit ein Leukar nach dem "System Busch". Dabei handelt es sich um einen ganz klassischen Doppelanastigmaten nach dem Vorbild des Goerz'schen Dagors. Diese streng symmetrischen Objektive waren lange Zeit noch beliebt, weil sie nur aus zwei Gruppen bestanden und daher sehr brillant arbeiteten. Dieses Nachkriegsobjektiv ist zudem noch vergütet. Freilich waren solcherlei Doppelobjektive bereits nach dem Ersten Weltkrieg schon nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Sie ließen sich aber billig aus mittlerweile standardisierten Gläsern herstellen. Das läßt sich auch am Verzicht auf eine Irisblende zu Gusten einer einfachen Revolverblende ablesen. Das sich daraus ergebende urtümliche Aussehen läßt auf den ersten Blick nicht erahnen, daß es sich um ein Exemplar aus den 1950er Jahren handelt.

ROW Leukar
ROW Leukar
ROW Rathenow Leukar System Busch

Da aktuell auch die Großformat-Photographie wieder eine Renaissance erlebt, und sogar alte Verfahren wie das das nasse Kollodium oder gar die Daguerre'sche Platte wieder hervorgeholt werden, sind auch solche alten Objektivkonstruktionen wieder interessant geworden. Sie weisen nämlich eine ganz eigentümliche, mit Worten nicht zu beschreibende Abbildungscharakteristik auf. Das Aufnahmeformat sollte bei Verwendung dieser Typen aber wenigstens 13x18 cm betragen, damit diese Wirkung auch zur Geltung gelangen kann.


Das Leukar ist ein klassicher Doppelanastigmat nach dem Vorbild des Goerz`schen Dagors, also streng symmetrisch aufgebaut aus zwei Hälften, die jeweils für sich schon gut auskorrigiert sind. Astigmatismus und Verzeichnung sind gering, aber die deutlichen sphärischen Zonen lassen nur mäßige Lichtstärken zu. Ansonsten bekommt man rasch ein Weichzeichnerobjektiv. Beschränkte man sich in der Lichtstärke, hatte man allerdings ein sehr kontrastreich arbeitendes Objektiv mit nur vier gegen Luft gestellten Glasflächen.

Dagor-Typ

Neben Aufnahme- und Vergrößerungsobjektiven oblag dem VEB ROW auch ein Gutteil der Sparte der Projektionsoptik in der DDR. Aus der Patentüberlieferung des Betriebes läßt sich etwa die Entwicklung der bekannten anamorphotischen Vorsätze für das Breitwandkino vom Typ Rectimascop nachvollziehen (federführend durch Alfred Lehr). Bis etwa 1960 kamen auch viele Objektive für die Dia- und Epiprojektion aus Rathenow. Im Zuge der Spezialisierung in den 1960er Jahren scheinen diese Geschäftsfelder aber sukzessive aufgegeben worden sein. Immerhin hatte der VEB ROW in der DDR das Monopol zur Herstellung von Brillengläsern inne und damit auch alleinig die Deckung des diesbezüglichen Bedarfs sicherzustellen. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre verlor der VEB ROW zudem durch Eingliederung in das Kombinat Carl Zeiss JENA seine Eigenständigkeit.

Rathenow Diarectim 2,8/150
ROW Rectimascop

Abschließend möchte ich noch ein Spezialgebiet erwähnen, in dem es dem VEB ROW gelungen ist, in herausragender Weise Photographie und Mikroskopie miteinander zu verknüpfen. Dazu hatte dieser Betrieb sich eine besondere Expertise im Bereich der Kameramikroskope erarbeitet. Als Höhepunkt dieser Entwicklungsarbeiten läßt sich das Mikrophot 16 B-Z anführen, das auf der Frühjahrsmesse 1959 vorgestellt wurde [Vgl. Fotografie 5/1959, S. 197]. Bei diesem Gerät wurde die Mikrokamera nicht mehr irgendwo als Zusatzgerät angeflanscht, sondern war integraler Bestandteil des Mikroskops. Dazu war eine Aufnahme von Kassetten für 35mm-Meterware direkt im Mikroskopständer vorgesehen. Bei Betätigen des im Mikroskop eingebauten Belichtungs-Verschlusses wurde zugleich der Strahlengang von visueller Beaobachtung auf photographische Aufnahme umgeschaltet. Dieses kompromißlose Gerät, das offenbar im DDR-Patent Nr. 31.351 geschützt ist, wurde von Hans-Günter Scheplitz und Alfred Lehr geschaffen. Zuvor war bereits der im Mikrophot verwendete Mikroskoptubus mit binokularem Einblick durch das Patent Nr. DD29.950 geschützt worden.

ROW Mikrophot

Marco Kröger


letzte Änderung: 11. Mai 2021