Oreston 1,8

Das Domiron, so kurzlebig es auch gewesen sein mag, war dennoch ein wichtiger Schritt für den Görlitzer Objektivhersteller, denn neben der optischen Qualität muß auch die hervorragende mechanische Ausgestaltung dieses Objektives hervorgehoben werden. Die Fassung hat ein Niveau erreicht, das alles bisher von dieser Firma Gekannte weit übertrifft. Neben der anspruchsvollen Vollautomatischen Druckblende und ihrer Abschaltmöglichkeit, die schon mit dem Primotar E einige Monate zuvor eingeführt worden war, ist insbesondere der extrasteile Schneckengang zu erwähnen, der bei einem ungewöhnlich hohem Hub von 12 Millimetern erstmals eine Naheinstellung von 34 Zentimetern bis zur Bildebene ermöglichte.


Dieses hochwertige Objektiv gab es damals nur mit Exakta-Anschluß. Die Exakta, die sich zwar 25 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen bereits auf einem absteigenden Ast befand, verkaufte sich Anfang der 60er Jahre dennoch letztmalig gut in den USA. Und die damit erzielbaren Dollardevisen sollten offenbar mit dem Jenaer Pancolar und nicht mit dem Görlitzer Domiron verdient werden. Immerhin fiel das Domiron mit 213,- Mark genau 10% preiswerter aus als das Pancolar.

Oreston 1,8/50mm


Aber schon ein paar Jahre später hatte sich diese Situation komplett gedreht. Mit der Hinwendung des technologischen Leitbetriebes Carl Zeiss Jena auf gänzlich neuartige Tätigkeitsfelder, ging dessen Engagement in den klassischen Produktbereichen wie dem Fernglas- und Objektivbau immer deutlicher zurück. Andererseits hatte sich nach der nahezu katastrophalen Phase Ende der 50er Jahre mittlerweile der DDR-Photogerätebau erfolgreich neu konsolidiert. So wurde in Dresden 1965 für die Montage der Praktica nova eine Fließbandfertigung eingeführt. Anfänglich alle 90 Sekunden war eine neue Praktica versandfertig, später wurde die Taktzeit gar auf 72 Sekunden verkürzt. Täglich waren es mindestens 400 Kameras. Die jährliche Ausstoßmenge überstieg die Hunderttausend. Freilich mußten nun auch ebensoviele Normalobjektive bereitgestellt werden. Genau zum Zeitpunkt des Anlaufs der Fließbandmontage wurde das neue Oreston 1,8/50 zur Frühjahrsmesse 1965 herausgebracht [Vgl. Die Fotografie, 4/1965, S. 125]. Es war bei gleichem Grundaufbau also noch etwas lichtstärker als das Domiron und damit dem internationalen Niveau angepaßt. Die Optik wurde in eine moderne, hochwertige Fassung mit Automatischer Druckblende (ADB) eingebaut. Das war alles ausgesprochen zeitgemäß.

Oreston 1,8/50mm
Oreston 1,8/50 Schema
Praktica mat Oreston 1.8/50

Oben: Die zweite Hälfte der 1960er Jahre war sicherlich die beste Zeit, die der DDR-Photogerätebau jemals erlebt hat. Technische Innovationen, neue Fertigungsverfahren und fortschrittliche Formgestaltung im Bunde mit gesteigerter Bedienungsfreundlichkeit. Die PRAKTICA mat basierte zwar prinzipiell nach wie vor auf der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg herausgebrachten Praktiflex, aber sie war in einer radikalen Weise umgebaut worden. Das war notwendig, um nicht nur eine Innenlichtmessung einzubauen, wie das beispielsweise auch der westdeutsche Hersteller Wirgin bei seinen Edixas tat, sondern um diesen Weg bis zum konsequenten Ende zu beschreiten, und die Innenlichtmessung zu einer gekuppelten Belichtungsautomatik auszubauen. Dazu mußte insbesondere der Schlitzverschluß der Praktica komplett umgestaltet werden. Das Feinoptische Werk Görlitz schaffte es, mit seinem neuen Oreston 1,8/50 Schritt zu halten und dieser Praktica ein wirklich adäquates Normalobjektiv zur Seite zu stellen.


Was für ein hochwertiges Objektiv dieses erste Oreston 1,8/50 gewesen ist, sieht man bei einem Vergleich mit den MTF-Kurven des Jenaer Pancolars 1,8/50mm. Abgeblendet auf den mittleren Wert 1:4,0 sind sich die beiden Objektive nämlich sehr ähnlich. Nur weitgeöffnet (hier meßgerätebedingt 1:2,0)  zeigt das teurere Pancolar einen deutlichen Vorsprung bei Kontrast und Auflösung. Die Kurven sehen für uns deshalb etwas ungewohnt aus, weil hier nicht  wie heute üblich die Kontrastübertragung in Abhängigkeit von der Bildhöhe, sondern in Abhängigkeit von der zu übertragenden Ortsfrequenz abgetragen ist. "M" steht jeweils für Bildmitte, "R" für Rand. Diese Messungen wurden am 16. 12. 1969 durchgeführt und sind, was den Stand der Meßtechnik angeht, garantiert überholt. Das ist aber insofern belanglos, da uns für diesen Vergleich ja nicht die Absolutwerte der Kontrastübertragung interessieren, sondern lediglich deren damals ermittelte Relation zueinander.  [aus: Fotomagazin 2/1970, Seite 50.]

Ab Herbst 1969 kam ein weiterer Schub. Von der neuen Praktica L-Reihe sollten noch größere Stückzahlen produziert werden. Der modulare Aufbau dieser Kamera erlaubte eine noch rationellere Montage auf kürzeren Fließbändern. Außerdem wurde mit dem Modell LLC die Blendenelektrik eingeführt. Das verlangte einen veränderten Aufbau der Objektive. Im Rückteil mußte genügend Raum für den exponentiellen Spannungsteiler geschaffen werden und dessen Schleifer mußte mit dem Blendenring verknüpft werden. Im Zuge dessen wurde das Oreston 1,8/50 noch einmal optisch und mechanisch umkonstruiert. Der Linsenschnitt zeigt, daß nun die zweite und dritte Linse noch stärker meniskenhaft durchbogen sind. Der Aufbau erinnert ein wenig an das ältere Pancolar 1:2,0. Damit hatte man die günstigste Lösung gefunden. Dieses Normalobjektiv wurde nun millionenfach für die Praktica L- und B-Reihe geliefert.

Oreston 1,8/50
Pentacon 1,8/50 Schema

Als die Praktica L und LLC auf der Herbstmesse 1969 vorgestellt wurden, hieß das neue Objektiv übrigens noch Oreston. Kurz darauf wurden alle Görlitzer Objektive aber durchweg als „Pentacon“ bezeichnet und die Firmenbezeichnung „Meyer-Optik“ wurde fallengelassen. Etwa zum Zeitpunkt des Erscheinens der neuen Praktica EE2 gab es ab 1977 eine schwarze Kreuzrändelfassung mit Mehrschichtvergütung. Diese basierte zunächst noch auf dem Oreston von 1969, wurde aber nach kurzer Zeit überarbeitet und erhielt die unten rechts gezeigte Form, die nun bis in die Wendezeit in extrem großen Stückzahlen gefertigt wurde.

Pentacon electric 1,8/50 MC
Praktica EE2 Pentacon 1.8/50

Pentacon Prakticar 1,8/50


Dieses Pentacon 1,8/50 wurde selbstverständlich auch für die neue Praktica-Generation mit Bajonettanschluß angeboten. Zur Zeit der Praktica B200 war die sehr gefällige Version in einer Metallfassung und dem genoppten Gummiring aktuell, wie sie unten gezeigt ist. Da es bei diesem Pentacon Prakticar 1,8/50 immer wieder zu Verwechslungen mit dem gleichzeitig lieferbaren Jena Prakticar 1,8/50mm kommt, stelle ich beide Objektive hier einmal direkt gegenüber. Ich habe früher immer das Jenaer (eigentlich Saalfelder!) Prakticar vorgezogen, da es optisch identisch mit dem Pancolar ist. Mittlerweile bin ich aber der Überzeugung, daß es sich bei beiden Objektiven um sehr hochwertige Normalobjektive handelt. Nur ist die Fertigungsqualität der Pancolare deutlich überlegen. Die konstruktive Eigenheit der Pentacon-Objektive, daß nämlich deren Fassungszentrierung mithilfe dreier um 120 Grad versetzter Madenschrauben um die hintere Linsengruppe herum vorgenommen wird, erachte ich als wenig gelungen. Heute hat man oft das Problem, daß irgendjemand diese Schrauben gelöst hat, um eine verklebte Blende zu reinigen. Damit ist leider die Zentrierung des Objektivs ein für alle Mal zerstört.

Pentacon Prakticar 1,8/50mm
Carl Zeiss Jena Prakticar 1,8/50mm
Carl Zeiss Jena Prakticar 1,8/50mm
Pentacon Prakticar 1,8/50mm
Pentacon Prakticar 1,8/50mm

Während das Jenaer Prakticar bereits 1981 wieder auslief, wurde das Pentacon Prakticar etwa mit Erscheinen der Practica BC1 auf eine rationalisierte Fassung mit weitgreifendem Kunststoffeinsatz umgestellt. Es ist davon auszugehen, daß die Fertigung des Prakticar 1,8/50 "ratio" alsdann in Rumänien erfolgte. Es war daher auch noch bis weit in die 1990er Jahre für die Praktica BX20s lieferbar

Pentacon Prakticar 1,8/50mm "ratio"

Oben: Kompaktere Bauart und äußere Fassugsteile weitgreifend durch Kunststoff ersetzt; optisch jedoch (nach allem was ich sagen kann) unverändert und ganz offenbar in Rumänien gefertigt: Das Pentacon Prakticar 1,8/50mm "ratio".


Unten: Durch den für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich steilen Schneckengang, der von der Bildebene aus gemessen Aufnahmeabstände bis herab zu 33 Zentimeter ermöglicht, ist das Oreston bzw. Pentacon 1,8/50 auch für spontane Nahaufnahmen gewappnet. Photographiert von Dörte Krell mit der Praktica PLC3, Adox Silvermax.

Oreston Evolution gif

Pentacon 1,7/50 mm (?)


In der Zeit, da Meyer-Optik Görlitz gerade vollständig in das Kombinat Pentacon Dresden integriert wurde, arbeiteten Wolfgang Gröger und Otto-Wilhelm Lohberg an einem Nachfolger für das Oreston/Pentacon 1,8/50. Die Lichtstärke sollte nur geringfügig auf 1:1,7 angehoben, die Bildleistung aber deutlich verbessert werden, ohne daß jedoch teure hochbrechende Glassorten zum Einsatz hätten kommen müssen. Die Patentschrift Nr. DD105.517 vom 6. April 1973 weist in den Linsen 1; 5 und 6 ein Glas aus, das dem Schwerkron SK22 des Jeaner Glaswerks entsprochen haben dürfte. Diese Glassorte war bereits der Dreh- und Angelpunkt des Zeiss Pancolar 1,8/50 vom Mai 1967. Auch bei diesem neuen Pentacon-Objektiv war zur Verbesserung der Korrektion eine Luftlinse eingeführt worden; anders als beim Pancolar freilich in der vorderen Systemhälfte.

DD105517 Prototyp Pentacon 1,7/50

Nun fragt man sich doch, worin die Erfindungshöhe verborgen liegen soll, die diese Gaußtypabwandlung gegenüber bereits bestehenden Normalobjektiven dieser Art patentfähig gemacht hat. Die Neuerung liegt darin, daß die Konkavseite der dritten Linse (also der Radius Nummer 6) zur Verbesserug des Kontrastes "bei Bedarf" asphärisch ausgelegt werden konnte (Schutzanspruch 2). Die Deformation dieser Fläche war mit der Beziehung


O = z - 0,03388z² - 0,827u - 0,00012u² + 0,000067u³


angegeben, wobei der Ausdruck z die Pfeilhöhe bezeichnet und u einen Parameter darstellt, der als u = (0,2h)² definiert ist, wobei h den Abstand von der optischen Achse angibt.


Das war natürlich ein sehr moderner Ansatz, der seiner Zeit voraus gewesen wäre. Asphären bei Massenobjektiven waren damals noch international unüblich. Wenig später schon haben aber japanische Firmen beispielsweise Normalobjektive mit der Lichtstärke 1:1,2 auf den Markt gebracht, die tatsächlich sowohl in einer sphärischen wie in einer asphärischen Variante erhältlich waren. Diese ohnehin schon preisintensiven Objektive wurden dadurch noch einmal ein ganzes Stück teurer, ohne daß in der Praxis auf normalen Filmmaterialien immer ein nennenswerter Unterschied zu sehen gewesen wäre. Der weitgreifende Einsatz deformierter Linsenflächen hat sich dann erst in den 90er Jahren durchgesetzt; und zwar verblüffender Weise ausgerechnet in preiswerten Massenzooms, insbesondere um durch eine Verringerung der Linsenzahl eine besonders kompakte Bauweise zu erzielen.


M. Kröger, April 2016


letzte Änderung: 20. März 2021