Oreston 1,8
Exakta Domiron


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Domiron, Oreston und Pentacon

Feinoptisches Werk Görlitz

Domiron 2/50mm


Die Ära der modernen lichtstarken Normalobjektive mit Blendenautomatik aus dem Görlitzer Hause beginnt am 7. November 1958. An diesem Tag wurde für  das Domiron 2/50 eine Bundesrepublikanische Schutzschrift "Photographisches Objektiv nach dem Gauß-Typ" [Nr. 1.786.978] eingereicht. Daß nur ein Gebrauchsmusterschutz beantragt wurde, liegt darin begründet, daß solche Doppelgauß-Abwandlungen zu jener Zeit längst schon etabliert waren. Seit dem großen Durchbruch im Jahre 1927 war der Boden, auf dem dieser Typus stand, stets auf Neue umgegraben worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem zunehmenden Bedeutungsgewinn der Einäugigen Spiegelreflexkamera lag ein Hauptaugenmerk der Konstrukteure darauf, die Brennweite unter Beibehaltung der Schnittweite verkürzen zu können. Ziel war es, bei gleichzeitiger Verbesserung der Leistungsfähigkeit auf die für das Kleinbild übliche Nennbrennweite von 50 mm zu gelangen. Das bisherige Primoplan als Vertreter des lichtstarken Kleinbild-Normalobjektivs bei Meyer hatte ja eine Brennweite von 58 mm, damit hinter der letzten Linse genügend Spielraum für den namensgebenden Schwingspiegel dieser Kameras übrigbliebe. Aber auch die damals weitverbreiteten Sucherkameras mit einem hinter dem Objektiv angebrachten Zentralverschluß brauchten solche vergleichweise langen Schnittweiten. Charakteristisches Merkmal für diese während der 50er Jahre vorangetriebene Weiterentwicklung war die auffällige meniskenförmige Ausprägung der vor der Blende stehenden Linsenelemente und Kittgruppen. Diese Konstruktionsidee war nach und nach durch viele verschiedene Patentanmeldungen mehrerer Firmen etabliert worden, sodaß kaum noch Potential übrig blieb, mit dem Meyer-Optik eine eigene Erfindungshöhe hätte nachweisen können. Daher blieb es wohl beim Gebrauchsmuster

Domiron Patentzeichnung

Als Neuartig an diesem Objektiv ließ sich aber vorbringen, daß nur Linsen mit Brechzahlen über 1,645 Verwendung fanden. Drei der sechs Linsen bestanden aus hochbrechenden Krongläsern. Die Frontlinse aus dem Schwerkron SK 21, die Rücklinse aus SK 22 und die Linse Nummer fünf gar aus dem Schwerstkron SSK 5. Für die Linse Nummer zwei wurde offenbar das ebenfalls niedrig dispergierende Barit-Flint BaF 11 verwendet. Dieses Objektiv war also nur dadurch möglich, weil man auf moderne optische Glassorten zurückgreifen konnte. Das ist insofern interessant, als das zeitgenössische Pancolar 2/50mm von Zeiss Jena im Wesentlichen auf dem Schwerkron SK 10 basierte – ein Glas, das schon in den Schott'schen Katalogen der Zwischenkriegszeit verzeichnet war und daher im Gegensatz zum SK 21 und SK 22 alles andere als eine Neuentwicklung darstellte. Die vom ehemaligen technischen Leiter des VEB Feinoptischen Werkes, Herrn Gottfried Kindler (1932 - 2018) vorgebrachte Einschätzung, daß Zeiss Jena dem Görlitzer Konkurrenten diese optischen Gläser "nicht gegönnt" habe und das Domiron daher nur kurze Zeit im Jahre 1961 gebaut worden sei, wird damit zwar nicht bewiesen, aber plausibel gemacht.

Domiron 2/50mm

Abstract: Domiron - the forgotten pioneer? This was the first modern "high speed" standard lens of Meyer Optik Görlitz with automatic aparture. But it was made for a short period only in 1960/61. As I have found out now it used more modern glass with a higher refractive index than the Zeiss Jena Pancolar. This was maybe the point that decided it's fate. 😲

Das Domiron, so kurzlebig es auch gewesen sein mag, war dennoch ein wichtiger Schritt für den Görlitzer Objektivhersteller, denn neben der optischen Qualität muß auch die hervorragende mechanische Ausgestaltung dieses Objektives hervorgehoben werden. Die Fassung hat ein Niveau erreicht, das alles bisher von dieser Firma Gekannte weit übertrifft. Neben der anspruchsvollen Vollautomatischen Druckblende und ihrer Abschaltmöglichkeit, die schon mit dem Primotar E einige Monate zuvor eingeführt worden war, ist insbesondere der extrasteile Schneckengang zu erwähnen, der bei einem ungewöhnlich hohem Hub von 12 Millimetern erstmals eine Naheinstellung von 34 Zentimetern bis zur Bildebene ermöglichte.


Dieses hochwertige Objektiv gab es damals nur mit Exakta-Anschluß. Die Exakta, die sich zwar 25 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen bereits auf einem absteigenden Ast befand, verkaufte sich Anfang der 60er Jahre dennoch letztmalig gut in den USA. Und die damit erzielbaren Dollardevisen sollten offenbar mit dem Jenaer Pancolar und nicht mit dem Görlitzer Domiron verdient werden. Immerhin fiel das Domiron mit 213,- Mark genau 10% preiswerter aus als das Pancolar.

Oreston 1,8/50mm


Aber schon ein paar Jahre später hatte sich diese Situation komplett gedreht. Mit der Hinwendung des technologischen Leitbetriebes Carl Zeiss Jena auf gänzlich neuartige Tätigkeitsfelder, ging dessen Engagement in den klassischen Produktbereichen wie dem Fernglas- und Objektivbau immer deutlicher zurück. Andererseits hatte sich nach der nahezu katastrophalen Phase Ende der 50er Jahre mittlerweile der DDR-Photogerätebau erfolgreich neu konsolidiert. So wurde in Dresden 1965 für die Montage der Praktica nova eine Fließbandfertigung eingeführt. Anfänglich alle 90 Sekunden war eine neue Praktica versandfertig, später wurde die Taktzeit gar auf 72 Sekunden verkürzt. Täglich waren es mindestens 400 Kameras. Die jährliche Ausstoßmenge überstieg die Hunderttausend. Freilich mußten nun auch ebensoviele Normalobjektive bereitgestellt werden. Genau zum Zeitpunkt des Anlaufs der Fließbandmontage wurde das neue Oreston 1,8/50 zur Frühjahrsmesse 1965 herausgebracht [Vgl. Die Fotografie, 4/1965, S. 125]. Es war bei gleichem Grundaufbau also noch etwas lichtstärker als das Domiron und damit dem internationalen Niveau angepaßt. Die Optik wurde in eine moderne, hochwertige Fassung mit Automatischer Druckblende (ADB) eingebaut. Das war alles ausgesprochen zeitgemäß.

Oreston 1,8/50mm
Oreston 1,8/50 Schema
Praktica mat Oreston 1.8/50

Oben: Die zweite Hälfte der 1960er Jahre war sicherlich die beste Zeit, die der DDR-Photogerätebau jemals erlebt hat. Technische Innovationen, neue Fertigungsverfahren und fortschrittliche Formgestaltung im Bunde mit gesteigerter Bedienungsfreundlichkeit. Die PRAKTICA mat basierte zwar prinzipiell nach wie vor auf der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg herausgebrachten Praktiflex, aber sie war in einer radikalen Weise umgebaut worden. Das war notwendig, um nicht nur eine Innenlichtmessung einzubauen, wie das beispielsweise auch der westdeutsche Hersteller Wirgin bei seinen Edixas tat, sondern um diesen Weg bis zum konsequenten Ende zu beschreiten, und die Innenlichtmessung zu einer gekuppelten Belichtungsautomatik auszubauen. Dazu mußte insbesondere der Schlitzverschluß der Praktica komplett umgestaltet werden. Das Feinoptische Werk Görlitz schaffte es, mit seinem neuen Oreston 1,8/50 Schritt zu halten und dieser Praktica ein wirklich adäquates Normalobjektiv zur Seite zu stellen.


Was für ein hochwertiges Objektiv dieses erste Oreston 1,8/50 gewesen ist, sieht man bei einem Vergleich mit den MTF-Kurven des Jenaer Pancolars 1,8/50mm. Abgeblendet auf den mittleren Wert 1:4,0 sind sich die beiden Objektive nämlich sehr ähnlich. Nur weitgeöffnet (hier meßgerätebedingt 1:2,0)  zeigt das teurere Pancolar einen deutlichen Vorsprung bei Kontrast und Auflösung. Die Kurven sehen für uns deshalb etwas ungewohnt aus, weil hier nicht  wie heute üblich die Kontrastübertragung in Abhängigkeit von der Bildhöhe, sondern in Abhängigkeit von der zu übertragenden Ortsfrequenz abgetragen ist. "M" steht jeweils für Bildmitte, "R" für Rand. Diese Messungen wurden am 16. 12. 1969 durchgeführt und sind, was den Stand der Meßtechnik angeht, garantiert überholt. Das ist aber insofern belanglos, da uns für diesen Vergleich ja nicht die Absolutwerte der Kontrastübertragung interessieren, sondern lediglich deren damals ermittelte Relation zueinander.  [aus: Fotomagazin 2/1970, Seite 50.]

Ab Herbst 1969 kam ein weiterer Schub. Von der neuen Praktica L-Reihe sollten noch größere Stückzahlen produziert werden. Der modulare Aufbau dieser Kamera erlaubte eine noch rationellere Montage auf kürzeren Fließbändern. Außerdem wurde mit dem Modell LLC die Blendenelektrik eingeführt. Das verlangte einen veränderten Aufbau der Objektive. Im Rückteil mußte genügend Raum für den exponentiellen Spannungsteiler geschaffen werden und dessen Schleifer mußte mit dem Blendenring verknüpft werden. Im Zuge dessen wurde das Oreston 1,8/50 noch einmal optisch und mechanisch umkonstruiert. Der Linsenschnitt zeigt, daß nun die zweite und dritte Linse noch stärker meniskenhaft durchbogen sind. Der Aufbau erinnert ein wenig an das ältere Pancolar 1:2,0. Damit hatte man die günstigste Lösung gefunden. Dieses Normalobjektiv wurde nun millionenfach für die Praktica L- und B-Reihe geliefert.

Oreston 1,8/50
Pentacon 1,8/50 Schema

Als die Praktica L und LLC auf der Herbstmesse 1969 vorgestellt wurden, hieß das neue Objektiv übrigens noch Oreston. Kurz darauf wurden alle Görlitzer Objektive aber durchweg als „Pentacon“ bezeichnet und die Firmenbezeichnung „Meyer-Optik“ wurde fallengelassen. Etwa zum Zeitpunkt des Erscheinens der neuen Praktica EE2 gab es ab 1977 eine schwarze Kreuzrändelfassung mit Mehrschichtvergütung. Diese basierte zunächst noch auf dem Oreston von 1969, wurde aber nach kurzer Zeit überarbeitet und erhielt die unten rechts gezeigte Form, die nun bis in die Wendezeit in extrem großen Stückzahlen gefertigt wurde.

Pentacon electric 1,8/50 MC
Praktica EE2 Pentacon 1.8/50

Pentacon Prakticar 1,8/50


Dieses Pentacon 1,8/50 wurde selbstverständlich auch für die neue Praktica-Generation mit Bajonettanschluß angeboten. Zur Zeit der Praktica B200 war die sehr gefällige Version in einer Metallfassung und dem genoppten Gummiring aktuell, wie sie unten gezeigt ist. Da es bei diesem Pentacon Prakticar 1,8/50 immer wieder zu Verwechslungen mit dem gleichzeitig lieferbaren Jena Prakticar 1,8/50mm kommt, stelle ich beide Objektive hier einmal direkt gegenüber. Ich habe früher immer das Jenaer (eigentlich Saalfelder!) Prakticar vorgezogen, da es optisch identisch mit dem Pancolar ist. Mittlerweile bin ich aber der Überzeugung, daß es sich bei beiden Objektiven um sehr hochwertige Normalobjektive handelt. Nur ist die Fertigungsqualität der Pancolare deutlich überlegen. Die konstruktive Eigenheit der Pentacon-Objektive, daß nämlich deren Fassungszentrierung mithilfe dreier um 120 Grad versetzter Madenschrauben um die hintere Linsengruppe herum vorgenommen wird, erachte ich als wenig gelungen. Heute hat man oft das Problem, daß irgendjemand diese Schrauben gelöst hat, um eine verklebte Blende zu reinigen. Damit ist leider die Zentrierung des Objektivs ein für alle Mal zerstört.

Pentacon Prakticar 1,8/50mm
Carl Zeiss Jena Prakticar 1,8/50mm
Carl Zeiss Jena Prakticar 1,8/50mm
Pentacon Prakticar 1,8/50mm
Pentacon Prakticar 1,8/50mm

Während das Jenaer Prakticar bereits 1981 wieder auslief, wurde das Pentacon Prakticar etwa mit Erscheinen der Practica BC1 auf eine rationalisierte Fassung mit weitgreifendem Kunststoffeinsatz umgestellt. Es ist davon auszugehen, daß die Fertigung des Prakticar 1,8/50 "ratio" alsdann in Rumänien erfolgte. Es war daher auch noch bis weit in die 1990er Jahre für die Praktica BX20s lieferbar

Pentacon Prakticar 1,8/50mm "ratio"

Oben: Kompaktere Bauart und äußere Fassugsteile weitgreifend durch Kunststoff ersetzt; optisch jedoch (nach allem was ich sagen kann) unverändert und ganz offenbar in Rumänien gefertigt: Das Pentacon Prakticar 1,8/50mm "ratio".


Unten: Durch den für die damaligen Verhältnisse ungewöhnlich steilen Schneckengang, der von der Bildebene aus gemessen Aufnahmeabstände bis herab zu 33 Zentimeter ermöglicht, ist das Oreston bzw. Pentacon 1,8/50 auch für spontane Nahaufnahmen gewappnet. Photographiert von Dörte Krell mit der Praktica PLC3, Adox Silvermax.

Oreston Evolution gif


M. Kröger, April 2016


letzte Änderung: 4. April 2020