Domiplan 2,8/50

Domiplan 2,8/50

Ein Lanthan-Triplet für Jedermann

"Was wissen Sie von einem Dreilinser?" – diese Frage stellte die Firma Meyer-Optik Görlitz in den 1950er Jahren den potentiellen Kunden in den Werbeanzeigen für ihr Trioplan 2,9/50 mm. Und diese Kunden schienen zu wissen, daß sie sich ihre Exa oder sogar Praktica nur dann werden leisten können, wenn sie so wenig wie möglich für das obligatorische Normalobjektiv ausgeben. Das Objektiv ist bis heute der entscheidende Kostenfaktor bei einer Kamera geblieben. Doch was sich definitiv geändert hat ist der Anteil des Preises jeder einzelnen Linse an den Gesamtkosten eines Objektives. In Zeiten, in denen selbst billigste Kit-Zooms ein Dutzend der mehr Linsen haben kann man es sich kaum vorstellen, daß es einmal eine handfeste Kostenreduktion darstellte, wenn ein gutes Objektiv statt mit vier nur mit drei Linsen auskam.

Denn eines muß man sich vor Augen führen: der VEB Feinoptisches Werk Görlitz hatte um 1957 gerade erst ein neu entwickeltes Primotar E 3,5/50 herausgebracht, das dem Tessartyp angehörte, eine sehr gute Bildleistung lieferte und das insbesondere für die neue Druckblendenautomatik der Kameras Praktica FX2 und Contax F eingerichtet war. Dieses Objektiv kostete allerdings 179,- Mark. Das waren fast 60 Prozent des Gehäusepreises der Praktica FX2. Im Jahre 1958 wurde dann ein Primotar 2,8/50 mm entwickelt, das auf den modernsten Gläsern basierte, die damals überhaupt verfügbar waren. Doch damit es erschwinglich blieb, wurde es wieder nur mit einer Vorwahlblende ausgerüstet. Nachdem durch die staatlich verordnete Preissenkung vom Mai 1960 die Preise des Primotar E 3,5/50 auf 109,- Mark und des Primotar 2,8/50 gar nur auf 82,- Mark herabgedrückt worden waren, mußten diese hochwertigen Objektive aus der Produktion genommen werden. Aus diesen kurzen Ausführung sieht man schon, welchen Erfolg am Markt damals folgender Kompromiß versprach: Es müßte gelingen, einen möglichst preisgünstigen optischen Aufbau mit der mittlerweile obligatorischen automatischen Blende zu verknüpfen. Aus diesen Vorgaben heraus wurde 1959 eine Weiterentwicklung des bisherigen Trioplans 2,9/50 mm entwickelt, das im Herbst 1960 unter dem neuen Namen "Domiplan" herausgebracht wurde. Dieses Domiplan 2,8/50 mm kostete dann bis zum Ende der DDR stets 93,- Mark.

Domiplan 50mm f/2.8

Die Entwicklungsgeschichte des Triplet-Aufbaus war seit den 1890er Jahren geprägt durch immer weiter verbesserte Korrekturmöglichkeiten in Folge der Einführung neuer Glasarten. Ein erster Höhepunkt war erreicht, als Albrecht Wilhelm Tronnier zum 13. Oktober 1933 ein Triplet mit neuartigen Schwerstkrongläsern anmeldete (die seinerzeit zunächst nur als Versuchsschmelzen vorlagen). Schon damals verwehrte das deutsche Patentamt jedoch die Erteilung der Erfindung (anders als in den USA, hier wurde diese unter der Nummer 1.987.878 zuerkannt). Auch wenn man den Triplet-Typ mit diesen neuen Gläsern nicht unbedingt neu erfinden konnte, so ließ er sich auf diese Weise dennoch zu erstaunlichen Leistungsparametern treiben. Mit den hochbrechenden Lanthan-Schwerkrongläsern, die sich nach 1945 durchsetzten, waren nun deutliche Verbesserungen im Hinblick auf die sphärische Abweichung, die Koma sowie die Wölbung des Bildfeldes zu erzielen. Das war nötig, um bei einer Lichtstärke von 1:2,8 auch die Leistung außerhalb der Bildmitte auf ein akzeptables Niveau anzuheben. Beim Domiplan wurde dafür das mittlerweile auch in der DDR in Massenfabrikation herstellbare Lanthan-Schwerkron SK24 (LaK4) mit einer Hauptbrechzahl von 1,6636 und einem Ny-Wert von 56,4 in beiden Sammellinsen des Triplets angewendet.

Meyer Domiplan 50 mm

Anhand der obigen Rekonstruktion des optischen Aufbaus erkennt man, daß mit den hochbrechenden Gläsern ein ausgesprochen gedrängter Aufbau möglich wurde, der eine gute Ausleuchtung der Bildecken ermöglichte. Die bildseitige Hauptebene H' fiel fast genau mit der Blendenebene zusammen, sodaß dieses Domiplan eine sehr großzügige Schnittweite erhielt. Die Brennweite konnte wirklich exakt 50 mm betragen, weshalb ein realer Bildwinkel von fast 47 Grad erreicht wurde. Es hätte das Potential bestanden, auch für die Spiegelreflexkamera auf eine Brennweite von 45 mm herabzugehen. Ein Domiplan 2,8/45 mm gab es zwar tatsächlich, doch es wurde nur in der Sucherkamera Pentacon electra verbaut.

Voigtländer Color-Lanthar

Das Domiplan ist Teil des Bundesgebrauchsmusters Nr. 1.805.326, das der VEB Feinoptisches Werk zum 21. Oktober 1959 beim Münchner Patentamt angemeldet hat. Nur wenige Wochen später, zum 11. Januar 1960, hat die Firma Voigtländer für eine sehr ähnliche Entwicklung ein Gebrauchsmuster ersucht. Dieses Triplet, das als Color-Lanthar 2,8/50 mm herausgebracht wurde, verwendete das ältere SSK5 in der Frontlinse, dafür aber das gegenüber dem SK24 noch höher brechende LaK9 in der hinteren Sammellinse. Man sieht, wie beide Firmen parallel zueinander dieselben Ansätze verfolgten.

Domiplan 50mm f/2.8

Links die ursprüngliche Ausführung der Fassung im "Zebra-Look". Rechts die spätere, vollständig schwarz lackierte Version, die bis Ende der 80er Jahre so geliefert wurde.

Exa IIb Domiplan

Das Domiplan kann man fast schon als Standardbestückung für die Exa bezeichnen, auch wenn es natürlich auch zusammen mit der Praktica verkauft wurde.

Das Domiplan 2,8/50 wurde zur Leipziger Herbstmesse 1960 herausgebracht [Vgl. Bild & Ton, Heft 11/1960, S. 327.]. Im Jahr darauf war es mit dem Gütezeichen Q für ein Spitzenprodukt des Weltmarktes ausgezeichnet worden. Noch im Herbst 1963 sei es das einzige dreilinsige Normalobjektiv mit automatischer Blende gewesen. Übrigens: Oben ist natürlich das Domiplan 3,5/30 für die Penti und das Domiton 4/40 für die Prakti gemeint. Diese Wortspielereien Domiton, Domigon, Domiron, Domigor und Domiplan haben damals in der Presse für große Verwirrung gesorgt. 

Das Domiplan 2,8/50 war noch im Sortiments-Katalog 1989 enthalten. Es wurde also bis zum Ende der DDR gefertigt – ganze drei Jahrzehnte lang! Die Stückzahlen müssen insgesamt im einstelligen Millionen-Bereich gelegen haben. Seit 1966 wurde das Domiplan 2,8/50 zusätzlich (später wohl ausschließlich) bei der rumänischen Firma Întreprinderea Optică Română (IOR, Bukarest) gefertigt. Bis Jahresanfang 1973 hatte sich die Anzahl bereits auf eine halbe Million rumänischer Domiplane aufsummiert [Vgl. Neues Deutschland vom 27. Februar 1973, S. 6.].

Pentacon Orestor 2,8/50

Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen gibt es Domiplane mit der Aufschrift "Pentacon Orestor 2,8/50" und "Pentacon Prakticar 2,8/50". Letzteres geschah lange bevor die Objektive für die neue Praktica B-Reihe als "Prakticare" bezeichnet wurden. Auch die Bezeichnung "Pentaflex-Color 2,8/50" wurde für Exportzwecke verwendet

Pentacon Prakticar 2,8/50
Pentaflex Color 50mm f/2.8

Für den Export in die Bundesrepublik wurde das Domiplan auch als "Pentaflex-Color 2,8/50" graviert; namentlich für die Photo-Versandfirma Porst.

Domiplan Autoflex

Man ist erst ein wenig verwirrt. Doch bei diesem "Autoflex 1:2,8 f = 50 mm" handelt es sich tatsächlich um ein Domiplan. Es wurde jedoch nicht nur mit einem anderen Namen versehen, sondern auch mit einem anderen Vorderteil, das sich durch ein größeres Filtergewinde mit dem Durchmesser M49 auszeichnet. Schade daß man das Domiplan nicht serienmäßig so gebaut hat. Bilder: Steve French.

Domiplan Autoflex

Ja und zur Bildqualität was soll man da sagen. Ich habe als Schüler einem Klassenkameraden eine Exa mit Domiplan abgekauft und nachdem die ersten Dias aus der Entwicklung zurückgekommen waren, habe ich dieses furchtbare Objektiv in die hinterste Ecke des Schranks geschoben und nie wieder benutzt. Ich war damals als Fünfzehnjähriger schon Besseres gewohnt von der LTL meines Vaters und der Praktica IV, die ich von meinem Opa bekommen hatte, und die beide mit Tessar ausgerüstet waren. Mag sein, daß heute digitale Anwender an dem "Charme" dieser Flaschenböden einen gewissen Gefallen finden, aber mir war das Filmmaterial immer zu wertvoll und die Photoausrüstung zu schwer, um den ganzen Aufwand dann mit solchen halbgaren Objektiven zu verderben. Dieses Domiplan war für Leute gedacht, die damals übliche 7x10- oder 9x12-Abzüge haben anfertigen lassen. Und dafür war es auf jeden Fall ausreichend.

Meyer Domiplan

Und noch etwas zum Abschluß: Man denkt landläufig und man liest es ja auch so im Internet daß ein Triplet ein einfach zu berechnendes Objektiv sei, da es ja nur drei Linsen habe. Das ganze Gegenteil ist der Fall. Günther Benedix hat mich darauf hingewiesen, daß ein solches Triplet eine ziemliche Herausforderung für den Konstrukteur sein kann. Denn wenn man nur sechs Flächen zur Verfügung hat, dann muß jede einzelne dieser Flächen gleichzeitig mehrere Aufgaben in Bezug auf die Bildfehlerkorrektur übernehmen. Und auch die Intensität der Wirkung muß besonders groß sein, weil man diese schließlich nicht über eine größere Anzahl an Flächen verteilen kann. Wenn aber jede Fläche eine sehr große Wirkung hat, dann wirken sich kleinste Änderungen ihrer Parameter stets sehr stark auf das Gesamtobjektiv aus, was die Bildfehlerbehebung schnell zum Mikadospiel werden läßt. Richtig gute Triplets, wie beispielsweise das Zeiss Triotar 4/135 mm, sollten uns daher einigen Respekt abverlangen.

Marco Kröger


letzte Änderung: 4. Mai 2026