Primarflex und Meister-Korelle

Primarflex und Meister-Korelle

Es ist historisch bemerkenswert, daß sich die Mitteldeutsche Photoindustrie seit der Zwischenkriegszeit auf den Kameratypus der Einäugigen Spiegelreflexkamera spezialisiert und diese Gattung zu einer hohen technischen Reife geführt hat. Ein besonderes Marktsegment stellten dabei die Mittelformat-Reflexkameras des Nennformates 6x6 dar, für die stellvertretend diese beiden bedeutendsten Konstruktionen gegenübergestellt werden sollen.

Reflex-Korelle

Reflex-Korelle und Meister-Korelle


Das Jahr 1933 hat sich bekanntermaßen unrühmlich in die deutsche Geschichte eingeprägt. Für die Geschichte der Phototechnik ist es hingegen positiv besetzt. Karl Nüchterlein hatte mit seiner Exakta den Prototyp der modernen Einäugigen Spiegelreflexkamera geschaffen. Ausschlaggebend dafür war, das längst bekannte Prinzip der Reflexkamera mit ihrem exakten Sucherbild mit dem Prinzip des aufwickelbaren Rollfilmes zu verknüpfen, der es erlaubte, mehrere Aufnahmen hintereinander ohne großen zeitlichen Verzug zu machen. Nüchterleins Leistung lag dabei darin, die Drehbewegung, die zum weiterschalten des Filmbandes erforderlich war, mit den für die Reflexkamera notwendigen Bewegungen zu verknüpfen; nämlich die Rückführung des Reflexspiegels in die Betrachtungsposition und das Spannen des Schlitzverschlusses. Obgleich sich Nüchterlein viele seiner Lösungen schützen ließ, zogen andere Hersteller mit ähnlich gelagerten Einfällen nach und kopierten dabei den Grundaufbau der Exakta. Heute wird diese Form der Spiegelreflexkamera gerne T-förmig genannt; insbesondere um sie von den zu selben Zeit aufgekommenen würfelförmigen Kameras eindeutig abzugrenzen.

Reflex-Korelle

Anhand der Reflex-Korelle läßt sich sehr gut der prinzipielle Aufbau einer "T-förmigen" Spiegelreflexkamera der Bauart Nüchterlein zeigen. Links und rechts des Spiegelkastens, an dem vorn das Objektiv angebracht ist und der nach oben mit der Mattscheibe abschließt, sind wulstartig die beiden Spulenräume für den Rollfilm angeordnet. An diesen "Wülsten" kann die Kamera recht bequem gehalten werden. Außerdem ist in ihnen oberhalb der Filmspulen auch ein Großteil der Verschlußmechanik untergebracht.

Reflex-Korelle Modell B

Oben: Draufsicht auf das vereinfachte Modell B mit Filmtransport per Knopf und zusätzlich manuell zu spannenden Verschluß. Unten das seinerzeitige Spitzenmodell IIa mit gekuppeltem Verschlußaufzug, "automatischem" Bildtransport mit kameraeigenem Zählwerk und einem zusätzlichen Hemmwerk für Verschlußzeiten bis zwei Sekunden. Auch einen Selbstauslöser hat diese Variante.

Reflex-Korelle Modell IIa

Aber wie das halt so ist mit Nachahmern: Sie stechen im Nachhinein betrachtet nicht so weit hervor, wie der vormalige Urheber. Über die Entwicklung der Exakta läßt sich ja vor allem dadurch heute noch so weitgreifend Auskunft geben, weil Karl Nüchterlein so viele Grundsatzpatente angemeldet hat. Über Konkurenten, die sich an diesen Schutzansprüchen vorbeimogelten – unter anderem weil sie eine viel einfacher gehaltene Kamera anstrebten – läßt sich dann freilich deutlich weniger Auskunft geben. Darüber hinaus spielte natürlich auch die generelle Haltung der jeweiligen Firmen gegenüber Pateten eine Rolle: Nicht jede Kamerabauanstalt wollte oder konnte sich den Aufwand für eine hauseigene Patentabteilung leisten. Man darf nicht vergessen, daß wir es hier zum Teil mit kleinsten Handwerksbetrieben zu tun hatten, deren Bedeutung heute nur dadurch so groß erscheint, weil sie seinerzeit  den internationalen Markt so derart dominierten. Besonders schade ist das in bezug auf die Primarflex, auf die ich weiter unten näher eingehe. Diese Kamera mit ihrem würfelförmigen Aufbau hatte nämlich einige Neuerungen prinzipieller Natur zu bieten, die ähnlich grundlegend ausfielen, wie bei der Exakta. Leider hat die Firma Bentzin bis auf eine Ausnahme nichts schützen lassen, weshalb heute nicht einmal mehr der Konstrukteur der Primarflex eindeutig durch solcherlei Primärquellen überliefert ist.


Etwas besser sieht diese Situation in Bezug auf die Korelle-Werke in Dresden aus. Dieses Kamerawerk war 1921 von Franz Kochmann gegründet worden, der als Jude 1938 in die Emigration gezwungen worden ist [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 92]. Das "arisierte" Werk wird anschließend von einem Gustav Heinrich Brandtmann weitergeführt. Aus beiden Epochen sind Schutzrechtsanmeldungen überliefert. Sie zeigen auf, daß die Reflex-Korelle ganz offensichtlich ursprünglich vom Firmeninhaber Kochmann selbst entwickelt worden ist. Unter Brandtmann scheint dann aber ein gewisser Arthur Schlaubitz die Konstruktionsveratwortung übernommen zu haben.

DE1326791U Kochmann

Bei der aus der Ära Kochmann überlieferten Quelle handelt es sich um ein Gebrauchsmuster (das sich leider nur in einer schlechten Kopie erhalten hat). Es beschreibt den Aufbau der mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußspanneinrichtung, wie sie das das oben gezeigte Modell II ausmachte. Dazu hatte Franz Kochmann quer über die Oberseite der Kamera in einem Kanal einen Seilzug gespannt. Die Verbindung geschah durch jeweils eine auf der Verschluß- und auf der Filmtransportachse liegende Seilscheibe, wobei das vollständige Spannen des Verschlusses durch ein Sperrgetriebe gewährleistet wurde. Dieser Aufbau war zwar sehr einfach gelöst, fiel aber im praktischen Gebrauch durch ein notorisches Durchreißen des Seiles auf.

Reflex-Korelle

Oben kann man einen Blick auf den Reflexspiegel der Kamera werfen. Mit dem bei ihr angewandten Hubspiegelmechanismus umschiffte die Reflex-Korelle einige der technischen Klippen, die Nüchterlein bei der Exakta mit ihrem Springspiegel zu lösen hatte. So mußte der Spiegel nicht nach der Aufnahme durch den Spannvorgang zurückgeführt werden, sondern er fiel beim Loslassen des Auslösers durch die bloße Wirkung der Schwerkraft wieder in die Betrachtungsposition zurück. Bei einer Kamera mit quadratischem Format, die immer in der gleichen Position gehalten und nicht auf Hochformat gedreht wird, ist diese Lösung möglich, obgleich sie nicht ideal ist. Es muß nämlich unbeding verhindert werden, daß der Spiegel wieder zurückfällt, bevor nicht der Verschluß vollständig abgelaufen ist. Das ansonsten in den Spiegelkasten einfallende Licht würde die Aufnahme nämlich sofort verschleiern.

Reflex-Korelle IIa

Interessant war für mich, als ich im Zuge der Recherche herausfand, daß im Korelle-Werk mitten im Krieg Lösungsmöglichkeiten für dasselbe Problem erarbeitet worden sind, an denen zur gleichen Zeit Karl Nüchterlein nur wenige hundert Meter entfernt arbeitete: Am Funktionsprinzip eines kamerainternen Belichtungsmessers, das wir heute als Innenlichtmessung kennen. Leider existiert hiervon offenbar nur noch ein französisches Patent Nr. 890.808 vom 8. Februar 1943. Eine deutsche Patentanmeldung vom 25. September 1942 ist leider momentan nicht auffindbar. Anhand der Zeichnungen ist aber gut erkennbar, wie das Selen-Element wegklappbar hinter dem Objektiv angeordnet war, wie der dazugehörige Mechanismus mit dem Spiegel gekuppelt werden sollte und wie die Meßanzeige als Teil des Lichtschachtes konzipiert worden ist, die im aufgeklappten Zustand bequem abgelesen werden konnte.

FR890.808 Korelle Innenlichtmessung
Meister-Korelle

Die Fabrik Brandtmanns, die sich zuletzt in der Augsburger Straße in Dresden befunden hat, wurde im Februar 1945 komplett zerstört. Der Besitzer fing zwar in Strehlen in angemieteten Fabrikräumen wieder an, aber Ende 1945 wurde der Betrieb beschlagnahmt und im darauffolgenden Jahr enteignet. [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 147.] Unter der Ägide der Industrieverwaltung 24 OPTIK beginnen die Korelle-Kamera-Werke in der Schandauer Straße 38 die Reflex-Korelle zunächst wieder herzustellen und sollen das alte Modell auch auf der Frühjahrsmesse 1947 gezeigt haben. Im Jahr darauf wird das Werk allerdings in den "VEB Werkstätten für Feinmechanik und Optik WEFO" eingegliedert. Unter der Ägide des vormaligen Inhabers dieser Werkstätte, Max Pfau, wurde daraufhin die unter Qualitätsproblemen und veralteter Konstruktion leidende Reflex-Korelle weiterentwickelt und als Meister-Korelle auf der Frühjahrsmesse 1950 vorgestellt [Vgl. Fotografie 4/1950, S. 92/93.].


Diese Weiterentwicklung war aber gleichzeitig halbherzig und überambitioniert. So wurde einerseits am völlig veralteten Hubspiegel-Konzept festgehalten, das dem Konstrukteur wie gesagt aufwendige mechanische Kopplungseinreichtungen erspart, andererseits hat Pfau versucht, den Verschluß der Kamera auf sehr moderne Weise durch ein einziges Hemmwerk anzusteuern. 

Meister-Korelle Hemmwerk

Der durch dieses Hemmwerk gesteuerte Schlitzverschluß der Meister-Korelle ließ jedoch wohl kaum eine qualitativ konstante Fabrikation zu. Es sind für mich keinerlei konstruktiv vorgesehene Justierstellen ersichtlich. Die Montage und der Abgleich der Kamera scheinen auf rein handwerkliche Art und Weise vor sich gegangen zu sein, bei der die Messinghebelchen und Federn nach Erfahrung gebogen wurden, bis die Kamera lief. Wie gern würde ich siebzig Jahre in der Zeit zurückreisen und einem damaligen Monteur bei dieser Arbeit zuschauen. Eine reproduzierbare Justage und insbesondere eine profitable Massenfabrikation werden auf dieser Grundlage jedenfalls nicht erreicht worden sein. Angesichts dieser grundsätzlichen Probleme half es auch nichts, daß die Produktion dieser Kamera an die erfahrenen Welta-Kamerawerke abgeschoben wurde. Man hätte die Korelle eben gerne weiterhin als "Master Reflex" in die USA exportiert, wo man sie zu Preisen bis zu 200 Dollar verkaufen konnte. Als letzte Hoffnung wurden die vorhandenen Teile den Kamerawerken Niedersedlitz übergeben [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 148.], die sich zu Beginn der 50er Jahre zur innovativsten Kamerabauanstalt der DDR entwickelt hatten. Doch Siegfried Böhm soll die Produktionsübernahme als hoffungslos abgelehnt haben. Man kann sagen, aus einer tiefgreifenden, ganz und gar nicht halbherzigen Revision des Grundprinzips der Meister-Korelle ist ab 1954 die Praktisix hervorgegangen, die als Pentacon Six und Exakta 66 zu einer der erfolgreichsten Mittelformat-Spiegelreflexkameras aller Zeiten werden sollte.

Master Reflex Juli 1951

Aus dieser Annonce wird offenbar, daß der Grundkörper der Meister-Korelle im VEB Weißensee-Druckguß in Berlin hergestellt wurde. Daraus läßt sich wiederum schließen, wie exklusiv diese Technologie damals noch gewesen ist und daß sie nicht jeder Betrieb beherrschte. Es ist aber auch nicht auszuschließen, daß auch die Grundkörper anderer Dresdner Kameras hier gegossen wurden, und zwar bis in die 80er Jahre hinein.


So eine Meister-Korelle ist schon ein uriges Gerät, wie das folgende Video zeigt. Die Hubspiegelmechanismus fasziniert aus heutiger Sicht und macht die Bedienung dieser Kamera zu einer Besonderheit.

Die Bilder unten sind alle mit der Meister-Korelle und dem Trioplan 2,8/100mm entstanden. Der verwendete Farbumkehrfilm war freilich ein wenig überlagert... ;-)

Die folgenden Schwarzweißaufnahmen sind hingegen mit der obigen Reflex-Korelle IIa angefertigt worden. Das einfache Triplett "Ludwig Victar" hat mich in jeder Form überrascht. Harmonisch weich bei offener Blende (s. Portrait unten) aber scharf und kontrastreich bei mittlerer Abblendung. Das hatte ich bei diesem mehr als 80 Jahre alten Objektiv so nicht erwartet.

Master Reflex Hollywood

Selbst in höchsten Hollywood-Kreisen hatte die Master Reflex eine Anwenderschaft gefunden.

Die Primarflex



Die wohl faszinierendste Kamera der Mitteldeutschen Photoindustrie ist diese 6x6 Rollfilm-Spiegelreflex. Sie war, als sie im Jahre 1934 herausgebracht wurde, derart ihrer Zeit voraus, daß sie es gar nicht so leicht hatte, am Markt zu bestehen. Sie war schlichtweg keine Kamera für Jedermann. Bestimmte Gruppen von Berufslichtbildnern, beispielsweise Portraitphotographen, wußten diesen Kameratyp aber alsbald zu schätzen. Quadratisches Format, vergleichsweise große Bildfläche, Austauschmöglichkeit gegen längere Brennweiten, Übereinstimmen von Sucherbild und Aufnahme – diese Eigenschaften wurden von einer bestimmten Riege der Anwender über alle Maßen geschätzt.

Primar-Reflex II Trioplan

Deshalb blieb die Primarflex auch nicht lang allein. Neben der fast zeitgleich erschienenen Reflex-Korelle kamen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mindestens noch die Beier-Flex und die Exakta 6x6 hinzu. Zum Teil wurden für diese Kameras dieselben Objektive verwendet, wie diese Aufstellung von Walter Kross aus dem Jahre 1939 zeigt [Spiegelreflex 6x6, 2. Auflage, 1941, S. 55].

Die Sonderstellung der Primarflex lag dabei in ihrer außergewöhnlichen Bauart begründet. Sie ist der Prototyp der würfelförmigen Spiegelreflex, die später noch einige Nachahmer gefunden hat. Zwar ermöglicht diese Bauweise ein beeindruckend kompaktes, gut in der Hand liegendes Kameragehäuse; das allerdings nur zu dem Preise, daß sowohl die Filmführung als auch die Verschlußtücher um (mindestens) 90 Grad abgeknickt werden müssen. Ward der Laufweg der Verschlußtücher indes nicht abgeknickt, dann bekam der Konstrukteur einer solchen Kamera ein arges Platzproblem. Es blieben nur geringe Bewegungsräume der Tücher zu Beginn und zum Ende des Verschlußzyklus übrig, was stets große Schwierigkeiten bei der Schlitzbildung und beim Abbremsen der Tücher mit sich brachte. Das war der Grund, weshalb ähnlich der Primarflex aufgebaute Kameras immer Probleme mit der Konstanz der Verschlußzeiten bzw. der Dauerhaftigkeit des gesamten Mechanismus aufwiesen. Derlei ambitionierte 6x6 Schlitzverschluß-Kameras waren dem  täglichen Einsatz oftmals so schlecht gewachsen, daß sie von den Herstellern ständig überarbeitet werden mußten (Hasselblad 1600 F oder Bronica de Luxe und ihre jeweilgen Nachfolger) oder sie brauchten Jahre, um endlich als ausgereiftes Modell auf den Markt gebracht werden zu können (Rolleiflex SL66). An die Akkuratesse der Verschlußzeiten durften bei diesen Kameraytpen ohnehin keine übermäßigen Anforderungen gestellt werden. Modelle nach dem Bauprinzip der Korelle (das eigentlich von Karl Nüchterleins Exakta 4x6,5 initiiert worden ist), bei dem Film und Verschlußtücher gestreckt ablaufen konnten, hatten in dieser Hinsicht stets die besseren Voraussetzungen zu bieten. Nicht ohne Grund sind diejenigen Hersteller, die trotzdem Würfelkameras anbieten wollten, später fast flächendeckend zum im Wechselobjektiv integrierten Zentralverschluß übergegangen – trotz des haarsträubenden Aufwandes, den diese Bauweise mit sich brachte.

Bentzin Primarflex

Man kann der Primarflex dabei bescheinigen, für die 30er Jahre eine ungemein moderne Konstruktion gewesen zu sein. Sie bot beispielsweise einen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußaufzug (das hatte damals noch nicht einmal die Rolleiflex). Auch scheint von Anfang an eine automatische Filmschrittsteuerung vorhanden gewesen zu sein. Noch an der Primarflex II aus den 50er Jahren erkennt man aber, welche Pionierstellung diese Kamera dabei innehatte: Das Filmeinlegen mutet aus heutiger Sicht kurios an. Der eingelegte Film muß nämlich bei offener Rückwand so lange weitergedreht werden, bis gerade der Klebestreifen sichtbar wird, mit dem der Film am Schutzpapier befestigt ist. Der Grund ist ganz einfach benannt: als die Primarflex erschien, gab es noch keinen Startpfeil auf dem Schutzpapier. Rollfilmkameras arbeiteten damals ausschließlich mit einem Nummernfenster. Für einen automatischen Filmtransport gab es daher nur die Klebestelle als eindeutiges Startzeichen. Aus ebenjenem Grunde hatte der Rolleiflex Automat 1937 eine aufwendige Abtastung des Klebestreifens verpaßt bekommen, die das Filmeinlegen so kinderleicht machte.

Primarflex

Wie das Bild oben zeigt, war die Primarflex für ihre Zeit sehr komplex aufgebaut. Die Verschlußsteuerung mit einem einzigen Zeiteinstellknopf und ohne umlaufende Teile war geradezu revolutionär. Leider ist über die Kamera und ihren Hersteller nur wenig bekannt. Gerne würde ich den eigentlichen Konstrukteur benennen, aber trotz intensiver Recherchen ist nichts Näheres zu finden. Einzig ein Gebrauchsmuster Nr. 1.512.498 vom 27. November 1941 zu einem verbesserten Bajonettanschluß habe ich ausfindig machen können. Aber auch hier ist nur die Firma Curt Bentzin, Rauschwalder Straße 28 in Görlitz benannt, jedoch kein Erfinder. Weitere Details zum Hintergrund dieser Kameras bleiben daher leider im Dunkeln, weil sich keine Primärquellen finden ließen.

Olympiasonnar 2,8/180mm an der Primarflex II

So möchte ich wenigstens noch die Bedienungsanleitung zeigen, die einer späten "Primar-Reflex II" beigegeben war, die bereits mit einem Tessar mit Vorwahlblende ausgestattet gewesen ist. Man beachte diese Namensänderung für Exportmodelle noch kurz vor Einstellung der Produktion. Bei dieser Kamera ist auch die 1/1000 Sekunde fortgelassen worden (sie ist ohnehin nie erreicht worden). Trotz Modernisierung Ende der 40er Jahre war das Grundprinzip der Primarflex hoffnungslos veraltet. Man hätte die Kamera komplett neu konstruieren müssen, was aber offenbar durch die Verantwortlichen im Feinoptischen Werk Görlitz ("Meyer-Optik"), die die Herstellung dieser Kamera übernommen hatten, gescheut wurde. Vergleichbares geschah zu ebenjener Zeit in den Kamerawerken Niedersedlitz, wo die Meister-Korelle des WEFO-Werkes weitergebaut werden sollte. Angesichts der unzureichenden Auslegung der Kamera und ihrer handwerklichen Produktion wurde das freilch durch die Niedersedlitzer Betriebsleitung abgelehnt. Reflex-Korelle und Primarflex – das waren halt mittlerweile Kameras aus einer längst vergangenen Zeit. So sorgten zwar sowohl die neue Primarflex, als auch die Meister-Korelle für Aufsehen, als sie auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1950 als überarbeitete Versionen altbekannter Typen neu erschienen [Vgl. Fotografie 4/1950, S. 92/93.]. Daß beide Kameras aber nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwanden, läßt die großen Probleme erahnen, die die jeweiligen Hersteller mit der antiquierten Bauweise ihrer Kameras hatten.

Primarflex

Trotzdem ist die Primarflex eine ernstzunehmende Kamera, die bis zum Erscheinen der Praktisix sehr gesucht blieb. Man kann mit ihr auch heute noch gut arbeiten, wenn man sich Zeit nimmt. Insbesondere die fehlende Springblende verlangsamt den Ablauf doch erheblich, weil man vor dem Auslösen stets noch die Blende zudrehen muß. An diesem Punkt wird einem klar, weshalb Siegfried Böhm unbedingt eine komplett neue Kamera entwickeln wollte, die gezielt auf die vollautomatische Springblende hin ausgelegt sein sollte. Bei den langen Brennweiten des Mittelformates, die unbedingt bei voller Blendenöffnung bis unmittelbar vor dem Auslösen fokussiert werden müssen, ist eine solche Einrichtung unheimlich hilfreich.

Photographiert man hingegen statische Motive, dann erzielt man auch mit der Primarflex beachtliche Resultate, deren Bildwirkung nichtzuletzt durch die begehrenswerten Primotare, Trioplane und Tessare erzielt werden, die zeitgenössisch zu dieser Kamera geliefert wurden. Aufnahmen mit diesen historischen Objektiven zeichnen sich nicht durch extreme Schärfeleistung, sondern vornehmlich durch eine bemerkenswerte Plastizität aus, die sich mit Worten kaum beschrieben läßt.

Leider gab es für die Primarflex kein Weitwinkelobjektiv. Adaptionen der später für die Praktisix gelieferten Flektogone verlangen nach einem Umbau der Kamera, da ansonsten der Spiegel anstößt. Ich habe eine Lösung gefunden, die vielleicht nicht ganz stilecht ist, aber bei der die Kamera unangetastet bleiben kann. Und die Bildleistung ist entsprechend dem optischen Aufwand tadellos.

Primar - Reflex Sekor

Die Primarflex hat übrigens eine interessante Funktion zu bieten: Mit einem Knopf läßt sich nach dem Auslösen der Spiegel in die Betrachtungslage zurückführen, ohne daß der Verschluß gespannt werden muß. Daher muß auch der Film erst einmal nicht transportiert werden. Es ist beim Rollfilm immer günstig, aufgrund der schlechten Filmplanlage den Transport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, damit das Material so straff wie möglich im Bildfenster liegt. Leider wird dieser Vorteil wieder durch ein anderes Problem infrage gestellt, das nahezu alle würfelförmigen Rollfilmkameras aufweisen: Durch die Umlenkrolle prägt sich nach längerer Zeit ein Knick in den Film ein, der beim nächsten Transport meist genau mitten in der Bildfläche zu liegen kommt. Über die daraus resultierenden partiellen Unschärfen ärgerten sich auch Hasselblad-Photographen jahrzentelang...

Wenn die Kamera prinzipiell in Ordnung ist, dann läßt sich mit der Primarflex II natürlich auch heute noch ganz gut arbeiten. Wirklich leicht ist das freilich nicht - die fehlende Blendenautomatik macht sich bemerkbar. Und wie gesagt: Schon das Einlegen des Filmes läßt einem heutzutage die Haare zu Berge stehen. Es gibt allerdings ein Merkmal dieser Kamera, das ich ungeheuer praktisch finde. Mit einem Knopf an der Seite läßt sich nämlich der Spiegel bereits wieder in die Betrachtungsposition bringen, ohne den Verschluß spannen zu müssen. Bei all dem, was oben über die Filmplanlage dieser Kamertypen gesagt wurde, bringt diese kleine Zusatzfunktion schon einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil mit sich. Man kann nämlich dadurch den Bildtransport stets so lange aufschieben, bis das Motiv auf der Mattscheibe wirklich gefällt.


Beide Aufnahmen mit dem Tessar 3,5/105mm; unten weit geöffnet

Ursprünglich habe ich es bewußt vermieden, in diesem Artikel in irgend einer Weise an der Legende mitzustricken, Victor Hasselblad habe die Primarflex kopiert. Ich wollte einfach diesen Unsinn nicht noch unnötig weiter protegieren. Da aber vor nicht allzu langer Zeit ein Buch über die Görlitzer Photoindustrie erschienen ist, wo wieder einmal genau diese Parallelen gezogen werden, fühle ich mich genötigt, hier einmal energisch Widerspruch einzulegen. Der Autor, der über die Primarflex auch nichts Konkretes zu sagen weiß (außer daß er einen Konstrukteur namens Helwig benennt, ohne jedoch Belege zu liefern), bringt es doch tatsächlich fertig, unter dem Stichwort Primarflex letztlich nur über die Hasselblad und die Mondkameras zu schwärmen. Die alte Leier also.


Um es hier ein für alle Mal klarzustellen: Primarflex und Hasselblad haben in etwa so viel gemeinsam, wie ein VW Käfer und ein Trabant. Für meine Oma gibt es da kaum einen Unterschied; es sind beides zwei knuffige Autos mit jeweils 4 Rädern dran. Der Autokenner hingegen weiß, daß es sich um zwei grundverschiedene Automobilkonstruktionen handelt. Der Käfer mit seiner auf den Rahmen aufgesetzten Karosserie, der Trabant selbsttragend, der Käfer mit Heckmotor und Heckantrieb, der Trabant mit Frontmotor und Frontantrieb, der Trabant ein Zweitakter, der Käfer ein Viertakter, et cetera. Und genau so grundverschieden ist die Konstruktion von Primarflex und Hasselblad. Wer sich von den reinen äußerlichen Ähnlichkeiten beider Würfelkameras täuschen läßt, ist meiner Ansicht nach genau so ein Kameraexperte, wie meine Oma ein Autoexperte ist.


Die Primarflex folgt doch einem altbewährten Aufbau, der schon seit dem späten 19. Jahrhundert bei einäugigen Großformat-Reflexkameras verbreitet war. Hierbei läuft der Schlitzverschluß in senkrechter Richtung ab, wobei hinter dem Spiegel gerade genug Platz blieb, um zwei der vier Vorhangwalzen unterzubringen. Für Victor Hasselblad oder genauer gesagt für seinen Konstrukteur Algot Percy Svensson kam dieser Aufbau jedoch nicht infrage, weil die Hasselblad von vornherein in Hinblick auf Wechselmagazine ausgelegt war. Weil solche Magazine viel Platz zwischen Verschluß und Film beanspruchen, war es nötig, den Schlitzverschluß so platzsparend wie möglich aufzubauen. Deshalb mußten die vier Vorhangwalzen links und rechts vom Spiegelkasten untergebracht werden und der Schlitzverschluß der Hasselblad 1600F demzufolge in horizontaler Richtung ablaufen. Nur dadurch konnte der Schlitzverschluß nahe genug an den Spiegel und der Spiegel nahe an die Mattscheibe verlegt werden. Das führte zu einem völlig neuartigen Aufbau des Schlitzverschlusses bei einer Spiegelreflexkamera, der demzufolge auch entsprechend patentfähig war [DBP Nr. 886.247 vom 29. Oktober 1949].

Primarflex Bauform
DE886247 Hasselblad Schlitzverschluß

Um das zu verdeutlichen ist nun oben links das Verschlußbauprinzip der Primarflex gezeigt (Seitenansicht) und rechts dasjenige von der Hasselblad (Ansicht von oben). Während bei der Hasselblad die Schwenkachse des Spiegels direkt über den horizontalen Ablaufwegen der Verschlußtücher untergebracht werden konnte, lag diese bei der Primarflex bauartbedingt weit vorn und außerdem weit unten, was den Lichtpfad derart verlängerte, daß diese Bauart niemals genügend Raum für ein Wechselmagazin geboten hätte.


Es mag zwar sein, daß Victor Hasselblad die Primarflex gekannt hat und von ihrer prinzipiellen Formgebung inspiriert wurde, aber das ist aus technischer Sicht in etwa so ausslaggebend, wie die Tatsache, daß die Konstrukteure des Trabant sicherlich den Käfer gekannt haben.

Bentzin Reflex-Primar

Die Firma Curt Bentzin hatte naturgemäß eine lange Tradition als Hersteller von Plattenkameras; darunter war auch seit Jahrzehnten eine klassische kastenförmige Reflexkamera im Programm. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese modernisierte Reflex-Primar für das Format 9x12 herausgebracht. Die Fertigungszahlen waren aber gering und mit dem generellen Ende des Görlitzer Kamerabaus im Jahre 1952 lief auch dieses Modell nach etwa zwei Jahren aus. Die Dresdner Firma Mentor hatte vergleichbare Atelierreflexkameras noch ein paar Jahre länger im Programm. Bild: Heiko Pilz


Unten: In den 20er Jahren gab es die Primar-Spiegelreflexkameras für verschiedene Plattenformate [nach Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 164.]

Pritschow: Bentzin Reflex Primar

Marco Kröger


letzte Änderung: 6. Mai 2021