Contax und Pentacon


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Contax und Pentacon

Die „Spiegelcontax“ gehört sicherlich zu den faszinierendsten und legendärsten Photogeräten, die der Dresdner Kamerabau je hervorgebracht hat. Das mag natürlich an ihrer Pionierrolle liegen, an der Tatsache, daß sie als die erste wirklich „komplette“ Spiegelreflexkamera angesehen wurde. Wir müssen uns heute einfach vergegenwärtigen, daß es etwas völlig Neuartiges darstellte, in eine Spiegelreflexkamera „hineinschauen“ zu können, wie in eine Sucherkamera, und dabei ein aufrechtstehendes und seitenrichtiges Sucherbild zu erblicken.  Bislang bedeutete der Spiegelreflexsucher immer einen Einblick im rechten Winkel zur Aufnahmerichtung und überdies ein seitenvertauschtes Sucherbild. Beides war beim Amateur unbeliebt und verhinderte eine weitere Verbreitung dieses Kameratyps. Doch diese technische Hürde wurde nun durch das Umkehrprisma überwunden. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, daß mit diesem Schritt das wunderbare Prinzip der Einäugigen Spiegelreflexkamera ein zweites Mal geboren wurde.

Im Jahre 1949, als die Spiegelcontax erschien, war diese herausragende Bedeutung des Prismensuchers vielleicht noch nicht zu 100% abzusehen. Die meisten Hersteller von Reflexkameras – und so viele waren das damals noch nicht – hielten erst einmal am Lichtschacht fest oder fuhren zumindest zweigleisig, indem sie das Prisma nur zum auswechseln oder gar nur zum auf den Lichtschacht aufsteckbar anboten. Die Situation kippte erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Die Kameranutzer hatten quasi mittels ihres Kaufverhaltens über die Frage Prismensucher oder Lichtschacht abgestimmt. Am Anfang wurde der Prismensucher von den Herstellern nur als optionales Zubehör angesehen, vom dem man ausging, daß ihn nur die „ernsthaften“ Amateure zusätzlich anschaffen würden. Das stellte sich aber als falsch heraus. Das Umkehrprisma wurde aufgrund seiner Vorteile sehr stark nachgefragt. Und da zum Beispiel das unpraktische Aufsatzprisma für die Praktica die besagten Vorteile einigermaßen verspielte, wurde es damals scharf in der Presse kritisiert, woraufhin die Kamerawerke den Lichtschacht der Praktica erst für ein verbessertes Prisma umkonstruierten und ihn kurze Zeit später sogar ganz und gar aufgaben. So geschah es, daß auf der Frühjahrsmesse 1959 gleich zwei konkurrierende Spiegelreflexkameras mit FEST EINGEBAUTEM Prismensucher erschienen: Die Praktica IV und die Exa II.

Nur eine Übergangslösung: Praktica FX.2 mit einem IN den Lichtschacht hineinsetzbaren Umkehrprisma.

Daraufhin wurden binnen kurzer Zeit Kleinbildspiegelreflexkameras mit Wechselsuchern zu den Sondergeräten des Marktes. Der Weg, den die Spiegelcontax zehn Jahre zuvor aufgezeigt hatte, der hatte sich nun als der richtige erwiesen. Das aufrechtstehende und zugleich seitenrichtige Sucherbild in Kombination mit der Mattscheibenabbildung, die genau das zeigte, was vom Objektiv später auf den Film gebannt wurde, hatte sich ein für alle Mal durchgesetzt. Jetzt plötzlich konnte die Reflexkamera jenen großen Siegeszug im Amateurlager eintreten; und Gnade demjenigen Kamerahersteller, der diesen Schritt zur Reflexkamera nicht frühzeitig mitgegangen war!

Der sogenannte Prismenstuhl (Baugruppe G50) der Spiegelcontax. Links in der ursprünglichen Form, rechts die unter der Ägide der Kamerawerke überarbeitete Version, bei der endlich eine flache Bildfeldlinse ergänzt werden konnte.

Bevor weiter unten noch etwas ausfürlicher auf die technischen Besonderheiten dieser Kamera eingegangen wird, sollen hier einmal ganz außergewöhnliche photographische Aufnahmen aus der Frühzeit der Contax gezeigt werden. Sie stammen von den Pressephotographen Erich Höhne (1912-1999) und Erich Pohl (1904-1968) und werden von der Deutschen Fotothek im Rahmen einer Creative Commons Lizenz zu nichtkommerziellen Zwecken zur Verfügung gestellt. Ich gebe sie hier im Sinne des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns wieder.


Der erschütternde Ausgangspunkt unserer Spiegelcontax ist Deutschlands Stunde Null. Man kann bei Victor Klemperer nachlesen, in welcher gespannten Stimmung die Dresdner in den letzten Kriegsmonaten gewesen waren. Die anderen deutschen Großstädte waren längst durch schwere Bombenabwürfe getroffen, da reimten sich die Dresdner Verschwörungstheorien zusammen, weshalb gerade ihre Stadt verschont würde. Das Blatt wendete sich um so jäher, als schließlich die Spreng- und Brandbomben im Februar 1945 doch noch das Dresdner Stadtgebiet in ein Trümmerfeld verwandelten. Diese Aufnahmen dokumentieren die Zerstörungen im traditionsreichen Ernemannbau an der Schandauer Straße. Die Luftaufnahme zeigt zuvor noch einmal das stattliche Ensemble der Ernemannschen Fabrikationsgebäude um 1925.

Außerordentlich bemerkenswert sind die folgenden Aufnahmen. Ich dachte ich traue meinen Augen nicht, als mir bei der Recherche plötzlich diese Bilder von Wilhelm Winzenburg unterkamen. Ich war mir sofort sicher, daß hierauf der Chefkonstrukteur der Spiegelcontax zu sehen ist. Erst im Nachhinein ist mir die Contax aufgefallen, die er in den Händen hält. Die Datierung dieser Bilder auf das Jahr 1949 legt nahe, daß es sich um die Pressevorstellung dieser neuen Kamera gehandelt haben muß, die offensichtlich mit einer Art Feierstunde im Ernemannbau einhergegangen war. Man beachte die Prototypen und Funktionsmuster, die Winzenburg auf seinem Tischchen liegen hat.

Bei den beiden Herren um Winzenburg handelt es sich möglicherweise um die Direktoren Neudeck und Fichtner – aber das wird sich nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen lassen. Rechts sieht man ein gigantisches Modell der Spiegelcontax, durch dessen „Spiegelkasten“ offenbar ein dahinterliegender Raum betreten werden konnte. Weitere Archivbilder zeigen, daß dem förmlichen Teil offenbar noch ein lustiger Abend folgte. Die neue Kamera wurde nach vier Jahren intensiver Arbeit also gebührend gefeiert.


Es folgen abschließend noch einige Bilder aus der gerade angelaufenen Produktion. Interessant war für mich zu sehen, daß die Verschlußzeiten offenbar damals schon mit dem neuen Kurzeitmeßgerät von Clamann & Grahnert auf opto-elektronischem Wege gemessen wurden.

Patentüberlieferung zur Spiegelcontax



Auch zur Contax lassen sich essentielle Grundlagenpatente finden, die uns wichtige Einblicke in ihre Entwicklungsgeschichte ermöglichen. Verwässert wird dies allerdings ein wenig durch den Fakt, daß diese Patente offensichtlich alle zum selben Stichtag im Umfeld der Messevorstellung dieser Kamera im Frühjahr 1949 angemeldet wurden. Ein chronologisches Nachempfinden der Entwicklungstätigkeiten, wie dies zum Beispiel in Bezug auf den Prestor-Zentralverschluß möglich war, ist dadurch in diesem Falle leider nicht möglich.



Der Schlitzverschluß der Spiegelcontax


Wilhelm Winzenburg und seine Leute haben sich das grundsätzliche Konzept des Leica-Verschlusses zum Vorbild genommen, als sie kurz nach dem Kriegsende das Projekt einer Kleinbildreflexkamera mit Geradsichtsucher wieder aufnahmen. Das erkennt man an wesentlichen Gestaltungsmerkmalen des Verschlußaufbaus. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die nötigen etwa 40 mm Tuchlänge abrollen zu lassen. Die Schlitzverschlüsse des alten Prinzips arbeiteten quasi alle mit relativ dünnen Walzen, auf denen die Rollos aufgewickelt werden. Diese müssen sich also mehrfach um die eigene Achse drehen, um die gesamte Länge der Vorhänge aufwickeln zu können. Mit der Schlitzweitensteuerung, die sich um weniger als 360 Grad drehen darf, sind diese Walzen daher durch eine Getriebeübersetzung verbunden. Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Verschlüsse der Exakta und der Praktiflex/Praktica. Bei der Leica hingegen sind die Rollowalzen derart groß vom Durchmesser gewählt, daß auf ihrem Umfang die gesamte Tuchlänge platzfindet, obgleich der Drehwinkel des Zeiteinstellknopfs ebenfalls unter 360 Grad bleibt. Der große Vorteil dieser Bauart ist, daß schwierig herzustellende, platzintensive und stets Hemmungen mit sich bringende Getriebeteile entfallen können. Bei der Leica kommt noch hinzu, daß der erste Verschlußvorhang den Start des zweiten Vorhanges über eine reine Hebelkonstruktion auslöst, also ebenfalls getriebelos. So eine simple Konstruktion kam für Winzenburg allerdings nicht infrage, denn sein Ziel war es, mit einer einzigen Ansteuerung alle Zeiten von einer Sekunde bis zur Tausendstel abzudecken.

Leica Verschluß Prinzip

Grundsätzliches Funktionsprinzip des Leicaverschlusses mit seinen drei Wellen und der Steuerwalze mit dem großen Durchmesser. Die Getriebeteile, die hier zu sehen sind, haben nur die Funktion, den Verschlußaufzug mit dem Filmtransport zu kuppeln. Für die Verschlußzeitenbildung sind sie prinzipiell  nicht nötig.

Wilhelm Winzenburg war von Hause aus Kinotechniker. Viel bedeutender als seine Konstruktionsarbeit an der Spiegelcontax war eigentlich sein Beitrag zur Verbesserung der Lichttheaterprojektion. Auf seine Anregung hin wurden ab etwa 1922 statt Linsenkondensoren Spiegeloptiken zur Durchleuchtung des Bildfensters eingesetzt (sog. „Artisollampe“). Die großen Lichtspielhäuser der goldenen Ära des Kinos mit ihren großen Leinwänden und den vielen hundert Sitzplätzen wären ohne solche Spiegelsysteme nicht denkbar gewesen. Winzenburg arbeitete für die Hahn AG in Kassel, die eine Tochterfirma der Goerz AG gewesen ist und zusammen mit dieser 1926 in der neuen Zeiss Ikon AG Dresden aufging. Winzenburg ging nach Dresden und entwickelte hier die Projektoren „Kinobox“ und „Phonobox“, die als kompakte, transportable Projektoren für den Landfilm entwickelt wurden und als Vorläufer des Tonkoffers TK35 angesehen werden können. Aufgrund seiner umfangreichen feinwerktechnischen Kenntnisse wurde Winzenburg gleich nach dem Kriege zum Chefkonstrukteur der Spiegelcontax. Nach Fertigstellung der wesentlichen Arbeiten an diesem Projekt wechselte er wieder in sein Spezialgebiet der Kinogeräte und entwickelte in maßgeblicher Verantwortung die „Dresden D1“ als Nachfolgerin der berühmten Ernemann VIIB Theatermaschine, bevor er schließlich die Gesamtleitung der Abteilung Forschung und Entwicklung des VEB Zeiss Ikon übernahm. [Vgl. dazu Schulze-Manitus, Hans: Technische Filmchronik, Bild und Ton 7/1960, S. 223]. Er starb im Jahre 1972.


Im Grunde genommen ist es unerheblich, wieviel vom „Syntax-Projekt“ nach dem Ausbrennen des Zeiss-Ikon-Werkes noch übrig war, denn was den Verschluß angeht, so haben Wilhelm Winzenburg und Rudolf Kuhnert einen völlig neuen Weg eingeschlagen. Man kann es auch anders ausdrücken: Sie haben sich von dem Murks, den es bedeutet hätte, den Verschluß der Contax Meßsucherkamera in die Reflexkamera einbauen zu müssen, vollständig befreit.

Contax Schlitzverschluß

Das Hauptpatent


Wichtigste Quelle für ein Nachvollziehen der Konstruktionsarbeit Winzenburgs und Kuhnerts ist das Patent Nr. DD5395 „Schlitzverschlußeinrichtung für photographische Kameras“ vom 6. März 1949. Diese umfängliche Patentschrift erhebt nicht weniger als 22 schutzrechtliche Ansprüche. Sie gibt nicht den Entwicklungsstand der Spiegelcontax im Frühjahr 1949 – also kurz vor dem Anlaufen der ersten Serienproduktion – wieder, sondern das Grundprinzip des Verschlusses, an dem offenbar schon seit mehreren Jahren gearbeitet worden war, um ihn produktionsreif zu machen. Allerspätestens wenn ein Produkt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist es ratsam, sich die Neuerungen, die dieses Produkt ausmachen, patentrechtlich schützen zu lassen, um einen bloßen Nachbau zu verhindern. Gleichsam ist die Patentanmeldung eine der wichtigsten Möglichkeiten für Konstrukteure, ihre abgeschlossenen Entwicklungsarbeiten zu Veröffentlichen und damit einen Beitrag zur Eruierung des internationalen technischen Standes zu leisten. Offenbar wurden die Konstruktionsarbeiten für die Spiegelcontax im Frühjahr 1949 für weitgehend abgeschlossen angesehen.


Bevor ich auf einige Details des Patents eingehe noch ein paar Worte zum Grundprinzip des Contax-Verschlusses. Das absolut Neue und mithin Moderne dieses Verschlusses war ein Aufteilen des Mechanismus in denjenigen Part, der die Rollos antreibt und denjenigen, der den Ablauf dieser Rollos steuert. Bei Kameras wie der Leica, Exakta und Praktica sind diese beiden Teile untrennbar miteinander verknüpft, das heißt diejenige Kraft, die die Rollos bewegt, treibt auch das Zeitsteuerwerk mit an. Die Bildung des Belichtungsschlitzes und damit der Verschlußzeit wird dadurch erreicht, daß aus der Kraft, die den ersten Verschlußvorhang antreibt, ein Hemmwerk angesteuert wird, das den Ablauf des zweiten Vorhanges um den entsprechenden Betrag verzögert. Bei der Spiegelcontax hingegen wird die in den Federwalzen gespeicherte und für eine gleichmäßige Belichtung möglichst exakt justierte Kraft allein zum Ablauf der Vorhänge genutzt. Die Ansteuerung der Vorhänge erfolgt durch ein gesondertes Zeitbildungswerk, das durch eine eigene Feder angetrieben wird, die mit dem Filmtransport/Verschlußaufzug stets aufs Neue gespannt wird. Diese Ablaufsteuerung „sagt“ den beiden Verschlußvorhängen, die bei gespanntem Verschluß durch Klinken festgehalten werden, wann diese ablaufen dürfen. Das ist technikgeschichtlich ein bemerkenswertes Konzept. Zwanzig Jahre später wurde im VEB Pentacon Dresden am Verschluß der Praktica electronic gearbeitet, deren Ablaufsteuerung auf ähnliche Weise funktioniert; mit dem Unterschied, daß hier nicht ein mechanisches Uhrwerk die Zeitbildung bewerkstelligt, sondern eine elektronische Schwellwertschaltung. Der Start des zweiten Verschlußvorhanges wird bei dieser Kamera nur nicht wie bei der Contax auf mechanischem Wege durch eine sich drehende Nockenscheibe ausgelöst, sondern dadurch, daß das Feld eines kleinen Elektromagneten zusammenbricht und dadurch der bis dahin eingeklinkte Vorhang freigegeben wird. Nach genau diesem Prinzip arbeiten alle elektronisch gesteuerten Verschlüsse bis zum heutigen Tag. Der Schlitzverschluß der Spiegelcontax war also nichts weniger als der Pionier der modernen, fremdgesteuerten Verschlußbauarten.

Contax Zeitwerk
Contax Turmlager

Links das sogenannte Turmlager der Spiegelcontax, in dem die Steuerwalze des Verschlusses läuft. Gut zu sehen sind die beiden schwarzen Hebel, die die Vorhänge in Position halten wenn der Verschluß gespannt ist. Diese Hebel werden vom sogenannten Zeitwerk ausgerückt, das damit den Ablauf der Vorhänge wie ein Uhrwerk steuert. Dieses Zeitwerk mit seinen Nocken ist rechts abgebildet. Der dritte Hebel aus Messing dient der Blitzsynchronisation. Der zugehörige Kontakt ist ganz links erkennbar. Unten ist noch einmal dargestellt, wie diese Hebel an den Nockenscheiben anliegen.

Contax Zeitwerk

Aus der Patentschrift geht übrigens hervor, daß auch der erste Verschlußvorhang vom Zeitwerk ausgelöst wird und nicht direkt vom Auslöser (Patentanspruch 11). Das hat den Hintergrund, daß auf diese Weise der Ablauf des ersten Vorhanges kontrolliert verzögert werden konnte, bis der Reflexspiegel wirklich seine obere Position eingenommen hat. Durch diesen Kunstgriff konnte auf alle Fälle ausgeschlossen werden, daß sich der Verschluß öffnet, noch bevor der Spiegel den Lichtpfad völlig frei gegeben hat. Diesen Fehler zeigte namentlich die Praktica, die Siegfried Böhm (1921-2016) von einem Hub- auf einen Klappspiegel umkonstruiert hatte. In vollem Bewußtsein über dieses Problem, das vor allem bei zu raschem Druck auf den Auslöser zu beklagen war, hatte Böhm die Verschlüsse seiner Praktina und Praktisix so konzipiert, daß diese erst durch den oben angekommen Spiegel ausgelöst wurden. Die Contax ging einen anderen Weg, indem sozusagen eine feste Verzögerungszeit für den Verschlußablauf einprogrammiert wurde, die auch bei behender Verschlußauslösung dem Spiegel noch genügend Zeit zum vollständigen Hochklappen beließ.


Der gesamte Verschlußablauf der Spiegelcontax beruht also darauf, daß ein bald als Zeitwerk, bald als Auslösewerk bezeichneter Steuermechanismus stets eine volle Umdrehung ausführt (Patentanspruch 2) und während dieser Umdrehung den ersten Verschlußvorhang durch eine feststehende Nocke, den zweiten Vorhang durch eine in der Position veränderliche Nocke auslöst (Patentanspruch 3). Die Breite des Belichtungsschlitzes und damit die Länge der Verschlußzeit ergibt sich also daraus, welchen Winkel diese beiden Nocken zueinander einnehmen. Dazu ist die Nocke des zweiten Verschlußvorhanges über eine Friktion verstellbar; das heißt ursprünglich wäre eine stufenlose Einstellung der Verschlußzeit möglich gewesen, denn von einer Rastung ist weder im Text noch in der Zeichnung etwas zu erfahren. Auch später nicht so verwirklicht wurde, daß ein für die längeren Zeiten notwendiges Hemmwerk (Patentanspruch 4) je nach eingestellter Verschlußzeit SELBSTTÄTIG zugeschaltet wurde (Patentanspruch 5). Da sich dieses Ansinnen offenbar nicht umsetzen ließ, wurde bei den späteren Serienkameras das Hemmwerk mit dem bekannten Schieber an der Rückseite manuell zugeschaltet und gleichsam der Einstellindex auf die roten Zahlen umgestellt. Wichtig zu erwähnen ist noch, daß das Aufziehen des Zeitwerkes in zwangsläufiger Kupplung mit dem Zurückführen der Verschlußvorhänge und dem Filmtransport geschah (Patentanspruch 1). Die übrigen Schutzansprüche beschäftigen sich hauptsächlich mit den nötigen mechanischen Triebmitteln, die ein solch komplexer Aufbau insgesamt benötigt.



Das  Zusatzpatent


Für die Geschichte der Spiegelcontax ziemlich interessant ist weiterhin ein Zusatzpatent Nr. DD5403, das Winzenburg zwar am selben Tag wie das obige angemeldet hat, dessen Ideen aber deutlich jünger zu sein scheinen, weil sie erst im Laufe der Entwicklungsarbeiten zur Contax aufgekommen sein müssen. Das Zusatzpatent befaßt sich mit dem Problem, daß insbesondere die kürzeste Verschlußzeit bei einem Schlitzverschluß große konstruktive Probleme bereitet. Bei einer tausendstel Sekunde liegt die Weite des Belichtungsschlitzes gerade einmal um einen Millimeter herum. Jede kleinste Abweichung von dieser Spaltbreite – und sei es in der Größenordnung eines Zehntelmillimeters – führt dazu, daß die tatsächliche Belichtungszeit massiv vom Nominalwert abweicht. Noch schlimmer ist allerdings, wenn sich diese Abweichungen ergeben, während dieser schmale Spalt über das Bildfenster wandert. Lichtabfall über die Breite des Negativs hinweg oder auch häßliche streifige Belichtung, die mit keinem Mittel der Welt mehr im Kopierprozeß zu korrigieren sind, wären die Folge. Ganz offensichtlich litten die ersten Nullserienmodelle der Spiegelcontax unter diesem Problem, denn Sammler haben Modelle aufgetan, bei denen die kürzeste Verschlußzeit auf eine 1/500 Sekunde beschränkt wurde. Mit solch einer Beschränkung wollte man sich aber offenbar bei Zeiss Ikon nicht zufriedengeben. Deshalb hat Winzenburg seinen Verschluß dergestalt umgeändert, daß nach dem im verdeckten Zustand erfolgten Zurückführen der Verschlußtücher diese freigegeben werden und in ihre bereits oben angesprochenen Halteklinken fallen. Diese sind nun aber so zueinander angeordnet, daß der erste Verschlußvorhang wieder ein Stück zurückläuft, bevor er in seine Klinke fällt. Dadurch wird der gedeckte Zustand des Verschlusses bereits am Ende des Spannvorganges beendet und es bildet sich ein Belichtungsschlitz von gerade derjenigen Breite heraus, der für die Verschlußzeit von einer 1/1000 Sekunde nötig ist (0,6mm Normwert lt. Montageanweisung). Bei dieser kürzesten Verschlußzeit werden also beide Vorhänge in diesem festgelegten Abstand gleichzeitig ausgelöst; wobei gewährleistet ist, daß die korrekte Spaltbreite beim Abgleich des Verschlusses genau einjustiert werden kann, sodaß die 1/1000 Sekunde sehr präzise eingehalten wurde.

Contax Schlitzweitenverstellung

Die genaue Justage der Spaltbreite und damit auch der 1/1000 Sekunde erfolgt an dem im roten Kreis sichtbaren Excenter.

Eine große Kontroverse in der Aufarbeitung der Geschichte der Spiegelcontax hat sich um die Autentizität der Modelleinteilung in A, B und C ergeben. Grund dafür ist die fragwürdige Attitüde und das unsaubere Arbeiten einiger älterer Autoren. Wie oben gezeigt, hat es bis zum Erscheinen der Contax S mehrere Entwicklungsstufen ihres Schlitzverschlusses gegeben, die eine solche Unterteilung sinnvoll erscheinen lassen, selbst wenn sie vorerst nur betriebsintern vorgenommen wurde. Ausführlicher gehe ich auf diesen Aspekt in einem gesonderten Aufsatz ein.

Der Schrägauslöser


Ebenfalls am 6. März 1949 wurde noch ein drittes Patent mit der Nr. DD978 angemeldet. Es beschreibt den für die Contax so typischen Schrägauslöser. Zynischerweise hatte die schreckliche Verwüstung Dresdens für Zeiss Ikon den positiven Effekt, daß man quasi von vorn beginnen mußte. Alle Vorarbeiten der Kriegszeit bezüglich der Kleinbildreflexkamera waren zunichte gemacht. So waren Winzenburg und seine Leute gezwungen, „from scratch“ neu zu starten, wie die Engländer sagen. In vielen Beziehungen ist das aus heutiger Sicht als Glücksfall anzusehen, denn so war es möglich, sich von vielem Ballast der Küppenbender-Zeit freizumachen. So kann man aus dem besagten Patent Nummer 978 beinah wörtlich herauslesen, daß Winzenburg vom koaxial in den Transportknopf der Contax Meßsucherkamera eingelassenen Auslöser gar nichts hielt. Er hatte daher den Auslöser bei der Spiegelcontax so angeordnet, daß der Auslösedruck der natürlichen Fingerbewegung folgen konnte. Außerdem stellte sich später heraus, daß die nach hinten unten gerichtete Bewegung die Kamera in die sie haltende Handfläche drückte und damit am besten ein Verreißen der Kamera verhindert werden konnte. Das ist der Grund dafür, weshalb diese Anordnung des Auslösers zum regelrechten Markenzeichen des Dresdner Kamerabaus geworden ist. Die Praktina, die Praktisix, die Belmira, die Pentacon Super, die Praktica nova und L-Serie – alle diese Kameras haben diesen Schrägauslöser übernommen. Eine bessere Anerkennung für die Arbeit eines Konstrukteurs läßt sich kaum finden.

DD978

Modellübersicht




Contax S Typ C


Sach-Nr. Gruppe:  130

Contax S Nr. 13045 / zeissikonveb.de

Contax S  Nr.  13045,  Fabrikationsnummer  57443  mit Blitzanschluss in der Stativmutter und

feststellbarem Auslöser-Knopf


Kurzanleitung für Contax S / zeissikonveb.de

Contax S Typ D


Sach-Nr. Gruppe:  130

Contax S D Nr. 16442 / zeissikonveb.de

Contax S D  Nr. 16442, Fabrikationsnummer  60793  mit Blitzanschluss auf der Deckkappe, der Auslöser ist nicht mehr feststellbar.

Contax S  D Bedienungsanleitung / zeissikonveb.de
Kurzanleitung für Contax S / zeissikonveb.de

Contax D


Sach-Nr. Gruppe:  130

Contax D Nr. 80732 / zeissikonveb.de

Contax D  Nr. 80732,  Fabrikationsnummer  261135


Mit der Vorstellung der Contax D zur Leipziger Herbstmesse im September 1952, bekam  diese eine Reihe

an Zubehör an die Seite gestellt, was ihre Einsatzgebiete erheblich erweiterte.

Contax D Bedienungsanleitung / zeissikonveb.de
Kurzanleitung Contax D / zeissikonveb.de
zeissikonveb.de/Contax D Nr. 82464

Contax D Nr. 82464,  Fabrikationsnummer  261293






Pentacon "ZI"


Sach-Nr. Gruppe 133


Diese Variante der Pentacon, wie sie eigentlich richtig heißt, wird nur zur Unterscheidung von weiteren  Varianten mit dem Zusatz "ZI" versehen. In den Bedienungsanleitungen wird sie als "Pentacon"  bezeichnet.    Eine Bedienungsanleitung in englischer Sprache beweist die Existenz dieser Variante schon im Jahr 1952.  Niedrige Seriennummern lassen sogar den Schluß zu, das die ersten "Pentacon ZI" zeitgleich mit der  Contax S D gebaut wurden.

Pentacon "ZI" Nr. 66545 / zeissikonveb.de


Pentacon "ZI"  Nr. 66545,  Fabrikationsnummer 245449, Bestell-Nr. 133/62


Die vollständige Dokumentation zu dieser Pentacon umfasst die Bedienungsanleitung, den Garantieschein, die Kontroll-Karte in englisch (Test-card) eine Bedienungsanleitung zur Blendenvorwahl des Objektives und die Rechnung. Die Originalverpackung, das Objektiv und die Bereitschaftstasche sind auch vorhanden.

zeissikonveb.de/Garantieschein 66545
zeissikonveb.de/Garantieschein 66545
zeissikonveb.de/Prüfkarte 66545
zeissikonveb.de/Prüfkarte 66545
zeissikonveb.de/Quittung 66545

Der Garantieschein trägt nur die Fabrikationsnummer, diese ist zudem handschriftlich geändert worden, die genauen Gründe dafür sind noch unbekannt, es ist aber kein Einzelfall. Die Kontroll-Karte trägt vorn den Namen der Kamera, die Bestellnummer und die Fabrikationsnummer. Rückseitig sind die Seriennummer (ganz oben) die Unterschriften der Kontrolleure und die Objektivnummer (handschrifftlich) vermerkt.

Instructions for use Pentacon / zeissikonveb.de
zeissikonveb.de/Pentacon "ZI" Nr. 83665

Pentacon ZI  Nr.: 83665,  Fabrikationsnummer: 262970




Pentacon

Pentacon Nr.: 93049, Fabrikationsnummer: 5009477

Contax E

Contax E Nr. 94727 / zeissikonveb.de

Contax E  Nr. 94727,  Fabrikationsnummer  5018651

 

zeissikonveb.de/Contax E Nr.101017

Die Erste in meiner Sammlung war die  Contax E  Nr. 101017,  Fabrikationsnummer  5031497

Pentacon E

Pentacon F


Sach-Nr. Gruppe:  133

zeissikonveb.de/Pentacon F Nr. 105291

Pentacon F  Nr. 105291,  Fabrikationsnummer  5083208,  Bestell-Nr. 133/854


Zu dieser Kamera liegen der Garantieschein, die Prüfkarte und die Rechnung vor. Die Bestell-Nr. 133/854 belegt, das die Kamera am 16. Oktober 1957 verkauft wurde und das dazugehörige Objektiv ab Werk geliefert wurde. Der zweite Ziffernblock bezieht sich auf das Objektiv, ein C.Z.Jena  B 1:2  f = 58 (Biotar) 

Contax F


Sach-Nr. Gruppe:  130

zeissikonveb.de/Contax F Nr. 106722

Contax F  Nr. 106722,  Fabrikationsnummer  5084296





Pentacon FM


Sach-Nr. Gruppe:  131

zeissikonveb.de/Pentacon FM Nr. 134794

Pentacon FM  Nr. 134794,  Fabrikationsnummer  432438                                     




Pentacon  F


Sach-Nr. Gruppe:  133

zeissikonveb.de/Pentacon F Nr. 140157

Pentacon F  Nr. 140157,  Fabrikationsnummer  471351






Contax  F


Sach-Nr. Gruppe:  130

zeissikonveb.de/Contax F Nr. 152115

Contax F  Nr. 152115,  Fabrikationsnummer  491122





Pentacon  FM


Sach-Nr. Gruppe: 131

zeissikonveb.de/Pentacon FM Nr. 161744

Pentacon FM  Nr. 161744


Diese Kamera wurde laut Garantieschein im Oktober 1959 im Werk geprüft und am 05. Juni 1961 verkauft.

 

zeissikonveb.de/Garantieschein Pentacon FM Nr. 161744
zeissikonveb.de/Pentacon FM Nr. 190106

Pentacon FM  Nr. 190106


Contax gif

Yves Strobelt, Marco Kröger 2017


letzte Änderung: 7. September 2020