Willy Merté

Willy Merté

Genialer Optik-Konstrukteur und intriganter Karrierist

Der folgende Aufsatz ist in Zusammenarbeit mit Hao Liang aus Hefei in China entstanden, der mit seinen akribischen Recherchearbeiten zur Lebensgeschichte Mertés den Anstoß gegeben hat, über diesen zwiespältig zu beurteilenden Mann ein Art "Werkbiographie" zu schreiben.

Kann jemand eine absolute Ausnahmeerscheinung sein und zugleich ein typischer Mann seiner Zeit? Kann einer, der eine moderne humanistische Bildung genossen hat und von seinen Zeitgenossen ob dieser hohen Bildung gerühmt wird zugleich den stumpfsinnigsten Rattenfängern hinterherlaufen und sogar für sie trommeln? Ja ein Mensch kann durchaus so zwiespältig handeln, wenn eine bestimmte innere Veranlagung auf entsprechende Zeitumstände trifft. Zum Zeitpunkt da dieser Aufsatz entsteht, begehen wir gerade den 80. Jahrestag der Nürnberger Prozesse. Dort saß unter anderem mit Walther Funk ein allseits gebildeter, musisch sehr begabter Angeklagter vor dem Tribunal, der neben Wirtschafts- und Rechtswissenschaften zugleich Musik und Literatur studiert hatte und der vielleicht wie zuvor sein Onkel ein berühmter Pianist und Musikpädagoge hätte werden können. Der 1890 geborene Funk wurde jedoch Wirtschaftsjournalist und war nach der Machtergreifung der neuen Führung zunächst als Nahtstelle zum alten Reichspräsidenten Hindenburg nützlich gewesen. Später, nachdem mit Hjalmar Schacht einer der wichtigsten Steigbügelhalter des Hitlerregimes abgesetzt worden war, setzte Funk als dessen Nachfolger in den Ämtern des Reichsbankpräsidenten und des Wirtschaftsministers widerspruchslos alle Direktiven der Naziführung um – von der Herausdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben in den Jahren 1938/39 bis zur Verwertung des Zahngoldes, das den in den Konzentrationslagern ermordeten Juden aus den Mündern entrissen worden war, durch die von ihm geführte Reichsbank. Auf einen überschwänglich formulierten Brief angesprochen, in dem er Hitler nur wenige Tage vor dem Überfall auf Polen die Kriegsbereitschaft der deutschen Wirtschaft versichert hatte, erklärte Walther Funk vor dem Nürnberger Tribunal im Mai 1946, dieser Brief und sein Ton seien "menschlich erklärlich": "... weil ich stolz darauf war, dass ich auch einmal etwas in dieser Stellung getan habe; denn jeder Mensch will ja mal etwas sein."

Willy Merté

Mal etwas zu sein. Das war seinerzeit durchaus noch ein ziemlich neuartiges Lebensziel. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein verharrte man in Deutschland für gewöhnlich in dem gesellschaftlichen Stand, in den man hineingeboren war. Der Sohn eines Knechtes blieb Knecht, die Tochter einer Magd blieb Magd. Erst Industrialisierung und Gewerbefreiheit machten es möglich, dass man aufsteigen und sich Wohlstand erarbeiten konnte. Doch ein solcher Lebensweg blieb angesichts der vielen Konjunkturkrisen des 19. Jahrhunderts lange Zeit derart risikoreich, daß Wilhelm Hauff seinen Peter Munk, statt ihn eine Glashütte betreiben zu lassen, lieber weiterhin Kohlen brennen ließ, wie es schon sein Vater und sein Großvater getan hatten. Am Beispiel eines Paul Rudolph Jahrgang 1858 ließ sich aber zeigen, daß es bereits zu Zeiten der Hochindustrialisierung für einen frisch promovierten Mathematiker erfolgversprechender war, nicht wie zuvor üblich den sicheren Lehrerberuf zu ergreifen, sondern für ein aufstrebendes Industrieunternehmen tätig zu werden.

1. Von Anfang an ein Musterschüler

Schon eine Generation später hatten sich jedoch die Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs noch weiter vervielfältigt. Nur ein anderthalbes Jahr älter als der oben genannte Walther Funk war der am 8. Januar 1889 geborene Willy Walter Merté. Seine Familie hatte (wie diejenige des Professors Abbe) einen hugenottischen Ursprung – auf den accent aigu im zweiten "e" seines Nachnamens und auf die Aussprache als "Mertee" legte er offenbar zeitlebens einen derart großen Wert, daß sogar das bei Zeiss übliche Namenskürzel "Mé" stets mit diesem accent versehen werden mußte. Waren die Vorfahren Willy Mertés noch Schuhmacher, Kaufleute und Schankwirte gewesen [Vgl. Liang, Biography, S. 3], so genoß der in Weimar aufgewachsene Sproß die humanistische, altsprachlich ausgerichtete Bildung auf dem altehrwürdigen Wilhelm-Ernst-Gymnasium.

Willy Mertés Vater Conrad (1852 - 1905) war Kaufmann. Er trat im April 1890 in die im Jahre 1881 gegründete Porzellanmalerei-Firma Ernst Landgraf in Ilmenau als Mitinhaber ein, die jedoch bereits im September 1892 Konkurs anmelden mußte. Es gab damals einen großen Skandal, da sein Mitinhaber Wilhelm Knefeli, der zunächst geflüchtet war, am 15. Oktober in Roßla am Harz von der Polizei gestellt wurde und sich im Moment der Festnahme mit einem Revolver selbst in den Kopf geschossen hatte.

Aus Willy Mertés Schulzeit haben wir einige Informationen, da sein Schuldirektor Ludwig Weniger alljährlich umfangreiche Berichte über sein Gymnasium Weimar verfaßt hat, die sogar gedruckt wurden und sich daher in Bibliotheken erhalten haben. So können wir beispielsweise vom Schuljahr 1904/05 sagen, daß Willy Merté damals in der Untersekunda war (also der zehnten Klasse) und daß er acht Stunden Latein, sieben Stunden Griechisch und zwei Stunden Französisch pro Woche gehabt hat; aber nur vier Stunden Mathematik und gar nur zwei Stunden Physik! Von einer dezidiert mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung kann also keinerlei Rede sein.

Durch die Jahresberichte seines Direktors haben wir Zeugnis davon, daß Willy Merté seit seinem zweiten Schuljahr am Gymnasium stets der Klassenbeste gewesen war. Im Frühjahr 1908 legte er das Abitur als Primus Omnium ab also als bester seines Jahrganges – mit einem "sehr gut" in allen Fächern [Vgl. Reiner, Merté, in: Optik, 2/1989, S. 84.]. Als die Abiturienten am 26. Februar 1908 entlassen wurden, war er es, der die Abschiedsrede halten durfte.

Willy Merté als Student

Man kann sich nun fragen, weshalb jemand, der mit dieser schulischen Vorbildung doch offenbar für das geisteswissenschaftliche Fachgebiet bestens gewappnet gewesen wäre, sich ab dem Sommersemester 1908 an der Universität München ausgerechnet für ein naturwissenschaftliches Studium einschreibt. Auch wenn er nur für ein Semester in München blieb, so hörte er doch hier Vorlesungen bei keinem geringeren als Wilhelm Conrad Röntgen. Offenbar lag ihm genau das, was ihm am Weimarer Gymnasium ein wenig vorenthalten worden war. Zum Herbstsemester 1908 kehrte Merté aus dem "bayrischen Ausland" in sein heimatliches Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach zurück, zu dem auch die alte Universitätsstadt Jena gehörte, wo er sein Studium fortsetzte. Die oben zu sehende Portraitaufnahme Mertés stammt aus dieser Zeit. Seine seit 1905 verwitwete Mutter Anna (1865 - 1935) und sein Bruder Hans zogen 1909 von Weimar nach Jena. Die Stadt war damals bereits eine Industriemetropole. Im Vergleich zu München war Jena zwar nach wie vor eine Kleinstadt, doch im Jahre 1910 konnte sie sich erstmals mit etwa 38.500 Einwohnern als die größte "Metropole" des Herzogtums vor Weimar und Eisenach placieren. Das Bevölkerungswachstum des einstmals verträumten Städtchens hatte über die letzten 50 Jahre hinweg bei 550 Prozent gelegen!

Über Kurven sphärischer Krümmung

Mertés Promotionsarbeit "Über Kurven sphärischer Krümmung" vom Juli 1912 zeigt uns, daß der gerade erst 23-jährige bereits sein Lebensthema gefunden hatte. Und es sollte sich bald herausstellen, daß er nicht nur in theoretischer Hinsicht an seinem Fachgebiet Interesse zeigte, sondern offenbar auch in hohem Maße Gefallen an der angewandten Mathematik entwickelt hatte. Merté konnte zwar bereits im Februar 1913 (!) sein Staatsexamen in Mathematik, Physik und Philosophischer Propädeutik mit Auszeichnung abschließen, doch wie fast drei Jahrzehnte zuvor Paul Rudolph entschied sich auch Merté letzten Endes gegen die Laufbahn als Lehrer. Stattdessen wurde er zum 15. März 1913 als Assistent Ernst Wanderslebs bei Zeiss angestellt. Hier hatte sich nach dem Weggang von Paul Rudolph eine Lage ergeben, die wir heute als Fachkräftemangel bezeichnen würden. Und für den an praktischer Anwendbarkeit seiner Fähigkeiten interessierten Merté war diese Anstellung bei Zeiss eine große Chance. Aus seinen eigenen Angaben wissen wir, daß er gleich zu Beginn die von Moritz von Rohr begonnene Datensammlung zu historischen und aktuellen Photoobjektiven übernommen hatte und weiterführte und sich auf diese Weise binnen kurzer Zeit einen Überblick über den Stand der Technik und die angewandten Korrektionsmethoden im Objektivbau verschaffen konnte.

Doch seine Tätigkeit bei Zeiss sollte schon nach kurzer Zeit jäh unterbrochen werden. Europa war im Sommer 1914 in einen Krieg hineingetaumelt, der zu Beginn als eine Art Schlagabtausch zwischen den Großmächten verharmlost wurde, sich jedoch durch seine unbändige Art der Kriegsführung nach außen und die schweren gesellschaftlichen Verwerfungen nach innen bald zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts entwickeln sollte. Man kann wohl sagen, daß aus diesen vier langen Jahren des Krieges keiner so herauskam, wie er in sie hineingegangen war. Und insbesondere für die Altersklasse, der Willy Merté angehörte, also für die Männer in ihren 20ern, wurde der Krieg und der anschließende Zusammenbruch der alten Ordnung oftmals zu einem politischen und persönlichen Erweckungserlebnis, von dem sie zeitlebens nicht mehr loskamen. Unser Willy Merté war zunächst wie es sich für einen Primus seiner Art gehört nach kurzer Zeit zum Offiziersstellvertreter aufgestiegen. In diesem Range nahm er im Sommer 1915 nach eigenen Angaben am "Feldzug in Polen" teil, bei dem Mittelmächte die russischen Truppen weit zurückdrängen konnten. Bei einem dieser Angriffe wurde Willy Merté im August oder September 1915 durch einen Lungenschuß schwer verwundet, was ihn für den Rest seines Lebens körperlich behindern sollte. Noch im Jahre 1947, als Merté in die USA wechseln wollte, ist in einem Fragebogen seine "Schussnarbe auf der Brust" als Merkmal explizit erwähnt. In den Zeugenaussagen zu Mertés Spruchkammerverfahren nach 1945 wird berichtet, daß er "unter einem vollkommen abnorm hohen Blutdruck leidet, dadurch sehr von Schlafmitteln abhängig und kaum zu irgendwelchen körperlichen Anstrengungen fähig ist." [Persilschein von Fritz Wolf vom 16. September 1947].

2. Vom Assistenten zum Leiter der Aufstieg Willy Mertés im Zeiss-Photobüro (1915 - 1925)

Nach einer einigermaßen körperlichen Wiederherstellung kehrte Merté noch im Jahre 1915 zu Zeiss zurück. Seinen eigenen Angaben zufolge übernahm er nun die Weiterentwicklung der prestigeträchtigen Tessare [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 24.]. Das ist in dieser Form so nicht richtig bzw. verwirrend. Die Zusammenhänge sind aber etwas kompliziert. Wir haben es mit zwei verschiedenen Patenten zu tun, die beide im Herbst 1917 angemeldet wurden.

Merté Tessar

Wollen wir uns zunächst mit dem am 16. Oktober 1917 angemeldeten Reichspatent Nr. 350.335 konzentrieren. Hierzu gibt Merté in "Das photographische Objektiv" von 1932 auf Seite 286 an, ER sei Errechner dieses Objektivs gewesen und ergänzt eine Fußnote, er habe diese Erfindung zusammen mit Wandersleb gemacht. Dieses Patent hatte zum Inhalt, das bisher im Tessar 1:4,5 verwendete Schwerkron durch ein beständigeres (und billigeres) Glas zu ersetzen. Es hat sich mittlerweile nachweisen lassen, daß dieser Ersatz des Schwerkron in der Frontlinse schon um 1911 eingeführt worden war und damit eindeutig VOR Eintritt Mertés in das Zeiss'sche Photobüro (siehe hier Abschnitt und vor allem 2.2.2). Es ließ sich sogar zeigen, daß die Tessare 1:4,5 bis zu ihrem Auslaufen in der späten DDR-Zeit im Prinzip auf demselben Glasaufbau verharrten, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg durch Wandersleb eingeführt worden war

Im Prinzip wurde also dieser Ersatz der bisherigen Schwerkrongläser in den Tessaren 1:4,5 erst 1917 zu einem Patent formuliert, nachdem der Patentschutz des Tessares nach der damals üblichen Dauer von 15 Jahren abzulaufen drohte (durch den Krieg gab es in dieser Sache freilich ein Moratorium bis zum April 1920). Das obige Versuchsobjektiv auf Karte Nummer 412 zeigt uns aber, daß Merté während des Weltkrieges bereits an etwas ganz anderem arbeitete, nämlich die Schwerkrongläser in das Tessar zurückzubringen und damit Leistungssteigerungen möglich zu machen, was dann allerdings erst in den 1920er Jahren umgesetzt wurde.

DE349.938 Merté Tessar

Eine Erfindung in Bezug auf das Tessar, die zwar tatsächlich von Merté  stammt, die aber zunächst überhaupt nicht praktisch verwirklicht wurde, ist in der oben gezeigten Patentschrift 349.938 vom 15. November 1917 dargelegt. Hier wurde nicht wirklich eine neue Bauform des Tessars sondern vielmehr ein Korrekturprinzip für die sphärische Abweichung geschützt. Merté hatte ein Verfahren entwickelt, bei dem eine Korrektur nicht nur für den Achsen- und den Randstrahl vorgenommen wurde, sondern zwischendrin mindestens ein weiterer Umkehrpunkt hinzugefügt wurde. Das erlaubte ihm einerseits eine starke Verringerungen der sogenannten sphärischen Zonen. Andererseits verblieb zwischen beiden Gläsern im Kittglied ein ausreichend großer Brechzahlunterschied, um auch die Koma noch genügend auskorrigeren zu können. Dieses Verfahren der sphärischen Korrektur, auf das weiter unten noch näher eingegangen wird, bildete die Grundlage für etliche Entwicklungen Mertés in den 20er und 30er Jahren und zwar weit über den Tessartyp hinaus. Eine unmittelbare Wirkung hatte seine Arbeit jedoch nicht, sodaß der ehrgeizige Merté auf Anerkennung dafür in der Fachpresse noch etliche Jahre warten mußte.

DE347.838 Merté - Tele-Tessar

Erstmals auf sich aufmerksam machte er unterdessen mit einer anderen Entwicklung: Merté war gerade 30 Jahre alt geworden, als er im Juni 1919 sein erstes eigenständig entwickeltes Objektiv zum Patent anmelden konnte. Sein Tele-Tessar beruhte dabei auf dem von Paul Rudolph eingeführten Prinzip, die Korrektur der Bildfehler mit unterschiedlich brechenden Nachbarglasflächen in beiden Objektivhälften vorzunehmen, wobei wie beim Tessar vorn eine zerstreuende Luftlinse und hinten eine sammelnde Kittfläche zum Einsatz kam. Auf diese Weise gelang es Merté, bei relativ hoher Lichtstärke ein für Teleobjektive überraschend großes Bildfeld astigmatisch zu ebnen.

Merté - Teletessar

Die Konstruktion des Tele-Tessars war für seine Zeit bemerkenswert. Die Schnittweite war weniger als halb so groß wie die Brennweite und die Baulänge der Optik mit weniger als ein Drittel der Brennweite ebenfalls ausgesprochen kurz. Das besondere lag aber darin, daß Bildwinkel bis zu 30 Grad abgedeckt wurden, sodaß für das jeweilige Aufnahmeformat keine übertrieben langen Brennweiten nötig waren. Das Tele-Tessar ließ sich problemlos an den vorhandenen Plattenkameras verwenden, wobei der normale Kameraauszug genügte. Im Verbunde mit einer ziemlich guten Bildfehlerkorrektur füllte dieses Teleobjektiv durchaus eine gewisse Marktlücke.

Mit dem Erfolg auf wissenschaftlichem Gebiet ging auch persönliches Glück einher. Im Jahre 1920 heiratete Willy Merté die zehn Jahre jüngere Antonie Popp aus Regensburg (1899 - 1992). Im Jahr darauf wurde ihr erster Sohn Hanns-Jürgen (1921 - 2003) geboren. Willy Merté kaufte im selben Jahr ein kleines Grundstück in der Johann-Friedrich-Straße 38 in Jena von einem Malermeister Müller, das er allerdings erst 1929 mit einem Einfamilienhaus bebauen konnte. Zuvor war im August 1927 der zweite Sohn Will Merté geboren worden. Obwohl es in den Spruchkammerverfahren nach 1945 zum Standard gehörte, denjenigen, für den man aussagte, als treusorgenden Familienvater darzustellen, trafen diese Aussagen in Willy Mertés Persilscheinen wohl tatsächlich zu: Er war ein ausgesprochener Familienmensch und es scheint ihm neben seinem Beruf nur sein engstes privates Umfeld wichtig gewesen zu sein.

Der obige Aufsatz vom Juni 1919 gibt einmal einen Eindruck davon, mit welchen Themen sich der 30-jährige Merté damals beschäftigt hat. Zunächst muß man feststellen, daß Willy Merté wohl begeistert vom neuen Medium des Kinos war. Sicherlich in künstlerischer Hinsicht aber davon haben wir keine schriftlichen Zeugnisse. Man kann sich jedoch denken, daß Merté, der nur wenige Wochen älter als Chaplin war, begeistert von diesem neuen Medium gewesen ist, das während seiner Jugendzeit begonnen hatte, langsam die Welt zu verändern. Auf jeden Fall hat sich Merté aber in mehreren Aufsätzen im Hinblick auf die theoretischen Grundlagen der Kinotechnik geäußert, vor allem über die anspruchsvolle Mechanik, die er mit mathematischen Methoden analysierte. Und eins sehen wir an diesem frühen Fachbeitrag auch: Merté konnte schreiben! Was für eine Qual ist es, die Bücher seines älteren Kollegen Moritz von Rohr zu lesen, weil man nach wenigen Absätzen meint, ein Beamter aus der Zeit Friedrich des Großen habe sie verfaßt. Merté dagegen schreibt sprachlich klar und anschaulich und selbst die nüchternsten Abhandlungen über mathematische Probleme sind rhetorisch stringent aufgebaut.

Die erste große wissenschaftliche Veröffentlichung Mertés war der oben wiedergegebene Aufsatz "Über die Abhängigkeit des Astigmatismus und der Bildfeldwölbungen von der Dingweite", den er er im Dezember 1919 abgeschlossen hatte und der im ersten Band der neuen "Zeitschrift für Physik" erschien, die unter anderem von Einstein angeregt worden war. Merté stellte hier sein Verfahren vor, die Änderung des Ausmaßes der Bildwölbung und des Astigmatismus eines optischen Systems bei unterschiedlichen Gegenstandsweiten (also Aufnahmeentfernungen) zu ermitteln.

Merté Satzlinse

Im Jahre 1917 wurde der als Privatier auf seinem Gut im Vogtland lebende Dr. Paul Rudolph bei Zeiss in Jena zum Zivildienst zwangsverpflichtet. Rudolph war im Herbst 1910 nach Jahren des Streites bei Zeiss ausgeschieden und er durfte nach den Bestimmungen in seinem Arbeitsvertrag für die Dauer von zehn Jahren in keiner konkurrierenden Objektivbauanstalt tätig werden. Diese etwa zwei Jahre zwischen 1917 und 1919, in denen Rudolph nach all dem Vorgefallenen wieder in Jena tätig war, ist sicherlich die spannendste und zugleich rätselhafteste Zeit, die das Photorechenbüro bei Zeiss je erlebt hat. Wir wissen nur so viel als gesichert, daß Rudolph während dieses Aufenthalts in Jena seinen Plasmat-Typ entwickelte und denselben mit den Mitteln der erfahrenen Anstalt – also der bei einer völligen Neuentwicklung stets  langwierigen Musterfertigung und Musterprüfung – bis zur Serienreife entwickelte. Rudolph – aus seinen alten Fehlern schlau geworden – hatte es aber bereits im März 1918 auf seinen eigenen Namen patentieren lassen, während in Jena noch die Optimierungsarbeiten liefen. Dieses damals noch als "Rudarlinse" bezeichnete Doppelobjektiv ging dann aber nicht bei Zeiss in Jena, sondern bei Meyer in Görlitz in Produktion. Von da ab war das Tischtuch zwischen Zeiss und Rudolph endgültig zerschnitten.

Satzobjektiv 1:5 Merté 1919

Für uns ist an dieser Stelle wichtig, daß Paul Rudolph und Willy Merté damals persönlich aufeinandergetroffen sind. Und es kann daher kein Zweifel daran bestehen, daß Rudolph auf den drei Jahrzehnte jüngeren Kollegen eine Wirkung ausgeübt haben wird. Wir wissen nicht, wie das damals abgelaufen ist, aber wir können ziemlich genau sagen, was am Ende dabei herausgekommen ist. Das oben zu sehende Versuchsobjektiv Nr. 5/1919 und die zugehörige Karteikarte 499 in der Zeiss Datenblattsammlung für einen Satz-Doppelanastigmaten 1:5,0 vom 1. März 1919 gehören ohne Zweifel zusammen.

DE348.716 Merté Satzlinse

Und sie finden sich wieder in der oben gezeigten Patentschrift Nr. 348.716 vom 23. März 1919 für eine vierteilige Satzlinse. Am selben Tage wurde auch das Patent Nr. 348.717 angemeldet, bei dem sich beide Zerstreuungslinsen innen befinden. Diese sind aber keine Erfindungen von Paul Rudolph, sondern von Willy Merté. Im Verbund mit einem weiteren Patent Nr. 386.346 vom 13. Juli 1920 für eine dreiteilige lichtstarke Satzlinse 1:9,5 hatte Willy Merté die Firma Zeiss unabhängig von den Protar-Satzlinsen gemacht, die Rudolph noch in den Jahren 1906 und 1909 geschaffen hatte, und die offenbar auch nach dem Weggang Rudolphs im Angebot verblieben waren. Man kann nur spekulieren, ob Zeiss mit diesem Schritt die letzten Lizenzzahlungen an Rudolph abgestellt hat. Klar ist aber, daß Willy Merté es war, er für Zeiss neue Satzobjektive schuf, als Rudolph offenbar gerade mit Meyer in Görlitz Verhandlungen führte.

Satzobjektive von Rudolph und Merté

Oben: Vollständiges Satzobjektiv 1:6,3 nach Paul Rudolphs Reichspatent Nr. 196.734 von 1906 und darunter vollständiges Satzobjektiv 1:5 bzw. 1:4,5 nach Mertés Reichspatent 386.346 von 1920 [nach Merté, Das Photographische Objektiv, 1932, S. 301f.].

Satzobjektive für Plattenkameras zählten aber nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr unbedingt zum großen Wachstumsmarkt in der Phototechnik. Die Kinematographie mit ihrem nur 18 x 24 mm großen Filmbildchen hatte unterdessen einen Wettbewerb um immer höhere Objektivöffnungen ausgelöst. Je nach Bildwechselzahl lag die Belichtungsdauer des einzelnen Phasenbildes bei etwa 1/30 Sekunde. Das war nach damaligen Maßstäben eine ziemlich kurze Momentzeit, die angesichts der niedrigen Filmempfindlichkeiten einen großen Lichtbedarf nach sich zog. Andererseits waren hohe Lichtstärken nun erstmals sinnvoll geworden, da das kleine Bildformat mit entsprechend kurzen Brennweiten verknüpft war, die auch bei offener Blende ausreichend Schärfentiefe übrig ließen. Die Kameraleute verlangten, um beispielsweise auch außerhalb des Studios bei wechselnden Tageslichtverhältnissen freizügig drehen zu können, nach Objektiven, die weiter geöffnet waren, als das bisher in Deutschland viel benutzte Tessar 1:3,5 oder die Triplets wie das Glaukar 1:3,1.


Man kann sich nun gut in die Lage des ehrgeizigen Willy Merté zu Beginn der 1920er Jahre hineinversetzten. Der kinobegeisterte Objektivkonstrukteur sah natürlich das enorme Potential des neuen Anwendungsgebietes. Zugleich wurde ihm bewußt, daß von allen möglichen Seiten zugleich an diesem Problem gearbeitet wurde. Der im selben Jahr und im selben Monat geborene Engländer Horace William Lee hatte im Sommer 1920 ein vom Planar-Typ abgeleitetes Kino-Aufnahmeobjektiv 1:2,0 zum Patent angemeldet (GB157.040), das bereits zum Jahresanfang 1921 bekannt gemacht worden war. Es war ihm zwar rasch klar, daß dieses "Opic" wegen der Neigung zu Reflexen und den merklichen Restbeträgen an Koma noch keine befriedigende Lösung des Problems war [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 60.], aber die Herausforderung war dennoch enorm.

DE404805 Merté Biotar III

Auf der Suche nach seiner eigenen Lösung wandte sich Merté dem verkitteten Triplet-Aufbau zu, mit dem er schließlich in den letzten Jahren bereits ausreichend Erfahrung gesammelt hatte. Bis auf den November 1922 lassen sich die Ursprünge desjenigen zurückverfolgen, das anschließend bei Zeiss intern als Biotar III bezeichnet wurde. Die Bezeichnung "Biotar" war bereits vor dem Ausbruch des Krieges eingeführt worden für ein gescheitertes lichtstarkes Objektiv, das von Moritz von Rohr gerechnet worden war und dessen Name in Anlehnung an das "Bioskop" der Gebrüder Skladanowsky mit der Anwendung für "lebendige Bilder" verknüpft war. Mit der Zweitbelegung dieses Namens wollte Merté zweifellos für sich beanspruchen, eine Lösung für ein lichtstarkes Kinoaufnahmesystems gefunden zu haben. Um es vorweg zu nehmen: Als Merté dieses neue System im August 1923 zum Patent anmelden ließ, muß bereits klar gewesen sein, daß damit nicht die Lösung des Problems gefunden worden war. Dieses Biotar III kam nie in den Handel.

Merté - Biotar III und Ernostar

Warum das so war, ist nicht öffentlich bekannt geworden. Der obige Ausschnitt aus Mertés Zusammenstellung der Bauarten photographischer Objektive, bei dem zufällig das besagte Biotar III direkt auf Ludwig Berteles Ernostar 1:1,8 trifft, gibt uns aber bereits einen Teil der Antwort. Der mehr als zehn Jahre jüngere Bertele, ein Naturtalent seines Faches, war in unvorstellbar kurzer Zeit an Allen vorübergezogen. Man beachte die in Abbildung 306a ausgezogen gezeichnete Kurve der sphärischen Abweichung für eine Lichtstärke von 1:1,5 (Patentbeispiel 1). Es gibt hier, im Unterschied zu Mertés Biotar III, quasi keinerlei sphärische Zone. Auch Astigmatismus ist mit Ausnahme der äußersten Bildecken nicht vorhanden, während bei Merté beide Bildschalen in unterschiedlichen Richtungen davonlaufen. Doch noch bevor die Firma Ernemann mit ihren Ernostaren herauskam, hatte ausgerechnet der bis vor kurzem verspottete Altmeister Paul Rudolph den Markt mit seinem Kino-Plasmat 1:2,0 in Aufruhr versetzt, das bereits im Februar 1923 angekündigt wurde [Vgl. Rudolph, Die Weiterentwicklung des Plasmaten, Photographische Chronik vom 16. Februar 1923, S. 50.], als die Konkurrenten noch an ihren eigenen Lösungen rechneten. Plötzlich war die Firma Meyer-Optik in aller Munde vor allem auch in den USA, wo die Firma Kodak gerade den Schmalfilm herausgebracht hatte, der versprach, der Kinematographie völlig neue Nutzerkreise zu erschließen.

Am 30. Oktober 1923 hatte Merté unterdessen auf einer Tagung einen Vortrag "Mitteilung über einige neue Lichtbildlinsen, insbesondere über ihren sphärischen Korrektionszustand" gehalten, der dann ab März 1924 in der "Central-Zeitung für Optik und Mechanik" in drei Teilen veröffentlicht wurde. Mit diesem umfangreichen Aufsatz hatte sich Willy Merté zweifellos von seinem bisherigen Status als Assistent Wanderslebs zu einer der zentralen Figuren in der Entwicklung photographischer Objektive erhoben. Zunächst referiert hier Merté seine weiter oben in Bezug auf das Reichspatente 349.938 von 1917 angesprochene Methode, wie er mit einer zweifachen Gegenwirkung eine drastische Reduktion der sphärischen Zonen erreichte. Er gibt dann das Beispiel für das besagte Tessar an, bei dem er durch die Wahl der Gläser und der Krümmung der Kittfläche im hinteren Glied eine Kurve nach Abb. 3 für die sphärische Abweichung erhielt, also mit Hilfe zweimaliger Gegenwirkung eine besonders kleine sphärische Aberration. Wir erfahren nun, daß Merté genau dieses Verfahren angewendet hatte, um bei seinem Biotar III trotz des Triplet-Aufbaus einen vergleichsweise kleinen Kugelgestaltsfehler zu erreichen. Die Kurve in Abbildung 5 seines Aufsatzes haben wir oben bereits im Koordinatensystem 305a gesehen.


Anschließend geht Merté vom bisherigen Thema der besonderen Methode der sphärischen Korrektur ab und berichtet über seine weiter oben bereits angesprochenen drei- und vierteiligen Satzlinsen aus den Jahren 1919 und 1920. Diesen Schwenk nutzt er, um alsdann auf den Plasmat Paul Rudolphs zu sprechen zu kommen. Merté widerspricht Rudolphs Postulat, dieser neue Typ liefere eine größere Schärfentiefe und weist zudem nach, daß das Tessar durch seine geringere Zahl an Glas-Luft-Flächen und der Verwendung nur noch einer Linse aus Schwerkron einen deutlich besseren Wirkungsgrad hat. Das alles tat er auf einer kaum angreifbaren wissenschaftlichen Basis. Mit diesem Querschlag, der auch in dem Text wie ein Fremdkörper wirkt, hatte er jedoch – wie man so sagt – ein ziemliches Faß aufgemacht.

Aus dem sich in seiner Ehre verletzt fühlenden Paul Rudolph schien nun alles herauszuquellen, was sich in den letzten Jahrzehnten in ihm an Frust und Verbitterung aufgestaut hatte. Wenn man die obigen Erwiderungen und die Erwiderungen auf die Erwiderungen liest, stellt man schnell fest, daß es längst nicht mehr allein darum ging, ob hinter dem Tessar mehr Licht ankommt als hinter dem Plasmat. Daß Herr Rudolph ein Heißsporn war, das konnte man schon an seiner in den Fachblättern ausgetragenen Querelen mit Emil von Höegh aus den 1890er Jahren feststellen, als dieser im mit dem Dagor zuvorgekommen war. Doch jetzt ging es um mehr.


Bei Lichte betrachtet: Die Firma Zeiss war mit Paul Rudolph ausgesprochen schäbig umgegangen. Ja, man kommt sogar nicht umhin, die Verantwortung direkt bei Ernst Abbe zu suchen. Denn letztlich ging es doch um nichts anderes, als daß Rudolph, der dem Unternehmen schließlich Millioneneinnahmen auf Jahrzehnte hinaus gesichert hatte, mit ein paar tausend Reichsmark mehr im Jahr zufrieden zu stellen gewesen wäre. Die Geschäftsleitung war aber offenbar so knausrig, daß man lieber einen Paul Rudolph als Unruhestifter in der Firma in Kauf nahm, als ihn mit ein bißchen Geld nicht nur bei der Stange zu halten, sondern gar zu weiteren Höchstleistungen zu motivieren. Ich habe nicht umsonst eingangs darauf hingewiesen, daß wir es hier mit einer frühen Generation an Universitätsabsolventen zu tun haben, die ein großes Risiko in Kauf genommen hatten, um in der freien Wirtschaft tätig zu werden wie wir das heute nennen würden. Daß diese waghalsigen Fachleute sich dann nicht mehr mit Brotkrumen zufrieden geben wollten, das ist doch einleuchtend. In den letzten etwa sieben Jahren bis zu seinem Ausscheiden bei Zeiss scheint Paul Rudolph als Konsequenz die Innovationstätigkeit weitgehend eingestellt zu haben, was ja unter anderem dazu führte, daß die Tessare 1:4,5 und 1:3,5 tatsächlich Entwicklungen Wanderslebs waren und dieser nicht nur wie es hier Rudolph in höchstem Groll glauben machen will den Aufsatz dazu in den Fachzeitschriften geschrieben hatte. Aber auch das lag in der Verantwortung der Firma Zeiss und auch wieder bei Ernst Abbe. Denn die naheliegendste Lösung für Rudolph, zu kündigen und anderswo für einen "gerechten Marktwert" einen Vertrag zu unterschreiben, hatte Abbe mit seinem unsäglichen Arbeitsvertrag mit Rudolph vom Juni 1889 erfolgreich versperrt. Die zweite Unsäglichkeit, für die man sich in Jena bis heute schämen sollte!


Die einzige Genugtuung für Paul Rudolph in all den Jahren scheint gewesen zu sein, daß seine alte Firma niemanden gefunden hatte, ihn wirklich zu ersetzen. Ernst Wandersleb war ein guter Mann aber er hatte nicht das Maß an Genius, das es braucht, um eine Firma dauerhaft an der Spitze zu halten. DAS aber schien sich mit Willy Merté nun geändert zu haben. Natürlich hatte Paul Rudolph erkannt, daß dieser junge Merté ein größeres Kaliber war. Und natürlich machte es ihn rasend, von einem derartigen Jungspund in einer solchen Weise bloßgestellt zu werden. Die Respektlosigkeit, mit der Merté hier auftritt schließlich wirft er dem damals 66-jährigen Rudolph an den Kopf, sich nicht mehr an seine eigenen Objektivschöpfungen zu erinnern zeigt uns, wie verächtlich man damals über die persona non grata Rudolph im Zeisswerk gesprochen haben mag. Ein ganz klein wenig hört man auch heraus, was sich 1918/19 zwischen der Photoabteilung und Rudolph abgespielt haben könnte. Man hatte ihn und seine neue Konstruktion dort offenbar abgewiesen. Und Willy Merté war die Person, die dazu geführt hatte, daß Paul Rudolph in Jena schlichtweg nicht mehr gebraucht wurde.

3. Primus bei Zeiss und Primus unter seinen Fachkollegen (1925 - 1945)

3.1 Tessar und Biotessar

Damit es soll freilich Merté nicht zum Vorwurf gemacht sein, daß er derart talentiert war. Man könnte nur einwenden, daß er den Altmeister Rudolph öffentlich bloßgestellt hatte, ohne selber etwas auf dem Niveau eines Protar, Planar oder Tessar geleistet zu haben. Wir würden hier aber nicht über die Figur Willy Merté sprechen, wenn dies in der folgenden Zeit nicht genau so geschehen wäre. Kurz nach Veröffentlichung seines obigen Vortrages wird Merté nicht nur bestehende Objektivtypen entscheidend weiterentwickeln, sondern auch mit bahnbrechenden Neukonstruktionen auf sich aufmerksam machen.

Willy Merté

Zunächst war der vor Selbstbewußtsein strotzende Mann jedoch in seiner beruflichen Stellung aufgestiegen. Nach den Angaben Wanderslebs [Zusammenstellung der Unterlagen über Wiss. Forschungsarbeit an Zivil-Geräten der Firma Zeiss vom 4. 10. 1946] seien Mitte der 1920er Jahre alle Rechenbüros bei Zeiss direkt der Geschäftsleitung unterstellt worden. Als dies 1925 auch mit dem Photobereich geschah, wurde Willy Merté zum Leiter des Photo-Rechenbüros gemacht, während Wandersleb seine 1910 von Rudolph "ererbte" Stellung als Leister der Photoabteilung formell behielt. Der von Goerz übernommene Robert Richter behielt sein eigenes Rechenbüro ebenso wie Ludwig Bertele in Dresden. Dennoch wird der ehrgeizige Merté dies als einen beträchtlichen Gewinn an Prestige empfunden haben.

Merté jedenfalls beglich diesen Aufstieg, den ihm sein Arbeitgeber gewährt hatte, nun mit einem regelrechten Ausbruch an Schöpferkraft. Man kann nur vermuten, daß sein Biotar III bereits bei Anmeldung des Patentes im August 1923 abgeschrieben war, denn vom 7. Juli 1923 liegen bereits Nachweise für Arbeiten Mertés an der Anhebung der Lichtstärke des Tessares auf 1:2,8 bzw. 1:2,7 vor, die er in den folgenden Monaten stark intensivieren wird. Lange Zeit arbeitete er dabei an dem oben zu sehenden Ansatz, bei dem die Kittfläche des Tessars statt zur Blende Richtung Bildebene erhaben war. Der zweite Ansatz lag darin, bei dem bisherigen Aufbau zu bleiben und dafür neuartiges Schwerkron-Glas zu verwenden.

Tessar Triotar 1925

Dieser zweite Ansatz wurde umgesetzt und bereits im Oktober 1925 in der "Photographischen Korrespondenz" als Neuerscheinung vorgestellt (zusammen mit dem preiswerten Triotar 1:3,5). Der Bildwinkel lag bei für Filmanwendungen ausreichenden 40 bis 45 Grad. Für ein Universalobjektiv war das zu wenig. Unmittelbar im Anschluß ging Merté daher daran, diesen Ansatz weiterzuentwickeln, um das Tessar 1:3,5 auf einen ausreichend großen Bildwinkel zu bringen.

Merté Tessar 3,5

Das wurde mit dem Reichspatent Nr. 463.739 vom 27. Juni 1926 erreicht. Neue Schwerkron- und neue Leichtflint-Gläser gelangten zum Einsatz. Diese Tessare 1:3,5 kamen zur rechten Zeit. In neuen Kleinbild- und Rollfilmkameras wurden die "Tessare 1:3,5 mit großem Bildwinkel" in den folgenden zwei Jahrzehnten in sehr großen Stückzahlen eingesetzt.

DE451.194 Biotessar Merté Wandersleb

Doch in der Zwischenzeit wurde noch eine anderer Entwicklung verfolgt: Der Weg, das Tessar durch Zusatzglieder zu erweitern, wie beim Biotar III geschehen, hatte sich wohl als eine Sackgasse erwiesen. Stattdessen wurde im August 1927 das oben gezeigte Reichspatent Nr. 451.194 angemeldet, bei dem das Tessar durch Einführen zusätzlicher Kittflächen erweitert wurde. Bei den Arbeiten zum Tessar 1:2,7 war Merté offenbar der Vorteil aufgefallen, wenn die Sammellinse des Kittgliedes der einzeln stehenden Zerstreuungslinse zugewandt wird oder noch genauer: wenn ihr eine sammelnd wirkende Kittfläche zugewandt wird. Sammelnde Kittflächen entstehen dann, wenn die Sammellinse gegenüber der angekitteten Zerstreuungslinse aus dem höher brechenden Glase besteht.

Biotessar Aberrationskurven

Auf den Markt gebracht wurde diese neue Konstruktion unter dem Namen "Biotessar" mit der Öffnung 1:2,8. Verwirklicht wurde dabei das Patentbeispiel 3 mit der von zwei Sammellinsen eingeschlossenen Zerstreuungslinse im hinteren Kittglied und einer zusätzlichen Verkittung an der vorderen Sammellinse. Das stellte natürlich eine immense Aufwandssteigerung gegenüber dem üblichen Tessar dar. Der ganz große Durchbruch im Bezug auf die Reduktion der Bildfehler war dieser Aufbau dennoch nicht. Der Bildwinkel lag knapp über 40 Grad, die sphärische Zone war nach wie vor erheblich. Das Biotessar war das letzte Objektiv, bei dem Ernst Wandersleb einen gewichtigen Teil der Rechenarbeiten beigetragen hatte.

Biotessar Zeiss

Obwohl das Patent schon von 1925 stammte, kam das Biotessar erst 1929/30 auf den Markt. Nennenswerte Stückzahlen wurden nur in den Brennweiten 13,5 und 16,5 cm für die Zeiss Ikon Miroflex 6,5x9 und 9x12 fabriziert, wo es das Tessar 1:2,7 ersetzte. Hier war die etwas zu lange Brennweite tolerabel, weil ja der Spiegel ohnehin eine ausreichend lange Schnittweite benötigte. Mit Verkaufspreisen von 655,- bzw. 755,- Reichsmark waren diese beiden Platten-Reflexkameras in der Spitzenausstattung mit dem Biotessar jedoch fast unerschwinglich und daher kaum ein Verkaufserfolg. Mit der gerade einsetzenden Hinwendung zu den Kleinformaten war auch das Biotessar bereits nach kurzer Zeit technisch hinfällig geworden und wurde nur wenige Monate nach dem Produktionsanlauf bereits wieder aus dem Programm genommen. Erst mit dem Einsatz neuer, hochbrechender Glasarten wird es Merté ab 1930 gelingen, für die Anwendung im Kleinbild- und den Mittelformaten das Tessar ohne weitere Verkittungen auf die Lichtstärke 1:2,8 anzuheben und dabei Bildwinkel bis über 50 Grad zu erreichen (siehe dazu hier Abschnitt 3.2).

3.2 An die Spitze mit dem Biotar

Statt weiter an Triplet-Konstruktionen zu laborieren, begann Willy Merté nun mit einer Entwicklung, die ihn bis heute zu einem der bedeutendsten Objektivkonstrukteure der Geschichte macht. Um seine Hinwendung zum Gaußtyp einordnen zu können, müssen wir aber zunächst auf den dritten Teil seines 1923 gehaltenen und 1924 in der "Central-Zeitung" gedruckten Vortrages zurückkommen, der oben wegen der Auseinandersetzung mir Paul Rudolph unbeachtet geblieben war. Zentraler Punkt seiner Untersuchungen war damals bereits der Begriff der Kaustik also jener "Lichtschlauch", der sich daraus ergibt, daß die Strahlen verschiedener Einfallshöhen sich eben nicht genau in einem Punkt auf der Bildebene treffen, sondern hier einen mehr oder weniger großen Lichtfleck hinterlassen. Untersuchungen zur Kaustik und ihre Berechnung waren der Schlüssel dazu, die sphärische Aberration möglichst klein machen und damit lichtstarke Systeme schaffen zu können, die nicht zugleich die Anmutung eines Weichzeichners aufwiesen.

Ein ausführlicher Aufsatz Mertés zu diesem Thema, entstanden im April 1925, ist dann in der oben gezeigten Form im Band 33 der Zeitschrift für Physik erschienen. Merté hatte also eine Berechnungsmethode für die Kaustik unabhängig vom Verlauf der sphärischen Aberration entwickelt, die ihm zweifellos eine große Hilfe bei der Schaffung des extrem lichtstarken Biotares war.

Ein zweiter Bereich, in dem Merté während der 20er Jahre seine theoretische Forschungsarbeit ausgeweitet hatte, bezog sich auf die "Abbildung des Raumes durch enge Bündel". Hier ging es also nicht um die weit geöffneten Lichtbündel, die im Hinblick auf den Kugelgestaltsfehler herangezogen werden, sondern um dünne, schräg einfallende Bündel, die für die Wölbung des Bildes und den Astigmatismus ausschlaggebend sind. Der oben wiedergegebene Aufsatz vom Sommer 1929 war eine Fortsetzung seines Artikels in der Zeitschrift für Physik von 1920 zum Zusammengang zwischen Dingentfernung und Astigmatismus, in dem Merté auf die Abbildung des Raumes abstellte. Er führt dazu den Begriff des Raumanastigmaten in Abgrenzung zu den von ihm sogenannten Flächenanastigmaten ein. Man erkennt, daß Merté mit seinem Artikel wissen läßt, daß ihm bei seinem neuen Biotar die Beherrschung des Astigmatismus über weite Abbildungsmaßstäbe hinweg gelungen war.

Werdegang Biotar

Kurz nachdem die Amerikaner abgezogen waren, übernahmen im Spätsommer 1945 sowjetische Truppen das Jenaer Werk und sie ließen sich alles aushändigen, was irgendwie wissenschaftlich, wirtschaftlich und vor allem militärisch verwertbar war. Nicht nur die Konstruktionsunterlagen der Objektive allein, sondern auch die Kombinationsrechnungen, Paarungsvorschriften und Variationsrechnungen nahmen sie mit. Die Fragen, die unter anderem der im obigen Dokument aufgeführte, später als "Vater der russischen Optik" bezeichnete Major Wolosoff (auch Wolosow) an die Herren Tiedeken und Hercher im Photobüro stellte, zeigen, daß die Russen damals keinerlei Ahnung davon hatten, wie man die Herstellung von Objektiven im Sinne einer ausgesprochenen Massenfertigung aufzieht. So scheint ihnen nicht bewußt gewesen zu sein, daß ein Rechenbüro ständig damit beschäftigt ist, das mit den momentan verfügbaren Glasarten zu fertigende Objektiv an den Korrektionszustand der originalen Rechnung anzupassen. Weil sie auch daran interessiert waren, wie man überhaupt Spitzenobjektive entwickelt, wurde im Rechenbüro im Dezember 1945 das obige Dokument "Ausgang und Entwicklung des Biotares 1:1,5 f = 5 cm" erstellt, das eine zentrale Quelle für den Werdegang des Biotars bildet. Eine detaillierte Interpretation des obigen Dokuments wird im Artikel zum Biotar in Abschnitt 4.2 gegeben.Wichtig an dieser Stelle ist jedoch zunächst der Ausgangspunkt für das spätere Biotar: Ein Versuchsobjektiv 2/10 cm V 1926 Nr. 7 mit Abschlußdatum vom 1. Oktober 1926.

DE649.112 Merté Orthometar

Da hier schließlich der Blickpunkt auf seine Biographie im Vordergrund steht, ist von Belang, daß sich Merté offenbar direkt im Anschluß an die Fertigstellung des neuen Tessars 1:3,5 mit großem Bildwinkel  oder bereits parallel dazu dem Typus der Doppelobjektive zugewandt hatte. Merté hatte durch seine tiefgreifende Beschäftigung mit den mathematischen Methoden der Durchrechnung und Optimierung einen Weg erkannt, wie er die Probleme, die den symmetrischen Objektiven anhaftete, ausgleichen könne. Bevor jedoch der Blick auf sein späteres Biotar fällt, muß sein zum 29. September 1926 zum Patent angemeldetes Orthometar beachtet werden. Zunächst ist festzustellen, daß Merté hier seinen eigenen Euryplan- bzw. Plasmat-Typ geschaffen hatte, was durchaus als Reaktion auf Paul Rudolph zu betrachten ist. Technikgeschichtlich ist aber wichtig, daß Merté hier ausdrücklich eine beträchtliche Asymmetrie in das Doppelobjektiv eingebracht hatte. Die Einzelhälften sind zwar für sich leidlich nutzbar, aber die Idee liegt darin, daß sich beide Hälften kompensieren und damit das Gesamtobjektiv, wie die Kurven in Abbildung 4 zeigen, sehr gute sphärische und astigmatische Korrektion zeigt. Der Bildwinkel von etwa 65 Grad bleibt voll ausnutzbar. Die Verzeichnung ist fast bis zur Perfektion korrigiert. Dieses für Meßzwecke vorgesehene Doppelobjektiv bildete also orthoskopisch ab daher auch der Name Orthometar. Beachtenswert für diese Zeit ist die mehr als zehnjährige Prüfdauer durch das Patentamt. Daraus kann man schließen, daß es gegen dieses Patent Einsprüche von Dritten gegeben haben muß.

Willy Merté - Biotar

Oben ein Autograph Willy Mertés aus der Zeit als das Biotar 1,4/2,5 cm geschaffen wurde. Die Rechnung vom 16. Mai 1928 wurde offenbar nach einer Musterprüfung zugunsten der vorigen mit Abschlußdatum vom 16. März 1928 verworfen [Sammlung Utz Schneider (1943 - 2025)].

Merté -Biotar

Hier ist nochmals der Aufsatz Mertés wiedergegeben, mit dem er sein neues Biotar im Jahre 1928 der Öffentlichkeit vorstellte. Die Genugtuung des ehrgeizigen Mannes über seinen Konstruktionserfolg ist unüberhörbar. Und tatsächlich: Eine dermaßen schlanke Kurve für die sphärische Aberration über eine so gewaltige Einfallshöhe hinweg hatte man bis dahin nicht gesehen. Das war aber Grundvoraussetzung, um bei einer derart großen Öffnung ein Bild zu erhalten, das nicht den Eindruck erweckte, von einem Weichzeichner zu stammen.

Biotar 1928

Anhand des Biotares 1,4/2,5 cm vom März 1928 läßt sich gut zeigen, wie weit sich Merté vom bisher üblichen symmetrischen Doppelobjektiv entfernt hatte. Das muß hier noch einmal betont werden, weil es zwar heute selbstverständlich ist, damals jedoch etwas völlig Neuartiges darstellte, daß die beiden Hälften eines astigmatisch korrigierten Doppelobjektives für sich allein genommen absolut unbrauchbare Bilder entwarfen. Nur in ihrer Kombination lieferten sie ein wohl auskorrigiertes Gesamtobjektiv. Dabei übernahmen beide Hälften andere Schwerpunkte in der Korrektur, was nicht nur in einem völlig unterschiedlichen Glasaufbau zum Ausdruck kommt, sondern auch darin, daß selbst bei den Brechkräften der einzelnen Glieder von einer gleichmäßigen Verteilung nicht mehr die Rede sein konnte. Die angewandten Glaskombinationen sorgten zudem dafür, daß die Kittfläche im vorderen Kittglied sammelnd wirkte, während sie im hinteren zerstreuende Wirkung zeigte.


Von einer Konstruktionsweise, wie sie noch H. W. Lee für sein Opic von 1920 beschrieben hatte, als dieser nämlich zunächst eine gut optimierte Einzelhälfte geschaffen hatte, bei deren Kombination mit der zweiten Hälfte er dann leichte Symmetrien eingefügt habe, um zu einem besseren Gesamtresultat zu gelangen von einer solchen Art also, Objektive zu konstruieren, hatte sich Willy Merté um ein ganzes Zeitalter entfernt. Vielmehr hatte Merté in den Typus des Doppelgauß ein Korrekturprinzip eingeführt, wie wir es bereits von Paul Rudolphs Protaren aus den 1890er Jahren oder vom Tessar her kennen: Die verschiedenen Glieder eines Gesamtsystems werden schwerpunktmäßig auf die Behebung eines bestimmten Abbildungsfehlers getrimmt und anschließend muß sichergestellt werden, daß ihre Rückwirkung auf die Aufgabe der anderen Glieder so angepaßt wird, daß man sich im Gesamtsystem einem Optimum annähert. Das klingt kompliziert und es war im Anbetracht der in den 1920er Jahren zur Verfügung stehenden Rechenmethoden tatsächlich eine geradezu übermenschliche Aufgabe. Diese Biotare 1:1,4 zeugen aber davon, daß Willy Merté diese Aufgabenstellung nicht nur in theoretischer Hinsicht beherrschte, indem er sich in den Jahren zuvor den nötigen mathematischen Zugang erarbeitet hatte, sondern daß er auch ein hervorragender Praktiker als rechnender Optiker gewesen sein muß. Während seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre mit binär arbeitenden Rechenmaschinen die unzähligen Parameter, die in einem solchen Objektiv stecken, fast nach Belieben durchgespielt werden können, bis sich die kleinsten Fehlerreste einstellen, konnte Merté hier nur dank seiner Erfahrung den richtigen Weg finden. Wäre er nach der Methode Versuch und Irrtum vorgegangen, so wäre er schlichtweg bis heute nicht mit dem rechnen fertig geworden. Wie hoch anzusetzen aber sein diesbezügliches Erfahrungswissen gewesen sein muß, können wir unter anderem am Beispiel dieses Biotares 1,4/2,5 cm ablesen, das 35 Jahre lang nach seiner Rechnung gefertigt werden wird. Man hatte zwar 1955 den Blendenraum etwas vergrößert, um den ursprünglich auf 35 Grad ausgelegten Bildwinkel, der beim 16-mm-Film gar nicht ausgenutzt wird, etwas zu verkleinern und damit die Leistung noch etwas anzuheben, doch abgesehen von minimalen Änderungen an den Radien und Abständen änderte sich bis zum Auslaufen im Jahre 1963 an dem von Merté erarbeiteten Aufbau nichts entscheidendes.

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Marco Kröger


letzte Änderung: 14. März 2026