Personen


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de 

Personen

An dieser Stelle soll in loser Folge an einige wichtige Leute erinnert werden, die für die Mitteldeutsche Photoindustrie Bedeutendes geleistet haben.

Harry Zöllner

Auf diesem Bild aus den 1950er Jahren sieht man Prof. Dr. Harry Zöllner (29. Januar 1912 bis 30. Dezember 2007). Nachdem die Amerikaner die erste und anschließend die Sowjets die zweite Riege an Zeiss-Fachleuten in ihre Länder deportiert hatten, war dieser junge Doktor der Physik, der bis zum Kriegsende sein Handwerk bei Voigtländer in Braunschweig ausübte, als einer der wenigen erfahrenen Objektivkonstrukteure auf dem Gebiet der SBZ übrig geblieben. Das bedeutet freilich nicht, daß dieser Mann dritte Wahl gewesen sei – ganz im Gegenteil. Ihm ist es zu verdanken, daß Jena überhaupt als einer der bedeutendsten Objektivbaustandorte der Welt erhalten geblieben ist. Denn kaum hatte Zöllner seine Aufgabe als Leiter des Rechenbüros der Abteilung Photo aufgenommen, wurde das Werk von der Besatzungsmacht bis beinah auf die letzte Maschine demontiert. Aber in genau diese Zeit fallen die Neu- oder Umkonstruktionen jener Objektivtypen, mit denen Zeiss Jena nach einer Phase der Rekonvaleszenz rasch wieder an den Vorkriegsstand anknüpfen konnte. Ich erinnere nur an das neugerechnete Tessar 2,8/50mm vom Herbst 1947, das später nicht weniger als 40 Jahre lang in dieser Konfiguration gefertigt wurde, oder an Zöllners neuen Typ des Biometars von 1948.


Eine große Rolle hat dieser Mann auch bei der Umstellung auf digitale Rechentechnik („OPREMA“) Mitte der 50er Jahre gespielt. Über den Technologieschub, der sich daraus ergab, habe ich in der Sektion Objektive schon einiges berichtet. Zöllner selbst entwickelte in der Folgezeit mit dem Flexon noch einen Nachfolger des Biotar-Normalobjektivs. Auch ein ultralichtstarkes Röntgenobjektiv sowie Reproduktionsobjektive vom Typ Apo-Germinar konstruierte er noch. Seine Anfang der 50er Jahre angestoßenen Grundlagenarbeiten zu Retrofokusweitwinkeln, aus denen das Flektogon 2,8/35mm hervorging, werden dann aber bereits von jüngeren Kollegen weitergeführt. Zöllner übernimmt ab Anfang der 60er Jahre immer größere Leitungsaufgaben innerhalb der Abteilung Photo und wird Professor an der TU Ilmenau, konstruiert aber bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1977 noch einige Spezialobjektive für das Großformat und für die Mikrophotographie. Für den Photoamateur veröffentlichte Zöllner über die Jahre hinweg einige wertvolle Aufsätze in den Fachzeitschriften des Landes, in denen er in verständlicher Sprache technische Probleme wie die unterschiedliche Farbwiedergabe verschiedener Objektivtypen behandelte, Einblick in die Arbeit des Objektivkonstrukteurs lieferte oder an die schöpferischen Leistungen seiner Vorgänger erinnerte. Harry Zöllner muß ganz in der Tradition Ernst Abbes als einer der bedeutendsten Optiker Deutschlands gesehen werden.

Karl Pouva

Bei diesem eleganten Herrn handelt es sich um Ing. Franz Karl Pouva (1903 - 1989). Links ist er mit dem neuesten Modell seiner Pouva Start zu sehen, die  gerade einen fest ins Gehäuse integrierten Sucher und Blitzsynchronisation bekommen hatte.  Rechts begutachtet er zusammen mit einem Mitarbeiter Kondensorlinsen für den bekannten Amateurprojektor "Pouva Magica". Die Pouva KG Freital hat also nicht nur Preßlinge aus Bakelit hergestellt, sondern besaß sogar eine eigene Linsenschleiferei. Photographiert wurde diese Szene von Richard Peter jun.  [Deutsche Fotothek, Datensatz 71301473]

Pouva Bildwerfer 1939

Karl Pouva wird in Ostdeutschland noch heute als einer jener Pioniere wahrgenommen, die nach dem Zweiten Weltkrieg quasi aus dem Nichts heraus wieder so etwas wie eine industrielle Produktion aufgebaut haben. Von Kochgeschirr aus Flugzeugteilen und ähnlichen "Umwidmungen" gerade vorhandener Materialen ist die Rede. Wenig bekannt ist aber, daß die Firma des Karl Pouva bereits Ende der 30er Photogerätebau betrieben hat. Genau genommen scheint es sich dabei im Wesentlichen um den oben gezeigten Bildwerfer gehandelt zu haben.

Pouva Bildwerfer 1939

Solcherlei Projektoren waren auf einmal sehr stark nachgefragt, nachdem die AGFA im Oktober 1936 den "Agfacolor neu" auf den Markt gebracht hatte. Als erster mehrschichtiger Farbfilm auf Basis einer farbstoffgebenden Entwicklung mit in den Schichten diffusionsfest eingelagerten Farbbildnern eröffnete er ein neues Zeitalter der Photographie. Im Frühjahr 1938 war es zudem gelungen, die Empfindlichkeit dieses Farbumkehrfilmes von ursprünglich 7/10 °DIN gleich auf 15/10 °DIN zu steigern. Damit entsprach seine Lichtempfindlichkeit nunmehr derjenger damals handelsüblicher Schwarzweißfilme. Mit einem Schlage war es auf diese Weise möglich geworden, praktisch mit jeder Kleinbildkamera farbige Aufnahmen anzufertigen. Wie der Kodachrom(e) lieferte der Agfacolor aber dazumal ausschließlich Umkehrpositive, weshalb man wenigstens auf einen einfachen Betrachter angewiesen war. Besser noch man hatte einen Bildwerfer, um die farbigen Diapositive in einem größeren Kreis vorführen zu können. Ein großes, helles Schirmbild in leuchtenden Farben im eigenen Wohnzimmer zu erzeugen das war eine nicht für möglich gehaltene Revolution für den Photoamateur in der zweiten Hälfte der 30er Jahre. Und wer sich beispielsweise eine Altix für 39,- Reichsmark gekauft hatte, der war dankbar, im Hamaphot Katalog von Martin Hanke einen vergleichbar preiswerten Projektor im Angebot zu finden. Dort taucht dieses Pouva-Gerät im Februar 1939 nämlich erstmals auf.

Pouva-Bildwerfer Hamaphot Katalog 1939/40

Anders als die Geräte, die Pouva nach 1945 hergestellt hat, ist dieser Bildwerfer vollständig aus Metall gefertigt. Der Aufbau ist einfach, aber gediegen. Das Gehäuse ist doppelwandig, sodaß man sich beim Berühren des Gerätes nicht die Finger verbrennt. Die Lackierung in geschmackvollem grauem Kräusellack läßt den Pouva-Bildwerfer meines Erachtens sogar gegenüber zeitgenössischen Konkurrenzprodukten von Agfa oder Filmosto hervorstechen. Im Gegensatz zu dem einfachen periskopischen Objektiv des späteren Bakelitprojektors "Pouva Magica" ist das hier verwendete Projektionsobjektiv tatsächlich ein dreilinsiger Anastigmat. Trotzdem besteht kaum ein Zweifel, daß das gesamte Gerät vollständig in der Werkstätte des Karl Pouva entstanden ist und es abgesehen von den Glasrohlingen keinerlei Zulieferteile bedurfte.

Pouva Projektions-Anastigmat 4,5/10 cm

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten aber andere Prämissen. Buntmetalle waren Mangelware. Im Gegensatzt dazu scheint in der jungen DDR Plastaresin-Werkstoff in großen Mengen verfügbar gewesen zu sein. In Erkner bei Berlin stand eine riesige Herstellungssanlage, die in der Zwischenkriegszeit quasi den gesamten Europäischen Kontinent mit diesem Bakelit-Grundstoff beliefert hatte. Das eigentliche Ausgangsmaterial in Form von Kohlenteer fiel durch die Berliner Stadtgaserzeugung bis in die 1980er Jahre in derart großen Mengen an, daß man diesbezüglich ganz offensichtlich keinerlei Mangelerscheinungen kannte. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, daß auch der DDR-Automobilbau über drei Jahrzehnte lang Karosseriebeplankungen aus Plastaresin gefertigt hat. In dieser Hinsicht muß es wohl als Geniestreich angesehen werden, daß Karl Pouva um 1950 eine neue Amateurkamera auf genau dieser leicht verfügbaren Materialbasis entwickelt hatte.


Seine in großen Stückzahlen ausgestoßene "Pouva Start" war in den 50er und 60er Jahren daher für viele junge Leute der tatsächliche Start in die Amateurphotographie, zumal ihr Preis mit 16 Mark und 50 Pfennigen für Jedermann erschwinglich ausfiel. "Die Kamera der Millionen" hieß es dann bald etwas überschwänglich in den Werbeannoncen. Wir schließen heute daraus, daß Karl Pouva sowohl was das Entwickeln von Produkten, als auch deren Vermarktung betraf, ein geschickter Praktiker gewesen sein muß.

DD46101 Pouva Bändi

Nur mit seinem "Pouva Bändi" Amateurtonbandgerät hatte er sich in den 60er Jahren deutlich übernommen. Das großartig angekündigte, vergleichsweise preiswerte Gerät enttäuschte im Prinzip in jeglicher Hinsicht [Vgl. Jakubaschk: Wir lernten kennen: Tonbandgerät BÄNDI; in: Radio und Fernsehen, Heft 11/1964, S. 349]. Am Ende blieb von der ganzen Euphorie um das Bändi als "Tonband für Jedermann" eine Einstufung als mechanisches Spielzeug übrig. Immerhin vier Patente hatte Karl Pouva diesbezüglich um den Jahreswechsel 1963/64 herum beim DDR-Patentamt angemeldet. Doch es half alles nichts: Das Laufwerk mit dem ungeregelten Gleichtrommotor verursachte große Probleme; trotz der umfangreichen Patentierung der diesbezüglichen Konstruktionseinfälle Pouvas. Auch mit der Transistor-Verstärkerschaltung war Pouva deutlich überfordert. Als völlige Selbstüberschätzung entpuppte sich allerdings, daß sich Pouva gar die Fertigung des Tonkopfes selbst zutraute. Nur den Motor (Petrich) und den Bleiakku (Quaiser) ließ er sich zuliefern. [Vgl. Jakubaschk, BÄNDI - ein billiges transistorisiertes Tonbandgerät; in: Radio und Fernsehen, Nr. 11/1964, S. 348.] Eine redaktionelle Nachbemerkung der Zeitschrift Radio und Fernsehen im Anschluß an Hagen Jakubaschks regelrechten Verriß des Bändi in seinem Testbericht fällt daher für DDR-Verhältnisse außergewöhnlich freimütig aus:


"Die vorausgegangenen Ausführungen und das daraus resultierende negative Gesamturteil des Verfassers sind leider keine Einzelmeinung. Andere Fachleute auf dem Gebiet der Magnettontechnik äußerten sich ebenfalls kritisch zu dieser Neukonstruktion, obwohl auch sie den Grundgedanken begrüßen. Daran ändert auch nichts die superlative Berichterstattung der Tagespresse.

Uns erscheint es wenig sinnvoll, daß ein Hersteller, der bisher keine Erfahrung mit der komplizierten Magnettontechnik hatte, sich gleich an eine so schwierige Aufgabe wagt.

Um einen größeren Schaden zu verhüten, der sowohl für den Hersteller wie auch für die gesamte Volkswirtschaft eintreten kann, wäre es am sinnvollsten, daß die Konstruktion des BÄNDI von einer hierfür zuständigen Entwicklungsstelle unter Berücksichtiging der bei der Fa. Karl Pouva KG. möglichen Technologie nochmals überarbeitet wird. Die Produktion könnte dann von der Fa. Karl Pouva KG. durchgeführt werden."


Dieses Debakel rund um das Bändi zeigte auf, an welche Grenzen ein halbprivater Betrieb mit dem Inhaber als Chefkonstrukteur gelangt war. Der Betrieb wurde daher ab Anfang der 70er Jahre zur bloßen Fertigungsstätte für die neu eingeführten Kleinbildkameras auf Basis der ORWO-SL-Kassette, die nun statt aus pheno- aus thermoplastischen Kunststoffen hergestellt wurden.

Robert Tiedeken



Diesen Mann, über den ich an dieser Stelle leider viel zu wenig sagen kann, möchte ich dennoch hier erwähnt haben, weil man über ihn kaum etwas im Internet findet. Mir ist er aufgefallen durch seinen kleinen Aufsatz "Einiges aus der Arbeit des Optik-Konstrukteurs" in der Fachzeitschrift Bild und Ton, Heft 7/1957. Seine Patentüberlieferung läßt erkennen, daß der Dr. Ing. Robert Tiedeken in den 1930er Jahren in Großhadern bei München gelebt und für das dortige AGFA-Kamerawerk gearbeitet hat. Neben Beleuchtungsoptiken für Farbvergrößerer hat er damals bereits Projektionsobjektive für Filmprojektoren entwickelt [D.R.P Nr. 909.503 vom 25. April 1937].  In diesen beiden Spezialgebieten – Kondensoren und Projektionsobjektive – hat Tiedeken auch nach dem Kriege weitergeforscht; nun allerdings für den VEB Carl Zeiss JENA. Zusammen mit Harald Maenz und Rudolf Wanke schuf er das Projektionsobjektiv "Visionar" [DD22.291 vom 29. Oktober 1958], das nötig wurde, als in der DDR ein eigenes anamorphotisches Breitwandverfahren entwickelt werden sollte, das kompatibel zum amerikanischen Cinemascope sein mußte. Neben dem entzerrenden Vorsatz ("Prokimaskop") benötigte man nun auch ein Projektionsobjektiv, das den gesteigerten Qualitätsanforderen auch gerecht wurde. Immerhin wurde nun nicht nur das Filmbild um den Faktor zwei gestreckt, sondern gleichsam die optischen Restfehler des Projektionsobjektives. Tiedeken hat dieses neue Visionar in einem Aufsatz  in der Bild & Ton Heft 3/1960 vorgestellt. Aus weiteren Aufsätzen geht hervor, daß Robert Tiedeken auch der Vertreter der optischen Industrie der DDR im (damals noch) gemeinsamen Deutschen Normenausschuß ("DIN") gewesen ist und maßgeblich an der Vereinheitlichung von Standards  auf diesem Gebiete beteiligt gewesen ist. Seine letzte Patentanmeldung stammt vom Juli 1979 und beschäftigt sich mit der Übertragung von Aufnahmen aus der Körperhöhle mittels flexibler Faseroptik.

Zeiss Visionar

Wie mir Herr Witold Hackemer mitteilte, sollten zudem Robert Tiedekens didaktische Leistungen gewürdigt werden. In den 1950er Jahren führte er interne Schulungen für die Mitarbeiter des Rechenbüros durch, die sehr tiefgreifend gewesen sein sollen und die 1956 ihre Synthese im "Lehrbuch für den Optik-Konstrukteur" gefunden haben. Dieses Grundlagenwerk konnte neben der Vermittlung der theoretischen Einblicke vor allem auch wertvolle praktische Hilfestellungen für den Konstrukteur optischer Systeme bereitstellen. Ein ausstehender zweiter Band konnte trotz der Vorarbeiten indes nicht mehr verwirklicht werden.

Erich Höhne und Erich Pohl


Auf diesen Seiten sind immer wieder einmal photographische Aufnahmen aus der Frühzeit des Dresdner Kamerabaus in den Kontext eingebaut, die von diesen beiden Pionieren des Photojournalismus der DDR stammen. Deshalb möchte ich Erich Pohl (1904 - 1968, unten links) und Erich Höhne (1912 - 1999, rechts) hier einmal gesondert würdigen. Das Bild stammt aus der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, die das gesamte Werk dieser beiden Photographen verwaltet und öffentlich zugänglich macht.

Erich Pohl und Erich Höhne

Karl Nüchterlein



Bei zwei Männern, die die Dresdner Kameraindustrie entscheidend geprägt haben, fallen einem verblüffende Ähnlichkeiten ins Auge: Zum einen vom rein äußeren Erscheinungsbild her; zum anderen was ihren Werdegang als außergewöhnlich begabte Autodidakten betrifft. Der eine, Ludwig Bertele, hat den Objektivbau revolutioniert, der andere den Kamerabau. Karl Nüchterlein (1904 - 1945) hat im Laufe seiner Tätigkeit bei den Kamerawerken des Johan Steenbergen ein Verständnis für Phototechnik entwickelt, das ihn zu ganz außergewöhnlichen Pionierleistungen befähigte. Er muß neben Oskar Barnack und Reinold Heidecke zu den drei bedeutendsten deutschen Kamerakonstrukteuren gezählt werden, deren herausragende Stellung darin lag, daß sie grundlegende Konzepte einer neuen Kameragattung entwickelt haben. Zwar war weder Barnacks Schlitzverschluß-Sucherkamera noch Nüchterleins Einäugige Reflex und noch nicht einmal die Zweiäugige Reflex Heideckes vollkommen neu, aber das Verdienst dieser drei Herren lag darin, ihren jeweiligen Kameratyp zur konstruktiven Reife gebracht und dabei ein technisches Niveau erreicht zu haben, das später nur noch in Nuancen zu verbessern gewesen ist.

Karl Nüchterlein

Bild: Werner Wurst, Sammlung Gary Cullen

Worin Nüchterleins Leistungen bei der Entwicklung der Einäugigen Reflexkamera des modernen Typs im einzelnen bestand, darüber habe ich ausführlich in einem langen Aufsatz zur Patentüberlieferung seiner Exakta-Entwicklungen referiert. Insbesondere seine Kopplung von Filmtransport, Verschluß und Spiegelbewegung sind erwähnenswert, weil er dabei deutlich über das Maß an Komplexität hinausgehen mußte, dem sich Heidecke und Barnack bei deren Kameratypen gegenüber sahen. Wie außergewöhnlich Nüchterleins Fähigkeiten waren, zeigt sich auch daran, wie schwer sich die riesige Zeiss Ikon AG tat, etwas Adäquates auf den Markt zu bringen. Nüchterlein hat offenbar in weitgehender Einzelleistung das geschafft, was beim großen Konkurrenten ganze Konstrukteursgruppen nicht fertigbrachten. Seine Grundlagenpatente stellten sich darüber hinaus wohl als derart essentiell heraus, daß der Weg zu einer ähnlich ausgereiften Reflexkamera seinerzeit zu großen Teilen versperrt wurde.


Bislang wenig beachtet waren zudem seine Bemühungen, auch noch einen Belichtungsmesser in das vielversprechende Einäugige Reflexprinzip zu integrieren. Auch auf diesem Felde der später als "Innenlichtmessung" bezeichneten Technologie war Nüchterlein in einer Weise vorangekommen, daß seine Ihagee zur führenden Kamerabauanstalt der Welt hätte werden können, wenn nicht dieser verbrecherische Krieg alles zunichte gemacht hätte. Doch ebenjener Krieg sollte dem Dresnder Kamerabau nicht nur zehn wertvolle Jahre nehmen, sondern kurz vor dessen Ende auch noch seinen fähigsten Konstrukteur.





Wolf Dannberg



Über den Diplomphysiker Wolf Dannberg (1918 - 1984) erfährt man noch am ehesten etwas, wenn man sich für Schach interessiert. In diesem seinem Steckenpferd soll er es in den 1950er und 60er Jahren nämlich zu einer großen Meisterschaft gebracht haben im übertragenen wie im direkten Wortsinne. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, daß Dannberg zu den bedeutendsten Objektivkonstrukteuren des 20. Jahrhunderts zu zählen ist. Neben einer sehr überschaubaren Gruppe von Kollegen (u.a. Rudolf Solisch [Isco], Günter Klemt [Schneider], Hans Lautenbacher [Enna] und natürlich Pierre Angénieux) war er einer der Väter des Retrofokus-Weitwinkelobjektivs "des zweiten Typs". Darunter versteht man solcherlei für die Spiegelreflexkamera geeignete Weitwinkelsysteme, die ihre lange Schnittweite dadurch erzielen, daß einem Grundobjektiv mit ausreichend langer Brennweite ein afokaler Vorsatz mit verkleinernder Wirkung vorgeschaltet wird. Mit seinem DDR-Patent Nr. 23.457 "Afokales Weitwinkel-Vorsatzsystem" vom 22. Juni 1955 hat Dannberg diesbezüglich wertvollste Grundlagenarbeit geleistet, die wenige Jahre später ihre praktische Verwertung in den Retrofokus-Pionieren Flektogon 4/25mm und Flektogon 2/5,5mm fand. Eine für etliche Jahre international ohne Beispiel stehende Leistung war das unter seiner Führung entwickelte Weitwinkelobjektiv Flektogon 4/20mm, mit dem erstmals ein Bildwinkel von 90 Grad überschritten werden konnte. Seine zahlenmäßig erfolgreichste Schöpfung dürfte freilich das Pancolar 1,8/50mm gewesen sein, das über zwei Jahrzehnte hinweg in großen Stückzahlen gefertigt worden ist und bis heute hoch geschätzt wird.

Der Schach spielende Wolf Dannberg im Jahre 1950.


Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dannberg,Wolf_1950_Jena.jpg

Keine großen Erfolge waren hingegen Dannbergs Pionierleistungen im Bereich der Spiegellinsenobjektive beschieden (DDR-Patent Nr. 13.303 vom 22. Oktober 1954). Das lag freilich nicht an mangelhafter Konstruktion sondern schlicht daran, daß sich diese Objektivtypen einfach nicht in der photographischen Praxis bewährten. Das herausragend auskorrigierte Spiegelobjektiv 4/500 wies eine derart geringe Schärfentiefe auf, daß damit in der bildmäßigen Photographie kaum etwas anzufangen war. An diesem prinzipiellen Fehler litt auch der Nachfolger 5,6/1000, der aber bis in die 1980er Jahre wenigstens in kleinsten Serien gefertigt wurde. Derlei lichtstarke Spiegellinsenobjektive blieben im Bereich der Photographie auf wenige spezielle Einsatzfälle beschränkt.

Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv
Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv
Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv
Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv

Paul Rudolph



Gleich mit zwei bedeutenden Unternehmen unserer Mitteldeutschen Photoindustrie ist der Name Dr. Paul Rudolph (1858 - 1935) verbunden. Aber die Superlative häufen sich ohnehin, wenn von diesem Mann die Rede ist. Immer wenn es um den in der Optik so wichtigen Begriff des "Astigmatismus" geht, wird Rudolph im gleichen Atemzug genannt werden. Ganz dem Vorbild Josef Petzvals folgend, hat Paul Rudolph den Photoobjektivbau auf einer wissenschaftlichen Basis durchgeführt. "Ueber den Astigmatismus photographischer Linsen, dessen Wesen, Wirkung und Beseitigung" ist sein grundlegender Aufsatz zu diesem Sachgebiet betitelt, der in zwei Teilen in den Jahren 1891 und 1893 in Eders Jahrbuch erschien. Mit dem darin beschriebenen "Rudolph'schen Prinzip der anastigmatischen Bildfeldebnung" wurde ein neues Zeitalter in der rechnenden Optik eröffnet. Es ist Rudolphs Mentor, Ernst Abbe, zu verdanken, daß dieser Ansatz seinerzeit NICHT patentiert worden ist, und damit auch konkurrierenden Objektivbauanstalten zur Verfügung gestellt wurde [Vgl. Zöllner, Harry: Jena - seit 70 Jahren Zentrum der Fotoobjektiventwicklung, Zum 100. Geburtstag von Dr. Paul Rudolph; in Fotografie 11/1958, S. 395.].


Dieser Aussage Zöllners steht freilich entgegen, daß das Protar sehr wohl mit dem DRP Nr. 56.109 vom 3. April 1890 geschützt worden ist. Allerdings entzieht sich meiner Beurteilungsfähigkeit, inwiefern die hier außergewöhnlich knapp formulierten Schutzansprüche die Fremdnutzung der Rudolph'schen Prinzipien wirklich harsch einschränkten. Fakt ist jedenfalls, daß Rudolphs erste große Leistung, den Zeiss'schen Anastigmaten entwickelt zu haben, auf Grund dessen heute etwas verwässert erscheint, weil eben andere Firmen sehr bald mit ganz ähnlichen Objektiven auf den Markt kamen, die sich zum Teil als deutlich erfolgreicher herausstellten. Auf indirekte Weise war dieser Entwicklungspfad für den Arbeitgeber Rudolphs dennoch lukrativ, denn die konkurrierenden Anastigmate kamen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht ohne die neuen hochbrechenden Krongläser aus, die im Jenaer Glaswerk des Zeisskonzerns erschmolzen wurden.

Paul Rudolph Zeiss Jena

Diese durch die Arbeiten Otto Schotts geschaffene neuartige Materialbasis hatte sich bereits bei der Entwicklung von Mikroskopobjektiven als sehr erfolgversprechend herausgestellt. Paul Rudolph machte daraufhin im Jahre 1888 den Vorschlag, in das Marktsegment des Photoobjektivbaus einzutreten. Ein zuerst nach Vorschlägen Abbes entwickeltes Triplet erwies sich als noch stark vom Mikroskopobjektivbau geprägt: Die sphärische (Kurven in a) und vor allem die chromatische Aberration waren gut auskorrigiert, aber das extreme Auseinanderlaufen beider Bildschalen (Kurven in b) sorgte dafür, daß quasi nur die Bildmitte scharf abgebildet wurde.

Triplet nach Abbe/Rudolph 1888

Abbe und Rudolph war nach diesem ersten Mißerfolg klar, daß für den Bau von Photoobjektiven ein gänzlich neuer Ansatz verfolgt werden müsse, der auf eine anastigmatische Bildfeldebnung hinauslaufe. Anders als beim Mikroskop oder beim Fernrohr verlangen Photoobjektive nämlich nach einem vergleichsweise großen Gesichtswinkel. Schon beim sogenannten Normalobjektiv nimmt dieser Größenordnungen von 50 Grad an. Es ist dabei nicht mehr zu vernachlässigen, daß Licht, das das optische System in unterschiedlichen Ebenen schräg durchläuft, in keinem gemeinsamen Brennpunkt vereinigt wird. Vielmehr bilden sich zwei sogenannte Bildschalen (daher auch Zweischalenfehler genannt), die unter Umständen zum Bildrand hin völlig auseinanderlaufen, wie das oben im Koordinatensystem b) gut erkennbar ist. Ein mit diesem Fehler behaftetes Objektiv läßt sich stets entweder nur auf senkrecht oder waagerecht (genauer: tangential und radial) ausgerichtete Bildeinzelheiten scharfstellen. Um diesen in der Praxis unerträglichen Übelstand, der auch nicht durch bloßes Abblenden zurückzudrängen ist, auszumerzen, muß in einem ersten Schritt die sogenannte sagittale mit der meridionalen Bildschale vereinigt werden. Das genügt aber meist noch nicht. Denn nun liegen die Bildunkte aus beiden Strahlenbüscheln zwar auf einer gemeinsamen Ebene, diese ist aber oftmals nach wie vor durchbogen. Deshalb geht eine anastigmatische Korrektur eines optischen Systems fast immer mit einer gleichzeitigen Ebnung des Bildfeldes einher, damit die Brennpunkte in der Bildmitte und am Rand so exakt wie möglich auf der flachen Photoplatte liegen.

Paul Rudolph Anastigmat 1890

Den dahingehend bereits im Frühjahr 1889 erreichten Fortschritt erkennt man oben an den Bildfehlerkurven des ersten Zeiss-Anastigmaten, der später in weiterentwickelter Form als "Protar" vertrieben wurde. Im direkten Vergleich sieht man nun, wie sich im Koordinatensystem b) die Kurven für die meridionale und sagittale Bildschale regelrecht um die Bildebene (y-Achse) "herumschlängeln". Ganz am Bildrand, bei einem halben Bildwinkel von etwas über 25 Grad, fallen beide Schalen sogar wieder mit der Bildebene zusammen. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben.


Anhand der im Korrdinatensystem a) wiedergegebenen Kurven erkennt man aber, daß mit diesem einfachen Duplet die sphärische Aberration nur bedingt beherrschbar war. Die sogenannten Zonen – die Ausbeulung der Kurven, bevor sie am Rande des Systems wieder die Achse schneiden – waren sogar größer geworden. Und das bei bescheidener Lichtstärke, die kaum über das hinausging, was damalige Aplanate und Antiplanete boten. Aus den Kurven des Kugelgestaltsfehlers und der Abweichung von der Sinusbedingung läßt sich ja immer die zugrundegelegte Lichtstärke ablesen, wenn die Diagramme nach der durch Moritz von Rohr vorgeschlagenen Dimensionierung angefertigt wurden. Auf der y-Achse ist demnach die halbe Öffnung des Objektivs von etwas über 6 Millimetern (also reichlich 12 Millimeter Gesamtdurchmesser) ablesbar. Da die Brennweite immer auf 100 Millimeter bezogen ist, bedeutet dies also, daß die Lichtstärke dieses ersten Anastigmaten mit um die 1:8 veranschlagt gewesen ist. Nach Eder ist das auf diesem Anastigmat fußende Protar später mit Lichtstärken bis 1:4,5 herausgebracht worden, diese lichtstarken Serien seien aber schon nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen worden. Länger gehalten haben sich demnach nur die Serien IIIa und V mit Lichtstärken von 1:9 und 1:18, die als Weitwinkelsysteme mit Bildwinkeln bis über 100 Grad einsetzbar waren. [Vgl. Eder, Josef Maria: Die photographischen Objektive; in: Ausführliches Handbuch der Photographie, Band I, 4. Teil, 1911, S. 130].

Zeiss Protar Anastigmat 1:18

Der teils noch bis in die 20er Jahre hergestellte Protar-Anastigmat 1:18 für Weitwinkelaufnahmen bis 110 Grad

Die Erhöhung der Lichtstärke, ein Bestreben, mit dem man sich auch wieder deutlich von den Mitbewerbern hätte absetzen können, erwies sich freilich als deutlich schwieriger zu erreichen, als gedacht. Das 1896 von Rudolph fertiggestellte Planar mit Lichtstärken bis 1:3,6 war damals sehr aufwendig und teuer in der Herstellung. Außerdem neigte es als Vertreter des Doppelgaußobjektivs im Alltag zu schwer beherrschbaren Überstrahlungen. Immerhin konnten im ungünstigsten Fall seine acht Glas-Luft-Flächen nicht weniger als 28 Spiegelbilder von im Bilde vorkommenden Lichtquellen auf die Schicht werfen [Vgl. Naumann, Helmut; Das Auge meiner Kamera, 2. Auflage, 1951, S. 55]. Dieser vielversprechende Objektivtyp, für den Rudolph den Grundstein gelegt hatte, konnte erst nach den Weiterentwicklungen u. a. durch Merté und Tronnier zu jenem Erfolg gebracht werden, der ihn bis heute zu einem der wertvollsten Konstruktionen im Bereich der gesamten Photooptik macht.

Zeiss Planar 1:4,5

Rudolphs Streben, zu einem einfacheren, preiswerter herstellbaren und dennoch hochwertigen Universalobjektiv zu gelangen, führte ihn zunächst in eine Sackgasse, in der er nicht weiterkam. Dem "Unar" [DRP Nr. 134.408 vom 3. November 1899] war kein großer Erfolg beschieden. In dieser Phase konnten Konkurrenzfirmen dem Zeisswerk sogar wieder einmal deutlich vorwegeilen. Das Heliar, das Hans Harting im Jahre 1900 für Voigtländer errechnet hatte, ist ein Beispiel dafür. Doch mit dem vierlinsigen, dreigliedrigen Tessar gelang Rudolph 1902 ein derartiger Wurf, daß er  damit für Jahrzehnte einen Standard im Bereich des hochwertigen Universalobjektivs geschaffen hatte. Gedrungener Aufbau und dadurch geringer Lichtabfall zu den Rändern, flache, dünne Linsen, die sich leicht herstellen ließen und eine hervorragende Bildleistung sogar bei höheren Lichtstärken – diese Eigenschaften des "Adlerauges der Kamera" ließen Zeiss Jena nun endgültig zur führenden Objektivbauanstalt des Weltmarktes werden. Eine Freude, daß Ernst Abbe diesen Erfolg noch miterleben durfte.


Aber ach! Bei aller Genialität; Paul Rudolph scheint wohl auch ein rechter Hitzkopf gewesen zu sein. So wie er zehn Jahre zuvor den Photobjektivbau bei Zeiss initiiert hatte, so meinte er nun, das Unternehmen auf den Sektor des Kamerabaus ausweiten zu müssen. Er verhandelte dazu ab 1899 mit dem Görlitzer Kamerafabrikant Curt Bentzin, der sich einen Namen mit seinen Schlitzverschlußkameras gemacht hatte. Dessen Unternehmen sollte für 100.000 Reichsmark übernommen und in Jena eine "Palmos Camerawerke AG" gegründet werden, während der Betrieb in Görlitz als Filiale erhalten bleiben sollte.


„Der Gesellschaftsvertrag wurde am 26. März 1900 unterzeichnet. Rudolph brachte 51,6 Prozent des Aktienkapitals auf und interessierte den Verwandten- und Bekanntenkreis für die Gesellschaft, der sich im Vertrauen darauf, daß die Optische Werkstätte [gemeint ist das Zeisswerk, MK] hinter dieser Gesellschaft stand, finanziell beteiligte. Aber die erwarteten Erfolge sollten sich nicht einstellen, und dem Unternehmen drohte der Konkurs. Die Gründe lagen in der unbefriedigenden Ausführung der Erzeugnisse und den damit verbundenen Reklamationen sowie in der unzureichenden Konstruktion der Kameras. [...] Um den Konkurs zu vermeiden, übernahm die Optische Werkstätte 1901 das Werk. Aber die geschilderten Grundmängel zwangen schließlich dazu, das ganze Unternehmen unter erheblichen Verlusten zu liquidieren. Die Optische Werkstätte erlitt dabei einen Verlust von schätzungsweise 300.000 Mark.“ [Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss 1846 – 1905, 1996, S. 208]


Wohl ab diesem Zeitpunkt war das Verhältnis des Zeisswerks zu Paul Rudolph endgültig zerrüttet. Darüber konnte auch der Erfolg seines Tessares nicht mehr hinwegtäuschen. Im Gegenteil: Seit dem Jahre 1897 lag er mit der Werksleitung hinsichtlich der Vergütung seiner Arbeit in Zwietracht. Trotz eines auf den ersten Blick günstigen Anstellungsvertrages, den er noch mit Ernst Abbe am 6. Juni 1889 ausgehandelt hatte, fühlte sich Rudolph übervorteilt:


" 'Dr. Rudolph stellt seine ganze Arbeitskraft der Werkstätte Carl Zeiss zur Verfügung und übernimmt im Besonderen die Leitung sämtlicher rechnerischer Arbeiten, die die Construction optischer Systeme bezwecken. [...]

Alle aus den im Interesse der Werkstätte übernommenen Arbeiten entspringenden, geschäftlich verwertbaren Resultate stellt Dr. Rudolph der Firma zur Verfügung. Er behält sich aber das Recht vor, die sich bei seiner Thätigkeit ergebenden Resultate theoretischer Natur unter seinen Namen veröffentlichen zu können'


Die Firma Zeiss 'gewährt Dr. Rudolph eine von Seiten der Firma unkünbare Anstellung'. Für die Zeit zwischen 1. Oktober 1889 und 1. Januar 1900 wurde ein Gehalt von 4.000 Mark, dann bis zum 1. Oktober 1900 von 5.000 Mark und danach ein jährliches Gehalt von 6.000 Mark vereinbart. Der Pension sollten ab dem 1. Oktober 1889 3.000 Mark und danach 5.000 Mark zugrunde liegen. 'Außerdem gesteht die Firma Zeiss dem Dr. Rudolph 1/3 des Bruttogewinns zu, der durch Verkauf von Patentlizenzen des Photographischen Objektivs, welches Dr. Rudolph zum Frühjahr 1889 erfunden hat (Anastigmat), sich ergeben wird. [...] Schließlich verpflichtet sich Dr. Rudolph seiner Seits bei einem Weggang aus dieser Stellung, den er nach einer 1/2 jährigen Kündigungsfrist bewirken kann, zu der Bedingung, daß er innerhalb der nach tatsächlicher Auflösung des Contracts liegenden Frist von 10 Jahren für keine andere optische Werkstätte irgendwie thätig sein wird, welche auf einem der Fabrikationsgebiete der Firma Zeiss mit dieser in Concurrenz steht.' " [zitiert nach: Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss 1846 – 1905, 1996, S. 249f.]


Einen ziemlichen Knebelvertrag hatte Paul Rudolph da unterzeichnet; ein goldener Käfig, in dem er da steckte. Dabei war der Anteil an Lizenzgebühren, der ihm hierin zugesichert wurde, reine Makulatur, denn dieser beschränkte sich auf die erste Erfindung von 1889; und die war nie sonderlich kommerziell erfolgreich. Einträglich wurde der Objektivbau bei Zeiss Jena erst mit den Reproduktions-Planaren, die von der reprographischen Industrie gekauft wurden und natürlich mit dem Tessar, das Zeiss Jena bis zum ersten Weltkrieg selbst zu zehntausenden fabrizierte und für das die Werkstätte obendrein noch umfangreiche Fertigungslizenzen an ausländische Firmen vergab. Wäre Paul Rudolph im Besitz seiner eigenen Erfindungen gewesen, so wäre er binnen kurzer Zeit zum Millionär geworden. Dazu hätte er aber an irgendeinem Punkt vorher kündigen und anschließend ein Jahrzehnt lang am Hungertuch nagen müssen. Eine ausweglose Lage also.


Nach einem vergleichenden Schiedsverfahren im Jahre 1910 ging Paul Rudolph im folgenden Jahr in den Ruhestand [Vgl. Hofmann, Christian: Rudolph, Paul; in: Neue Deutsche Biographie 22, 2005.] und zog sich mit dem ihm verbliebenen Vermögen auf das offenbar von ihm erworbene (?) ehemalige Rittergut Grün im Tal der Göltzsch bei Lengenfeld im Vogtland zurück. Wie zu erwarten, verweigerte das Zeisswerk im Jahre 1913, daß Rudolph für das konkurrierenden Voigtländerwerk arbeiten durfte. Tatsächlich dauerte es bis zum Jahr 1920, daß Paul Rudolph mit über 60 Lebensjahren wieder als Objektivkonstrukteur arbeiten konnte. Er zog nun nach Großbiesnitz bei Görlitz, um in den Dienst der optischen Werkstätte Hugo Meyer einzutreten. Hier brachte er seinen während des Krieges entwickelten Plasmat-Typus ein, der dazu gedacht war, der schlesischen Objektivbauanstalt zu einem Technologieschub zu verhelfen.

Aber trotz der Tatsache, daß Rudolph diesen hoch auskorrigierbaren Anastigmaten ständig weiterentwickelte, stellte sich kein dem Tessar oder Biotar vergleichbarer wirtschaftlicher Erfolg ein. Die 20er Jahre waren aus heutigem Wissensstand heraus betrachtet eine Sattelzeit für den Objektivbau, in der sich zwar schon neue technische Entwicklungspfade abzeichneten, aber wo noch nicht genau klar war, wohin genau sich diese bewegen werden. Erst nach 1930 kristallisierte sich langsam heraus, daß die Kinematographie und die aufkommende Kleinbildphotographie nach Objektiven verlangte, die eine kompromißlose Abbildungsleistung bei einer bis an die Grenzen des Möglichen getriebenen Lichtstärke erforderte. Die Kino- und Kleinbildplasmate, die Rudolph noch bis wenige Jahre vor seinem Tode errechnet hatte, waren dabei ihrer Zeit zum Teil weit voraus und dadurch was Aufwand und Preis anbelangte seinerzeit nicht marktgerecht. Und so wie Wandersleb und Merté damals sogleich die Position besetzten, die Rudolph nach seinem Weggang aus Jena offengelassen hatte, so waren es in Görlitz nun Paul Schäfter und Stefan Roeschlein, die in seine Fußstapfen traten und die Meyer'sche Objektivbauanstalt erfolgreich in ebenjenes Zeitalter führten, das ich oben beschrieben habe.

Meyer Plasmat

Diesen vier Herren beispielsweise gelang dabei etwas, das Paul Rudolph in diesem Ausmaß nie vergönnt gewesen ist: Ihre Objektivberechnungen wurden genau in der von ihnen geschaffenen Konfiguration zum Teil jahrzehntelang (Biotar, Primoplan) mit großem ökonomischen Erfolg hergestellt. Was diese wirtschaftliche Verwertung betrifft, hat es den Anschein, als habe Paul Rudolph dabei zeitlebens nicht die glücklichste Hand gehabt.






Siegfried Böhm



Eine ärmliche Gegend ist das Erzgebirge gewesen, seit es im späten Mittelalter besiedelt worden war. Zwar brachte der namensgebende Bergbau immer wieder einmal Phasen großer Prosperität mit sich, wenn durch das Aufspüren neuer Lagerstätten oder einer verbesserten Fördertechnik Silber, Blei, Zinn und andere wertvolle Rohstoffe zutage geholt werden konnten. Aber so rasch der Wohlstand kam, so unvermittelt verging er oft auch wieder. Die kargen Böden und die langen, schneereichen Winter taten ihr Übriges und formten eine bescheidene, an Entbehrungen gewöhnte Bevölkerung. Ein halbes Jahrtausend lang.

 

Erst eine neue Epoche, die wir heute als Industrielle Revolution bezeichnen, veränderte diese Situation nachhaltig. Dabei ist die Gegend um Zschopau mit ihren seit dem frühen 18. Jhd. nachweisbaren protoindustriellen Strukturen im Bereich der Textilbleicherei und der Strumpfwirkerei ein Hort der Industrialisierung auf dem europäischen Festland. Vor ziemlich genau 200 Jahren entstanden hier erste Fabriken moderner Form, namentlich jene des Johan Jacob Bodemer, die nicht nur das wirtschaftliche Gepräge der Stadt Zschopau und ihrer umliegenden Orte veränderten, sondern auch die Lebenswelt der hiesigen Bevölkerung. Mechanik, durch Fremdkraft angetriebene Maschinen, Dampf, Transmissionen, Gasmotoren und dergleichen gehörten nun zum Alltag und die Menschen lernten sie zu beherrschen und zu verbessern. Der Däne Jørgen S. Rasmussen brachte Zschopau vor dem Ersten Weltkrieg ein zweites Standbein und am Ende der 20er Jahre beherbergte die Kleinstadt die größte Motorradfabrik der Welt.

Siegfried Böhm im hohen Alter. Quelle: MDR

In diese Zeit hinein wurde am 18. Juli 1921 Siegfried Böhm geboren – im nahegelegenen Witzschdorf. Er besuchte später die Oberschule in Zschopau, mußte diese aber aufgrund der wirtschaftlichen Not seiner Eltern 1936 verlassen und ging nach Dresden, wo er erst in einer Kartonagenfabrik arbeitete, um dann ab Mai 1939 in die Zeiss Ikon AG überzuwechseln. Siegfried Böhm sollte in diesem Tätigkeitsfeld des Kamerabaus seine Lebensaufgabe finden. Nach schwerer Verwundung im Kriege, konnte er 1943 zu Zeiss Ikon zurückkehren und erwarb sich unter Friedrich Schieber wertvolle Erfahrungen bei der Konstruktion von Schlitzverschlüssen – ein Metier, in dem Böhm zehn Jahre später zu den bedeutendsten Fachleuten der Welt gehören sollte.


Noch nicht einmal 25 Jahre alt und dennoch bereits ein ausgewiesener Spezialist – das mag einer der Hauptgründe dafür gewesen sein, daß die Sowjetische Besatzungsmacht Böhm im Januar 1946 in die Kamera-Werkstätten Niedersedlitz beorderte, um dort die Fertigung der Praktiflex wieder zum Anlauf zu bringen. Die angestammte Belegschaft war versprengt, an der Front gefallen oder bei den Bombenangriffen wenige Monate zuvor ums Leben gekommen. Unter unsäglichen Bedingungen und großen persönlichen Entbehrungen gelang es Böhm, die Herstellung dieser begehrten Kamera in geordnete Bahnen zu lenken und für das nötige Qualitätsniveau zu sorgen. Aber damit nicht genug. Bereits nach kurzer Zeit hatte Böhm die eklatanten Schwächen der vorliegenden Konstruktion erkannt und setzte alles daran, die Kamera zu verbessern und weiterzuentwickeln. Als wäre diese Konstruktionstätigkeit noch nicht genug Belastung gewesen, hatte Böhm gleichsam noch die stete Versorgung mit dem Materialnachschub sowie die Überzeugungsarbeit gegenüber der Besatzungsmacht zu lösen. Eine herausragende Einzelleistung im Wiederaufbau nach 1945.


Ab 1948 offizieller Werkleiter des VEB Kamera-Werke Niedersedlitz, leitete Böhm einen Aufstieg dieses aus einer Kameramanufaktur hervorgegangenen Betriebes ein, der seinesgleichen suchen sollte. Nicht nur, daß die zur Praktica weiterentwickelte Praktiflex auf eine großserielle Produktionsweise getrimmt werden konnte, die erstmals einer breiten Masse an Amateurphotographen ermöglichte, eine universelle Kleinbildspiegelreflexkamera zu erwerben. Darüber hinaus arbeitete Böhm mit einem Stab an ausgewählten Fachleuten an einer Perfektionierung dieses Kameratyps, um dessen bisherige Schwächen endgültig zu eliminieren. Seine dahingehenden Lösungsansätze, insbesondere die Vollautomatische Springblende und ihre Verknüpfung mit der Kameramechanik, hatten grundlegenden Charakter und wurden später quasi von allen Herstellern des Weltmarktes adaptiert. Die aus diesen Arbeiten hervorgegangene Praktisix und ihre Nachkommen gehören dabei zu den erfolgreichsten Kameraschöpfungen aller Zeiten.

Siegfried Böhm (Mitte) mit der neuen Praktina im Jahre 1953. Links Werner Kühnel, rechts Gerhard Jehmlich. Bildautor: unbekannt.

Man muß Böhm also nicht nur außergewöhnliche Leistungen als Konstrukteur zuschreiben, sondern offenbar auch als fähiger Leiter seines Betriebes. Anders ist es nicht zu erklären, daß mit dem erschütternden Niedergang des Goliath Zeiss Ikon der David in Niedersedlitz ab 1957 zum Leitbetrieb der ganzen Branche aufsteigt und regelrecht die Scherben des vormaligen Konkurrenzbetriebes zusammenkehren muß. Aus dieser kritischen Phase geht ab 1959 ein Großbetrieb "VEB Kamera- und Kinowerke" ("Pentacon") hervor, in dem Böhm ab 1961 als Technischer Direktor fungiert. Zu seinen großen Verdiensten jener Zeit gehört die Einführung der rationellen Massenfertigung der Spiegelreflexkameras am Fließband ab 1965, die er maßgeblich mit vorbeireitet und umgesetzt hat. Die folgenden zehn Jahre bis etwa 1975 stellen die letzte große Zeit der Blüte des Dresdner Kamerabaus dar, in der man durch technische Weiterentwicklung und richtige Modellpolitik brilliert.

Praktina System

Das unter der Leitung Siegfried Böhms geschaffene Praktina-Aufbausystem mit seinen Motorantrieben und dem Langfilmmagazin eröffnete der Photographie unter anderem auf den Gebieten der Wissenschaft und Forschung neue Möglichkeiten. Die in Niedersedlitz gefundenen neuartigen Lösungsansätze wurden dabei späterhin oft von namhaften Firmen kopiert und nichtselten auch als eigene Errungenschaften ausgegeben.

Ein drastischer Umbruch im Markt der Amateurspiegelreflexkameras ab 1976 hin zur elektronischen Belichtungssteuerung (Canon AE-1, Pentax ME, Minolta XD-7, usw.) bringen den VEB Pentacon Dresden jedoch binnen kurzer Frist in einen ernstzunehmenden technologischen Rückstand, der bei Fachleuten wie Böhm größte Besorgnis hervorgerufen haben muß. Nachdem Böhm diese Situation und deren bald zu erwartende Folgen den politischen Funktionären mit ehrlichen Worten deutlich gemacht hatte, wird er ab 1981 mit 60 Jahren kurzerhand aus seiner Funktion verdrängt und auf niederen Posten regelrecht kaltgestellt. Die sich ab Anfang der 80er Jahre abzeichnende ausweglose Situation des Dresdner Kamerabaus, die ohne eine Kooperation mit japanischen Technologierkonzernen bald zu erwarten sein würde, brach plötzlich vollständig zutage, als der VEB Pentacon Dresden wenige Wochen nach der Wiedervereinigung wegen hoffnungsloser Prognosen beinah restlos liquidiert werden mußte.


Siegfried Böhm, der im Jahre 2016 kurz nach seinem 95. Geburtstag verstarb, blieb bis ins hohe Alter als Experte und wichtiger Zeitzeuge zum Dresdner Kamerabau aktiv und geschätzt.




Literatur: Jehmlich, Gerhard: Praktica-Konstrukteur Böhm in Dresden gestorben, Dresdner Neueste Nachrichten vom 25. August 2016.

Marco Kröger


letzte Änderung 22. September 2020