Weitere Stereokameras
Stereo-Werra

Stereo-Weltax



Ganz besonders hochwertige Raumbilder ermöglicht natürlich das Mittelformat. Der Rollfilm 120 ist das ideale Material für Stereoaufnahmen. Zwei aufeinanderfolgende Bildnummern liegen auf dem Schutzpapier 64mm auseinander - das entspricht genau dem Augenabstand und ermöglicht einen einfachen Bildtransport mit nebeneinanderliegenden Teilbildern, die quasi gemeinsam "wegtransporiert" werden. Genauso vorteilhaft ist, daß sich zwei Halbbilder von 56x56mm Nutzgröße ohne jegliche Vergrößerung im Stereo-Großformat 6x13cm unterbringen lassen. Die Positive kann man also auf einfache Weise im Kontaktverfahren herstellen. Wenn man Umkehrfilm benutzt, dann erhält man direkt betrachtungsfertige Positive, für die man bei geübtem stereoskopischen Blick nicht einmal ein Stereoskop braucht.

Weltax Stereo

Die Kamera ist aus zwei Weltax aufgebaut und ermöglicht das Auswechseln der Objektive durch die angeschraubte Frontplatte. Zunächst kommen zwei historische Doppelanastigmate "Teronar 1:5,4" zum Einsatz, die eigentlich für eine 4,5x10,7 Kamera gedacht sind, aber das 6x6 Format gerade so auszeichnen. Die beinah 100 Jahre alten Objektive sind in einem erstklassigen Stereo-Compur gefaßt.


Viel Aufwand steckt in dem Großbildsucher, der genau auf den über 60 Grad umfassenden Bildwinkel der 65mm-Objektive abgestimmt ist und eine exakte Bildkomposition ermöglicht, die ja bei Stereoaufnahmen besonders wichtig ist.

Weltax Stereo

Certo-Plast


Da die oben gezeigte Weltax zur 6 x 12 Panoramakamera umgebaut werden soll, habe ich "ersatzweise" zwei Certo-phot in eine 6x6-Stereokamera verwandelt, um den wunderbaren Stereo-Compur sinnvoll nutzen zu können. Das Prinzip ist das gleiche geblieben: Die beiden Doppelanastigmate 5,4/6,5cm sind fest auf eine Entfernung von etwa 7 Meter einjustiert. Ab einer Abblendung auf 1:9 (hier wird noch die alte Blendenskala verwendet) liegt der gesamte stereoskopisch erfaßbare Raum von 3,5 Meter bis Unendlich innerhalb der Schärfentiefe. Ein Scharfstellen erübrigt sich demnach.

Certo-Stereo
Certo Stereo
Certoplast
Certo-Plast Rückwand

Die Certo-phot zeichnete sich seinerzeit dadurch aus, daß sie für eine preiswerte Boxkamera ungewöhnlich massiv gebaut war. Insbesondere das Chassis besteht aus dickem Aluminiumdruckguß, wie man das sonst nur von teuren Spitzengeräten her kennt. Als Besonderheit beim Umbau auf Basis dieser Kamera ergab sich aber, daß die ursprünglich gewölbte Bildbahn plangeschliffen werden mußte. Ihr billiger Verkaufspreis von 32,- Mark war damals ja nur dadurch zu erreichen gewesen, daß ein einfacher Achromat als Objektiv verbaut wurde, der typischerweise mit einer starken Bildfeldwölbung behaftet ist. Eine Stereokamera benötigt hingegen für beide Bildfenster eine durchgängig plane Filmbahn. Auch die Andruckplatte mußte aus diesem Grunde natürlich neu angefertigt werden.

Die Kamera funktioniert auch. Die Bildqualität dieser alten Doppelanastigmate ist wirklich beeindruckend. Es lohnte sich, das Ganze auch mal in Farbe zu versuchen.

Pouva Stereo



Leider sind 6x6 Stereoaufnahmen auch am teuersten, denn auf einem Rollfilm 120 kriegt man nur  sechs Stereopaare unter. Trotzdem gelingen selbst mit solch einer einfachen "Pouva Stereo" herausragende Raumbilder, insbesondere wenn die originalen Objektive durch zwei hochwertige Tessare ersetzt wurden wie hier.

Die Anleitung zum Bau einer solchen Stereokamera fand sich seinerzeit im "Fotobastelbuch" von Kunz/Samplawsky und wurde daher entsprechend häufig nachgebaut - auch von mir.  Doch nur wenige gingen den an anderer Stelle dieses Buches  aufgezeigten Weg, die originalen Objektive durch hochwertige Anastigmate zu ersetzen.  Offenbar wurde in der DDR die Produktion von Faltkameras 6x6 und 6x9 recht plötzlich eingestellt, nachdem immer mehr preiswerte Kleinbild-Amateurkameras wie die Pentona, Penti oder die Beirette K  erhältlich waren. So läßt es sich jedenfalls erklären, daß  offenbar in den 60er Jahren einzelne Objektive samt Verschlüssen als Bastelware in einschlägigen Photogeschäften erhältlich waren. Sie  waren wohl Überproduktionsbestände, nachdem die in der zweiten Hälfte der 50er Jahre immer stärker konzentrierte Kameraindustrie diese altmodischen "Falter" konsequent aus dem Produktionsprogramm genommen hatte. Das jedenfalls suggeriert das "Fotobastelbuch".

Übrigens ist es aus stereoskopischer Sicht gar nicht notwendig, die Objektive zu tauschen. Das liegt an dem Umstand, daß eine der stereoskopischen Grundregeln besagt, daß alle im Raumbild erkennbaren Gegenstände innerhalb der Schärfentiefe liegen müssen. Unschärfen im Raumbild wirken unnatürlich und sehr störend, weil das Raumbild die technische Konservierung des freien natürlichen Sehens ist. Das freie natürliche Sehen kennt aber keine Unschärfen, denn noch bevor ein Gegenstand, den wir betrachten, voll in unserem Bewußtsein angekommen ist, haben die Augen ihn bereits anfokussiert. Das Scharfstellen der Augenlinsen geschieht also unwillkürlich und ohne daß wir uns darüber Gedanken machen müssen. Daß wir die Dinge beim freien natürlichen Blick stets scharf sehen, ist für uns also eine Selbstverständlichkeit, der wir uns nicht sonderlich bewußt sind. Demnach müssen auch jene Raumbilder, die den freien natürlichen Blick nachahmen, stets scharf sein. Unschärfen im plastischen Bild würden unsere Augen und unser Gehirn dazu provozieren, krampfhaft etwas zu fokussieren, was nicht zu fokussieren ist, weil es bereits unscharf aufgenommen wurde. Das ist übrigens einer meiner Hauptkritikpunkte an den 3D-Filmen, die seit einigen Jahren in den auf digitale Technik umgestellten Kinos laufen. In diesen Filmen wird die hier genannte stereoskopische Grundregel nämlich eklatant verletzt. Um diese Filme offenbar auch in 2D vermarkten zu können, oder weil die stereoskopischen Grundregeln schlichtweg nicht bekannt sind, wird mit  dem künstlerischen Gestaltungsmittel gearbeitet, das Hauptmotiv durch gezieltes Setzen eines Schärfepunktes eindrucksvoll vom Vorder- und Hintergrund freizustellen. Gerade von diesem Gestaltungsmittel lebt ja die flächige Photographie und sie versucht auf diese Weise, Bildplastik vorzutäuschen.


Die Stereophotographie braucht keine Plastik vorzutäuschen, denn sie gibt diese ja naturgetreu wieder. Dazu müssen aber wie gesagt die stereoskopischen Grundregeln beachtet werden. Verletzt man diese, so führt das zu Verschmelzungsstörungen oder raschen Ermüdung. Das mag der Grund gewesen sein, wieso ich damals im Film „Avatar“ nach einer Stunde genervt und mit schmerzendem Kopf  die Polfilterbrille vom Kopf gerissen habe.


Wie hält man nun die Schärfebedingung ein? Es gibt für diese Frage eine sehr einfache Formel, die eine Blendenzahl angibt, mit der sich eine ausreichende Schärfentiefe ergibt. Sie lautet: Kritische Blende ist gleich Objektivbrennweite (in mm) geteilt durch Aufnahmebasis (in cm). Für das Objektiv „Dublar 8/70mm“ der Pouva Start heißt das also: 70 geteilt durch 6,3 ergibt ziemlich genau Blende 11. Dieser Wert gilt als Anhaltspunkt für alle mittelformatigen Stereokameras mit Brennweiten um 75mm und Objektivabständen von üblichen 63mm. Bei dieser Aufnahmebasis beträgt die voll zur Verfügung stehende Raumtiefe etwa drei Meter bis unendlich. Diese ergibt sich aus der sog. 70 Minuten Bedingung - eine weitere stereoskopische Grundregel. Will man diese zulässige Raumtiefe also voll ausnutzen (und es ist der Sinn und Zweck der Raumbildphotographie, Motivteile innerhalb des zur Verfügung stehenden Raumes zu plazieren), dann wird man stets mindestens auf etwa 1:11 abblenden müssen. Das war übrigens auch immer der größte Nachteil der mittelformatigen Stereokameras, daß diese große Abblendung nötig ist und man zu langen Verschußzeiten kam. Heute, da Filme statt 9 oder 13 DIN nun 24 oder gar 27 DIN haben, ist diese Problematik einigermaßen in den Hintergrund getreten.


Unsere Pouva Stereo ist mit Tessaren der Lichtstärke 1:3,5 also völlig überzüchtet. Man müßte die Wiedergabe der Raumtiefe auf lächerlich wenige Zentimeter begrenzen, wollte man diese hohe Lichtstärke gänzlich ausnutzen. Daher blendet man diese Tessare also ohnehin auf 1:11 ab. Die einfachen, lichtschwachen Objektive der Bakelitkameras genügen auf den ersten Blick also vollauf. Da die Pouva Start nur eine Revolverblende mit 1:8 und 1:16 zu bieten hat, müßte man also sogar auf 16 abblenden. Weil das einfache periskopische Objektiv der Pouva Start ohnehin keine Punktschärfe liefert, wird man aber auch Blende 8 grade noch anwenden können. Die scheinbar höhere Schärfentiefe billiger Objektivkonstruktionen war schon vor mehr als hundert Jahren bekannt. Und genau vor diesem Hintergrund ist es gerechtfertigt, doch ein anastigmatisch korrigiertes Objektiv vom Triplet- oder Tessartyp einzusetzen, denn das liefert bei Blende 11 eine echte Punktschärfe. Für stereoskopische Farbaufnahmen ist eine Achromasie (also Bilder ohne Farbsäume) ohnehin unerläßlich, die das einfache Periskop der Pouva Start nicht zu bieten hat. Zudem ist eine Verschlußzeitenreihe von 1…1/250s, die der Vebur liefert, auch nicht zu verachten…

Pouva Stereo
Pouva Stereo

Übrigens lassen sich auch ohne spezielle Stereokamera Raumbildaufnahmen machen. Bei entsprechend statischen Motiven löst man einfach zweimal hintereinander mit leicht versetzter Kamera aus. Dieses Prinzip kann man auch auf die Spitze treiben, indem man Landschaftsaufnahmen mit extrem vergrößerter Basis macht. Dann reicht der Raumeindruck zum Teil einige Kilometer weit.

M. Kröger


letzte Änderung: 12. Januar 2021