Stereokameras System Kern

Diese kniffligen, aber unabänderlichen Zusammenhänge hatten Stereoskopiker bis dahin immer dadurch gelöst, daß sie die Aufnahmen zerschnitten und neu positionierten – mit all den besagten Schwierigkeiten, die dieses Vorgehen mit sich brachte. Kern hatte nun einen Betrachter entwickelt, der die Seitenvertauschung der Bilder auf optischem Wege aufhob und dadurch ein Zerschneiden des Filmes vermied. Den technologischen Möglichkeiten des Jahres 1932 folgend, hatte Kern einen Betrachter entwickelt, der mit dem Prinzip des astronomischen Fernrohres arbeitete. Ein solches Fernrohr liefert bekanntlich seitenverkehrte und kopfstehende Bilder liefert. Kopfstehende Bilder sind einfach auszugleichen, indem man den Filmstreifen schlichtweg kopfstehend einlegt. Also blieb der Effekt, daß seitenverkehrt mal seitenverkehrt seitenrichtig ergibt. So einfach war das also. Leider war dieser Kasten aber sehr groß und sehr teuer (180 Franken), was ein zweiter Grund gewesen sein mag, wieso sich dieses Prinzip nicht durchsetzte.

Seit 1948 stehen aber als Nebenprodukt der Spiegelreflexkamera-Entwicklung Umkehrprismen zur Verfügung, die einen derart großen Durchlaß ermöglichen, daß sie mit weitwinkligen Okularen kombiniert werden können – das Prinzip des Prismensuchers also. Auf diese Weise ist das zweite Grundproblem der Stereo-Bildbetrachtung wesentlich einfacher lösbar geworden. Damit wird natürlich das alte Stereosystem nach Bauart Kern wieder hochinteressant. Einen solchen Stereobetrachter kann man nämlich ohne übermäßigen Aufwand selber bauen.

Als viel schwieriger erwies es sich, eine Kamera entsprechend (um)zubauen, mit der man einen Bildstreifen mit den besagten 20x20mm großen Bildern in einem Bildfensterabstand von 64,125mm belichten kann. Die Hürde lag dabei darin, daß es gar nicht so einfach ist, bestehende Kamerakonstruktionen mit einem Bildtransport von acht Perforationslöchern auf die nötigen neun umzustellen. Nach längerem Tüfteln mit sowjetischen Kameras der Typen »FED« und »Sorki« habe ich aber einen Weg gefunden, wie diese Forderung mit vertretbarem Aufwand zu verwirklichen ist. Um es vorweg zu nehmen: Das bedeutet, daß alle Kameras der „Bauart Leica“ nachträglich auf dieses System umgebaut werden könnten (allerdings nur mit einem "Trick 17" – der bessere Weg wäre natürlich eine Umdimensionierung des Transportgetriebes). Leider kam die Kern SS auf den Markt, nachdem Barnack seine Arbeiten an der Doppelleica schon eingestellt hatte. Die Geschichte der Leica-Stereokamera hätte ansonsten einen anderen Weg nehmen können, zumal Schlitzverschluß und Wechselobjektive ganz andere Möglichkeiten hätten bieten können, als die Kern SS mit ihren fest eingebauten, zu langbrennweitigen Objektiven (35mm Brennweite kontra 28,3mm Bilddiagonale!). Durch den universellen M39-Anschluß hat man eine freie Wahl an Objektiven – auch ganz kurzbrennweitige. Ich habe mir zwei Obektive 8/27mm aus der Pentacon K16 auf M39 adaptiert, die das Bildformat gerade so mit hoher Schärfe auszeichnen. Der ausgenutzte Bildwinkel liegt bei für Stereoaufnahmen idealen 55 Grad und es muß nicht auf die Schärfentiefe geachtet werden.

Ich habe in der Folge mehrere Kameras für dieses Stereoformat umgebaut, um das System ausgiebig testen zu können. Der große Vorteil des gleichmäßigen Colardeau-Schaltschrittes liegt dabei darin, daß sich die fertige Stereokamera genau so bedienen läßt, wie die ursprüngliche Kamera – das heißt ein spezielles Beachten eines abwechselnd kurzen und langen Bildschaltschrittes fällt weg. Auch ist in gewohnter Weise der Verschlußaufzug mit dem Bildtransport gekuppelt. Als einzige, technisch aufwändige Hürde ist anzusehen, daß aufgrund des verkürzten Ablaufweges eine neue Steuerwalze für die Verschlußtücher angefertigt werden muß.

Also um es noch einmal zusammenzufassen: Die grundlegende Idee des Kern-Systems liegt darin, die Halbbilder (auch Teilbilder genannt) im Augenabstand auf dem Kleinbildstreifen aufzunehmen, ohne daß ein spezieller und komplizierter Filmtransport notwendig ist, damit ein Zerschneiden des Streifens umgangen werden kann. Denn die Seitenvertauschung der Bilder, die dieses Zerschneiden ansonsten notwendig macht, wird durch einen auf diesen Gesichtspunkt hin ausgelegten Betrachter obsolet gemacht, der zu diesem Zwecke entweder mit bildumkehrenden Linsen- oder Prismensystemen ausgestattet ist. Ich habe mit beiden Varianten experimentiert und kann sagen, daß diese Lösungen praktikabel und qualitativ überzeugend sind, solange man sich mit der Individualbetrachtung zufrieden gibt.




Beispielaufnahmen


Für die Betrachtung dieser Stereobildpaare eignen sich besonders gut die hochauflösenden Displays von Taplet PCs und Smartphones. Die Bilder werden auf dem Display derart vergrößert, daß bspw. der linke Bildrahmen des linken Bildes vom linken Bildrahmen des rechten Bildes etwa 62mm entfernt ist (Normabstand). Dann wendet man entweder den "stereoskopischen Blick an", den man sich mit etwas Übung antrainieren kann, oder aber man nutzt so ein wunderbar altmodisches Stereoskop, unter das man das Handy legt. Alles läuft darauf hinaus, dem linken Auge das linke Bild und dem rechten Auge das rechten Bild zugänglich zu machen.

Mattscheibenbetrachter


Nun bietet aber dieses Kern'sche Konzept der unzerschnittenen Teilbilder günstige Voraussetzungen für eine weitere Lösung der Stereo-Betrachtungsproblematik - die "Kleinprojektion" nämlich. Damit meine ich eine Auf- oder Durchlichtprojektion mit nicht übermäßig starker Vergrößerung, die gerade dazu reicht, die Bildbetrachtung einem kleineren Personenkreis zu ermöglichen. Dazu reicht dann jeweils eine kleine Tischleinwand oder -mattscheibe. Doch was ist nun das problematische an solch einer Kleinprojektion? Die Schwierigkeiten liegen darin, die beiden Teilbilder auf der Projektionsfläche übereinander zu projizieren. Normalerweise werden dazu die Projektionsobjektive parallelverschoben. Bei den kurzen Bildweiten der Kleinprojektion sind aber solch große Verschiebungen notwendig,  daß das durch den Kondensor entworfene Bild der Lichtquelle nun nicht mehr im Zentrum der Projektionsoptik liegt, wodurch sich deratige Abschattungen ergeben, daß die Stereoprojektion auf kurze Distanzen  durchweg zum scheitern verurteilt ist.


Worin liegen nun die  Lösungsmöglichkeiten, die das Kern-System für dieses Problem mit sich bringt? Die neue Perspektive ergibt sich daraus, daß die Teilbilder nun nicht mehr in starren Rahmen montiert werden, sondern auf dem biegsamen Bildstreifen vorliegen.  Das ermöglicht, auf die Parallelverschiebung der Projektionsobjektive zu verzichten und das gesamte Projektionssystem samt Bildhalter so lange zu konvergieren, bis die beiden Teilbilder aufeinander liegen. Weder Abschattungen noch Unschärfen wären die Folge. Zu diesem Zwecke habe ich die unten abgebildete biegsame Bildbühne entwickelt (ohne Andruckplatten dargestellt).

Das gesamte Projektionssystem sieht man hier. Statt Halogenlampen werden hochmoderne Leisungs-LEDs eingesetzt, die einen sehr guten Wirkungsgrad haben und kaum zu Erwärmungen führen.

Gut zu erkennen die in großen Grenzen variable Konvergierbarkeit der optischen Achsen. Das machte es möglich, mit kurzbrennweitigen Objektiven auf kurzem Abstand auf eine vergleichsweise große Mattscheibe von 20x20cm zu projizieren - eine zehnfache Vergrößerung also. Die Folge sind sehr helle (trotz der doppelten Polfilter) und sehr kontrastreiche Bilder und zwar ohne die störenden Spiegeleffekte, die eine metallisierte Projektionsfläche sonst mit sich bringt. Die  Mattscheibenprojektion muß als Königsweg in der Raumbildbetrachtung angesehen werden – zumal der Rahmen der Mattscheibe auch einen wunderbar scharf abgegrenzenden Rahmen für das Raumbild mit sich bringt.  Die Raumbildwirkung, die dieser Mattscheibenprojektor ermöglicht, kann man nur als bestechend bezeichnen. Leider kann  man das übers Internet nicht vermitteln.  Aber es hat ja auch etwas gutes, daß man so etwas nur im Original bewundern kann.  Original und analog.

Marco Kröger 2017


letzte Änderung 3. April 2020