Praktica Panorama

Das war die einzige Zeichnung, die ich angefertigt habe, um mir über das Prinzip im Klaren zu werden. Der Rest entstand im Kopf. Der Ablauf der einzelnen Arbeitsschritte, was alles angefertigt werden mußte usw. das ergab sich seltsamerweise wie eine logische Folge. Der Rest war nur eine Frage der Fingerfertigkeit. Bei der praktischen Umsetzung haben mir auch die Arbeitstechniken geholfen, die ich mir beim Bau von Stereokameras bereits erarbeitet habe.

Praktica Panorama Reflex

Das schwierigste an allem war natürlich der Schlitzverschluß. Er mußte ja nun die doppelte  Bildbreite abdecken. Die großzügige Auslegung des auf Alois Hoheisel zurückgehenden Verschlusses der Praktiflex erlaubte gerade noch genug Spielraum. Die Verschlußzeitenreihe beträgt nun 1/200; 1/100; 1/50; 1/25 und 1/15 Sekunde. Letztere ist gleichzeitig die Offenzeit für den Elektronenblitz. Es stellte sich heraus, daß trotz des riesigen Laufweges der Verschlußtücher die Verschlußzeit über die Bildfensterbreite sehr gut konstant blieb, weil sich der Verschluß so justieren ließ, daß sich die Schlitzbreite während des Ablaufes leicht vergrößerte. Dieses Prinzip habe ich mir einfach mal bei Siegfried Böhm ausgeborgt. ;-)

Verschlußvorhang
Practica Panorama Reflex
Praktica Panorama Reflex
Praktica Panorama Reflex

Der Hebel vor dem Auslöser dient zum Öffnen der Blende, die beim Auslösen selbsttätig wieder zuspringt. Also sogar eine Blendenautomatik hat diese Kamera. Und einen wirklich großen, hellen Reflexsucher. Das ist ja das Problem bei vielen Panoramakameras: Selbst Geräte für viele tausend Euro haben nur einen einfachen Newtonsucher. Dabei ist gerade bei Panoramaufnahmen die richtige Ausschnittswahl wichtig. Die Mattscheibe und das Praktisix-Bajonett für die Wechselobjektive machen diese Kamera zu einem sehr praktischen Werkzeug für besondere Bildeffekte. Und es macht Spaß damit zu experimentieren, zumal sich die Bedienung nicht von der üblichen Praktica unterscheidet. Mit einer Ausnahme allerdings: Der Filmtransportknopf stoppt erst nach zwei Umdrehungen. :-)

Oben  das repräsentative Hauptgebäude der Filmfabrik AGFA Wolfen, photographiert mit der Praktica Panorama Reflex  und dem Flektogon 4/50mm. Nach der Sanierung befindet sich in diesem  Bau die Kommunalverwaltung  Bitterfeld-Wolfens.


Unten: Durch das Bauprinzip als Einäugige Reflexkamera sind prinzipiell auch Nahaufnahmen möglich, auch wenn es vielleicht nicht ganz einfach ist, passende Motive dafür zu finden. Aber das ist ja nicht die Aufgabe des Phototechnikers, sondern des Photokünstlers. Meine Beispielbilder sind dahingehend eher unrepräsentativ.

Effektvolle Landschaftsaufnahmen liefert auch der Schwarzweißfilm, zumal in Verbindung mit einem Orangefilter. Für das hier eingesetzte Flektogon 4/50 muß dieser allerdings  der Baugröße M86W entsprechen, also eigentlich ein Filter M95 mit M86 Gewinde hinten. Die 75 Grad Bildwinkel des Flektogons werden schließlich vollkommen ausgenutzt und es besteht sonst Vignettierungsgefahr. Dazu gleich noch eine Bemerkung: Dieses Objektiv ist an der Praktica Panorama Reflex sowohl ein Weitwinkel, als auch ein Normalobjektiv. Die Bildhöhe bleibt ja bei den 24mm des Kleinbildes, das heißt in der Vertikalen hat dieses Mittelformatobjektiv dieselbe Wirkung, wie sonst das übliche Normalobjektiv. Die Bildwirkung entspricht hier dem natürlichen Eindruck unserer Augen. Die gesamte Weitwinkelwirkung erstreckt sich demnach ausschließlich auf die horizontale Bildrichtung. Anders also, als wenn man eine Weitwinkelaufnahme mit einer üblichen 24x36mm Kleinbildkamera macht, die horizontal einen ähnlichen Bildwinkel ergeben würde, verengt eine Aufnahme mit einer echten Panoramakamera  das Bildfeld in der Vertiaklen. Da sich gerade hier oftmals störende Bilddetails befinden, kommt das der Bildgestaltung sehr entgegen. Man muß sich nur erst einmal an diese Art zu photographieren gewöhnen. Dabei hilft der Reflexsucher übrigens ungemein. 


Weil dieser sich auf die Bildhöhe beziehende Bildwinkel aber gerade für Innenstadt-Aufnahmen als zu klein erwiesen hat, war die Idee, mit Shift-Objektiven noch einmal deutlich kurzbrennweitigere Weitwinkel zu benutzen, die ein Panorama-Format dennoch auszufüllen imstande sind. Das führte zum Bau der Exakta Panorama Reflex und schließlich der Exa Rama.

Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es durchaus nicht auf dasselbe hinausläuft, wenn man nachträglich bei einer Normalaufnahme oben und unten etwas wegschneidet, um zu einem Panorama zu gelangen. Ein solches Vorgehen bedeutet immer, daß nutzbares Bildfeld  des Objektivs verschenkt werden würde. Bei dieser Panoramakamera wird der Bildkreis des Objektivs aber trotz des langezogenen Formates zur Gänze verwertet. So etwas ist und bleibt übrigens das Privileg der photochemischen Photographie, da hier die Form und Ausdehnung der lichtempfindlichen Fläche in weiten Kreisen frei gewählt werden kann. In der auf elektronischen Bildwandlern beruhenden Photographie ist dies nicht so ohne weiteres möglich. Demgegenüber ist es aber problemlos machbar, die Filmfläche auf das doppelte oder gar dreifache auszudehnen. Auch der Rollfilm 120 bietet sich für solche Extreme an. Hier bekommt man allerdings zum Teil nur noch wenige Bilder auf den Film, was das ganze recht teuer werden läßt.

Mit einer Lehre zum maßgerechten Auseinandersägen lassen sich aus zwei normalen Kunststoffrähmchen Panorama-Rahmen mit dem Nutzformat 23x73mm anfertigen. Der zugehörige Panorama Projektor, den ich aus Teilen eines alten Vergrößerungsgerätes gebaut habe, sieht zugegebenermaßen recht abenteuerlich aus. Aber die 250 Watt Halogenlampe sorgt in Verbindung mit dem großen Bildfenster für außerordentlich brilliante, farbintensive Projektionsbilder, die stark an das Bilderlebnis im Kino erinnern, wobei hier eher der Vergleich mit dem legendären 70mm-Film passend wäre.

Marco Kröger


letzte Änderung: 31. März 2020