zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Das Pentaprisma

PENTACON - das steht für Pentaprisma Contax (übrigens genauso wie die Bezeichnung Pentax, die sich die japanische Firma Asahi dereinst "ausgeliehen" hatte). Die Vorsilbe "penta" wiederum steht für die Zahl fünf. Nicht fünf Winkel, wie die falsche Bezeichnung "Pentagon-Prisma" suggeriert, sondern fünf Flächen kennzeichnen dieses Umkehrprisma. Es hat neben der lichtein- und lichtaustretenden Fläche, die beide unverspiegelt sind, drei weitere, verspiegelte Glasflächen. Die eine ist dazu da, das kopfstehende Bild aufzurichten, die anderen beiden, die zusammen die sogenannte Dackkante bilden, das Bild umzukehren - daher der wunderbare deutsche Fachbegriff "Umkehrprisma".

Und genau diese Eigenschaft der Bildumkehrung ist der springende Punkt bei der Sache. Die Spiegelreflexkamera ist älter als die Photographie selbst. Man weiß, daß die Camera Obscura mit einem bildaufrichtenden Spiegel im 45 Grad Winkel schon frühzeitig als sog. Zeichenkamera benutzt wurde; das vom Objektiv projizierte Bild also abgezeichnet wurde. Als sich im späten 19. Jhd. die Photographie zu einem Berufszweig entwickelte, wurde dieses Spiegelreflexsystem wiederentdeckt, weil es ein sehr genaues Arbeiten möglich machte: Bis kurz vor dem Auslösen blieb das Bild auf der Mattscheibe sichtbar. Bildausschnitt und Schärfe stimmten genau mit dem überein, was nach dem Auslösen auf der Platte landete. Das mag auch der Grund für einen gewissen Karl Nüchterlein gewesen sein, an diesem Prinzip festzuhalten, als er die Spiegelreflexkamera Anfang der 1930er Jahre neu erfand. Seine Exakta 4x6,5 ist der Urtyp der modernen Spiegelreflex.

 

Aber, aber! All diese Kameras hatten dasselbe eklatante Problem: Das Bild auf der waagerecht liegenden Mattscheibe war seitenverkehrt. Für Berufsphotographen und engagierte Amateure ist das kein Problem, sie gewöhnen sich daran und können mit diesem Schönheitsfehler umgehen lernen. Die Geschichte der Photographie im 20. Jhd. ist aber eine Geschichte der Amateurphotograpie! "You press the button - we do the rest" lautete der Werbespruch des Marktriesen KODAK. Der Erfolg und das langjährige, krisenfeste Bestehen dieses neuen Konsumgütermarktes Amateurphotographie war ganz entscheidend davon abhängig, daß auch Lieschen Müller mit ihrer Kamera so gut umgehen konnte, daß stets ein albumreifes Bild herauskam. Und ob Sie es glauben oder nicht: Ein von oben zu betrachtendes Mattscheibenbild, das überdies noch seitenverkehrt ist, das ist für unser Lieschen gar nichts! Und damit ich nicht in den Verruf gerate, technisch unbedarfte Frauen zu diskreditieren - technisch unbedarfte Männer kommen mit so etwas ebensowenig zurecht. Sie können mir das glauben, ich habe einige Jahre solche Kameras verkauft oder wieder in Gang gebracht. "Wo muß ich denn hier durchkucken?" lautete oft genug die Frage, wenn die Nachkommen mit der vom Opa geerbten Exa in den Laden kamen. Mit einem Lichtschachtsucher sind die meisten Photoamateure hoffnungslos überfordert.

Die Zeiss Ikon AG Dresden hatte im Jahre 1935 eine eigene Kleinbild-Spiegelreflexkamera herausgebracht. Diese Contaflex genannte Kamera war eine Fehlentwicklung. Klobig, schwer und für die damaligen Verhältnisse völlig überteuert geriet sie - trotz innovativer Details wie den eingebauten Belichtungsmesser - zum Flop. Durch das bei ihr angewandte zweiäugige Prinzip, bei dem Aufnahme- und Sucherobjektiv getrennt sind, war die prinzipiell interessante Möglichkeit, Wechselobjektive zu verwenden, genauso schwer zu beherrschen, wie bei den Sucherkameras Contax und Leica. Mit dem Erscheinen der einäugigen Kiné Exakta der Ihagee Dresden ein Jahr später, war die aufwendig und teuer entwickelte Contaflex bereits passé - eine schwere Bürde für den Kamerariesen Zeiss Ikon.

 

Die Exakta der Ihagee und die Praktiflex der Kamera-Werkstätten Niedersedlitz hatten in den späten 1930er Jahren einen nicht übersehbaren Entwicklungspfad aufgezeigt: Die einäugige Spiegelreflexkamera des modernen Typs war nunmehr das Maß der Dinge. Beide Kameras arbeiteten aber mit der waagerecht liegenden Mattscheibe und einem seitenverkehrten Sucherbild. Genau das war der Punkt, an dem der Zeiss Ikon Konzern wieder eingreifen und Marktanteile zurückerobern konnte. Es müßte nur gelingen, das seitenverkehrte Sucherbild der Spiegelreflex umzukehren und gleichzeitig den Strahlengang dergestalt abzuknicken, daß man quasi wie bei der Sucherkamera meint, "hindurchzuschauen", obgleich man doch in Wirklichkeit nach wie vor eine Mattscheibenabbildung betrachtet.

Und tatsächlich kann man nachweisen, daß die Zeiss Ikon AG angesichts der oben aufgeführten Nachteile des herkömmlichen Reflexsuchers seit Ende der 1930er Jahre intensiv an einer einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera mit Geradsichtsucher und seitenrichtigem Sucherbild gearbeitet hat. Überall kann man vom sogenannten "Syntax-Projekt" der Kriegsjahre lesen. Kaum bekannt scheint aber zu sein, daß schon vom August 1939 eine Schweizerische Patentanmeldung (Nr. 214.918) zu einem Prismensuchersystem vorliegt. Die Patentzeichnung läßt erkennen, daß eines der beiden Prismen ein rechtwinkliger Halbwürfel ist, wie er beim Bau terrestrischer Fernrohre schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angewendet worden war. Diese Bauform wird nach ihrem Erfinder auch Porro-Prisma genannt.

 

Schaut man sich die oben wiedergegebenen Zeichnungen aus der Schutzschrift genau an, dann kann man ein quadratisches Bildfeld erahnen. Da wir uns in der Ära der Tenax 24x24mm befinden, scheint diese Annahme nicht ganz unbegründet. Ein ausgesprochen rechteckiges Aufnahmeformat wie das übliche Kleinbild 24x36mm wäre mit einem derart aufgebauten Suchersystem ohnehin nicht abzudecken gewesen. Das liegt daran, daß sich die zwei großen Vorteile, die das Porrosystem im Fernglasbau zu bieten hat, als Umkehrsystem für Kamerasucher zum Nachteil entwickeln. Einmal sorgt der lange Lichtweg durch die Prismen dafür, daß das langbrennweitige Fernglasobjektiv mechanisch an das Okular herangerückt werden kann und damit das Fernglas insgesamt bedeutend kürzer gebaut werden kann. Zweitens führt der prinzipielle Aufbau des Porrosystems dazu, daß die optische Achse des Fernglasobjektivs und des zugehörigen Okulars parallelverschoben sind. Das hat den Vorteil, daß der Objektivabstand eines binokularen Fernglases größer gemacht werden kann, als der Augenabstand, womit die stereoskopische Basis der Augen künstlich erweitert wird und sich der besonders eindrucksvolle plastische Effekt solcher Porro-Ferngläser einstellt.

 

Für einen bildumkehrenden Kamerasucher ist es nun aber gänzlich unerwünscht, wenn sich ein langer Lichtweg zwischen Mattscheibe und Okular ergibt. Ein Fernrohr arbeitet (dem Einsatzzweck entsprechend) mit einem langbrennweitigen Objektiv und einem dazugehörigen engen Bildwinkel. Das verhält sich beim Spiegelreflexsucher aber gänzlich umgekehrt. Hier versucht man ein möglichst weitwinkliges Okular so nah wie möglich an die Mattscheibe heranzuführen, um das gesamte Sucherbild unter einer möglichst starken Vergrößerung betrachten zu können. Ein Porrosystem mit seinen langen Lichtwegen sorgt dafür, daß sowohl der Betrachtungswinkel stark begrenzt wird, als auch ein langbrennweitiges Okular verwendet werden muß, das dann nur eine geringe Vergrößerung des Mattscheibenbildes zuläßt. Der Zweck des Reflexsuchers, nämlich anhand der Mattscheibenabbildung präzise scharfstellen zu können, wird somit stark in Zweifel gestellt. Wenn überhaupt, dann könnte man mit dem engen Durchlaß des langen Porrosystems allenfalls noch ein quadratisches Mattscheibenbild abdecken. Das Sucherbild wäre aber trotzdem enttäuschend klein und dunkel. Porroprismen- und Porrospiegelsucher haben sich daher im Kamerabau nie richtig durchsetzen können, obwohl es vonseiten der Kamerahersteller nicht an Versuchen gefehlt hat, sie ab und an einzusetzen.

 

Also ist dieses Patent doch eigentlich nicht der Rede wert, oder? Doch, das meine ich schon. Denn es handelt sich hier um einen geschickt ausformulierten Schutzrechtanspruch, der sich durch eine weitgreifende Abdeckung der ganzen Thematik des geradsichtigen Umkehrsuchers das Wesen eines Grundlagenpatentes sichert. Das Faktum, daß es sich bei dem Ausführungsbeispiel um zwei (miteinander verkittete) rechtwinklige Prismen handelt, ist nämlich nur ein kleiner Bestandteil des Patentes, der zudem noch in der Unteransprüchen versteckt ist. Die Quintessenz liegt noch ganz woanders, und sie erweist sich bei genauer Betrachtung als weitgreifender, als alles was zuvor angedacht worden ist.

Umkehrsystem Staudinger

Denn immer wieder wird von Autoren ein Patent Kurt Staudingers (Nr. 556783) vom 8. August 1931 als Grundlage für geradsichtige Spiegelreflexsucher angegeben. Zugleich stellen sie die Frage, wieso denn das schon damals niemand so in eine Kamera eingebaut hat. Andere behaupten - entgegen jeden technischen Sachverstand - dieses Patent sei die Basis für den Prismensucher der Spiegelcontax gewesen. Dabei muß man nicht unbedingt ein Fachmann sein, um zu erkennen, daß Staudingers Patent ein wesentliches Bauteil fehlt, um als Suchersystem nach den Bedingungen zu funktionieren, wie ich sie oben bereits umrissen habe: Das Okular nämlich!

 

Es ist doch ziemlich offensichtlich, wieso an diesem Patent damals niemand Interesse gezeigt hat. Es ist auf Kameras zugeschnitten, die Anfang der 30er Jahre endgültig aus der Mode gekommen waren; nämlich großformatige Spiegelreflexkameras mit einem Aufnahmeformat von mindestens 9x12cm. Aber auch das ist eigentlich noch zu klein. Bei einem normalsichtigen Auge liegt die deutliche Sehweite bei etwa 25 bis 30cm. Wenn man den Sehwinkel des Auges ausnutzt, dann kann man in diesem Abstand ein Bildformat von etwa 13x18cm noch gut überblicken. Gleichzeitig ist dieses Format die Mindestgröße, um das Auflösungsvermögen der Augen voll Ausnutzen zu können. Es hat sich allgemein die Annahme eingebürgert, daß in diesem Betrachtungsabstand und bei dieser Bildgröße das durchschnittliche gesunde Auge Punkte im Abstande von etwa 1/10mm auflösen kann. Diese Bildgrößen und Winkelbeziehungen sind daher die Grundlage für alle phototechnischen Angaben bis hin zur Größe der zulässigen Zerstreuungskreise und der Schärfentiefe.

 

Für alle Formate, die kleiner sind, braucht man daher ein Okular – also ein sammelnd wirkendes Augenglas, aufgrund dessen man die physiologisch gegebene deutliche Sehweite unterschreiten kann. Aus diesem Grunde hat beispielsweise das Okular einer Kleinbild-Mattscheibenkamera einen Vergrößerungsfaktor von etwa fünf, denn 5 x 36mm Bildbreite ergibt wieder die 18cm, die oben bereits als bequem überblickbare Bildbreite angegeben wurde. Die Brennweite eines solchen Okulars erhält man, wenn man die deutliche Sehweite von 250mm durch den Vergrößerungsfaktor teilt. Die Brennweite liegt also theoretisch bei 50mm, in der Praxis verwenden die Kamerahersteller Linsen mit Brennweiten um die 60mm (bei einer Sehweite von 300mm), damit auch leicht fehlsichtige Menschen ohne Anstrengung auf das Sucherbild fokussieren können. Das aber bedeutet wiederum, daß zwischen Okular und Mattscheibe nur allerhöchstens 50mm Zwischenraum liegen kann (in der Praxis sogar noch deutlich weniger). Schaut man sich die sehr großen Abstände zwischen den Spiegeln in Staudingers Patentzeichnung an und stellt sich die sehr großen Luftwege vor, die das Licht aus diesem Grunde zurücklegen muß, dann erkennt man, daß Staudingers Patent eher die großen praktischen Schwierigkeiten eines Geradsichts-Reflexsuchers aufzeigt, anstatt es wirkliche Lösungsmöglichkeiten anzubieten hat. Sein Umkehrsystem funktioniert nur bei derart großen Formaten, auf die auch das "unbewaffnete" Auge fokussieren kann. Bei denen spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob das Gesicht 25 oder 35cm von der Mattscheibe entfernt ist – auf weitere Distanzen kann das Auge immer fokussieren.

 

Sobald ein Okular ins Spiel kommt, wird die ganze Sache wesentlich komplexer. Der Vergrößerungsfaktor des Okulars und damit seine Brennweite sind durch das Aufnahmeformat vorgegeben und können auch nicht wesentlich verändert werden, wenn man vom Mattscheibenbild noch so viel erkennen will, um anhand dessen scharfstellen zu können. Ein Umkehrsystem muß daher trotz mehrfacher Reflexion nicht nur einen möglichst kurzen Lichtweg ergeben, es muß gleichzeitig noch einen großen freien Durchlaß bieten, damit das Sucherbild nicht vignettiert wird.

 

Also zurück zum Patent der Zeiss Ikon AG vom Sommer 1938. Meiner Ansicht nach ist das besondere daran, daß man sich durch geschickte Formulierung die Priorität für Prismenumkehrsysteme bei Reflexkameras schlechthin hat schützen können. Das geht aus zwei Ansprüchen hervor, die dieses Patent für sich erhebt; nämlich einmal die grundlegende Anordnung eines Prismenumkehrsystems „im Lichtweg zwischen Mattscheibe und Einblicksöffnung“ (Unteranspruch 1) und daß in der Einblicksöffnung ein als „Bildfeldlinse“ bezeichnetes Okular angeordnet ist (Unteranspruch 4). Bei Staudinger ist von so etwas gar keine Rede erst.

 

Auch wenn aus besagten Gründen ein Porrosystem noch nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen ist, so zeigt dieses Patent doch den richtigen Lösungsansatz und hätte vielleicht auf Jahre hinaus einen Nachbau durch konkurrierende Firmen verhindern können – so wie die Grundlagenpatente Reinold Heideckes ein direktes Kopieren des Rolleiflexprinzips lange Zeit vereitelt haben. Mit Voigtänder hat es da ja bitterste Auseinandersetzungen vor Gericht gegeben. Wir aber wissen heute daß dies alles Makulatur war, weil sich Europa bei Veröffentlichung des Patentes im Sommer 1941 in einer gänzlich anderen Situation befand. Wenige Wochen vorher hatte die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen und die optisch-feinwerktechnischen Konkurrenzunternehmen des In- und Auslandes hatten andere Sorgen, als der Zeiss Ikon beim Bau einer Geradsicht-Reflexkamera auf und davon zu ziehen. Wir wissen heute, daß die Herren in Dresden diese Chance – wenn man angesichts der bevorstehenden Barbarei überhaupt davon sprechen kann – dazu genutzt haben, ihr Konzept vollständig zu überarbeiten und sich dabei Zeit zu nehmen. Einem Murks wie die Contaflex, die zwar alle bewunderten, aber niemand kaufte, konnte man nun von vornherein aus dem Wege gehen.

Syntax Zeis Ikon

Wir wissen aber auch, daß es bei der Konstruktion dieser Kamera enorme Schwierigkeiten gegeben hat, wodurch das Projekt – nichtzuletzt auch wegen der immer katastrophaleren Arbeitsbedingungen während des Krieges – nur sehr langsam vorankam. Der Hauptgrund mag aber darin gelegen haben, daß der ZI-Chef Heinz Küppenbender unbedingt seinen Metallrolloverschluß der Contax Meßsucherkamera in die neue Reflexkamera „hineinkonstruiert“ haben wollte. Eine Zeichnung aus einer Französischen Patentanmeldung vom September 1941 zeigt, daß sich der über die kurze Bildfensterseite ablaufende Metallrolloverschluß nicht sinnvoll in der Kamera unterbringen ließ, denn dort wo sich heute bei jeder Spiegelreflexkamera das Sucherprisma und die Bildfeldlinse befinden, ragt bei der als „Syntax“ bezeichneten Konstruktion die obere Verschlußwalze in den Sucherraum. Von diesem Syntax-Projekt ist übrigens außer der Patentschrift nicht viel übrig geblieben. Die nach 1945 geschaffene Spiegelcontax führt zwar die grundlegenden Ideen weiter, aber letztlich entsteht eine völlig neue Kamera: Die erste Serienkamera der Welt, bei der ein Spiegelreflexsystem mit einem Prismen-Geradsichtsucher vereinigt wurde. Nach diesem Prinzip ist jede moderne Spiegelreflexkamera aufgebaut – und zwar bis zum heutigen Tag.

 

 

 

Das Prisma der Spiegelcontax

 

Die Zeiss Ikon AG in Dresden war eine Tochter des Zeisswerkes in Jena und vollkommen abhängig von dem Willen und den Richtungsentscheidungen der dortigen Konzernleitung - daran darf keinerlei Zweifel aufkommen. Zeiss Jena hat in den 1920er Jahren bestehende Photounternehmen feindlich übernommen und unter Nutzung zum Teil fragwürdiger Methoden dem eigenen Konzern unterstellt. Eine weltweit führende Konkurrenzfirma wie die Heinrich Ernemann AG hat man mit Hilfe von Insiderwissen der Deutschen Bank und Absprachen mit dem Mehrheitsbesitzer Krupp erst heimlich finanziell unterwandert und anschließend den Firmengründer und seinen Sohn dreist über den Tisch gezogen. Es ging darum, Konkurrenten im Objektivbau auszuschalten und gleichzeitig einen großen Teil der (Dresdner) Kamerahersteller dazu zu verpflichten, von nun an nur noch Objektive aus Jenaer Fertigung zu verbauen. Dieses Faktum ist in der Fachwelt viel zu wenig bekannt, obgleich bereits seit anderthalb Jahrzehnten eine einwandfrei gearbeitete Abhandlung zu dieser Thematik vorliegt (Beyermann, Andre: Der Aufbau der Zeiss Ikon AG; in: Technische Sammlungen der Stadt Dresden [Hrsg.]: Zeiss Ikon AG Dresden, Aspekte der Entwicklung des 1926 gegründeten Industrieunternehmens, Thesaurus 3, 2001, S. 9-18.)

 

Aber wieso erwähne ich das hier? Weil sich freilich Carl Zeiss Jena im Laufe der 1930er Jahre endgültig zum weltweit führenden Hersteller photographischer Objektive emporgeschwungen hatte – nicht zuletzt aufgrund der Übernahme des Ernemannwerks und dessen genialen Konstrukteurs Ludwig Bertele. Zum Bau optischer Präzisionserzeugnisse gehören im wesentlichen drei Bereiche: Die Konstruktion, die Produktion und die Materialbeschaffung. Carl Zeiss Jena hatte in allen drei Gesichtspunkten eine führende Stellung. Ich kann nicht direkt nachweisen, daß die Umkehrprismen für die Spiegelcontax von Zeiss Jena kamen, aber durch mehrere indirekte Verweise (u.a. in der o.a. Literaturquelle an anderem Ort) kann man durchaus darauf schließen. Auch die Tatsache, daß die frühen Aufsatzprismen für die Exakta und die Praktica einen Zeiss Jena Achromaten als Emblem auf der Frontseite trugen, läßt diese Vermutung plausibel erscheinen.

Die Entwicklung des Dachkantprismas der Syntax und später der Contax war nämlich kein Pappenstiel. So etwas muß sorgfältig berechnet und dann später auch mit der entsprechenden Präzision gefertigt werden. Für beides war Zeiss Jena prädestiniert. Aber noch wesentlicher erscheint mir der dritte Punkt zu sein: Ein solches Umkehrprisma kann man nicht aus Fensterglas herstellen. Es braucht einen Glaswerkstoff bestimmter Brechkraft, der nicht „von der Stange“ kommen kann. Ein solches Glas muß zudem mit einer vollkommenen Lauterkeit hergestellt werden, das heißt es muß eine homogene Brechkraft haben, es darf keinen Farbstich zeigen und es muß frei von jeglichen Einschlüssen wie Blasen oder Steinchen sein. In diesem Punkt sind die Anforderungen sogar höher, als bei optischem Glas das für Objektivlinsen verwendet wird. Hier werden Bläschen und Einschlüsse bis zu einem gewissen Maße geduldet, weil sie nicht zur Abbildung kommen. Bei einem Sucherprisma ist in dieser Hinsicht aber jegliche Nachlässigkeit ausgeschlossen, weil jegliche Fremdkörper durchaus innerhalb des „Fokussierbereichs“ des Auges liegen und damit mehr oder weniger scharf wahrgenommen werden. Bedenkt man ferner, daß für ein solches Prisma ein ziemlich massiver Glaskörper benötigt wird, dann kann man nur erahnen, welche Schwierigkeiten es bereitet hat, solche Prismen serienmäßig herzustellen. Dafür waren die Kompetenzen eines führenden Glasfabrikanten unerläßlich – und wieder war es mit dem Jenaer Glaswerk Otto Schott & Genossen eine Tochterfirma des Zeisskonzerns, die als eine der wenigen weltweit diese Kompetenzen liefern konnte.

Interessant ist die Formgebung des Umkehrprismas für die Spiegelcontax. Sie ist ein Erbe des Syntax-Projektes. Bei den Syntax Versuchskameras wurde der Verschluß der Contax Meßsucherkamera eingebaut. Dieser über die kurze Seite des Bildfensters ablaufende Zweiwellen-Schlitzverschluß ragte mit seiner oberen Welle sehr tief in jenen Raum hinein, der eigentlich zur Unterbringung des Umkehrsystems benötigt wurde. Aus diesem Grunde mußte man, wie man oben auf der Zeichnung sieht, das gesamte Suchersystem nach vorn verschieben und gegen die Waagerechte neigen.

 

Obwohl die Spiegelcontax gegenüber dem Syntax-Projekt völlig neu konstruiert wurde, hat man den Umstand beibehalten, daß die Mattfläche des Prisma nicht parallel zur optischen Achse des Objektives steht. Offensichtlich waren die während des Krieges entwickelten Prismensysteme gänzlich auf diese Bauart zugeschnitten und ließen sich nun nicht ohne weiteres abändern. Die dem Okular zugewandte Fläche liegt schlichtweg nicht im rechten Winkel zur Mattfläche. Bei späteren Kameras mit Umkehrprisma sind diese Flächen rechtwinklig zueinander und die Bildfeldlinse liegt genau senkrecht in der Kamera, wodurch der Öffnungswinkel des Reflexspiegels ziemlich genau 45 Grad beträgt. Bei der Spiegelcontax beträgt der Winkel zwischen Ein- und Austrittsfläche des Prismas aber nicht 90, sondern 100 Grad. Weil der Einfalls- gleich dem Reflexionswinkel sein muß, um im scharfgestellten Zustand eine gleichmäßig verteilte Schärfe im Sucherbild zu erhalten, verringert sich dieser Winkel gegenüber der Halbierenden von 2x45 auf 2x40 Grad. Damit wiederum vergrößert sich der Öffnungswinkel des Klappspiegels von 45 auf 50 Grad. Meine Interpretation liegt nun darin, daß man diese Bauart gewählt hat, um den freien Durchlaß des Spiegelsystems zu vergrößern und auf diese Weise das Sucherbild vignettierungsfrei zu machen. Ich habe einmal versucht, diesen Umstand graphisch zu verdeutlichen.

Der größere freie Durchlaß wird durch die Länge der blauen Striche verdeutlicht. Durch die schräge Lage der Mattfläche wandert übrigens beim Scharfstellen der Schärfepunkt längs über das Sucherbild. Das liegt wie gesagt daran, daß die Strahlen aus Richtung Objektiv zwar waagerecht in den Spiegelkasten einfallen, aber nicht senkrecht auf die Mattscheibe reflektiert werden, sondern in dem spitzeren Winkel von 80 statt 90 Grad. Das habe ich noch einmal mit der untenstehenden Grafik zu verdeutlichen versucht. Falls Ihnen diese Kuriosität des wandernden Schärfepunktes bei der Spiegelcontax bislang noch gar nicht aufgefallen ist, dann prüfen Sie es doch am besten gleich selbst einmal mit einem möglichst lichtstarken Objektiv nach!

Interessant und ungewöhnlich ist auch, daß die Spiegelcontax ursprünglich keine Bildfeldlinse hatte. Vielmehr war die untere Fläche des Prismas mattiert worden. Damit fehlte natürlich jede Kollektivwirkung einer Bildfeldlinse, die das diffus abgestrahlte Licht der Mattscheibe bündelt, in die Augenpupille lenkt und damit das Sucherbild wesentlich aufhellt. Vor allem in den Randbereichen des Contax Suchers ist es deshalb so düster, daß man meist gar nichts erkennt. Um sich wenigstens zu orientieren, wo das Aufnahmefeld endet, hat man die Randflächen der mattierten Prismenfläche mit einer Facette versehen, die ähnlich eines Leuchtrahmensuchers eine helle Begrenzung des Sucherrandes erzeugt (siehe linkes Prisma).

Um 1956 herum (genau haben wir das noch nicht klären können) setzt in der Dresdner Kameraindustrie eine große Veränderungsbewegung ein. Aufgrund der verschlafenen Weiterentwicklungstätigkeit wird dem VEB Zeiss Ikon Dresden quasi die Konstruktionsabteilung für Stehbildkameras entrissen und den wesentlich erfolgreicher agierenden Kamerawerken Niedersedlitz unterstellt (aber nicht wie bei gewissen Autoren zu lesen, daß die Contax nun in Niedersedlitz produziert worden wäre; so ein Unsinn!). Ich kann nur vermuten, daß die Kamerawerke unter Siegfried Böhm sogleich einige Änderungen und Weiterentwicklungen an der Contax durchgesetzt haben, um die Kamera wenigstens einigermaßen konkurrenzfähig zu halten. Dazu gehörten der Einbau einer Springblendenmechanik nach der Art und Weise, wie sie in der Praktica FX2 bereits realisiert worden war. Zweitens wurde der Sucher umgebaut. Das Prisma wurde wesentlich kürzer und in einem Messingrahmen wurde eine Bildfeldlinse eingekittet. Diese war zwar dünn und hatte nur mäßige Kollektivwirkung – aber immerhin! Damit war es nun auch erstmals möglich, die Zeiss Meßkeile in die nun separate Bildfeldlinse zu integrieren; die Contax FM entstand.

Die optisch wirksame Fläche des Sucherbildes beträgt übrigens bei der Contax F genau 21x30mm - also nur ein Bruchteil des realen Negativformates von 24x36mm. Das war denschwierigen technischen Bedingungen geschuldet, die ich ganz oben angedeutet habe und zudem ein weiteres Zeichen dafür, daß die Konstruktion der Spiegelcontax in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre langsam als überholt gelten mußte. Noch ahnte man nicht, daß diese eklatanten Entwicklungsrückschritte bereits ein Vorzeichen dafür waren, daß es 30 Jahre nach ihrer Formierung mit der Zeiss Ikon AG Dresden bergab ging.

 

 

 

 

Marco Kröger