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Patentschau

Auf dieser Seite möchte ich in loser Folge einige Patente vorstellen, die mir bei Recherchen aufgefallen sind und die ich nicht unter den Tisch fallen lassen wollte, bloß weil sie nicht in eine abgegrenzte Thematik paßten.

Projekt "Pentax" – Kassetten-Reflexkameras des VEB Zeiss Ikon

 

Sie halten Pentax für eine japanische Kameramarke? In den Technischen Sammlungen im Ernemann Stammwerk in Dresden stehen zwei Prototypen einer Kamerabauart, an der während der 1950er Jahre im VEB Zeiss Ikon intensiv gearbeitet worden ist. Zumindest auf einer der beiden prangt der Name „Pentax“. Aber um es gleich vorweg zu nehmen: Viel mehr als diese beiden Prototypen ist aus diesen langjährigen Entwicklungsarbeiten nicht hervorgegangen. Und da diese neue Kamerageneration offensichtlich als Ablösung für die Contax S vorgesehen war, blieb bei jener alles beim alten. Daraus mögen sich die großen Schwierigkeiten des VEB Zeiss Ikon in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ergeben haben, die letztlich zum Verlust des gesamten Stehbildsektors an den VEB Kamerawerke Niedersedlitz im Laufe des Jahres 1957 geführt haben.

 

Aber der Reihe nach. Erst einmal ist es doch interessant, woher überhaupt die Idee zu einer solchen Einäugigen Spiegelreflexkamera der „Würfelbauart“ mit Wechselmagazinen und Federwerkantrieb gekommen ist. Die ersten Anzeichen, daß an solch einem Projekt gearbeitet wurde, habe ich in einem DDR-Patent 5618 vom 11. September 1952 gefunden. Angemeldet wurde es vom damaligen Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung des VEB Zeiss Ikon Wilhelm Winzenburg sowie Heinz Schmidt. Der eigentliche Schutzanspruch bezieht sich darauf, daß für eine Kamera des quadratischen 6x6-Formates ein Prismenumkehrsystem sehr großvolumig werden würde. Deshalb wird für die Kamera ein Zweiformatsystem vorgeschlagen, bei dem für das Format 6x6 ein Lichtschacht und für das Format 4,5x6 wahlweise ein Prismensucher oder ein Lichtschacht mit Abdeckmasken verwendet werden solle. Ziemlich seltsame Grundlage für ein Patent. Aber wie so oft ist eine solche Schutzschrift für uns heute immerhin ein wichtiges Zeitdokument, an dem wir ablesen können, welche Gedankengänge damals durch die Köpfe der Konstruktionsverantwortlichen gegangen sind.

Patent 5618

Bereits im darauffolgenden Jahr war das Konzept zu einer solchen Kamera offenbar schon deutlich stärker gereift. Von Arno Scharping, Walter Hennig und Horst Strehle liegt ein Patent Nr. 9624 vor, das am 25. Juni 1953 in der DDR angemeldet wurde. Es beschreibt, wie eine Rollfilm-Wechselkassette mit dem Kameramechanismus gekuppelt werden kann. Da Rollfilm keine Perforation hat, muß die Kamera für den richtigen Schaltschritt sorgen. Daß das nicht ganz unproblematisch ist, zeigte zu jener Zeit die Exakta 6x6, die unter anderem aufgrund von Filmtransportproblemen zum Fiasko für die Ihagee wurde. Um dies zu verhindern, hatten die Konstrukteure der Zeiss Ikon in der Kassette eine große Meßrolle vorgesehen (das Bauteil mit dem Pfeil), die nach einer vollständigen Bildlänge den Filmtransport vom Kameraspannmechanismus trennte. Zum spannen diente der auch beim späteren Prototypen wiederzufindende Schnellschalthebel. Wir wissen heute, daß diese Kamera für das Filmformat 4,5x6cm ausgelegt war.

Der Patentlage nach zu urteilen muß aber zur selben Zeit parallel an einem zweiten Prototyp gearbeitet worden sein, der für den perforierten 35mm Film ausgelegt war. Auch dieses Material sollte in wechselbaren Kassetten untergebracht werden. Damit diese Kassetten keine übertriebenen Ausmaße annehmen, muß das Material mindestens zweimal umgelenkt werden. Das Problem dabei liegt aber darin, daß sich schon nach kurzer Zeit des Verweilens an dieser Stelle ein deutlicher Knick in das Filmmaterial einprägt. Reinold Heidecke soll später sehr bedauert haben, bei der Konstruktion seines Rolleiflex Automaten 1937 die Chance nicht genutzt zu haben, den Filmlauf umzukehren und die Umlenkung um 90 Grad erst HINTER dem Bildfenster folgen zu lassen. So kann es bei der Rolleiflex leider vorkommen, daß sich nach einiger Zeit eine Wölbung in den Film einprägt, die nach dem nächsten Filmtransport genau im Bildfenster zu liegen kommt und dort zu einer häßlichen Bildunschärfe führt. Wenn man so will, war das die einzige wirkliche Konstruktionsschwäche dieser bemerkenswerten Kamera. Den Herren Fritz Köber, Heinz Bemann, Werner Schmidt, Walter Hennig und Horst Strehle bei der Zeiss Ikon dürfte dieses Problem also bekannt gewesen sein, weshalb sie eine spezielle Filmführung ersannen, die sie am 2. April 1953 in der DDR patentieren ließen (Nr. 12.856). Die Lösung war einfach, aber wirksam: Der Krümmungsbogen wurde schlichtweg so groß gemacht, daß er einer kompletten Bildbreite entsprach und damit die „Elastizitätsgrenze“ des Materiales nicht überschritten wurde. Auf diese Weise war selbst ein kompletter Richtungswechsel realisierbar, wie die Patentzeichnung verdeutlicht.

Patent 12.856

Das Gesamtkonzept dieser bemerkenswerten Kamera ist im DDR-Patent Nr. 12.178 vom 25. Juni 1953 unter dem Titel „Reflexkamerakörper quadratischen bzw. angenähert quadratischen Querschnitts mit ansetzbarer Filmwechselkassette“ geschützt worden. Urheber war Walter Hennig. Die Grundidee lag also darin, nicht wie bei Nüchterleins Exakta die Filmspulen links und rechts des Spiegelkastens anzuordnen, sondern quasi alles hintereinander zu staffeln und somit alles so schlank wie möglich zu halten. Das gab es vorher schon (Primarflex); sogar mit Wechselkassetten (Hasselblad). Das neue, schutzwürdige war, daß zur Verbindung zwischen Kameragehäuse und Wechselkassette ersteres verlängert wurde und unter dem Prismensucher über letztere hinausragte (Schutzanspruch 1). Innerhalb dieses verlängerten Kameragehäuses waren die Antriebe für die Filmkassette untergebracht.

Patent  12.178
Patent  12.178

Interessant und wirklich neuartig war, daß auf der gegenüberliegenden Seite des zur Kassette hin verlängerten Reflexkörpers ein flachgehaltener Federwerkantrieb angebracht werden konnte, der das Spannen der Kamera und den Bildtransport übernehmen sollte (Schutzanspruch 6, linkes Bild). Zudem war für die Standard-Kassetten vorgesehen, daß sich deren Grundriß nach hinten verjüngt (Schutzanspruch 9). Für Reproduktionen, technische Aufnahmen etc. war aber auch ein Langfilmmagazin von wesentlich größerer Breite vorgesehen (Bild rechts).

Patent  12.178
Patent  12.178

Diese nach hinten zulaufende Gestalt der Standard-Kassette bzw. die elliptische Formgebung der gesamten Kamera wurde noch einmal gesondert in einem Bundesdeutschen Patent Nr. 1.052.804 vom 15. Dezember 1953 geschützt. Neben Walter Hennig wurde hier außerdem Alfred Scheinert als Urheber benannt. In dieser Schutzschrift wird noch einmal explizit auf die ergonomischen Nachteile verwiesen, die bisherige Kameras der Breitbauform zu bieten hatten. Die beiden Erfinder stellen vor allem darauf ab, daß solche Kameras das Gesichtsfeld des nicht für den Kameradurchblick genutzten Auges abschatten, wodurch insbesondere das Verfolgen eines bewegten Objektes mit diesem freien Auge verunmöglicht wird. Zudem ist bei solchen Kameras der herkömmlichen Bauart – auch wenn das hier im Patent nicht erwähnt wird – auch irgendwie stets die Nase im Weg und macht das Durchblicken durch eine solche Kamera unbequem. Verdeutlicht werden beide Gesichtspunkte durch die unten gezeigte, dem Patent beigefügte Prinzipskizze.

Patent Nr. 1.052.804

Als zweiter wichtiger Beweggrund für die ellipsenförmige Gestaltung der ganzen Kamera wurde im Patent 1.052.804 angegeben, daß auf diese Weise die Kamera bequem in einer einzigen Hand gehalten werden könne – eine anatomisch richtige Konstruktion also.

Patent 1052804

Ferner existieren zu dieser Kamera noch etliche Patente bezüglich ihrer Wechselkassetten. So hat Walter Hennig beispielsweise unter der Nr. DD12.368 ein am 6. Februar 1954 angemeldetes Patent zugesprochen bekommen, das eine Klauenkupplung beschreibt, die sich beim abnehmen der Kassette automatisch ausklinkt.

 

Wenn so eine Kassette abnehmbar gemacht wird, dann ist es natürlich notwendig, daß das Filmmaterial zuvor lichtdicht verschlossen wird. Zu den geradezu hanebüchnen Fehlkonstruktionen der Exakta 6x6 gehörte schließlich, daß diese Kamera zwar für Wechselkassetten ausgelegt war, jene aber nicht abgenommen werden konnten, weil man schlicht keinen Kassettenschieber vorgesehen hatte. Man fragt sich heute noch, was man sich im Ihagee Kamerawerk eigentlich dabei gedacht hat. Jedenfalls kann man mit Gewißheit sagen, daß man bei der Zeiss Ikon etwas gründlicher überlegt hat. Hier liegen nämlich zwei Patente vor, die sich explizit mit dieser Frage befassen. Das erste mit der Nummer DD10.836 vom 9. Juli 1953 beschreibt die Bauart eines flexiblen Rolloverschlusses, der anstelle des bisher bekannten starren Kassettenschiebers das Magazin vor Abnahme von der Kamera lichtdicht verschließen sollte (Zeichnung unten links). In einem weiteren Patent Nr. DD10.336 vom 17. Juli 1953 ist die Kinematik zum Antrieb dieses Rollos beschrieben (Bild rechts). Offensichtlich war geplant, daß sich das Rollo selbsttätig schloß, während die im Patent Nr. DD12.368 dargelegte Klauenkupplung ausgerückt und das Magazin am Ende ausgeklinkt wurde. Das wäre also alles sehr bequem und technisch ausgeklügelt gelöst worden.

DD10.836
DD10.336

Diese neuartige Kamerabauform der Zeiss Ikon war also vor allem in ihrer Kleinbildvariante sehr weit fortgeschritten. Dem Prototypen wurde offenbar noch eine Belichtungshalbautomatik verpaßt und als Objektivanschluß das damals als ideale Lösung angesehene Praktina Schraubbajonett verwendet. Diese Pentax 24x36 hätte gewissermaßen das vorweggenommen, was etwa ein Vierteljahrhundert später von Franke & Heidecke als Rolleiflex 2000F herausgebracht wurde. Und der Mißerfolg letzterer Kamera zeigt bereits überdeutlich, auf welch dünnem konzeptionellen Eis man sich beim VEB Zeiss Ikon in den Jahren 1953/54 bewegte. Für solcherart Spezialkameras gab es nämlich stets nur einen kleinen Markt. Ein Großbetrieb wie Zeiss Ikon wäre aber im Segment einer Kleinserienfertigung falsch aufgehoben gewesen. Zumal sich eindeutige Anzeichen einer Überkonstruiertheit erkennen lassen. Für mich deutet die Pentax 24x36 auf ähnliche Ansätze zu Höhenflügen hin, wie zwei Jahrzehnte vorher die Zweiäugige Contaflex. Und genau das war die falsche Antwort auf die wirklichen Bedürfnisse des damaligen Kameramarktes. Die schon zu jener Zeit in die Hunderttausende gehenden Verkaufszahlen der vergleichsweise einfach aufgebauten Praktica der Kamerawerke Niedersedlitz bewiesen, was wirklich vom Markt verlangt wurde. Andererseits zeigte bereits die aus dem gleichen Hause stammende Praktina, daß sich eine vielseitige Aufbaukamera gar nicht so leicht verkaufen ließ. Außerdem gerieten solche hochgezüchteten Kameras angesichts der in den 50er Jahren noch recht bescheidenen Einkommen rasch zu überteuert. Immerhin war die DDR zu jener Zeit auch noch alles andere als ein Billiglohnland!

 

Also verschwand dieses Projekt in der Schublade. Es wurde gar nicht erst produziert. Und weil auch keine vereinfachte Variante abgeleitet werden konnte, stand man bei der Zeiss Ikon in der zweiten Hälfte der 50er Jahre gewissermaßen mit leeren Händen da. Jahre der Entwicklungsarbeit waren verstrichen, ohne daß man im Bereich marktfähiger Produkte vorangekommen wäre. Unterdessen war die einzige wirklich international verkäufliche Kamera des VEB Zeiss Ikon – die Contax D – in die Jahre gekommen und technisch zurückgefallen. Dieser einstmals so dominierende Betrieb geriet durch seine verzettelte Produktentwicklung nun mehr und mehr in eine schwere Krise, die letztlich in seiner schleichenden Auflösung mündete.

phot. Ing. Kuttner, Wien

Etwa ein Jahrzehnt später war in den Kamera- und Kinowerken noch einmal ein durchaus vergleichbarer Vorgang zu verzeichnen. Unter der Verantwortung Horst Strehles, der schon an der Pentax-Entwicklung beteiligt gewesen war, wurde wiederum versucht, solch ein ambitioniertes Spitzenmodell zu kreieren, das quasi schnurstracks am Bedarf vorbeizielte. Doch diesmal lagen die Karten besser. Aus den Grundlagenentwicklungen und den Erfahrungen mit dem Kameraflop Pentacon Super ließen sich nunmehr durchaus vereinfachte Varianten ableiten. Und in Form der Praktica L-Reihe eröffneten diese dem VEB Pentacon Dresden gegen Ende der 60er Jahre letztlich die Tür in ein neues Zeitalter.

 

 

 

 

Projekt »Pentaplast« – Stereoreflexkamera des VEB Zeiss Ikon

 

Bleiben wir gleich bei solcherlei Prestigeprojekten, die der VEB Zeiss Ikon letzten Endes doch nur für die Schublade entwickelt hat. Obwohl man zugeben muß, daß der Ausgangspunkt dieser Pentaplast noch nichts mit den Höhenflügen zu tun hatte, die später daraus geworden sind. Denn ein frühes Konzept Wilhelm Winzenburgs zu einer Stereo-Spiegelreflexkamera war mehr als konsequent: Die gerade erst am Markt etablierte Spiegelcontax mit ihrem bildumkehrendem Prismensucher bildete beste Voraussetzungen für eine Stereokamera. Denn zwei aufrechtstehende und seitenrichtige Mattscheibenabbildungen im Augenabstand wären zu einem plastischen Sucherbild zu vereinigen gewesen, was in der technisch und künstlerisch stets etwas anspruchsvollen Stereophotographie einen unschätzbaren Wert dargestellt hätte. Der Lichtschachtsucher mit seinem seitenverkehrten Sucherbild hatte solche Bestrebungen bislang vereitelt, weshalb hochwertige Stereoreflexkameras von Voigtländer oder Franke & Heidecke stets mit getrennten Aufnahme- und Sucherobjektiven gearbeitet hatten (sozusagen dreiäugige Reflexkameras). Diese frühen Ideen der Zeiss-Ikon-Konstruktionsabteilung bezüglich einer Stereo-Spiegelreflexkamera sind uns durch ein DDR-Patent mit der Nummer 1315 vom 29. Mai 1951 (Wilhelm Winzenburg, Robert Geißler und Egon Kaiser) überliefert. Genauer gesagt besteht es aus drei gesonderten Vorschlägen, und der erste dieser drei Vorschläge zeigt uns das Konzept einer quasi verdoppelten Spiegelcontax.

DD1315
DD1315

Leider war eine Stereokamera nach dieser eigentlich ziemlich logisch erscheinenden Bauweise damals noch nicht praktisch umsetzbar. Der Hintergrund liegt darin, daß bei jeder Stereokamera dieser Art die Größe des Teilbilds, der Filmtransport und die Stereobasis miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Für eine verdoppelte Spiegelcontax lief das darauf hinaus, daß jene nur dann einen Sinn ergeben hätte, wenn die Sucherokulare im durchschnittlichen Augenabstand angeordnet gewesen wären, damit sich beide Mattscheibenbilder gleichzeitig hätten betrachten und zu einem stereoskopischen Sucherbild verschmelzen lassen. Um diese Forderung zu gewährleisten, hätte auch der Bildfensterabstand dieser Kamera im Bereich des durchschnittlichen Augenabstandes von etwa 65mm liegen müssen. Mit Ausnahme des durch die französische Firma Richard verwendeten, ungleichmäßig verschränkten Schaltschrittes sowie einer in Vergessenheit geratenen Abwandlung des gleichmäßig verschränkten Colardeau-Schaltschrittes der schweizer Firma Kern, gab es zu jener Zeit noch kein Verfahren, wie man aus dem gegebenen Perforationslochabstand des 35mm-Filmes eine Objektivbasis von etwa 65mm verwirklichen konnte. Erst nachdem die Spiegelcontax bereits einige Jahre auf dem Markt war, wurde im VEB Belca-Werk an einer eigenen Variante des verschränkten Richard-Schaltschrittes gearbeitet, der die oben genannten Probleme in optimaler Weise löste. Mit einem Bildfensterabstand von 64mm und einer Objektivbasis von 63,2mm wäre er eine ideale Grundlage für eine solche Stereo-Spiegelreflexkamera gewesen. Dieser Betrieb brachte aber leider nur eine schlicht gehaltene Sucherkamera mit diesem Belca-Schaltschritt heraus.

Doch 1951 stand für dieses Problem wie gesagt noch keine befriedigende Lösung bereit. Daher gibt das Patent 1315 noch zwei weitere Möglichkeiten zur Verwirklichung einer Stereospiegelreflex an, die keines speziellen Filmtransportes bedurften, sondern mit zwei auf dem Film direkt nebeneinander liegenden Teilbildern arbeiteten. Im ersten Fall wird die normale Spiegelcontax mit den damals schon zur Verfügung stehenden Zeiss Vorsatzprismen benutzt. Hinzugefügt wird lediglich ein spezieller Zusatzsucher, der die beiden Teilbilder den jeweiligen Augen zuführt. Dieser Sucher hätte mit einer zweiten Mattscheibe gearbeitet und dürfte angesichts des ohnehin schon finsteren Sucherbildes der Contax in der Praxis weitgehend unbrauchbar gewesen sein. Die auswechselbaren Stereosucher der Exakta und Praktina waren da der bessere Weg. Viel interessanter ist die dritte Variante, die das Patent vorschlägt. Hier wurde mit zwei nebeneinanderliegenden Objektiven gearbeitet, deren Basis gegebenenfalls mittels Vorsatzprismen vergrößert werden konnte. Auch hier lagen die Teilbilder nebeneinander auf dem Film und für die Sucherbildbetrachtung wurden sie durch ein Porroprismensystem auf Betrachtungsabstand gebracht. Auch diese dritte Möglichkeit war gegenüber der ersten die schlechtere Lösung. Sie ist aber deshalb wichtig, weil sie, nachdem Winzenburg in den Laufbildsektor übergewechselt war, wieder aufgegriffen und in einem Prototyp verwirklicht wurde.

 

Dies geschah der Quellenlage zufolge bereits in den Jahren 1954/55. Helmut Fischer, Herbert Ziegler und Egon Kaiser können als Konstrukteure benannt werden. Zuerst wurde an einem Stereo-Prismensucher gearbeitet, von dem ein Schweizerisches Patent mit der Nummer 327.752 zeugt, das am 14. Januar 1955 angemeldet worden ist. Der Sucher war abnehmbar gestaltet und ermöglichte den Einblick entweder in Richtung der optischen Achse oder senkrecht dazu. Außerdem konnte er abgenommen und zum Diabetrachter umfunktioniert werden. Die Patentzeichnungen lassen erahnen, daß die Kamera mit zwei nebeneinanderliegenden Teilbildern in einem annähernd quadratischen Format arbeitete.

CH327.752
CH327.752
CH327.752

Das Bild vermittelt auch einen ersten Eindruck vom eigentlichen Kameragehäuse. Es lag vielleicht schon zu jener Zeit als Prototyp vor. Allerdings scheinen die Herren Fischer und Ziegler noch mindestens zwei Jahre am nötigen Vorsatzprismensystem gearbeitet haben. Dazu existieren nämlich noch zwei Patentanmeldungen – eine davon die Bundesdeutsche mit der Nummer 1.037.258 vom 6. Dezember 1956. Unter der Annahme, daß der Prototyp der »Pentaplast« mit einem quadratischen Aufnahmeformat arbeitete, bei dem die beiden Teilbilder unmittelbar nebeneinanderlagen (vielleicht habe ich ja mal Gelegenheit, das am Prototyp genauer zu überprüfen), dann dürfte der Achsenabstand des Objektivpaares bei etwas um die 24…25mm gelegen haben. Das ist natürlich zu wenig, um bei Normalaufnahmen zu einem plastischen Raumeindruck zu gelangen. Daher war diese Kamera auf ein Vorsatzsystem angewiesen, das die Objektivbasis auf Werte um 65mm vergrößerte. Das Patent Nr. 1.037.258 beschreibt ein solches Vorsatzprismen- bzw. Spiegelsystem mit dem sich zudem drei feste, einstellbare Objektivbasen realisieren ließen. Eine kleine Basis von den besagten ca. 25mm ergab sich bei Verwendung der Objektive ohne Prismenvorsatz. Wurde der Prismenvorsatz benutzt, dann konnte dieser durch Abschaltung einer der beiden Basiserweiterungen auf eine etwas verkürzte Basis (vermutlich um die 50mm) umgestellt werden. Solche verkürzten Basen werden benutzt, um stereoskopische Aufnahmen im Makrobereich anfertigen zu können. Unumgängliche Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Stereoskopie bringen es mit sich, daß die Stereobasis und die abgebildete Raumtiefe in einem engen Verhältnis zueinander stehen (Vgl. dazu Pietsch, Werner: Die Praxis der Stereo-Nahaufnahmen, 3. Aufl., Halle, 1957.). Arbeitet man im Nahbereich mit der Normalbasis von etwa 65mm, dann bleibt ab einem bestimmten Abbildungsmaßstab so wenig zulässige Raumtiefe übrig, daß sich kaum noch ein normaler Gegenstand wiedergeben ließe. Hier ermöglicht der Umweg über verkürzte Basen, wieder zu sinnvollen Raumtiefen zu gelangen, auch wenn sich dadurch bei der Betrachtung stereoskopische Verzerrungen ergeben, die als Gigantismuserscheinungen bekannt sind. Diese sind zwar im Grunde genommen als Aufnahmefehler zu werten, sorgen aber andererseits für einen oftmals sehr eindrücklichen Bildstil ("Puppenstuben-Effekt"). Bei Einschaltung beider Prismensysteme wurde dann die Normalbasis des Vorsatzes (um die 65mm) erreicht, die dann für stereoskopische Normalaufnahmen von etwa 3m bis Unendlich gedacht war. Die Möglichkeit, verschiedene Basen einstellen zu können, muß also ausdrücklich als Vorteil dieser Bauart genannt werden. Das Patent liefert außerdem noch Angaben über die Art der Befestigung des Vorsatzes an der Kamera.

DBP1.037.258
DBP1.037.258

Die Patentzeichnung links verdeutlicht, wie eine „mittlere“ Basisweite erreicht werden sollte, indem eines der beiden Prismensysteme aus dem Strahlengang ausgerückt (verschoben) wird. Dabei erhält das eine der beiden Objektive sein Licht auf direktem Wege, während der Strahlenverlauf des anderen Objektivs weiterhin abgeknickt wird.

 

Das andere der beiden Patente wurde am 20. Juni 1957 bereits unter der Ägide des VEB Kamerawerke Niedersedlitz in den USA angemeldet (Nr. 2.922.350). Man darf also auch hier von einem „geerbten Projekt“ sprechen. Der Inhalt des US-Patentes ist im wesentlichen deckungsgleich mit dem Bundesdeutschen vom Dezember 1956. Man kann allerdings aus dem US-Patent schlußfolgern, daß zumindest im ersten Halbjahr 1957 noch an dieser Stereokamera gearbeitet wurde, denn in einigen Details wie der Anwendung von Filtern oder der genauen Befestigung des schweren Vorsatzes an der Kamera sind noch Verbesserungen zu erkennen. Auch die detailreicheren Zeichnungen lassen auf fortgesetzte Konstruktionstätigkeit schließen, an deren Ende vielleicht der fertige Prototyp vorlag. Ich kann mir freilich sehr gut vorstellen, daß nach Erreichen dieses Stadiums die Arbeiten an der Pentaplast endgültig eingestellt wurden. Bei KW in Dresden Niedersedlitz hatte man zu jener Zeit bestimmt gerade andere Sorgen, als die Verwirklichung von Prestige-Projekten, die man von einer vormaligen Konkurrenzfirma geerbt hatte.

US2.922.350
US2.922.350

Denn so beeindruckend diese Kamera auch aussah – der monströse Prototyp kann von jedermann in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden begutachtet werden – so wenig marktträchtig war diese Entwicklung. Das liegt zum einen natürlich daran, daß wohl kaum jemand dieses Ungetüm gekauft hätte, um seine Urlaubsbilder damit zu machen. Das wäre aber ausschlaggebend gewesen, denn eine Stereokamera, die allein für Berufsphotographen ausgelegt ist, hatte kaum eine Daseinsberechtigung. Das ist namentlich darauf zurückzuführen, daß sich Raumbilder aus technischen Gründen weder in Zeitschriften noch in Bildbänden ohne größere Schwierigkeiten vermarkten lassen. Vielmehr war die Stereophotographie stets auf den enthusiastischen Amateur angewiesen, der sich trotz technischer Hürden auf dieses Spezialgebiet einlassen wollte. Und hierbei galt: Je ausgefeilter und teurer die Gerätschaften zur Aufnahme und Wiedergabe der Raumbilder ausfielen, um so kleiner war das Absatzpotential und um so schneller war es auch gesättigt. Das muß auch als Ursache dafür gesehen werden, weshalb die aus dem Bau von hochwertigen Stereokameras hervorgegangene Braunschweiger Firma Franke & Heidecke nach dem Zweiten Weltkrieg die Rückkehr in dieses Marktsegment letztlich unterlassen hat.

 

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, weshalb dieses gesamte Pentaplast-Projekt regelrecht zum Scheitern verurteilt war. Ich habe mich viel mit Stereokameras beschäftigt und kann sagen, daß das bei der Pentaplast zugrundegelegte Bauprinzip als falsch angesehen werden muß. Sicherlich ist es für den Kamerakonstrukteur verlockend, die beiden Teilbilder in der Kamera direkt nebeneinander anzuordnen. Das hat einerseits den Vorteil, daß kein spezieller Filmtransport notwendig ist. Außerdem kann bei geschickter Auslegung des gesamten Betrachtungssystems ein Zerschneiden und Neupositionieren der Teilbilder vermieden werden. Das hat aber den massiven Nachteil zur Folge, daß die „unbewaffnete“ Kamera mit einer kleinen Basis arbeitet, die dann mit aufwändigen, teuren und sehr sperrigen Prismenvorsätzen auf das Normalmaß vergrößert werden muß. Selbiges gilt für den Sucher, wenn der prinzipielle Vorteil der Spiegelreflexkamera ausgenutzt werden soll, daß die spätere Raumwirkung der Aufnahme bereits bei Betrachtung des Sucherbildes beurteilt werden kann. Gleich zwei solcher großer Zusatzteile aus Prismen und Linsen machten das Konzept, das der Pentaplast zugrundelag, für Amateuranwendungen gänzlich ungeeignet. Und mit Einzelanfertigungen für ein ausgewähltes Publikum konnte kein Großbetrieb mit fast 3000 Beschäftigten ausgelastet werden. Wie zuvor die Pentax wurde daher auch die Pentaplast eingemottet. Mindestens zweieinhalb Jahre nachweisbarer Konstruktionstätigkeit waren damit ohne verwertbares Ergebnis geblieben.

 

Ich denke, ich kann mir die Beurteilung anmaßen, daß die Geschichte einer Stereo-Spiegelreflexkamera beim VEB Zeiss Ikon ganz anders hätte ausfallen können, wenn man den ersten Ansatz gewählt hätte, den Winzenburg im Jahre 1951 aufgezeigt hatte. Eine quasi verdoppelte Spiegelcontax mit dem verschränkten Filmtransport des Belca-Werkes (abwechselnd 7 und 20 Perforationslöcher, Bildgröße etwa 24x29mm, Basis etwa 63mm) hätte sicherlich zu einer noch amateurgerecht kompakten Kamera geführt, die sich angesichts des „Stereo-Booms“ der 50er Jahre vielleicht auch hätte verkaufen lassen. Zumindest wäre eine solche „Reflex-Belplasca“ international ohne Konkurrenz gewesen. Daß eine Verknüpfung von Belplasca und Contax übrigens nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, habe ich kürzlich erst entdeckt: Aufgrund einer Mitteilung Pietschs im Vorwort des oben angegebenen Buches wissen wir nämlich, daß neben Konrad Koehl auch ein gewisser Rudolf Kuhnert Konstruktionsverantwortung für die Belplasca trug. Jedem Freund der Spiegelcontax ist Kuhnert freilich als einer der maßgeblichen Schöpfer der Spiegelcontax bekannt.

Praktica-B Balgengerät und Diakopiervorsatz

Sicherlich eine der besten Erfindungen, die der VEB Pentacon Dresden in seinen Kameras umgesetzt hat, war die elektrische Blendenwertübertragung. Es sind nämlich stets diejenigen Erfindungen die besten, die bei möglichst wenig Aufwand viel Vereinfachung und Bequemlichkeit mit sich bringen. Im Prinzip machte das, was Pentacon 1969 mit der Praktica LLC eingeführt hatte, später quasi jeder Kamerahersteller so: Der Blendenring wurde mit einem veränderlichen Widerstand gekuppelt, sodaß der eingestellte Blendenwert in einen korrespondierenden Spannungswert umgewandelt wurde. Der große Unterschied war aber, daß Pentacon den veränderlichen Widerstand in das Objektiv integrierte und daher lediglich eine elektrische Verbindung zwischen Kamera und Objektiv benötigte. Weil sich Pentacon diesen Weg umfassend patentrechlich schützen ließ, sahen sich die Konkurrenten gezwungen, das nötige Potentiometer im Kameragehäuse unterzubringen und zwischen Objektiv und Kamera entsprechende mechanische Übertragungsmittel vorzusehen. Solche mechanischen Verbindungen sind immer problematisch, weil sie schwer im Objektiv unterzubringen sind, sie die Herstellung sehr verteuern und außerdem einen großen Justieraufwand nach sich ziehen. Man könnte dem Thema, wie die einzelnen Firmen jeweils diese mechanische Blendenwertübertragung hinbekommen haben, einen eigenen Aufsatz widmen. Fakt ist, daß alle diese Firmen spätestens dann ein Problem bekamen, sobald zwischen Kamera und Objektiv zusätzliche Baugruppen wie Zwischenringe oder Telekonverter eingefügt werden sollten. Ganz aus mit der Blendenwertübertragung (und damit meist auch mit der korrekten Belichtungsmessung und der Zeitautomatik) war es, sobald ein Balgennaheinstellgerät zum Einsatz kam. Dabei ist gerade bei Verwendung von stufenlos arbeitenden Auszugsverlängerungen eine korrekt arbeitende Innenlichtmessung wichtig, weil ansonsten die komplizierten Belichtungsfaktoren schnell unbeherrschbar werden.

 

Um so bemerkenswerter ist angesichts dieser Faktenlage das Balgengerät der Praktica B-Reihe. Denn dieses hält nicht nur die automatische Springblende aufrecht (das boten auch andere Anbieter), sondern aufgrund deren rein elektrischen Auslegung auch die Offenblendenmessung. Patentiert wurde dieses Balgengerät in der DDR unter der Nummer 228.369 am 22. Juni 1981. Interessant ist, daß sich die Schutzansprüche nur auf die oben im Bild sichtbare Anzeige des Balgenauszuges bezieht. Wer aber auf dem linken Bild genau hinsieht, der wird die schraffiert gezeichneten Kabel sehen, die in dieser Auszugsanzeige untergebracht sind. Es handelt sich um die drei Anschlüsse des objektivseitigen Potentiometers, dessen Einstellwerte per Kabel in das Kameragehäuse weitergegeben werden.

Die Art und Weise der Übertragung der Blendenmechanik wurde übrigens bereits am 7. November 1979 geschützt (Nr. DD146.510). Genauer gesagt handelt es sich beim eigentlichen Gegenstand dieser Erfindung um einen sogenannten Blendenübertragungsring, der sich auch in den Zwischenringen der B-Reihe findet, und der einen sehr einfachen, zweckmäßigen Aufbau der Blendenübertragung ermöglichte, ohne den freien Durchlaß des Lichtweges einzuengen. Für nicht ganz uninteressant halte ich zudem das Design Patent No. 263.313, das am 20. Juni 1979 in den USA angemeldet worden ist (Zeichnung rechts).

Bleiben wir gleich bei diesem Balgengerät für die Praktica B-Reihe. Passend zu diesem wurde nämlich ein praktisches Diakopergerät geschaffen, das sehr umfänglich patengeschützt wurde. Der grundlegende Aufbau ist im DDR-Patent Nummer 215.408 vom 9. Juni 1983 beschrieben, das auch die beiden Verwendungsmöglichkeiten des Kopiervorsatzes in Kombination mit dem Balgengerät oder nur mit Zwischenringen zeigt. Wenn die Schiene am Einstellschlitten des Balgengerätes angebracht wird, dann läßt sich übrigens mit dessen Triebknopf sehr bequem die Schärfe einstellen.

Im Patent Nr. 213.309 vom 11. Januar 1983 ist der eigentliche Kopiervorsatz beschrieben und die Art, wie die dem Objektiv zugewandte Seite am Filtergewinde befestigt wird. Im Patent Nr. 215.131 vom 29. April 1983 ist dann noch die außerzentrische Klemmhülse geschützt, mit der sich der Träger des Diapositivs in der Höhe verstellen läßt. Die gesamte Balgen-Einrichtung ist äußerst praktisch, stabil und wertig ausgeführt. Die wesentlichen Arbeiten sowohl bezüglich des Balgengerätes als auch des Kopiervorsatzes gehen dabei auf Siegfried Zeibig zurück.

Penti und Penti-Reflex (?)

 

 

"Photographische Kleinbildkamera für perforierten Rollfilm" - so lautet der Titel eines unter der Nummer 21.983 am 8. November 1957 angemeldeten DDR-Patentes, aus dem später eine als Penti bekanntgewordene Kamera hervorging. Oskar Fischer, Horst Strehle, Walter Hennig und Herbert Welzel haben sie ursprünglich für die Welta Kamerawerke entwickelt, von denen sie auch kurzzeitig als "Orix" herausgebracht wurde, bevor das Werk eingegliedert wurde. Die Grundidee dieser Kamera war, die in der Zwischenkriegszeit von der Agfa herausgebrachte Karat-Kassette zu reaktivieren. Deren Vorteil lag darin, daß sie als Schiebekassette ausgeführt war, das heißt, es war keine zusätzliche Drehbewegung notwendig, um das belichtete Material aufzuwickeln. Vielmehr wurde es in eine gleichartige Leerkassette geschoben, wodurch auch das Rückspulen entfiel. Und schieben ist genau das Stichwort: Wenn schon die Drehbewegung für das Aufwickeln des Filmes wegfallen kann, wieso sollte man noch – wie ursprünglich die Agfa bei ihren Karat-Kameras – für den Filmtransport eine drehende Zahntrommel verwenden. Die wunderbare Idee, die die benannten Konstrukteure hatten, lag nämlich darin, auch diesen Filmtransport schiebend vorzunehmen. Dazu wurde ein Greifer eingesetzt, der durch eine im Patent als „Schaltstange“ bezeichnete Filmschalttaste bewegt wird. Auf diese Weise konnten alle aufwendigen Getriebeteile für die sonst übliche Zahntrommel, die Wickelspule und den damit verbundenen Verschlußspannmechanismus entfallen, was die Herstellung verbilligte und den Aufbau kompakt werden ließ.

Patent 21.983

Das ganze funktionierte vor allem deshalb, weil der Filmtransport auf die Hälfte reduziert wurde. Arbeitete die Agfa Karat mit acht Perforationslöchern Filmtransport und damit der normalen Bildgröße 24x36mm, so transportierte die Orix nur deren vier. Damit verdoppelte sich die Anzahl der Aufnahmen von 12 auf akzeptable 24 pro Film.

 

Die etuiartige Formgebung und ihre Herstellung aus spanlos gewonnenen Schalen wurde am 6. September 1958 in der Bundesrepublik zum Patent angemeldet (Nr. 1.810.939). Auch die Rahmenbauweise mit möglichst wenigen hervorspringenden Teilen war Bestandteil dieses Schutzrechtes.

Patent DE1.810.939
Patent DE1.810.939

Auch die unten gezeigte Bauform der Filmandruckplatte ist von der Penti her bekannt. Der Sinn dieses kapselartigen Federgehäuses lag übrigens darin, daß sich anstelle der üblichen Blattfedern eine Schraubenfeder verwenden ließ, die eine wesentlich günstigere Kraftwirkung aufzuweisen hat. Patentiert wurde sie in Österreich am 29. Feber (jawoll!) 1960 (Nr. 223.007).

Patent AU223007
Patent AU223007

Es ist bekannt, daß diese einfache Taschenkamera später mit einer halbautomatischen Belichtungsmessung versehen wurde. Ich habe aber verschiedentliche Hinweise dafür gefunden, daß dieses Konzept der „Halbformatkamera“ noch wesentlich weiter ausgebaut werden sollte. Die ersten Anzeichen lieferte das Sachnummernverzeichnis der DDR-Photoindustrie, in dem alle Erzeugnisse aufgeführt sind, die in diesem Industriezweig produziert wurden oder werden sollten. So ist unter der Sachnummer 180.007 eine „Spiegelreflexkamera 18x24 mit Belichtungsautomatik“ aufgeführt, die „SR24“ hätte heißen sollen. Spiegelreflex mit 24 Aufnahmen? Die weiteren Angaben „Kameragrundkörper, ohne Objektiv“ verweisen auf Wechselobjektive. Sehr mysteriös das ganze. Aber nur, bis ich Patente gefunden habe, die darauf hindeuten, daß vielleicht tatsächlich an solch einer Kamera gearbeitet wurde.

 

Zum einen ist das Patent Nr. 27.284 „Zeiteinstelleinrichtung für Schlitzverschlußkameras“ zu nennen, das Horst Strehle und Günter Heerklotz am 29. September 1960 in der DDR zum angemeldet haben. Natürlich steht dort nicht explizit zu lesen, daß es sich um die besagte Penti Reflex handelt. Aber es fällt doch aber auf, daß die in der Zeichnung skizzierte Kamera äußerlich sehr der Penti ähnelt, diese aber kein Sucherfenster, sondern nur eine große Selenzelle aufzuweisen hat. Zweitens ist eindeutig benannt, daß es sich um eine Schlitzverschlußkamera handelt – und solch ein Verschluß deutet schließlich auf eine Spiegelreflexkamera hin.

Patent 27.284
Patent 27.284

Nun ist zugegebenermaßen in diesem Patent Nr. 27.284 von einem Entfernungsmesser die Rede. Um so aufschlußreicher ist daher ein Patent Nr. 35.294 vom 3. Oktober 1960, das sich explizit auf das vorige Patent bezieht. Es verweist darauf, daß es mit dem ersten Lösungsansatz leider sehr erschwert wird, „eine Suchereinrichtung mit Dachkantprisma in Verbindung mit einem Linsensystem zur vergrößerten Betrachtung des Sucherbildes“ in der Kamera unterzubringen. In diesem Sinne erläutert das Patent 35.294, welche Abänderungen gegenüber dem Patent 27.284 notwendig sind, um dieselbe Art der Belichtungseinstellung zu ermöglichen und trotzdem den nötigen Platz für den Prismensucher zu schaffen. Und mit "Art der Belichtungseinstellung" ist gemeint, daß sich konzentrisch um das Objektiv ein Einstellring für die Belichtungszeiten befindet, so wie man es von der Penti her kennt. Es fällt auch auf, daß diese beiden Patentzeichnungen dieselben glatten Gehäuseflächen zeigen, wie sie für die Penti so charakteristisch sind. Auch wenn man nicht sicher sagen kann, daß sich diese beiden Patentschriften auf die vermeintliche Penti Reflex „SR24“ beziehen, so sind sie doch trotzdem ein Interessanter spekulativer Anhaltspunkt dafür, wie eine solche, offenbar geplante Halbformat-Reflex hätte aussehen können.

Patent  35.294
Patent  35.294

Bleibt noch eine wichtige Entdeckung nachzutragen: In dem erwähnten Sachnummernverzeichnis ist unter den Nummern 821.000 bzw. 821.010 eine "Penti IV" bzw. eine "Reflex-Penti" verzeichnet. Genauer gesagt ein Zentralverschluß vom Typ "Prestormat" für diese beiden Kameras. Das ist natürlich ein interessanter Hinweis. Ich habe mich ausführlich mit der Quellenlage zur Zentralverschluß-Konstruktion in der DDR beschäftigt und komme zu dem Schluß, daß man in den Kamera- und Kinowerken an einem Prestor mit integrierter Blendenautomatik gearbeitet hat. Diese Entwicklungen wurden aber vorzeitig abgebrochen - so wie die Weiterentwicklungen am Zentralverschluß überhaupt. Man hat auch schon davon gehört, daß eine vollautomatische Werra herausgebracht werden sollte. Möglicherweise handelte es sich dabei um ein und denselben Verschluß. Beide Entwicklungen einer halbformatigen Sucherkamera und einer halbformatigen Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß und Blendenautomatik kamen aber nicht mehr zustande, weil offenbar dieser Verschluß nicht serienreif wurde. Allerdings scheinen diese Projekte schon so weit angedacht gewesen zu sein, daß im Falle der "Penti IV" und der "Reflex-Penti" bereits die zugehörigen Sachnummern vergeben worden sind. Wie bei anderen solchen Fällen (z.B. ein Oreston 1,4/50 aus Görlitz oder eine 6x6 Sucherkamera namens "Ecasix") kamen manche dieser bereits getypten Produktentwicklungen freilich nie auf den Markt. Vielleicht findet sich ja weiteres Quellenmaterial, das in diese Richtung näher Auskunft geben könnte.