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Schlitzverschlüsse

Die Ursprünge des Schlitzverschlusses

 

Das größte Verdienst Oskar Barnacks für die Phototechnik war die Entwicklung des modernen Schlitzverschlusses. Schlitzverschlüsse, die wegen ihrer Eigenschaft, nahe an der lichtempfindlichen Schicht abzulaufen, auch Fokalverschlüsse genannt werden, hielten seit den 1860er Jahren Einzug in die Photographie. Bis etwa zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatten diese Verschlüsse eine große technische Ausreifung erfahren; dann allerdings trat eine gewisse Stagnation ein. Das lag daran, daß man in jener Zeit allgemein die Bildformate immer weiter verkleinerte und von der Glasplatte zum biegsamen Film überging. Der Schlitzverschluß, der vorwiegend in großen, schweren Kameras der oberen Preisklasse verwendet wurde, konnte mit der Entwicklung erst einmal nicht schritthalten.

Ernemann Schlitzverschluß

Ein typischer Vertreter der alten Bauweise von Schlitzverschlüssen für Plattenkameras, hier von der Firma Ernemann aus der Zwischenkriegszeit.

Schlitzverschlüsse ermöglichen nicht nur viel kürzere Belichtungszeiten, als Zentralverschlüsse, sie haben im allgemeinen auch einen deutlich besseren Wirkungsgrad bei diesen kurzen Zeiten. Ein Zentralverschluß besteht aus Lamellen, die sich ähnlich der Irisblende vom Objektivmittelpunkt aus öffnen, dann ihre Bewegung umkehren und sich danach wieder schließen. Im Prinzip wird nur im kurzen Moment der Bewegungsumkehr die volle Öffnung des Objektives freigegeben. Während der übrigen Zeit wirken die Lamellen des Zentralverschlusses wie eine Blende. Vor allem bei den kurzen Zeiten ist der Wirkungsgrad dieses Verschlusses daher ziemlich bescheiden.

Zentralverschluß
Zentralverschluß Bauart IBSOR

Links sieht man exemplarisch den prinzipiellen Aufbau eines Zentralverschlusses. Unten sind die typischen Öffnungsbilder dargestellt, die sich ergeben, wenn der Zentralverschluß mit seinen kürzesten Belichtungszeiten abläuft. Nur für einen kurzen Moment wird wirklich die gesamte Objektivöffnung freigegeben.

Öffnungsbilder Zentralverschluß

Ein Schlitzverschluß belichtet die Schicht quasi streifenweise, wenn der namensgebende Schlitz von gewisser Breite mit einer gewissen Geschwindigkeit vor ihr vorbeigleitet. Der Wirkungsgrad kann selbst bei sehr engen Belichtungsschlitzen (im Millimeterbereich) sehr hohe Werte erreichen. Einzige Voraussetzung ist, daß sich der Schlitz möglichst nah an der Platte bzw. Film befindet. Diese Konstruktionsprobleme wurden wie oben erwähnt im Laufe der Jahrzehnte fast bis zur Perfektion gemeistert.

 

Die tatsächliche Belichtungszeit an einer bestimmten Stelle der Schicht ergibt sich also aus der eingestellten Schlitzbreite und der Geschwindigkeit, mit der dieser Schlitz vorbeigleitet. Anders als der Zentralverschluß bietet der Schlitzverschluß alter Bauart zwei Einstellparameter: Die Geschwindigkeit der Rollos wurde durch die Spannung der Federwalzen reguliert und in Verbindung mit verschiedenen Schlitzbreiten gab es geradezu einen Wust an unterschiedlichen Belichtungszeiten, die in einer unübersichtlichen Tabelle zusammengefaßt werden mußten. Ein direktes Einstellen der Belichtungszeit wie beim Zentralverschluß war beim Schlitzverschluß alter Bauart nicht möglich. Schon allein deshalb blieb er für Amateurkameras uninteressant.

"Geschwindigkeitstabelle"

Eine typische Verschlußzeitentabelle, wie sie bei Schlitzverschlußkameras des alten Typs zu finden waren. Nicht weniger als 60 verschiedene Zeiten ließen sich hier einstellen. Das braucht kein Mensch und macht die Handhabung eines solchen Verschlusses sehr unpraktisch.

 

Von diesen Verschlüssen stammt auch der technisch falsche Begriff "Verschlußgeschwindigkeit", der heute noch im Englischen gebräuchlich ist ("shutter speed") und sich leider wieder in die deutsche Fachsprache einmogelt. Ganz falsch war er damals nicht, weil sich ja die tatsächliche Belichtungszeit aus der Schlitzbreite und der Ablaufgeschwindigkeit der Rollos ergab. Auf der nebenstehenden Tabelle wird der Begriff aber trotzdem falsch angewendet, denn die Geschwindigkeit wäre gleichbedeutend mit der hier als Federspannung bezeichneten Größe. Statt "Geschindigkeitstabelle" müßte es also "Zeitentabelle" heißen.

Fortschrittliche Konstrukteure wie Barnack hatten dieses Problem erkannt. An frühen Prototypen der Leica waren wohl noch Schlitzbreiten graviert, an den späteren Serienkameras aber nur noch die tatsächlichen Verschlußzeiten. Leute wie Barnack hatten auch erkannt, daß das Verstellen der Ablaufgeschwindigkeit durch verschiedene Rollospannungen aus zweierlei Gründen sehr ungünstig ist. Zum einen hat der Schlitzverschluß dann den besten Wirkungsgrad, wenn er stets mit der höchsten konstruktiv vertretbaren Geschwindigkeit abläuft. Zweitens ist eine Verstellbarkeit der Federspannung aus Präzisionserwägungen heraus äußerst problematisch. Man hatte erkannt, daß ein Schlitzverschluß nur dann eine gleichmäßige Belichtung über das Bildfenster zeigt, wenn die Ablaufgeschwindigkeit der beiden Rollos nicht nur sehr genau bei der Fabrikation der Kamera eingestellt wird, sondern wenn man auch sicherstellen kann, daß diese Werte sich über die Lebendauer der Kamera hinweg so wenig wie möglich ändern. Und je kleiner das Format, um so kritischer sind diese Justierungen. Oskar Barnack war deshalb mit seiner Konstruktion so extrem erfolgreich (sein Verschluß wird im Prinzip bis heute in die analoge Leica eingebaut), weil er die Verstellung der Ablaufgeschwindigkeit als einer der ersten eliminierte. Die Präzision auch bei geringen Schlitzweiten war gesichert. Die Leica wurde vom anfänglich belächelten Spielzeug auf einmal zum zuverlässigen Handwerksgerät am Mikroskop, bei Expeditionen und letztlich sogar beim mit der Zeit gehenden Berufsphotographen. Mit diesem Vertrauensbeweis konnte der Schlitzverschluß in ein neues Zeitalter aufbrechen.

 

 

 

Der Schlitzverschluß der Spiegelcontax

 

Wilhelm Winzenburg und seine Leute haben sich das grundsätzliche Konzept des Leica-Verschlusses zum Vorbild genommen, als sie kurz nach dem Kriegsende das Projekt einer Kleinbildreflexkamera mit Geradsichtsucher wieder aufnahmen. Das erkennt man an wesentlichen Gestaltungsmerkmalen des Verschlußaufbaus. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die nötigen etwa 40mm Tuchlänge abrollen zu lassen. Die Schlitzverschlüsse des alten Prinzips arbeiteten quasi alle mit relativ dünnen Walzen, auf denen die Rollos aufgewickelt werden. Diese müssen sich also mehrfach um die eigene Achse drehen, um die gesamte Länge der Vorhänge aufwickeln zu können. Mit der Schlitzweitensteuerung, die sich um weniger als 360 Grad drehen darf, sind diese Walzen daher durch eine Getriebeübersetzung verbunden. Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Verschlüsse der Exakta und der Praktiflex/Praktica. Bei der Leica hingegen sind die Rollowalzen derart groß vom Durchmesser gewählt, daß auf ihrem Umfang die gesamte Tuchlänge platzfindet, obgleich der Drehwinkel des Zeiteinstellknopfs ebenfalls unter 360 Grad bleibt. Der große Vorteil dieser Bauart ist, daß schwierig herzustellende, platzintensive und stets Hemmungen mit sich bringende Getriebeteile entfallen können. Bei der Leica kommt noch hinzu, daß der erste Verschlußvorhang den Start des zweiten Vorhanges über eine reine Hebelkonstruktion auslöst, also ebenfalls getriebelos. So eine simple Konstruktion kam für Winzenburg allerdings nicht infrage, denn sein Ziel war es, mit einer einzigen Ansteuerung alle Zeiten von einer Sekunde bis zur Tausendstel abzudecken.

Grundsätzliches Funktionsprinzip des Leicaverschlusses mit seinen drei Wellen und der Steuerwalze mit dem großen Durchmesser. Die Getriebeteile, die hier zu sehen sind, haben nur die Funktion, den Verschlußaufzug mit dem Filmtransport zu kuppeln. Für die Verschlußzeitenbildung sind sie prinzipiell nicht nötig.

Wilhelm Winzenburg war von Hause aus Kinotechniker. Viel bedeutender als seine Konstruktionsarbeit an der Spiegelcontax war eigentlich sein Beitrag zur Verbesserung der Lichttheaterprojektion. Auf seine Anregung hin wurden ab etwa 1922 statt Linsenkondensoren Spiegeloptiken zur Durchleuchtung des Bildfensters eingesetzt („Artisollampe“, nicht Aristol, wie bei Schulze-Manitus zu lesen!). Die großen Lichtspielhäuser der goldenen Ära des Kinos mit ihren großen Leinwänden und den vielen hundert Sitzplätzen wären ohne solche Spiegelsysteme nicht denkbar gewesen. Winzenburg arbeitete für die Hahn AG in Kassel, die eine Tochterfirma der Goerz AG gewesen ist und zusammen mit dieser 1926 in der neuen Zeiss Ikon AG Dresden aufging. Winzenburg ging nach Dresden und arbeitete an den Projektoren „Kinobox“ und „Phonobox“, die als kompakte, transportable Projektoren für den Landfilm entwickelt wurden und als Vorläufer des Tonkoffers TK35 angesehen werden können. Aufgrund seiner umfangreichen feinwerktechnischen Kenntnisse wurde Winzenburg gleich nach dem Kriege zum Chefkonstrukteur der Spiegelcontax. Nach Fertigstellung der wesentlichen Arbeiten an diesem Projekt wechselte er wieder in sein Spezialgebiet der Kinogeräte und entwickelte in maßgeblicher Verantwortung die „Dresden D1“ als Nachfolgerin der berühmten Ernemann VIIB Theatermaschine, bevor er schließlich die Gesamtleitung der Abteilung Forschung und Entwicklung des VEB Zeiss Ikon übernahm. [Vgl. dazu Schulze-Manitus, Hans: Technische Filmchronik, Bild und Ton 7/1960, S. 223]. Er starb im Jahre 1972.

 

Im Grunde genommen ist es unerheblich, wieviel vom „Syntax-Projekt“ nach dem Ausbrennen des Zeiss-Ikon-Werkes noch übrig war, denn was den Verschluß angeht, so haben Wilhelm Winzenburg und Rudolf Kuhnert einen völlig neuen Weg eingeschlagen. Man kann es auch anders ausdrücken: Sie haben sich von dem Murks, den es bedeutet hätte, den Verschluß der Contax Meßsucherkamera in die Reflexkamera einbauen zu müssen, vollständig befreit.

Contax Patent 5395

Das Hauptpatent

 

Wichtigste Quelle für ein Nachvollziehen der Konstruktionsarbeit Winzenburgs und Kuhnerts ist das Patent Nr. 5395 „Schlitzverschlußeinrichtung für photographische Kameras“ vom 6. März 1949. Diese umfängliche Patentschrift erhebt nicht weniger als 22 schutzrechtliche Ansprüche. Sie gibt nicht den Entwicklungsstand der Spiegelcontax im Frühjahr 1949 – also kurz vor dem Anlaufen der ersten Serienproduktion – wieder, sondern das Grundprinzip des Verschlusses, an dem offenbar schon seit mehreren Jahren gearbeitet worden war, um ihn produktionsreif zu machen. Allerspätestens wenn ein Produkt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist es ratsam, sich die Neuerungen, die dieses Produkt ausmachen, patentrechtlich schützen zu lassen, um einen bloßen Nachbau zu verhindern. Gleichsam ist die Patentanmeldung eine der wichtigsten Möglichkeiten für Konstrukteure, ihre abgeschlossenen Entwicklungsarbeiten zu Veröffentlichen und damit einen Beitrag zur Eruierung des internationalen technischen Standes zu leisten. Offenbar wurden die Konstruktionsarbeiten für die Spiegelcontax im Frühjahr 1949 für weitgehend abgeschlossen angesehen.

 

Bevor ich auf einige Details des Patents eingehe noch ein paar Worte zum Grundprinzip des Contax-Verschlusses. Das absolut neue und mithin moderne dieses Verschlusses war ein Aufteilen des Mechanismus in denjenigen Part, der die Rollos antreibt und denjenigen, der den Ablauf dieser Rollos steuert. Bei Kameras wie der Leica, Exakta und Praktica sind diese beiden Teile untrennbar miteinander verknüpft, das heißt diejenige Kraft, die die Rollos bewegt, treibt auch das Zeitsteuerwerk mit an. Die Bildung des Belichtungsschlitzes und damit der Verschlußzeit wird dadurch erreicht, daß aus der Kraft, die den ersten Verschlußvorhang antreibt, ein Hemmwerk angesteuert wird, das den Ablauf des zweiten Vorhanges um den entsprechenden Betrag verzögert. Bei der Spiegelcontax hingegen wird die in den Federwalzen gespeicherte und für eine gleichmäßige Belichtung möglichst exakt justierte Kraft allein zum Ablauf der Vorhänge genutzt. Die Ansteuerung der Vorhänge erfolgt durch ein gesondertes Zeitbildungswerk, das durch eine eigene Feder angetrieben wird, die mit dem Filmtransport/Verschlußaufzug stets aufs Neue gespannt wird. Diese Ablaufsteuerung „sagt“ den beiden Verschlußvorhängen, die bei gespanntem Verschluß durch Klinken festgehalten werden, wann diese ablaufen dürfen. Das ist technikgeschichtlich ein bemerkenswertes Konzept. Zwanzig Jahre später wurde im VEB Pentacon Dresden am Verschluß der Praktica electronic gearbeitet, deren Ablaufsteuerung auf ähnliche Weise funktioniert; mit dem Unterschied, daß hier nicht ein mechanisches Uhrwerk die Zeitbildung bewerkstelligt, sondern eine elektronische Schwellwertschaltung. Der Start des zweiten Verschlußvorhanges wird bei dieser Kamera nur nicht wie bei der Contax auf mechanischem Wege durch eine sich drehende Nockenscheibe ausgelöst, sondern dadurch, daß das Feld eines kleinen Elektromagneten zusammenbricht und dadurch der bis dahin eingeklinkte Vorhang freigegeben wird. Nach genau diesem Prinzip arbeiten alle elektronisch gesteuerten Verschlüsse bis zum heutigen Tag. Der Schlitzverschluß der Spiegelcontax war also nichts weniger als der Pionier der modernen, fremdgesteuerten Verschlußbauarten.

Zeitwerk der Contax
Contax Turmlager

Links das sogenannte Turmlager der Spiegelcontax, in dem die Steuerwalze des Verschlusses läuft. Gut zu sehen sind die beiden schwarzen Hebel, die die Vorhänge in Position halten wenn der Verschluß gespannt ist. Diese Hebel werden vom sogenannten Zeitwerk ausgerückt, das damit den Ablauf der Vorhänge wie ein Uhrwerk steuert. Dieses Zeitwerk mit seinen Nocken ist rechts abgebildet. Der dritte Hebel aus Messing dient der Blitzsynchronisation. Der zugehörige Kontakt ist ganz links erkennbar. Unten ist noch einmal dargestellt, wie diese Hebel an den Nockenscheiben anliegen.

Contax Zeitwerk

Aus der Patentschrift geht übrigens hervor, daß auch der erste Verschlußvorhang vom Zeitwerk ausgelöst wird und nicht direkt vom Auslöser (Patentanspruch 11). Das hat den Hintergrund, daß auf diese Weise der Ablauf des ersten Vorhanges kontrolliert verzögert werden konnte, bis der Reflexspiegel wirklich seine obere Position eingenommen hat. Durch diesen Kunstgriff konnte auf alle Fälle ausgeschlossen werden, daß sich der Verschluß öffnet, noch bevor der Spiegel den Lichtpfad völlig frei gegeben hat. Diesen Fehler zeigte namentlich die Praktica, die Siegfried Böhm (1921-2016) von einem Hub- auf einen Klappspiegel umkonstruiert hatte. In vollem Bewußtsein über dieses Problem, das vor allem bei zu raschem Druck auf den Auslöser zu beklagen war, hatte Böhm die Verschlüsse seiner Praktina und Praktisix so konzipiert, daß diese erst durch den oben angekommen Spiegel ausgelöst wurden. Die Contax ging einen anderen Weg, indem sozusagen eine feste Verzögerungszeit für den Verschlußablauf einprogrammiert wurde, die auch bei behender Verschlußauslösung dem Spiegel noch genügend Zeit zum vollständigen Hochklappen beließ.

 

Der gesamte Verschlußablauf der Spiegelcontax beruht also darauf, daß ein bald als Zeitwerk, bald als Auslösewerk bezeichneter Steuermechanismus stets eine volle Umdrehung ausführt (Patentanspruch 2) und während dieser Umdrehung den ersten Verschlußvorhang durch eine feststehende Nocke, den zweiten Vorhang durch eine in der Position veränderliche Nocke auslöst (Patentanspruch 3). Die Breite des Belichtungsschlitzes und damit die Länge der Verschlußzeit ergibt sich also daraus, welchen Winkel diese beiden Nocken zueinander einnehmen. Dazu ist die Nocke des zweiten Verschlußvorhanges über eine Friktion verstellbar; das heißt ursprünglich wäre eine stufenlose Einstellung der Verschlußzeit möglich gewesen, denn von einer Rastung ist weder im Text noch in der Zeichnung etwas zu erfahren. Auch später nicht so verwirklicht wurde, daß ein für die längeren Zeiten notwendiges Hemmwerk (Patentanspruch 4) je nach eingestellter Verschlußzeit SELBSTTÄTIG zugeschaltet wurde (Patentanspruch 5). Da sich dieses Ansinnen offenbar nicht umsetzen ließ, wurde bei den späteren Serienkameras das Hemmwerk mit dem bekannten Schieber an der Rückseite manuell zugeschaltet und gleichsam der Einstellindex auf die roten Zahlen umgestellt. Wichtig zu erwähnen ist noch, daß das Aufziehen des Zeitwerkes in zwangsläufiger Kupplung mit dem Zurückführen der Verschlußvorhänge und dem Filmtransport geschah (Patentanspruch 1). Die übrigen Schutzansprüche beschäftigen sich hauptsächlich mit den nötigen mechanischen Triebmitteln, die ein solch komplexer Aufbau insgesamt benötigt.

 

 

Das Zusatzpatent

 

Für den Photohistoriker ziemlich interessant dürfte ein Zusatzpatent Nr. 5403 sein, das Winzenburg zwar am selben Tag wie das obige angemeldet hat, dessen Ideen aber deutlich jünger zu sein scheinen, weil sie erst im Laufe der Entwicklungsarbeiten zur Contax aufgekommen sein mögen. Das Zusatzpatent befaßt sich mit dem Problem, daß insbesondere die kürzeste Verschlußzeit bei einem Schlitzverschluß große konstruktive Probleme bereitet. Bei einer tausendstel Sekunde liegt die Weite des Belichtungsschlitzes gerade einmal um einen Millimeter herum. Jede kleinste Abweichung von dieser Spaltbreite – und sei es in der Größenordnung eines Zehntelmillimeters – führt dazu, daß die tatsächliche Belichtungszeit massiv vom Nominalwert abweicht. Noch schlimmer ist allerdings, wenn sich diese Abweichungen ergeben, während dieser schmale Spalt über das Bildfenster wandert. Lichtabfall über die Breite des Negativs hinweg oder auch häßliche streifige Belichtung, die mit keinem Mittel der Welt mehr im Kopierprozeß zu korrigieren sind, wären die Folge. Ganz offensichtlich litten die ersten Nullserienmodelle der Spiegelcontax unter diesem Problem, denn Sammler haben Modelle aufgetan, bei denen die kürzeste Verschlußzeit auf eine 1/500 Sekunde beschränkt wurde. Mit solch einer Beschränkung wollte man sich aber offenbar bei Zeiss Ikon nicht zufriedengeben. Deshalb hat Winzenburg seinen Verschluß dergestalt umgeändert, daß nach dem im verdeckten Zustand erfolgten Zurückführen der Verschlußtücher diese freigegeben werden und in ihre bereits oben angesprochenen Halteklinken fallen. Diese sind nun aber so zueinander angeordnet, daß der erste Verschlußvorhang wieder ein Stück zurückläuft, bevor er in seine Klinke fällt. Dadurch wird der gedeckte Zustand des Verschlusses bereits am Ende des Spannvorganges beendet und es bildet sich ein Belichtungsschlitz von gerade derjenigen Breite heraus, der für die Verschlußzeit von einer 1/1000 Sekunde nötig ist (0,6mm Normwert lt. Montageanweisung). Bei dieser kürzesten Verschlußzeit werden also beide Vorhänge in diesem festgelegten Abstand gleichzeitig ausgelöst; wobei gewährleistet ist, daß die korrekte Spaltbreite beim Abgleich des Verschlusses genau einjustiert werden kann, sodaß die 1/1000 Sekunde sehr präzise eingehalten wurde.

Die genaue Justage der Spaltbreite und damit auch der 1/1000 Sekunde erfolgt an dem im roten Kreis sichtbaren Excenter.

An anderer Stelle (unter der Rubrik „Geschichte“) wurde schon etwas über die von mancher Seite in Zweifel gestellte Einteilung der Spiegelcontax in die Modelle A, B, C, D usw. gesagt. Mit dieser, anhand der Patentliteratur nachweisbaren, sukzessiven konstruktiven Weiterentwicklung des Mechanismus der Contax, wird die Authentizität jener Einteilung nicht nur immer weiter bekräftigt, sondern erscheint auch plausibler.

 

 

Marco Kröger, September 2016

Die Evolution des Praktica Lamellen-Verschlusses

 

An verschiedenen Stellen im Internet muß man lesen, daß Pentacon bei der Praktica L-Reihe und der Exakta RTL1000 einen Schlitzverschluß von Copal verbaut habe. Das ist natürlich Unsinn und soll hier einmal richtiggestellt werden.

Abstract: Unlike you can read on the internet the Praktica L series and the Exakta RTL1000 were NOT equipped with a focal plane shutter made by Copal. As a matter of fact this shutter was developed by Pentacon on its own during the 1960s and patented correspondingly.

Die Entwicklung des Stahllamellenschlitzverschlusses, wie er seit 1969 in der Praktica L-Reihe eingesetzt wurde, hat eine viel weiter zurückreichende Geschichte, als bislang allgemein bekannt ist. Wenn man bedenkt, daß mit der Konica F im Jahre 1960 das erste Mal eine Kamera mit einem solchen Verschluß vorgestellt wurde und diese zudem fast nur auf dem Japanischen Markt einen gewissen Erfolg verbuchen konnte, so muß man von einer raschen Reaktion der Dresdner Konstrukteure auf diesen neuen Entwicklungspfad sprechen, wenn sie bereits ein Jahr später selbst erste Patentanmeldungen auf diesem Gebiet vorzuweisen hatten. Es liegt nämlich eine DDR-Schutzschrift Nr. 27434 vom 4. Mai 1961 vor, bei der das Grundprinzip des späteren Scherenhebelverschlusses schon erkennbar ist. Horst Strehle, Günter Heerklotz und Hans Zimmet arbeiteten damals an dieser Konstruktion.

Scherenhebelverschluß 1961

In dieser ersten Ausführungsform bestand der Scherenhebelverschluß aus nur zwei Lamellen je Vorhang. Das wäre natürlich auf eine ziemlich voluminöse Bauart hinausgelaufen, die sich kaum in einer üblichen Kameraform hätte unterbringen lassen.

Die hauptsächliche Problematik eines solchen Lamellenverschlusses dreht sich nämlich darum, wie die fächerartig übereinandergelegten Lamellen beweglich gelagert werden, damit sie sowohl im eingefahrenen wie im entfalteten Zustand parallel zueinander liegen. Der Japanische Verschlußhersteller Copal arbeite bei seinem Copal Hi Synchro mit einer sogenannten Parallelkurbelführung. Hier waren die Metalllamellen durch aufwendige Vernietungen an zwei parallelen Hebelarmen befestigt. Es hat sich herausgestellt, daß dieser Aufbau aus verschiedenen Gründen der zweckmäßigste ist. Vor allem als seit Anfang der 1970er Jahre an einer elektronischen Ansteuerung der Lamellenpakete gearbeitet wurde, zeigten sich die platzsparenden Lösungsmöglichkeiten, die dieser Konstruktion innelagen. Heute sind quasi alle Lamellenverschlüsse nach diesem Prinzip aufgebaut.

Copal Pentacon Vergleich

Für die Kamera- und Kinowerke Dresden kam diese Lösung aber durch patent- bzw. lizenzrechtliche Hindernisse nicht infrage. Ihre eigene Entwicklung arbeitete nicht mit parallelen, sondern überkreuzliegenden Traghebeln, vergleichbar mit einer Schere. Es hat sich zwar gezeigt, daß auch nach diesem Prinzip leistungsfähige Lamellenverschlüsse in sehr hohen Stückzahlen mit langer Lebensdauer fabriziert werden konnten, aber der Miniaturisierung dieser Bauweise waren von Anfang an Grenzen gesetzt. Auf der anderen Seite waren die Kamera- und Kinowerke bzw. Pentacon mit dieser Entwicklungsarbeit ganz weit vorn im internationalen Vergleich. An die Konstruktion und industriemäßige Herstellung von Metalllamellenschlitzverschlüssen wagten sich nur wenige Konkurrenzfirmen. Selbst die führenden Japanischen Kamerahersteller verzichteten praktisch vollständig auf Eigenkonstruktionen, kauften die ausgereiften Lamellenverschlüsse der Anbieter Copal oder Seicosha und paßten sie in ihre Kameras ein. So kommt es, daß die Kameras erbitterter Konkurrenten dieselben Schlitzverschlüsse haben.

Copal Pentacon Vergleich

Wie oben begründet hat der Verschluß nach Patent Nr. 27434 den Nachteil, sehr voluminös zu sein. Außerdem befürchtete man die beiden großen Lamellen je Vorhang würden zu schwer, um schnelle Ablaufgeschwindigkeiten zu erreichen. Daher hat man diesen o.g. Verschluß im Bundesdeutschen Patent Nr. 1.145.474 vom 22. Juni 1961 so abgewandelt, daß nur noch eine Lamelle verwendet wird, die das Bildfenster nur teilweise abdeckt. Der Rest des Bildfensters wird mit flexiblem Gummituch verschlossen, das jeweils auf einer Federwalze aufgerollt oder alternativ umgebogen wird. Genau diese Kombination aus Lamellen- und Rolloverschluß wurde 1967 in der Profikamera Pentacon Super verwirklicht. Der große Vorteil dieser Lösung ist, daß tatsächlich hohe Ablaufgeschwindigkeiten erreicht werden und die auftretenden Kräfte im beherrschbaren Maß bleiben. Damit war es möglich bei der Pentacon Super eine kürzeste Verschlußzeit von 500 µs zu erreichen, die erfahrungsgemäß auch ein halbes Jahrhundert später noch sehr exakt eingehalten wird. Der Nachteil bestand aber darin, daß auch dieser Verschluß nicht unbedingt kompakt ausfiel, was zu einer entsprechend voluminösen Kamera führte.

Pentacon Super Verschluß
Pentacon Super Verschluß

Daß diese Verschlußtechnologie offenbar schon im Sommer 1961 bereitstand, gibt zu denken. Welche Entwicklung hätte der Dresdner Kamerabaustandort nehmen können, wenn man zu jener Zeit die Produktion der Praktina nicht eingestellt, sondern diese Kamera entsprechend weiterentwickelt hätte. Wir wissen ja heute in der Rückschau, daß die Dresdner ein hochentwickeltes, professionellen Ansprüchen genügendes Kamerasystem gerade eingestellt hatten, als sich der Markt für solch ein Segment erst voll auszubilden begann. Diese Lücke wurde quasi nahtlos von den in den Startlöchern sitzenden japanischen Herstellern wie Nikon oder Topcon besetzt und war 1968, als die Pentacon Super endlich ausgeliefert wurde, ein für alle mal verloren.

Nicht verloren war hingegen das Marktsegment der anspruchsvollen Amateurreflexkameras. In einer Zeit, als in der Bundesrepublik fast die gesamte Kameraindustrie ihrem Ende entgegenging, entwickelte man in Dresden eine neue Kamerageneration, die mit drei wesentlichen Eigenschaften dem hiesigen Kamerabaustandort für die nächsten 20 Jahre das Überleben sichern sollte. Die Praktica L-Reihe war modern und beinah zeitlos gestaltet, sie war technisch ausgereift, und was am wichtigsten war: Sie war modular aufgebaut und ließ sich in einer Weise rationell fertigen wie keine Dresdner Spiegelreflex zuvor und danach. Dazu trug auch der neuartige Metalllamellenschlitzverschluß bei, der zwar aufwendige Nietgruppen benötigte, aber ansonsten mit wenigen, gut automatisiert herstellbaren Teilen auskam. Der Verschluß der L-Reihe ist im Prinzip eine Weiterentwicklung des bereits beschrieben Scherenhebelverschlusses, nur daß dieser nun mit drei sich übereinanderlegenden, hauchdünnen Stahllamellen arbeitete. Dazu waren im wesentlichen zwei Entwicklungen nötig, die in den DDR-Schutzschriften 67026 und 67027 vom 2. Februar 1968 dargelegt sind. Diese Patente betreffen in der Hauptsache die Aufhängung der Lamellenpakete und deren Parallelführung.

 

Damit war der Scherenhebelverschluß eine vollkommen eigenständige Entwicklung der Dresdner Kamerabauindustrie. Er war nicht die Ideallösung, was sich etwa zehn Jahre später zeigte, als mit der Praktica B200 eine Kamera in Kompaktbauweise entwickelt werden sollte und der Verschluß große konstruktive Probleme bereitete. Für die Praktica BX20 ging man dann sogar zum Parallelkurbelverschluß über. Trotzdem hat sich der Scherenhebelverschluß der L-Reihe als ausgereift und standfest erwiesen. Immerhin wurde er in annähernd fünf Millionen Kameras eingebaut.

 

 

Marco Kröger