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Meyer-Optik Görlitz 1950er

Kurzer Abriß über die Herausbildung der wissenschaftlich-technischen Basis in der Firma Hugo Meyer, Görlitz

 

Es kommt nicht von ungefähr, daß es gerade die 1890er Jahre gewesen sind, da ein Mann namens Hugo Meyer eine Objektivbauanstalt im schlesischen Görlitz gründete. Diese Epoche muß wohl als die bedeutendste Umbruchphase innerhalb der Geschichte der Photographie bezeichnet werden. Beinah sechs Jahrzehnte – immerhin ein ganzes Menschenalter – war diese bildgebende Medientechnik bereits alt, als sich ganz neue Entwicklungspfade auftaten. Lange Zeit war die Photographie ein Steckenpferd verschrobener Enthusiasten gewesen, die mit ihrer Experimentierfreude einerseits das Medium technisch voranbrachten und andererseits um eine Anerkennung der Photographie als ernstzunehmende Kunstform kämpften. Seit etwa den 1860er Jahren kamen außerdem die Berufsphotographen hinzu, die den ganzen Hexenzauber in einer Weise professionalisierten, daß sich Ateliers aufbauen ließen, mit denen man Geld verdienen konnte. Bis in die 1880er Jahren waren es also diese beiden Gruppen der „Profis“, die das Metier der Photographie beherrschten. Mit Aufkommen des biegsamen Schichtträgers etablierte sich ab etwa 1890 sukzessive die Amateurphotographie, die wiederum den Kamerabau und die Objektivbauindustrie beflügelte. In dieselbe Zeit fällt nämlich auch die Erfindung von Objektivkonstruktionen, bei denen erstmals alle Bildfehler einschließlich des schwer beherrschbaren Astigmatismus (Punktlosigkeit) behoben werden konnten. Möglich gemacht wurde diese Entwicklung durch die weitsichtigen Arbeiten der Herren Ernst Abbe und Otto Schott, die das Bereitstellen des für die Optische Industrie essentiellen Grundstoffes Glas auf eine wissenschaftliche Basis gestellt hatten. Gelatine-Trockenschicht, Farbsensibilisierung, biegsamer Schichtträger, anastigmatisch korrigierte Objektive – die Kulmination all dieser neuen Technologien ließ die Photographie an der Wende zum 20. Jahrhundert in ein neues Zeitalter aufbrechen.

Wichtigster Mann in der Gründungsphase der Firma Hugo Meyer war Dr. Friedrich (später Frederick) Kollmorgen. Dieser Objektivkonstrukteur konnte einen wesentlichen Beitrag zur Vervollkommnung des Anastigmaten leisten. Sein Kollege Paul Rudolph hatte zuvor im Jahre 1896 sein »Planar« noch aus sechs Linsen aufbauen müssen, um diesen lichtstarken Anastigmaten vollständig chromatisch korrigieren zu können. Er hatte zu diesem Zwecke die „hyperchromatische Linse“ eingeführt, bei der er durch Verkitten zweier Linsen eine Dispersionswirkung erzielte, die mit einer Einzellinse damals nicht machbar gewesen wäre. Die Leistung Friedrich Kollmorgens bestand nun darin, diese chromatische Korrektur auch ohne Erhöhung der Linsenzahl des Gauß-Doppelobjektivs erreicht zu haben. „Bedingung hierfür ist, daß der Brechwert des sammelnden Meniskus bei kleiner Dispersion mindestens so groß wie der des zerstreuenden sein muß“ [Brandt, Hans-Martin: Das Photo-Objektiv, Aufbau und Wirkungsweise der wichtigsten Markenobjektive der Weltproduktion, Wiesbaden, 1956, S.55]. Patentiert wurde dieser Aufbau im DRP Nr. 125.560 vom 6. Juni 1900. Damals war die Objektivbauanstalt des Hugo Meyer gerade mal vier Jahre in Betrieb und mußte nun sogleich rasch expandieren, denn diese unter dem Namen »Aristostigmat« auf den Markt gebrachten Objektive hatten bei guter anastigmatischer Bildfeldebnung einen deutlich geringeren Preis, als die zeitgenössisch konkurrierenden Produkte mit ihren teils mehrfach verkitteten, stark gekrümmten Linsen. Meyer etablierte sich nun in Windeseile zu einem der bedeutendsten Objektivbauanstalten des Weltmarktes.

 

Die weitere Geschichte dieser Firma birgt nun beinah etwas Anekdotisches in sich. Nach dem was ich herausgefunden habe, wanderte Friedrich Kollmorgen im Jahre 1911 nach Amerika aus und machte sich dort in der Folge mit einer Spezialfirma für Sehrohre selbständig – angesichts des bevorstehenden Ersten Weltkrieges ein guter Einfall übrigens! Ganz anders bei Paul Rudolph, der sich im selben Jahr (unter anderem nach dem Debakel mit dem Palmos-Kamerawerk) bei Zeiss Jena pensionieren ließ und sich ins Privatleben zurückzog. Rudolph wird in der Folge aber vom Weltkrieg negativ getroffen. Er verliert sein Privatvermögen und ist Anfang der 20er Jahre gezwungen, sich trotz seines fortgeschrittenen Alters wieder als Optikrechner zu betätigen. Da bei Zeiss Jena mit den Herren Wandersleb, Richter und Merté bereits eine neue Generation von Konstrukteuren die von Paul Rudolph hinterlassene Lücke gefüllt hatte, geht dieser Mann 1920 ausgerechnet nach Görlitz (Großbiesnitz), um bei Meyer quasi die Nachfolge Kollmorgens anzutreten. Das ist aus Sicht des Görlitzer Werkes dahingehend ein echter Glückswurf gewesen, weil mittlerweile ein neues Zeitalter angebrochen war, das nach neuen Objektivtypen verlangte. Die Kleinbildphotographie stand jetzt kurz vor dem Durchbruch und die Kinematographie auf Normal- und Schmalfilm erreichte eine Hochkonjunktur. Die Firma Meyer-Optik war davon bedroht, im Zuge dieses Wandels an Konkurrenzfähigkeit einzubüßen. Statt Objektive, die aufgrund der großen Bildfläche bisheriger Aufnahmeformate nur für begrenzte Vergrößerungsmaßstäbe ausgelegt sein mußten, wurden nun Anastigmate von höchster Lichtstärke gefordert, die das kleine Format mit kompromißloser Schärfe auszuzeichnen vermochten, damit genügend Reserven für die prinzipbedingt starken Nachvergrößerungen vorhanden waren. Schon 1922 gelang es Rudolph, sein eigenes Planar mit dem »Plasmat« (DRP Nr. 401.630) zu übertrumpfen, den er nach und nach auf eine Lichtstärke bis 1:1,5 bringen konnte. Damit hatten die optischen Werkstätten des Hugo Meyer in Görlitz binnen kürzester Frist zu den wenigen Konkurrenzfirmen des Weltmarktes in diesem Marktsegment aufgeschlossen: Zu den »Ernostaren«, die Ludwig Bertele für die Dresdner Ernemann-Werke berechnet hatte (Lichtstärken bis 1:1,8) und den »Biotaren« 1,4 eines gewissen Willy Merté, die jener ausgerechnet vom Rudolphschen Planar ausgehend weiterentwickelt hatte. In den 30er Jahren gesellten sich noch Firmen wie Schneider-Optik (Xenon), Busch (Glaukar) und Astro (Tachar) hinzu, von denen vor allem Schneider unter Albrecht Tronnier eine größere Bedeutung erreichen konnte. Das war damals jedenfalls absolute Hochtechnologie, was diese wenigen Firmen leisteten!

Eine Annonce aus dem Jahre 1937. Zu den Großformatobjektiven in Normalfassung waren Objektive in Zentralverschlüssen gekommen, die in mannigfaltigen Rollfilm- und Kleinbildkameras des Amateurs eingebaut wurden. Im Vordergrund ein Objektiv mit Schneckengangfassung für Schmalfilm-Handkameras. In diesem Sektor hatte sich Meyer-Optik rasch einen guten Ruf erarbeitet.

Für die Weitsicht dieses erfahrenen Mannes spricht der Weg, den Paul Rudolph vier Jahre später einschlug. Statt weiterhin höchste Lichtstärken für lediglich mäßige Bildwinkel zu forcieren, entwickelte er seinen Plasmattyp in einer Weise weiter, daß dieser eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Korrektur bei normalem Bildwinkel erreichte. Aber angesichts des aufwendigen Aufbaus seines Makro-Plasmaten (DRP Nr. 456.912) und dessen sicherlich hohen Preises, war dieses Objektiv seiner Zeit noch zu weit voraus. Solche hochkorrigierten Objektivtypen konnten erst mit Aufkommen der neuen Dünnschichtemulsionen und präziser Spiegelreflexkameras zwanzig Jahre später annähernd leistungsmäßig ausgeschöpft werden. In einer Würdigung Rudolphs zu dessen hundertstem Geburtstag zog der wissenschaftliche Leiter des Zeisswerks Harry Zöllner daher einen Vergleich seines Biometars zu Rudolphs letztgerechneten Objektiv, dem Kleinbild-Plasmat (um 1933), der aufzeigt, wie weit Rudolph am Ende seines Lebens bezüglich der Fehlerkorrektur vorangekommen war.

Vergleich der Querbabweichungen (sphärische Aberration und meridionale Koma) zwischen dem Kleinbildplasmat 1:2,7 mit dem Biometar 1:2,8, das etwa 15 Jahre später erschien und damals als optimal auskorrigiert galt. [nach Zöllner, Harry: Jena - seit 70 Jahren Zentrum der Fotoobjektiventwicklung, Zum 100. Geburtstag von Dr. Paul Rudolph; in Fotografie 11/1958, S.395...398.]

Nach dem Tode Rudolphs im März 1935 begann die kurze, aber sehr fruchtbringende Phase, in der Paul Schäfter einige sehr wertvolle Objektive errechnete, die anschließend das Produktionsportfolio des Görlitzer Werkes für beinah ein Vierteljahrhundert beherrschen sollten. Allen voran natürlich das Primoplan 1:1,9, für das am 17. [18.] Juni 1936 ein Gebrauchsmusterschutz angemeldet wurde. Es entwickelte sich zu einem der am meisten gebauten lichtstarken Objektive in der Frühphase der Kleinbildreflexkamera. Auch die noch lange Zeit gebauten Primotare 1:3,5/135mm und 180mm gehen der Literatur zufolge auf Schäfter zurück. Als ein zweiter wichtiger Mann bei Meyer-Optik in jener Epoche vor dem Zweiten Weltkrieg ist Stephan Roeschlein anzuführen, der sich als Errechner des berühmten Trioplans 2,8/100mm hervorgetan hat, bevor er kurze Zeit später nach Kreuznach ging um die Nachfolge Alfred Tronniers bei Schneider anzutreten. Auch die Telemegore gehen auf Roeschlein zurück.

 

Nicht minder schwer, als bei den Mitbewerbern in der Mitteldeutschen Photoindustrie, gestaltete sich auch der Neuanfang in Görlitz nach dem Zweiten Krieg. Einfache, dreilinsige Typen in einfachen Aluminiumfassungen beherrschten nun erst einmal das Angebot. Aber auch das Primoplan wurde rasch wieder gefertigt, weil es zur Komplettierung der von der Besatzungsmacht forcierten Produktion der Einäugigen Kleinbildreflexkameras dringend gebraucht wurde. In ganz geringen Stückzahlen fertigte man noch den ambitionierten Makro-Plasmat 2,7/105mm für 6x6-Reflexkameras, der durch die nun obligatorische Linsenentspiegelung erst richtig brauchbar gemacht werden konnte. Aber für solch hochkorrigierte Systeme gab es vorerst keinen Bedarf.

 

Nach dem Kriege taucht dann in der Literatur ein gewisser Thierold als Konstrukteur auf, über den ich bislang leider nichts Weiteres in Erfahrung bringen konnte. Ähnliches gilt für einen Herrn Schubert. Beide waren damals für die Entwicklung der Meyerschen Tessartyp-Abwandlungen »Primotar« verantwortlich. Eindeutiger, weil durch Patentüberlieferungen belegbar, sind die Leistungen eines Wolfgang Gröger, Wolfgang Hecking, Otto-Wilhelm Lohberg und vor allem eines Hubert Ulbrich. Letzterer tat sich als Schöpfer von Objektiven wie dem Orestegon 2,8/29 oder dem Orestor 2,8/135 hervor, die zu den am meisten gebauten Wechselobjektiven der Geschichte gehören dürften. Dieses Augenmerk – größte Stückzahlen bei möglichst geringstem Aufwand – stand nun in den letzten drei Jahrzehnten beim Görlitzer Hersteller im Vordergrund. Nachdem das Werk zum bloßen Betriebsteil des Kamera-Kombinats Pentacon degradiert worden war, hatte die große Zeit der Experimente und Ideen endgültig ihr Ende gefunden. Man kann das bedauern, sollte aber gleichzeitig nicht außer Acht lassen, wie die gestraffte, auf wenige Modelle konzentrierte Produktion das Überleben im schwierig gewordenen Weltmarkt sicherstellte. In der "guten alten Zeit" der 1950er Jahre, da man bei Meyer Optik noch kaum internationale Konkurenz zu fürchten hatte, ging es dagegen noch wesentlich gemächlicher und manufakturell zu, wie diese Bilder von Max Ittenbach dokumentieren.

Zuerst müssen die Glaspreßlinge auf sogenannte Tragkörper gekitteten werden, damit sie gefräst und geschliffen werden können (oben). Nach dieser Formgebung werden die Linsen auf der Hebelpoliermaschine poliert und anschließend mit einem Probeglas auf Maßhaltigkeit geprüft. Dabei werden Abweichungen im Mikrometerbereich sichtbar (unten).

Mindestens genauso diffizil gestaltet sich das unten sichtbare Zentrieren, das bei einfachen Linsenformen mithilfe eines Automaten erfolgt (was man damals zumindest darunter verstand). Die mechanisch fertiggestellte Linse (hier das dritte Element des berühmten Trioplan 2,8/100mm) wird anschließend auf Freiheit von Materialfehlern und Unsauberkeiten geprüft.

Als letzten Schritt der Linsenfertigung schloß sich die nach 1945 allgemein üblich gewordene Vergütung der Glasoberflächen an.

Mindestens genau so wichtig wie die exakte Bearbeitung des Glases ist Fertigung der Fassung. Anfang der 60er Jahre werden dazu bereits moderne Revolverdrehautomaten eingesetzt. Das Nieten der Blendenlamellen geschieht aber noch von Hand. Auch das gesundheitlich bedenkliche Eloxieren der Fassungsteile erforderte damals noch viel Handarbeit.

Auch das Gravieren der Objektivdaten auf dem Vorschraubring erfolgt um 1960 noch mit viel Handarbeit an der "Fünfspindelgraviermaschine". Mithilfe des im mittleren Bild dargestellten Brennweitenmeßgerätes läßt sich diese auf den 1/100mm genau bestimmen. Seit den späten 1950er Jahren müssen zudem die Blendenschließzeiten der neuen Druckblendenobjektive exakt überprüft werden.

Telemegore 1:5,5

Diese Serie an echten Teleobjektiven geht noch auf die Zwischenkriegszeit zurück. Sie wurde in den Abstufungen 150; 180; 250 und 400mm von Stephan Roeschlein errechnet, bevor dieser 1936 nach Kreuznach ging. Es handelte sich also um eine etwas betagte Konstruktion. Das 150er wurde nach dem Kriege auch nicht mehr lange gefertigt. In der Zeitschrift "Die Fotografie" wurde diesem Objektiv einmal die höchste UV-Durchlässigkeit unter den Testkandidaten bescheinigt. Hochbrechende Spezialgläser, die dann kaum noch UV durchlassen, wurden also hier offenbar noch nicht eingesetzt. Das Schwesterobjektiv Telemegor 5,5/180, das am längsten von allen im Lieferprogramm blieb, wurde aus diesem Grunde später mit einem fest eingebauten UV-Sperrfilter geliefert. Das 250er und 400er wurde bald durch ein Telemegor 4,5/300mm ersetzt, das auch einen anderen Grundaufbau aufzuweisen hatte.

Telemegore 180 und 250mm
Telemegor 5,5 scheme
Meyer Telemegor 5,5 150mm

Helioplan 4,5/40mm

Auch dieses Meyer Objektiv geht auf die Zwischenkriegszeit zurück. Damals hieß es noch "Doppelanastigmat 4,5/4cm". Die Firma Hugo Meyer in Görlitz hatte eine lange Tradition im Bau solcher Doppelobjektive mit vier einzeln stehenden Linsen. Bei den Aristostigmaten waren die Linsen allesamt meniskenförmig geformt (also konvex-konkav), während beim Helioplan sog. Bi-Linsen zugrundegelegt wurden (bikonvex, bikonkav).

Meyer Helioplan Schema
Meyer Helioplan 40mm

Solche Doppelanastigmate zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich bei mittleren Lichtstärken sehr hoch auskorrigieren lassen; besonders wenn man von der strengen Symmetrie abgeht (aus dem Patent zum Aristostigmat ist ersichtlich, daß die Radien der beiden Hälften geringfügig voneinander abweichen, siehe DRP Nr. 125.560). Das macht das Helioplan als Vertreter dieser klassischen Doppelanastigmate trotz seiner betagten Konstruktion zu einem echten Wolf im Schafspelz. Ähnlich dem Tessar 4,5/40mm besticht es durch ein sehr feines Auflösungsvermögen und eine erstaunlich kontrastreiche Abbildung. Daß es nach dem Krieg trotzdem nicht mehr allzu lange hergestellt wurde, ist eher dem mäßigen Bildwinkel von 56 Grad geschuldet, der es aus heutiger Sicht eher den Normalobjektiven zuordnet, als den echten Weitwinkeln.

Primagon 4,5/35mm

Ganz ähnlich wie Zeiss Jena mit dem Flektogon 2,8/35mm eine Alternative zum kaum als Weitwinkel zu bezeichnenden Tessar 4,5/40mm herausgebracht hatte, so arbeitete man auch bei Meyer-Optik in Görlitz Anfang der 1950er Jahre an einem Objektiv, dessen Bildwinkel die 60 Grad Marke übertreffenden sollte. Auch das Primagon ist nach dem Konstruktionsprinzip des Retrofokus aufgebaut. Wie das Flektogon besteht es aus einem Grundobjektiv, dem in einem gehörigen Abstand ein zerstreuend wirkender Meniskus mit ziemlich großem Durchmesser vorgesetzt ist. Der Unterschied besteht darin, daß das Primagon von vornherein eine ganze Preisklasse niedriger angesetzt war, weshalb die Lichtstärke gegenüber dem Helioplan nicht erhöht wurde. Durch diese Beschränkung konnte das Grundobjektiv aber aus lediglich drei Linsen aufgebaut werden, was gegenüber dem Flektogon eine große Vereinfachung darstellte. Diesen vergleichsweise simplen Aufbau merkt man dem Primagon allerdings nicht an. Es handelt sich auch nach heutigen Maßstäben um ein erstaunlich leistungsfähiges gemäßigtes Weitwinkelobjektiv, das sein Gütezeichen Q damals nicht unverdient erhalten hat.

Meyer Primagon 4,5/35mm
Meyer Primagon 4,5/35

Das Primagon wurde übrigens auch geschützt (DBGM. Nr. 1.749.770 vom 26. 3 1957). Aus der Schutzschrift geht hervor, daß die Frontlinse aus einem Glase mit der Abbeschen Zahl v von mehr als 70 besteht, also vergleichsweise niedrig dispergierend ist, während die darauffolgende Sammellinse einen um die Differenz 19 kleineren v-Wert hat und die Summe der v-Werte aller Linsen größer als 215 ist. Auf diese Weise konnte das Primagon trotz seines einfachen Aufbaus zwischen 434nm und 656nm Wellenlänge achromatisiert werden, das heißt zwischen tiefem Blau und mittlerem Rot ist das Objektiv frei von chromatischer Aberration. Mit diesen Eigenschaften würden Werbestrategen einem solchen Objektiv heute das Attribut "Apo" anhängen.

 

Das Primagon wurde "offiziell" zur Frühjahresmesse 1956 herausgebracht. Interessant ist aber, daß es offenbar bereits im Jahr zuvor auf der Frühjahrsmesse gezeigt wurde (Brauer: Messerückschau in der Bild & Ton Heft 4/1955, S. 99). Auch im Katalog von 1955 ist es bereits enthalten. Solche Abweichungen sind aber nichts Ungewöhnliches. Von manchen Zeissobjektiven weiß man, daß sie bereits ein halbes Jahr vor der Messe in die Endmontage gegangen sind und deshalb zum Messetermin schon im Handel sein konnten. Andere hingegen kamen erst nach Monaten oder gar Jahren in die Serienfertigung.

 

Bei Erscheinen kostete das Primagon ursprünglich 165,- Mark. Nach der großen Preissenkung vom Frühjahr 1960 wurde es noch einige Zeit für 130,- Mark angeboten, bevor es vom Lydith 3,5/30 mm abgelöst wurde, das ab Herbst 1963 (unter Verzicht auf die Springblende der Pentina) nun auch mit M42- und Exaktaanschluß und in geringen Mengen auch für Altixbajonett erhältlich war.

Primoplan 1,9/75mm

Wieder ein Vorkriegsobjektiv, das noch einige Zeit nach dem Kriege gefertigt wurde, bevor es aus den Katalogen verschwand. Es handelt sich um die "längere" Version des bekannten Normalobjektivs Primoplan 1,9/58mm. Beide Objektive sind Konstruktionen von Paul Schäfter, der dann nach dem Kriege bei ISCO in Göttingen unter anderem an der Entwicklung der bekannten Anamorphoten dieser Firma führend beteiligt war. Das Primoplan 75mm zählt zu denjenigen Objektiven, die heute nicht aufgrund einer besonders hohen Abbildungsleistung gefragt sind, sondern weil sie eine ganz besondere Bildplastik liefern, bei der sich Motivteile im Schärfebereich besonders harmonisch von der Hintergrundunschärfe abheben.

 

Eine Preisliste mit Stand vom 4. Juni 1956 belegt, daß das 75er Primoplan zu diesem Zeitpunkt noch lieferbar war, und zwar zu einem Preise von 224,- Mark. Damit kostete es übrigens weniger als die Hälfte des exklusiven 75er Biotars von Carl Zeiss Jena. Es wird aber nicht mehr lange gefertigt worden sein.

Meyer Primoplan 1,9/75mm
Primoplan Schema

Trioplan 2,8/100mm

 

Dieses Objektiv hat ja in den letzten Jahren für so einige Aufregung gesorgt. Es erzeugt nämlich Bubbeln. Das haben Leute entdeckt, deren liebstes Spielzeug die Digitalkamera ist. Anstatt auf mühselige Motivsuche zu gehen und sich über den richtigen Bildaufbau Gedanken zu machen, suchen sie lieber nach einer "Linse" (was für ein grauenhaftes Fachwort, das wir da von den Amerikanern übernommen haben), die nichtssagenden Motiven den richtigen Pepp gibt - die Bubbeln eben. Damit photographieren sie dann die Blümchen auf ihrem Balkon. Und weil daraus ein Hype geworden ist, werden für dieses Objektiv wahrhafte Mondpreise gezahlt.

 

Aber genug der Polemik. Manche Könner erzeugen mit diesem Objektiv tatsächlich eindrucksvolle Bilder. Aber wie bei jedem Schaueffekt: Wird er zu exzessiv eingesetzt, dann nutzt er sich rasch ab. Eine eigentümlich harmonische Wiedergabe von Motivdetails, die außerhalb des Schärfebereichs liegen, haben viele ältere Objektive gemein. Bei diesem Trioplan kommt aber noch ein weiterer Effekt hinzu, der sich eigentlich auf einen Abbildungsfehler zurückführen läßt. "Falsches Licht" nennt der Fachmann diese Erscheinung. Das heißt, bei einem bestimmten Lichteinfall kommen Spiegelbilder der Glasoberflächen bzw. der Fassungsränder zur Abbildung, die teilweise das gesamte Bild überlagern (in Form von "Kringeln"). Eigentlich ist der Objektivkonstrukteur bestrebt, diese Reflexe so gut wie möglich aus dem Bildfeld herauszuhalten. Bei solch einer einfachen Konstruktion, wie dem Trioplan, ist dies leider nicht vollständig machbar.

Eine gewisse Meisterschaft was die Verwertung der speziellen Abbildungscharakteristiken des Trioplan 100mm innerhalb der Naturphotographie betrifft, hat sich die Photographin Ines Mondon erarbeitet - und zwar lange schon, bevor sich der berüchtigte Trioplan-Hype über den Globus verbreitete. Die Probleme, die sich dabei ergeben, kann jeder abschätzen, der selbst einmal versucht hat, aus dem ziemlich dokumentarischen Wesen der Photographie auszubrechen und so etwas wie "Kunst" hervorzubringen. Dabei ist der Grad zwischen besagter Kunst und dem Abrutschen in die Banalität oder in den Kitsch mehr als schmal. Geschmäcker sind verschieden; aber wir finden, daß Frau Mondon diesen Spagat immer wieder aufs Neue meistert. Wer mag, kann sich selbst eingehender davon überzeugen: http://www.inesmondon.de

Das Trioplan 2,8/100mm ist nämlich ein altes Objektiv. Es stammt noch von Stephan Roeschleins Intermezzo bei Hugo Meyer in Görlitz Mitte der 30er Jahre. Ursprünglich war es ein Normalobjektiv - nämlich für Curt Bentzins Primarflex 6x6. Ich zeige es hier an einer Meister-Korelle aus der frühen Nachkriegszeit.

Trioplan 100mm on Reflex Korelle

Es wurde aber auch früh schon als langbrennweitiges Wechselobjektiv für Kleinbild-Reflexkameras angeboten. Nach dem Kriege war es (neben dem Bonotar) das preiswerteste Zusatzobjektiv. 147 Mark und 20 Pfennige kostete es während der 50er; nach der großen Preisreduzierung vom Frühjahr 1960 sogar nur noch 105 Mark. Es wurde in sehr großen Stückzahlen für alle möglichen Anschlüsse gefertigt; kurzzeitig sogar mit Druckblende (vorgestellt auf der Frühjahrsmesse 1956). Dabei war die dreilinsige Konstruktion aus den 30er Jahren mit ihrem maximalen Öffnungsverhältnis von 1:2,8 immer ein wenig überfordert. Für den Amateur mit seinen 9x12 Abzügen spielten solche Fragen aber eine untergeordnete Rolle, zumal er das Objektiv ohnehin meist ablendete.Trotz dieser prinzipiellen Schwächen eines überöffneten Dreilinsers reizt das Trioplan besonders im Mittelformat 6x6 mit einer eigenartigen, harmonischen Wiedergabequalität.

Zur Frühjahrsmesse 1960 kam noch eine völlig überarbeitete Version dieses Objektives unter der Bezeichnung Trioplan N 2,8/100mm heraus. Bei gleichem Grundaufbau kamen hier moderne, hochbrechende Glassorten zum Einsatz, die die Abbildungsschwächen des Vorgängers stark verbesserten (Vgl. Bild & Ton 3/1960; S. 90). Gab es vorher schon auf Basis der alten Optik eine Version mit automatischer Druckblende, so wurde auch diese beim Trioplan N weiterentwickelt. Sie funktionierte nun wie diejenige des Domiron 2/50, das auf der gleichen Messe erstmals gezeigt wurde. Für ein solch stark modernisiertes Objektiv waren die 170,- Mark, die man dafür aufbringen mußte, nicht übertrieben. Es bekam auch sogleich das Gütezeichen Q verliehen. Es wurde aber rasch durch das wesentlich kleiner gebaute Orestor 2,8/100mm ersetzt - ein echter Teletyp mit noch einmal besserem Auflöungsvermögen.

Primotar 3,5/85mm

 

Ein eher wenig bekanntes Görlitzer Objektiv ist das Primotar 3,5/85mm (nicht zu verwechseln mit dem späteren Primotar E 3,5/80mm). Es war in den frühen 50er Jahren als Normalobjektiv für die Meister-Korelle und die Primarflex gedacht, wurde aber auch in einer Fassung für Kleinbild-Reflexkameras angeboten. Auch dieses Objektiv bietet eine etwas eigentümliche, sehr gefällige Abbildungscharakteristik. Als Konstrukteur ist Thierold zu nennen.

Meyer Primotar 3,5/85mm

Primotare 3,5/135 und 180mm

 

Als Vertreter der Primotare gäbe es noch etliche andere zu nennen. Sie waren die Meyerschen Versionen des sehr beliebten Tessartyps, den in den 30er Jahren jeder Hersteller von Markenobjektiven im Programm hatte. Bei Meyer war Paul Schäfter für die Ausführung dieses Typs verantwortlich. Im Laufe der 50er Jahren blieben erst einmal nur diese beiden langbrennweitigen Typen im Fertigungsprogramm des Feinoptischen Werkes Görlitz übrig. Beim 180er Primotar ist noch als Besonderheit erwähnenswert, daß bei dieser Tessartypvariante, anders als sonst üblich, die Kittgruppe vor der Blende liegt. Es hat angesichts der Tatsache, daß es sich um ein "normal gebautes" Objektiv handelt, ein erstaunlich hohes Auflösungsvermögen vorzuweisen - auch wenn es aus demselben Grunde nicht gerade als kom­pen­di­ös bezeichnet werden kann. Darin ist auch der Hauptgrund zu sehen, wieso diese "normal gebauten" langbrennweitigen Primotare nach 1960 allmählich durch die neuen, echten Tele-Typen Orestor 135mm und Orestegor 200mm ersetzt wurden. Das 135er Primotar kostete nach 1960 für die Kleinbildkameras 149,- Mark, das 180er 210,- Mark.

Prinmarflex Primotar 180mm

Telefogar 3,5/90mm

 

Bei diesem kleinen Teleobjektiv, das speziell für die Altix V geschaffen wurde, lagen dieselben optischen Konstruktionsprobleme zugrunde, die ich beim Zeiss Cardinar 4/100mm ausführlicher beschrieben habe. Der Unterschied liegt allerdings darin, daß der bei der Altix eingesetze Tempor-Verschluß von der nächstgrößeren Bauart war und deshalb einen deutlich größeren Durchlaß zu bieten hatte. Deshalb mußte beim Telefogar 90mm die Blende nicht ganz so weit nach hinten verlegt werden, wie beim Cardinar 100mm. Daher kommt dieses Objektiv zudem auch, ohne irgendwelche Qualitätseinbußen zu zeigen, mit lediglich vier Linsen aus. Der Objektivkenner wird im Telefogar den Grundtyp des Sonnarobjektivs erkennen, der 1957 bereits zum Standardrepertoire der Hersteller gehörte, und daher sehr gut beherrscht wurde. Das ist auch der Grund dafür, weshalb dieses preiswerte Objektiv (95,- Mark) trotz der übergroßen Frontgruppe (um die Vignettierung in den Griff zu bekommen) mit einer ziemlich guten Abbildungsleistung aufwarten kann. Man bedauert schon fast, daß es serienmäßig nur für die Altix geliefert wurde. Aber für die Anwendung an Reflexkameras hätten andere Gesichtspunkte im Vordergrund gestanden, die auch weniger an optischen Kompromissen erfordert hätten. Daher wurde dann auch bald das Orestor 2,8/100mm geschaffen, das aufgrund seiner anderen Bauweise mit einem etwas geringen Glaseinsatz auskam und aufgrund der günstigeren Position der Blende später auch auf Blendenautomatik umgestellt werden konnte.

Altix Telefogar
Telefogar 3,5/90mm

Für die direkte Verwendung an der Reflexkamera war das Telefogar auch deshalb nicht gut geeignet, da es aufgrund der kurzen Schnittweite zwischen der Rücklinse des Objektivs und dem Klappspiegel der Kamera ziemlich knapp zuging. Für diesen Einsatzfall war es einfach nicht konstruiert. Wenn ab und an einzelne Modelle für die Exakta oder Praktica auftauchen, dann dürften die daher wohl entweder Einzelanfertigungen des Herstellers oder nachträgliche Umfassungen durch Dritte sein, so wie das unten gezeigte Exemplar mit dem M42-Anschluß. Die Schnittweite ist dabei so kurz, daß diese Umbauten nicht an jedem Kameratyp verwendet werden können. Je nach individueller Konstruktion des Schwingspiegelsystems stößt jener nämlich an den hintersten Fassungsteilen an - trotz einigen Nacharbeitens der Rücklinsenfassung (sie unten). Sehr angenehm ist allerdings, daß das Telefogar ohne Gegenlichtblende an einer Praktica kaum größer als ein Normalobjektiv ausfällt.

Erwähnenswert ist übrigens, daß auf der Herbstmesse 1954 (Vgl. Bild & Ton 9/1954, S. 255) und der Frühjahrsmesse 1955 (Vgl. Bild & Ton 4/1955, S. 99.) zunächst ein "Telemegor 4,5/90mm" für die Altix vorgestellt wurde. Im Katalog von 1955 ist es auch enthalten (s. Abb.). Inwieweit dieses Objektiv jemals in den Handel kam, kann ich nicht sagen. Fakt ist nur, daß 1954/55 auch schon der bekannte Universalsucher fertig konstruiert war, der ohne die Wechselobjektive schließlich keinen Sinn ergeben hätte.

Telemegor 4,5/90mm

Marco Kröger, 2016

Telefogar 90 scheme