Carl Zeiss Jena
Contax E mit Biotar 1,5
Jena Biotar 1,5/75 scheme
Jena Biotar 1,5/75

Carl Zeiss Jena 1950er

Stellen Sie sich einen Großbetrieb vor, in dem quasi kaum noch eine Maschine steht. Ein Teil der Gebäude zerbombt oder ausgebrannt, die anderen leergeräumt. Nach den Demontagen von 1946/47 war die einstmals bedeutendste optisch-feinmechanische Fertigungsstätte der Welt nurmehr noch ein Schatten ihrer selbst. Und als wäre dieser materielle Verlust nicht schon schlimm genug gewesen: Bereits ab Juni 1945 waren erst die Fertigungsunterlagen und später auch fast 50 der führenden technisch-wissenschaftlichen Mitarbeiter nach Westen abtransportiert worden. Die Sowjetische Besatzungsmacht requirierte einige Monate später noch einmal das fünffache solcher Spezialisten [Walther, Zeiss 1905-1945, 2000, S. 294]. Damit war dem Zeisswerk im Frühjahr 1947 nicht nur der Kopf, sondern auch die Hände abgeschnitten worden. Einem der großen Schlüsselbetriebe der Deutschen Rüstungsindustrie, dem auf mittelbare Weise ein gewichtiger Beitrag am Wahnwitz des Zweiten Weltkrieges zugeschrieben werden muß, war nunmehr der Gar ausgemacht worden. Dieses Resultat kann man als Preis dafür ansehen, sich so treulos vom Lebenswerk eines Carl Zeiß und vom Stiftungsgedanken eines Ernst Abbe entfernt zu haben.


Vor diesem Hintergrund sollte auch stets die Wiederaufbauphase der folgenden Jahre betrachtet werden. Schrade und Schomerus waren geradezu eine Antithese zu Küppenbender und Consorten, auch wenn sie am Ende nicht verhindern konnten, daß das Jenaer Zeisswerk mehr und mehr zum sozialistischen Vorzeigebetrieb und zum Privilegierungsgaranten für den Machtanspruch der SED-Führung herhalten mußte. Aber unser Blick auf den DDR-Betrieb Zeiss Jena ist eben heute durch die Endphase dieses Staates überprägt, als eine kleine Führungsclique das Land in beinah totaler Manier beherrschte, und neben Günter Mittag nun eben gerade der Kombinatsdirektor Wolfgang Biermann zum Sinnbild dieses Machtmißbrauchs geriet.


Es ist wieder einmal Wolfgang Schröter zu verdanken, daß wir einen eindrucksvollen Einblick in jene Aufbauphase genießen können. Seine Agfacolor-Aufnahmen vom August 1954 zeigen ein gesundetes Zeisswerk, in dem neue, junge und vor allem auch auffallend viele weibliche Fachkräfte tätig sind. Die Photos vermitteln durchaus, was die beinah legendäre Gruppe der „Zeissianer“ ausgemacht hat, ohne daß übermäßige "Schönung" zu befürchten ist. Dieser Geist war also offenbar immernoch da. Und auch die Arbeitsweise erinnert noch an die „gute alte Zeit“. Viel Handarbeit. Kaum Automation. Man beachte, wie damals noch die Fassungen gedreht wurden. Auch das Gravieren der Skalen verlangte sehr viel Erfahrungswissen und Geschick. Wenn heute Sammler nach Unterschieden zwischen Objektiven derselben Gattung suchen, dann sollten sie sich einmal diese Bilder vor Augen führen. Ein anderer Arbeiter, eine anders eingerichtete Maschine – und schon ergeben sich die vielen kleinen Unterschiede in gewissen Abmaßen und im Gravurbild. Objektivbau war damals noch alles andere als Massenfabrikation.

Deutsche Fotothek 71206834
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Glaschneider bei der Arbeit. Das aus dem Glaswerk gelieferte Rohmaterial wird in die notwendige Größe geteilt.


zeissikonveb.de 

zeissikonveb@web.de

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Arbeiten an der Linsenschleifmaschine.

Prüfen der auf einer Polierkalotte aufgekitteten Linsen mithilfe eines Probeglases. Anhand der Interferenzerscheinungen kann der Fachmann die Maßhaltigkeit beurteilen.

Drehen und Gravieren der Fassung. Bei diesen Arbeitsgängen wird ganz besonders deutlich, daß wir uns in einer Zeit vor jeglicher rechnergestützten Metallbearbeitung befinden. Hier war viel Erfahrung und Feingefühl nötig. Trotzdem glaube ich nicht, daß diese jungen Damen nur für den Photographen an die Maschine gestellt wurden. Zumindest in der Produktion wurden Frauen nun  gleichberechtigt eingesetzt.

Montieren und prüfen der Objektive.


Alle Aufnahmen von Wolfgang Schröter, Deutsche Fotothek.

Tessar 3,5/165mm


Dieses Objektiv  soll stellvertretend stehen für die unmittelbare Nachkriegsfertigung des  Zeisswerks nach den Demontagen  von 1947. Es handelt sich nicht um einen neuen Typus, sondern um ein Normalobjektiv für Großformatkameras aus dem Jahre 1926 in einer Fassung für die Primarflex. Es wurde im Frühjahr 1948 fertiggestellt und zwar offenbar nicht mehr als bloße Montage vorhandener Teile, sondern als vollständige Neuproduktion.

Tessar 3,5/165mm Primarflex

Dieses Tessar 165mm wurde mir freundlicherweise durch Herrn Dirk Bonnmann, Nürnberg, überlassen.


Unten: Spätes Tessar 3,5/105mm für die Primarflex  aus der letzten Bauserie vom Sommer 1953 mit Blendenvorwahleintichtung.

Tessar 3,5/105mm

Biotar 1,5/75mm: Das "Nachtobjektiv"

Dieses hochlichtstarke Objektiv aus dem Rechenbüro Willy Mertés geht auf das Jahr 1938 zurück und war eine echte Sensation. Es ging an die Grenze des mit den damaligen Mitteln Machbaren. Zur Erinnerung: Wir befinden uns in einer Zeit, als die stupide Durchrechnung optischer Systeme von Menschen bewerkstelligt werden mußte. Keine Computer, keine automatisch korrigierenden Programme. Allenfalls mechanische Rechenmaschinen. Das Ergebnis war trotzdem derart ausgereift, daß dieses Objektiv jahrzehntelang beinah unverändert gebaut wurde. Nur der Transparentbelag und die Vorwahlblende wurden nach 1945  ergänzt. 


Dieses Biotar 1,5/75mm griff dabei auf Konstruktionsprinzipien zurück, deren Basis Ende der 1890er Jahre durch Paul Rudolph gelegt worden war und deren Vervollkommung Ende der 1920er Jahre durch Merté erreicht werden konnte. Das große Potential des Planar-Biotar-Typus, das ihn bis heute so aktuell bleiben ließ, liegt dabei darin, Abbildungsfehler "in der zweiten Reihe" in Angriff nehmen zu können. Der Fachmann spricht  in diesem Zusammenhang von Gaußfehlern. Will man bei photographischen Objektiven weit über das Mittelmaß hinausgehen und die Lichtstärke bis an die Grenzen des Praktikablen hin erhöhen, dann genügt es nicht mehr, kardinale Abbildungsfehler wie die sphärische Aberration nur leidlich zu beheben, wie man sich das bei lichtschwachen Objektiven durchaus leisten kann. Bei den derart großen Einfallshöhen, mit denen die Strahlen das optische System lichtstarker Anastigmate durchdringen, würden schlichtweg vollkommen unbrauchbare Bilder die Folge sein. An diesem Punkt muß nicht nur der Kugelgestaltsfehler per se korrigiert werden, sondern es spielt eine große Rolle, daß das Ausmaß dieses Kugelgestaltsfehlers auch noch mit der Wellenlänge des Lichtes variiert. Diese sogenannte Sphärochromasie ist der eigentliche Gaußfehler. Da aber auch andere Bildfehler wie die Koma lichtwellenabhängig sind, muß bei lichtstarken Anastigmaten der Begriff Gaußfehler auch auf jene ausgedehnt werden. Das Auskorrigieren eines Systems der maximalen Öffnung von 1:1,5 wird durch diese Umstände enorm erschwert. Da sich an den genannten Problemen bis heute nichts Grundsätzliches geändert hat, kann die Leistung des Merté'schen Konstruktionsbüros vor über 80 Jahren nur bewundert werden. Soweit ich es verstehe, liegt der bis heute anhaltende Erfolg des Biotartypus dabei darin, die ursprünglich durch Rudolph eingeführte Verkittung in den inneren Linsen des Doppelgauß (die sogenannten hyperchromatischen Linsen) in ihrem Korrekturpotential weiter ausgebaut zu haben. Daß sich Merté dabei offenbar einem Optimum angenähert hatte, das nur mit einer vollständigen Neukonstruktion zu verbessern gewesen wäre (Pancolar 1,4/75), zeigt sich darin, daß dieses Biotar 1,5/75mm bis zu seiner Einstellung im Jahre 1968 auf Basis der Rechnung vom 20. April 1938 gefertigt wurde.


Dieses auch in der Herstellung recht aufwendige Biotar kostete in den 1950er Jahren stolze 472,- Mark. Vor der ersten großen Preissenkung im vierten Quartal 1953 waren es offenbar gar 527,- Mark. Der letzte Katalogpreis von 1970 für Restexemplare mit Exakta Bajonett lag bei 395,- Mark. Möglicherweise könnte es sich dabei um die seltenen Modelle mit schwarzer Fassung gehandelt haben.

Biotar 1,5/75 Beispielbild

Heute ist dieses Objektiv gefragt, weil es eben doch noch nicht so perfekt auskorrigiert ist, wie moderne computerberechnete Systeme, und der verbliebene Rest an Abbildungsfehlern zu einer ganz eigentümlichen Abbildungscharakteristik führt, die sich mit Worten nicht beschreiben läßt. Deshalb an dieser Stelle mal ein Beispielbild. Das Biotar war nur ganz leicht auf etwa  1:2,0 abgeblendet, um an dem Sommertag (August 2014) noch mit der 1/1000 Sekunde kürzester Verschlußzeit der Praktina auszukommen. 


Bei diesem Bild wird die außergewöhnlich plastische Wirkung des Biotars deutlich. Die Geometrie der Abbildungsfiguren könnte auf Reste an Punktlosigkeit und Wölbung schließen lassen. Die war hier auch besonders wertvoll, weil sich nur deshalb das Hochzeitspaar von dem extrem unruhigen Hintergund abheben ließ. Im Vergleich mit Aufnahmen, die andere mit Digitalkameras und abgeblendeten Zoomobjektiven gemacht haben,  wo das Paar regelrecht am Wirrwar des Hintergrundes zu kleben scheint, sorgen allein die eigentümlichen geometrischen Veränderungen an den unscharfen Bildbereichen für einen deutlichen Freistellungseffekt. Was das Scharfstellen betrifft sollte man allerdings schon ein wenig geübt sein. ;-)

Biotar 1,5/7,5cm für Leica M39

Nach allem, was man bisher weiß, wurden im Sommer 1948 nur in wenigen Einzelexemplaren Biotare 1,5/7,5cm für Leica M39 mit Entfernungsmesser-Kupplung gefaßt.  Wieso das geschah, und noch mehr, wieso nur in so geringen Stückzahlen, das kann man nur noch erahnen. Immerhin hätten Objektive für die Leica das größte Absatzpotential ergeben. Soweit ich es überblicken kann, waren die Leitzwerke diejenigen unter den deutschen Kameraherstellern, die drei Jahre nach Kriegsende bereits wieder mit der leistungsfähigsten Produktion aufwarten konnten. 80 Prozent der Belegschaft (entsprechend 3200 Beschäftigte) und immerhin 50...60 Prozent der Produktionskapazität  aus der Vorkriegszeit  hatte man zu Jahresbeginn 1948 bereits wieder erreicht [Vgl. Berichte aus der Fotoindustrie; in: Kammerer, Hans (Hrsg.), Fotoindustrie, Heft 1/2, 1948, S. 8]. Monatlich 1400 Leicas verließen  das Werk bereits wieder, von denen  zeitweilig zwischen 50 und 70 Prozent  an die US-Armee gingen, fünf Prozent (!) für den deutschen Markt übrig blieben und der Rest war in den Export vorgesehen [Vgl. Ebenda]. Aus dem Bericht geht auch hervor, daß zu diesem Zeitpunkt keines der Dresdner Werke auch nur im Entferntesten diese Kapazitäten erreicht hätte.

Tessar 4,5/40mm



Dieses  Zusatzobjektiv geht wie das Biotar auf das Jahr 1938 zurück. Welche Tür die Kleinbild-Exakta damals aufgestoßen haben muß, kann man daran ablesen, wie schnell die Objektivhersteller mit speziell für diese Kamera ausgerichteten Objektiven reagierten. Denn dieses Objektiv ist explizit für die Spiegelreflex geschaffen worden. Der Klappsiegel der einäugigen Reflex  braucht aus rein mechanischen Gründen so viel Raum, daß die Brennweiten nicht kürzer als ca. 38mm werden können, sonst würde dieser schlicht an der Rücklinse anstoßen. Mit 40mm Brennweite war also zu dieser Zeit die kürzeste Brennweite eines Weitwinkelobjektivs erreicht.

Tessar 4,5/40mm

Dieses Tessar 40mm war eines der ersten Objektive, die in Jena nach dem Kriege neu berechnet und damit der aktuellen Glastechnologie angepaßt worden sind (April 1948). Herausgekommen ist ein Objektiv, das wohl einen der besten Kompromisse zwischen Preiswürdigkeit und Bildleistung darstellt. Es kostete in den 1950er Jahren vergleichsweise moderate 184,- Mark und macht heute selbst an einem digitalen Vollformatsensor eine gute Figur. Das ist schlicht der Tatsache geschuldet, daß es sich in der Lichtstärke bescheidet. Dadurch konnte man beim Tessartyp bleiben, der sich nicht nur auf dem Papier hoch auskorrigieren läßt, sondern den man auch noch in der Massenfertigung mit konstanter Qualität fabrizieren kann. Denn es gilt der alte Spruch: Es genügt nicht, ein hochwertiges Objektiv zu berechnen; man muß es auch herstellen können!

Tessar 4,5/40mm

In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis, der übrigens auch für andere M42-Objektive aus dieser Zeit gilt (wie dem Biotar 1,5/75 oder dem Flektogon 2,8/35):  Diese Ojektive haben einen Rand hinter dem Gewindeanschluß, der konisch zuläuft und eigentlich das Ansetzen des Objektives an die Kamera erleichtern sollte. Als  ab 1956 bei der Praktica FX2 die Blendenautomatik eingeführt wurde, war dieser Rand im Wege, sodaß der Betätigungsmechanismus im Spiegelkasten abschaltbar ausgeführt wurde. Das wurde bei allen Prakticas mit Tuchverschluß beibehalten. Mit Einführung der L-Reihe 1969 wurde die Abschaltbarkeit aufgegeben, mit der Folge, daß diese alten Objektive mit dem Rand nicht mehr verwendbar waren. Die Kamera blockiert dann regelrecht. Deshalb wurden bei vielen dieser Objektive dieser Rand - mal mehr, mal weniger professionell – nachträglich entfernt oder nur eingekerbt (siehe rechtes Bild). Damit waren diese Objektive auch weiterhin an den neuen Modellen der Praktica verwendbar. Auch für die Benutzung am M42-Adapter der Praktica B (sowie an einigen Adaptern für Digitalkameras) ist diese Modifikation unabdinglich.

Flektogon 2,8/35mm

Bei einer Bilddiagonale von 43,3mm sind natürlich 40mm Brennweite kein wirkliches Weitwinkel. Mit dem Biogon 2,8/35mm hatte Ludwig Bertele schon in den 30er Jahren gezeigt, daß lichtstarke Objektive mit mehr als 60 Grad Bildwinkel durchaus im Bereich des Machbaren liegen. Allerdings war dieses Objektiv für die Spiegelreflexkamera gänzlich ungeeignet, denn seine Rücklinse reichte bis kurz an die Verschlußvorhänge. Ein Weitwinkel für die Reflexkamera müßte so konstruiert sein, daß trotz der kurzen Brennweite noch genügend Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel frei bleibt, damit der Spiegel nicht anschlägt. Schnittweite nennt der Fachmann diesen Abstand zur Brennebene. 


Eine Verlängerung dieser Schnittweite ist möglich, wenn man einem kurzbrennweitigen Grundobjektiv ein zerstreuend wirkendes Glied vorsetzt. Normalerweise würde eine solche  Zerstreuungslinse nur die Brennweite des Grundobjektivs sinnlos verlängern. Ordnet man sie allerdings genau  im vorderen Brennpunkt dieses Grundobjektivs an, dann bleibt die äquivalente Brennweite des gesamten Systems unangetastet und es findet lediglich eine Verschiebung des hinteren Hauptpunktes Richtung Bildebene statt. Der gewünschte Effelt stellt sich nun dadurch ein, daß das gesamte optische System um diesen Betrag von der Bildebene weggerückt werden kann und  auf diese Weise genügend Spielraum für den Reflexspiegel frei wird.


Beim Flektogon 2,8/35mm besteht nun dieses Grundobjektiv aus dem für die Contax Meßsucherkamera entwickelten Biometar 2,8/35, dem in einem  im entsprechend großen Luftabstand ein zerstreuender Meniskus beachtlichen Durchmessers vorgesetzt wurde. Im Prinzip ähnelt ein solches als „Retrofokus“ bezeichnetes Weitwinkelobjektiv einem umgedrehten Teleobjektiv. Statt aber die Hauptebenen nach vorn zu verlegen, damit der Teletyp möglichst nah an die Brennebene gerückt werden kann, wird beim Retrofokus quasi der umgekehrte Weg beschritten und die Schnittweite verlängert.

Flektogon 2,8/35 scheme
Flektogon 35mm Version 1949

 

Die Initiative zum Bau eines solchen Weitwinkels ging vom Leiter der Abteilung Photo des VEB Carl Zeiss JENA, Harry Zöllner, aus. Der eigentliche Konstrukteur war aber ein Mann namens Rudolf Solisch, der die Durchrechnung dieses Weitwinkels zu großen Teilen persönlich bewerkstelligte und dabei lediglich von  einer Reihe Optik-Rechner unterstützt wurde [Vgl. Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 4]. Der Ansatz, das hoch auskorrigierbare Biometar als Grundobjektiv zu verwenden war zwar vielversprechend, der Erfolg  aber alles andere als sicher, da es keinerlei Vorbilder gab. Als Indiz dafür, daß sich tatsächlich gewisse  Schwierigkeiten bei der Optimierung dieser Konstruktionsidee ergaben, könnte  man hernehmen, daß in der ersten Version von 1949 das Biometar-Grundobjektiv noch mit einer hinteren Kittgruppe versehen werden mußte. Viele Jahre später, nachdem man Erfahrungen mit Retrofokusobjektiven gesammelt und dahingehende wissenschaftliche Untersuchungen unternommen hatte, kam man zu der Erkenntnis, daß ein Gaußtyp nicht unbedingt die beste Lösung für das Grundobjektiv eines Retrofokus darstellt [Vgl. Dietzsch, Retrofousobjektive, 2002, S.  6].


Was übrigens heute keiner mehr weiß: Rudolf Solisch muß dann einige Monate nach der Patentierung des Flektogon 35mm (1953) in den Westen gegangen sein, denn er hat am 10. November 1956 ein Patent für die Firma  ISCO Optische Werke in Göttingen angemeldet (Nr. DE1.063.826). Diese Schutzschrift beschreibt ein Retrofokus-Weitwinkel, das unter der Bezeichnung Westrogon 4/24mm bekannt geworden ist. Es handelt sich wiederum eine echte Pionierleistung, da es bei diesem Objektiv zum ersten Male gelang, den Bildwinkel eines Kleinbildobjektives auf über 80 Grad auszudehnen, ohne daß die Funktion des Reflexspiegels behindert wurde. Der Weggang des Zeissinaers Rudolf Solisch war demnach ein echter Verlust für Zeiss Jena. Die dadurch verursachte Einbuße an Konkurrenzfähigkeit konnte erst sukzessive durch die Arbeiten der Konstrukteure Wolf Dannberg und  (später) Eberhard Dietzsch wieder aufgeholt werden. Rudolf Solisch ist heute zu Unrecht ein vergessener Meister seines Faches!


Die allererste Version des Flektogon 2,8/35 mit Rechnungsdatum vom 13. August 1949 wurde nur in zirka 250 Exemplaren gefertigt. Hier war das Grundobjektiv wie gesagt noch aus sechs Linsen zusammengesetzt. Die heute bekannte Form des Flektogons 35mm wurde am 8. Februar 1952 abgeschlossen. Auf Basis dieser Rechnung begann ab 1953 die erste nennenswerte Serienfertigung dieses Weitwinkelobjektives. Beide Versionen sind  durch die Patentschriften 10.604 (DDR; 8. März 1953) und 953.471 (Bundesrepublik; 20. Dez. 1953), sowie ferner in den USA und Großbritannien (1955) geschützt worden.

Flektogon 2,8/35

Das hier abgebildete Flektogon stammt aus jener ersten großen Bauserie ab 1952/53, erkennbar am noch fehlenden Filtergewinde (Aufgrund des großen Bildwinkels brauchte man Filter in W-Fassung, die anfänglich nur als Aufsteckfilter geliefert wurden. Später gab es diese auch zum einschrauben). Schon 1955 (6. September) wurde das Flektogon wieder neu gerechnet (und zum 12. März 1956 eine Version speziell für die Werra). Eine letzte Neuberechnung fand zum 23. September 1960 statt. Das war auch die „finale Version“ nach der das Flektogon 2,8/35 nun fast 25 Jahre unverändert gefertigt wurde.


Wieso auf einmal dieser Bruch im „Neuberechnungsreigen“? Nun,  ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre  stand dem VEB Carl Zeiss JENA einer der ersten Computer auf deutschem Boden zur Verfügung, mit dem jetzt Objektivberechnungen automatisiert durchgeführt werden konnten. Mit dieser Optikrechenmaschine OPREMA konnten die riesigen Mengen an Parameterrechnungen, die durch Änderung von Linsenradien, -dicken, und Brechkräften bei einem sechslinsigen Objektiv in tausende – ja zehntausende – Rechenoperationen ausarten, schnell, fehlerfrei und ohne Ermüdungserscheinungen durchgeführt werden. Damit war es jetzt möglich, sich auf dem Gebiet der Fehlerbeseitigung einem Optimum anzunähern, wie es in dieser Art vorher nicht möglich war. Das bedeutet natürlich nicht, daß die älteren Versionen des Flektogons unbrauchbare Objektive sind. Aber da auf dem Gebiet der Retrofokusobjektive Neuland betreten wurde, waren erst langwierige Optimierungsarbeiten nötig, die durch die neue Rechentechnik überhaupt möglich wurden. Auf diese Weise wurde aber auch aufgedeckt, daß sich bestimmte Fehler (vor allem am Bildrand) einfach nicht korrigieren ließen, wie die Abbildung unten zeigt.  [aus: Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, Anhang.] Genauere wissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet, die durch Wolf Dannberg und Eberhard Dietzsch vorangetrieben wurden, führten letztlich dazu, daß der dem Flektogon 2,8/35mm inneliegende Konstruktionsansatz später gänzlich verlassen werden mußte.

Dieses Mäkeln auf hohem Nivau sollte freilich nicht vergällen, daß das Flektogon 2,8/35mm in all seinen Versionen ein sehr gutes gemäßigtes Weitwinkel darstellt.  In der oben abgebildeten Version der 50er Jahre mit Vorwahlblende kostete es damals 280,- Mark. Mit Halbautomatischer Springblende für M42 oder Exakta lag der Preis zunächst bei  348,- Mark, wurde dann aber im Frühjahr 1960 um  über  100 Mark auf 245,- Mark gesenkt. Das Modell mit Vollautomatischer Springblende für die Praktina IIA kostete 1959 gar 396,- Mark.  Erwähnerswert ist noch, daß die reale mittlere Brennweite des Flektogons 2,8/35mm bei etwa 36,6mm liegt  [Vgl. Fincke, H. E.: Physikalisch-optische und physiologische Grundlagen; in Teicher (Hrsg.): Handbuch der Fototechnik, 2. Auflage, 1963, S.  35].  Eine in der Sowjetunion in Lizenz gefertigte Version des Flektogons  unter der Bezeichnung Mir-1 hatte daher stets die "ehrliche" Brennweitenangabe von 37mm.

Das Flektogon 2,8/35mm ist bei vielen photographischen Praktikern beliebt, weil es sich sehr gut als Schnappschußobjektiv eignet. Insbesondere die sogenannte  Zebra-Version mit  ihrem extrasteilen Schneckengang  ermöglicht ein flexibles Arbeiten mit diesem Werkzeug (mehr dazu bei den Objektiven der 1960er Jahre). Über die Bildwirkung braucht man wohl keine weiteren Worte verlieren. Photographiert von Avital Nathansohn, Israel, mit der Exakta Varex .

Flektogon  2,8/65mm


Kurz gesagt handelt es sich bei diesem Objektiv um die Mittelformat-Variante des obengenannten Flektogons 35mm. Die Konstruktion wurde bereits am 6. Januar 1950 abgeschlossen und bis zur Einstellung der Produktion im Jahre 1969 nie neu berechnet. Interessant ist ferner, daß es von Anfang an als Sechslinser ausgelegt war (rechter Linsenschnitt oben), während das 35er Flektogon in seiner ersten Ausführung damals noch  aus sieben Linsen  bestand. 


Ursprünglich war es wohl für die Meister-Korelle gedacht.  Die Produktion dieser Kamera  wurde allerdings eingestellt, bevor die beiden Versuchsobjektive (Versuch 77 vom Frühjahr 1952) fertig waren. Zu einer ersten kleinen Serienfertigung kam es daher erst, als die gerade fertiggestellte Praktisix im Herbst 1956 auf der Photokina gezeigt wurde. Das Flektogon  war also deren erstes Wechselobjektiv.  Dabei war das Flektogon viermal  lichtstärker als das Distagon 5,6/60mm zur damaligen Hasselblad 1000F.

Praktisix with Flektogon 65mm
Flektogon 2,8/65mm

Das ganz große Hochleistungsobjektiv ist dieses 65er Flektogon allerdings nie gewesen. Das war übrigens bereits seinerzeit bekannt. [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, S 111.]  Das 65er Flektogon ist eine sehr frühe Retrofokuskonstruktion, dessen Grundobjektiv aus einem Biometartyp besteht. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Doppelgauß-Variante, die vom Biotar-Typus abgeleitet wurde. Eberhard Dietzsch urteilte über diesen Konstruktionsansatz nachträglich:


"Heute, nachdem zahlreiche Retrofokusobjektive vorliegen, wissen wir natürlich, daß die Verwendung eines Gaußtyps als Grundsystem  nicht unbedingt die beste Lösung für ein Retrofokusobjektiv darstellt. Das wurde auch in den nachfolgenden Entwicklungen erkannt." [Vgl.  Ebenda]


Insbesondere nachdem 1960 das 4/50 herauskam, das auf einem gänzlich anderen Prinzip fußte, gingen die produzierten Stückzahlen des 65er Flektogons merklich zurück (ein paar Hundert je Produktionslos). Nachdem im Frühjahr 1969 noch einmal 1000 Stück montiert worden waren (im Zebra-Design), wurde dieses Objektiv anschließend endgültig aus dem Programm genommen. Der Preis lag bis zum Frühjahr 1960 bei stolzen 502,- Mark, danach immerhin noch bei 412,- Mark. An diesem Preis dürften übrigens die Materialkosten einen nicht geringen Anteil gehabt haben, wenn man  bedenkt, daß für die riesige Frontlinse ein großes Stück schweren Kronglases benötigt wurde.

Mir ist es bislang noch nicht gelungen, aus dem Flektogon 2,8/65mm wirklich (wie man so sagt) knackscharfe Aufnahmen herauszubekommen. Es handelt sich eben um eine ziemlich betagte Konstruktion, die im Januar 1950 (!) abgeschlossen wurde. Damit zählt dieses Weitwinkel zu den absoluten Pionieren der Retrofokusbauweise. Optimierungsversuche, wie sie so zahlreich beim 35er Flektogon nachweisbar sind, hat man hier offensichtlich unterlassen. Zu groß waren wohl die prinzipiellen Diskrepanzen dieser Bauart. Wie man an den vorderen Treppenstufen erkennen kann, krankt das Flektogon 65mm nämlich auch ein wenig an Distorsion.

Biometar  2,8/80mm

Dieses Objektiv ist ein Kind der unmittelbaren Nachkriegszeit (Rechnung vom September 1948). Das fünflinsige Biometar als vereinfachte Abwandlung des Biotars muß als eine der fortschrittlichsten Objektivkonstruktionen jener Zeit gesehen werden. Es handelt sich um einen ganz hervorragend auskorrigieren Anastigmaten, der eine hohe Brillanzleistung mit einem sehr feinen Auflösungsvermögen verbindet. Dabei war dieser Objektivtyp vom gemäßigten 35mm Weitwinkel bis zum lanbrennweitigen 120er Zusatzobjektiv universell einsetzbar. Die hervorragende Korrektur wurde dadurch erreicht, daß bei auf 1:2,8 beschränkter Lichtstärke das hintere Kittglied des Biotars durch einen sehr dünnen Meniskus mit sehr starken Krümmungshalbmessern ersetzt wurde. Dazu ist allerdings zu bemerken, daß sich solcherlei Linsen nur sehr schwer herstellen lassen. Insbesondere die Zentrierung solcher Menisken bereitet große Schwierigkeiten. Es kommt daher nicht von ungefähr, daß sich solche Linsenformen nur in Objektiven der profiliertesten Optikfirmen fanden, die nämlich in der Lage waren, solche Systeme mit der nötigen Präzision serienmäßig zu fertigen. Es kommt daher ebenso nicht von ungefähr, daß das Biometar 2,8/80mm sowie das Flektogon 2,8/35mm (in dem auch ein Biometar steckt) in der frühen Nachkriegszeit erst einmal nur in kleinen Auflagen gefertigt wurden. Solche hochauskorrigierten Anastigmate waren damals noch richtige Wertarbeit, die nur wenige Hersteller beherrschten. Es hat also auch fertigungstechnische Gründe, weshalb in den Angebotslisten zeitgenössischer Konkurrenzfirmen noch so viele Dreilinser oder maximal Tessartypen zu finden sind, die mit ihren vergleichsweise simplen Linsenformen viel einfacher zu beherrschen waren.

Biometar 2,8 scheme

Dieses Biometar 2,8/80mm mit seiner gegenüber dem Normalobjektiv leicht verlängerten Brennweite führt zu einer sehr günstigen Bildperspektive, die einen regelrecht dazu zwingt, Ausschnitte aus dem Motiv zu suchen. Es zählt zu meinen Lieblingsobjektiven. Übrigens sollte dieses „Kleinbild-Biometar“ 2,8/80 nicht mit dem Normalobjektiv gleichen Namens verwechselt werden, das ab 1957 für die Praktisix und später für die Pentacon Six geliefert wurde (Rechnung vom 5. Juni 1956). Letzteres ist für den Bildkreis des 6x6 Mittelformates korrigiert – erkennbar an der deutlich größeren Frontlinse. Mit diesem Objektiv konnte Prof. Zöllner das Tessar 2,8/80 ablösen, mit dessen Leistung er sehr unzufrieden war. Als absolut außergewöhnlich ist anzusehen, daß Zöllner letzteren Aspekt sogar in seinem Patent zum Biometar erwähnt. Wortwörtlich steht dort: "Außerdem sind die Abweichungen in der Meridionalkoma kleiner als bei dem in Abb. 2 zugrundeliegenden Objektiv von recht gutem Ruf, das bisher verwendet wurde." Damit war das Tessar gemeint. Es ist bekannt, daß sich Zöllner regelrecht gegen die politischen Funktionäre seines Betriebes durchsetzen mußte, weil letztere unbedingt den Markennamen Tessar erhalten wollten. Zumindest beim 80er Biometar mit seinem Bildwinkel von etwa 53 Grad konnte Zöllner sich durchsetzen. Ein zweites Biometar 1:2,8 mit 46 Grad Bildwinkel verschwand aber in der Schublade. Damit ist die Kleinbild-Variante gemeint und hier blieb es beim Tessar 2,8/50mm.


Aus dem erwähnten Patent Nr. 17.933 vom 15. Januar 1957 geht übrigens hervor, daß das Biometar 2,8/80mm als Normalobjektiv für die Praktisix auf optischen Gläsern fußte, die für damalige Verhältnisse ausgesprochen hohe Brechzahlen aufzuweisen hatten. So wurde beispelsweise für die zweite Linse  das Schwerstkron SSK 10 (n = 1,6934; v = 53,5) und für die hinterste Linse das besonders niedrigdispergierende Schwerkron SK 16 (n = 1,6204; v = 60,3) verwendet. Der erwähnte dünne, stark durchbogene Meniskus im hinteren Systemteil bestand  demgegenüber aus noch stärker brechendem Schwerflint SF 10 mit einer auf die gelbe Heliumlinie d bezogenen Hauptbrechzahl von 1,7283 bei einer relativen Farbzerstreuung von 28,3. Mit diesen Glassorten war das Biometar 2,8/80mm, mit dem die Praktisix bald standardmäßig ausgestattet wurde, für ein Normalobjektiv  ziemlich aufwendig und kostenintensiv konstruiert worden. Auf diese Weise konnte es über 30 Jahre unverändert gebaut werden, ohne  daß es in nennenswertem Umfange an Anschluß verloren hätte.

Oben die Kurven der meridionalen Farbquerkoma aus dem Patent des Biometars, das Zöllner am 15. Januar 1957 angemeldet hat (DD17.933).  Die Kurven a, b und c stehen für die Farben rot, gelb und blau.  Die besagte Abbildung 2 zeigt das Tessar, Abbildung 3 das neue Biometar.  Man muß kein Experte  sein, um die deutlich besseren Korrekturmöglichkeiten des Biometar-Typs zu erkennen.

Bei all diesen verschiedenen Biometaren kann man zugegebenermaßen leicht die Übersicht verlieren. Es existieren nämlich seit den späten 1950er Jahren ZWEI Biometare 2,8/80 ASB, die sich aber grundsätzlich voneinander unterscheiden. Dazu unten einmal der Vergleich der Objektivfassungen sowie der Frontlinsen beider Biometare, die zeigen, daß es sich wirklich um zwei völlig eigenständige Ausführungen handelt. Links ist das bekannte Mittelformatobjektiv abgebildet, das in unterschiedlichen Fassungsvarianten bis in die Wendezeit für die Pentacon Six angeboten wurde.  Auf der Frühjahrsmesse 1959 wurde aber für die Praktina IIA  ein neues Biometar 2,8/80 ASB vorgestellt, bei dem freilich nur die Fassung mit der vollautomatischen Blende neu war. Drin steckte weiterhin das oben beschriebene "Kleinbild-Biometar".

Biometare 2,8/80mm

Um die Verwirrung komplett zu machen, will ich aber nicht unerwähnt lassen, daß die Bezeichnung "Kleinbild-Biometar" nicht wirklich zutrifft. Vielmehr ist es offenbar so, daß auch die Rechnung von 1948 das Mittelformat auszuleuchten vermag, denn zwischen 1950 und 1952 wurden 2000 Exemplare dieser Version nach Braunschweig geliefert, um in die Rolleiflex eingebaut zu werden. Und noch ein Detail: Es gibt noch eine zweite Rechnung des "Kleinbild-Biometars" 2,8/80mm mit dem Abschlußdatum  9. Oktober 1950, die zwischendurch  in kleineren Serien zugrundegelegt wurde, um anschließend wieder auf die Variante vom 22. September 1948 zurückzuwechseln. Wieso diese zweite Rechnung existiert und weshalb diese sporadisch eingesetzt wurde, das ist bislang ungeklärt.


Als Wechselobjektiv für die Kleinbildreflexkamera kostete das Biometar 2,8/80mm mit Vorwahlblende immerhin 248,- Mark. Das war vor der zweiten großen Preissenkung vom Frühjahr 1960 (eine erste war im Zuge des "Neuen Kurses" bereits 1954 vorausgegangen). So kommt es, daß  die mechanisch aufgewertete Variante mit Vollautomatischer Springblende ganze drei Mark billiger kam, als der Vorgänger mit Vorwahlblende (also 245,- Mark). Für die Exakta und mit M42-Gewinde wurde dieses Kleinbild-Biometar noch bis Mitte der 1960er Jahre gefertigt - zum Schluß sogar noch in Zebra-Fassung. Leider war es nicht sehr gefragt, weil die Amateure lieber "ein richtig langes Tele" haben wollten und daher das ASB-Sonnar 3,5/135 vorzogen, das mit 229,- Mark sogar noch etwas billiger zu haben war. Schade drum, denn bei diesem Biometar handelt es sich um ein richtig hochwertiges Zusatzobjektiv auf das man sich immer verlassen kann und das sich sehr universell einsetzen läßt. So eignet es sich beispielsweise auch sehr gut für Nahaufnahmen, weil die gute Korrektur der Biometare auch bei größeren Abbildungsmaßstäben erhalten bleibt. Und wer sich einmal auf die  mittellange Portraitbrennweite "eingeschossen" hat, der wird das Normalobjektiv zukünftig zuhause lassen.

Biometar  2,8/120mm


Noch ein weiteres Biometar wurde auf der Frühjahrsmesse 1959 als Neuheit vorgestellt, das mit einer 50 Prozent längeren Brennweite aufwartete. Auch dieses Objektiv wurde von Prof. Zöllner im Sommer 1956 abgeschlossen.  Aber erst  nachdem die Praktisix auf den Markt kam, wurde es ab 1958 serienmäßig gefertigt, sodaß es zum Zeitpunkt der Messevorstellung schon lieferbar gewesen sein müßte. Neu war eine Variante desselben Objektives für die  Praktina IIa, das wegen des identischen Blendemmechanismus dieser beiden Kameras quasi nur nach hinten "verlängert" werden mußte, um das geringere Auflagemaß der Praktina auszugleichen. An der Gegenüberstellung der beiden Versionen wird auch klar, daß es sich beim Biometar 120mm nicht um ein Teleobjektiv handelt, sondern um ein "normal gebautes" Objektiv mit ziemlich langer Schnittweite, was zumindest am Kleinbild zu einer etwas ausladenden Bauart führt.


Dieser Umstand ist aber verschmerzlich angesichts der Tatsache, daß sich die Biometare als vereinfachte Abkömmlinge des Biotar-Doppelgaußtyps sehr hoch auskorrigieren ließen. Als Resultat hat man ein Universalobjektiv, dessen Bildleistung sich weitgehend unabhängig  von der eingestellten Blendenöffnung und vom Abbildungsmaßstab zeigt. Das sieht man auch daran, daß diese Biometare noch 60 Jahre nach ihrer Errechnung geschätzte Mittelformatobjektive sind. Modernere Normalobjektive anderer Hersteller mit ihren  sechs, sieben oder gar acht Linsen mögen in MTF-Diagrammen einen satten Vorsprung aufzubieten haben – in der photographischen Praxis relativieren sich diese Unterschiede aber zumeist, zumal der Preis letzterer um ein mehrfaches höher lag. Das Biometar 2,8/80 für die Praktisix kostete nach 1960 245,- Mark, das 120er  365,- Mark.

Biometare 120mm ASB

Die Biometare 80 und 120mm aus dem Jahre 1956 würde ich übrigens  als typische Oprema-Objektive bezeichnen, weil davon auszugehen ist, daß bei ihnen die Korrektionsmöglichkeiten, die ihnen grundsätzlich innelagen, zum ersten Male vollkommen ausgeschöpft werden konnten. Dazu bedurfte es  eines schnellen, automatisch arbeitenden Binärrechners  anstelle der Hand- bzw. Kopfarbeit an einer elektrisch angetriebenen, mechanischen Rechenmaschine. Tiedeken gibt an, daß mit der alten Methode für eine einzige Durchrechnung des vierlinsigen Tessars 36 Stunden für eine Farbe - also mehr als hundert Stunden für das gesamte Spektrum – anzusetzen gewesen waren [Vgl. Tiedeken, Robert: Einiges aus der Arbeit des Optik Konstrukteurs, Bild und Ton Heft  7/1957, S.  176...179.]. Dieser unglaubliche Arbeitsaufwand läßt erahnen, wie  sehr man sich bei der Optimierung eines Systemes  beschränken mußte. Die Digitalrechner "OPREMA" und später der ZRA1 führten solche komplexen Rechenoperationen binnen Millisekunden durch. Es kam nur auf die entsprechende Programmierung an. Nun war es möglich, auch die sogenannten windschiefen Strahlen durchzurechnen, die das optische System durchtreten, ohne ein einziges mal die Achse zu schneiden. Diese Strahlen müssen aber untersucht werden, um vor allem die   problematische Sagittal-Koma  in den Griff zu bekommen. Der VEB Carl Zeiss Jena startete mit diesen verbesserten Forschungsmethoden in ein neues Zeitalter. Die Früchte dieser Grundlagenarbeit konnten allerdings erst nach 1960 in vollem Umfang geerntet werden. Mehr zu diesem Thema also im folgenden Zeitabschnitt.

Ganz weit vorn im internationalen Reigen der Objektivhersteller war der VEB Carl Zeiss JENA, als  er ab 1959/60 eine komplette Objektivserie mit vollautomatischer Springblende anzubieten hatte. So auch dieses Biometar 2,8/120mm ASB für die Exakta Varex. Über die optischen Qualitäten dieser Objektive ist hier schon viel  gesagt worden. Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die enormen Fortschritte im Bau von Objektivfassungen, die innerhalb derselben Epoche zu verzeichnen gewesen waren. Hier war viel Konstruktionsarbeit vonnöten und auch die Herstellung der Fassungen mußte nun auf einem ganz anderen Niveau erfolgen.

Triotar und Sonnar 4/135

Das Triotar 4/135mm ist für mich das rätselhafteste Kleinbildobjektiv von Carl Zeiss Jena. Es gehört zu denjenigen Objektiven, die 1938 im Zuge der aufkommenden Kleinbildspiegelreflex-Sparte neu geschaffen wurden. Ein Jahr später wurde die Konstruktion noch einmal neu berechnet. Rätselhaft ist es für mich deshalb, weil mit dem Sonnar 4/135 bereits seit 1931 ein langbrennweitiges Objektiv mit denselben Daten zur Verfügung stand. Dieses wurde für die Contax Sucherkameras angeboten. Nun könnte man meinen, das Sonnar hätte sich aus irgendwelchen Gründen nicht für die Spiegelreflexkamera geeignet und man habe daher zusätzlich das Triotar geschaffen, das mit seiner langen Schnittweite problemlos an jeder Kleinbildspiegelreflex verwendet werden kann.

Jetzt aber kommt das Verblüffende: Im Jahre 1957 wird das Sonnar 4/135 plötzlich in den Fassungen für die damals üblichen Kleinbildspiegelreflexkameras angeboten. Und zwar nicht, wie man annehmen könnte, nach einer Neuberechnung – nein, in einer Rechnung von 1937! Da fragt man sich doch, wieso man das nicht 20 Jahre vorher gleich so gemacht hat.

Triotar 4/135 Sonnar 4/135

Um nicht mißverstanden zu werden: das Triotar 135 ist ein herausragendes Objektiv. Hier hat man alles „herausgeholt“, was mit einer Tripletkonstruktion möglich ist. Im direkten Vergleich sieht man aber, daß das Triotar etwa die Hälfte länger ist als das Sonnar. Und damit ist es als lange Brennweite zum immer dabei haben ziemlich unhandlich geraten. Sonnare sind zwar keine "echten" Teleobjektive (sondern ebenfalls Abkömmlinge des Triplets), aber aufgrund ihrer inneren Brechkraftverteilung haben sie im Vergleich zu ihrer Brennweite eine kurze Baulänge. Da kann das Triotar nicht mithalten. Die drei Linsen befinden sich beim Triotar ganz weit vorn in Objektiv, der Rest des Tubus beinhaltet nichts als Luft. Vielleicht hat man das 1957 eingesehen, als man das gute alte Sonnar wiederentdeckte. Nach dem Wechsel zu diesem wird  die Produktion des Triotars nämlich im darauffolgenden Jahr  eingestellt.

Sonnar 4/135 scheme

Das Sonnar 135mm ist dagegen wohl das erfolgreichste Zusatzobjektiv, das Carl Zeiss Jena jemals hergestellt hat. Es wurde von Ludwig Bertele im Jahre 1931 zur Contax I geschaffen und bis zum Ende der Abteilung Photo des Zeisswerks nicht weniger als sechs Jahrzehnte lang hergestellt. Im März 1965 wurde zwar die Lichtstärke leicht auf 1:3,5 erhöht; am Grundaufbau dieses Sonnars änderte sich hingegen nichts. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit möglichst wenig Aufwand ein möglichst hochwertiges Objektiv zustande bringt, das selbst heute, 85 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, qualitativ zu überzeugen weiß.

Nachtrag: Mittlerweile meine ich, recht gut erklären zu können, weshalb es neben einem Sonnar 135mm ein Triotar derselben Brennweite gegeben hat. Die Hintergründe dazu habe ich hier und hier näher aufgeschlüsselt. Kurz zusammengefaßt: Das Sonnar war schlichtweg ein Produkt, das zwar aus dem Zeisskonzern stammte, aber eben nicht in der "Zentrale" in Jena entwickelt wurde, sondern bei der Konzerntochter in Dresden – obendrein noch im Stammwerk des ehemaligen Konkurrenten Ernemann. Meinem Eindruck nach waren Sonnare fast ausschließlich als Standarbestückung für Zeiss-Ikon-Kameras vorgesehen. Sie wurden dann "lediglich" in Jena hergestellt. Wenn die Konzernmutter Carl Zeiss hingegen Objektive für Kamerhersteller außerhalb des Konzerns herstellte, dann wurden überraschend auffällig Objektive bevorzugt, die auch im Jenaer Konstruktionsbüro entwickelt worden waren. Im Falle von lichtstarken Normalobjetiven wurden dann die Sonnare durch Biotare ersetzt und die längerbrennweitigen Sonnare eben beispielsweise durch Triotare. Ich glaube, es spricht Bände, daß dieses Gefüge der gegenseitigen Animositäten erst im Laufe der 1950er Jahre aufgelöst werden konnte – anderthalb Jahrzehnte nachdem Ludwig Bertele sein Wirken bei Zeiss Ikon beendet hatte.

Ganz ohne Bewußtsein darüber, daß das Sonnar 4/135 prinipiell auch für die Kleinbildreflexkamera geeignet ist, kann man bei Carl Zeiss Jena  nicht gewesen sein. Das beweist dieses Sonnar aus dem Jahre 1949, das eigentlich einer Serie von 600 Objektiven für die Contax Meßsucherkamera entspringt, aber offensichtlich ab Werk für Exakta "umgefaßt" wurde. Man erkennt dies am Ausschnitt im Bajonettring, um die Schärfentiefengravur nicht zu überdecken. Das war eine Verlegenheitslösung, da die Objektivfassung für die Meßsucherkamera (die ja keinen Spiegelkasten hat) ursprünglich länger gewesen ist. Ich kann mir gut vorstellen, daß nach der Verlagerung der Contax-Fertigung in die Ukraine keine 600 Sonnare mehr für die Contax absetzbar waren; zumal auch Zeiss Opton dieses Objektiv frühzeitig im Angebot hatte. Also hat man offenbar Linsengruppen in eine nur notdürftig angepaßte Fassung für Reflexkameras montiert, die auch meßsuchertypisch keine Geradführung hat. Dadurch wirkt das Sonnar geradezu winzig.

Sonnar 2,8/180mm

Olympiasonnar

Über das Olympiasonnar muß man nicht viele Worte verlieren; das ist bereits an genügend anderen Stellen geschehen. Die erste Rechnung wurde am 12. Februar 1936 fertiggestellt. Wenn man gelegentlich davon lesen kann, daß dieses Objektiv bereits bei den Winterspielen 1936 zum Einsatz kam, dann müssen das Musterobjektive gewesen sein, denn wie man im „Thiele“ nachlesen kann, wurde die Fertigung der Nullserie am 18. Februar 1936 begonnen, zwei Tage nach der Schlußfeier.

Der regimetreue Bildberichterstatter Lothar Rübelt mit einem Musterexemplar des "Olympiasonnars" auf der namensgebenden Sportveranstaltung. Auch wenn man dem damaligen Zeitgeist entsprechend die Montierung auf dem Gewehrkolben als besonders chic  empfunden haben mag, so war diese  wohl kaum dazu geeignet, die Leistungen dieses Objektives voll auszuschöpfen trotz der langen Entfernungmesser-Basis der eingesetzten Contax I (die Contax II und III wurde wenige Tage später vorgestellt).

Richtig durchsetzen konnte es sich eh erst, als für die Contax Meßsucherkamera ein Spiegelreflexansatz geschaffen worden war. 180mm Brennweite und eine Öffnung von 1:2,8 – das ist nur in Verbindung mit einer Mattscheibeneinstellung wirklich sinnvoll nutzbar. Denn dieses Objektiv war von Anfang an offenblendentauglich, auch wenn es dasjenige Jenaer Objektiv ist, das am meisten neu berechnet worden ist. Nach 1936 gab es eine Rechnung von 1939; 1940; 1949; 1959 und 1969. Ab 1959 war dieses Objektiv explizit auf den Bildkreis des Mittelformates 6x6 und auf die automatische Springblende hin optimiert worden. Die ältere Version mit dem Wechselsockel war eigentlich für das Stummfilmformat 18x24mm und das Kleinbild 24x36mm gerechnet; wurde aber in den 1950er Jahren gern mit einem Adapter von Kurt-Dieter Huffziger (Leipzig) an die Praktisix adaptiert. Als mittelformatige Portraitbrennweite mit automatischer Springblende ist das Sonnar 180 auch heute noch heiß begehrt. An der Spiegelcontax und mit Vorwahlblende braucht man allerdings einiges an Geduld und Übung, um zu brauchbaren Bildern zu kommen. Kaum hat man den Blendenring auf den Arbeitswert gedreht, ist das Motiv schon wieder aus der Schärfeebene entschwunden... ;-)

Mit dem besagten Adapter von Huffziger begannen Besitzer der Praktisix Ende der 50er Jahre, das alte Sonnar an dieser Mittelformatkamera zu verwenden. Anstelle eines langbrennweitigen Sportobjektivs für Kleinbild- und Normalfilmkameras, wurde es nun auf einmal zum gefragten Portraitobjektiv für das 6x6 Format. Dieser zweite Frühling des Olympiasonnars hält bis heute an.

Dieses 180er Sonnar mit  Vorwahlblende kostete in den 50er Jahren stolze 688,- Mark. Damit war es eines der teuersten Zeissobjektive jener Epoche. Aber es war natürlich auch eines der exklusivsten.

Sonnar 180 scheme
Sonnar 2,8/180mm
Sonnar 4/300mm

Sonnar 4/300mm



Im August 1938 wurde die Konstruktion eines Sonnars 4/300 abgeschlossen. Ich gehe davon aus, daß auch dieses Objektiv von Ludwig Bertele, dem Schöpfer aller Ernostare und Sonnare vor 1945, errechnet worden ist. Und zwar in Dresden – denn nach allem was mir bekannt ist, hat sich dieser geniale Geist nach der „Okkupation“ der Ernemannwerke stets erfolgreich gewehrt, nach Jena gehen zu müssen.


Ursprünglich war es dafür ausgelegt, wie das Olympiasonnar am Spiegelreflexansatz "Flektoskop" der Contax Meßsucherkamera verwendet zu werden. In dieser Ausführung wurde es dann auch auf der Frühjahrsmesse 1940 vorgestellt. Als Besonderheit wurde damals herausgestellt, daß dieses Objektiv mit einem "Grenzblendenanschlag" versehen war, bei dem man die Blendenzahl zuvor in einem Schauloch einstellte, dann bei offener Blende scharfstellte, bevor man kurz vor der Aufnahme nur noch die Blende bis zum vorgewählten Anschlag zu schließen brauchte [Vgl. Photographische Industrie vom 13. 3. 1940, S. 175.]. Damit dürfte das Sonnar 4/300 das erste Objektiv der Welt gewesen sein, das serienmäßig mit einer Einrichtung versehen war, die man später allgemein als Vorwahlblende bezeichnete. Bereits wenige Wochen nach der Frühjahrsmesse 1940 wurde das Sonnar 4/300 noch einmal neu gerechnet und in dieser Version bis Mitte der 1960er Jahre hergestellt. Noch vor Auslaufen der alten Version mit Vorwahlblende  wurde 1963/64 das 300er Sonnar optisch und mechanisch so umkonstruiert, daß es wie das 180er direkt an die Praktisix paßte sowie einen extrasteilen Schneckengang und eine Springblende zu bieten hatte. In dieser Konfiguration war das Sonnar 4/300 ASB ein sehr hochwertiges und, abgesehen von einer gewissen Streulichtanfälligkeit, optisch sehr leistungsfähiges Objektiv. 

Jena Sonnar 4/300 an Praktina

Unten sind die Linsenschnitte des 300er Sonnars in der schwarzen Fassung mit Vorwahlblende (Rechnung von 1940) und der "Zebraversion" mit Vollautomatischer Springblende (1963) nebeneinander gezeigt. An der alten Version fällt auf, daß sämtliches Glasinventar VOR der Blende zu finden ist, die Blende also den Abschluß des optischen Systems bildet. Mit Einführung der Springblende, die sehr leichtgängig sein muß und keinesfalls verschmutzen darf,  war diese Situation freilich nicht mehr tragbar, sodaß  hinter der Blende eine Planplatte eingefügt wurde. Desweiteren fällt auf, daß zwischen dem zweiten und dem dritten Element ein hauchdünner Luftspalt eingeführt wurde. Dieser Luftspalt wird durch drei dünne Aluminiumplättchen, die am Rand zwischen den beiden Glasblöcken um 120 Grad versetzt angebracht sind, mit hoher Genauigkeit eingehalten. Diese Präzision war notwendig, weil die Dicke des Luftspalts Teil der optischen Rechnung des Zebra-Sonnars gewesen ist. Das verlangte nach außerordentlich großer Sorgfalt bei der Montage dieses schweren Objektives!

Sonnar 4/300mm Schema
Sonnar 4/300mm Zebra

Denn leider waren diese beiden 300er Sonnare durch die riesigen Glaskörper, die zudem noch recht enge Krümmungshalbmesser aufwiesen, sehr aufwendig und teuer in der Fertigung. Je stärker die Oberflächen einer Linse gekrümmt sind, um so weniger Elemente lassen sich nämlich auf eine Schleifschale kitten und gleichzeitig bearbeiten. Außerdem hat man bei dicken Linsen großen Durchmessers das Problem, die nötige Menge lauteren Glases zu besorgen. Kleinste Unterschiede in der Homogenität  sorgen dann dafür, daß große Mengen unglaublich aufwendig hergestellten optischen Glases am Ende verworfen werden müssen, oder – noch schlimmer – es wird mitten im Herstellungsprozeß festgestellt, daß die Bearbeitung einer Linse abgebrochen werden muß. „Glas schlecht“ steht dann lapidar im Auftragsbuch.

MC Sonnar 4/300 scheme

Dies mag der Hauptgrund dafür gewesen sein, daß das Sonnar 4/300 im Jahre 1974 komplett neu konstruiert worden ist. Es hieß zwar noch „Sonnar“, war aber keins mehr. Es handelte sich nun um einen echten Teletyp, der aus vergleichsweise dünnen Linsen mit großen Krümmungsradien aufgebaut war. So etwas ließ sich leichter schleifen und montieren. Außerdem wog das gesamte Objektiv mehrere hundert Gramm weniger und konnte nun obendrein mehrschichtvergütet werden. An die Bildleistung der Zebra-Version kam diese Neurechnung allerdings nicht mehr heran!


Einen ausführlichen Vergleich der beiden Sonnare untereinander und mit dem Orestegor 4/300 von Meyer Optik findet man übrigens unter der Rubrik Objektivtests. Das alte Sonnar mit Vorwahlblende und Wechselsockel kostete übrigens im Jahre 1956 stolze 816,- Mark!






Robert Geißler und ein Flektogon 2/35mm (?)



Am Schluß noch ein Objektiv, das leider nicht in die Produktion gelangte. Es wurde auch nicht in Jena entwickelt, sondern im VEB Zeiss Ikon Dresden. Erfinder war ein gewisser Robert Geißler. Da über diesen wichtigen Mann sonst nichts weiter zu finden ist, möchte an dieser Stelle seine Leistungen etwas umfangreicher würdigen:


Robert Geißler scheint bereits vor 1945 in der Optikabteilung der Zeiss Ikon AG tätig gewesen zu sein. Schon aus dem Jahre 1943 ist ein Patent zu einem langschnittweiten Sucheroular auf seinem Namen angemeldet worden [DD1394], das möglicherweise Teil des Syntax-Projektes gewesen ist. Es deutet einiges darauf hin, daß Geißler in Dresden möglicherweise ein Assistent Ludwig Berteles gewesen ist. Jedenfalls entwickelt Geißler nach dem Kriege das Sonnar weiter [DD4228; 1951], schafft afokale Vorsätze zur Verkürzung der Brennweite eines Einbauobjektivs [DD17.864, 1954] sowie ein Projektionsobjektiv mit veränderlicher Brennweite [DD8763; 1952]. Seine bedeutendste Leistung dürften allerdings die Pentovare des VEB Zeiss Ikon gewesen sein. Die frühesten Hinweise auf die Entwicklung von Varioobjektiven für Filmkameras liefern zwei westdeutsche Gebrauchsmuster Nr. 1.715.052 und 053 vom September 1953, die jeweils den variablen afokalen Vorsatz bzw. das zugehörige Grundobjektiv beschreiben, die beide zusammen das pankratische System ergeben. Aufgrund der in diesen Gebrauchsmustern angegebenen Daten ist ersichtlich, daß es sich um das Zeiss Ikon Pentovar 2/30-120mm handelt das wohl erste Zoomobjektiv für den 35mm Kinofilm. Dieses Pentovar kam übrigens erstmalig in dem DEFA-Film "Die Geschichte vom Kleinen Muck" zum Einsatz [Vgl. Sbrzesny, Peter: Aufnahmen mit dem Pentovar in der Filmpraxis; in: Bild & Ton, Heft 7/1956, S. 180]. Bei den Szenen im Katzenhaus ist der Fahreffekt eindeutig erkennbar. Unten sieht man das Ungetüm an einer Debrie Parvo L.

Zeiss Ikon Pentovar 2/30-120mm

Aus den obigen Gebrauchsmusteranmeldungen ist nicht ersichtlich, daß Robert Geißler der Erfinder des Pentovar ist. Doch am 6. Oktober 1956 wurden in der DDR [Nr. DD18.265] und der in Bundesrepublik [Nr. DE1.097.711]  jeweils Patente angemeldet, in denen als Erfinder Geißler benannt wird. Charakteristisch wiedererkennbar ist der vordere, afokale Teil, der stehts gleich aufgebaut ist; nur die Grundobjektive unterscheiden sich im Aufbau merklich. Die Patente dürften angemeldet worden sein, als das Pentovar 2,8/15-60mm auf den Markt kam, das für die 16mm-Spiegelreflexkamera AK16 bzw. Pentaflex 16 gedacht war. Auch dieses Zoom wurde in Dresden durch die Zeiss Ikon hergestellt.

Pentovar 16

Im Gegensatz zu den beiden Pentovaren für 35mm- und 16mm-Kinofilm wurde das Pentovar 2/8-32mm für die Pentaflex 8 Schmalfilmkamera im VEB Carl Zeiss Jena hergestellt. Ob Herr Geißler daran noch beteiligt war ist unklar, denn sein letztes Patent Nr. DD29.575 vom 17. November 1959, das erst Mitte der 60er Jahre veröffentlicht wurde, weist den Erfinder bereits als verstorben aus. Dabei beinaltet diese Schutzschrift eine Linsenlage für ein lichtstarkes Weitwinkel 1:2,0 mit 65 Grad Bildwinkel für Spiegelreflexanwendung. Dieses Objektiv mit seinen sieben einzelnstehenden Linsen wäre sehr modern aufgebaut gewesen. Leider sollte weder der Erfinder noch der VEB Zeiss Ikon die Herstellung dieses Retrofokus-Weitwinkels noch erleben.

DD29.575 Geißler Retrofokus

Marco Kröger 2016


letzte Änderung: 23. August 2019