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Carl Zeiss Jena 1950er

Biotar 1,5/75mm: Das "Nachtobjektiv"

Dieses hochlichtstarke Objektiv aus dem Rechenbüro Willy Mertés geht auf das Jahr 1938 zurück und war eine echte Sensation. Es ging an die Grenze des mit den damaligen Mitteln Machbaren. Zur Erinnerung: Wir befinden uns in einer Zeit, als die stupide Durchrechnung optischer Systeme von Menschen bewerkstelligt werden mußte. Keine Computer, keine automatisch korrigierenden Programme. Allenfalls mechanische Rechenmaschinen. Das Ergebnis war so ausgereift, daß dieses Objektiv fast 20 Jahre lang unverändert gebaut wurde. Nur der Transparentbelag und die Vorwahlblende wurden nach 1945 ergänzt. Das Biotar kostete in den 50ern stolze 472,- Mark (vor der ersten großen Preissenkung im vierten Quartal 1953 offenbar gar 527,- Mark). Der letzte Katalogpreis von 1970 für Restexemplare mit Exakta Bajonett lag bei 395,- Mark. Möglicherweise könnte es sich dabei um die seltenen Modelle mit schwarzer Fassung gehandelt haben.

Jena Biotar 1,5/75
Contax E mit Biotar 1,5
Jena Biotar 1,5/75 scheme
Biotar 1,5/75 Beispielbild

Heute ist dieses Objektiv gefragt, weil es eben doch noch nicht so perfekt auskorrigiert ist, wie moderne computerberechnete Systeme, und der verbliebene Rest an Abbildungsfehlern zu einer ganz eigentümlichen Abbildungscharakteristik führt, die sich mit Worten nicht beschreiben läßt. Deshalb an dieser Stelle mal ein Beispielbild. Das Biotar war nur ganz leicht auf etwa 1:2,0 abgeblendet, um an dem Sommertag (August 2014) noch mit der 1/1000 Sekunde kürzester Verschlußzeit der Praktina auszukommen.

 

Bei diesem Bild wird die außergewöhnlich plastische Wirkung des Biotars deutlich. Die war hier auch besonders wertvoll, weil sich nur deshalb das Hochzeitspaar von dem extrem unruhigen Hintergund abheben ließ. Im Vergleich mit Aufnahmen, die andere mit Digitalkameras und abgeblendeten Zoomobjektiven gemacht haben, wo das Paar regelrecht am Wirrwar des Hintergrundes zu kleben scheint, sorgen allein die eigentümlichen geometrischen Veränderungen an den unscharfen Bildbereichen für einen deutlichen Freistellungseffekt. Was das Scharfstellen betrifft sollte man allerdings schon ein wenig geübt sein. ;-)

Tessar 4,5/40mm

Dieses Zusatzobjektiv geht wie das Biotar auf das Jahr 1938 zurück. Welche Tür die Kleinbild-Exakta damals aufgestoßen haben muß, kann man daran ablesen, wie schnell die Objektivhersteller mit speziell für diese Kamera ausgerichteten Objektiven reagierten. Denn dieses Objektiv ist explizit für die Spiegelreflex geschaffen worden. Der Klappsiegel der einäugigen Reflex braucht aus rein mechanischen Gründen so viel Raum, daß die Brennweiten nicht kürzer als ca. 38mm werden können, sonst würde dieser schlicht an der Rücklinse anstoßen. Mit 40mm Brennweite war also zu dieser Zeit die kürzeste Brennweite eines Weitwinkelobjektivs erreicht.

Tessar 4,5/40mm

Dieses Tessar 40mm war eines der ersten Objektive, die in Jena nach dem Kriege neu berechnet und damit der aktuellen Glastechnologie angepaßt worden sind (April 1948). Herausgekommen ist ein Objektiv, das wohl einen der besten Kompromisse zwischen Preiswürdigkeit und Bildleistung darstellt. Es kostete in den 1950er Jahren vergleichsweise moderate 184,- Mark und macht heute selbst an einem digitalen Vollformatsensor eine gute Figur. Das ist schlicht der Tatsache geschuldet, daß es sich in der Lichtstärke bescheidet. Dadurch konnte man beim Tessartyp bleiben, der sich nicht nur auf dem Papier hoch auskorrigieren läßt, sondern den man auch noch in der Massenfertigung mit konstanter Qualität fabrizieren kann. Denn es gilt der alte Spruch: Es genügt nicht, ein hochwertiges Objektiv zu berechnen; man muß es auch herstellen können!

Tessar 4,5/40mm

In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis, der übrigens auch für andere M42-Objektive aus dieser Zeit gilt (wie dem Biotar 1,5/75 oder dem Flektogon 2,8/35): Diese Ojektive haben einen Rand hinter dem Gewindeanschluß, der konisch zuläuft und eigentlich das Ansetzen des Objektives an die Kamera erleichtern sollte. Als ab 1956 bei der Praktica FX2 die Blendenautomatik eingeführt wurde, war dieser Rand im Wege, sodaß der Betätigungsmechanismus im Spiegelkasten abschaltbar ausgeführt wurde. Das wurde bei allen Prakticas mit Tuchverschluß beibehalten. Mit Einführung der L-Reihe 1969 wurde die Abschaltbarkeit aufgegeben, mit der Folge, daß diese alten Objektive mit dem Rand nicht mehr verwendbar waren. Die Kamera blockiert dann regelrecht. Deshalb wurden bei vielen dieser Objektive dieser Rand - mal mehr, mal weniger professionell - nachträglich entfernt oder nur eingekerbt (siehe rechtes Bild). Damit waren diese Objektive auch weiterhin an den neuen Modellen der Praktica verwendbar. Auch für die Benutzung am M42-Adapter der Praktica B (sowie an einigen Adaptern für Digitalkameras) ist diese Modifikation unabdinglich.

Flektogon 2,8/35mm

Bei einer Bilddiagonale von 43,3mm sind natürlich 40mm Brennweite kein wirkliches Weitwinkel. Mit dem Biogon 2,8/35mm hatte Ludwig Bertele schon in den 30er Jahren gezeigt, daß lichtstarke Objektive mit mehr als 60 Grad Bildwinkel durchaus im Bereich des Machbaren liegen. Allerding war dieses Objektiv für die Spiegelreflexkamera gänzlich ungeeignet, denn seine Rücklinse reichte bis kurz an die Verschlußvorhänge. Ein Weitwinkel für die Reflexkamera müßte so konstruiert sein, daß trotz der kurzen Brennweite noch genügend Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel frei bleibt, damit der Spiegel nicht anschlägt. Schnittweite nennt der Fachmann diesen Abstand zur Brennebene.

Flektogon 35mm version 1950
Flektogon 2,8/35 scheme

Eine Verlängerung dieser Schnittweite ist möglich, wenn man einem kurzbrennweitigen Grundobjektiv ein zerstreuend wirkendes Glied vorsetzt. Beim Flektogon 2,8/35mm besteht das Grundobjektiv aus dem Biometar 2,8/35 und einem in größerem Luftabstand vorgesetzten zerstreuenden Meniskus beachtlichen Durchmessers. Im Prinzip ähnelt ein solches als „Retrofokus“ bezeichnetes Weitwinkelobjektiv einem umgedrehten Teleobjektiv. Statt aber die Hauptebenen nach vorn zu verlegen, damit der Teletyp möglichst nah an die Brennebene gerückt werden kann, wird beim Retrofokus quasi der umgekehrte Weg beschritten und die Schnittweite verlängert.

Die Errechnung eines solchen Objektives war zur damaligen Zeit offenbar kein Pappenstiel. Die erste Rechnung vom August 1949 wurde nur in zirka 250 Exemplaren gefertigt. Hier war das Grundobjektiv noch aus sechs Linsen zusammengesetzt. Die heute bekannte Form des Flektogons 35mm wurde im Februar 1952 geschaffen. Auf Basis dieser Rechnung begann ab 1953 die erste nennenswerte Serienfertigung dieses Weitwinkelobjektives. Beide Versionen sind durch die Patentschriften 10.604 (DDR; 8. März 1953) und 953.471 (BRDtld.; 20. Dez. 1953), sowie ferner in den USA und Großbritannien (1955) geschützt worden.

Flektogon 2,8/35

Das hier abgebildete Flektogon stammt aus jener Bauserie, erkennbar am noch fehlenden Filtergewinde (Aufgrund des großen Bildwinkels brauchte man Filter in W-Fassung, die anfänglich nur als Aufsteckfilter geliefert wurden. Später gab es diese auch zum einschrauben). Schon 1955 wurde das Flektogon wieder neu gerechnet (und 1956 eine Version nur für die Werra). Eine letzte Neuberechnung fand im Jahre 1960 statt. Das war auch die „finale Version“ nach der das Flektogon 2,8/35 nun fast 25 Jahre unverändert gefertigt wurde.

 

Wieso auf einmal dieser Bruch im „Neuberechnungsreigen“? Nun, etwa ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre stand dem VEB Carl Zeiss JENA einer der ersten Computer auf deutschem Boden zur Verfügung, mit dem jetzt Objektivberechnungen automatisiert durchgeführt werden konnten. Mit dieser Optikrechenmaschine OPREMA konnten die riesigen Mengen an Parameterrechnungen, die durch Änderung von Linsenradien, -dicken, und Brechkräften bei einem sechslinsigen Objektiv in tausende – ja zehntausende – Rechenoperationen ausarten, schnell, fehlerfrei und ohne Ermüdungserscheinungen durchgeführt werden. Damit war es jetzt möglich, sich auf dem Gebiet der Fehlerbeseitigung einem Optimum anzunähern, wie es in dieser Art vorher nicht möglich war. Das bedeutet natürlich nicht, daß die älteren Versionen des Flektogons die schlechteren Objektive sind. Das Flektogon 2,8/35mm ist ein insgesamt sehr empfehlenswertes gemäßigtes Weitwinkel. In der oben abgebildeten Version der 50er Jahre kostete es damals 280,- Mark.

Das Flektogon 2,8/35mm ist bei vielen photographischen Praktikern beliebt, weil es sich sehr gut als Schnappschußobjektiv eignet. Insbesondere die sogenannte Zebra-Version mit ihrem extrasteilen Schneckengang ermöglicht ein flexibles Arbeiten mit diesem Werkzeug (mehr dazu bei den Objektiven der 1960er Jahre). Über die Bildwirkung braucht man wohl keine weiteren Worte verlieren. Photographiert von Avital Nathansohn, Israel, mit der Exakta Varex .

Flektogon 2,8/65mm

 

Kurz gesagt handelt es sich bei diesem Objektiv um die Mittelformat-Variante des obengenannten Flektogons 35mm. Die Konstruktion wurde bereits am 6. Januar 1950 abgeschlossen und bis zur Einstellung der Produktion im Jahre 1969 nie neu berechnet. Interessant ist ferner, daß es von Anfang an als Sechslinser ausgelegt war (rechter Linsenschnitt oben), während das 35er Flektogon in seiner ersten Ausführung damals noch aus sieben Linsen bestand.

 

Ursprünglich war es wohl für die Meister-Korelle gedacht. Die Produktion dieser Kamera wurde allerdings eingestellt, bevor die beiden Versuchsobjektive (Versuch 77 vom Frühjahr 1952) fertig waren. Zu einer ersten kleinen Serienfertigung kam es daher erst, als die gerade fertiggestellte Praktisix im Herbst 1956 auf der Photokina gezeigt wurde. Das Flektogon war also deren erstes Wechselobjektiv. Dabei war das Flektogon viermal lichtstärker als das Distagon 5,6/60mm zur damaligen Hasselblad 1000F.

Praktisix with Flektogon 65mm

Das ganz große Hochleistungsobjektiv ist dieses 65er Flektogon allerdings nie gewesen. Insbesondere nachdem 1960 das 4/50 herauskam, gingen die produzierten Stückzahlen zurück (ein paar Hundert je Produktionslos). Nachdem im Frühjahr 1969 noch einmal 1000 Stück montiert worden waren (im Zebra-Design), wurde dieses Objektiv anschließend endgültig aus dem Programm genommen. Der letzte Preis lag bei stolzen 412,- Mark.

Flektogon 2,8/65mm

Biometar 2,8/80mm

Dieses Objektiv ist ein Kind der unmittelbaren Nachkriegszeit (Rechnung vom September 1948). Das fünflinsige Biometar als vereinfachte Abwandlung des Biotars muß als eine der fortschrittlichsten Objektivkonstruktionen jener Zeit gesehen werden. Es handelt sich um einen ganz hervorragend auskorrigieren Anastigmaten, der eine hohe Brillanzleistung mit einem sehr feinen Auflösungsvermögen verbindet. Dabei war dieser Objektivtyp vom gemäßigten 35mm Weitwinkel bis zum lanbrennweitigen 120er Zusatzobjektiv universell einsetzbar. Die hervorragende Korrektur wurde dadurch erreicht, daß bei auf 1:2,8 beschränkter Lichtstärke das hintere Kittglied des Biotars durch einen sehr dünnen Meniskus mit sehr starken Krümmungshalbmessern ersetzt wurde. Dazu ist allerdings zu bemerken, daß sich solcherlei Linsen nur sehr schwer herstellen lassen. Insbesondere die Zentrierung solcher Menisken bereitet große Schwierigkeiten. Es kommt daher nicht von ungefähr, daß sich solche Linsenformen nur in Objektiven der profiliertesten Optikfirmen fanden, die nämlich in der Lage waren, solche Systeme mit der nötigen Präzision serienmäßig zu fertigen. Es kommt daher ebenso nicht von ungefähr, daß das Biometar 2,8/80mm sowie das Flektogon 2,8/35mm (in dem auch ein Biometar steckt) in der frühen Nachkriegszeit erst einmal nur in kleinen Auflagen gefertigt wurden. Solche hochauskorrigierten Anastigmate waren damals noch richtige Wertarbeit, die nur wenige Hersteller beherrschten. Es hat also auch fertigungstechnische Gründe, weshalb in den Angebotslisten zeitgenössischer Konkurrenzfirmen noch so viele Dreilinser oder maximal Tessartypen zu finden sind, die mit ihren vergleichsweise simplen Linsenformen viel einfacher zu beherrschen waren.

Biometar 2,8 scheme

Dieses Biometar 2,8/80mm mit seiner gegenüber dem Normalobjektiv leicht verlängerten Brennweite führt zu einer sehr günstigen Bildperspektive, die einen regelrecht dazu zwingt, Ausschnitte aus dem Motiv zu suchen. Es zählt zu meinen Lieblingsobjektiven. Übrigens sollte dieses „Kleinbild-Biometar“ 2,8/80 nicht mit dem Normalobjektiv gleichen Namens verwechselt werden, das ab 1957 für die Praktisix und später für die Pentacon Six geliefert wurde (Rechnung vom 5. 6. 1956). Letzteres ist für den Bildkreis des 6x6 Mittelformates korrigiert - erkennbar an der deutlich größeren Frontlinse. Mit diesem Objektiv konnte Prof. Zöllner das Tessar 2,8/80 ablösen, mit dessen Leistung er sehr unzufrieden war. Als absolut außergewöhnlich ist anzusehen, daß Zöllner letzteren Aspekt sogar in seinem Patent zum Biometar erwähnt. Wortwörtlich steht dort: "Außerdem sind die Abweichungen in der Meridionalkoma kleiner als bei dem in Abb. 2 zugrundeliegenden Objektiv von recht gutem Ruf, das bisher verwendet wurde." Damit war das Tessar gemeint. Es ist bekannt, daß sich Zöllner regelrecht gegen die politischen Funktionäre seines Betriebes durchsetzen mußte, weil letztere unbedingt den Markennamen Tessar erhalten wollten. Zumindest beim 80er Biometar mit seinem Bildwinkel von knapp 53 Grad konnte Zöllner sich durchsetzen. Ein zweites Biometar 1:2,8 mit 46 Grad Bildwinkel verschwand aber in der Schublade. Damit ist die Kleinbild-Variante gemeint und hier blieb es beim Tessar 2,8/50mm.

Oben die Kurven der meridionalen Farbquerkoma aus dem Patent des Biometars, das Zöllner am 15. Januar 1957 angemeldet hat (DD17.933). Die Kurven a, b und c stehen für die Farben rot, gelb und blau. Die besagte Abbildung 2 zeigt das Tessar, Abbildung 3 das neue Biometar. Man muß kein Experte sein, um die deutlich besseren Korrekturmöglichkeiten des Biometar-Typs zu erkennen.

Bei all diesen verschiedenen Biometaren kann man zugegebenermaßen leicht die Übersicht verlieren. Es existieren nämlich seit den späten 1950er Jahren ZWEI Biometare 2,8/80 ASB, die sich aber grundsätzlich voneinander unterscheiden. Dazu unten einmal der Vergleich der Frontlinsen beider Biometare, die zeigen, daß es sich wirklich um zwei völlig eigenständige Ausführungen handelt. Links ist das bekannte Mittelformatobjektiv abgebildet, das in unterschiedlichen Fassungsvarianten bis in die Wendezeit für die Pentacon Six angeboten wurde. Auf der Frühjahrsmesse 1959 wurde aber für die Praktina IIa ein neues Biometar 2,8/80 ASB vorgestellt, bei dem freilich nur die Fassung mit der vollautomatischen Blende neu war. Drin steckte weiterhin das oben beschriebene "Kleinbild-Biometar".

Biometare 2,8/80mm

Um die Verwirrung komplett zu machen, will ich aber nicht unerwähnt lassen, daß die Bezeichnung "Kleinbild-Biometar" nicht wirklich zutrifft. Vielmehr ist es offenbar so, daß auch die Rechnung von 1948 das Mittelformat auszuleuchten vermag, denn zwischen 1950 und 1952 wurden 2000 Exemplare dieser Version nach Braunschweig geliefert, um in die Rolleiflex eingebaut zu werden. Und noch ein Detail: Es gibt noch eine zweite Rechnung des "Kleinbild-Biometars" 2,8/80mm mit dem Abschlußdatum 9. Oktober 1950, die zwischendurch in kleineren Serien zugrundegelegt wurde, um anschließend wieder auf die Variante vom 22. September 1948 zurückzuwechseln. Wieso diese zweite Rechnung existiert und weshalb diese sporadisch eingesetzt wurde, das ist bislang ungeklärt.

 

Als Wechselobjektiv für die Kleinbildreflexkamera kostete das Biometar 2,8/80mm mit Vorwahlblende immerhin 248,- Mark. Das war vor der zweiten großen Preissenkung vom Frühjahr 1960 (eine erste war im Zuge des "Neuen Kurses" bereits 1954 vorausgegangen). So kommt es, daß die mechanisch aufgewertete Variante mit Vollautomatischer Springblende ganze drei Mark billiger kam, als der Vorgänger mit Vorwahlblende (also 245,- Mark). Für die Exakta und mit M42-Gewinde wurde dieses Kleinbild-Biometar noch bis Mitte der 1960er Jahre gefertigt - zum Schluß sogar noch in Zebra-Fassung. Leider war es nicht sehr gefragt, weil die Amateure lieber "ein richtig langes Tele" haben wollten und daher das ASB-Sonnar 3,5/135 vorzogen, das mit 229,- Mark sogar noch etwas billiger zu haben war. Schade drum, denn bei diesem Biometar handelt es sich um ein richtig hochwertiges Zusatzobjektiv auf das man sich immer verlassen kann und das sich sehr universell einsetzen läßt. So eignet es sich beispielsweise auch sehr gut für Nahaufnahmen, weil die gute Korrektur der Biometare auch bei größeren Abbildungsmaßstäben erhalten bleibt. Und wer sich einmal auf die mittellange Portraitbrennweite "eingeschossen" hat, der wird das Normalobjektiv zukünftig zuhause lassen.

Biometar 2,8/120mm

 

Noch ein weiteres Biometar wurde auf der Frühjahrsmesse 1959 als Neuheit vorgestellt, das mit einer 50 Prozent längeren Brennweite aufwartete. Auch dieses Objektiv wurde von Prof. Zöllner im Sommer 1956 abgeschlossen. Aber erst nachdem die Praktisix auf den Markt kam, wurde es ab 1958 serienmäßig gefertigt, sodaß es zum Zeitpunkt der Messevorstellung schon lieferbar gewesen sein müßte. Neu war eine Variante desselben Objektives für die Praktina IIa, das wegen des identischen Blendemmechanismus dieser beiden Kameras quasi nur nach hinten "verlängert" werden mußte, um das geringere Auflagemaß der Praktina auszugleichen. An der Gegenüberstellung der beiden Versionen wird auch klar, daß es sich beim Biometar 120mm nicht um ein Teleobjektiv handelt, sondern um ein "normal gebautes" Objektiv mit ziemlich langer Schnittweite, was zumindest am Kleinbild zu einer etwas ausladenden Bauart führt.

 

Dieser Umstand ist aber verschmerzlich angesichts der Tatsache, daß sich die Biometare als vereinfachte Abkömmlinge des Biotar-Doppelgaußtyps sehr hoch auskorrigieren ließen. Als Resultat hat man ein Universalobjektiv, dessen Bildleistung sich weitgehend unabhängig von der eingestellten Blendenöffnung und vom Abbildungsmaßstab zeigt. Das sieht man auch daran, daß diese Biometare noch 60 Jahre nach ihrer Errechnung geschätzte Mittelformatobjektive sind. Modernere Normalobjektive anderer Hersteller mit ihren sechs, sieben oder gar acht Linsen mögen in MTF-Diagrammen einen satten Vorsprung aufzubieten haben - in der photographischen Praxis relativieren sich diese Unterschiede aber zumeist, zumal der Preis letzterer um ein mehrfaches höher lag. Das Biometar 2,8/80 für die Praktisix kostete nach 1960 245,- Mark, das 120er 365,- Mark.

Biometare 120mm ASB

Die Biometare 80 und 120mm aus dem Jahre 1956 würde ich übrigens als typische Oprema-Objektive bezeichnen, weil davon auszugehen ist, daß bei ihnen die Korrektionsmöglichkeiten, die ihnen grundsätzlich innelagen, zum ersten Male vollkommen ausgeschöpft werden konnten. Dazu bedurfte es eines schnellen, automatisch arbeitenden Binärrechners anstelle der Hand- bzw. Kopfarbeit an einer elektrisch angetriebenen, mechanischen Rechenmaschine. Tiedeken gibt an, daß mit der alten Methode für eine einzige Durchrechnung des vierlinsigen Tessars 36 Stunden für eine Farbe - also mehr als hundert Stunden für das gesamte Spektrum - anzusetzen gewesen waren [Vgl. Tiedeken, Robert: Einiges aus der Arbeit des Optik Konstrukteurs, Bild und Ton Heft 7/1957, S. 176...179.]. Dieser unglaubliche Arbeitsaufwand läßt erahnen, wie sehr man sich bei der Optimierung eines Systemes beschränken mußte. Die Digitalrechner "OPREMA" und später der ZRA1 führten solche komplexen Rechenoperationen binnen Millisekunden durch. Es kam nur auf die entsprechende Programmierung an. Nun war es möglich, auch die sogenannten windschiefen Strahlen durchzurechnen, die das optische System durchtreten, ohne ein einziges mal die Achse zu schneiden. Diese Strahlen müssen aber untersucht werden, um vor allem die problematische Sagittal-Koma in den Griff zu bekommen. Der VEB Carl Zeiss Jena startete mit diesen verbesserten Forschungsmethoden in ein neues Zeitalter. Die Früchte dieser Grundlagenarbeit konnten allerdings erst nach 1960 in vollem Umfang geerntet werden. Mehr zu diesem Thema also im folgenden Zeitabschnitt.

Ganz weit vorn im internationalen Reigen der Objektivhersteller war der VEB Carl Zeiss JENA, als er ab 1959/60 eine komplette Objektivserie mit vollautomatischer Springblende anzubieten hatte. So auch dieses Biometar 2,8/120mm ASB für die Exakta Varex. Über die optischen Qualitäten dieser Objektive ist hier schon viel gesagt worden. Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die enormen Fortschritte im Bau von Objektivfassungen, die innerhalb derselben Epoche zu verzeichnen gewesen waren. Hier war viel Konstruktionsarbeit vonnöten und auch die Herstellung der Fassungen mußte nun auf einem ganz anderen Niveau erfolgen.

Triotar und Sonnar 4/135

Das Triotar 4/135mm ist für mich das rätselhafteste Kleinbildobjektiv von Carl Zeiss Jena. Es gehört zu denjenigen Objektiven, die 1938 im Zuge der aufkommenden Kleinbildspiegelreflex-Sparte neu geschaffen wurden. Ein Jahr später wurde die Konstruktion noch einmal neu berechnet. Rätselhaft ist es für mich deshalb, weil mit dem Sonnar 4/135 bereits seit 1931 ein langbrennweitiges Objektiv mit denselben Daten zur Verfügung stand. Dieses wurde für die Contax Sucherkameras angeboten. Nun könnte man meinen, das Sonnar hätte sich aus irgendwelchen Gründen nicht für die Spiegelreflexkamera geeignet und man habe daher zusätzlich das Triotar geschaffen, das mit seiner langen Schnittweite problemlos an jeder Kleinbildspiegelreflex verwendet werden kann.

Jetzt aber kommt das Verblüffende: Im Jahre 1957 wird das Sonnar 4/135 plötzlich in den Fassungen für die damals üblichen Kleinbildspiegelreflexkameras angeboten. Und zwar nicht, wie man annehmen könnte, nach einer Neuberechnung – nein, in einer Rechnung von 1937. Da fragt man sich doch, wieso man das nicht 20 Jahre vorher gleich so gemacht hat.

Triotar 4/135 Sonnar 4/135

Um nicht mißverstanden zu werden: das Triotar 135 ist ein herausragendes Objektiv. Hier hat man alles „herausgeholt“, was mit einer Tripletkonstruktion möglich ist. Im direkten Vergleich sieht man aber, daß das Triotar etwa die Hälfte länger ist als das Sonnar. Und damit ist es als lange Brennweite zum immer dabei haben ziemlich unhandlich geraten. Sonnare sind zwar keine "echten" Teleobjektive (sondern ebenfalls Abkömmlinge des Triplets), aber aufgrund ihrer inneren Brechkraftverteilung haben sie im Vergleich zu ihrer Brennweite eine kurze Baulänge. Da kann das Triotar nicht mithalten. Die drei Linsen befinden sich beim Triotar ganz weit vorn in Objektiv, der Rest des Tubus beinhaltet nichts als Luft. Vielleicht hat man das 1957 eingesehen, als man das gute alte Sonnar wiederentdeckte. Nach dem Wechsel zu diesem wird die Produktion des Triotars nämlich im darauffolgenden Jahr eingestellt.

Sonnar 4/135 scheme

Das Sonnar 135mm ist dagegen wohl das erfolgreichste Zusatzobjektiv, das Carl Zeiss Jena jemals hergestellt hat. Es wurde von Ludwig Bertele im Jahre 1931 zur Contax I geschaffen und bis zum Ende der Abteilung Photo des Zeisswerks nicht weniger als sechs Jahrzehnte lang hergestellt. Im März 1965 wurde zwar die Lichtstärke leicht auf 1:3,5 erhöht; am Grundaufbau dieses Sonnars änderte sich hingegen nichts. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit möglichst wenig Aufwand ein möglichst hochwertiges Objektiv zustande bringt, das selbst heute, 85 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, qualitativ zu überzeugen weiß.

Sonnar 2,8/180mm

Olympiasonnar

Über das Olympiasonnar muß man nicht viele Worte verlieren; das ist bereits an genügend anderen Stellen geschehen. Die erste Rechnung wurde am 12. Februar 1936 fertiggestellt. Wenn man gelegentlich davon lesen kann, daß dieses Objektiv bereits bei den Winterspielen 1936 zum Einsatz kam, dann müssen das Musterobjektive gewesen sein, denn wie man im „Thiele“ nachlesen kann, wurde die Fertigung der Nullserie am 18. Februar 1936 begonnen, zwei Tage nach der Schlußfeier.

Der regimetreue Bildberichterstatter Lothar Rübelt mit einem Musterexemplar des "Olympiasonnars" auf der namensgebenden Sportveranstaltung. Auch wenn man dem damaligen Zeitgeist entsprechend die Montierung auf dem Gewehrkolben als besonders chic empfunden haben mag, so war diese wohl kaum dazu geeignet, die Leistungen dieses Objektives voll auszuschöpfen - trotz der langen Entfernungmesser-Basis der eingesetzten Contax I (die Contax II und III wurde wenige Tage später vorgestellt).

Richtig durchsetzen konnte es sich eh erst, als für die Contax Meßsucherkamera ein Spiegelreflexansatz geschaffen worden war. 180mm Brennweite und eine Öffnung von 1:2,8 – das ist nur in Verbindung mit einer Mattscheibeneinstellung wirklich sinnvoll nutzbar. Denn dieses Objektiv war von Anfang an offenblendentauglich, auch wenn es dasjenige Jenaer Objektiv ist, das am meisten neu berechnet worden ist. Nach 1936 gab es eine Rechnung von 1939; 1940; 1949; 1959 und 1969. Ab 1959 war dieses Objektiv explizit auf den Bildkreis des Mittelformates 6x6 und auf die automatische Springblende hin optimiert worden. Die ältere Version mit dem Wechselsockel war eigentlich für das Stummfilmformat 18x24mm und das Kleinbild 24x36mm gerechnet; wurde aber in den 1950er Jahren gern mit einem Adapter von Kurt-Dieter Huffziger (Leipzig) an die Praktisix adaptiert. Als mittelformatige Portraitbrennweite mit automatischer Springblende ist das Sonnar 180 auch heute noch heiß begehrt. An der Spiegelcontax und mit Vorwahlblende braucht man allerdings einiges an Geduld und Übung, um zu brauchbaren Bildern zu kommen. Kaum hat man den Blendenring auf den Arbeitswert gedreht, ist das Motiv schon wieder aus der Schärfeebene entschwunden... ;-)

 

Dieses 180er Sonnar mit Vorwahlblende kostete in den 50er Jahren stolze 688,- Mark. Damit war es eines der teuersten Zeissobjektive jener Epoche. Aber es war natürlich auch eins der exklusivsten.

Sonnar 4/300mm
Sonnar 180 scheme
Sonnar 2,8/180mm

Sonnar 4/300mm

Im August 1938 wurde die Konstruktion eines Sonnars 4/300 abgeschlossen. Ich gehe davon aus, daß auch dieses Objektiv von Ludwig Bertele, dem Schöpfer der Ernostare und Sonnare errechnet worden ist. Und zwar in Dresden - denn nach allem was mir bekannt ist, hat sich dieser geniale Geist nach der „Okkupation“ der Ernemannwerke stets erfolgreich gewehrt, nach Jena gehen zu müssen. Bereits 1940 wurde das Sonnar 4/300 neu gerechnet und in dieser Version bis Mitte der 1960er Jahre hergestellt. Noch vor Auslaufen der alten Version wurde 1963 das 300er Sonnar optisch und mechanisch so umkonstruiert, daß es wie das 180er direkt an die Praktisix paßte, einen extrasteilen Schneckengang und Springblende zu bieten hatte. In dieser Konfiguration war das Sonnar 4/300 ASB ein sehr hochwertiges, und abgesehen von einer gewissen Streulichtanfälligkeit optisch sehr leistungsfähiges Objektiv.

 

Unten sind die Linsenschnitte des 300er Sonnars in der schwarzen Fassung mit Vorwahlblende (Rechnung von 1940) und der "Zebraversion" mit Vollautomatischer Springblende (1963) nebeneinander gezeigt. An der alten Version fällt auf, daß sämtliches Glasinventar VOR der Blende zu finden ist, die Blende also den Abschluß des optischen Systems bildet. Mit Einführung der Springblende, die sehr leichtgängig sein muß und keinesfalls verschmutzen darf, war diese Situation freilich nicht mehr tragbar, sodaß hinter der Blende eine Planplatte eingefügt wurde. Desweiteren fällt auf, daß zwischen dem zweiten und dritten Element ein hauchdünner Luftspalt eingeführt wurde.

Sonnar 4/300mm Schema
Sonnar 4/300mm Zebra

Leider waren diese beiden Sonnare durch die riesigen Glaskörper, die zudem noch recht enge Krümmungshalbmesser aufwiesen, sehr aufwendig und teuer in der Fertigung. Je stärker die Oberflächen einer Linse gekrümmt sind, um so weniger Elemente lassen sich auf eine Schleifschale kitten und gleichzeitig bearbeiten. Außerdem hat man bei dicken Linsen großen Durchmessers das Problem, die nötige Menge lauteren Glases zu besorgen. Kleinste Unterschiede in der Homogenität sorgen dann dafür, daß große Mengen unglaublich aufwendig hergestellten optischen Glases am Ende verworfen werden müssen, oder – noch schlimmer – es wird mitten im Herstellungsprozeß festgestellt, daß die Bearbeitung einer Linse abgebrochen werden muß. „Glas schlecht“ steht dann lapidar im Auftragsbuch.

MC Sonnar 4/300 scheme

Dies mag der Hauptgrund dafür gewesen sein, daß das Sonnar 4/300 im Jahre 1974 komplett neu konstruiert worden ist. Es hieß zwar noch „Sonnar“, war aber keins mehr. Es handelte sich nun um einen echten Teletyp, der aus vergleichsweise dünnen Linsen mit großen Krümmungsradien aufgebaut war. So etwas ließ sich leichter schleifen und montieren, außerdem wog das gesamte Objektiv mehrere hundert Gramm weniger und konnte nun obendrein mehrschichtvergütet werden. An die Bildleistung der Zebra-Version kam diese Neurechnung allerdings nicht mehr heran!

 

Einen ausführlichen Vergleich der beiden Sonnare untereinander und mit dem Orestegor 4/300 von Meyer Optik findet man übrigens unter der Rubrik Objektivtests. Das alte Sonnar mit Vorwahlblende und Wechselsockel kostete übrigens im Jahre 1956 stolze 816,- Mark!

Marco Kröger 2016