Feinoptisches Werk Görlitz

 

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VEB Pentacon Dresden, Betriebsteil Feinoptisches Werk Görlitz 1980er

Nichts wirklich Neues mehr gab es aus dem traditionsreichen Görlitzer Hause während der 1980er Jahre. Außer: Der Name des Betriebes wurde immer länger. Nach 1985 hieß er vollständigerweise „Volkseigener Betrieb Pentacon Dresden, Betrieb im Kombinat Carl Zeiss JENA, Betriebsteil VEB Feinoptisches Werk Görlitz“. So einfach war das also. Dahinter verbarg sich nichts anderes, als daß mit der Eingliederung von Pentacon in das Zeiss-Kombinat endlich auch der jahrzehntelang als Hauptkonkurrent angesehene Görlitzer Objektivfabrikant von Zeiss quasi durch die Hintertür „feindlich übernommen“ werden konnte. Das hatte Zeiss nicht einmal während kapitalistischer Zeit geschafft – da war man über Ernemann und Goerz nicht hinaus gekommen. Welch Ironie der Geschichte, daß gerade die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft der DDR marktwirtschaftliche Tendenzen der Monopol- und Trustbildung zur höchsten Vollendung geführt hatte. Natürlich waren die Mechanismen anders gelagert, als im Kapitalismus, aber das Endresultat ist bei naiver Betrachtung schon verblüffend. Auch andere ehemalige Mitbewerber wie die Rathenower Optischen Werke (vormals Emil Busch) waren lange schon im Zeiss-Kombinat aufgegangen. Zeiss war nun Monopolist innerhalb der optischen Industrie der DDR und die Entscheidungen über die Teilbetriebe wurden zentral in der Kombinatsleitung in Jena getroffen – und zwar letztlich in persona des Generaldirektors Wolfgang Biermann. Von solch einer Position jedenfalls hätten die Betriebsführer Rudolf Straubel bzw. August Kotthaus während der Zwischenkriegszeit allenfalls zu träumen gewagt.

Gleichermaßen gehaßt und gefürchtet: Der Kombinatsdirektor Wolfgang Biermann. Arbeitswütig, Kontrollfanatiker, Autokrat. Man mag ihm zugute rechnen, daß er den VEB Carl Zeiss JENA während seiner Führung zu einem der wenigen DDR-Betriebe gemacht hat, die auch ohne Schönung schwarze Zahlen geschrieben haben. Aber zu welchem Preis? In Jena wurden Prestigeprojekte wie der Megabitspeicherchip U61000 durchgedrückt, damit Erich Honecker und Günter Mittag etwas hatten, mit dem sie sich brüsten konnten. Die exorbitanten Anstrengungen, die dafür nötig waren, wurden mit harter Hand und zum Teil persönlicher Diffamierung der untergeordeten Leitungsebene erzielt. Das Betriebsklima wird von Zeitzeugen als zerrüttet beschrieben. Und die ehedem stolzen Kamera- und Objektivbaufirmen in Dresden und Görlitz wurden nach 1985 zu bloßen Betriebsteilen und Befehlsempfängern der Jenaer Kombinatsleitung degradiert. Jegliche Eigeninitiative ermattete jetzt endgültig. Der Staat und seine Wirtschaft waren nun in einer vollständigen Erstarrung angelangt, an der letzten Endes beide zugrunde gehen sollten. Bild: Gerhard Kiesling, Deutsche Fotothek.

Aber zurück nach Görlitz. Ich habe im Abschnitt zu den 1970er Jahren behauptet, das Pentacon auto 4/200mm sei die letzte Neukonstruktion dieses Werkes gewesen, die wirklich in die Produktion gegangen sei. Ganz stimmt diese Aussage nicht. Im Zuge der Einführung des Praktica B-Bajonettes wurde nämlich das alte Orestegon 2,8/29 neu berechnet. Der Grundaufbau mit sieben einzelnstehenden Linsen blieb zwar derselbe, aber sowohl die Linsenformen änderten sich leicht, als auch die Position des Blendenkörpers. Dieser wanderte nun genau zwischen streuendem und sammelndem Teil - also eine Linse weiter vor. Offenbar wurden auch andere Gläser eingesetzt, denn nicht nur die Brennweite verkürzte sich auf übliche 28mm, sondern auch die Bildqualität konnte um einiges verbessert werden. Das Prakticar 2,8/28mm ist wirklich ein sehr gutes Weitwinkelobjektiv. Mit 471,- Mark (gegenüber 227,- in der M42-Variante) hatte sich aber auch hier der Preis verdoppelt. An diesem Punkt wird auch verständlich, wieso das aufwendige Jenaer Prakticar 2,4/28mm nicht in Serie gefertigt wurde. Dieses hätte sicherlich noch einmal das Doppelte gekostet.

 

Auch an die Stelle des nicht serienmäßig produzierten Prakticar 2,8/200 sollte ein Görlitzer Prakticar 4/200 treten, das auf dem 1979 erschienen Pentacon auto 4/200 basieren sollte. Leider kam es aber ebenso bei diesem Objektiv nur zu einer Kleinserie, sodaß für die Praktica B kein 200er erhältlich war. Das Prakticar 4/200 hätte 647,- Mark kosten sollen, so viel kann man aus zeitgenössischen Preislisten jedenfalls noch berichten.

 

Es wurde während der 80er noch an einem Spiegeltele und an einem Standardzoom gearbeitet, aber hier kam offenbar nichts über den Prototypstatus hinaus. Fertigungskapazitäten hatte man offensichtlich ohnehin keine. Soweit ich das zu diesem Zeitpunkt sagen kann, wurden die Görlitzer Normal- und Wechselobjektive überwiegend oder ausschließlich bei IRO in Bukarest gefertigt, wo seit Ende der 60er Jahre sukzessive entsprechende Fertigungsmöglichkeiten geschaffen worden waren. Der Objektivbau war und ist nach wie vor ein ziemlich arbeitsintensives Metier mit einigem Montage- und Prüfaufwand und in Görlitz hatte man dafür offenbar immer weniger Personalkapazität zur Verfügung. Und auch der Kostendruck schien sich im RGW langsam als Phänomen zu etablieren. Ab der zweiten Hälfte der 80er wurden bei Pentacon-Objektiven Materialeinsparungen durchgesetzt, die ihren Ausdruck in den sogenannten rationalisierten Fassungen („Ratio“) finden. Hier wurde das Metall der äußeren Fassungsteile und des Blendenrings durch Kunststoff ersetzt. Auch der sehr griffige und gestaltungsmäßig gefällige genoppte Gummi am Meterring wurde eingespart. Hier wurde nur noch ein Griffraster ins Plaste gepreßt. Wirklich schlechter wurden die Objektive dadurch nicht, aber für den aufmerksamen Beobachter büßten sie doch einiges an Exklusivität ein. Der Preis blieb aber ausdrücklich derselbe. „Ratio“ wurde für den DDR-Bürger also zu so etwas wie „Gebrauchswerterhöhung“, nur ohne Preisanstieg. ;-)

Prakticar 2,8/28mm Metallfassung
Prakticar 2,8/28mm Kunststofffassung

Oben ein Vergleich zwischen der Metallfassung mit genopptem Gummiring und der "Ratiofassung" mit weitgreifendem Kunsstoffeinsatz am Beispiel des Prakticars 2,8/28mm. Zu diesen Objektiven gleich noch eine weitere Anmerkung: In der Wendezeit und kurz nach der Wiedervereinigung wurden Varianten beispielsweise des obigen 2,8/28mm entweder als "Carl Zeiss Jena P" oder sogar als "Meyer Optik, Made in Germany" auf den Markt gebracht. Es dürfte klar sein, daß es sich dabei um die bekannten Prakticare mit lediglich anderer Aufschrift handelt. Zum genauen Hintergrund dieser Varianten kann man aber bislang nur spekulieren. Nachdem das Kombinat Pentacon 1985 aufgelöst und die Teilbetriebe ins Kombinat Carl Zeiss JENA eingegliedert worden waren, hätte man theoretisch jetzt überall Zeiss Jena draufschreiben können. Zum Teil tat man das wohl auch für bestimmte Exportmärkte. Nach Hinweisen rumänischer Photofreunde wurden die Pentacon Prakticare (nicht die von Zeiss!) aber zum Schluß allesamt in Bukarest gefertigt. Das würde auch erklären, weshalb noch neue, andersartig gelabelte Objektive der bekannten Bauart in den Handel kamen, nachdem die Fertigungsstätten in Dresden und Görlitz mittlerweile längst dichtgemacht worden waren.

Statt hier Neuerungen aus Görlitz zu präsentieren, kann ich also über die 80er Jahre nur abschließend konstatieren: In der DDR wurde der Trend hin zu Varioobjektiven verschlafen. Das spürte allerdings nur der Anwender auf den Ostmärkten. Schon seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurden nämlich dem Praktica-Besitzer des westlichen Auslandes japanische Zooms zur Verfügung gestellt. Da diese Objektive sogar mit elektrischer Blendenwertübertragung geliefert wurden, kann man davon ausgehen, daß Pentacon eng mit den Objektivherstellern kooperierte und Lizenzen für die Blendenelektrik vergeben hat. So listen Kataloge und Broschüren, die eindeutig für den bundesdeutschen Konsumenten gemacht waren, noch zu Zeiten, als der M42-Anschluß aktuell war, Objektive wie ein Pentacon electric 2,8/24mm; 2,8/28mm; 3,5/200mm oder 5,6/300mm auf, die nachweislich nicht aus der DDR stammen. Da in besagten Prospekten auch ein "Pentacon electric ZOOM 3,5/39-80mm" verzeichnet ist, läßt sich heute ziemlich exakt die Provenienz dieser zusätzlichen Objektive bestimmen: Der Hersteller war Sigma. Mit dieser Firma scheint der DDR-Außenhandel in den Folgejahren recht eng kooperiert zu haben.

Abbildung der aktuellen Objektivpalette, die der DDR-Außenhandelsbetrieb "Heim-Electric" dem Westbürger feilbot. Diese Broschüre "Vielseitige Praktica", dessen Text von Werner Wurst verfaßt wurde, stammt aus einer Zeit, als gerade die Praktica EE2 herausgebracht worden war. Bunt gemischt unter die bekannten DDR-Objektive finden sich jene, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von Sigma stammen. In der zweiten Reihe ganz links das "verräterische" Zoom 3,5/39-80mm. Nicht mit abgebildet, aber in einer Liste erwähnt, ein weiteres Zoom mit dem Brennweitenbereich 70-230mm bei einer durchgehenden Lichtstärke von 1:4,5. Beide Zooms hatten elektrische Blendenwertübertragung zu bieten.

Diese Zusammenarbeit mit Sigma scheint intensiviert worden zu sein, als Anfang der 80er Jahre auf das neue Praktica Bajonett umgestellt wurde (und im Zuge dessen der M42-Anschluß mit Blendenelektrik recht abrupt beerdigt wurde). Das Kalkül von Pentacon Dresden bzw. dem DDR-Außenhandel scheint offenbar darin gelegen zu haben, einerseits die verfügbare Objektivpalette größer erscheinen zu lassen, und andererseits natürlich dieselbe mit Varioobjektiven zu ergänzen, deren Bereitstellung die Volkseigene Industrie nicht leisten konnte. So kommt es, daß von der Firma Sigma mannigfaltige Ausführungen von Zoomobjektiven zu finden sind, die allerdings oftmals unter dem Markennamen "Pentacon" vertrieben wurden. Überdies waren jene Zooms teilweise derart an die Fassungsgestaltung der DDR-Objektive angepaßt (z.B. typische genoppte Gummigriffelemente), daß nur Eingeweihte den wahren Hersteller identifizieren konnten.

Oftmals als "Pentacon Prakticar", aber auch immer wieder unter dem Namen des Originalherstellers, sind im Westen die Varioobjektive von Sigma vertrieben worden. Das sehr kompakte 3,5-4,5/35-70mm wurde übrigens in einem kleinen Kontingent in die DDR importiert und war hier in den späten 80er Jahren in ausgewählten Geschäften (zum Beispiel im Zeiss Industrieladen am Alexanderplatz) für viel viel Geld - aber immerhin für DDR-Mark! - zu haben.

Neben Zoomobjektiven hatte Sigma bis Mitte der 90er Jahre noch einige manuell zu fokussierende Festbrennweiten im Angebot, deren Brennweitenbreich von den Originalherstellern entweder nicht abgedeckt wurde, oder deren Verkaufspreise für Amateure nicht erschwinglich waren. Im Gegensatz zu den Originalherstellern waren Fremdanbieter wie Sigma nicht auf ihren hauseigenen Objektivanschluß beschränkt, sondern statteten ihre Objektive mit allen möglichen Bajonetten aus. Durch die auf diese Weise erzielten großen Produktionsziffern eines Objektivtyps lagen selbst außergewöhnliche Sonderobjektive wie das unten gezeigte Ultraweitwinkel 3,5/14mm durchaus noch im Budget des engagierten Photoamateurs. Ich will hier nicht in die Debatte einsteigen, ob diese Fremdanbieterobjektive optisch mit denjenigen der Originalhersteller mithalten konnten oder nicht. Mich fasziniert aber stets aufs Neue die mechanische Ausgestaltung der Objektive, die konstruktiv so ausgelegt waren, daß der Grundkörper des Objektives mitsamt seiner Blendenautomatik eine Einheit darstellte, die meist ohne großen Umbauaufwand mit verschiedenen Bajonett-Anschlußstücken harmonierte, obgleich die jeweilige Form der Springblendenbetätigung, der Offenblendenübertragung u. ä. Einrichtungen von Kamerahersteller zu Kamerahersteller teils stark voneinander abwichen. Das verbilligte die Produktion extrem und ermöglichte dem Fremdanbieter, rasch auf die Nachfrageentwicklung im Kameramarkt zu reagieren. Auch Firmen wie Tokina oder die Hersteller "in der dritten Reihe" wie Kiron, Cima, Ozone, Sun Optical usw., die nur selten unter ihrem eigenen Namen verkauften, verfuhren in ähnlicher Weise, nur daß letztere meines Wissens keine Objektive mit Praktica-Bajonett im Programm hatten.

Sigma 3,5/14mm an der Praktica B200, Fujicolor 100, Blende 8.

Nicht unerwähnt sollte man lassen, daß zumindest für Praktica B (offenbar aber auch für M42 electric) ein Adaptall-Adapter des bekannten japanischen Objektivherstellers Tamron existierte. Damit hatte der Praktica-Nutzer des westlichen Auslandes vollen Zugang zum breiten Portfolio dieses Anbieters, der teils sehr hochwertige Zoomobjektive herausgebracht hat. Ähnlich wie bei Sigma war die Modellfolge aber geradezu atemberaubend. Bedingt durch den raschen technischen Fortschritt und die gegenseitige Konkurrenzsituation haben Sigma und Tamron ihre Fabrikate oft nach kurzer Zeit wieder überarbeitet, aus dem Programm genommen oder durch andere Modelle ersetzt. Das hat zu einem sehr unübersichtlichen Wust an unterschiedlichen Objektiven geführt, den man heute kaum noch überblicken kann, wenn man keine Originalliteratur zur Hand hat.

 

Das Praktische am Tamron System ist, daß man problemlos verschiedene Objektive ausprobieren kann, wenn man erst einmal das entsprechende Adaptall-Anschlußstück für sein Kamerasystem besitzt. Jenes kann sogar an der Kamera verbleiben, weil Adapter und Objektiv ihrerseits gleichsam mit einem vereinheitlichten Schnellwechselbajonett verbunden sind, das einen raschen Objektivtausch ermöglicht. Neben den vielen Zooms, die damals in den 80ern vielleicht als chique galten, heute aber wegen ihrer veralteten Bauweise schon wieder uninteressant sind, hatte Tamron bis weit in die 90er Jahre hinein noch einige Festbrennweiten im Weitwinkel-, Makro- und Telebereich im Programm.

Links ein 4,5/85-210mm, rechts ein 2,8-3,5/35-80mm von Tamrom mit dem Wechseladaptersystem "ADAPTALL" aus frühen Jahren mit sehr hochwertigen Metallfassungen. Zur Zeit der Praktica BX20 wurde dann allerdings desöfteren Kunststoff eingesetzt (unten).

Nach der Wende dominierten dann die vergleichsweise billigen Zooms des koreanischen Herstellers Samyang, die meist nur bescheidene Qualitätsansprüche zu erfüllen vermochten. Eine Ausnahme ist das unten gezeigte Superweitwinkel-Zoom Prakticar 4-4,5/18-28mm, das in der Praxis für interessante Bildeffekte sorgen kann.

Es muß wohl ebenso nach 1990 gewesen sein, daß Objektive mit Praktica B-Bajonett auf dem Markt auftauchten, die ganz offensichtlich vom Japanischen Hersteller Cosina stammen. Diesen Anbieter muß man meiner Ansicht nach als den widersprüchlichsten seiner Zunft ansehen, denn er stieß zum einen billigste Kaufhausware in riesigen Mengen aus, gleichzeitig oder anschließend fabrizierte er aber auch sehr hochwertige, hervorragend verarbeitete Kameras und Objektive, die unter anderem unter Markenzeichen wie "Zeiss" oder "Voigtländer" vertrieben wurden und werden. "Carl Braun", "Exakta" oder eben auch "Prakticar" sind weitere solcher Markennamen, die verwendet wurden, um die wahre Herkunft zu verschleiern, vom Image des Massenproduzenten abzulenken oder sich einfach mit den fermden Federn vergangener Reputation anderer (deutscher) Hersteller zu schmücken. Das ging sogar so weit, daß es aus der Wendezeit eine ganze Serie von (offensichtlich) Cosina-Objektiven gab, die mit einer Beschriftung "Carl Zeiss Jena" ("Jenazoom") und gleichzeitig "Japan" versehen wurden.

 

Man kann es natürlich für sehr fragwürdig erachten, wenn billige fernöstliche Massenware "Exakta" oder "Zeiss Jena" heißt, aber mit den traditionsreichen Standorten in Dresden und Jena Null Komma nichts zu tun hat. Andererseits aber waren nur auf diese Weise Dresdner Spiegelreflexkameras mit einigermaßen zeitgemäßen Objektiven bestückbar. Das unten gezeigte Prakticar 3,5-4,8/35-70mm ist nichts besonderes. Es gab von Cosina aber auch noch ein 28-210mm mit B-Anschluß, das für ein Superzoom erstaunlich gute Leistung zu bieten hatte. In der hellen Jahreszeit und bei der Verwendung eines mittelempfindlichen Filmes ersetzt solch ein Objektiv eine ganze Phototasche mit Festbrennweiten. Zoomobjektive wurden daher spätestens ab Mitte der 80er Jahre zu einem der wichtigsten Wachstumssektoren im Photohandel und indirekt zum großen Verkaufsargument für die gute alte Spiegelreflex. Und was das anbetrifft muß ich leider zum wiederholten Male konstatieren, daß die DDR Photoindustrie auf diesem Sektor nichts Eigenes zu bieten hatte und hoffnungslos auf fremde Technik angewiesen war. Vor diesem Hintergrund bleibt vom Stolz auf die "guten alten deutschen Markennamen" nicht mehr viel übrig.

Oben ein auch als "Prakticar" geliefertes Billigobjektiv von Cosina, das meist an den diversen "Kaufhauskameras" dieser Firma angebracht war und dessen Fassung hauptsächlich aus Plastik besteht. Unten ein Exakta 5,6-8/100-500mm Zoomobjektiv in einer hochwertigen Metallfassung, das nachweislich ebenso von Cosina stammt.

Bis in die 1990er Jahre wurden hochwertige Objektive von Cosina auch unter dem Handelsnamen "Vivitar Series 1" vertrieben. Ob sie direkt mit Praktica B-Bajonett geliefert wurden, ist mir nicht bekannt; allerdings lassen sie sich dahingehend umbauen. Ermöglicht wird dies durch eine vom Hersteller sehr geschickt ausgeführte Konstruktion, die es zuläßt, den entsprechenden Grundkörper des Objektivs erst bei der Endmontage auf das geforderte Bajonettsystem festzulegen. Zur Verdeutlichung dieser Variabilität zeige ich den Blendensteuering dieses "Vivitar 3,8-4,8/24-70mm". Er hat vier Steuerkurven, die es gestatten, das Objektiv beispielsweise ohne großen Aufwand an den korrekten Drehsinn des Blendenringes anzupassen, wie er bei den jeweiligen Kamerasystemen üblich ist.

 

Interessante Auskünfte erteilt uns übrigens auch die Seriennummer dieses Objektivs, die nach einem einheitlichen Schlüssel aufgebaut ist. Die "09" steht für den Hersteller Cosina, die weitere "9" verweist auf das Produktionsjahr 1989 und mit "33" ist die Kalenderwoche gemeint, in der es entstanden ist. Innerhalb dieser Woche war es schließlich das 46. Objektiv dieses Typs.

Nach diesem Exkurs möchte ich noch einmal auf den Görlitzer Hersteller zurückkommen. Es bleibt nämlich noch eine Entdeckung nachzutragen: Es scheint so, als sei das Nummerierungssystem der Pentacon-Objektive in der zweiten Jahreshälfte 1989 umgestellt worden; und zwar auf jenes Prinzip, das bei Carl Zeiss Jena seit Anfang der 80er Jahre verwendet wurde. Nicht mehr alle Objektivtypen wurden fortlaufend in einem gemeinsamen Nummernsystem untergebracht, sondern jeder Typ einzeln für sich gezählt. Geht man davon aus, daß wie bei Zeiss mit der Nummer 1000 begonnen wurde, dann haben wir es bei dem unten gezeigten Pentacon 2,8/29mm, das am 29. Dezember 1989 verkauft wurde, mit dem hundertundersten (bzw. hundertzweiten) Objektiv seit der Nummernumstellung zu tun. Und ziehen wir in Betracht, daß dieses Objektiv verkauft wurde, als gerade der Anfang vom Ende der DDR besiegelt worden war, so wird es plausibel, weshalb diese Objektive mit den niedrigen Seriennummern vergleichsweise selten anzutreffen sind.

Spätes Pentacon 2,8/29mm in einer geringfügig geänderten Fassung. Wurde der zugehörige Garantieschein ab Werk falsch ausgefüllt? Müßte nicht bei "Objektiv" 2,8/29 SD stehen und bei "Nummer" die 1101? Auf dem Kassenzettel steht jedenfalls # 1101.

Rätsehaft bleibt auch, inwiefern die neuartige Nummerierung in geordneter bzw. konsequenter Art und Weise angewendet worden ist, wie diese doppelte Vergabe der "Startnummer" 1001 nahelegt (Bild von Rakata Wibowo, Bandung, Indonesien). Man könnte gar den Eindruck gewinnen, 1101 und 1001 stellten überhaupt keine Objektivnummern im eigentlichen Sinne dar, sondern eher Typnummern.

Ferner möchte ich darauf aufmerksam machen, daß diese späten Objektive ein etwas anders gefrästes Griffrändel am Meterring haben. Ob diese Änderung schon vor der Nummernumstellung produktionswirksam geworden ist, kann ich bislang nicht mit Gewißheit sagen. Es fällt aber auf, daß diese umgestalteten Objektive quasi nur in Verbindung mit sehr späten Prakticas MTL5b und MTL50 zu finden sind. Und trotz glaubwürdiger Hinweise, daß die Fertigung dieser M42-Objektive in Rumänien erfolgte, prangt auf der Fassung überdeutlich die Gravur "German Democratic Republic". Was diese Frage betrifft, herrscht bislang also alles andere als Klarheit.

Marco Kröger 2016, 2017, 2018