Feinoptisches Werk Görlitz

VEB Pentacon Dresden, Betriebsteil Feinoptisches Werk Görlitz 1980er

Nichts wirklich Neues mehr gab es aus dem traditionsreichen Görlitzer Hause während der 1980er Jahre. Außer: Der Name des Betriebes wurde immer länger. Nach 1985 lautete er in etwa folgendermaßen „Volkseigener Betrieb Pentacon Dresden, Betrieb im Kombinat Carl Zeiss JENA, Betriebsteil VEB Feinoptisches Werk Görlitz“. So einfach war das also. Dahinter verbarg sich nichts anderes, als daß mit der Auflösung des Kombinates Pentacon Dresden und der Eingliederung der Einzelbetriebe in das Zeiss-Kombinat endlich auch der jahrzehntelang als Hauptkonkurrent angesehene Görlitzer Objektivfabrikant von Zeiss quasi durch die Hintertür „feindlich übernommen“ werden konnte. Das hatte Zeiss nicht einmal während kapitalistischer Zeit geschafft – da war man über Ernemann und Goerz nicht hinaus gekommen. Welch Ironie der Geschichte, daß gerade die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft der DDR marktwirtschaftliche Tendenzen der Monopol- und Trustbildung zur höchsten Vollendung geführt hatte. Natürlich waren die Mechanismen anders gelagert, als im Kapitalismus, aber das Endresultat ist bei naiver Betrachtung schon verblüffend. Auch andere ehemalige Mitbewerber wie die Rathenower Optischen Werke (vormals Emil Busch) waren lange schon im Zeiss-Kombinat aufgegangen. Zeiss war nun Monopolist innerhalb der optischen Industrie der DDR und die Entscheidungen über die Teilbetriebe wurden zentral in der Kombinatsleitung in Jena getroffen – und zwar letztlich in persona des Generaldirektors Wolfgang Biermann. Von solch einer Position jedenfalls hätten die Betriebsführer Rudolf Straubel bzw. August Kotthaus während der Zwischenkriegszeit allenfalls zu träumen gewagt.

Gleichermaßen gehaßt und gefürchtet: Der Kombinatsdirektor Wolfgang Biermann. Arbeitswütig, Kontrollfanatiker, Autokrat. Man mag ihm zugute rechnen, daß er den VEB Carl Zeiss JENA  während seiner Führung zu einem der wenigen DDR-Betriebe gemacht hat, die auch ohne Schönung schwarze Zahlen geschrieben haben. Aber zu welchem Preis? In Jena wurden Prestigeprojekte wie der Megabitspeicherchip U61000 durchgedrückt, damit Erich Honecker und Günter Mittag etwas hatten, mit dem sie sich brüsten konnten. Die exorbitanten Anstrengungen, die dafür nötig waren, wurden mit harter Hand und zum Teil persönlicher Diffamierung  der untergeordeten Leitungsebene erzielt. Das Betriebsklima wird von Zeitzeugen als zerrüttet beschrieben. Und die ehedem stolzen Kamera- und Objektivbaufirmen in Dresden und Görlitz wurden nach 1985 zu bloßen Betriebsteilen und Befehlsempfängern der Jenaer Kombinatsleitung degradiert. Jegliche Eigeninitiative ermattete jetzt endgültig. Der Staat und seine Wirtschaft waren nun in einer vollständigen Erstarrung angelangt, an der letzten Endes beide zugrunde gehen sollten. Bild: Gerhard Kiesling, Deutsche Fotothek.


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Aber zurück nach Görlitz. Ich habe im Abschnitt zu den 1970er Jahren behauptet, das Pentacon auto 4/200mm sei die letzte Neukonstruktion dieses Werkes gewesen, die wirklich in die Produktion gegangen sei. Ganz stimmt diese Aussage nicht. Im Zuge der Einführung des Praktica B-Bajonettes wurde nämlich das alte Orestegon 2,8/29 neu berechnet. Der Grundaufbau mit sieben einzelnstehenden Linsen blieb zwar derselbe, aber sowohl die Linsenformen änderten sich leicht, als auch die Position des Blendenkörpers. Dieser wanderte nun genau zwischen streuendem und sammelndem Teil – also eine Linse weiter vor. Offenbar wurden auch andere Gläser eingesetzt, denn nicht nur die Brennweite verkürzte sich auf übliche 28mm, sondern auch die Bildqualität konnte um einiges verbessert werden. Das Prakticar 2,8/28mm ist wirklich ein sehr gutes Weitwinkelobjektiv. Mit 471,- Mark (gegenüber 227,- in der M42-Variante) hatte sich aber auch hier der Preis verdoppelt. An diesem Punkt wird auch verständlich, wieso das aufwendige Jenaer Prakticar 2,4/28mm nicht in Serie gefertigt wurde. Dieses hätte sicherlich noch einmal das Doppelte gekostet.


Auch an die Stelle des nicht serienmäßig produzierten Jenaer Prakticar 2,8/200 sollte ein Görlitzer Prakticar 4/200 treten, das auf dem 1979 erschienen Pentacon auto 4/200 basieren sollte. Leider kam es aber ebenso bei diesem Objektiv nur zu einer Kleinserie, sodaß für die Praktica B kein 200er erhältlich war. Das Prakticar 4/200 hätte 647,- Mark kosten sollen, so viel kann man aus zeitgenössischen Preislisten jedenfalls noch berichten. 


Es wurde während der 80er Jahre noch an einem Standardzoom gearbeitet, aber hier kam offenbar nichts über den Prototypstatus hinaus. Auch Arbeiten an einem Spiegelobjektiv sind nachweisbar. Hier ging es aber nicht um eine Anwendung in der Photographie, sondern in Kopiergeräten nach dem Xerographie-Verfahren. Ein solcher Kopierer "SECOP" wurde in den 80er Jahren im VEB Secura-Werke Berlin hergestellt und kostete in etwa so viel wie ein Wartburg. Mit viel Aufwand mußte man in der DDR Geräte "neu erfinden", die  anderswo auf der Welt längst schon billig von der Stange gefertigt wurden.

Pentacon 2,8/135mm

Noch bis 1989 im Warenkatalog enthalten: Das Pentacon 2,8/135mm aus dem Jahre 1962 mit Vorwahlblende für 191,- Mark inkl. M42-Adapter. Einschichtig vergütet und der Aufschrift nach in der DDR gefertigt.

Solche aufwendigen "Nebenkriegsschauplätze" erklären auch, weshalb man in Görlitz offenbar immer weniger Fertigungskapazitäten für den Photoobjektivbau zur Verfügung hatte.  Soweit ich das zu diesem Zeitpunkt sagen kann, wurden die  Görlitzer Normal- und Wechselobjektive überwiegend oder ausschließlich bei Întreprinderea Optică Română (IOR) in Bukarest gefertigt, wo seit Ende der 60er Jahre sukzessive entsprechende Fertigungsmöglichkeiten geschaffen worden waren. Der Objektivbau war und ist nach wie vor ein ziemlich arbeitsintensives Metier mit einigem Montage- und Prüfaufwand und in Görlitz hatte man dafür offenbar immer weniger Personalkapazität zur Verfügung. Und auch der Kostendruck schien sich im RGW langsam als Phänomen zu etablieren. Ab der zweiten Hälfte der 80er wurden bei Pentacon-Objektiven Materialeinsparungen durchgesetzt, die ihren Ausdruck in den sogenannten rationalisierten Fassungen („Ratio“) finden. Hier wurde das Metall der äußeren Fassungsteile und des Blendenrings durch Kunststoff ersetzt. Auch der sehr griffige und gestaltungsmäßig gefällige genoppte Gummi am Meterring wurde eingespart. Hier wurde nur noch ein Griffraster ins Plaste gepreßt. Wirklich schlechter wurden die Objektive dadurch nicht, aber für den aufmerksamen Beobachter büßten sie doch einiges an Exklusivität ein. Der Preis blieb aber ausdrücklich derselbe. „Ratio“ wurde für den DDR-Bürger also zu so etwas wie „Gebrauchswerterhöhung“, nur ohne Preisanstieg. ;-)

Prakticar 2,8/28mm Metallfassung
Prakticar 2,8/28mm Kunststofffassung

Oben ein Vergleich zwischen der Metallfassung mit genopptem Gummiring und der "Ratiofassung" mit weitgreifendem Kunsstoffeinsatz am Beispiel des Prakticars 2,8/28mm.


Zu diesen Objektiven gleich noch eine weitere Anmerkung: In der Spätphase der DDR bzw. während der Wendezeit wurden Varianten beispielsweise des obigen 2,8/28mm oder des Normalbjektivs 1,8/50mm als "Carl Zeiss Jena P" auf den Markt gebracht. Es dürfte klar sein, daß es sich dabei um die bekannten Prakticare mit lediglich anderer Aufschrift handelt. Zum genauen Hintergrund dieser Varianten kann man aber bislang nur spekulieren. Nachdem das Kombinat Pentacon 1985 aufgelöst und die Teilbetriebe ins Kombinat Carl Zeiss JENA eingegliedert worden waren, hätte man theoretisch jetzt überall Zeiss Jena draufschreiben können. Zum Teil tat man das wohl auch für bestimmte Exportmärkte. Nach Hinweisen rumänischer Photofreunde wurden die Pentacon Prakticare (nicht die von Zeiss!) aber zum Schluß allesamt in Bukarest gefertigt. Das würde auch erklären, weshalb noch neue, als "Meyer Optik, Made in Germany" gelabelte Objektive der bekannten Bauart in den Handel kamen, nachdem die Fertigungsstätten in Dresden und Görlitz eigentlich schon  dichtgemacht worden waren. Ob es sich bei dem unten gezeigten 1,8/50 um ein gänzlich in Görlitz hergestelltes oder um ein in Görlitz lediglich auf M42-Anschluß modifiziertes IOR-Objektiv handelt, das konnte mir bislang noch niemand glaubhaft nachweisen. Ich möchte auch zu bedenken geben, daß das Label "Made in Germany" unter Umständen genau so viel Wahrheitsgehalt haben könnte, wie zuvor das Label "Made in German Democratic Republic" auf Objektiven, die offenbar trotzdem aus Bukarest stammen. (Photos von Marc-Alexander Heckert)

Obwohl es noch keine 30 Jahre her ist, konnten mir  nicht einmal ehemalige Görlitzer Mitarbeiter genau sagen, was am Schluß in Görlitz eigentlich noch an Photoobjektiven hergestellt wurde. Zu ihrer Entlastung könnte man vorbringen, daß mit fortschreitendem Zerfall der DDR die Zeit recht schnelllebig wurde. Man kann nachträglich davon halten was man will, aber es war damals mehrheitlich politisch so gewollt, daß zum 1. Juli 1990 eine Wirtschafts- und Währungsunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR umgesetzt werden sollte. Dazu wurde zum 1. März 1990 die berühmt berüchtigte Treuhandgesellschaft gegründet, deren Aufgabe es war, die DDR Betriebe von der Plan- in die Marktwirtschaft überzuleiten. Damit einhergehend mußten die Volkseigenen Betriebe in privatwirtschaftliche umgewandelt werden. Um diesen Schritt vorzubereiten, wurde die Görlitzer Fertigungsstätte ab April 1990 umstrukturiert, aus dem Kombinat Carl Zeiss JENA herausgelöst und zum Stichtag 1. Juli 1990 in eine GmbH umgewandelt. Wie alle Betriebe auf DDR-Gebiet, so hatte auch die neue "Feinoptisches Werk Görlitz GmbH" nun eine D-Mark-Eröffnungsbilanz vorzulegen. Löhne mußten nun in harter Mark bezahlt werden, was große Entlassungswellen auslöste. Und da jetzt auch die Verkaufspreise der Ostprodukte in D-Mark ausgewiesen wurden, hatten die DDR-Bürger zum ersten Mal eine reelle Vergleichsmöglichkeit. Damit waren aber auch die Zeiten vorbei, wo eine Praktica hochsubventioniert für unter 300,- D-Mark bei Quelle verscheuert werden konnte. Produkte also, die eigentlich niemand mehr haben wollte, wurden nun zu allem Unglück auch noch stark verteuert.


Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde vielen Betriebsleitungen klar, daß unter diesen Umständen keinerlei wirtschaftliche Produktion mehr möglich sein wird. Es ist bekannt, daß es gerade der ehemalige Stammbetrieb des Kombinates Pentacon in Dresden war, der als erster Großbetrieb der DDR liquidiert worden ist – beschlossen noch am letzten Tag der Existenz der DDR. Wer aber meint, dafür allein "die Treuhand" verantwortlich machen zu müssen, dem sei gesagt, daß Pentacon nicht erst seit Einführung der D-Mark unrentabel wirtschaftete. Seit Jahren bereits kostete die Herstellung jeder Praktica Geld, anstatt welches einzubringen. Da jedoch Mitte der 80er Jahre dreiviertel der Kameraproduktion ins NSW exportiert wurde und auf diese Weise dringend benötigte Devisen einbrachte, wurde auf Gedeih und Verderb an dieser Praxis festgehalten [Vgl. dazu Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 206 sowie Fußnote 6 auf Seite 210]. Das war übrigens in der DDR mitnichten ein Einzelfall. In jedes Moped, das in Suhl produziert wurde, hat die DDR-Volkswirtschaft Geld reingesteckt – in diesem Fall um die politisch-ideologisch gewollten Verkaufspreise einhalten zu können. Diese Praxis, daß auf so manchen DDR-Betrieb über Jahrzehnte hinweg wie aus heiterem Himmel Geld herabregnete, hatte sich zu einer Selbstverständlicheit herausgebildet, die selbst von den Betriebsdirektoren bald nicht mehr hinterfragt wurde. Um so mehr stehen einem heute die Haare zu Berge, wenn dieselben Leute den abrupten Niedergang ihrer Betriebe nach dem Juli 1990 allein auf eine Treuhandgesellschaft zu schieben versuchen.

Heute im Herbst 2019, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, scheinen die Erinnerungen an die Spätphase der DDR bei Vielen langsam zu verblassen. Fragwürdige Bewegungen, die eine "Wende 2.0" fordern, scheinen die Verantwortung für den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Ostens in der Nachwendezeit allein "dem Westen" anlasten. Die Rolle der SED und ihrer vergreisten Führungsfiguren wird ausgeblendet. An den durch diese Personen verantworteten vier Jahrzehnten Ahnungslosigkeit laboriert der Osten aber noch heute.


Von daher hielt ich es für passend, hier ein Interview einzufügen, die die von mir sehr geschätzte Sabine Adler, langjährige Osteuropakorrespondentin des Deutschlandfunk, mit dem Ex-Treuhand-Direktor Detlef Scheunert im Oktober 2019 geführt hat. Passend ist es schon deshalb, weil Scheunert dazumal für den Bereich Optik-Feinmechanik zuständig gewesen ist und den VEB Pentacon Dresden (natürlich nicht Radeberg) auch ausdrücklich als Paradigma anspricht. Daß über die Fakten, die hier Scheunert unverblümt auf den Tisch knallt, manche Ältere sagen werden: "wissen wir doch alles", werden Nachgeborene wie ich stets in Kauf nehmen müssen. Dieselben aber gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen; das wäre angesichts fortschreitender Mythenbildung jedoch allzu fatal!

Für den Überrest des Görlitzer Feinoptischen Werkes ging es offiziell noch ein Jahr weiter, nämlich bis Ende Juni 1991. Wie mir versichert wurde, war bis zu diesem Punkt eigentlich die meiste Belegschaft entlassen, sodaß unklar ist, was und durch wen überhaupt zuletzt noch gefertigt worden ist. Ob es sich bei dem oben abgebildeten "Meyer Optik" 1,8/50mm Normalobjektiv wirklich um ein vollständig in Görlitz hergestelltes Produkt handelt, oder ob frische Lieferungen bzw. Lagerbestände von IOR Bukarest lediglich in Görlitz mit einem neuen Rückteil mit M42-Anschluß versehen wurden, läßt sich unter Umständen nie mehr richtig klären. Durch das Label "Made in Germany" kann man einzig mit Gewißheit sagen, daß diese geheimisvollen Objektive zwischen dem 3. Oktober 1990 und dem 30. Juni 1991 entstanden sein müssen. Wer näheres sagen kann, sollte sich unbedingt bei uns melden.




Ein Varioobjektiv aus Görlitz


Wirft man einen Blick darauf, welche wesentlichen Entwicklungen der Photomarkt in der Bundesrepublik ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre genommen hat, dann fallen im gehobenen Amateursektor zwei Tendenzen auf: Einmal die Ablösung der mechanisch gesteuerten Spiegelreflexkamera mit integrierter Nachführmessung ("Belichtungshalbautomatik") durch Modelle mit Zeit- oder Blendenautomatik einerseits und die Propagierung und zunehmende Verbereitung von Varioobjektiven ("Zooms") auf der anderen Seite. In der zeitgenössischen Literatur taucht dabei ständig das Argument auf, wieviele Einzelbrennweiten ein solches Zoom doch ersetzen würde. Und trotz der mannigfaltigen Nachteile dieser frühen Zoomobjektive, entwickelte sich dieser Marktbereich sehr vehement. Dazu trug auch bei, daß in den 80er Jahren qualitativ hochwertige Farbnegativ- und Umkehrfilme mit einer Empfindlichkeit von 27 DIN/400 ASA herausgebracht wurden, mit denen die bescheidene Lichtstärke von Zoomobjektiven zu einem gewissen Teil wieder kompensiert werden konnte. Neben den (oft recht teuren) Originalherstellern gesellten sich Fremdanbieter, die mit ihrer raschen Modellfolge und den großen Absatzzahlen das Marktsegment der Zooms unaufhaltsam vorantrieben. Die anfangs oft recht abenteuerlichen und qualitativ zweifelhaften Objektive wurden durch neue Berechnungsmethoden und neue Fertigungsverfahren aber immer weiter optimiert. Größe und Gewicht konnten sukzessive gesenkt werden, während gleichzeitig die Zoomfaktoren und die Abbildungsqualität angehobenen werden konnten. Was das Zoomobjektiv betrifft, wurde während der 1980er Jahre ein unglaublicher Fortschritt erzielt, der diesen Objektivtyp überhaupt erst salonfähig machte. Selbst "ernste" Photographen kamen um ein Zoom bald nicht mehr herum.


Eigentlich konnte es sich zu jener Zeit kein großer Kamerahersteller mehr leisten, das Segment der Zooms gänzlich außen vor zu lassen. Der VEB Pentacon Dresden tat aber genau dies. Dabei war der Dresdner Kamerabau damals wirklich noch ernstzunehmend groß. Im letzten Jahr seiner vollen Selbständigkeit produzierte das Kombinat Pentacon 1984 nicht weniger als 450.000 Spiegelreflexkameras [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 177], von denen sage und schreibe 77 Prozent in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet exportiert wurden [Vgl. ebenda, S. 206]. Ein Standardzoom zur Erstbestückung, das international gesehen das bislang übliche Normalobjektiv abzulösen begann, fehlte freilich. Seit den späten 1970er Jahren kooperierte man daher mit japanischen Objektivbaufirmen, um das eigene Sortiment wenigstens mit solchen Zoomobjektiven vervollständigen zu können. Auf diesen interessanten Punkt gehe ich weiter unten noch etwas konkreter ein.


An Zoomobjektive für die Kleinbildreflexkamera aus Volkseigener Produktion war indes vorerst nicht zu denken. Meiner Einschätzung nach lag das hauptsächlich an zwei nur schwer überwindbaren Hürden: Erstens waren Zooms damals noch Neuland, die nach intensiver Forschung verlangten. Lösungswege für bestimmte prinzipielle Problemstellungen waren rasch durch Patentschutz einzelner Firmen gesichert und daher für den Konkurrenten verbaut. Die Patentliteratur zu Zoomobjektiven aus den 70er und 80er Jahren ist schier unüberschaubar. Zweitens verkomplizierten sich bei Varioobjektiven die Anforderungen insbesondere an die mechanischen Komponenten in solch einer drastischen Weise, daß die Fertigung dieser Produkte nur mit der allerneusten Maschinentechnologie machbar war, die extrem hohe Investitionsaufwendungen erforderte. Um es kurz zu machen: Nach allem was ich in Erfahrung bringen konnte, war dies der hauptsächliche Knackpunkt, der den Zoomobjektivbau in der DDR derart gehemmt hatte. So lag beispielsweise das Vario-Pancolar 2,7-3,5/35-70mm schon seit 1983 als Entwicklung vor, gelangte allerdings erst 1987 in Saalfeld in die Fertigung. Die hergestellten Stückzahlen, die im Vergleich zum Volumen der produzierten Kameras im Promillebereich rangierten, zeigen, daß für diese Objektive offenbar keine ausreichenden Fertigungskapazitäten vorhanden waren.


Trotz dieser denkbar schlechten Vorraussetzungen sind in der zweiten Hälfte der 80er Jahre Bemühungen des VEB Feinoptischen Werkes in Görlitz nachweisbar, ein universell verwendbares Standardzoom des Brennweitenbereichs 35-70mm zu entwickeln. Schon dieser bescheidene Ansatz mit einem lediglich zweifachen Zoombereich zeigt, daß man der internationalen Entwicklung bereits etwa ein Jahrzehnt hinterherhinkte. Zoomobjektive mit diesen Daten waren Ende der 80er Jahre schon billige Kaufhaus- oder Katalogware geworden. Wie ich weiter unten zeige, wurden derlei Standardzooms in Japan und Korea seinerzeit bereits massenhaft ausgestoßen. Wenn so eine Standardware nun in Görlitz noch einmal "neu erfunden" werden mußte, dann zeigt das, wie sehr dieses kleine Zoomobjektiv auch dazu herhalten mußte, erst einmal Rückstände auf dem Gebiet der optischen Konstruktion und der mechanischen Fertigung aus den letzten zehn Jahren aufzuholen und Erfahrungen zu sammeln.

Pentacon Prakticar 35-70mm Prototyp

Versuchsmuster eines Görlitzer Varioobjektivs 3,5-4,8/35-70mm

(Photos von Marc-Alexander Heckert)

Pentacon 35-70mm Prototyp

Daß man in Görlitz damals Neuland betrat, läßt sich auch daran ablesen, daß sich in Verbindung mit diesem Standardzoom einige Patentanmeldungen finden lassen. Eine von ihnen mit der Nummer DD247.295 vom 31. März 1986 beschäftigt sich mit einer mechanischen Lösung, um die Drehbewegung eines Einstellringes in lineare oder nichtlineare "Hubbewegungen" umwandeln zu können – essentielle Basis eines jeden Zoomobjektivs. Wolf-Dieter Prenzel war der Urheber. Weitere Schutzrechtanmeldungen belegen, daß man überhaupt erst einmal Grundlagen für das Justieren und Einmessen eines solchen Objektives schaffen mußte. Die Patentschrift Nr. DD268.066 vom 22. Dezember 1987 beschreibt ein Verfahren zur Begrenzung der axialen Bildauswanderung, die für uns deshalb noch von besonderem Interesse ist, weil sie meiner Auffassung nach eine Alternative zum im VEB Carl Zeiss Jena praktizierten Justierverfahren beschreibt. Jene war offenbar unter Mitwirkung Karin Holotas erarbeitet worden, die als Co-Patentinhaberin des Vario-Pancolars 2,7-3,5/35-70mm bekannt ist. Dabei umgeht die Görlitzer Lösung die einzelnen "Annäherungsschritte" an eine ideale Justierung, wie sie beim Jenaer Verfahren offenbar notwendig waren. Das kann man als Hinweis darauf ansehen, daß die Görlitzer Entwicklung von vornherein speziell auf eine Massenfabrikation ausgelegt werden sollte, um ein Zoomobjektiv in den nötigen Größenordnungen ausstoßen zu können, die eine wirkliche Standardbestückung ermöglichen würde. Einen dazu fast deckungsgleichen Inhalt weist auch die Patentschrift Nr. DD270.385 vom 25. März 1988 auf. Neben Prenzel werden auch die Herren Brunkel, Herrig und Glier als Erfinder benannt. Ferner scheinen auch die Patente Nr. DD285.308 und DD291.153 vom Juni und Dezember 1989 in Bezug auf dieses Görlitzer Standardzoom erarbeitet worden zu sein, die Gerätschaften und Verfahren zur Justage und Prüfung beschreiben.


Diese charkteristische Form dieser Patentüberlieferung läßt also erahnen, welche Schwierigkeiten überwunden werden mußten, um den Herstellerbetrieb erst einmal in die Lage zu versetzen, ein zu entwickelndes Zoomobjektiv überhaupt herstellen zu können. Viel deutet darauf hin, daß nicht die optische Berechnung des Zoomobjektivs Probleme bereitete, sondern die Entwicklung und massenfabrikatorische Fertigung der Objektivfassung. Daß diesbezüglich bis in die Wendezeit hinein Grundlagenpatente angemeldet wurden, zeigt, wie umfassend man Neuland betrat und wie weit der Rückstand gegenüber der international verfügbaren Fertigungs- und Prüftechnologie angewachsen war. Man war in der DDR halt in vielen Bereichen gezwungen, das Rad ein zweites mal zu erfinden. Das dürfte auch der Grund dafür sein, daß dieses kleine Zoomobjektiv zu Zeiten des Volkseigenen Betriebes Feinoptisches Werk Görlitz nicht mehr in die Serienfertigung gelangte. Dennoch ist bekannt, daß von diesem Objektiv (bzw. einer Nachfolgeversion) eine kleine Serie gefertigt wurde, die mit "Meyer-Optik" und "Made in Germany" beschriftet war, was demnach eigentlich nur nach dem 3. Oktober 1990 erfolgt sein konnte. Ob hier in Görlitz wirklich mit neuen westlichen Maschinen eine Serienfertigung versucht wurde, oder einfach bis zur Liquidation der GmbH im Sommer 1991 bereits vorhandene Teile lediglich montiert wurden, ist mir nicht bekannt. Wer Näheres dazu weiß, ist wiederum eingeladen, zur Aufklärung beizutragen.


Dieses tatsächlich gefertigte "Kleinserien-Zoom" aus Görlitz sieht auch äußerlich etwas anders aus, als das oben gezeigte Versuchsobjektiv. Letzteres wiederum zeigt eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem seit 1987 in kleinen Stückzahlen gefertigten Vario-Pancolar. Man kann daher vermuten, daß die Fassung des obigen Versuchsmusters auf Saalfelder Bearbeitungsmaschinen gefertigt wurde – also wenigstens während der Forschungsphase "kombinatsintern" ausgeholfen wurde.

Exkurs: Varioobjektive des Weltmarktes für die Praktica


Weiter oben habe ich schon angedeutet, daß dieser in der DDR verschlafene Trend hin zu Varioobjektiven eigentlich nur vom osteuropäischen Anwender von DDR-Phototechnik bemerkt wurde. Schon seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurden nämlich dem Praktica-Besitzer des westlichen Auslandes japanische Zooms zur Verfügung gestellt, ohne daß dieser deren fernöstliche Provenienz auf den ersten Blick bemerkte. Da diese Objektive sogar mit elektrischer Blendenwertübertragung geliefert wurden, kann man davon ausgehen, daß Pentacon eng mit den Objektivherstellern kooperierte und Lizenzen für die Blendenelektrik vergeben hat. So listen Kataloge und Broschüren, die eindeutig für den bundesdeutschen Konsumenten gemacht waren, noch zu Zeiten, als der M42-Anschluß aktuell war, Objektive wie ein Pentacon electric 2,8/24mm; 2,8/28mm; 3,5/200mm oder 5,6/300mm auf, die nachweislich nicht aus der DDR stammen. Da in besagten Prospekten auch ein "Pentacon electric ZOOM 3,5/39-80mm" verzeichnet ist, läßt sich heute ziemlich exakt die Herkunft dieser zusätzlichen Objektive bestimmen: Der Hersteller war Sigma. Mit dieser Firma scheint der DDR-Außenhandel in den Folgejahren recht eng kooperiert zu haben.

Abbildung der aktuellen Objektivpalette, die der DDR-Außenhandelsbetrieb "Heim-Electric" dem Westbürger feilbot. Diese Broschüre "Vielseitige Praktica", dessen Text von Werner Wurst verfaßt wurde, stammt aus einer Zeit, als gerade die Praktica EE2 herausgebracht worden war. Bunt gemischt unter die bekannten DDR-Objektive finden sich jene, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von Sigma stammen. In der zweiten Reihe ganz links das "verräterische" Zoom 3,5/39-80mm. Nicht mit abgebildet, aber in einer Liste erwähnt, ein weiteres Zoom mit dem Brennweitenbereich 70-230mm bei einer durchgehenden Lichtstärke von 1:4,5. Beide Zooms hatten elektrische Blendenwertübertragung zu bieten.

Sigma


Diese Zusammenarbeit mit Sigma ist offenbar noch weiter intensiviert worden, als  Anfang der 80er Jahre auf das neue Praktica Bajonett umgestellt wurde (und im Zuge dessen der M42-Anschluß mit Blendenelektrik recht abrupt beerdigt wurde). Das Kalkül von Pentacon Dresden bzw. dem DDR-Außenhandel scheint offenbar darin gelegen zu haben, einerseits die verfügbare Objektivpalette insgesamt größer erscheinen zu lassen, und andererseits natürlich dieselbe speziell mit Varioobjektiven zu ergänzen, deren Bereitstellung die Volkseigene Industrie nicht leisten konnte. So kommt es, daß von der Firma Sigma mannigfaltige Ausführungen von Zoomobjektiven zu finden sind, die allerdings oftmals unter dem Markennamen "Pentacon" vertrieben wurden. Überdies waren jene Zooms teilweise derart an die Fassungsgestaltung der DDR-Objektive angepaßt (z.B. typische genoppte Gummigriffelemente), daß nur Eingeweihte den wahren Hersteller identifizieren konnten. 

Oftmals als "Pentacon Prakticar", aber auch immer wieder unter dem Namen des Originalherstellers, sind im Westen die Varioobjektive von Sigma vertrieben worden. Das sehr kompakte 3,5-4,5/35-70mm wurde übrigens in einem kleinen Kontingent in die DDR importiert und war hier in den späten 80er Jahren in ausgewählten Geschäften (zum Beispiel im Zeiss Industrieladen am Alexanderplatz) für viel viel Geld - aber immerhin für DDR-Mark! - zu haben.

Sigma 21-35mm

Oben: Sehr selten ist dieses Sigma Weitwinkelzoom 21-35 mm; zumal für die Praktica B. Es war in den 80er Jahren das erste Zoomobjektiv, das einen Bildwinkel von 90 Grad überschritt. Die Bildqualität war ganz erstaunlich. Leider beschichtete Sigma damals die hochwertigen Metallfassungen mit einer Art Gummierung, die sich heute zu einer klebrigen, schmierigen Masse verändert hat, die man entfernen muß, wenn das Objektiv noch benutzt werden soll. Allerdings verschwinden damit auch alle Skalen, die auf diese Gummierung aufgedruckt worden sind.


Unten: Ein 600 mm Spiegellinsenobjektiv dieses Herstellers als Teil seines festbrennweitigen Programmes.

Neben Zoomobjektiven hatte Sigma bis Mitte der 90er Jahre noch einige manuell zu fokussierende Festbrennweiten im Angebot, deren Brennweitenbreich von den Originalherstellern entweder nicht abgedeckt wurde (wie das obige 24mm bei Pentacon), oder deren Verkaufspreise für Amateure nicht erschwinglich waren. Im Gegensatz zu den Originalherstellern waren Fremdanbieter wie Sigma nicht auf einen hauseigenen Objektivanschluß beschränkt, sondern statteten ihre Objektive mit allen möglichen Bajonetten aus. Durch die auf diese Weise erzielten großen Produktionsziffern eines Objektivtyps lagen selbst außergewöhnliche Sonderobjektive wie das unten gezeigte Ultraweitwinkel 3,5/14mm durchaus noch im Budget des engagierten Photoamateurs. Ich will hier nicht in die Debatte einsteigen, ob diese Fremdanbieterobjektive optisch mit denjenigen der Originalhersteller mithalten konnten oder nicht. Mich fasziniert aber stets aufs Neue die mechanische Ausgestaltung der Objektive, die konstruktiv so ausgelegt waren, daß der Grundkörper des Objektives mitsamt seiner Blendenautomatik eine Einheit darstellte, die meist ohne großen Umbauaufwand mit verschiedenen Bajonett-Anschlußstücken harmonierte, obgleich die jeweilige Form der Springblendenbetätigung, der Offenblendenübertragung u. ä. Einrichtungen von Kamerahersteller zu Kamerahersteller teils stark voneinander abwichen. Das verbilligte die Produktion extrem und ermöglichte dem Fremdanbieter, rasch auf die Nachfrageentwicklung im Kameramarkt zu reagieren. Auch Firmen wie Tokina oder die Hersteller "in der dritten Reihe" wie Kiron, Cima, Ozone, Sun Optical usw., die nur selten unter ihrem eigenen Namen verkauften, verfuhren in ähnlicher Weise, nur daß letztere meines Wissens keine Objektive mit Praktica-Bajonett im Programm hatten.

Sigma 3,5/14mm an der Praktica B200, Fujicolor 100, Blende 8.

Tamron


Nicht unerwähnt sollte man lassen, daß zumindest für Praktica B (offenbar aber auch für M42 electric) ein Adaptall-Adapter des bekannten japanischen Objektivherstellers Tamron existierte. Damit hatte der Praktica-Nutzer des westlichen Auslandes vollen Zugang zum breiten Portfolio dieses Anbieters, der teils sehr hochwertige Zoomobjektive herausgebracht hat. Ähnlich wie bei Sigma war die Modellfolge aber geradezu atemberaubend. Bedingt durch den raschen technischen Fortschritt und die gegenseitige Konkurrenzsituation haben Sigma und Tamron ihre Fabrikate oft nach kurzer Zeit wieder überarbeitet, aus dem Programm genommen oder durch andere Modelle ersetzt. Das hat zu einem sehr unübersichtlichen Wust an unterschiedlichen Objektiven geführt, den man heute kaum noch überblicken kann, wenn man keine Originalliteratur zur Hand hat.


Das Praktische am Tamron-System ist, daß man problemlos verschiedene Objektive ausprobieren kann, wenn man erst einmal das entsprechende Adaptall-Anschlußstück für sein Kamerasystem besitzt. Jenes kann sogar an der Kamera verbleiben, weil Adapter und Objektiv ihrerseits gleichsam mit einem vereinheitlichten Schnellwechselbajonett verbunden sind, das einen raschen Objektivtausch ermöglicht. Neben den vielen Zooms, die damals in den 80ern vielleicht als chic galten, heute aber wegen ihrer veralteten Bauweise schon wieder uninteressant sind, hatte Tamron bis weit in die 90er Jahre hinein noch einige Festbrennweiten im Weitwinkel-, Makro- und Telebereich im Programm.

Links ein 4,5/85-210mm, rechts ein 2,8-3,5/35-80mm von Tamrom mit dem Wechseladaptersystem "ADAPTALL" aus frühen Jahren mit sehr hochwertigen Metallfassungen. Zur Zeit der Praktica BX20 wurde dann allerdings desöfteren Kunststoff eingesetzt (unten).

Samyang


Fatal für den Görlitzer Optikstandort hat sich die Schließung des Dresdner Kamerabaus zum Jahresende 1990 ausgewirkt. Wenn man überhaupt eine Chance gehabt hätte, als Objektivbauanstalt weiter zu existieren, dann doch allenfalls auf der Basis, daß man "auf kleiner Flamme" das bisherige Marktsegment weiterhin bedient und sich dann vielleicht spezialisiert hätte. Es gibt in Ostdeutschland durchaus Beispiele dafür, wie Teilbereiche aus ehemals riesigen Kombinaten auf diese Weise ausgegliedert und in hochspezialisierte Firmen hinübergerettet werden konnten. Doch am 27. November 1990 lief die letzte Praktica BX20 vom Band [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 215.] und die Produktion wurde erst knapp zwei Jahre später durch eine Nachfolgefirma fortgesetzt [Vgl. ebenda, S. 223.]. In der Zwischenzeit war vom Görlitzer Objektivbau nichts übriggeblieben.


Also mußte ein neuer Zulieferer für Objektive gefunden werden, nachdem der ehemalige bundesdeutsche "Pentacon-Generalvertreter" Heinrich Manderman im Frühjahr 1991 seine "Joseph Schneider Feinwerktechnik GmbH" nach Dresden verlegt und sukzessive mit der Wiederaufnahme der Praktica-Fertigung begonnen hatte. Ganz offensichtlich nahm der koreanische Hersteller Samyang hierbei eine Vorzugsrolle ein, denn dessen Erzeugnisse wurden wohl von Anfang an gegenüber der Fachpresse als als eigene Erzeugnisse von Pentacon bzw. Schneider ausgegeben [Vgl. dazu Schultze, Barnim A.: Pentacon: Qualität zum Schleuderpreis; in Fotomagazin Heft 7/1992, S. 70ff.]. Zumindest der letzte Katalog von etwa 2000 listet nur noch diese koreanischen Objektive auf (neben zwei Bukarester Festbrennweiten, die möglicherweise noch "auf Lager lagen"). Anders als bei den Prakticaren von Sigma, auf denen stets "Made in Japan" zu lesen steht, findet sich dabei auf den Samyang-Prakticaren kein Herstellerland.

Pentacon hat sich mit diesen Samyang-Objektiven aber nicht gerade einen großen Gefallen getan, denn sie vermochten meist nur die bescheidensten Qualitätsansprüche zu erfüllen. Insbesondere das oben aufgelistete Superzoom 28-200 ist qualitativ absolut inakzeptabel. Eine Ausnahme ist das unten gezeigte Superweitwinkel-Zoom Prakticar 4-4,5/18-28mm, das in der Praxis für interessante Bildeffekte sorgen kann. Ansonsten galt bei diesem Hersteller in den 90er Jahren: In doch recht wertigen Metallfassungen steckte oft eine Optik, die kaum für mehr als 9x13-Abzüge gut war.

Samyang Prakticar

Cosina


Es muß wohl ebenso nach 1990 gewesen sein, daß Objektive mit Praktica B-Bajonett auf dem Markt auftauchten, die ganz offensichtlich vom Japanischen Hersteller Cosina stammten. Diesen Anbieter muß man meiner Ansicht nach als den widersprüchlichsten seiner Zunft ansehen, denn er stieß zum einen billigste Kaufhausware in riesigen Mengen aus, gleichzeitig oder anschließend fabrizierte er aber auch sehr hochwertige, hervorragend verarbeitete Kameras und Objektive, die unter anderem unter Markenzeichen wie "Zeiss" oder "Voigtländer" vertrieben wurden und werden. "Carl Braun", "Exakta" oder eben auch "Prakticar" sind weitere solcher Markennamen, die verwendet wurden, um die wahre Herkunft zu verschleiern, vom Image des Massenproduzenten abzulenken oder sich einfach mit den fermden Federn vergangener Reputation anderer (deutscher) Hersteller zu schmücken. Das ging sogar so weit, daß es in der Wendezeit eine ganze Serie von (offensichtlich) Cosina-Objektiven gab, die mit einer Beschriftung "Carl Zeiss Jena" ("Jenazoom") und gleichzeitig "Japan" versehen wurden.

"Eine neue Linie eine alte Tradition". Gegen Ende der 80er Jahre wurde eine Reihe manuell zu fokussierender Cosina-Objektive, die mit allen erdenklichen Kameraanschlüssen lieferbar waren, sogar unter dem Label "Carl Zeiss Jena" und "Jenazoom" vertrieben. Dieses Beispiel dürfte den absoluten Ausbund des Ausverkaufes deutscher Markenzeichen im photooptischen Bereich darstellen.

Man kann es natürlich für sehr fragwürdig erachten, wenn billige fernöstliche Massenware "Exakta" oder "Zeiss Jena" heißt, aber mit den traditionsreichen Standorten in Dresden und Jena Null Komma nichts zu tun hat. Andererseits aber waren nur auf diese Weise Dresdner Spiegelreflexkameras mit einigermaßen zeitgemäßen Objektiven bestückbar. Das unten gezeigte Prakticar 3,5-4,8/35-70mm ist nichts besonderes. Die klapprige Plastikfassung spricht für auf ein absolutes Minimum gedrückte Produktionskosten. Auf diese Weise schaffte sich der Handel die Möglichkeit, seine "Kaufhauskameras" weit unterhalb des Preises der Markenhersteller anbieten zu können. Es gab von Cosina aber durchaus sehr hochwertige Amateurobjektive mit B-Anschluß zu attraktiven Preisen, wie das unten gezeigte 28-210mm, das für ein Superzoom erstaunlich gute Leistung zu bieten hatte. In der hellen Jahreszeit und bei der Verwendung eines mittelempfindlichen Filmes ersetzt solch ein Objektiv eine ganze Phototasche mit Festbrennweiten. Zoomobjektive wurden daher spätestens ab Mitte der 80er Jahre zu einem der wichtigsten Wachstumssektoren im Photohandel und indirekt zum großen Verkaufsargument für die gute alte Spiegelreflex. Und was das anbetrifft muß ich leider zum wiederholten Male erwähnen, daß die DDR Photoindustrie auf diesem Sektor nichts Eigenes zu bieten hatte und hoffnungslos auf fremde Technik angewiesen war. Vor diesem Hintergrund bleibt vom Stolz auf die "guten alten deutschen Markennamen" nicht mehr viel übrig.

Oben ein unter anderem auch als "Prakticar" geliefertes Billigobjektiv von Cosina, das eigentlich als Erstausstattung für die "Kaufhauskameras" dieser Firma gedacht war aber offensichtlich für denselben Zweck auch an konkurrierende Kamerahersteller geliefert wurde. Als Prakticar ist es aber nicht oft zu finden, da die damalige Schneider Feinwerktechnik ab Anfang der 90er Jahre bevorzugt Objektive der südkoreanischen Firma Samyang vertrieb.


Unten: Vor dreißig Jahren der Traum eines jeden Urlaubers war ein solches 28-210mm Superzoom. Es verdoppelte zwar das Gewicht der Kamera, ersparte aber das Mitnehmen irgendwelcher Wechselobjektive. Bei gutem Licht lieferte es erstaunlich gute Aufnahmen jedenfalls um Längen besser als das zeitgenössische 28-200 von Samyang.

Cosina (Vivitar) 28-200 an Praktica BX20s

Bis in die 1990er Jahre wurden hochwertige Objektive von Cosina auch unter dem Handelsnamen "Vivitar Series 1" vertrieben. Ob sie direkt mit Praktica B-Bajonett geliefert wurden, ist mir nicht bekannt; allerdings lassen sie sich dahingehend umbauen. Ermöglicht wird dies durch eine vom Hersteller sehr geschickt ausgeführte Konstruktion, die es zuläßt, den entsprechenden Grundkörper des Objektivs erst bei der Endmontage auf das geforderte Bajonettsystem festzulegen. Zur Verdeutlichung dieser Variabilität zeige ich  den Blendensteuerring dieses "Vivitar 3,8-4,8/24-70mm". Er hat vier Steuerkurven, die es gestatten, das Objektiv beispielsweise ohne großen Aufwand an den korrekten Drehsinn des Blendenringes anzupassen, wie er bei den jeweiligen Kamerasystemen üblich ist.


Interessante Auskünfte erteilt uns übrigens auch die Seriennummer dieses Objektivs, die nach einem einheitlichen Schlüssel aufgebaut ist. Die "09" steht für den Hersteller Cosina, die weitere "9" verweist auf das Produktionsjahr 1989 und mit "33" ist die Kalenderwoche gemeint, in der es entstanden ist. Innerhalb dieser Woche war es schließlich das 46. Objektiv dieses Typs.

Cosina 2,8/24mm für Praktica B

Oben: Noch ein weiteres 24mm Weitwinkelobjektiv für die Praktica B. Diese beliebte Brennweite wurde durch die DDR-Photoindustrie nicht abgedeckt. Neben dem oben bereits gezeiten Sigma und einem von Tamron mit Adaptall-Anschluß gab es also dieses von Cosina hergestellte "Exakta"-Weitwinkel. Es besitzt übrigens eine ausgezeichnete Reputation.


Unten ein Exakta 5,6-8/100-500mm Zoomobjektiv in einer hochwertigen Metallfassung, das nachweislich ebenso  von Cosina stammt.


Görlitz ganz zum Schluß


Nach diesem Exkurs möchte ich noch einmal auf den Görlitzer Hersteller zurückkommen. Es bleibt nämlich noch eine Entdeckung nachzutragen: Es scheint so, als sei das Nummerierungssystem der Pentacon-Objektive in der zweiten Jahreshälfte 1989 umgestellt worden; und zwar auf jenes Prinzip, das bei Carl Zeiss Jena seit Anfang der 80er Jahre verwendet wurde. Nicht mehr alle Objektivtypen wurden fortlaufend in einem gemeinsamen Nummernsystem untergebracht, sondern jeder Typ einzeln für sich gezählt. Geht man davon aus, daß wie bei Zeiss mit der Nummer 1000 begonnen wurde, dann haben wir es bei dem unten gezeigten Pentacon 2,8/29mm, das am 29. Dezember 1989 verkauft wurde, mit dem hundertundersten (bzw. hundertzweiten) Objektiv seit der Nummernumstellung zu tun. Und ziehen wir in Betracht, daß dieses Objektiv verkauft wurde, als gerade der Anfang vom Ende der DDR besiegelt worden war, so wird es plausibel, weshalb diese Objektive mit den niedrigen Seriennummern vergleichsweise selten anzutreffen sind.

Spätes Pentacon 2,8/29mm in einer geringfügig geänderten Fassung. Wurde der zugehörige Garantieschein ab Werk falsch ausgefüllt? Müßte nicht bei "Objektiv" 2,8/29 SD stehen und bei "Nummer" die 1101? Auf dem Kassenzettel steht jedenfalls # 1101.

Rätsehaft bleibt auch, inwiefern die neuartige Nummerierung in geordneter bzw. konsequenter Art und Weise angewendet worden ist, wie diese doppelte Vergabe der "Startnummer" 1001 nahelegt (Bild von Rakata Wibowo, Bandung, Indonesien). Man könnte gar den Eindruck gewinnen, 1101 und 1001 stellten überhaupt  keine Objektivnummern im eigentlichen Sinne dar, sondern eher Typnummern.

Ferner möchte ich darauf aufmerksam machen, daß diese späten Objektive ein etwas anders gefrästes Griffrändel am Meterring haben. Ob diese Änderung schon vor der Nummernumstellung produktionswirksam geworden ist, kann ich bislang nicht mit Gewißheit sagen. Es fällt aber auf, daß diese umgestalteten Objektive quasi nur in Verbindung mit sehr späten Prakticas MTL5b und MTL50 zu finden sind. Und trotz glaubwürdiger Hinweise, daß die Fertigung  dieser M42-Objektive in Rumänien erfolgte, prangt auf der Fassung überdeutlich die Gravur "German Democratic Republic". Was diese Frage betrifft, herrscht bislang also  alles andere als Klarheit.



Zum Abschluß kann ich doch noch zwei klitzekleine Neuentwicklungen vermelden: Rolf Jurenz war bei Pentacon  der Fachmann für die Suchersysteme und deren Verknüpfung mit der Belichtungsmessung. Als Pentacon Ende der 80er Jahre eine neue Generation einfacher Kompaktkameras herausbringen wollte, sollte dazu ein einfaches Fixfokusobjektiv mit Hinterblende entwickelt werden. Jurenz legte bei seiner Erfindung (DD245.275 vom 30. Dezember 1985) einen Zusammenhang zugrunde, der mir bislang auch nicht bewußt war und der ein verblüffendes Resultat zeigt. Allgemein bekannt dürfte sein, daß die Lichtstärke eines Objektives durch dessen Eintrittspupille bestimmt wird. Die Eintrittspupille ist das, was man sieht, wenn man aus einem gewissen Abstande in das Objektiv hineinschaut. Schaut man hingegen von der Rückseite, dann sieht man die Austrittspupille. Interessanterweise liegen die optischen Zusammenhänge nun dergestalt, daß die Austrittspupille die Schärfentiefe eines Objektives bestimmt. Jurenz' Idee lag daher darin, ein Objektiv zu konstruieren, bei dem dieser Pupillenmaßstab Werte um 1:√2 erreichte, also die Eintrittspupille etwa um einen Blendenwert größer war, als die Austrittspupille. Das hatte zur Folge, daß das kleine Weitwinkelobjektiv zwar eine Lichtstärke von 1:5,6 bieten konnte, die Abbildung aber eine Schärfentiefe aufzuweisen hatte, die derjenigen bei Blende 8 gleichkam. Eine solche Eigenschaft ist bei Fixfokuskameras, bei denen das Objektiv also auf eine bestimmte Entfernung fest eingestellt ist und man auf eine große Schärfentiefe angewiesen ist, sehr förderlich. Jurenz hatte zwei Ausführungen seiner Erfindung entwickelt; eine mit einer asphärischen Frontlinse aus Plast mit den Daten 5,6/38mm und eine Ausführung ganz aus Glas mit den Daten 5,6/35mm. Eine der beiden Ausführungen kam vermutlich in der neuen Kleinbild-Sucherkamera mit eingebautem Blitzgerät "Praktica Sport Nova" (EVP 599,- M) zum Einsatz, die offenbar im Jahr der Wende in Freital noch (kurzzeitig) in Produktion war.

DD245275

Auf einem ganz anderen technischen Niveau lag ein Kompaktobjektiv, das Hubert Ulbrich und Wolfgang Gröger am 18. Juni 1984 zum Patent angemeldet hatten (DD224.413). Der Patentüberlieferung nach zu urteilen arbeitete der VEB Pentacon Dresden seit den späten 1970er Jahren an einer Sucherkamera mit Autofokus. Bekanntlich ist daraus kein fertiges Produkt geworden. Möglicherweise war dieses aufwendige Objektiv 2,8/34mm für eine derartige Kameraentwicklung vorgesehen. Drei der fünf Linsen bestanden aus einem hochbrechenden Kronglas mit der Brechzahl n = 1,7564 und der Abbeschen Zahl v = 52,9. Es handelt sich dabei um das Schwertskron SSK11, das ansonsten nur in wenigen und besonders anspruchsvollen Photoobjektiven wie dem Prakticar 1,4/50mm eingesetzt wurde.

DD224.413

Marco Kröger 2016


letzte Änderung 12. November 2019