Carl Zeiss Jena

Carl Zeiss Jena 1980er

B-Bajonett und nichtproduzierte Neuentwicklungen

Auf der Leipziger Frühjahresmesse 1979 gab es vonseiten Carl Zeiss JENAs einen regelrechten Reigen an neuentwickelten Objektiven, den es in diesem Ausmaß seit fast 20 Jahren nicht mehr gegeben hatte. So wie im Frühjahr 1960 etliche neu- und umkonstruierte Objektive mit der Automatischen Springblende vorgestellt wurden, so waren es 1979 die Neuerscheinungen für das Praktica B-Bajonett, die endlich wieder einmal für Aufsehen im ansonsten sträflich vernachlässigten Photogerätemarkt der DDR sorgten. Ein Teil davon waren bereits bekannte Konstruktionen, die in den letzten Jahren für das M42-Gewinde eingeführt worden waren und nun lediglich auf das neuentwickelte Praktica Bajonett umgebaut wurden. Dazu zählten die Prakticare 2,8/20; 2,4/35; 1,8/50; 1,8/80 und 3,5/135. Daneben standen aber auch einige bemerkenswerte Neukonstruktionen, nämlich ein Prakticar 2,4/28; ein Prakticar 1,4/50; ein Macro-Prakticar 2,8/55; ein Prakticar 2,8/200 und ein Prakticar 4/300.  Aber nur das 1,4/50, das 300er und das Makroobjektiv wurden in nennenswerten Stückzahlen gefertigt. 1987 kamen noch zwei Varioobjektive hinzu, die aber auch nur sporadisch produziert wurden und extrem teuer ausfielen.


Dabei hat es nicht an Engagement gefehlt. Es ist nur kaum noch etwas  aus diesen Entwicklungsarbeiten produktionswirksam geworden. Insbesondere Eberhard Dietzsch hat noch bis in die Mitte der 1980er Jahre versucht, Zeiss-Photoobjektive so zu verbessern, daß sie mit internationalen Trends mithalten konnten. Das bedeutete namentlich: Wenn überhaupt noch Festbrennweiten, dann mußten diese sehr lichtstark sein und gleichzeitig kompromißlose Abbildungsleistungen aufzuweisen haben. So hatte Dietzsch beispielsweise mithilfe zweier Schritte (1980 und 1984) erreicht, die Leistung "seines" Flektogons 2,8/20mm zu verbessern und sogar auf die Lichtstärke von mindestens 1:2,4 zu bringen. Mit seinem Patent Nr. DD221.850 vom Januar 1984 sind außerdem Bestrebungen erkennbar, ein lichtstarkes Teleobjektiv (mit etwa den Daten 2,2/200mm) zu schaffen, das mit einer modernen Innenfokussierung ausgestattet sein sollte. Eberhard Dietzsch muß wohl als einer der bedeutendsten deutschen Photooptiker der Nachkriegszeit bezeichnet werden; eine Einschätzung, die bislang ganz allein dadurch vereitelt worden ist, daß etliche seiner wertvollen Erfindungen nicht mehr in die Fertigung gelangten.


Man müßte fachmännischerweise eigentlich Aktenmaterial durchforsten oder Zeitzeugen befragen, um in Erfahrung zu bringen, wieso diese Erfindungen nicht mehr produziert worden sind. Ich fürchte nur, daß die Erklärung dafür irgendwie mit der bekannten Tatsache im Zusammenhang steht, daß dieses kleine Land in den 80er Jahren schlichtweg auf seinen wirtschaftlichen Kollaps zusteuerte. Wovon man auf jeden Fall ausgehen muß, ist, daß der VEB Carl Zeiss JENA im Laufe der 1980er Jahre  immer mehr sein Interesse am Photoobjektivbau eingebüßt hatte. Die dahingehende Schlüsselperson, der Kombinatsdirektor Wolfgang Biermann, wird mit der Aussage vor versammelter Mannschaft zitiert, er habe "kein Interesse an Fotografie" [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 207]. Und da letztlich der Werdegang der DDR mitsamt ihrer Wirtschaft von den Entscheidungen weniger Herren abhing, zu denen Biermann engen Kontakt pflegte und sie wiederum zu ihm, geriet dessen persönliche Auffassung zum Schicksalspruch über die Abteilung Photo des Zeisswerkes. Die Aussage von Gerhard Jehmlich "Der VEB Carl Zeiss Jena hatte allerdings seine führende internationale Bedeutung auf diesem Gebiet in den 1980er Jahren auf jeden Fall kommerziell – und teilweise auch wissenschaftlich – längst verloren" [Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 206.] ist so richtig, wie sie ungerecht ist. Ähnlich wie im DDR-Automobilbau, wurden Spitzenprodukte entwickelt, die anschließend in der Schublade landeten. Als wäre das noch nicht demotivierend genug für die Objektivkonstrukteure gewesen, mußten diese noch jahrelang um die  Anerkennung und finanzielle Vergütung für ihre Erfindungen kämpfen. Ein Beispiel dafür liefere ich in Bezug auf das Prakticar 1,4/50mm.


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Trotz einiger Neuerscheinungen zu Beginn des Jahrzehnts waren die 80er Jahre weitgehend durch Stagnation geprägt. Die meisten der Objektive, wie beispielsweise dieses Exemplar des Flektogons 4/50mm aus dem Jahre 1989, waren mittlerweile seit durchschnittlich einem Vierteljahrhundert im Programm. Man kann diesen Gesichtspunkt natürlich auch komplett umkehren und konstatieren: Wie weit fortgeschritten der DDR-Objektivbau in den 60er Jahren gewesen ist, läßt sich daran ablesen, daß seine Erzeugnisse, trotz der zwei bis drei Jahrzehnte, die mittlerweile an ihnen vorübergegangen waren, noch immer einen hohen technischen und qualitativen Stand darstellten und noch nicht komplett veraltet waren. Das mag freilich auch an den speziellen Gegebenheiten in diesem Teil des Konsumgütermarktes gelegen haben. Ein Flektogon ist eben kein Trabant, wenn ich es mal so formulieren darf. Wenn ein Resümee über die DDR-Photoindustrie im Rückblick einigermaßen versöhnlich ausfällt, weil man bis zum Ende eben doch noch Geräte hergestellt hat, die man nicht unbedingt als "neu hergestellte Oldtimer" bezeichnen mag, wie es beim Trabant der Fall war, dann liegt das daran, daß diese Beurteilung mit dem Stichjahr 1990 abrupt abbricht. Wir wissen heute, daß es aber genau diese 90er Jahre gewesen sind, in denen mit Autofokus und digitaler Kamerasteuerung die Karten in diesem Marktbereich einmal komplett neu durchgemischt wurden. Und die große Frage eine hypothetische freilich ist doch, wie die DDR-Photoindustrie auf diese Entwicklungen hätte reagieren sollen. Mit diesem Knackpunkt ist sie schlichtweg nicht mehr konfrontiert worden.

Jena Prakticar 2,8/20mm Praktica BX20

Die Photoindustrie der DDR der 1980er Jahre war also durch einen deutlichen Zwiespalt gekennzeichnet: Einerseits die zunehmende technische Rückständigkeit, andererseits die Tatsache, daß diese Stagnation oft auf hohem technischen Niveau stattfand. Auch das oben gezeigte Prakticar 2,8/20mm ist ein Beispiel dafür. Es geht zwar auf den Anfang der 70er Jahre zurück, mußte aber 15 Jahre später den internationalen Vergleich immer noch nicht scheuen. Und für einen zeitgenössischen Beobachter sind diese Aspekte eh nur noch von theoretischem Belang. Wer heute "analog" photographieren will, den stört es überhaupt nicht, daß die Praktica BX20, als sie vor über dreißig Jahren auf den Markt kam, bereits den Anschluß verloren hatte. Heute sind nämlich ALL diese Geräte technisch obsolet. Aber gerade das scheint das Anziehende zu sein insbesondere für nachwachsende Generationen. Schließlich sind diese mit einem tragbaren Minicomputer aufgewachsen, mit dem man alles mögliche machen kann; unter anderem auch "photographieren". Meiner Beobachtung nach rekrutiert sich heute bei jungen Leuten um die 20 Jahre genau daraus die Faszination für einem solchen alten Photoapparat, der ganz und gar für diesen Zweck des Bildermachens geschaffen worden ist. Und manche dieser urigen Geräte brauchen nicht mal eine Batterie...


Unten: Eingang zur Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee aufgenommen mit der oben gezeigten Apparatur. Fomapan 100, Paraminophenolentwickler. Blende 4.


Jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee


Oben ein echtes Kuriosum: Das Flektogon 2,8/35mm, das auf das Jahr 1949 zurückgeht und das damit das erste praktisch verwirklichte Retrofokusobjektiv der Welt gewesen sein dürfte, wurde in einer Fassung mit Exakta-Anschluß noch bis in die 1980er Jahre gefertigt. Offensichtlich waren noch größere Restbestände an vorgefertigten Linsensätzen vorhanden, als 1975 der Nachfolger Flektogon 2,4/35 herausgebracht und sogleich in großen Stückzahlen produziert worden war. Oder es bestand eine anhaltend große Nachfrage, so daß die Fertigung fortgeführt wurde. Die These der Restbestände wird allerdings dadurch genährt, daß trotz des Erkennungsmerkmals der Kreuzrändelfassung keine Mehrschichtvergütung vorliegt. Kurios ist dieses Objektiv für mich vor allem deshalb, weil mit Auslaufen der Exa Ia gar keine Kamera mit Exakta-Bajonett mehr gefertigt wurde. Man fragt sich also, wer diese Flektogone gekauft hat. Erst zum Jahresende 1985 (!) gelangen die letzten 500 Stück in die Endmontage. Das letzte Exemplar trägt die Seriennummer 5600, was bedeutet, daß seit 1981 noch einmal 4600 Flektogone 2,8/35mm gefertigt worden waren.


Unten: Der Nachfolger Flektogon 2,4/35 "überlebte" das alte 2,8er aber auch nur um drei Jahre, denn bereits zu Jahresende 1988 wurden die letzten 5000 Stück montiert. Von einer "Wende" war da noch nichts in Sicht; damit kann das also nichts zu tun haben. Aber der Markt war damals wohl gesättigt mit solcherlei Festbrennweiten. Immerhin hatte man seit 1975 etwa 209.000 Flektogone 2,4/35 mit M42-Anschluß gebaut. Darüber hinaus war es beschlossene Sache, die Praktica L-Reihe 1989 endgültig aus dem Programm zu nehmen. Daß der eklatante Rückgang der Nachfrage nach Festbrennweiten trotzdem eine große Rolle gespielt haben wird, erkennt man daran, daß im Herbst 1988 gleichsam die Variante mit B-Bajonett auslief, obwohl man von diesem Prakticar 2,4/35mm bis dato nur etwa 22.500 Stück gefertigt hatte. In einem größeren Exkurs im Aufsatz zu den Pentacon-Objektiven der 1980er Jahre gehe ich ausführlich auf den Trend ein, daß zu jener Zeit gemäßigte Festbrennweiten fast vollständig durch Zoomobjektive substituiert wurden, in denen sie quasi mit enthalten waren. Ein Rückbesinnen auf solche festbrennweitigen Objektive und das Wiederentdecken ihrer qualitativen wie bildgestalterischen Vorteile ist erst seit den letzten Jahren wieder zu verzeichnen. Auch so manche Saalfelder Wertarbeit erlebt auf diese Weise ihre zweite Renaissance...

Jena Flektogon 2,4/35mm

Prakticar 2,4/28mm

Die  Entwicklung der Jenaer Flektogone ist ohne die schöpferische Leistung Eberhard Dietzschs nicht denkbar. Wie groß dabei der Anteil an Grundlagenforschung gewesen ist, erkennt man beispielsweise an folgender technischer Sackgasse: Dietzsch hatte bereits 1967 einen Prototyp des späteren Flektogon 2,8/20mm fertig. In der Erprobung habe dieses Objektiv bei Abbildung auf Unendlich eine hervorragende Bildleistung gezeigt. Sobald es aber auf endliche Objektentfernungen eingestellt wurde, sei es geradezu unbrauchbar geworden. [Vgl. Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 16.] Dieses Verhalten konnte man sich zunächst nicht erklären, denn ein derartiges Abfallen der Bildleistung bei Naheinstellung war bei bisherigen Objektivtypen unbekannt. Erst theoretische Untersuchungen hätten anschließend ergeben, daß bei Retrofokusobjektiven mit ihren extremen Pupillenmaßstäben schon bei mäßigen Abbildungsmaßstäben starker Astigmatismus und Wölbung auftrete. [Vgl. ebenda S. 16 und 17] Durch die ausgeprägten Asymmetrien in diesen Objektivtypen wird nämlich das Verhältnis zwischen Eintritts- und Austrittspupille weit auseinandergetrieben. Beim Prakticar 2,4/28 führt dies beispielsweise dazu, daß der freie Durchmesser beim Hineinblicken in das Objektiv von vorn ganze 2,2 Mal kleiner wirkt als beim Durchblick von hinten. Durch die vergleichsweise hohe Lichtstärke würde dies bei Naheinstellung zu einem unzulässig hohen Anwachsen insbesondere der Meridionalwölbung führen, was durch die untenstehenden Kurven verdeutlicht wird.

Prakticar 2,4/28 floating elements

Schon 1967 hatte Dietzsch erkannt, daß ein im Zaume  halten der oben benannten Fehler beispielsweise durch einen variablen Luftraum möglich sei. International ist dieses Verfahren als "Floating Elements" bekannt geworden. Das dafür notwendige Verschieben einzelner Linsen oder Objektivgruppen beim Scharfstellen innerhalb des Objektives bedeutet aber einen großen mechanischen Aufwand und daher eine wesentliche Verteuerung für solch ein Objektiv.  Ist normalerweise die gesamte Optik in zwei Teile jeweils vor und hinter der Blende aufgespalten, so wird jene bei einem Objektiv mit Floating-Elementen in mindestens drei separate Teile zerlegt, was den Zentrieraufwand bzw. die Fehleranfälligkeit deutlich erhöht.  Aus Kostengründen wurde das damals abgelehnt und Dietzsch hat sein Flektogon 2,8/20 später auf andere Weise auskorrigieren können (siehe unter den Objektiven der 1970er Jahre).

Prakticar 2,4/28mm scheme

Zehn Jahre später waren nun freilich Floating Elements zum internationalen Stand der Technik geworden. Mit dem Prakticar 2,4/28mm sollte Zeiss Jena schritthalten. Um die Kosten dennoch im Zaume zu halten, hatten Eberhard Dietzsch und Gudrun Schneider den abbildungsmaßstababhängigen Bildfehlerausgleich allerdings so ausgelegt, daß er keine weitere Aufspaltung des Objektivs erforderte, als in eine Gruppe vor und hinter der Blende. Das war möglich, da sie einfach eine veränderliche Tiefe des Blendenraumes zur Korrektur nutzten. Gekoppelt mit dem Hub des Schneckenganges, wurden lediglich die vorhandenen beiden Objektivhälften um 20 Prozent dieses Hubes genähert oder voneinander entfernt. Damit war ihr Verfahren der Floating-Elemente deutlich besser zu fertigen, als bisherige Lösungen. Diese Erfindungen haben sie sich im DDR-Patent Nr. 149.826 vom 10. März 1980 schützen lassen. Aus dieser Anmeldung geht auch hervor, daß damit nicht nur das Prakticar 2,4/28 sondern auch ein neuentwickeltes Weitwinkel 2,8/20mm mit dieser Lösung vorgesehen war. Das 2,4/28 kam freilich über eine Kleinserie nicht hinaus, das neue 2,8/20 wurde nie gebaut.

Jena Prakticar 2,4/28mm

Das spätere Prakticar 2,4/28mm (oben) hat als Rechnungsdatum den 10. August 1976. Es ist also deutlich älter als das Praktica B-System. Unten sieht man das Versuchsobjektiv Nr. 640 als Flektogon 2,4/28mm, das aus dem Entstehungsjahr dieser Konstruktion stammen dürfte [Photo: T. Hirt, Schweiz]. Laut Thiele wurde zum Jahresende 1979 aber auch eine Kleinserie von 40 Stück dieses Flektogons in M42-Anschluß hergestellt.

Flektogon 2,4/28mm Prototyp

Macro-Prakticar 2,8/55mm


Dieses Spezialobjektiv zeigt denselben Grundaufbau wie das Pancolar 1,8/50mm. Anders als dieses, ist es aber auf einen endlichen Abbildungsmaßstab hin korrigiert. Die Beschränkung auf ein maximales Öffnungsverhältnis von 1:2,8 kommt der Gesamtkorrektur des Systems sehr entgegen. Es zeigt ein sehr feines Auflösungsvermögen und eine gute Kontrastleistung, sollte aber bei Aufnahmen auf Unendlich leicht abgeblendet werden, wenn die hohe Bildqualität auch hier ausgenutzt werden soll. Seine Rechnung wurde  am 23. März 1977 abgeschlossen. Den Unterlagen zufolge wurden etwa 7000 Stück  hergestellt, was aber nicht gesichert ist. Auch soll es laut Literatur einzelne Exemplare als Macro-Pancolar 2,8/55 in M42 gegeben haben.

Macro-Prakticar 2,8/55mm
Macro-Prakticar 2,8/55 schme

Prakticar 2,8/200mm

Ein ähnliches Schicksal, wie das Prakticar 2,4/28, erlitt auch das Prakticar 2,8/200. Während von ersterem offenbar nur eine Nullserie und danach lediglich wenige Dutzend Serienobjektive  gefertigt wurden, waren es beim 200er Prakticar  immerhin einige Hundert Stück, bis die Weiterführung des Auftrages vorzeitig abgebrochen werden mußte. Neben einer Nullserie von 30 Exemplaren  im Sommer 1980 wurden nämlich  ab 17. November 1980 laut "Thiele" 500 Prakticare 2,8/200 in zwei Fertigungslosen montiert. Bei drei anderen Losen lauten die Anmerkungen jeweils "Beleg fehlt", "geplant" und "Fertigung z.T.", sodaß die Anzahl von weiteren 460 Objektiven nicht nachweisbar ist. Eine letzte Auflage dieses Objektivs von 100 Stück ab Februar 1982 scheint es aber wirklich gegeben zu haben (Seriennummern über 11 Millionen).


Ganz gleich, wieviele Prakticare 2,8/200 also wirklich hergestellt wurden, es ist und bleibt selten anzutreffen. Aber gerade was dieses Teleobjektiv betrifft, ist die ausgebliebene (Groß-)Serienproduktion besonders schade, denn es war mit gerade einmal 14cm Länge sehr kompakt gebaut. Die Rechnung stammt vom 31. Oktober 1979. Patentiert wurde es am 3. März 1980 im DDR-Patent Nr. 149.427. Harald Maenz, Volker Tautz und Christine Thiele wurden als Urheber benannt. Problematisch bei solch langbrennweitigen lichtstarken Objektiven ist die ausgeprägte chromatische Aberration. Andere Hersteller hatten für solche Objektive ausgesprochene Spezialgläser mit niedriger, teilweise anormaler Dispersion angewandt, die sehr teuer in der Herstellung und Verarbeitung sind. Dieses Prakticar 2,8/200 erreichte eine vergleichbare Leistung und ähnlich kompaktem Aufbau trotz Verzicht auf solcherlei Spezialgläser. Trotzdem scheint dieses Objektiv im Endeffekt immernoch viel zu aufwendig gewesen zu sein in Anbetracht der Tatsache, daß die neue Praktica B-Reihe allenfalls als gehobene Amateurkamera vom Weltmarkt aufgenommen wurde.

Jena Prakticar 2,8/200mm

Prakticar 4/300mm

Wenigstens von dieser Neuentwicklung wurden noch  Stückzahlen in nennenswerter Größenordnung gebaut. Dieses Prakticar 4/300 fiel angesichts seiner langen Brennweite äußerst kompakt und leichtgewichtig aus. Ein deutlicher Fortschritt gegenüber den bisherigen Sonnaren 4/300mm. Es existiert aber in verschiedenen Varianten. Bei dem Exemplar, das auf der Frühjahrsmesse 1979 gezeigt wurde, kann es sich wohl nur um einen Prototypen gehandelt haben, denn die erste in Serie produzierte Version des 4/300 hat ein Rechnungsdatum vom 15. November 1979 – also mehr als ein halbes Jahr nach der Frühjahrsmesse. Wir wissen heute (siehe den Nachtrag unten), daß es sich dabei aber bereits um eine zweite Version des Prakticars 4/300 gehandelt hat. Die Existens eines Vorläufers und zwei weiterer Prototypen hat ganz offenbar auch die Werbeabteilung des VEB Carl Zeiss JENA durcheinander gebracht, denn deren erste Veröffentlichungen suggerierten, das Prakticar 300mm sei ein Fünflinser. Zumindest gibt dies Wolfgang Mesow in seinem "Kleinen Buch zur Praktica" in den Auflagen 1 bis 4 so an.  Egon Brauer bildet in seinem Buch "Foto-Optik" den Schnitt durch das 4/300 allerdings mit sieben Linsen ab. Diese Zahl findet man aber wiederum in keiner zeitgenössischen tabellarischen Zusammenstellung  bestätigt. Die Verwirrung ist also bislang groß gewesen. Fest stand jedenfalls nur, daß das Prakticar 4/300 am 13. August 1981 neu berechnet wurde und von nun an ein sechslinsiger Typ war. Das  war deshalb mit Gewißheit zu sagen, weil diese letzte Rechnung am 1. Juni 1982 in der DDR unter der Nummer 206.240 zum Patent angemeldet wurde. Urheber waren Günther Benedix und Volker Tautz. Deshalb kann ich hier auch endlich einmal den korrekten Linsenschnitt angeben. Auch bei Mesow findet sich dann ab der 5. Auflage des oben erwähnten Heftchens die Angabe von sechs Linsen. Äußerlich ist diese letzte Version an einem von M77 auf M72 reduzierten Durchmesser des Filtergewindes erkennbar.   

Zeiss Jena Prakticar 4/300mm

Auch hier stand laut Patentschrift wiederum im Vordergrund, ein möglichst hochwertiges Objektiv in kompakter Bauweise zu schaffen, das ohne teure Spezialgläser auskommen sollte. Trotzdem halte ich für bemerkenswert, daß abgesehen von der dritten Linse alle anderen Elemente aus Krongläsern bestehen. Das war offenbar für das Beherrschen der bei solch langbrennweitigen Objektiven stark in Erscheinung tretenden chromatischen Abweichungen nötig. Ferner sollte laut Patent vermieden werden, daß Linsenformen zum Einsatz kommen, die sich nur schwer mit hoher Präzision zentrieren lassen. Das kann als Hinweis darauf verstanden werden, daß möglicherweise die beiden früheren Versionen gerade an diesem Problem litten. Mit 1380,- Mark  war das Prakticar 4/300  ein ziemlich teurer Spaß.

Prakticar 4/300mm 2. version
Prakticar 4/300 dritte Version

Nachtrag: Mittlerweile hat sich Herr Günther Benedix bei uns gemeldet, der damals maßgeblich an der Entwicklung dieses Teleobjektives beteiligt war, und dadurch dankenswerter Weise bislang bestehende Verwirrungen beseitigen konnte. Demnach lassen sich die Arbeiten an einem kompakten 300er Teleobjektiv für das Kleinbildformat bis auf das Jahr 1977 zurückverfolgen, als zum 14. Juli eine erste Rechnung eines "Sonnars 4/300" fertiggestellt wurde. Es folgte sodann ein weiterer Prototyp im Oktober 1978, der unter Umständen auf der Frühjahrsmesse 1979 gezeigt wurde, als die erste Vorstellung des neuen Praktica-B-Systems stattfand.


Vom eigentlichen Prakticar 4/300 gab es tatsächlich wie oben angenommen drei Versionen. Die erste (Sachnummer 550531:001.25) stammt vom 21. August 1979, bei der sich allerdings keine nennenswerte Serienfertigung nachweisen läßt. Anders als bei Mesow zu lesen, war sie siebenlinsig aufgebaut. Die zweite Version vom 15. November 1979 (Sachnummer 550531:002.25), von der lt. Thiele 2100 Stück gebaut wurden, war ebenso siebenlinsig aufgebaut. Aufgrund der besagten Mitteilung durch Herrn Benedix  kann ich nun erstmals den schematischen Aufbau dieser beiden Versionen zeigen. Man erkennt dadurch sehr gut die enge Verwandschaft der zweiten Version des Prakticar 4/300 mit dem oben gezeigten Linsenschnitt des Prakticar 2,8/200.

Prakticar 4/300 erste Version
Prakticar 4/300 zweite Version
Prakticar 4/300 dritte Version

Die dritte Version, von der mindestens 3000, vermutlich sogar 4800 Stück gebaut wurden ("Beleg fehlt" heißt es bei Thiele zum letzten Produktionslos), stimmt wie vermutet mit der im Patent angegebenen Linsenlage mit sechs Elementen überein. Aus den Daten, die mir Herr Benedix zur Verfügung gestellt hat, läßt sich ablesen, wie mithilfe dieser fünf Versionen sukzessive ein immer kompakteres Objektiv geschaffen werden konnte. Betrug die Gesamtlänge der Optik 1977 noch über 174mm, so  konnte diese bis 1981 auf unter 133mm gesenkt werden. Das sagt einiges über die Bestrebungen der Konstrukteure zu einem möglichst kompakten Objektiv aus. Dadurch ist das Prakticar 4/300 auch mit einem herkömmlichen Schneckengang (also ohne Innenfokussierung) gut handhabbar.  Der Ehrlichkeit halber muß man aber auch dazu sagen, daß ab dem zweiten Prototyp von 1978 die tatsächliche Brennweite auf 288mm reduziert wurde. Solcherlei Abweichungen von der Nennbrennweite  sind aber nichts Ungewöhnliches. Sie müssen nur seit dem 1. Januar 1938 kleiner als 6% vom Nennwert bleiben.  [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 15f.]

Vario-Prakticar 2,7-3,5/35-70mm

Auch als Vario-Pancolar für das M42-Gewinde bekannt. Es gibt Anzeichen dafür, daß im Konstruktionsbüro der Abteilung Photo im Zeisswerk in den 80er Jahren Zoomobjektive für japanische Hersteller berechnet worden sind. Dieses lichtstarke Standardzoom und ein Telezoom 4/80-200 sollen Abkömmlinge dieser Arbeiten sein. Sie wurden auch in sehr (!) geringen Stückzahlen in der DDR gefertigt. Zumindest vom 35-70mm habe ich aber auch schon eine Version gesehen, die offenbar japanischer Provenienz ist (namentlich Chinon). Der Ursprung dieses Vario-Pancolar 2,7-3,5/35-70 läßt sich aber eindeutig in der DDR verorten, denn unter der Nr. 235.122 liegt vom 1. März 1983 eine Patentierung genau dieses Typs vor. Utz Schneider, Volker Tautz und Karin Holota haben hier ein sehr hochwertiges, sehr universell einsetzbares Varioobjektiv mit hoher Lichtstärke geschaffen. Auch in diesem Fall lag das Know-How wieder darin, diese Leistung mit so wenig wie möglich Glasaufwand geschafft zu haben. Aus nur acht Linsen und einer Planplatte besteht dieses Standardzoom. Die Planplatte übernimmt dabei die Aufgabe, die Schärfeebene bei unterschiedlichen Brennweiteneinstellungen an derselben Position zu halten, sodaß beim Brennweitenwechsel kein Nachfokussieren notwendig ist. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal hochwertiger Varioobjektive!

Vario Prakticar 2,7-3,5/35-70

Die Berechnung des Vario-Pancolars wurde bereits am 6. Oktober 1983 fertiggestellt, die Vorstellung erfolgte aber erst auf der Frühjahrsmesse 1987. Von dem Zoom wurden in M42 und Praktica B-Anschluß insgesamt etwa 4000 Stück gefertigt, wobei es mit 1530,- und 1570,- Mark weit vom Budget eines Fotoamateurs entfernt war. Das war aber nicht weiter problematisch, denn in DDR Photoläden wird es ohnehin kaum zu haben gewesen sein.

Vario-Prakticar 2,7-3,5/35-70mm
Vario-Pancolar scheme

Und weil es diesbezüglich Nachfragen gegeben hat: Ich habe Bilder von einem "Auto Chinon Zoom 2,7-3,5/35-70mm", die ich hier leider nicht veröffentlichen kann, da ich keine Rechte darauf habe. Sie werden aber garantiert auch welche im Netz finden. Was auffällt ist, daß das Chinon bis hin zur Makrofunktion große Ähnlichkeiten aufzuweisen hat. Ob es sich um reine Zufälle handelt, oder die oben angedeuteten mündlichen Insiderauskünfte wirklich zutreffen, das kann ich bislang noch nicht mit Gewißheit sagen.

Vario-Pancolar 2,7-3,5/35-70

Das Jena Vario-Pancolar 2,7-3,5/35-70mm zeigt für ein Zoomobjektiv aus den 80er Jahren eine ausgesprochen gute Bildleistung. Schärfe und Kontrast sind bereits bei offener Blende brauchbar. Nur die ausgeprägt tonnenförmige Verzeichnung im Weitwinkelbereich würde man so heute nicht mehr tolerieren. Praktica BX20, Portra 400.

Vario-Prakticar 4/80-200mm



Auch als Vario-Sonnar 4/80-200mm für M42 hergestellt. Die Rechnung stammt vom 19. September 1984, es wurde aber auch erst ab 1987 gefertigt. Mit 2530,- bzw. 2570,- DDR-Mark schwebte es in noch utopischeren Sphären, als das 35-70mm.

Vario-Sonnar 4/80-200mm
Vario-Sonnar 4/80-200 scheme

Die photooptische Abteilung des VEB Carl Zeiss JENA hat während der 1980er Jahre ganz außergewöhnliche Hochleistungsobjektive entwickelt. Nur eben nicht für Sie und mich. Nach Durchsicht der Patente  besteht für mich kaum ein Zweifel mehr, daß es sich hier ganz und gar um High-Tech für Militär und Geheimdienst gehandelt hat. Eines von den Patenten ist beispielsweise überschrieben mit "Hochauflösendes Teleobjektiv mit Innenfokussierung und großem Öffnungsverhältnis" (Nr. DD248.858 vom 10. März 1983).  Diese Erfindung scheint übrigens so geheim gewesen zu sein, daß man sie zwar in der Recherchefunktion des Deutschen Patentamtes findet, das Dokument aber  Angaben zu einem Heizungssystem enthält. Um einen einmaligen Irrtum kann es sich nicht handeln, denn bei den Patenten  Nr. DD243.808 "Objektiv mit großem Bildwinkel für den infraroten Spektralbereich" vom 5. Oktober 1982 und Nr. DD290.488 "Weitwinkelobjektiv mit veränderlicher Brennweite  für den infraroten Spektralbereich" vom 22. Mai 1986 passiert dasselbe. Möglicherweise handelt es sich aber auch um eine fehlerhafte Registration beim DPMA. So zeigen uns wenigstens die Patente Nr. DD300.765 "Hochleistungs-Teleobjektiv für den infraroten Spektralbereich" vom 17. April 1986 und Nr. DD269.692 "Apochromatisches Objektiv" vom 29. Dezember 1987, daß für derartige Belange kein Aufwand zu groß und kein Material zu teuer gewesen ist. Bei ersterem werden Sammellinsen aus Silizium und Zerstreuungslinsen aus Chalkogenidglas C2 eingesetzt, bei letzterem  eine eingebettete Sammellinse aus Flußspat.


Als einzig Nennenswertes im Bereich der photographischen Konsumgüterprodukte  ist mir noch ein Patent für ein kompaktes Spiegellinsenobjektiv 8/500mm aufgefallen, das Evelyn Koch, Volker Tautz, Günther Benedix und Utz Schneider am 2. September 1987 angemeldet hatten (Nr. DD263.604). Neben Kompaktheit hatten die Erfinder auch besonders auf Streulichtfreiheit Wert gelegt, was man an den exakt bemessenen Störlichtblenden erkennen kann.

DD263.604

Wieso man allerdings gerade an solch einem Projekt Entwicklungsaufwand verschwendete, ist mir schleierhaft. Spiegellinsenobjektive sind vielleicht interessante Spielereien für Objektivkonstrukteure; für den photographschen Praktiker sind sie aber weitgehend unbrauchbar. Der prinzipielle Aufbau dieser Spiegelobjektive bedingt, daß alle Motivteile außerhalb des Schärfebereichs – und der ist bei 500mm Brennweite nur äußerst klein – in Form von Kringeln wiedergegeben werden. Diese aufdringlichen Unschärfefiguren werden als äußerst unästhetisch empfunden und sie schließen die Verwendung derartiger Objekive in künstlerisch anspruchsvollen Bereichen meist aus. Ganz davon abgesehen ist auch die praktische Handhabung sehr schwierig, weil einerseits das dunkle Sucherbild  ein Scharfstellen erschwert, andererseits ein Abblenden zur Steigerung der Schärfentiefe prinzipbedingt ausgeschlossen ist. Ganz davon zu schweigen, daß die kompakten Spiegeltele zum Photographieren aus der Hand verleiten,  wodurch die Aufnahmen fast immer verrissen werden.


Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß zum Zeitpunkt der Entwicklungsarbeiten in Jena derlei Spiegelobjektive auf dem Weltmarkt bereits zu billgsten Preisen ausgestoßen wurden. Massenware aus Fernost, die in der Bundesrepublik zum Beispiel unter der Bezeichnung "Dörr Danubia" (in Fachkreisen: Dörr Dubiosia) vertrieben wurde, hatte den Markt längst überschwemmt. Solche Spiegeltele wurden daraufhin auch von nicht wenigen Amateuren gekauft, verstaubten dann aber alsbald  in den heimischen Regalen. Ein derartiges Objektiv von Carl Zeiss Jena wäre also kaum zum einträglichen Geschäft geworden.

Bleibt noch anzumerken, daß insbesondere die Prakticare von Zeiss Jena sehr begehrenswerte Aufnahmeobjektive darstellen, die mindestens auf dem Niveau vergleichbarer Festbrennweiten sind, die seinerzeit Firmen wie Nikon, Pentax oder Minolta angeboten haben. Das liegt auch an den sehr hochwertigen Fassungen der Zeiss Prakticare, die gegenüber den M42-Varianten deutlich komplexer aufgebaut sind  und bei denen höherwertige Materialien verarbeitet wurden (zum Teil kugelgelagerte  Blendenmechanismen, in Messing gefaßte Linsengruppen etc.). In diesem Punkt ist das Praktica B System absolut auf Augenhöhe zu den damaligen japanischen Platzhirschen und es ist eine wahre Freude, mit diesen Objektiven zu arbeiten. Allein die bescheidenen Produktionsziffern dieser Objektive – es wurden von den meisten Typen nur ein paar tausend Stück fabriziert – zeigen schon, wo das Dilemma lag: Die Herstellung dieser Objektive scheint für den Betrieb eher eine Last gewesen zu sein, weil dasjenige internationale Klientel, das an diesen Objektiven hätte Interesse haben können, leider nicht mit Praktica Kameras photographierte.


Heute hat sich das alles relativiert. Auch die vergleichsweise einfache Praktica B100  macht richtig Spaß und reicht in der Praxis vollkommen aus. Bei dem Bild ganz oben wurde das Prakticar 1,8/80mm bei offener Blende benutzt; in der Mitte das Prakticar 2,8/20mm bei Blende 5,6. Unten das Prakticar 1,4/50mm (erste Version) bei Blende 4. Insbesondere letzteres entpuppt sich als echtes Universalobjektiv, das leicht abgeblendet sehr leistungsfähig wird. Das ist für hochlichtstarke Normalobjektive übrigens nicht selbstverständlich...

Sonnar 2,8/180mm

Oben: Noch nach der Währungsunion gebaut: Die letzten Olympiasonnare.


Unten: Exemplar aus der letzten Serie der Pentacon-Six-Normalobjektive von 1989

Marco Kröger 2016


Letzte Änderung: 5. Dezember 2019