Carl Zeiss Jena

 

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Carl Zeiss Jena 1980er

B-Bajonett und nichtproduzierte Neuentwicklungen

Auf der Leipziger Frühjahresmesse 1979 gab es vonseiten Carl Zeiss JENAs einen regelrechten Reigen an neuentwickelten Objektiven, den es seit fast 20 Jahren so nicht mehr gegeben hatte. So wie im Frühjahr 1960 etliche neu- und umkonstruierte Objektive mit der Automatischen Springblende vorgestellt wurden, so waren es 1979 die Neuerscheinungen für das Praktica B-Bajonett, die endlich wieder einmal für Aufsehen im ansonsten sträflich vernachlässigten Photogerätemarkt der DDR sorgten. Ein Teil davon waren bereits bekannte Konstruktionen, die in den letzten Jahren für das M42-Gewinde eingeführt wurden und nun auf das neuentwickelte Praktica Bajonett umgebaut wurden. Dazu zählten die Prakticare 2,8/20; 2,4/35; 1,8/50; 1,8/80 und 3,5/135. Daneben standen aber auch einige bemerkenswerte Neukonstruktionen, nämlich ein Prakticar 2,4/28; ein Prakticar 1,4/50; ein Macro-Prakticar 2,8/55; ein Prakticar 2,8/200 und ein Prakticar 4/300. Aber nur das 1,4/50, das 300er und das Makroobjektiv wurden in nenneswerten Stückzahlen gefertigt. 1987 kamen noch zwei Varioobjektive hinzu, die aber auch nur sporadisch produziert wurden und extrem teuer ausfielen.

 

Dabei hat es nicht an Engagement gefehlt. Es ist nur kaum noch etwas aus diesen Entwicklungsarbeiten produktionswirksam geworden. Insbesondere Eberhard Dietzsch hat noch bis in die Mitte der 1980er Jahre versucht, Zeiss-Photoobjektive so zu verbessern, daß sie mit internationalen Trends mithalten konnten. Das bedeutete namentlich: Wenn überhaupt noch Festbrennweiten, dann mußten diese sehr lichtstark sein und gleichzeitig kompromißlose Abbildungsleistungen aufzuweisen haben. So hatte Dietzsch beispielsweise mithilfe zweier Schritte (1980 und 1984) erreicht, die Leistung "seines" Flektogons 2,8/20mm zu verbessern und sogar auf die Lichtstärke von mindestens 1:2,4 zu bringen. Mit seinem Patent Nr. DD221.850 vom Januar 1984 sind außerdem Bestrebungen erkennbar, ein lichtstarkes Teleobjektiv (mit etwa den Daten 2,2/200mm) zu schaffen, das mit einer modernen Innenfokussierung ausgestattet sein sollte. Man müßte fachmännischerweise eigentlich Aktenmaterial durchforsten oder Zeitzeugen befragen, um in Erfahrung zu bringen, wieso diese Erfindungen nicht mehr produziert worden sind. Ich fürchte nur, daß die Erklärung dafür irgendwie mit der bekannten Tatsache im Zusammenhang steht, daß dieses kleine Land in den 80er Jahren schlichtweg auf seinen wirtschaftlichen Kollaps zusteuerte...

Trotz einiger Neuerscheinungen zu Beginn des Jahrzehnts, waren die 80er Jahre weitgehend durch Stagnation geprägt. Die meisten der Objektive, wie beispielsweise dieses Exemplar des Flektogons 4/50mm aus dem Jahre 1989, waren mittlerweile seit durchschnittlich einem Vierteljahrhundert im Programm. Man kann diesen Gesichtspunkt natürlich auch komplett umkehren und konstatieren: Wie weit fortgeschritten der DDR-Objektivbau in den 60er Jahren gewesen ist, läßt sich daran ablesen, daß seine Erzeugnisse, trotz der zwei bis drei Jahrzehnte, die mittlerweile an ihnen vorübergegangen waren, noch immer einen hohen technischen und qualitativen Stand darstellten und noch nicht komplett veraltet waren. Das mag freilich auch an den speziellen Gegebenheiten in diesem Teil des Konsumgütermarktes gelegen haben. Ein Flektogon ist eben kein Trabant, wenn ich es mal so formulieren darf. Wenn ein Resümee über die DDR-Photoindustrie im Rückblick einigermaßen versöhnlich ausfällt, weil man bis zum Ende eben doch noch Geräte hergestellt hat, die man nicht unbedingt als "neu hergestellte Oldtimer" bezeichnen mag, wie es beim Trabant der Fall war, dann liegt das daran, daß diese Beurteilung mit dem Stichjahr 1990 abrupt abbricht. Wir wissen heute, daß es aber genau diese 90er Jahre gewesen sind, in denen mit Autofokus und digitaler Kamerasteuerung die Karten in diesem Marktbereich einmal komplett neu durchgemischt wurden. Und die große Frage - eine hypothetische freilich - ist doch, wie die DDR-Photoindustrie auf diese Entwicklungen hätte reagieren sollen. Mit diesem Knackpunkt ist sie schlichtweg nicht mehr konfrontiert worden.

Prakticar 2,4/28mm

Das Weitwinkel Prakticar 2,4/28 war mit Floating-Elementen ausgerüstet. Um ein Anwachsen des Astigmatismus zu verhindern, wie er bei lichtstarken Weitwinkeln im Nahbereich auftritt, werden bei sehr hochwertigen Retrofokuskonstruktionen einzelne Linsen oder Objektivgruppen beim Scharfstellen innerhalb des Objektives verschoben. Das bedeutet aber eine wesentliche Verteuerung für solch ein Objektiv. Ist normalerweise die gesamte Optik in zwei Teile jeweils vor und hinter der Blende aufgespalten, so wird jene bei einem Objektiv mit Floating-Elementen in mindestens drei separate Teile zerlegt, was den Zentrieraufwand bzw. die Fehleranfälligkeit deutlich erhöht. Eberhard Dietzsch und Gudrun Schneider hatten ein Objektiv mit einem solchen abbildungsmaßstababhängigen Bildfehlerausgleich geschaffen, das keine weitere Aufspaltung des Objektivs erforderte, als in eine Gruppe vor und hinter der Blende, da sie einfach eine veränderliche Tiefe des Blendenraumes zur Korrektur nutzten. Damit war ihr Verfahren der Floating-Elemente deutlich besser zu fertigen, als bisherige Lösungen. Diese Erfindungen haben sie sich im DDR-Patent Nr. 149.826 vom 10. März 1980 schützen lassen. Aus dieser Anmeldung geht auch hervor, daß damit nicht nur das Prakticar 2,4/28 sondern auch ein neuentwickeltes Weitwinkel 2,8/20mm mit dieser Lösung vorgesehen war. Das 2,4/28 kam über eine Kleinserie nicht hinaus, das neue 2,8/20 wurde nie gebaut.

Jena Prakticar 2,4/28mm
Prakticar 2,4/28mm scheme

Macro-Prakticar 2,8/55mm

 

Dieses Spezialobjektiv zeigt denselben Grundaufbau wie das Pancolar 1,8/50mm. Anders als dieses, ist es aber auf einen endlichen Abbildungsmaßstab hin korrigiert. Die Beschränkung auf ein maximales Öffnungsverhältnis von 1:2,8 kommt der Gesamtkorrektur des Systems sehr entgegen. Es zeigt ein sehr feines Auflösungsvermögen und eine gute Kontrastleistung, sollte aber bei Aufnahmen auf Unendlich leicht abgeblendet werden, wenn die hohe Bildqualität auch hier ausgenutzt werden soll. Seine Rechnung wurde am 23. März 1977 abgeschlossen. Den Unterlagen zufolge wurden etwa 7000 Stück hergestellt, was aber nicht gesichert ist. Auch soll es laut Literatur einzelne Exemplare als Macro-Pancolar 2,8/55 in M42 gegeben haben.

Macro-Prakticar 2,8/55mm
Macro-Prakticar 2,8/55 schme

Prakticar 2,8/200mm

Ein ähnliches Schicksal, wie das Prakticar 2,4/28, erlitt auch das Prakticar 2,8/200. Von beiden Objektiven wurden offenbar nur einige Dutzend Stück gefertigt und die Weiterführung des Auftrages vorzeitig abgebrochen. Bei diesem 200er waren es bestenfalls ein paar hundert, was jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, weil zum Teil die Belege verloren gegangen sind. Gerade was dieses Teleobjektiv betrifft, ist die ausgebliebene Serienproduktion aber besonders schade, denn es war mit gerade einmal 14cm Länge sehr kompakt gebaut. Die Rechnung stammt vom 31. Oktober 1979. Patentiert wurde es am 3. März 1980 im DDR-Patent Nr. 149.427. Harald Maenz, Volker Tautz und Christine Thiele wurden als Urheber benannt. Problematisch bei solch langbrennweitigen lichtstarken Objektiven ist die ausgeprägte chromatische Aberration. Andere Hersteller hatten für solche Objektive ausgesprochene Spezialgläser mit niedriger, teilweise anormaler Dispersion angewandt, die sehr teuer in der Herstellung und Verarbeitung sind. Dieses Prakticar 2,8/200 erreichte eine vergleichbare Leistung und ähnlich kompaktem Aufbau trotz Verzicht auf solcherlei Spezialgläser. Trotzdem scheint dieses Objektiv im Endeffekt immernoch viel zu aufwendig gewesen zu sein in Anbetracht der Tatsache, daß die neue Praktica B-Reihe allenfalls als gehobene Amateurkamera vom Weltmarkt aufgenommen wurde.

Jena Prakticar 2,8/200mm

Prakticar 4/300mm

Wesentlich höhere Stückzahlen wurden vom Prakticar 4/300 gebaut. Dieses Objektiv war angesichts seiner langen Brennweite äußerst kompakt und leichtgewichtig gebaut. Ein deutlicher Fortschritt gegenüber den bisherigen Sonnaren 4/300mm. Es existiert aber in verschiedenen Varianten. Bei dem Exemplar, das auf der Frühjahrsmesse 1979 gezeigt wurde, kann es sich wohl nur um einen Prototypen gehandelt haben, denn die letztlich produzierte erste Version des 4/300 hat ein Rechnungsdatum vom 15. November 1979 – also mehr als ein halbes Jahr nach der Frühjahrsmesse. Das letztlich in Serie gefertigte Objektiv war offenbar ein Fünflinser. Zumindest gibt dies Wolfgang Mesow in seinem "Kleinen Buch zur Praktica" in den Auflagen 1 bis 4 so an. Egon Brauer bildet in seinem Buch "Foto-Optik" den Schnitt durch das 4/300 allerdings mit sieben Linsen ab. Diese Zahl findet man aber sonst nirgendwo bestätigt. Vielleicht handelt es sich bei Brauer um das Schema des oben erwähnten Messe-Prototypen. Fest steht jedenfalls, daß das Prakticar 4/300 am 13. August 1981 neu berechnet wurde und von nun an ein sechslinsiger Typ war. Das kann ich deshalb mit Gewißheit sagen, weil diese zweite Rechnung am 1. Juni 1982 in der DDR unter der Nummer 206.240 zum Patent angemeldet wurde. Urheber waren Günther Benedix und Volker Tautz. Deshalb kann ich hier auch endlich einmal den korrekten Linsenschnitt angeben. Auch bei Mesow findet sich dann ab der 5. Auflage des oben erwähnten Heftchens die Angabe von sechs Linsen. Äußerlich ist diese zweite Version an einem von M77 auf M72 reduzierten Durchmesser des Filtergewindes erkennbar.

 

Auch hier stand laut Patentschrift wiederum im Vordergrund, ein möglichst hochwertiges Objektiv in kompakter Bauweise zu schaffen, das ohne teure Spezialgläser auskommen sollte. Trotzdem halte ich für bemerkenswert, daß abgesehen von der dritten Linse alle anderen Elemente aus Krongläsern bestehen. Das war offenbar für das Beherrschen der bei solch langbrennweitigen Objektiven stark in Erscheinung tretenden chromatischen Abweichungen nötig. Ferner sollte laut Patent vermieden werden, daß Linsenformen zum Einsatz kommen, die sich nur schwer mit hoher Präzision zentrieren lassen. Das kann als Hinweis darauf verstanden werden, daß möglicherweise die beiden früheren Versionen gerade an diesem Problem litten. Mit 1380,- Mark war das Prakticar 4/300 ein ziemlich teurer Spaß.

Prakticar 4/300mm 2. version

Vario-Prakticar 2,7-3,5/35-70mm

Auch als Vario-Pancolar für das M42-Gewinde bekannt. Es gibt Anzeichen dafür, daß im Konstruktionsbüro der Abteilung Photo im Zeisswerk in den 80er Jahren Zoomobjektive für japanische Hersteller berechnet worden sind. Dieses lichtstarke Standardzoom und ein Telezoom 4/80-200 sollen Abkömmlinge dieser Arbeiten sein. Sie wurden auch in sehr (!) geringen Stückzahlen in der DDR gefertigt. Zumindest vom 35-70mm habe ich aber auch schon eine Version gesehen, die offenbar japanischer Provenienz ist (namentlich Chinon). Der Ursprung dieses Vario-Pancolar 2,7-3,5/35-70 läßt sich aber eindeutig in der DDR verorten, denn unter der Nr. 235.122 liegt vom 1. März 1983 eine Patentierung genau dieses Typs vor. Utz Schneider, Volker Tautz und Karin Holota haben hier ein sehr hochwertiges, sehr universell einsetzbares Varioobjektiv mit hoher Lichtstärke geschaffen. Auch in diesem Fall lag das Know-How wieder darin, diese Leistung mit so wenig wie möglich Glasaufwand geschafft zu haben. Aus nur acht Linsen und einer Planplatte besteht dieses Standardzoom. Die Planplatte übernimmt dabei die Aufgabe, die Schärfeebene bei unterschiedlichen Brennweiteneinstellungen an derselben Position zu halten, sodaß beim Brennweitenwechsel kein Nachfokussieren notwendig ist. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal hochwertiger Varioobjektive!

 

Die Berechnung des Vario-Pancolars wurde bereits am 6. Oktober 1983 fertiggestellt, die Vorstellung erfolgte aber erst auf der Frühjahrsmesse 1987. Von dem Zoom wurden in M42 und Praktica B-Anschluß insgesamt etwa 4000 Stück gefertigt, wobei es mit 1530,- und 1570,- Mark weit vom Budget eines Fotoamateurs entfernt war. Das war aber nicht weiter problematisch, denn in DDR Photoläden wird es ohnehin kaum zu haben gewesen sein.

Vario-Prakticar 2,7-3,5/35-70mm
Vario-Pancolar
Vario-Pancolar scheme

Und weil es diesbezüglich Nachfragen gegeben hat: Ich habe Bilder von einem "Auto Chinon Zoom 2,7-3,5/35-70mm", die ich hier leider nicht veröffentlichen kann, da ich keine Rechte darauf habe. Sie werden aber garantiert auch welche im Netz finden. Was auffällt ist, daß das Chinon bis hin zur Makrofunktion große Ähnlichkeiten aufzuweisen hat. Ob es sich um reine Zufälle handelt, oder die oben angedeuteten mündlichen Insiderauskünfte wirklich zutreffen, das kann ich bislang noch nicht mit Gewißheit sagen.

 

 

Vario-Prakticar 4/80-200mm

 

 

Auch als Vario-Sonnar 4/80-200mm für M42 hergestellt. Die Rechnung stammt vom 19. September 1984, es wurde aber auch erst ab 1987 gefertigt. Mit 2530,- bzw. 2570,- DDR-Mark schwebte es in noch utopischeren Sphären, als das 35-70mm.

Vario-Sonnar 4/80-200mm
Vario-Sonnar 4/80-200 scheme

Die photooptische Abteilung des VEB Carl Zeiss JENA hat während der 1980er Jahre ganz außergewöhnliche Hochleistungsobjektive entwickelt. Nur eben nicht für Sie und mich. Nach Durchsicht der Patente besteht für mich kaum ein Zweifel mehr, daß es sich hier ganz und gar um High-Tech für Militär und Geheimdienst gehandelt hat. Eines von den Patenten ist beispielsweise überschrieben mit "Hochauflösendes Teleobjektiv mit Innenfokussierung und großem Öffnungsverhältnis" (Nr. DD248.858 vom 10. März 1983). Diese Erfindung scheint übrigens so geheim gewesen zu sein, daß man sie zwar in der Recherchefunktion des Deutschen Patentamtes findet, das Dokument aber Angaben zu einem Heizungssystem enthält. Um einen einmaligen Irrtum kann es sich nicht handeln, denn bei den Patenten Nr. DD243.808 "Objektiv mit großem Bildwinkel für den infraroten Spektralbereich" vom 5. Oktober 1982 und Nr. DD290.488 "Weitwinkelobjektiv mit veränderlicher Brennweite für den infraroten Spektralbereich" vom 22. Mai 1986 passiert dasselbe. Möglicherweise handelt es sich aber auch um eine fehlerhafte Registration beim DPMA. So zeigen uns wenigstens die Patente Nr. DD300.765 "Hochleistungs-Teleobjektiv für den infraroten Spektralbereich" vom 17. April 1986 und Nr. DD269.692 "Apochromatisches Objektiv" vom 29. Dezember 1987, daß für derartige Belange kein Aufwand zu groß und kein Material zu teuer gewesen ist. Bei ersterem werden Sammellinsen aus Silizium und Zerstreuungslinsen aus Chalkogenidglas C2 eingesetzt, bei letzterem eine eingebettete Sammellinse aus Flußspat.

 

Als einzig Nennenswertes im Bereich der photographischen Konsumgüterprodukte ist mir noch ein Patent für ein kompaktes Spiegellinsenobjektiv 8/500mm aufgefallen, das Evelyn Koch, Volker Tautz, Günther Benedix und Utz Schneider am 2. September 1987 angemeldet hatten (Nr. DD263.604). Neben Kompaktheit hatten die Erfinder auch besonders auf Streulichtfreiheit Wert gelegt, was man an den exakt bemessenen Störlichtblenden erkennen kann.

Wieso man allerdings gerade an solch einem Projekt Entwicklungsaufwand verschwendete, ist mir schleierhaft. Spiegellinsenobjektive sind vielleicht interessante Spielereien für Objektivkonstrukteure; für den photographschen Praktiker sind sie aber weitgehend unbrauchbar. Der prinzipielle Aufbau dieser Spiegelobjektive bedingt, daß alle Motivteile außerhalb des Schärfebereichs – und der ist bei 500mm Brennweite nur äußerst klein – in Form von Kringeln wiedergegeben werden. Diese aufdringlichen Unschärfefiguren werden als äußerst unästhetisch empfunden und sie schließen die Verwendung derartiger Objekive in künstlerisch anspruchsvollen Bereichen meist aus. Ganz davon abgesehen ist auch die praktische Handhabung sehr schwierig, weil einerseits das dunkle Sucherbild ein Scharfstellen erschwert, andererseits ein Abblenden zur Steigerung der Schärfentiefe prinzipbedingt ausgeschlossen ist. Ganz davon zu schweigen, daß die kompakten Spiegeltele zum Photographieren aus der Hand verleiten, wodurch die Aufnahmen fast immer verrissen werden.

 

Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß zum Zeitpunkt der Entwicklungsarbeiten in Jena derlei Spiegelobjektive auf dem Weltmarkt bereits zu billgsten Preisen ausgestoßen wurden. Massenware aus Fernost, die in der Bundesrepublik zum Beispiel unter der Bezeichnung "Dörr Danubia" (in Fachkreisen: Dörr Dubiosia) vertrieben wurde, hatte den Markt längst überschwemmt. Solche Spiegeltele wurden daraufhin auch von nicht wenigen Amateuren gekauft, verstaubten dann aber alsbald in den heimischen Regalen. Ein derartiges Objektiv von Carl Zeiss Jena wäre also kaum zum einträglichen Geschäft geworden.

DD263.604

Bleibt noch anzumerken, daß insbesondere die Prakticare von Zeiss Jena sehr begehrenswerte Aufnahmeobjektive darstellen, die mindestens auf dem Niveau vergleichbarer Festbrennweiten sind, die seinerzeit Firmen wie Nikon, Pentax oder Minolta angeboten haben. Das liegt auch an den sehr hochwertigen Fassungen der Zeiss Prakticare, die gegenüber den M42-Varianten deutlich komplexer aufgebaut sind und bei denen höherwertige Materialien verarbeitet wurden (zum Teil kugelgelagerte Blendenmechanismen, in Messing gefaßte Linsengruppen etc.). In diesem Punkt ist das Praktica B System absolut auf Augenhöhe zu den damaligen japanischen Platzhirschen und es ist eine wahre Freude, mit diesen Objektiven zu arbeiten. Allein die bescheidenen Produktionsziffern dieser Objektive – es wurden von den meisten Typen nur ein paar tausend Stück fabriziert – zeigen schon, wo das Dilemma lag: Die Herstellung dieser Objektive scheint für den Betrieb eher eine Last gewesen zu sein, weil dasjenige internationale Klientel, das an diesen Objektiven hätte Interesse haben können, leider nicht mit Praktica Kameras photographierte.

 

Heute hat sich das alles relativiert. Auch die vergleichsweise einfache Praktica B100 macht richtig Spaß und reicht in der Praxis vollkommen aus. Bei dem Bild ganz oben wurde das Prakticar 1,8/80mm bei offener Blende benutzt; in der Mitte das Prakticar 2,8/20mm bei Blend 5,6. Unten das Prakticar 1,4/50mm (erste Version) bei Blende 4. Insbesondere letzteres entpuppt sich als echtes Universalobjektiv, das leicht abgeblendet sehr leistungsfähig wird. Das ist für hochlichtstarke Normalobjektive übrigens nicht selbstverständlich...

Sonnar 2,8/180mm

Noch nach der Währungsunion gebaut: Die letzten Olympiasonnare.

Marco Kröger 2016

 

Letzte Änderung: 7. Februar 2019