Carl Zeiss Jena
Flektogon 2,4/35 scheme

Carl Zeiss Jena 1970er

MC und die letzten Neukonstruktionen

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde die Stellung des VEB Carl Zeiss JENA innerhalb des wissenschaftlich-technischen Gerätebaus der DDR neu definiert. Das Zeisswerk sollte zum Zentrum der Forschung und Herstellung für Geräte der Rationalisierungs- und Automatisierungstechnik werden. Meß- und Analysegeräte sowie die Speichertechnik (Mikrofilmtechnik und beginnende „Kybernetik“) sollten nun im Vordergrund stehen. Demgegenüber sollte der Anteil der Astronomischen Geräte, der Ferngläser und auch der Photographischen Objektive sukzessive in den Hintergrund treten [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel: Zeiss 1945-1990, S. 203ff.].

Allerdings änderte sich die Situation bereits Anfang der 70er Jahre wieder, weil der Machtwechsel an der Staatsspitze der DDR seinen Ausdruck auch in neuen wirtschaftspolitischen Prämissen fand. Um die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem System zu verbessern, wurde nun ein größeres Augenmerk auf gesteigerte Konsumgüterproduktion gelegt, um den „Bevölkerungsbedarf“ zu befriedigen. Von jetzt an waren bei gleichbleibender Qualität gesteigerte Quantitäten gefragt. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte Carl Zeiss Jena mit der Optischen Anstalt Saalfeld eine Tochterfirma aufgebaut, in der auch ein Teil der Zeiss Objektivfertigung erfolgte (so zum Beispiel die Sucherobjektive der Rolleiflex). In den 50er und 60er Jahren wurden hier die OPREMA und der Nachfolger ZRA1 (Zeiss Rechenautomat auf Röhrenbasis) entwickelt und gefertigt. Spätestens seit Anfang der 60er Jahre – viel früher als ich das bislang vermutet habe – muß der gesamte Photoobjektivbau hier hin verlagert worden sein; Zitat: "Längst sind die Fabrikationsgebäude in Jena zu klein geworden, es sind verschiedene Zweigwerke entstanden, so zum Beispiel eines in Saalfeld, in dem unter anderem die gesamte Fertigung der Fotoobjektive vor sich geht." [Krenz, Erich: Triumph der Fotografie, Leipzig/Jena/Berlin, 1963, S. 74.] Im Laufe des Geschäftsjahres 1973 wurden nun in diesem Zweigwerk die Kapazitäten für die Fabrikation photographischer Objektive stark erweitert, um die oben angesprochene Bedarfsbefriedigung  auf dem Inlandsmarkt sicherstellen zu können. [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel: Zeiss 1945-1990, S. 225f.]. Vergleichbares fand im Bereich der Feldstecher statt, deren Produktion an den Standort Eisfeld ausgelagert wurde, wo bislang die Werra fabriziert worden war. Sowohl bei den Feldstechern als auch den Photoobjektiven fand von nun an eine merkliche Ausweitung der hergestellten Mengen statt.  Im "Thiele" kann man das daran ablesen, daß selbst komplizierte Zusatzobjektive wie die Flektogone 4/20 oder 4/50  in Produktionslosen von 1000 bis 5000 Stück gefertigt wurden, anstatt wie zuvor lediglich ein paar hundert.


Bei den Objektiven mit M42-Anschluß wurde diese Ausweitung der Produktionsziffern dadurch erleichtert, daß deren Fassungsaufbau in der zweiten Hälfte der 70er Jahre umkonstruiert, vereinfacht und vereinheitlicht wurde. Rationalisierung („Ratio“) lautete dafür das Schlagwort in der DDR. Die Fassungen waren so aufgebaut, daß das kameraseitige Anschlußstück zu einem vereinheitlichten Bauteil wurde, das nun allen Objektiven gemein war. Es wurde lediglich zwischen solchen mit Druckblende und solchen mit Druckblende und elektrischer Blendenwertübertragung unterschieden. Ob das Objektiv mit oder ohne Blendenelektrik ausgeliefert werden sollte, konnte nun also während der letzten Schritte der Endmontage entschieden werden. Außerdem war der Fassungsaufbau der MC-Objektive nun deutlich entfeinert, ließ sich also besser automatisiert fertigen und kam zudem mit deutlich weniger Kleinteilen aus. Letztere konnten außerdem teilweise aus Kunststoff hergestellt werden, ohne daß sich die Qualität oder Zuverlässigkeit des Objektives verschlechterte. Nur als man irgendwann in den 80er Jahren die Geradführungsnase von Aluminium auf Plastwerkstoff umstellte, kam es zu Schadensfällen. Zwar gab der Kunststoff der Geradführung quasi selbstschmierende Eigenschaften, aber die hochbelasteten Nasen brachen manchmal ab, wenn der Objektivkörper zum Beispiel beim Abschrauben eines festsitzenden Filters mit einem zu hohen Drehmoment belastet wurde.

"Kybernetik-Wahn" in der DDR der späten Ulbricht-Ära. Der VEB Carl Zeiss JENA wird zu einem der Leitbetriebe dieses neuen Technologiefeldes und stellt beispielsweise solcherlei Bandspeichergeräte  vom Typ ZMB61 her. Für die Formgestaltung dieser Geräte zeichnete Karl Clauss Dietel verantwortlich.  Photographiert von Wolfgang Schröter im März 1973 [Deutsche Fotothek Nr. 71206769 ].


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Pancolar 1,8 Bowdenzug

Oben: In den späten 1960er Jahren hatte man bei einigen Zeissobjektiven diese Bowdenzug-Mechanik eingeführt, um den Springblendenmechanismus zu übertragen. Offenbar war das im Zuge der Einführung der extrasteilen Schneckengänge geschehen, wordurch man mit dem Pancolar 50mm jetzt bis auf 35cm ans Motiv herangehen konnte. Für diese Naheinstellung war ein Hub des Schneckenganges von 16mm notwendig. Dieser über solch große Wege hinweg bewegliche Blendenkörper mußte nun mit dem festen Objektivanschluß verbunden werden. Der lange Bowdenzug war dabei eine platzsparende Lösung. Leider benötigte sie aber auch viele Einzelteile und einen großen Montageaufwand. Im Zuge der Vereinfachung der Fassungsgestaltung wurde diese Bauweise in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bei den meisten Objektiven wieder verlassen.


 

Unten: Die von Paul Klupsch, Ulrich Dreßler und Rudolf Paul entwickelte Springblendenmechanik  über Bowdenzugbetätigung wurde abwechselnd bei etlichen Zeiss Jena-Objektiven während der 70er Jahre  eingesetzt. Die Erfindung Nr. DD73.237 wurde am 29. März 1968  beim DDR-Patentamt angemeldet.

DD73.237 Bowdenzugmechanik

Die im Text beschriebenen vereinheitlichten Anschlußstücke, die ab etwa 1976/77 die meisten vorherigen Lösungen mit Bowdenzügen oder Hebelschwingen ablösten. Sie unterschieden sich freilich in jeweils unterschiedlich gravierten Blendenringen, verschieden ausgeführten Streulichtuben und natürlich mußten auch die Übertragungselemente zwischen Anschlußstück  und Blendenkörper je nach Steilheit des Schneckenganges unterschiedlich lang sein.  Letztere konnten nun übrigens kostensparend aus modernen Kunststoffen hergestellt werden. Im Gegensatz zu den vorigen Bowdenzügen stellte  das alles eine nicht zu unterschätzende  Vereinfachung und Vervollkommnung des Fassungsaufbaus dar.

Interessant ist auch die optische Umgestaltung der Fassungen, denn hier hat es einen Zwischenschritt gegeben. Ein Bericht zur Frühjahrsmesse 1975 in der „Fotografie“ zeigt das neue Flektogon 2,4/35 in einer Zebrafassung. Das stellte offenbar damals noch den vorherrschenden Standard bei Zeiss dar. Interessant ist aber, daß das auf derselben Messe vorgestellte Sonnar 3,5/135 (das nun mit elektrischer Blende lieferbar war) eine völlig schwarz lackierte Zebrafassung aufwies. Auch auf Werbebroschüren dieser Zeit sind Zeissobjektive mit schwarzlackierter Zebrafassung (betriebsintern „Flachnutenrändel“) neben den neuen Görlitzer Objektiven mit schwarzer Fassung und sogenanntem Kreuzrändel zu sehen. Zeiss zog hier also sukzessive nach und stellte auf die neue Farbgebung um. Zuerst wurde die bisherige Zebrafassung einiger Objektive einfach durch die neue Formgestaltung mit Kreuzrändel ersetzt, ohne daß sich der interne Aufbau änderte. Das heißt es blieb hier bei der Übertragung der Blendenmechanik mit einem Bowdenzug. Erst in einem zweiten Schritt wurden die Fassungen der Objektive in der oben beschriebenen Weise umgestaltet. Dieser Vorgang wurde durch zahlreiche neue Objektivneuerscheinungen zusätzlich vorangetrieben. Es sollte das letzte Mal sein, daß von Zeiss Jena in großem Stile neue Objektivkonstruktionen auf den Markt kamen.

Car Zeiss  Jena Sonnar 2,8/180mm

Die gestalterische Entwicklung, welche die Zeissobjektive während der 1970er Jahre durchlaufen haben, wird besonders gut beim Sonnar 180mm deutlich. Links sieht man die noch auf die 60er Jahre zurückgehende sog. Zebrafassung. Dann hat man, offenbar um das einheitliche Erscheinungsbild mit den Görlitzer Objektiven zu wahren, ziemlich rasch und ohne sonstige Veränderung der Fassung auf die schwarze Kreuzrändelung umgestellt. Beim mittleren Sonnar vom Januar 1976 handelt sich nämlich quasi nur um die Zebravariante mit neuem Bedienungsrändel. Es hat nach wie vor  die einschichtige Vergütung und arbeitet auch noch mit der alten Blendenmechanik und deren Öffnungskorrektur bei Nahaufnahmen. Erst die kantigere Version ganz rechts war dann MC-vergütet und bekam eine Schnittstelle verpaßt, mit der die Stellung des Blendenringes  an einen M42-Adapter mit elektrischer Blendensimulation weitergegeben werden konnte. Letzteres Merkmal war wichtig für das neue Spitzenmodell Praktica EE2, weil hier die Blendenelektrik gebraucht wurde, um die neu eingeführte, schnelle Zeitautomatik auch wirklich ausnutzen zu können. 


Und eins noch: Während oben die Rede war, daß mit Umstellung von der Zebragestaltung auf die neuen schwarzen Fassungen die bislang üblichen Bowdenzüge wegfielen, dann verhielt sich das beim Olympiasonnar eigentümlicherweise genau umgekehrt. Mit der MC-Variante wurde hier nämlich ein Bowdenzug neu eingeführt, dessen mechanischer Aufwand bei den kürzeren Brennweiten gerade eingespart worden war. Meinem Eindruck nach war das deshalb notwendig, um ausreichende Bewegungsfreiheit für den Mitnehmer der o.g. Blendenwertübertragung zu erlangen. Dasselbe geschah nämlich auch beim neuen 300er Sonnar, das ebenfalls eine solche Blendenübertragung integriert bekam.

Sonnar 180 Bowdenzug

Diese Blendenübertragung mithilfe der besagten Objektiv-Adapter-Kombination ist hier noch einmal im Detail gezeigt. Die Kupplungsstellen zwischen Objektivblende und Adapter-Potentiometer liegen jeweils  auf etwa der 10-Uhr-Position.


Unten: Abschließend noch einmal eine detailierte Darstellung des Wandels der Blendenmechanik am Beispiel des MC Sonnars 3,5/135mm. Das linke Objektiv hat die Seriennummer 9.952.307 und stammt vom September 1975. Das dürfte die erste Serie des Sonnars in schwarzer Fassung gewesen sein. Das rechte Objektiv gehört mit der Nummer 11.009.768 zu den wenigen tausend Objektiven, die eine Seriennummer über 11 Millionen besitzen. Schon beim nächsten Produktionslos fand dann ab 1980 die neue Zählweise Anwendung, bei der jeder Objektivtyp einzeln erfaßt wurde.

Anhand der Vergleichsaufnahmen der Grundkörper (oben) und der Anschluß-Rückteile (unten) eines "alten und neuen" Sonnars möchte ich also noch einmal die wesentlichen Umänderungen bei der Neukonstruktion der Fassung darstellen, die etwa um 1976/77 zu verorten sein wird. Man erkennt, daß im Objektiv oben rechts viel weniger Mechanik drin steckt. Zwar ist dadurch das hintere Anschlußstück vollgestopfter, allerdings handelt es sich hier um eine deutlich weniger komplexe Hebelübertragung, die auf einfache Weise montiert und abschließend VON AUSSEN justiert werden konnte. Die wesentlichen Teile bestehen nun übrigens aus Kunststoff-Spritzguß, was für große Massenproduktion stets sehr vorteilhaft ist. Die besagten Anschlußstücke stellten außerdem mitsamt dem Blendenring eine Einheit dar und ließen sich abgekoppelt von der Endmontage des Objektivs vorfertigen. Sie brauchten anschließend nur noch mit dem Objektivgrundkörper "verhochzeitet" werden.

Bei aller Begeisterung, die ich oben über den modernen Fassungsaufbau der neuen Generation an Zeiss-Objektiven habe anklingen lassen, so gibt es dennoch eine gewisse Schattenseite zu vermerken: Durch die starke Rationalisierung, die ihren Ausdruck hauptsächlich in einer drastischen Reduktion von Einzelteilen sowie gleichzeitig deren "Entfeinerung" gefunden hat, sind die Jenaer M42-Objektive mit den neuen schwarzen Fassungen sehr anfällig gegenüber Verschmutzungen des Schneckenganges. Das liegt daran, daß das Innengewinde der mehrgängigen Fokussierhelix nun direkt in die Innenseite des Meterringes geschnitten wurde und dadurch keine nennenswerte Kapselung vorhanden ist. Staub und Fussel, die mit der Zeit rings um das Filtergewinde herum in den Spalt hineingelangen, setzen sich nach und nach im Schmiermittel des Schneckenganges fest, sodaß es hier rasch zum Kratzen und zur Schwergängigkeit kommt. Die Reinigung und das neue Abschmieren stellen zwar eine Standardreparatur dar, die bei geschickter Ausführung sogar ohne einen Neuabgleich des Fokusmaßes auskommt; eine erneutes Verschmutzen wird dadurch aber leider nicht ausgeschlossen. Aus meiner Werkstattpraxis heraus muß ich sogar konstatieren, daß bereits ein einziger Urlaub in einem Wüstengebiet oder an der See eine ernsthafte Verunreinigung des Schneckenganges mit Sandkörnern nach sich ziehen kann. Sollte dies geschehen sein, ist das betroffene Objektiv sofort außer Betrieb zu setzen. Denn ist der präzise geschliffene Schneckangang erst einmal durch Sand verschrammt, dann können später auch die besten Schmiermittel nicht mehr bewirken, daß das Objektiv jemals wieder "butterweich" läuft.

Flektogon 2,4/35mm


Dieses gemäßigte Weitwinkel wurde im Jahre 1972 von Gerhard Risch und Utz Schneider komplett neu konstruiert. Auf dem ersten Blick scheint die Erhöhung der Lichtstärke von 2,8 auf 2,4 gegenüber dem Vorgänger nicht sehr erheblich zu sein. Diese leichte Verbesserung der maximalen Öffnung war aber quasi nur ein Nebenprodukt. Das eigentliche Ziel der Neukonstruktion lag darin, dieses von Amateuren gerne gekaufte Weitwinkel wesentlich preisgünstiger herstellen zu können. Das steht sogar wortwörtlich in der Patentschrift Nr. 15.762 vom 23. September 1974.

Erreicht wurde dies durch eine für damalige Verhältnisse äußerst moderne Konstruktion mit sechs einzelnstehenden Linsen. Flächenbrechwerte sind die wichtigsten Gestaltungsmittel des rechnenden Optikers. Mit sechs einzelnstehenden Linsen stehen ihm zwölf derartige Flächen zur Verfügung, deren Krümmung er in weitesten Grenzen frei gestalten kann. Dadurch ging die Erhöhung der Lichtstärke bei dieser Neukonstruktion nicht auf Kosten der Abbildungsleistung. „Die deutliche Verbesserung des Öffnungsfehlers und die dadurch erzielte Steigerung des Öffnungsverhältnisses, bei gleichzeitiger Streckung der unteren und der oberen Koma, wurde durch die besondere Verteilung der Brechkräfte auf die einzelnen Flächen möglich.“ Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß das Flektogon im Prinzip aus zwei gleichartigen Teilen besteht, die jeweils vor und hinter der Blende aus einer Kombination von einer Zerstreuungs- und zweier Sammellinsen zusammengesetzt sind. Das eigentlich Geniale an diesem Objektiv ist aber seine Flexibilität bezüglich der Fertigung: „Ausführliche rechnerische Untersuchungen haben ergeben, daß dieser Typ eine große Variationsbreite bezüglich der einzelnen Konstruktionselemente, bei gleichzeitiger Einhaltung ökonomisch günstiger Parameter, aufweist […].“ Anschließend werden in der Patentschrift quasi die Grundkonstruktion angegeben sowie die Variationsmöglichkeiten dieser Werte, bei denen trotzdem noch ein Objektiv mit hoher Korrektion zusammenstellbar ist. Daraus läßt sich schließen, daß dieses Weitwinkelobjektiv speziell daraufhin ausgelegt war, auch dann ein optimal auskorrigiertes Endprodukt zu ergeben, wenn die tatsächlichen Parameter der einzelnen Elemente im Rahmen vorgegebener Grenzen leicht schwankten. Das läßt sich in der Praxis leider nie ganz vermeiden. Durch Auswahl geeigneter Kombinationen konnte man auch in der Großserienproduktuion sicherstellen, kein Glas verwerfen oder „Montagsobjekive“ anbieten zu müssen. Das machte das Flektogon 2,4/35 zu einem sehr ökonomisch herstellbarem Objektiv, das bis zum Ende der DDR in großen Stückzahlen ausgestoßen wurde. Es war das erste Zeiss Jena Objektiv mit Mehrschichtvergütung. Das ist wohl auch der Grund, weshalb es erst 1975 in Serienfertigung ging, nachdem die Technologie für diesen dreischichtigen Transparenzbelag zur Verfügung stand. Angesichts der zwölf Glas-Luft-Grenzflächen war eine vorherige Einführung offenbar nicht sinnvoll.


Das 2,4/35 ist auch nach heutiger Sicht ein erstklassiges Weitwinkelobjektiv und nach wie vor sehr geschätzt. Es läßt sich ohne Einschränkung bei offener Blende einsetzen und hat bei 1:5,6 das Optimum der Bildleistung. Mit 292,- Mark war es nicht billig, aber trotzdem noch  für den Amateur erschwinglich.

Flektogon 2,4/35
Flektogon 2,4/35

Zwei Varianten des Flektogons 2,4/35mm. Links in der beschriebenen Zwischenstufe bereits mit Kreuzrändelfassung aber noch mit der Blendenmechanik der Zebraversion. Hier liegt auch die Naheinstellgrenze noch bei 19cm.


Unten: Mit dem Flektogon 2,4/35mm bei ganz geöffneter Blende. Praktica LTL2, Fuji Pro 400 H.

mit dem Flektogon 2,4/35mm

Flektogon 2,8/20mm



Das Flektogon 4/20mm aus dem Jahre 1963 war ein Weitwinkelobjektiv, dem andere Hersteller lange Zeit nichts Adäquates entgegenzusetzen hatten. Die Tatsache, daß viele Reflexkameras aus den 60ern noch einen arretierbaren Spiegel haben, erklärt sich daraus, daß für diese allenfalls ein „normalgebautes“ Superweitwinkel erhältlich war, das nur bei hochgeklapptem Spiegel an die Kamera angesetzt werden konnte und das deshalb mit einem Zusatzsucher verwendet werden mußte. Superweitwinkel in Retrofokusbauart, bei denen man die Bildwirkung wie gewohnt im Reflexsucher begutachten konnte, waren allerhöchste Spitzentechnologie.


Eberhard Dietzsch, der bereits maßgeblich am Flektogon 4/20mm beteiligt gewesen war, versuchte schon während der 1960er Jahre, die Lichtstärke dieses Objektives auf 1:2,8 anzuheben. Dazu mußte die Blende weiter nach vorn verlegt werden, was wiederum Änderungen im hinteren Systemteil bedingte. Hier näherte er sich dem typischen Tripletaufbau an, allerdings mit zwei einzelnen Sammellinsen bildseitig – ein Aufbau, den sich Dietzsch durchaus bei Retrofokuskonstruktionen anderer Hersteller abgeschaut hatte. [Vgl. Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 16.]


Bereits 1967 lag ein Prototyp vor, der auf dem Kaustikprüfstand für Abbildungen auf Unendlich eine ausgezeichnete Bildleistung gezeigt habe. Doch groß war die Enttäuschung, wenn dasselbe Objektiv auf nahe Distanzen eingestellt wurde. Hier sei der Prototyp praktisch nicht zu gebrauchen gewesen. [Vgl. Ebenda]. Es waren tiefergehende theoretische Untersuchungen nötig, um diesen unerwarteten Leistungsabfall im Nahbereich erklären zu können. Bei den bisherigen Objektivkonstruktionen zeigte ein auf Unendlich korrigiertes Objektiv auch eine vergleichbar gute Bildleistung, wenn auf mäßige Nahdistanzen eingestellt wurde. Der extrem asymmetrische Aufbau von Retrofokuskonstruktionen mit ihren starken Zerstreuungsgliedern im vorderen Objektivteil führt freilich zu einem stark abweichenden Verhalten. Hier tritt bei einer Vergrößerung des Abbildungsmaßstabes starker Astigmatismus und Bildfeldwölbung auf.


Hervorgerufen wird diese Erscheinung durch die eigentümliche Winkelvergrößerung bzw. den stark auseinanderlaufenden Pupillenmaßstab dieser Objektivtypen. Der Pupillenmaßstab ist das Verhältnis der Durchmesser von Austritts- und Eintrittspupille. Schaut man beim Flektogon 4/20 von hinten in das Objektiv hinein, dann ist der Durchmesser der sichtbaren maximalen Öffnung 2,17 mal größer als bei Durchsicht von vorn. Bei diesem Pupillenmaßstab ergibt sich für den Fall des Flektogons 4/20, daß sich bei einer Auszugsverlängerung von einem Millimeter die sagittale Bildschale um 0,21 mm am Bildrand durchwölbt, die Meridionalschale allerdings um ganze 1,24 mm – also mehr als die Auszugsverlängerung betrug. Bei dieser Auszugsverlängerung um einen Millimeter, die einer durchaus öfter vorkommenden Einstellung auf eine Entfernung von 50 cm entspricht, ergäben sich also beträchtliche Randunschärfen, die im speziellen Fall des Flektogon 4/20 durch dessen besondere Eigenheiten nach Dietzsch aber gerade noch im erträglichen Maße geblieben seien [Vgl. Ebenda, S. 17]. Beim Prototyp des Flektogon 2,8/20 mit seinem noch größeren Pupillenmaßstab von 1:2,8 und seiner beträchtlich vergrößerten Lichtstärke, nahm der Betrag der Meridionalwölbung nun aber völlig unzumutbare Ausmaße an. Schon zu diesem Zeitpunkt, im Jahre 1967, hatte Dietzsch erkannt, daß eine Korrektur dieses Fehlers beispielsweise durch das Verändern der Tiefe eines geeigneten Luftzwischenraums möglich sei. Dieses kurze Zeit darauf als „Floating Elements“ bekanntgewordene Verfahren wurde aber vorerst noch aus Kostengründen abgelehnt. Die Korrektur der Meridionalwölbung mit ebendieser Maßnahme hätte dann folgendermaßen ausgesehen:

Meridionalwölbung Flektogon 2,8/20mm mit Floating-Korrektur

Um ein 20mm-Retrofokus mit der Lichtstärke 1:2,8 dennoch zu verwirklichen, schlug Dietzsch Anfang der 70er Jahre einen anderen Weg ein. Sein „Trick“ lag in einer angepaßten Komakorrektur: „Infolge eines künstlich eingeführten Asymmetriefehlers (Koma) entsteht für einen relativ weiten Abbildungsmaßstabsbereich immer noch ein gewisser Bildkern, d.h. man erhält eine ausreichende Bildqualität“ [Ebenda, S. 19.]. Dazu  unten ein Vergleich der Queraberrationen bei  einem Abbildungsmaßstab ⁠β' = 1 : ∞ (ausgezogene Linie) und  ⁠β' = 1 : 40 (was in etwa einen Aufnahmeabstand von 90cm entspricht).

Flektogon 2,8/20mm Korrektionscharakteristik

Die Konstruktion dieses lichtstarken 20mm-Objektives, das gezielt auf Floating Elements verzichten konnte, wurde am 1. Februar 1971 fertiggestellt. In Produktion ging  es indes nicht. Erst als längst andere Hersteller (Canon, Minolta, Leitz Midland) solcherlei lichtstarke Weitwinkelobjektive mit über 90 Grad Bildwinkel im Angebot hatten, begann fünfeinhalb Jahre nach dem Abschluß der Konstruktion doch noch die Großserienfertigung des Flektogon 2,8/20mm. Man darf aber auch sicherlich davon ausgehen, daß erst die Einführung des T3-Belages abgewartet werden mußte. Angesichts der 16 Glasluftflächen war eine Mehrschichtvergütung der Glasoberflächen unverzichtbar.


Patentiert wurde das Flektogon 2,8/20 unter der Nummer DD129.582 gar erst am 10. Februar 1977. Neben Eberhard Dietzsch ist hier noch Gudrun Schneider als Erfinderin benannt. Aus der Schutzschrift geht überdies hervor, daß auch bei diesem Objektiv ein besonderes Augenmerk darauf gelegt wurde, daß sich trotz Verdoppelung der Lichtstärke die Herstellungskosten nicht wesentlich erhöhten. Durch geschickte Konstruktion konnten die beiden Errechner dieses Objektives vermeiden, Glasarten mit extremen Eigenschaften und damit auch extremen Preisen verwenden zu müssen.  Vor allem im vorderen Objektivteil mit seinen großen Durchmessern wären solche Linsen sehr teuer gewesen. Die wichtigste Konstruktionsidee für das Flektogon 2,8/20mm lag daher darin, die beim 4/20 noch inmitten des sammelnden Objektivteiles liegende Blende vor dieses zu verschieben, in den baulich günstigen Bereich hinter dem Kittglied. Mit diesem Kunstgriff konnte laut Patentschrift vermieden werden, daß die Brechkraft des zerstreuenden Teiles übermäßig erhöht werden mußte. Das hätte bedeutet, hier hochbrechende Gläser mit möglichst geringer Dispersion verwenden zu müssen. So aber konnten die Herstellungskosten im Rahmen gehalten werden.


Es wäre müßig, an dieser Stelle die DDR-Verkaufspreise von 660,- Mark für die M42-Variante bzw. 880,- Mark für Praktica B in irgendeiner Form mit den Preisen für vergleichbare japanische oder westdeutsche Objektive ins Verhältnis zu setzen. Das verbietet die abgeschottete Wirtschaft und die spezielle Stellung von Luxuskonsumgütern in der DDR. Für DDR-Verhältnisse waren die oben genannten Preise natürlich viel Geld. Aber das ist nicht das ausschlaggebende. Daß das Flektogon 2,8/20mm ökonomisch gut ausgewogen war, erkennt man daran, daß es schlicht und ergreifen so lange und in erstaunlich hohen Stückzahlen hergestellt wurde. Es dürften bis 1991 etwa 64.000 Exemplare mit M42-Gewinde und etwa 8800 mit B-Anschluß fabriziert worden sein. Bei Erscheinen des Flektogons 2,8/20mm war das M42-Gewinde und die Praktica im Bereich der hochwertigen Amateurkamera angesiedelt. In Anbetracht dieses angepeilten Marktsegments war das Flektogon 2,8/20mm ein hervorragendes Objektiv mit einem guten Kompromiß zwischen Preis und Aufwand und einer ausgezeichneten Fertigungsqualität. 

Flektogon 2,8/20mm
Flektogon 20mm

Für erwähnenswert halte ich noch, daß Eberhard Dietzsch noch lange Zeit an einem würdigen Nachfolger gearbeitet hat, um auf dem internationalen Stand der Technik zu bleiben. In der Objektivzusammenstellung der 80er Jahre zeige ich das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar 2,4/28mm, das im DDR-Patent Nr. 149.826 vom 10. März 1980 geschützt ist (zusammen mit Gudrun Schneider). Gegenstand dieses Patentes ist ein abbildungsmaßstabsabhängiger Bildfehlerausgleich ("floating elements"), der laut Patentschrift auch in einem weiterentwickelten Flektogon 2,8/20mm hätte  umgesetzt werden sollen. Dazu kam es leider nicht. Kürzlich habe ich zudem noch eine weitere Patentanmeldung Nr. DD221.570 von Eberhard Dietzsch entdeckt,  bei dem er diese Bildfehlerkompensation noch weiter (auf die Koma nämlich) ausgedehnt und gleichzeitig die Lichtstärke des 20mm Objektivs auf 1:2,4 erhöht  hätte. Auch diese am 2. Januar 1984 zum Patent angemeldete Weiterentwicklung wurde leider nicht mehr umgesetzt.

Flektogon 2,8/20 scheme

Links  der äußerst gedrängte optische Aufbau, rechts  die Kontrastübertragung des Flektogons 2,8/20mm bei Abblendung auf 1:5,6. [nach Nasse: Retrofocus-Objektive - und warum sie erfunden wurden, Oberkochen, 2011]. Angesichts dieser hohen maximalen Öffnung und des großen Bildwinkels sind das beachtliche Werte - immer vor dem Hintergrund betrachtet, daß wir uns, was die Errechnung dieses Systems betrifft, im Jahre 1971 befinden! Wenn meine Recherchen stimmen, dann gab es beispielsweise bei Canon ein 2,8/20 auch erst ab 1973, bei Nikon gar erst ab 1984. Andere Systeme, wie beispielsweise das Elmarit 2,8/19mm von Leitz mögen besser auskorrigiert gewesen sein - bei denen waren aber auch das Komma im Verkaufspreis um eine Stelle weiter nach rechts verschoben. Dafür waren wohl eher die teuren Glassorten verantwortlich, als die Kosten der nach Canada verlagerten Produktion.


Das Flektogon 2,8/20mm ist für den heutigen Anwender ein guter Kompromiß zwischen Abbildungsleistung und finanziellem Aufwand.  Bei der Aufnahme unten wurde auf 1:5,6 abgeblendet. Die Bildmitte ist dann tadellos und auch über das Feld hinweg ist die Bildleistung gut. Einzig in den Bildecken läßt das Auflösungsvermögen sichtbar nach. Das ist aber den extrem widrigen Bedingungen  geschuldet, die eine Retrofokusbauart nach sich zieht und auch die Superweitwinkelobjektive anderer Hersteller zeigen in diesem Bereich ihre  Schwächen. Die qualitativen Nachteile von Retrofukosweitwinkeln werden aber meiner Ansicht nach dadurch relativiert, daß man die Bildkomposition wie gewohnt auf der Mattfläche des Reflexsuchers vornehmen kann. Wer schon mal versucht hat, die Kamera anhand eines fummeligen Aufstecksuchers so auszurichten, daß keine stürzenden Linien auftreten, der weiß diesen Vorteil  der echten Mattscheibenabbildung  über alle Maßen zu schätzen.

Das Flektogon 2,8/20mm umgebaut auf die Leicaflex, mit der auch das obige Bild entstanden ist. Man  mag ja von diesem Hersteller halten, was man will, aber die  Fertigungsqualität dieser Kameras ist einfach nur ehrfurchterregend. Kein Wunder: Immerhin 1916,- D-Mark  kostete diese SL mit dem Summicron, als sie vor  einem halben Jahrhundert herauskam. Abwegig mutet das an ihr adaptierte Flektogon nur deswegen an, weil beide Gerätschaften von getrennten Seiten des Eisernen Vorhanges stammen. Ich möchte aber daran erinnern, daß  Leitz  seine Retrofokus-Superweitwinkelobjektive damals  durchaus nicht selbst konstruiert, sondern von Schneider-Optik, später Minolta und sogar Zeiss Oberkochen zugekauft hat. Angesichts der immensen Schwierigkeiten, die das Errechnen sowie die Massenfabrikation solcher Objektive  mit sich bringen, war das eine nachvollziehbare Entscheidung. Der Kamerabau allein war Ende der 60er Jahre schon schwierig genug geworden...

Oben: Das Prakticar 2,8/20mm bei voller Öffnung der Blende. Praktica B200, Fujicolor 100, 1/15 sec.


Unten: Dasselbe Objektiv bei Blende 4, Praktica BX20, Kodak Portra 400.

Pancolar 1,8/80mm

Seit dem Auslaufen des Biotars 1,5/75mm Ende der 1950er Jahre und der nichterfolgten Serienproduktion des Pancolars 1,4/75mm gab es von Zeiss Jena kein lichtstarkes Portraitobjektiv mehr. Diese Objektive werden aufgrund ihres eingeengten Bildwinkels, der sich daraus ergebenden günstigen Bildperspektive und der Möglichkeit, durch die geringe Schärfentiefe einen gezielten Schärfepunkt im Bild zu setzen, gern von fortgeschrittenen Amateurphotographen und Berufslichtbildnern verwendet. Einzig das Biometar 2,8/80mm in der Kleinbildvariante (Rechnung von 1948) wurde bis Mitte der 60er noch in geringen Mengen für Exakta und M42 gebaut. Als nach 1975 auch noch das Görlitzer 2,8/100mm auslief, gab es kein solches Objektiv mehr im Angebot der DDR Photoindustrie.

Von den Amateuren werden diese Objektive im Brennweitenbereich zwischen dem 1,5- bis 2-fachen der Normalbrennweite meist mindergeachtet. Sie wollen lieber ein „richtig langes Tele“ mit mindestens 135mm Brennweite haben. Kenner jedoch wissen um den Wert dieser kleinen Fernobjektive. Sie wissen um deren Eigenschaften, die Tiefenstaffelung des Raumes auf mittlere Distanzen sehr gut wiederzugeben und unwichtige Nebensächlichkeiten auszublenden. Letzteres bezieht sich sowohl auf störende Details links und rechts des Hauptmotivs als auch die Unterdrückung störenden Vorder- und vor allem Hintergrundes. Kenner benutzen diese Brennweiten meist nur bei mäßiger Abblendung und nutzen so deren Freistellungsvermögen. Mit etwas Erfahrung weiß man automatisch, wo man zu stehen hat, um trotzdem „alles drauf“ zu haben. Das läuft meist auf einen Aufnahmestandpunkt hinaus, der 2…3 Meter weiter weg liegt, als mit dem Normalobjektiv – und gerade aus diesem Standpunktwechsel ergibt sich erst die günstige perspektivische Wirkung dieser Objektive.

Prakticar 1,8/80mm
Pancolar 1,8/80mm

Das  Pancolar 80mm einmal in M42 mit Blendenelektrik und einmal in Praktica B-Fassung

Am 30. April 1976 wurde die Konstruktion eines Pancolars 1,8/80mm fertiggestellt, das auf dem Grundaufbau des bekannten Normalobjektivs von Wolf Dannberg und Gerhard Risch aus dem Jahre 1967 basierte. Trotz der um 60% längeren Brennweite, konnte die hohe Bildqualität dieser Konstruktion aufrechterhalten werden (was zudem der geringeren Bildwinkelausnutzung zu verdanken ist). Auch hier handelt es sich wieder um ein Objektiv, bei dem ein Optimum zwischen Aufwand und Leistung gefunden wurde. Es gibt vergleichbare Objektive, die auf höchstmögliche Leistung  bereits bei offener Blende getrimmt sind, die dann aber meist auf der Grundlage sehr teurer Spezialgläser fußen. Das Pancolar 1,8/80mm war zwar mit 595,- Mark (828,- Mark für Praktica B) auch nicht gerade billig für DDR-Verhältnisse. Allerdings lag das Problem  viel eher darin, daß es schwer zu bekommen war, denn es wurden in anderthalb Jahrzehnten lediglich ca. 11.000 Stück in M42 und 4700 Stück in Praktica Bajonett gefertigt. Davon dürfte zudem die überwiegende Mehrzahl in den Export gegangen sein.

MC Sonnar 3,5/135mm

Dieses Objektiv wurde 1975 zusammen mit dem Flektogon 2,4/35mm vorgestellt. Wirklich neu war es aber nicht. Die Konstruktion stammt aus dem Jahr 1965. Nur die Mehrschichtvergütung und die Fassung mit Blendenelektrik waren hinzugekommen. Dieser Vierlinser wurde seit Anfang der 30er Jahre gebaut und blieb bis in die Wendezeit im Programm. Er wurde in sehr großen Stückzahlen gefertigt und ist ein sehr empfehlenswertes Fernobjektiv. Mit 237,- Mark war er in der M42-Variante zudem amateurgerecht preiswert.


Das traf allerdings nicht für das Prakticar zu, das mit 470,- Mark doppelt so teuer ausfiel. Das ist ein gutes Beispiel für die zunehmenden Widersprüche innerhalb der Zentralverwaltungswirtschaft der DDR. Aus politisch-ideologischen Gründen waren sukzessive Verteuerungen von Konsumgüterprodukten, Mieten, Lebensmitteln usw. verpönt. So kam es vor, daß manche Produkte wie Grundnahrungsmittel über die gesamte Existenz der DDR hinweg denselben Preis behielten und damit 40 Jahre Preisentwicklung auf dem Weltmarkt an ihnen vorbeiging. Solche Produkte waren am Ende eine hochsubventionierte Last für den Staat und ein gewichtiger Grund für seinen ökonomischen Niedergang. Bei den Konsumgüterprodukten konnte die Industrie die notwendigen Preissteigerungen nur dann durchsetzen, wenn sie eine „Gebrauchswerterhöhung“ nachweisen konnte. Hierbei handelte es sich um einen typischen DDR-Begriff. Eigentlich suggeriert er etwas positives – die Erhöhung des Gebrauchswertes eben. Für den DDR-Bürger entwickelte er sich allerdings rasch zum Signalwort für verdeckte Preissteigerungen – und damit für den Verfall seiner DDR-Mark. Wie groß das Ausmaß der tatsächlichen Inflation in der DDR war, läßt sich also nur auf Umwegen ablesen – zum Beispiel eben an einem solchen Objektiv. Mit dem Einbau des vierlinsigen Sonnars in eine Fassung mit Bajonettanschluß konnte der Hersteller 15 Jahre  später dessen Preis endlich auf ein Niveau anheben, bei dem sich die Produktion wieder rentierte. Und dazu mußte jener eben tatsächlich verdoppelt werden.

Sonnar 135
Prakticar 3,5/135
MC Sonnar 135

Links wieder die besagte Zwischenversion, schon mit schwarzer Kreuzrändelfassung aber noch der alten Blendenmechanik mit Bowdenzug. Rechts die Praktica-B-Variante.

Sonnar 2,8/200mm

Das bewährte Sonnar 2,8/180mm war seit Mitte der 60er Jahre mit einem Zwischenstück erhältlich, mit dem man es an M42-Kameras verwenden konnte. Das Objektiv bot dann eine Halbautomatische Springblende, wie sie seit den 50er Jahren bekannt war; das heißt die Blende mußte von Hand geöffnet werden, sprang aber bei Auslösung des Verschlusses selbsttätig auf den Arbeitswert. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurde das Olympiasonnar sogar auf MC-Vergütung umgestellt. Der Wert dieses effektiveren Antireflexbelages ist bei diesem Objektiv freilich begrenzt, denn es hat ja lediglich sechs Glasluftflächen. Aber es ging halt mit der Zeit. Dazu zählte auch, daß es eine neue, schwarze Fassung bekam und im Zuge dessen eine mechanische Übertragung zwischen Wechseladapter und Blendenring eingeführt wurde. Über diese Mechanik wurde ein Potentiometer innerhalb des M42-Adapters bewegt, das die elektrische Offenblendenmessung ermöglichte. Für Kameras wie die Praktica PLC2, VLC2 oder EE2 war das eine sehr gute, wenn auch ein wenig voluminöse und schwere Lösung. Das Olympiasonnar ist halt einfach ein großer Brocken.


Für Kameras mit Arbeitsblendenmessung, wie die LTL, MTL oder DTL, war diese Lösung mit der Halbautomatischen Springblende allerdings äußerst unbefreidigend. Denn jedesmal, wenn man die Meßtaste betätigte, um die Belichtung zu prüfen, sprang die Blende zu und blieb daraufhin geschlossen. Weil man zum Scharstellen – zumal bei einem solch langbrennweitigen Objektiv – aber unbedingt eine offene Blende benötigt, war man ständig damit beschäftigt, abwechselnd die Meßtaste und den Blendenöffnungshebel zu betätigen, um nach der Belichtungsmessung wieder ein helles Sucherbild zu erhalten. Das war vollkommen unpraktisch.

Aus diesen beiden Gründen, weil das Sonnar 180mm groß und schwer war und keine Vollautomatische Druckblende zuließ, entwickelte man im April 1977 ein neues Sonnar 2,8/200mm, das trotz der längeren Brennweite kleiner und leichter ausfiel als das Olympiasonnar. Außerdem war es dafür eingerichtet, dieselben kameraseitigen Anschlußstücke zu verwenden, wie die anderen MC-Objektive in schwarzer Fassung. Es stand nun also eine vollwertige Blendenautomatik zur Verfügung die jeweils mit oder ohne Blendenelektrik angeboten werden konnte. Außerdem ist das Sonnar 2,8/200 an der Kleinbildkamera das bessere Objektiv, weil es exklusiv auf das Bildfeld des Kleinbildformates korrigiert ist. Es handelt sich einfach um die modernere Konstruktion. Das kam natürlich auch im Preis zur Geltung: 825,- Mark kostete es gegenüber der M42-Variante des 180ers mit 734,80 Mark.


Es nennt sich zwar „Sonnar“, ist aber keins. Statt einer Tripletvariante ist diese Neukonstruktion nämlich ein echter Teletyp. Etwa 16.000 Stück wurden bis zum Frühjahr 1989 hergestellt. Damit zählt es zu den eher selteneren Zeissobjektiven. Nichtsdestoweniger muß das Sonnar 2,8/200 als eine der letzten Neukonstruktionen von Carl Zeiss Jena bezeichnet werden, die überhaupt noch in Großserie produziert worden sind.


Sonnar 2,8/200mm

MC Sonnar 4/300

Sonnar 2,8/200 scheme

Das im Juli 1974 neuberechnete 300er Sonnar kam ein reichliches Jahr später in die Produktion, als in Saalfeld die Anlagen zur Mehrschichtvergütung der Glasoberflächen zur Verfügung standen. Es wurde bereits in der Auflistung der 1950er Jahre beschrieben. Um es noch mal kurz zusammenzufassen: Die Vorgängerversionen, die echte Sonnare gewesen sind, wiesen daher auch die für diesen Objektivtyp charakteristischen dicken Linsen im mittleren Objektivteil auf. Das machte das bisherige Sonnar sehr schwergewichtig und war sicherlich auch was die Herstellung betrifft nicht gerade billig. Dieses neue "Sonnar 4/300" gehörte nun freilich in die Gruppe der Teleobjektive. Die deutlich dünneren Linsen sorgten für eine ganz erhebliche Gewichtsreduzierung. Auch lassen sich flache Krümmungen der Glasoberflächen viel besser mehrschichtvergüten. Das MC Sonnar 4/300 kann man zwar als deutlich moderneres Objektiv bezeichnen; ein Zugewinn an Bildleistung war damit allerdings nicht verbunden. Eher im Gegenteil. Das liegt aber nicht daran, weil das MC Sonnar ein schlechtes Objektiv ist, sondern weil die vorige Zebra-Version so hervorragend korrigiert war. Im Abschnitt Objektivtests habe ich die Abbildungsleistungen eingehend miteinander verglichen.


Heute ist das 300er Sonnar eigentlich nur noch als Zusatzobjektiv zur Pentacon Six empfehlenswert. Es war zwar über ein Adaptersystem dezidiert auch für die Praktica vorgesehen, aber ohne Autofokus und Bildstabilisation sind solche langen Brennweiten nur schwer mit Erfolg einzusetzen. An der Mittelformatkamera hat das 300er aber eine Bildwirkung wie ein Kleinbildobjektiv mit etwa 165mm Brennweite – also eigentlich noch eine schöne Portraitbrennweite. Aber auch hier ist wenigstens ein Einbeinstativ empfehlenswert, das bequem am objektveigenen Sockel befestigt werden kann.


Mit einer Stückzahl von 13.200 Objektiven ist das MC-Sonnar nicht unbedingt ein seltenes Teleobjektiv, zumal es mit dem Pentacon 4/300 stets einen leistungsmäig vergleichbaren Konkurrenten hatte, bei dem allerdings auf eine Springblendenautomatik verzichtet werden mußte. Dafür lag der Endverbraucherpreis aber auch bei happigen 849,- Mark – über 300 Mark mehr als das Pentacon-Objektiv.

MC Sonnar 4/300mm

Ein interessantes Detail möchte ich noch ergänzen. Nachdem mir unser Leser Andreas Poschinger mitgeteilt hatte, daß es auch vom 300er Sonnar eine solche "Übergangsvariante" gibt, stellte sich heraus, daß das alte und das neue Sonnar eine kurze Zeit lang parallel zueinander gefertigt wurden. Offensichtlich war es so, daß im Oktober 1975 das bisherige Zebra-Sonnar 4/300 (Rechnung vom 19. August 1963) nunmehr mit einer schwarzen Fassung versehen wurde. Wenn die Übertragung aus den Zeiss-Karteikarten durch Herrn Thiele fehlerfrei ist, so sind aber bereits im August 1975 200 Exemplare des neuen MC-Sonnars 4/300 (Rechnung vom 11. Juli 1974) gefertigt worden. Erst einmal würde dies bedeuten, daß nicht das Flektogon 2,4/35mm das erste MC-Objektiv bei Zeiss gewesen ist, sondern das MC-Sonnar. Zweitens: Nachdem dann im Januar 1976 weitere 500 Exemplare des MC-Sonnars gefertigt wurden, folgten im August verblüffenderweise noch einmal 500 Exemplare des alten Sonnars – also des echten Sonnartyps mit den schweren Linsen, nur eben nicht mehr in einer Zebrafassung, sondern in einer schwarzen mit Kreuzrändel.


Wieso das so war, darüber läßt sich natürlich wieder nur spekulieren. Ich kann mir aber vorstellen, daß noch Linsensätze des alten Sonnars vorhanden waren, die nach und nach gefaßt und montiert wurden. Es war wohl üblich, Glasmaterial von Wechselobjektiven (die ja nicht von den Kameraherstellern in Auftrag gegeben wurden, wie die Normalobjektive) "vorzuproduzieren" und dann je nach Nachfrage in Fassungen einzubauen. Der Bedarf am neuen MC-Sonnar war aber offenbar vorrangig, denn dessen neue Fassung war ja auf die Übertragung der Blendenelektrik ausgelegt, wie sie oben beim 180er Sonnar beschrieben wurde. Diese Blendenelektrik wurde nun dringend für die Familie der Prakticas mit Offenblendenmessung gebraucht. Denken wir auch an die in den Startlöchern stehende Praktica EE2, deren Zeitautomatik ohne Blendenübertragung wenig sinnreich gewesen wäre. Das alte Sonnar, das lediglich in eine schwarze Fassung gesteckt wurde, hatte nämlich genau diese Übertragungsmechanik nicht. Die Blendenelektrik blieb dem MC-Sonnar vorbehalten.

Jena MC Biometar 80 mm

An mehreren Stellen auf dieser Seite habe ich die Frage aufgeworfen, welche Objektive wohl die ersten gewesen sein mögen, die mit einer Mehrfachvergütung versehen worden sind. Offiziell war dies das neue Flektogon 2,4/35; so zumindest suggerieren es entsprechende zeitgenössische Veröffentlichungen in der Fachpresse. Aber diese beziehen sich offenbar allein auf Neuerscheinungen. Laufende Serien wurden anscheinend schon viel früher auf MC-Vergütung umgestellt. Die Seriennummer dieses MC Biometars 2,8/80 mm würde diese Umstellung bereits auf den Jahreswechsel 1973/74 (!) verorten. Leider ist im Thiele nur selten angegeben, ob der neue T3-Belag verwendet wurde, weshalb man immer nur anhand auftauchender Objektive Datierungen vornehmen kann. Dieses Biometar ist jedenfalls das früheste MC-Objektiv, das mir bislang untergekommen ist.


Wie bei vielen anderen frühen Jenaer MC-Objektiven, ist auch die Fassung dieses Biometars noch etwas anders gestaltet, als bei den späteren MC-Biometaren. Unten sieht man eine Überblendung vom besagten Exemplar aus der ersten Serie der MC-Biometare (etwa Jahresanfang 1974) und einem Exemplar aus der letzten Serie (Herbst 1989).

Marco Kröger 2016


letzte Änderung: 5. Dezember 2019