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Carl Zeiss Jena 1970er

MC und die letzten Neukonstruktionen

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde die Stellung des VEB Carl Zeiss JENA innerhalb des wissenschaftlich-technischen Gerätebaus der DDR neu definiert. Das Zeisswerk sollte zum Zentrum der Forschung und Herstellung für Geräte der Rationalisierungs- und Automatisierungstechnik werden. Meß- und Analysegeräte sowie die Speichertechnik (Mikrofilmtechnik und beginnende „Kybernetik“) sollten nun im Vordergrund stehen. Demgegenüber sollte der Anteil der Astronomischen Geräte, der Ferngläser und auch der Photographischen Objektive sukzessive in den Hintergrund treten (Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel: Zeiss 1945-1990, S. 203ff.).

 

Allerdings änderte sich die Situation bereits Anfang der 70er Jahre wieder, weil der Machtwechsel an der Staatsspitze der DDR seinen Ausdruck auch in neuen wirtschaftspolitischen Prämissen fand. Um die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem System zu verbessern, wurde nun ein größeres Augenmerk auf gesteigerte Konsumgüterproduktion gelegt, um den „Bevölkerungsbedarf“ zu befriedigen. Von jetzt an waren bei gleichbleibender Qualität gesteigerte Quantitäten gefragt. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte Carl Zeiss Jena mit der Optischen Anstalt Saalfeld eine Tochterfirma aufgebaut, in der auch ein Teil der Zeiss Objektivfertigung erfolgte. In den 50er und 60er Jahren wurden hier die OPREMA und der Nachfolger ZRA1 (Zeiss Rechenautomat auf Röhrenbasis) entwickelt und gefertigt. Im Laufe des Geschäftsjahres 1973 wurden nun in diesem Zweigwerk die Kapazitäten für die Fabrikation photographischer Objektive stark erweitert, sodaß man davon ausgehen kann, daß Zeissobjektive von nun an ausschließlich in Saalfeld gefertigt bzw. montiert wurden (Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel: Zeiss 1945-1990, S. 225f.). Vergleichbares fand im Bereich der Feldstecher statt, deren Produktion an den Standort Eisfeld ausgelagert wurde, wo bislang die Werra fabriziert worden war. Sowohl bei den Feldstechern als auch den Photoobjektiven fand von nun an eine merkliche Ausweitung der hergestellten Mengen statt.

 

Bei den Objektiven mit M42-Anschluß wurde dies dadurch erleichtert, daß deren Fassungsaufbau umkonstruiert, vereinfacht und vereinheitlicht wurde. Rationalisierung („Ratio“) lautete dafür das Schlagwort in der DDR. Die Fassungen waren so aufgebaut, daß das kameraseitige Anschlußstück ein vereinheitlichtes Bauteil war, das allen Objektiven gemein war. Es wurde lediglich zwischen solchen mit Druckblende und solchen mit Druckblende und elektrischer Blendenwertübertragung unterschieden. Ob das Objektiv mit oder ohne Blendenelektrik ausgeliefert werden sollte, konnte nun also während der letzten Schritte der Endmontage entschieden werden. Außerdem war der Fassungsaufbau der MC-Objektive nun deutlich entfeinert, ließ sich also besser automatisiert fertigen und kam zudem mit deutlich weniger Kleinteilen aus. Letztere konnten außerdem teilweise aus Kunststoff hergestellt werden, ohne daß sich die Qualität oder Zuverlässigkeit des Objektives verschlechterte. Nur als man in den 80ern die Geradführungsnase von Aluminium auf Plastwerkstoff umstellte, kam es zu Schadensfällen. Zwar gab der Kunststoff der Geradführung quasi selbstschmierende Eigenschaften, aber die hochbelasteten Nasen brachen manchmal ab, wenn der Objektivkörper zum Beispiel beim Abschrauben eines festsitzenden Filters mit einem zu hohen Drehmoment belastet wurde.

 

Interessant ist auch die optische Umgestaltung der Fassungen, denn hier hat es einen Zwischenschritt gegeben. Ein Bericht zur Frühjahrsmesse 1975 in der „Fotografie“ zeigt das neue Flektogon 2,4/35 in einer Zebrafassung. Das stellte offenbar damals noch den vorherrschenden Standard bei Zeiss dar. Interessant ist aber, daß das auf derselben Messe vorgestellte Sonnar 3,5/135 (das nun mit elektrischer Blende lieferbar war) eine völlig schwarz lackierte Zebrafassung aufwies. Auch auf Werbebroschüren dieser Zeit sind Zeissobjektive mit schwarzlackierter Zebrafassung (betriebsintern „Flachnutenrändel“) neben den neuen Görlitzer Objektiven mit schwarzer Fassung und sogenanntem Kreuzrändel zu sehen. Zeiss zog hier also sukzessive nach und stellte auf die neue Farbgebung um. Zuerst wurde die bisherige Zebrafassung einiger Objektive einfach durch die neue Formgestaltung mit Kreuzrändel ersetzt, ohne daß sich der interne Aufbau änderte. Das heißt es blieb hier bei der Übertragung der Blendenmechanik mit einem Bowdenzug. Erst in einem zweiten Schritt wurden die Fassungen der Objektive in der oben beschriebenen Weise umgestaltet. Dieser Vorgang wurde durch zahlreiche neue Objektivneuerscheinungen zusätzlich vorangetrieben. Es sollte das letzte Mal sein, daß von Zeiss Jena in großem Stile neue Objektivkonstruktionen auf den Markt kamen.

Flektogon 2,4/35mm

Dieses gemäßigte Weitwinkel wurde im Jahre 1972 von Gerhard Risch und Utz Schneider komplett neu konstruiert. Auf dem ersten Blick scheint die Erhöhung der Lichtstärke von 2,8 auf 2,4 gegenüber dem Vorgänger nicht sehr erheblich zu sein. Diese leichte Verbesserung der maximalen Öffnung war aber quasi nur ein Nebenprodukt. Das eigentliche Ziel der Neukonstruktion lag darin, dieses von Amateuren gerne gekaufte Weitwinkel wesentlich preisgünstiger herstellen zu können. Das steht sogar wortwörtlich in der Patentschrift Nr. 15.762 vom 23. September 1974.

 

Erreicht wurde dies durch eine für damalige Verhältnisse äußerst moderne Konstruktion mit sechs einzelnstehenden Linsen. Dadurch ging die Erhöhung der Lichtstärke nicht auf Kosten der Abbildungsleistung. „Die deutliche Verbesserung des Öffnungsfehlers und die dadurch erzielte Steigerung des Öffnungsverhältnisses, bei gleichzeitiger Streckung der unteren und der oberen Koma, wurde durch die besondere Verteilung der Brechkräfte auf die einzelnen Flächen möglich.“ Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß das Flektogon im Prinzip aus zwei gleichartigen Teilen besteht, die jeweils vor und hinter der Blende aus einer Kombination von einer Zerstreuungs- und zweier Sammellinsen besteht. Das eigentlich geniale an diesem Objektiv ist aber seine Flexibilität bezüglich der Fertigung: „Ausführliche rechnerische Untersuchungen haben ergeben, daß dieser Typ eine große Variationsbreite bezüglich der einzelnen Konstruktionselemente, bei gleichzeitiger Einhaltung ökonomisch günstiger Parameter, aufweist […].“ Anschließend werden in der Patentschrift quasi die Grundkonstruktion angegeben sowie die Variationsmöglichkeiten dieser Werte, bei denen trotzdem noch ein Objektiv mit hoher Korrektion zusammenstellbar ist. Daraus läßt sich schließen, daß dieses Weitwinkelobjektiv speziell daraufhin ausgelegt war, auch dann ein optimal auskorrigiertes Endprodukt zu ergeben, wenn die tatsächlichen Parameter der einzelnen Elemente im Rahmen vorgegebener Grenzen leicht schwankten. Das läßt sich in der Praxis nie ganz vermeiden. Durch Auswahl geeigneter Kombinationen konnte man auch in der Großserienproduktuion sicherstellen, kein Glas verwerfen oder „Montagsobjekive“ anbieten zu müssen. Das machte das Flektogon 2,4/35 zu einem sehr ökonomisch herstellbarem Objektiv, das bis zum Ende der DDR in großen Stückzahlen ausgestoßen wurde. Es war das erste Zeiss Jena Objektiv mit Mehrschichtvergütung. Das ist wohl auch der Grund, weshalb es erst 1975 in Serienfertigung ging, nachdem die Technologie für diesen dreischichtigen Transparenzbelag zur Verfügung stand. Angesichts der zwölf Glas-Luft-Grenzflächen war eine vorherige Einführung offenbar nicht sinnvoll.

 

Das 2,4/35 ist auch nach heutiger Sicht ein erstklassiges Weitwinkelobjektiv und nach wie vor sehr geschätzt. Es läßt sich ohne Einschränkung bei offener Blende einsetzen und hat bei 1:5,6 das Optimum der Bildleistung. Mit 292,- Mark war es nicht billig, aber trotzdem noch für den Amateur erschwinglich.

Flektogon 2,4/35

Zwei Varianten des Flektogons 2,4/35mm. Links in der beschriebenen Zwischenstufe bereits mit Kreuzrändelfassung aber noch mit der Blendenmechanik der Zebraversion. Hier liegt auch die Naheinstellgrenze noch bei 19cm.

Flektogon 2,4/35
Flektogon 2,4/35 scheme

Flektogon 2,8/20mm

Im Abschnitt zu den 1960er Jahren habe ich schon erwähnt, wie fortschrittlich das Flektogon 4/20mm gewesen ist und daß andere Hersteller lange Zeit nichts Adäquates entgegenzusetzen hatten. Die Tatsache, daß viele Reflexkameras aus den 60ern noch einen arretierbaren Spiegel haben, erklärt sich daraus, daß für diese allenfalls ein „normalgebautes“ Superweitwinkel erhältlich war, das mit einem Zusatzsucher verwendet werden mußte. Superweitwinkel in Retrofokusbauart waren allerhöchste Spitzentechnologie.

 

Um hier die entsprechende Spitzenposition zu halten, stellten Gudrun Schneider und Eberhard Dietzsch am 1. Februar 1971 die Konstruktion eines neuen 20mm Objektives mit der Lichtstärke 1:2,8 fertig. Die Serienfertigung begann aber erst fünfeinhalb Jahre später. Offenbar wurde auch hier erst die Einführung des T3-Belages abgewartet, was angesichts der 16 Glasluftflächen unabdingbar war. Patentiert wurde das Objektiv unter der Nummer 129.582 erst am 10. Februar 1977. Aus der Schutzschrift geht hervor, daß auch bei diesem Objektiv ein besonderes Augenmerk darauf gelegt wurde, daß sich trotz Verdoppelung der Lichtstärke die Herstellungskosten nicht wesentlich erhöhten. Durch geschickte Konstruktion konnten die beiden Errechner dieses Objektives vermeiden, Glasarten mit extremen Eigenschaften und damit auch extremen Preisen verwenden zu müssen. Vor allem im vorderen Objektivteil mit seinen großen Durchmessern wären solche Linsen sehr teuer gewesen. Die wichtigste Konstruktionsidee für das Flektogon 2,8/20mm lag daher darin, die beim 4/20 noch inmitten des sammelnden Objektivteiles liegende Blende vor dieses zu verschieben, in den baulich günstigen Bereich hinter dem Kittglied. Mit diesem Kunstgriff konnte laut Patentschrift vermieden werden, daß die Brechkraft des zerstreuenden Teiles übermäßig erhöht werden mußte. Das hätte bedeutet, hier hochbrechende Gläser mit möglichst geringer Dispersion verwenden zu müssen. So aber konnten die Herstellungskosten im Rahmen gehalten werden, obgleich der Verkaufspreis von 660,- Mark für die M42-Variante (880,- Mark für Praktica B) für DDR-Verhältnisse freilich trotzdem ziemlich hoch waren. Bei Erscheinen des Flektogons 2,8/20mm war das M42-Gewinde und die Praktica im Bereich der hochwertigen Amateurkamera angesiedelt. In Anbetracht dieses angepeilten Marktsegments war das Flektogon 2,8/20mm ein hervorragendes Objektiv mit einem guten Kompromiß zwischen Preis und Aufwand und einer ausgezeichneten Fertigungsqualität.

Flektogon 20mm
Flektogon 2,8/20 scheme
Flektogon 2,8/20mm

Links der äußerst gedrängte optische Aufbau, rechts die Kontrastübertragung des Flektogons 2,8/20mm bei Abblendung auf 1:5,6. [nach Nasse: Retrofocus-Objektive - und warum sie erfunden wurden, Oberkochen, 2011]. Für die hohe maximale Öffnung und den großen Bildwinkel sind das beachtliche Werte - immer vor dem Hintergrund betrachtet, daß wir uns, was die Errechnung dieses Systems betrifft, im Jahre 1971 befinden! Wenn meine Recherchen stimmen, dann gab es beispielsweise bei Canon ein 2,8/20 auch erst ab 1973, bei Nikon gar erst ab 1984. Andere Systeme, wie beispielsweise das Elmarit 2,8/19mm von Leitz mögen besser auskorrigiert gewesen sein - bei denen waren aber auch das Komma im Verkaufspreis um eine Stelle weiter nach rechts verschoben. Dafür waren wohl eher die teuren Glassorten verantwortlich, als die Kosten der nach Canada verlagerten Produktion.

 

Daß das Flektogon 2,8/20mm auch bei offener Blende brauchbare Ergebnisse zu liefern im Stande ist, zeigt unten die Teilaufnahme eines Teppichwebstuhles. Bedenken Sie, daß zu jeder Schlaufe Ihres Teppichs eine eigene Garnrolle gehört!

Pancolar 1,8/80mm

Seit dem Auslaufen des Biotars 1,5/75mm Ende der 1950er Jahre und der nichterfolgten Serienproduktion des Pancolars 1,4/75mm gab es von Zeiss Jena kein lichtstarkes Portraitobjektiv mehr. Diese Objektive werden aufgrund ihres eingeengten Bildwinkels, der sich daraus ergebenden günstigen Bildperspektive und der Möglichkeit, durch die geringe Schärfentiefe einen gezielten Schärfepunkt im Bild zu setzen, gern von fortgeschrittenen Amateurphotographen und Berufslichtbildnern verwendet. Einzig das Biometar 2,8/80mm in der Kleinbildvariante (Rechnung von 1948) wurde bis Mitte der 60er noch in geringen Mengen für Exakta und M42 gebaut. Als nach 1975 auch noch das Görlitzer 2,8/100mm auslief, gab es kein solches Objektiv mehr im Angebot der DDR Photoindustrie.

 

Von den Amateuren werden diese Objektive im Brennweitenbereich zwischen dem 1,5- bis 2-fachen der Normalbrennweite meist mindergeachtet. Sie wollen lieber ein „richtig langes Tele“ mit mindestens 135mm Brennweite haben. Kenner jedoch wissen um den Wert dieser kleinen Fernobjektive. Sie wissen um deren Eigenschaften, die Tiefenstaffelung des Raumes auf mittlere Distanzen sehr gut wiederzugeben und unwichtige Nebensächlichkeiten auszublenden. Letzteres bezieht sich sowohl auf störende Details links und rechts des Hauptmotivs als auch die Unterdrückung störenden Vorder- und vor allem Hintergrundes. Kenner benutzen diese Brennweiten meist nur bei mäßiger Abblendung und nutzen so deren Freistellungsvermögen. Mit etwas Erfahrung weiß man automatisch, wo man zu stehen hat, um trotzdem „alles drauf“ zu haben. Das läuft meist auf einen Aufnahmestandpunkt hinaus, der 2…3 Meter weiter weg liegt, als mit dem Normalobjektiv – und gerade aus diesem Standpunktwechsel ergibt sich erst die günstige Bildperspektive dieser Objektive.

Prakticar 1,8/80mm

Das Pancolar 80mm einmal in M42 mit Blendenelektrik und einmal in Praktica B-Fassung

Pancolar 1,8/80mm

Am 30. April 1976 wurde die Konstruktion eines Pancolars 1,8/80mm fertiggestellt, das auf dem Grundaufbau des bekannten Normalobjektivs von Wolf Dannberg und Gerhard Risch aus dem Jahre 1967 basierte. Trotz der um 60% höheren Brennweite konnte die hohe Bildqualität dieser Konstruktion aufrechterhalten werden (was zudem der geringeren Bildwinkelausnutzung zu verdanken ist). Auch hier handelt es sich wieder um ein Objektiv, bei dem ein Optimum zwischen Aufwand und Leistung gefunden wurde. Es gibt vergleichbare Objektive, die auf höchstmögliche Leistung bereits bei offener Blende getrimmt sind, die dann aber meist auf der Grundlage sehr teurer Spezialgläser fußen. Das Pancolar 1,8/80mm war zwar mit 595,- Mark (828,- Mark für Praktica B) auch nicht gerade billig für DDR-Verhältnisse. Allerdings lag das Problem viel eher darin, daß es schwer zu bekommen war, denn es wurden in anderthalb Jahrzehnten lediglich ca. 11.000 Stück in M42 und 4700 Stück in Praktica Bajonett gefertigt. Davon dürfte zudem die überwiegende Mehrzahl in den Export gegangen sein.

MC Sonnar 3,5/135mm

Dieses Objektiv wurde 1975 zusammen mit dem Flektogon 2,4/35mm vorgestellt. Wirklich neu war es aber nicht. Die Konstruktion stammt aus dem Jahr 1965. Nur die Mehrschichtvergütung und die Fassung mit Blendenelektrik waren hinzugekommen. Dieser Vierlinser wurde seit Anfang der 30er Jahre gebaut und blieb bis in die Wendezeit im Programm. Er wurde in sehr großen Stückzahlen gefertigt und ist ein sehr empfehlenswertes Fernobjektiv. Mit 237,- Mark war er in der M42-Variante zudem amateurgerecht preiswert.

 

Das traf allerdings nicht für das Prakticar zu, das mit 470,- Mark doppelt so teuer ausfiel. Das ist ein gutes Beispiel für die zunehmenden Widersprüche innerhalb der Zentralverwaltungswirtschaft der DDR. Aus politisch-ideologischen Gründen waren sukzessive Verteuerungen von Konsumgüterprodukten, Mieten, Lebensmitteln usw. verpönt. So kam es vor, daß manche Produkte wie Grundnahrungsmittel über die gesamte Existenz der DDR hinweg denselben Preis behielten und damit 40 Jahre Preisentwicklung auf dem Weltmarkt an ihnen vorbeiging. Solche Produkte waren am Ende eine hochsubventionierte Last für den Staat und ein wichtiger Grund für seinen ökonomischen Niedergang. Bei den Konsumgüterprodukten konnte die Industrie die notwendigen Preissteigerungen nur dann durchsetzen, wenn sie eine „Gebrauchswerterhöhung“ nachweisen konnte. Hierbei handelte es sich um einen typischen DDR-Begriff. Eigentlich suggeriert er etwas positives – die Erhöhung des Gebrauchswertes eben. Für den DDR-Bürger entwickelte er sich allerdings rasch zum Signalwort für verdeckte Preissteigerungen – und damit für den Verfall seiner DDR-Mark. Wie groß das Ausmaß der tatsächlichen Inflation in der DDR war, läßt sich also nur auf Umwege ablesen – zum Beispiel eben an einem solchen Objektiv. Mit dem Einbau des vierlinsigen Sonnars in eine Fassung mit Bajonettanschluß konnte der Hersteller 15 Jahre später dessen Preis endlich auf ein Niveau anheben, bei dem sich die Produktion wieder rentierte. Und dazu mußte er tatsächlich verdoppelt werden.

Sonnar 135
Prakticar 3,5/135
MC Sonnar 135

Links wieder die besagte Zwischenversion, schon mit schwarzer Kreuzrändelfassung aber noch der alten Blendenmechanik mit Bowdenzug. Rechts die Praktica-B-Variante.

Sonnar 2,8/200mm

Das bewährte Sonnar 2,8/180mm war seit Mitte der 60er Jahre mit einem Zwischenstück erhältlich, mit dem man es an M42-Kameras verwenden konnte. Das Objektiv hatte dann eine Halbautomatische Springblende, wie seit den 50er Jahren bekannt war; das heißt die Blende mußte von Hand geöffnet werden, sprang aber bei Auslösung des Verschlusses selbsttätig auf den Arbeitswert. Mitte der 70er Jahre wurde das Olympiasonnar sogar auf MC-Vergütung umgestellt. Der Wert dieses effektiveren Antireflexbelages ist bei diesem Objektiv freilich begrenzt, denn es hat ja lediglich sechs Glasluftflächen. Aber es ging halt mit der Zeit. Dazu zählte auch, daß es eine neue, schwarze Fassung bekam und im Zuge dessen eine mechanische Übertragung zwischen Wechseladapter und Blendenring eingeführt wurde. Über diese Mechanik wurde ein Potentiometer innerhalb des M42-Adapters bewegt, das die elektrische Offenblendenmessung ermöglichte. Für Kameras wie die Praktica PLC, VLC oder EE2 war das eine sehr gute, wenn auch ein wenig voluminöse und schwere Lösung. Das Olympiasonnar ist halt einfach ein großer Brocken.

 

Für Kameras mit Arbeitsblendenmessung, wie die LTL, MTL oder DTL, war diese Lösung mit der Halbautomatischen Springblende allerdings äußerst unbefreidigend. Denn jedesmal wenn man die Meßtaste betätigte, um die Belichtung zu prüfen, sprang die Blende zu und blieb daraufhin geschlossen. Weil man zum Scharstellen – zumal bei einem solch langbrennweitigen Objektiv – aber unbedingt eine offene Blende benötigt, war man ständig damit beschäftigt, abwechselnd die Meßtaste und den Blendenöffnungshebel zu betätigen. Das war vollkommen unpraktisch.

 

Aus diesen beiden Gründen, weil das Sonnar 180mm groß und schwer war und keine Vollautomatische Druckblende zuließ, entwickelte man im April 1977 ein neues Sonnar 2,8/200mm, das trotz der längeren Brennweite kleiner und leichter ausfiel, als das Olympiasonnar. Außerdem war es dafür eingerichtet, dieselben kameraseitigen Anschlußstücke zu verwenden, wie die anderen MC-Objektive in schwarzer Fassung. Es stand nun also eine vollwertige Blendenautomatik zur Verfügung die jeweils mit oder ohne Blendenelektrik angeboten werden konnte. Außerdem ist des Sonnar 2,8/200 an der Kleinbildkamera das bessere Objektiv, weil es exklusiv auf das Bildfeld des Kleinbildformates korrigiert ist. Es handelt sich einfach um die modernere Konstruktion. Das kam natürlich auch im Preis zur Geltung: 825,- Mark kostete es gegenüber der M42-Variante des 180ers mit 734,80 Mark.

 

Es nennt sich zwar „Sonnar“, ist aber keins. Statt einer Tripletvariante ist diese Neukonstruktion nämlich ein echter Teletyp. Etwa 16.000 Stück wurden bis zum Frühjahr 1989 hergestellt. Damit zählt es zu den eher selteneren Zeissobjektiven. Nichtsdestoweniger muß das Sonnar 2,8/200 als einer der letzten Neukonstruktionen von Carl Zeiss Jena bezeichnet werden, die überhaupt noch in Großserie produziert worden sind.

Sonnar 2,8/200mm

MC Sonnar 4/300

Sonnar 2,8/200 scheme

Das im Juli 1974 neuberechnete 300er Sonnar kam ein reichliches Jahr später in die Produktion, als in Saalfeld die Anlagen zur Mehrschichtvergütung der Glasoberflächen zur Verfügung standen. Es wurde bereits in der Auflistung der 1950er Jahre beschrieben. Im Abschnitt "Objektivtests" steht etwas zur Abbildungsleistung dieses echten Teletyps. Mit 849,- Mark Endverbraucherpreis war es für DDR Verhältnisse natürlich nicht ganz billig. Im Vergleich dazu, was Mittelformatobjektive anderer Hersteller kosteten, relativiert sich die Summe allerdings.

MC Sonnar 4/300mm

Marco Kröger 2016