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Meyer Optik Görlitz 1960er

Über den Technologieschub, der bei Meyer-Optik Görlitz seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre stattgefunden hat, habe ich bereits im Abschnitt zum Primotar E etwas gesagt. Hier fand mit Hubert Ulbrich ein Generationswechsel im Bereich der Objektivkonstruktion statt. Der Konstrukteur ist für eine Objektivbauanstalt in etwa das, was der Emulsionär für eine Filmfabrik ist: Mit seiner Expertise steht oder fällt des Renommee und die Marktposition seiner Firma. Selbstverständlich muß auch die Fertigung mit diesem Niveau schritthalten. Auch hier hat es offenbar im Laufe der 50er Jahre sukzessive Modernisierungen gegeben. In einem mehrseitigen Bericht über die Meyer-Objektivfertigung in der „Fotografie“ aus dem Frühjahr 1961 sieht man beispielsweise moderne Revolver-Drehautomaten. Andererseits muten viele Arbeitsschritte noch ziemlich kleinteilig-manufakturell an. Ich gehe davon aus, daß hier in den Folgejahren eine immer größere Automation stattgefunden haben muß, um die stetig wachsenden Stückzahlen liefern zu können. Allein bei den Normalobjektiven hat es hier mit Einführung der Fließbandproduktion im Dresdner Kamerabau eine enorme Steigerung gegeben. Wenn in Dresden in der zweiten Hälfte der 60er Jahre alle 45 Sekunden eine Praktica vom Band lief, dann mußte auch in Jena (bzw. Saalfeld) und Görlitz alle 45 Sekunden ein Normalobjektiv fertiggestellt worden sein. Diese Dimensionen muß man sich ab und an vor Augen führen. Im Jahre 1963 war das Feinoptische Werk Görlitz bereits auf 900 Arbeitskräfte angewachsen (Vgl. Ulbrich, Hubert: Neue Objektive aus Görlitz, Fotografie 9/63, S. 350.)

Lydith 3,5/30mm

Dieses kleine Weitwinkelobjektiv kann man als direkten Nachfolger des Primagon 4,5/35mm ansehen. Ursprünglich sollte es Domigon 3,5/30 heißen. Es ist auch in geringen Stückzahlen unter diesem Namen ausgeliefert worden. Wieso dann die Umbenennung erfolgte, ist mit nicht klar. Mag sein, daß es mit dem Domiplan 3,5/30mm für die Penti vermehrt zu Verwechslungen gekommen war.

 

Dieses Objektiv ist heute als kleines aber recht leistungsfähiges Weitwinkel mit Vorwahlblende bekannt und geschätzt. Interessant ist aber, daß es ursprünglich mit automatischer Springblende ausgerüstet worden war. Es wurde nämlich eigentlich exklusiv für die Zentralverschluß-Spiegelreflex Pentina geschaffen. Für diesen Zweck mußte Ulbrich dafür sorgen, daß der rückwärtige Teil der Retrofokuskonstruktion schlank genug blieb, um in den Prestor Zentralverschluß zu passen. Das Resultat ist in der Bundesrepublik (Nr. 1.794.971 vom 30.12.1958) und in der DDR (Nr. 7230 vom 24. 12. 1958) zum Gebrauchsmuster angemeldet worden. Quintessenz dieser Schutzschrift ist, daß das Lydith zwar grundsätzlich nichts Neues darstellt, aber ähnliche Objektive bislang mindestens 6 Linsen benötigten. Das Lydith kommt mit lediglich fünf einzelnstehenden Linsen aus. Das war damals in Anbetracht der aufwendigen Herstellung der Linsenelemente ein großer Kostenvorteil. Heute, wo diese vollautomatisiert produziert werden und selbst preiswerte Amateurobjektive kaum weniger als ein Dutzend Einzelelemente aufweisen, erscheint diese Ersparnis von einer Linse natürlich kaum noch verständlich.

Das Lydith an der Pentina FM, dem Spitzenmodell, für die offensichtlich die Einstellscheibe der westdeutschen Contaflex importiert wurde.

Pentina Lydith

Heraus kam also ein modernes, kompaktes Weitwinkelobjektiv das mit einem Verkaufspreis von 142,- Mark sehr amateurgerecht ausfiel. Das Problem war aber nicht das Objektiv, sondern die Kamera, für das es gedacht war. Die Pentina verkaufte sich schlecht, selbst auf dem Inlandsmarkt. Rechnet man alle Tessare für die Pentina zusammen (das einzige Normalobjektiv für diese Kamera), dann kommt man auf maximal 47865 Kameras. Die Anzahl der tatsächlich verkauften Kameras liegt aber sicherlich darunter. Zum Schluß montierte man die Pentina ohne die Belichtungshalbautomatik, um die herum sie konzipiert worden war, um die Gehäuse (zu einem leicht gesenkten Preis) überhaupt noch absetzen zu können. Bedenkt man, daß nur ein Bruchteil der Besitzer einer solchen reinen Amateurkamera Wechselobjektive kaufen, dann war das Lydith für die Pentina bestimmt kein großer Verkaufsschlager. Nachdem das Lydith also 1960 auf der Frühjahrsmesse mit Automatikblende für die Pentina vorgestellt worden war, so kam es jetzt auf der Herbstmesse 1963 mit Vorwahlblende und Anschlüssen für Exakta Varex und M42 (sowie in geringen Stückzahlen für die bereits ausgelaufene Altix) heraus. Das war also in gewissem Sinne ein mechanischer Rückschritt. Bei Weitwinkelobjektiven ist allerdings aufgrund der großen Schärfentiefe eine automatische Springblende eher verzichtbar, als bei Objektiven mit längeren Brennweiten. Und angesichts des nur leicht erhöhten Preises auf 150,- Mark war das Lydith auch weiterhin ein kompaktes Weitwinkelobjektiv, das wie für den Amateur geschaffen war. Es wurde von nun an in sehr hohen Stückzahlen bis zum Ende der DDR verkauft. Der Preis blieb 25 Jahre lang derselbe (!), nur der Name änderte sich zu Pentacon 3,5/30mm.

Lydith 30mm scheme

Domigor 4/135mm

Dieses Objektiv wurde ebenso exklusiv für die Pentina geschaffen und teilte dasselbe Schicksal, wie das Jenaer Cardinar 2,8/85mm: Nach dem raschen Auslaufen der Produktion der Pentina wurde die Konstruktion uninteressant, weil sie speziell auf den Zentralverschluß hin gezüchtet worden war. Ich möchte es hier trotzdem würdigen, weil es mit fünf einzelnstehenden Linsen eine für die Zeit sehr moderne Konstruktion war. Hubert Ulbrich und Otto-Wilhelm Lohberg standen vor der Aufgabe, ein einigermaßen lichtstarkes, langbrennweitiges Zusatzobjektiv für den recht engen Durchlaß des Prestor Reflex zu schaffen. Der Kunstgriff der Konstrukteure lag dabei beim Einsatz eines positiven Meniskus zwischen dem vorderen, sammelnden Systemteil und dem hinteren mit zerstreuender Wirkung. Neben einer strahlenlenkenden, den Querschnitt des Lichtbündels verringernden Aufgabe, wirkt sich dieser Meniskus auch positiv auf die Korrektur der Koma und das Astigmatismus aus, wenn seine Mittendicke zwischen dem 0,08- und 0,1-fachen seiner Brennweite liegt und der Scheitelabstand vom vorderen Systemteil mindestens 5% der Gesamtbrennweite des Objektivs beträgt.

 

In der DDR wurde dieses Objektiv am 25. Februar 1960 zum Patent angemeldet (Nr. 29.586), in der Bundesrepublik einen Tag später (Nr. 1.120.735). Der Linsenschnitt dürfte bisher noch nirgendwo zu finden gewesen sein. Mit 260,- Mark war es für ein Amateurobjektiv übrigens nicht ganz billig.

Domigor 4/135mm
Domigor 135mm scheme

Orestegor 4/200mm

Ebenfalls auf der Herbstmesse 1963 wurde neben dem Lydith das Orestegor 4/200mm vorgestellt. Es war ein moderner Teletyp mit guter Bildleistung und vergleichsweise kurzer Baulänge. Eine gleichzeitige Erhöhung der Lichtstärke bei deutlicher Verbesserung der Bildleistung im Vergleich zum alten Telemegor, war durch eine Aufspaltung des vorderen, sammelnd wirkenden Systemteils in zwei Hälften zu erreichen. Durch geschickte Brechkraftverteilung auf eine meniskenförmige Frontlinse und einen zweiten Meniskus, der sich aber aus einer bikonvexen Sammellinse und einer bikonkaven Zerstreuungslinse zusammensetzt, konnte Hubert Ulbrich die Restfehler der Bildfeldwölbung und des Astigmatismus kleiner als 0,05 und den Farbquerfehler kleiner als 0,01 halten (gerechnet auf übliche Bezugsbrennweite von 100mm). Als noch größerer Fortschritt gegenüber dem alten Telemegor muß aber angesehen werden, daß die, den Teleobjektiven oft anhaftende Verzeichnung auf unter einem Promille (!) gebracht werden konnte. In dieser Konfiguration wurde das Orestegor 4/200mm am 2. Mai 1961 in der DDR zum Patent angemeldet.

 

Der Preis von 220,- Mark war gerade noch amateurtauglich. Hervorzuheben ist auch das Wechseladaptersystem. Freilich ist ein Objektiv mit solch einer langen Brennweite, das lediglich mit einer Vorwahlblende ausgestattet ist, nur bedingt brauchbar. Bis man die Blende zugedreht hat, ist ein bewegliches Motiv meist längst wieder aus der Schärfeebene entschwunden. Genau 15 Jahre später wurde daher das Pentacon auto 4/200 herausgebracht, das eine automatische Springblende aufzuweisen hat und daher viel praxistauglicher ist. Diese "neue Version" ist auch deshalb empfehlenswerter, weil sie optisch überarbeitet wurde und nocheinmal deutlich leistungsfähiger ist.

Orestegor 4/200mm
Orestegor scheme

Orestor 2,8/135mm

Kurze Zeit später wurde dieses Teleobjektiv herausgebracht, das bei etwas kürzerer Brennweite doppelt so lichtstark ist. Es teilt sich das Adaptersystem mit dem 4/200. Die Bildleistung kommt nicht an das Sonnar 3,5/135 heran, ist aber angesichts des niedrigeren Preises trotzdem ein sehr gutes Objektiv gewesen (191,- gegenüber 229,- Mark). Es ist übrigens unter der Nummer 1.282.311 am 19. Februar 1962 in der Bundesrepublik zum Patent angemeldet worden. Als Erfinder wurde Hubert Ulbrich benannt. Die Tatsächliche Formgebung dieses Objektives entspricht aber nicht ganz dem Patent. Leider hat sich dadurch aber der falsche Linsenschnitt in die Literatur eingeschlichen. Der korrekte Linsenschnitt wird daher hier exklusiv gezeigt. Nähere Informationen dazu finden sich im Abschnitt zum nächsten Jahrzehnt beim Pentacon auto 2,8/135mm

Orestegor 2,8/135

Orestor 2,8/100mm

Orestor 135mm scheme

Dieses Objektiv ist quasi der kleine Bruder des 2,8/135. Ich halte es für das empfehlenswerteste unter den Meyer Teletypen der 1960er. Die 100mm Brennweite ergeben eine ausgezeichnete Perspektive im mittelnahen Bereich und zwingen dazu, Ausschnitte zu finden. Die Abbildungsleistung ist erstklassig. In Verbindung mit Zwischenringen oder einem Balgengerät ist es zudem ein sehr gutes Objektiv für Nahaufnahmen. Es wurde in zwei unterschiedlichen Fassungen geliefert. Als Orestor 2,8/100 SR in einer sehr kleinen Bauform mit einer einfachen Rastblende für 149,- Mark und als Orestor auto 2,8/100 mit dem bekannten Druckblendenmechanismus für 185,- Mark (M42 und Exakta RTL 1000).

Orestor 2,8/100 Rastblende
Orestor 2,8/100 Druckblende
Orestor 100mm scheme

Orestegon 2,8/29mm

An diesem Objektiv kann man ablesen, welchen Aufwand es nach sich zieht, wenn die Brennweite nur um einen Millimeter verkürzt und die Lichtstärke weniger als eine Blendenstufe erhöht werden soll. Statt fünf waren nun gleich sieben Linsen vonnöten. Trotzdem – und so hat es Hubert Ulbrich explizit in seine Patentanmeldung geschrieben – war das Objektiv darauf ausgelegt, so preiswert wie möglich fabriziert werden zu können (Nr. DD46.553 vom 13. Oktober 1964). Mit 213,- Mark war es auch für den Amateur erschwinglich. Für die erste Linse hinter der Blende wurde übrigens ein Flintglas mit der für die damalige Zeit sehr hohen Brechzahl von 1,8052 verwendet.

 

Wunder darf man von diesem Objektiv vor allem im Randbereich trotzdem nicht erwarten. Das Orestegon stellt halt in vielerlei Beziehungen einen Kompromiß zwischen unterschiedlichen Gesichtspunkten dar. Es wurde nach der Wende einmal vom Fotomagazin getestet und erreichte dort eine Bildgütezahl von -3,5 bei offener Blende; -2,4 bei Blende 8 und -2,95 als Mittelwert. Für den Amateur mit seinen postkartengroßen Abzügen genügte das aber vollauf. Der verlangte nach einem brauchbaren Weitwinkelobjektiv, das er sich auch leisten konnte. Und genau diese Forderung erfüllt das Orestegon in vortrefflicher Weise. Daher wurde die M42-Version unverändert ein Vierteljahrhundert lang in extrem hohen Stückzahlen gefertigt. Nur der Name änderte sich zu Pentacon 2,8/29mm und in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde das Objektiv mehrschichtvergütet. Angesichts der sieben einzelnstehenden Linsen, die zwangsläufig vierzehn Glas-Luft-Übergänge nach sich ziehen, hatte die dreischichtige Entspiegelung bei diesem Weitwinkelobjektiv also tatsächlich einmal eine wirklich greifbare Wirkung.

Orestegon 2,8/29mm

Orestegor 4/300mm

Orestegon 29mm scheme
Orestegor 4/300mm

516 Mark und 50 Pfennige kostete dieses Objektiv mit Anschluß für Pentacon Six oder Praktica. Es war ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem alten Telemegor 4,5/300mm. Auch dieses Objektiv ist nach der Wende vom Fotomagazin getestet worden und erreichte mit einer Bildgütezahl von -2,1 bei offener Blende, -1,6 bei Blende 8 und einem Durchschnittswert von -1,85 ganz respektable Werte. Einen Vergleich zum deutlich teureren Sonnar 4/300 findet man in der Sektion „Objektivtests“.

 

Auch bei diesem Tele ist durch die Vorwahlblende der praktische Anwendungsbereich stark begrenzt. Schon das Scharfstellen der schweren Fassung bereitet Mühe. Wenn man dann noch die Blende manuell auf- und zudrehen muß, hat man bei bewegten Motiven meist kaum eine Chance. Hier ist ein Objektiv mit automatischer Blende (und ggf. kürzerer Brennweite) meist erfolgversprechender.

 

Seine Stärken kann das Orestegor/Pentacon 4/300mm meines Erachtens erst so richtig im Mittelformat 6x6cm ausspielen. Teilt man dessen Bildkreis von netto 79,2mm durch denjenigen des Kleinbildes von 43,3mm, dann ergibt sich ein Formatfaktor von 1,83. Daraus folgt, daß das 300er an der Pentacon Six eine Bildwirkung hat, wie ein Kleinbildobjektiv von etwa 165mm Brennweite. Das ergibt eine Tiefenstaffelung des Raumes, die durchaus noch nicht unnatürlich wirkt, wie das obige Frauenbildnis von Žiga Četrtič, Ljubljana, unter Beweis stellt. Auch wenn es vom Bildaufbau vielleicht nicht völlig befriedigt - die abgeschnittenen Füße stören den Gesamteindruck - so scheint mir das Bild trotzdem einen sehr instruktiven Charakter zu haben. Wir haben es zwar wie gesagt mit einer Tiefenwirkung einer 165mm Kleinbildbrennweite zu tun, aber natürlich bleiben 300mm Brennweite 300mm Brennweite - mitsamt den zugehörigen Schärfentiefenverhältnissen. Diese sorgen für eine hohe Freistellungswirkung, die dem Bild diese ungewöhnliche Plastizität verleiht. Es kommt also nicht von ungefähr, daß erfahrene Lichtbildner gerne lange Brennweiten einsetzen. Diese haben aber nur dann ihre Sinnhaftigkeit, wenn auch das Aufnahmeformat dementsprechend groß ist. Wird nämlich eine lange Brennweite an einem kleinen Format verwendet, dann kommt es aufgrund der unvermeidlichen Nachvergrößerung des Positivs - schließlich schaut man ja keine Abzüge an, die so groß wie eine Briefmarke sind - zu einer unerträglichen Verflachung der Perspektive, die Vorder-, Mittel- und Hintergrund regelrecht zusammenklatscht. Die alte Weisheit „lange Brennweite - großes Format – beste Bildplastik“ mag ein Grund dafür sein, weshalb das dahingehend als guter Kompromiß anzusehende Mittelformat trotz des haarsträubend veralteten Rollfilmes nie ganz ausgestorben ist und in letzter Zeit wieder eine regelrechte Renaissance zu erleben scheint. Und weil man in diesem Format auch mit der gebührenden Geduld und mit Bedacht photographiert, stört auch die behäbige Vorwahlblende des Orestegors nur noch unwesentlich...

Orestegor 5,6/500mm

Dieses Supertele wurde auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1965 vorgestellt und rundete das Teleprogramm nach oben hin ab. Es verwendete dieselben Adapter wie das 300er und war daher explizit für das Mittelformat ausgelegt. Es kostete 706,50 M mit Praktica- oder Praktisix-Adapter (später mit MC-Vergütung 741,50 M). Es wurde am 16.9.1963 in der Bundesrepublik ein Patentschutz beantragt (und später offensichtlich unter der Nummer 1.980.417 ein Gebrauchsmuster erteilt). Die Schutzschrift läßt erkennen, daß ein besonderes Augenmerk auf Vignettierungsarmut gelegt wurde, was angesichts der Auslegung des Orestegors für das Mittelformat 6x6 unbedingt gefordert werden mußte. Trotz der für damalige Verhältnisse konkurrenzlos großzügigen Dimensionierung des Praktisix-Bajonettes war eine sorgfältige Konstruktionstätigkeit notwendig, weil dessen freier Durchlaß sich zwar auf stolze 60mm bemißt, der Bildkreis des Mittelformates 6x6 aber bekanntermaßen noch einmal 20mm größer ist.

Gelöst wurde dieses Problem dadurch, daß die Zerstreuungslinse des positiven Systemteils (also die Linse 2) einen Meniskus darstellt, dessen Hohlseite (!) der Frontlinse zugeneigt ist und der aus einem Glasmaterial mit der respektablen Brechkraft von 1,74 besteht. Es ist offenbar hauptsächlich der Formgebung dieses Meniskus zu verdanken, daß ein Telephoto-Effekt von 5,47 erreicht wird. Diesen für die Kennzeichnung von Teleobjektiven bedeutsamen Begriff sollte man vielleicht einmal etwas näher erläutern: Echte Teleobjektive zeichnen sich klassischerweise dadurch aus, daß diese aus einem vorderen, sammelnd wirkenden und einem hinteren, zerstreuend wirkenden Systemteil bestehen, die beide durch einen beachtlichen Luftabstand voneinander getrennt sind. Wird dieses Konstruktionsprinzip konsequent verfolgt, dann erhält man ein optisches System, bei dem die bildseitige Schnittweite deutlich kleiner ist, als die Hälfte der Äquivalentbrennweite (nach Tronnier, Deutsche Patentschrift Nr. 973.019).

Der Begriff Äquivalentbrennweite bedeutet hier die einer Einzellinse entsprechende Brennweite eines mehrgliedrigen Systems. Als Brennweite versteht der Optiker die Distanz zwischen dem Punkt, an dem sich die aus dem Undendlichen kommenden (parallelen) Lichtstrahlen nach dem Passieren des optischen Systems auf der optischen Achse vereinigen – dem Brennpunkt – und einer bestimmten Bezugsebene innerhalb des Objektives. Diese als Hilfskonstruktion eingeführte theoretische Bezugsebene in einem optischen System nennt man bildseitige Hauptebene H‘. Diesem einen Bezugssystem steht die Schnittweite entgegen, deren Bezugspunkt auf der Ebene liegt, wo die Strahlen zuletzt abgelenkt worden sind – also zumeist auf Höhe des letzten Linsenscheitels. Nur bei theoretisch existierenden (nämlich unendlich dünnen) Linsen liegen diese beiden Ebenen aufeinander und es sind daher Brenn- und Schnittweite gleichlang. Beim Teleobjektiv werden diese beiden Bezugsebenen aber in geradezu grotesker Weise auseinandergerissen – und zwar absichtlich. Durch Verlagerung der bildseitigen Hauptebene noch weit vor das eigentliche Objektiv kann bei einer gegebenen Äquivalentbrennweite die Schnittweite so stark verkürzt werden, daß das gesamte optische System sehr nah an die Bildebene herangerückt werden kann. Und zwar nach der obigen Definition A.W. Tronniers – übrigens einer der Pioniere des Teleobjektivbaus – eben auf einen Abstand, der weniger als die Hälfte der Brennweite beträgt. Der besagte Telephoto-Effekt definiert sich nun als der Kehrwert des Verhältnisses der bildseitigen Schnittweite zur Gesamtbrennweite des Objektivs. Für das Orestegor 5,6/500 mit seinem Telephoto-Kennwert 5,47 bedeutet das, daß der Luftraum hinter der Rücklinse nur noch reichlich 90mm tief ist. Da beim Praktisix-Bajonett alleine schon das Anlagemaß 74mm in Anspruch nimmt, rückt also die Rücklinse sehr nah an das Kameragehäuse heran. Daraus resultiert die gute Randausleuchtung dieses Superteles, auf die wie gesagt laut Schutzschrift viel Wert gelegt wurde.

 

Wird dieses Objektiv an der Kleinbildkamera verwendet, dann zählt es zugegebenermaßen nicht zu den absoluten Spitzenobjektiven. Das ist aber angesichts des moderaten Preises und des lediglich vierlinsigen Aufbaus auch nicht zu erwarten gewesen. Hoch auskorrigierte Systeme dieses Brennweitenbereiches, wie sie seit den 70er Jahren von den Japanern herausgebracht wurden, kosteten dann rasch das 10-, vielleicht sogar das 20-fache. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre, als es konstruiert wurde, war das Orestegor 500mm aber durchaus auf der Höhe der Zeit. Die wenigen Konkurrenzprodukte, wie die Schnellschußobjektive von Novoflex oder die "Sport-Fern-Kilare" von Kilfitt arbeiteten noch mit einfachen zweilinsigen Achromaten, die freilich keinerlei der oben angegebenen Forderungen befriedigend zu erfüllen vermochten. Nur was das Scharfstellen betraf, waren diese Objektive etwas günstiger zu handhaben.

Was den praktischen Einsatz an einer Kleinbildspiegelreflexkamera betrifft, würde ich aus dem oben gesagten schlußfolgern, lieber ein Objektiv mit kürzerer Brennweite und dafür automatischer Blende zu bevorzugen. Anders aber bezüglich des Mittelformates: Durch den bildwinkelbedingten Formatfaktor 1:1,8 ergibt sich, daß dieses 500er an der Pentacon Six eine Bildwirkung hat, wie ein Objektiv mit etwa 280mm an der Kleinbildkamera. Das ist ein durchaus brauchbarer Wert, der sich vielseitig einsetzen läßt. Das Orestegor bzw. Pentacon 5,6/500mm ist also hauptsächlich dann empfehlenswert, wenn es als Zusatzobjektiv für das Mittelformat 6x6 angeschafft wird, um hier eine außergewöhnliche Bildwirkung durch den ausgeprägten Teleeffekt zu erzielen. Und ich gehe auch einmal davon aus, daß derjenige, der sich heute noch mit einer schweren Mittelformatausrüstung auf Phototour begibt, die nötige Weile und Bedächtigkeit mitbringt, um in Ruhe vom Stativ aus scharfzustellen und die Blende manuell zu schließen. Für rastlosere Einsatzfälle, wie die Sport- oder Tierphotographie, ist diese Objektivtechnologie ansonsten ziemlich überholt.

Meyer Automatik Objektive

Ebenso neu wie das 500er Orestegor war auf der Frühjahrsmesse 1965 übrigens das Oreston 1,8/50mm. Dieses Normalobjektiv und seine Nachfolger wurden zum Millionenseller. Damit stand in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine ganze Reihe neuer Objektive zur Verfügung - drei von ihnen mit automatischer Blende in praxisorientierten Brennweitenbereichen. Niemals wieder sollte es so viele Neuentwicklungen aus dem Görlitzer Hause geben.

MK