Carl Zeiss Jena
Zeiss OPREMA

Carl Zeiss Jena 1960er

OPREMA - Inbegriff eines Technologieschubs

Das Flektogon 2,8/35mm, das nach der Neuberechnung von 1953 erstmals in größeren Stückzahlen gefertigt wurde, bildete für Carl Zeiss Jena den Anschluß an die moderne Objektiventwicklung. Gleichzeitig wurde mit diesem Objektiv aber auch klar, wie stark man mit der bis dahin vorherrschenden Methodik, Objektive zu berechnen, an die Grenzen der Machbarkeit gelangt war. Für das sechslinsige Flektogon artete beispielsweise eine einzige Durchrechnung für drei Farben in etlichen tausend einzelnen Rechenoperationen aus, die von mehreren Dutzend Beschäftigten in ziemlich stupider Weise an mechanischen Rechenmaschinen vorgenommen werden mußten. Es war abzusehen, daß zukünftige Objektive immer komplizierter aufgebaut sein werden und die  Rechenarbeit  daher mit den bisherigen Methoden nicht mehr zu schaffen sein würde. Aus diesem Grunde wurde seit 1954 an einem der ersten Industrierechner auf deutschen Boden gearbeitet. Die „Optikrechenmaschine OPREMA“ konnte Ende des Jahres 1954 fertiggestellt und im darauffolgenden Jahr ausgiebig erprobt werden.  Mit 17000 Relais, 500km Kabel und der Fläche eines größeren Einfamilienhauses erreichte man eine Taktfrequenz von gerade einmal 100 Hertz. Und trotzdem war dieses Monstrum ein ungeahnter Fortschritt, denn die Optikrechenmaschine OPREMA vermochte es, komplexe Objektivberechnungen automatisiert und fehlerfrei binnen Milisekunden  durchzuführen und dabei 120 Optikrechner von dieser stupiden Arbeit zu befreien. Letztere hätten Tage oder gar Wochen für dieselbe Arbeitsleistung gebraucht  und es bestand stets die allzu menschliche Gefahr, daß sich der Fehlerteufel einschleicht. Die OPREMA ermüdete nicht und es stellte sich auch heraus, daß sie fehlerfrei arbeitete. Sie war nämlich aus zwei gleichartigen Rechnern aufgebaut, die eigentlich zur Fehlerkontrolle parallel laufen sollten. Als man aber sicher gehen konnte, daß dies nicht notwendig war, trennte man die beiden Anlagen und hatte so die doppelte Rechenleistung zur Verfügung.

In einem Aufsatz in der Jenaer Rundschau vom Februar 1956 berichtet der Chef der Abteilung Photo, Prof. Harry Zöllner, davon, daß ihm diese OPREMA seit einem Jahr für die Entwicklung von photographischen Objektiven zur Verfügung steht.  In der darauffolgenden  Zeit entstehen im Zeisswerk eine handvoll Objektivkonstruktionen, deren Eigenschaften mit den bis dahin zur Verfügung stehenden Methoden im Traum nicht denkbar gewesen wären. Vor allem im Weitwinkelbereich ist  ein erstaunlicher Technologieschub zu verzeichnen gewesen. Die  Ergebnisse dieser Forschungsarbeit  lassen den VEB Carl Zeiss JENA, der noch zehn Jahre zuvor in Trümmern gelegen hatte und anschließend bis auf die letzte Maschine demontiert worden war, während der 1960er Jahre wieder zu einem der weltweit führenden Hersteller photographischer Objektiv emporsteigen.


Literatur:


Hellmuth/Mühlfriedel: Carl Zeiss Jena 1945-1990, 2004, S. 175f.

Kämmerer/Kortum: Oprema, die programmgesteuerte Zwillingsrechenanlage des VEB Carl Zeiss Jena;  Feingerätetechnik 3/1955, S 103ff.

Zöllner: Das Foto-Objektiv in Praxis, Entwicklung und Fertigung, Jenaer Rundschau, 2/56, S. 36ff.

Zeiss Oprema
Zeiss Oprema Computer


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elektrische Blendenwertübertragung
elektrische Blendenwertübertragung

Ganz am Ende der 1960er Jahre wurden Früchte geerntet, die man während der gesamten letzten zehn Jahre gesät hatte: Herausragende optische Konstruktionen in hochmodernen Objektivfassungen – hier am Beispiel des Jena Pancolar 1,8/50mm. Mit der Praktica LLC wurde im Herbst 1969 eine Konzeption für eine Systemkamera in den Markt eingeführt, deren Bedeutung wir erst heute, ein halbes Jahrhundert später in vollem Umfange zu würdigen wissen. Aus den Umwegen und Sackgassen heraus, die man zuvor mit der mechanischen Blendenwertübertragung bei der Pentacon Super gegangen war, kam man in Dresden auf die  Idee, die Codierung des nach dem Auslösen zu erwartenden Blendenwertes  vollständig zu überarbeiten. Statt einer mechanischen Eingabe des Blendenwertes erfolgte dies nun auf rein elektrischem Wege. Aber das war nur der eine Teil der Idee. Der zweite lag darin, die dafür notwendigen Baugruppen vollständig in das Objektiv zu integrieren. Andere Hersteller arbeiteten auch mit veränderlichen elektrischen Widerständen, um den zu erwartenden Blendenwert schon vorher an die Belichtungsmessung der Kamera weiterzugeben. Sie bauten aber das dazu notwendige Potentiometer in die Kamera ein  und mußten anschließend technisch problematische, nur mit großem Aufwand zu fertigende  mechanische Übertragungsmittel zwischen Kamera und Objektiv vorsehen, um beide Baugruppen miteinander kommunizieren zu lassen. Bei der Praktica LLC und ihren Meyer- und Zeissobjektiven geschah dies nun auf rein elektrischem Wege, mit all den Vorteilen, die ein solcher Übertragungsweg bietet.


Im Jahre 2019, dem Zeitalter der Spiegellosen Systemkamera, kann man sich gar keine mechanischen Übertragungen zwischen Kamera und Objektiv mehr vorstellen. Auch wenn heute nicht mehr mit analogen Spannungswerten gearbeitet wird: Die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre durch Kooperation des gesamten Photogerätebaus der DDR erstmals verwirklichte elektrische Kommunikation zwischen Kameragehäuse und Objektiv ist zum Vorbild für alle dahingehenden Nachfolger geworden. Und der VEB Carl Zeiss JENA  war, was diese Entwicklungen betraf, damals noch stets und ohne zeitlichen Verzug "mit am Ball" gewesen.

Ab 1963 wurden sukzessive neue Fassungen eingeführt. Neue Fertigungsmethoden ermöglichten, daß die mehrgängigen Steigegewinde der Schneckenzüge nun deutlich steiler ausgeführt  werden konnten,  was einen stark verlängerten der Auszug des Objektives möglich machte. Beim obigen Flektogon 2,8/35mm konnte  auf diese Weise jetzt bis 18cm ab der Filmebene an das Motiv herangegangen werden. Als mechanisches  Problem ergab sich dabei, daß auch die Übertragung der Springblendenmechanik diesem großen Hub folgen mußte, was neue technische Lösungen erforderte, auf die ich im Folgenden noch näher eingehen werde.

Flektogon 4/25mm

Dieses Weitwinkelobjektiv ist zweifellos eines jener „OPREMA-Objektive“. Die Arbeiten lassen sich bis auf das Jahr 1956 zurückverfolgen, wo vom 22. Dezember eine DDR-Patentanmeldung von Wolf Dannberg unter der Nummer 17.177 vorliegt. Die Linsenlage 2 dieser Schutzschrift stimmt schon ziemlich gut mit dem später praktisch ausgeführten Objektiv überein. Der wesentliche Teil ist der vordere, der aus zwei zerstreuend wirkenden Menisken aufgebaut ist, die eine Sammellinse einschließen. Mit dieser Anordnung hat Dannberg es erreicht, die stark tonnenförmige Verzeichnung eines solchen Retrofokusobjektivs in den Griff zu bekommen, denn der Betrag der Distorsion läßt sich über die Durchbiegung der eingeschlossenen, Sammellinse steuern. Auch ist laut Patentschrift der vordere Systemteil wesentlich für die Korrektur des Astigmatismus und der Bildfeldwölbung verantwortlich, sodaß für den hinteren Systemteil ein vergleichsweise einfacher, dreigliedriger Aufbau genüge. Damit wird aber auch klar, weshalb dieses Objektiv mit 82 Grad Bildwinkel erst mithilfe der neuen Rechentechnik verwirklicht werden konnte, denn die Optimierung des Vordergliedes zur gleichzeitigen Beseitigung dieser drei oben genannten Bildfehler dürfte sehr viel an Rechenaufwand  bedürft haben.


Bemerkenswert dabei ist, daß vom selben Konstrukteur bereits aus dem Jahr 1955 eine Patentanmeldung vorliegt, die als Grundlage für das spätere Flektogon 25mm angesehen werden kann [DDR-Patent Nr. 23.457 vom 22. Juni 1955]. Dannberg arbeitete nämlich ursprünglich an afokalen Weitwinkelvorsätzen, um die Brennweite bestehender photographischer Objektive verkürzen zu können. Da in solchen Spezialfällen der Ort der Blende im Grundobjektiv feststeht, muß der Vorsatz gezielt auf die Behebung  der Verzeichnung korrigiert sein, da diese ansonsten unerträgliche tonnenförmige Ausmaße annehmen würde. Aus dieser Schutzschrift kann man zwischen den Zeilen herauslesen, daß es ursprünglich um vorsetzbare Amorphoten für das Breitwandkino ging. Diese haben die spezielle Eigenschaft, daß sich ihre brennweitenverkürzende, bildwinkelvergrößernde Wirkung  nur in einer Richtung, nämlich der horizontalen, erstreckt. Dazu werden statt den üblichen sphärischen spezielle zylindrisch geschliffene Linsen  eingesetzt. Mit der Linsenlage Nr. 3 dieser Patentschrift ist  aber bereits angedeutet, wie auf dieser Idee basierend  ein komplettes Weitwinkelobjektiv mit langer Schnittweite gebildet werden könne.

Links die Schnittzeichnung des ersten Gesamtobjektivs aus dem Patent von 1955, rechts diejenige aus dem Patent von 1956. Im Vergleich zu dem tatsächlichen Aufbau des fertigen Objektivs, der unten dargestellt ist, zeigt sich, daß die Formgebung der Frontgruppe (und damit die Idee zur Fehlerkorrektur) bereits seit 1955 festlag.

Bedenkt man, daß der letztendliche Konstruktionsabschluß für das Flektogon 4/25mm auf den 22. April 1958 datiert ist, dann bedeutet das also nicht weniger als drei Jahre Entwicklungsarbeit. Ein Weitwinkelobjektiv mit über 80 Grad diagonalem Bildwinkel, einer Schnittweite, die etwa 15mm länger ist als die Brennweite und einer für die damaligen Zeit respektablen Lichtstärke von 1:4,0 war also offenbar eine große Herausforderung für den Konstrukteur. Es handelte sich ja schließlich auch um Pionierarbeit, denn solche Retrofokuskonstruktionen galten zu jener Zeit noch als absolutes Neuland. Die Serienproduktion des Flektogon wurde sogar erst im September 1959 aufgenommen, nachdem die neue Mechanik für die vollautomatische Springblende zur Verfügung stand. Erstmals gezeigt wurde das fertige Objektiv dann auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1960. Es war die letzte Neuerscheinung für die Praktina IIA, deren Produktion zwei Monate später eingestellt wurde. Versionen in Exakta Fassung und M42 folgten rasch.

Jena Flektogon 4/25 scheme
Flektogon 4/25mm
Flektogon Exakta

Im Sommer 1967 wurden die letzten Flektogone 4/25mm montiert. Das obige Exemplar in einer zeitgenössischen Zebrafassung für die Exakta Varex ist eines der letzten hundert Stück dieses Objektives. Danach wurde die Produktion eingestellt. Das Flektogon 4/25 war trotz der kurzen Zeit, die es erst am Markt war, nicht mehr zeitgemäß. In den vergangenen sieben Jahren hatte sich in diesem Bereich nämlich viel getan. Im selbigen Jahre 1967 brachte die japanische Firma Nippon Kogaku beispielsweise ein lichtstarkes Superweitwinkel "Nikkor 2,8/24mm" heraus, das erstmals serienmäßig mit einem bildmaßstabsabhängigen Bildfehlerausgleich versehen war und trotzdem kaum größer ausfiel, als ein Normalobjektiv.


Was sowohl Baugröße als auch Lichtstärke betraf, war das Flektogon 4/25 nun also völlig überholt. Trotzdem begeistert immernoch die erstaunlich gute Bildleistung dieses frühen Superweitwinkels. Im Park des Schlosses Königs Wusterhausen (unten) mußte aufgrund des dichten Laubwerkes mit voll aufgeblendetem Objektiv photographiert werden. Von den äußersten Bildecken abgesehen ist die Leistung des Flektogons ganz ausgezeichnet!

Vergleich Topogon/Flektogon


Anhand der Abbildung oben, die einen Vergleich zwischen dem Topogon 4/25mm für die Contax Meßsucherkamera und dem Flektogon 4/25mm bietet, lassen sich noch einmal wesentliche Merkmale aufzeigen, die Retrofokusobjektive ausmachen. Erstens natürlich die lange Schnittweite des Letzteren. Während der hintere Hauptpunkt (von dem ab die Brennweite bemessen wird) beim symmetrischen Topogon in Blendennähe liegt, ist er beim Flektogon weit nach hinten verschoben. Dadurch kann das gesamte Objektiv weiter von der Bildebene entfernt sein. Als Nachteil ergeben sich natürlich die viel größere Baulänge des Flektogons, die erheblich größeren Linsendurchmesser im vorderen Objektivteil und die starken Asymmetrien, die (wie sich später zeigte) zu einem starken Anwachsen der Abbildungsfehler führen, wenn man nicht gerade auf ausgesprochen weite Entfernungen einstellt.


Dieser stark asymmetrische Aufbau der Retrofokusobjektive brachte als Nebeneffekt aber auch einige sehr wertvolle Vorteile mit sich, die Probleme mit bisherigen Superweitwinkelobjektiven überwinden halfen. Allem voran ist dies die deutlich verbesserte Lichtverteilung in der Bildebene. Es sind oben für beide Objektivtypen jeweils die Strahlenbüschel in Achsennähe eingezeichnet, sowie für den Bildrand. Beim Topogon erkennt man, daß für stark seitlich eintretendes Licht der Querschnitt der Pupille sehr schmal wird. Statt einer kreisrunden Öffnung bildet sich für die Randstrahlen nur noch ein schmales sogenanntes Kreiszweieck. Entsprechend stark fällt die Unterbelichtung am Bildrand aus. Allgemein gilt, daß der natürliche Lichtabfall mit der vierten Potenz des Kosinus des halben Bildwinkels anwächst. Objektiven mit 25mm Brennweite wird im Kleinbildformat ein objektseitiger Bildwinkel von 82 Grad abverlangt, wodurch der Lichtverlust in den Bildecken ziemlich genau bei zwei Dritteln liegt!


Durch die Aufweitung des Strahlenganges findet bei Retrofokusobjektiven nun freilich eine künstliche Vergrößerung der Eintrittspupille bei seitlichem Lichteinfall statt, wodurch der sehr starken natürlichen Vignettierung von Superweitwinkelobjektiven positiv entgegengewirkt werden kann. Diesen Effekt kann man sehen, wenn man von vorn schräg durch ein solches Objektiv schaut während man selbiges vor eine helle Fläche hält. Beim Vergleich zwischen den Entrittspupillen des Flektogon 4/25 mit dem Topogon 4/25 ergeben sich dabei folgende Öffnungsfiguren [nach Dannberg/Fincke: Neue Zeiss-Foto-Objektive aus Jena; in: Die Fotografie, Heft 3/1960, S. 83.].

Die Verringerung der natürlichen Vignettierung bei Retrofokusweitwinkeln durch die bildwinkelabhängige Pupillenvergrößerung kann sogar so weit getrieben werden, daß diese Vignettierung ab einer bestimmten Abblendung quasi nicht mehr vorhanden ist. Der rote Kreis in der unten gezeigten Abbildung soll eine solche mittlere Abblendung symbolisieren. Während beim Topogon in den Randzogen trotz Abblendung immer noch ein drastischer Beschnitt der Fläche der Eintrittspupille zu verzeichnen ist, der in der Praxis einen starken Lichtabfall nach sich zieht, ist beim Flektogon der Flächeninhalt der Eintrittspupille bei dieser Abblendung auch am Rande so groß, wie bei Lichteinfall längs der optischen Achse. In der Praxis macht sich dann nur noch eine gewisse künstliche Vignettierung durch den sehr langgestreckten Bau dieser Retrofokustypen bemerkbar. Ein auf 1:8 abgeblendetes Flektogon 4/25 weist dadurch eine restliche Abschattung in den Bildecken auf, die kleiner wird als der Belichtungsspielraum des Filmmateriales. Man muß allerdings dazu sagen, daß gerade diese bildwinkelabhängige Pupillenvergrößerung den Optikkonstrukteuren große Schwierigkeiten bereitet hat, weil mit ihr freilich auch ein massives Anwachsen der Bildfehler am Bildrand einherging.

Ein zweiter positiver Effekt von Retrofokusweitwinkeln ist ebenso aus den obigen Strahlenverläufen ersichtlich: Durch die lange Schnittweite fallen die Randstrahlen in einem wesentlich flacheren Winkel auf die Bildebene ein als beim Topogon. In der herkömmlichen, photochemischen Photographie fällt dieser Effekt wenig ins Gewicht. Dem Film ist es, einfach gesprochen, egal, wie steil das Licht einfällt. Ganz anders sieht dies jedoch bei Lichtempfängern aus, die in der Digitalpotographie Verwendung finden. Je nach Aufbau des Sensors kann es hier ganz erhebliche Winkelabhängigkeiten geben. Galt früher, daß "normal gebaute" Weitwinkel (für die  Meßsucherkamera) immer ein wenig bessere Resultate brachten, als Retrofokus-Typen, so verkehrt sich diese Sicht heute oft ins Gegenteil. Deren deutlich geradlinigerer Lichteinfall  und die geringere Vignettierung sind hier besonders vorteilhaft, während Weitwinkel für Meßsucherkameras nicht selten enttäuschen. Letzteres liegt übrigens auch daran, daß vor jedem Bildsensor zumindest eine Abdeckplatte angebracht ist und meist zusätzlich noch  mindestens ein Infrarotsperrfilter.  Das willkürliche Einfügen derartiger Planplatten in der Nähe der Bildebene ist freilich nicht Teil der optischen Rechnung solcher Objektive und muß sich zwangsläufig auf die Abbildung auswirken. Auch hier zeigen sich Retrofokusobjektive mit ihrer längeren Strahlungsweite deutlich weniger empfindlich.

Westrogon Solisch

Westrogon 4/24mm – diesen  Stand der Technik galt es damals aufzuholen. Erstmals war es gelungen, den Bildwinkel für die Spiegelreflexkamera auf über 80 Grad auszudehnen (DBP Nr. 1.063.826 vom 10. November 1956). Das Brisante daran: Der Schöpfer dieses Westrogons war ein Gewisser Rudolf Solisch; ein ehemaliger Zeissianer, der ein paar Jahre zuvor zusammen mit Harry Zöllner das Flektogon 2,8/35mm konstruiert hatte. Er war ganz offensichtlich einer von jenen zehntausenden  gut ausgebildeten Ingenieuren, Ärzten, Facharbeitern usw., die in den 50ern  jährlich  die DDR verließen – nicht selten aus rein politischen Gründen. Vielleicht hatte Herr Solisch seine Berechnungen schon im Gepäck, als er bei ISCO in Göttingen anheuerte.     


Als Beruhigung für alle Zeiss-Freunde sei aber angemerkt, daß das Flektogon das wesentlich ausgereiftere Objektiv ist. Insbesondere die Vignettierung des Westrogons zeigt dermaßen  große Auswüchse, daß man fast davon sprechen muß, es zeichne das Kleinbildformat in Wirklichkeit gar nicht vollständig aus. In dieser Konfiguration verträgt es eigentlich keine kürzere Brennweite als etwa 28mm.

Flektogon 4/20mm

Mit dem 25er Flektogon hatte Zeiss Jena 1960 den Anschluß an den Trend gefunden. Mit Objektiven wie dem Angenieux Retrofocus R61 3,5/24mm oder dem Isco Westrogon 4/24mm standen aber bereits Konkurrenzerzeugnisse zur Verfügung, die einen noch größeren Bildwinkel boten. Bei Zeiss Jena arbeitete daher Wolf Dannberg zusammen mit Eberhard Dietzsch an einem Retrofokusobjektiv, dessen Bildwinkel die 90° Marke übertreffen sollte. Das bedeutete aber, daß die Schnittweite eines solchen Objektives fast doppelt so lang sein mußte, wie die avisierten 20mm Brennweite. Das konnte nur dadurch erreicht werden, daß einem Grundobjektiv eine ziemlich stark zerstreuende Gruppe vorangestellt wurde, die angesichts des großen Bildwinkels einen entsprechend großen Durchmesser aufweisen mußte. Außerdem war es notwendig, den dingseitig sehr aufgeweiteten Strahlengang stark einzuschnüren, damit das Grundobjektiv im Durchmesser klein gehalten werden konnte. Diese Aufgabe erledigt das Kittglied zwischen Frontgruppe und Grundobjektiv. Es besitzt selbst kaum Brechkraft,  aber die Kittfläche  wirkt sich zusätzlich sehr positiv auf die Bildfehlerkorrektur aus. Als große Leistung ist auch anzuerkennen, daß das Gesamtobjektiv durch starke Verkittung bei zehn Linsen nur zwölf Glas-Luft-Grenzflächen aufzuweisen hat. Das war zu Zeiten einschichtiger Vergütungen ein großer Vorteil im Hinblick auf Reflexfreiheit und Transmission. Auch hat sich die Baugröße gegenüber dem Flektogon 25mm nicht verändert, sodaß das 20mm quasi in derselben Fassung platzfand.

Jena Flektogon 4/20mm
Flektogon 4/20mm scheme

Das Flektogon 4/20mm war eine Meisterleistung, die von manch namhaften japanischen Hersteller erst Anfang der 70er Jahre eingeholt wurde. Die erste Rechnung für das Flektogon lag zwar bereits im Oktober 1961 vor, es wurde aber erst auf der Frühjahrsmesse 1963 vorgestellt und ab Sommer 1963 in größeren Stückzahlen produziert. Patentiert wurde es am 19. Februar 1963 unter der Nummer 30.477. Im November 1964 wurde es neu berechnet (Seriennummern über 7.206.500). Das Flektogon 4/20 wurde noch bis etwa 1978 hergestellt, kurzzeitig sogar parallel zum Nachfolger 2,8/20. Es war mit  487,- Mark für die damalige Zeit ein teurer Spaß.

Oben ein Vergleich zu einem der wenigen Mitbewerber des damaligen Weltmarktes. Firmen wie Nikon oder Canon hatten zu Anfang "normal gebaute" Superweitwinkel für ihre Reflexkameras im Angebot, die noch aus deren Phase der Meßsucherkameras stammten. Diese Objektive mußten dann bei hochgeklapptem Spiegel verwendet werden – also ohne Sucherbild. Ich möchte hier einmal die These aufstellen, daß der französische und deutsche Objektivbau deshalb eine Ponierrolle bei der Hervorbringung von Retrofokusweitwinkeln innehatte, weil die europäischen Reflexkameras ebensolche Pioniere gewesen sind und diese schlichtweg so konstruiert waren, daß (mit wenigen Ausnahmen) ein Vorauslösen des Spiegels ohne Verschlußablauf  nicht möglich gewesen ist. Wenn also die Objektivhersteller für die Exakta, Praktina, Edixa, usw. ein Weitwinkel bauen wollten, dann war das von vornherein nur bei ausreichender Einhaltung der Schnittweite möglich. Nachdem wiederum zahlreiche solcher Retrofokusweitwinkel erschienen waren, wurden die Japaner regelrecht dazu getrieben, auch solche Systeme zu entwickeln, obgleich viele ihrer damaligen Reflexkameras keine zwangsweise Kupplung zwischen Spiegelbewegung und Verschlußstart aufwiesen. Aber sie mußten zusehen, konkurrenzfähig zu bleiben.


Eines der frühesten dieser Konkurrenzerzeugnisse dürfte um 1967 das Nikkor 3,5/20mm gewesen sein. Der obige Verleich der Kontrastübertragung  weist das Nikkor als Spitzenkonstruktion der damaligen Zeit aus. Sowohl in der Bildmitte als auch am Bildrand werden bessere Werte erreicht, als beim Flektogon.  Leider war letzteres noch die alte Version vor der Überarbeitung, sodaß der Test 1969 eigentlich nicht mehr ganz aktuell gewesen ist. Beim Flektogon fällt aber sehr positiv auf, daß es quasi nichts ausmacht, ob man mit offener Blende oder abgeblendet auf 1:8 photographiert. Diese nah beieinander liegenden Kurven weisen das Flektogon als sehr ausgewogene Konstruktion aus. Demgegenüber fällt bei beiden Objektiven der doch ziemlich drastische Rückgang der Bildleistung zu den Rändern des Negativs auf. Diese stark nach unten versetzten MTF-Kurven des Bildrandes sind freilich in großem Maße allein schon durch die natürliche Vignettierung begründet, die abbildende Systeme mit einem derart großen Bildwinkel zwangsläufig aufweisen. Im Grunde genommen handelt es sich schlichtweg um eine Grenze des hier angewandten Meßverfahrens. Übrigens zeigen selbst die MTF-Diagramme allerneuster Konstruktionen  diesen typischen Randabfall, ohne daß die Weitwinkel wirklich dementsprechend schlecht wären. Ganz davon abgesehen ist es in der Praxis  gar nicht notwendig, einem solchen Superweitwinkel ein extremes Auflösungsvermögen mitzugeben, weil die Bildeinzelheiten bei solchen Objektiven derart winzig wiedergegeben werden, daß sie schnell unterhalb des Auflösungsvermögens normaler Filmschichten geraten. Dann zählt allerhöchstens noch die Kontrastleistung (=Wiedergabe grober Strukturen), und die ist bei beiden Objektiven über das Feld hinweg ausreichend hoch. [aus: Fotomagazin 10/1969, S. 41.]

Carl Zeiss Jena Flektogon 4/20mm

Mit Einführung der Praktica L Reihe ab Herbst 1969 stand den hochwertigen Zeissobjektiven endlich eine Kamera zur Seite, die sowohl in ihrer äußeren Erscheinung, als auch was ihren modernen konstruktiven Aufbau betraf, international konkurrenzfähig war. Sie trug das Gütezeichen Q daher wirklich nicht zu Unrecht. Daß der VEB Pentacon Dresden ab Mitte der 70er Jahre immer mehr seine Unfähigkeit offenbarte, mit den internationalen Trends zur elektronischen Steuerung der Kamerafunktionen mitzuhalten, das steht freilich auf einem anderen Blatt. Aber 1969 war diese neue Praktica-Generation die richtige Kamera zur richtigen Zeit. Eine Minolta SR-T, Pentax Spotmatic, Canon FT, Nikkormat, etc. konnten damals auch nicht viel mehr, als die Prakticas LTL oder LLC. Diese neuen Dresdner Spiegelreflexkameras konnten endlich eine Nachfrage nach den Objektiven aus Jena und Görlitz sichern, wie das Kamera-Experimente à la Pentina zurvor nicht vermocht hatten. Die L-Reihe gab 1969 dem DDR-Photogerätbau somit einen Startbonus für die kommenden  70er  Jahre, von dem die bundesdeutsche Photoindustrie seinerzeit nur träumen konnte...

Aberration Flektogon 4/20mm

Oben sieht man den Aufbau des Flektogon 4/20mm und darunter die wesentlichen Bildfehler [nach Dietzsch: Retrofokusobjektive, 2002, S. 115]. Es fällt der umfassende Einsatz von nach damaligen Begriffen hochbrechendern Gläsern auf, insbesondere des niedrigdispergierenden Schwerstkron SSK 10. Zu den stark im Negativen liegenden Kurven für den Astigmatismus merkt Dietzsch an, in Wirklichkeit weise das Objektiv eine sogenannte schiefe sphärische Aberration auf, sodaß unter der Berücksichtigung der Koma die meridionale und sagittale Bildfeldwölbung effektiv und praktisch verschwinde [Vgl. Ebenda, S. 116]. Der Aufbau insbesondere des vorderen Objektivteiles sei durch Überlegung und systematische Untersuchungen gefunden und auch bei späteren Retrofokusentwicklungen übernommen worden. Er habe sich zudem bei Einsatz automatischer Korrektionsprogramme dann von selbst eingestellt.  Solcherlei automatische Optimierungen  optischer Systeme waren übrigens ab 1961  mithilfe  des Großcomputers  "Zeiss Rechenautomat ZRA1" und seiner neuartigen Programme  möglich  [Vgl. Ebenda, S. 117f].  Auf dieser technologischen Grundlage waren Weiterentwicklungen möglich, die beispielsweise bereits 1967 zum Prototypen des späteren Flektogon 2,8/20mm führten.


Der damalige Weltklassestand des VEB Carl Zeiss JENA fußte demnach auf drei Grundlagen: Eine  auf Digitalrechnern gestützte Konstruktion der Objektive, neue Meß-, Kontroll- und Fertigungsmethoden  innerhalb der Produktion sowie  das zur Verfügungstellen von Glassorten mit bislang unvereinbaren Eigenschaften, die eine Realisierung  solch extremer Weitwinkel überhaupt erst in den Bereich des Möglichen rückte.

Flektogon 4/50mm



Ein weiter Vertreter dieser „Weitwinkelzeit“ der frühen 1960er Jahre ist noch das Flektogon 4/50. Hier stand mit 75° kein übermäßiger Bildwinkel im Vordergrund, sondern die Tatsache, daß das Mittelformat 6x6 ausgezeichnet werden sollte. Dieses Objektiv war mit 364,- Mark zwar nicht gerade billig, aber im Vergleich zu dem was (später) ähnliche Objektive anderer Hersteller gekostet haben, sogar für den Amateur bezahlbar. Auch diese Konstruktion stammt von Wolf Dannberg in Zusammenarbeit mit Eberhard Dietzsch und ist im DDR-Patent Nr. 23.869 vom 8. März 1960 geschützt. Eine in dieser Schutzschrift angegebene  zweite Variation dieses Objektivs wurde nicht praktisch verwirklicht.

DD 23.869
Flektogon 4/50 scheme

Was den Aufbau dieses Flektogons 4/50 betrifft, gibt es nun einen ganz bemerkenswerten Hintergrund zu berichten, der so natürlich in keiner Broschüre steht, aber auch nur schwer aus dem Patent herauszulesen ist. Er ist jedoch überliefert durch den wertvollen Aufsatz „Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon“ verfaßt vom Ko-Konstrukteur des Flektogon 4/50mm, Herrn Eberhard Dietzsch. Freilich ist dieser Hintergrund allein von theoretischem Belang, aber ich gehe davon aus, daß Leser dieser Seiten ja genau an Derartigem Interessiert sind. Und damit wir uns nicht mißverstehen, möchte ich noch einmal ganz am Anfang beginnen:


Alle Probleme bezüglich der für die Einäugige Spiegelreflexkamera geeigneten Weitwinkelobjektive drehen sich schließlich darum, daß bei diesem Kameratyp ein einziges Objektiv gleichermaßen für die Aufnahme wie für die Sucherbildbetrachtung dient. Diese Arbeitsweise stellt der namensgebende Klappspiegel sicher. Weitwinkelobjektive, die für diesen Kameratyp geeignet sein sollen, müssen daher nach der sogenannten Retrofokusbauweise konstruiert sein. Darunter versteht man Objektivtypen, bei denen durch besondere Maßnahmen trotz der kurzen Brennweite genügend Platz hinter der Rücklinse geschaffen wird, damit dieser Umlenkspiegel der Kamera kurz vor der Aufnahme aus dem Strahlengang wegschwenken kann. Die dazu notwendige Verlängerung der sogenannten Schnittweite kann dabei prinzipiell auf zweierlei Arten geschehen:


Die eine Möglichkeit besteht darin, einem Grundobjektiv von gewünschter Brennweite eine Zerstreuungslinse mit dem notwendigen Durchmesser vorzusetzen. Normalerweise würde eine negative Brechkraft die Brennweite des Grundobjektivs nur sinnlos verlängern. Wird die Zerstreuungslinse nun aber exakt  im vorderen Brennpunkt dieses Grundobjektives placiert, dann verlängert sich nur dessen Schnittweite, ohne daß die Größe der Brennweite angetastet wird. In der untenstehenden Skizze erkennt man die Wirkung der vorgesetzten Zerstreuungslinse daran, daß sich der hintere Hauptpunkt H', von dem ab die bildseitige Brennweite gemessen wird,  längs der optischen Achse nach hinten  verschiebt. Um genau diesen Betrag kann nun das gesamte Objektiv von der Bildebene weggerückt werden. Dieser Lösungsweg wurde im VEB Carl Zeiss JENA nach einer Grundsatzentscheidung Harry Zöllners zuerst eingeschlagen und mit den Flektogonen 35 und 65 mm federführend durch Rudolf Solisch verwirklicht. [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, S. 111].


Der zweite Weg, die sich widerstrebenden Forderungen von Spiegelbewegung und kurzer Brennweite miteinander zu vereinbaren, besteht darin, einem  Objektiv mit ausreichend langer Schnittweite einen afokalen Vorsatz mit verkleinernder Wirkung vorzusetzen. Ein solcher Vorsatz besteht aus einem umgekehrten Galilei‘schen Fernrohr, der auch bekannt ist als sogenannter „Newton-Sucher“  bei einfacheren Kameras. Vor einigen Jahren wurden solche Weitwinkelvorsätze gern bei Videokameras eingesetzt, um den Bildwinkel des fest eingebauten Objektivs zu vergrößern. Übrigens arbeiten auch Zoomobjektive nach diesem Prinzip, nur daß bei ihnen der afokale Vorsatz eine veränderliche Vergrößerung- bzw. Verkleinerung aufweist. Bei diesem Bauprinzip wird nun nicht die bildseitige Hauptebene (von der ab die Brennweite gemessen wird) nach hinten verlagert, sondern es wird ein Grundobjektiv mit ausreichend langer Brennweite verwendet, dessen sogenannte Äquivalentbrennweite (die für die Abbildungsgröße ausschlaggebend ist) durch den besagten afokalen Vorsatz künstlich verkürzt wird. Dadurch werden die Bildeinzelheiten kleiner abgebildet und der Bildwinkel wird größer, ohne daß das Objektiv näher an die Bildebene gerückt werden muß. Ich habe einmal versucht, die beschriebenen Zusammenhänge zeichnerisch vereinfacht darzustellen. Die Zahlenangaben sind nur beispielhaft gemeint.

Der oben bereits erwähnte Aufsatz Eberhard Dietzschs gibt nun Auskunft darüber, daß das Jena Flektogon 4/50mm nach dieser zweiten Lösungsmöglichkeit konstruiert wurde. Aus der Erkenntnis heraus, daß Tripletkonstruktionen als Grundobjektiv für derartige Systeme besser geeignet sind als Gaußtypvarianten, ist das Grundobjektiv des Flektogon 4/50 als ein solches Triplet aufgebaut, mit der Besonderheit, daß der zweite Luftzwischenraum des Triplets hier mit einem niedrigbrechenden Kronglas ausgefüllt worden ist. Die daraus entstehende dreifache Kittgruppe spart Glas-Luft-Übergänge ein und trägt laut DDR-Patent Nr. 23.869 auch wesentlich zur günstigen Brechkraftverteilung im Flektogon 4/50mm bei. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich das Grundobjektiv unten einmal mit dem üblichen Luftzwischenraum dargestellt.

Der afokale Vorsatz, der nun das Gesamtsystem durch seine verkleinernde Wirkung erst zum Weitwinkel werden läßt, ist seinerseits aus zwei Gruppen aufgebaut, wobei der zerstreuend wirkende Teil (also die Frontlinse) wiederum aus zwei Linsen zusammengesetzt ist. Durch eine sammelnd wirkende Kittfläche zwischen diesen beiden Linsen wird insbesondere eine Behebung der Verzeichnung erreicht, was bei Weitwinkelobjektiven – und zumal bei solch einer stark asymmetrischen Bauweise – ansonsten sehr erschwert ist. Auch diese Korrekturmaßnahme ist durch das Patent 23.869 ausdrücklich geschützt. Die Kombination aus Grundobjektiv und verkleinernd wirkendem Vorsatz ergibt ein Weitwinkelobjektiv, dessen wirksame Äquivalentbrennweite nun um mehr als 23 Prozent kürzer sein kann, als die notwendige Schnittweite.  Für das große Bildfeld des Mittelformates und für das Jahr 1960 war das eine ausgezeichnete Leistung!

Flektogon 4/50mm

Das Flektogon wurde zwar schon im März 1958 gerechnet, kam aber erst zwei Jahre später auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1960 gemeinsam mit dem Flektogon 4/25 auf den Markt. Es wurde in der Anfangszeit in vergleichsweise geringen Stückzahlen gefertigt. Erst nachdem es im Mai 1966 neu gerechnet wurde, setzte die große Massenproduktion ein, die bis in den Sommer 1990 fortgesetzt worden ist. Insgesamt haben wir es mit dem Flektogon 4/50 wohl mit einem der erfolgreichsten Wechselobjektive für Mittelformatkameras überhaupt zu tun.


Übrigens scheint die erste Variante des Flektogons 4/50 thoriumhaltige Glassorten zu enthalten, die bei Dunkellagerung die bekannte Neigung zur Vergilbung aufweisen. Die neugerechnete Version nach 1966 (Seriennummer größer 7.281.500) ist frei von dieser Erscheinung. Während der 1960er Jahre hatten Wolfgang Heindorf und Werner Vogel vom Jenaer Glaswerk intensiv daran gearbeitet, Gläser mit hoher Brechzahl bei niedriger Dispersion zu schaffen, die auf das problematische, weil radioaktive Thorium verzichteten (vor allem mit dem DDR-Patent Nr. 44.022 vom 15. Juni 1964). Diese neuartigen Gläser zeichneten sich zudem durch eine große chemische Resistenz  aus und  wiesen nun auch im kurzwelligen Spektralbereich eine hohe Lichtdurchlässigkeit auf.


Ferner deutet das Patent darauf hin, daß zumindest bei der ersten Version des Flektogon 4/50 die Frontlinse aus dem damals brandaktuellen Schwerstkron SSK 10 bestand, das erstmals eine hohe Brechzahl von beinah 1,7 mit einer geringen Farbzerstreuung verbinden konnte. Solche Gläser waren aber nur unter großen Schwierigkeiten zu erschmelzen. Und da die Frontlinse einen ausgesprochen großen Durchmesser aufweisen mußte, war unter Umständen genau  dies der Flaschenhals, der dafür sorgte, daß die erste Version dieses Objektives nur in geringen Stückzahlen gebaut werden konnte.


Und noch eine Sache, die oft gefragt wird: Bei vielen Flektogonen 4/50 sieht man weiße Pünktchen, wenn man von vorn ins Objektiv schaut. Es sei versichert, daß es sich hierbei um keinen Verkittungsschaden  handelt. Es  hat sich lediglich der schwarze Lack gelöst, der auf die mattierte Schrägfläche der Kittgruppe aufgebracht ist. Eine Beeinträchtigung der Abbilddungsleistung ist dadurch nicht  zu befürchten – es handelt sich allenfalls um einen Schönheitsfehler. Wer es sich zutraut, kann ihn übrigens  dadurch beseitigen, daß er die Frontgruppe ausbaut, den alten Lack entfernt (meist reicht schon ein Kratzen mit dem Fingernagel) und die betreffenden Stellen neu lackiert. Aber noch einmal: Technisch notwendig ist das nicht.

Oben die Bögen der Göltzschtalbrücke mit dem 50er Flektogon an der Praktisix. Unten noch einmal die drei bemerkenswerten Weitwinkel der Jahre um 1960  in ihren schönsten Fassungen.


Ich möchte abschließend Herrn Detlev Vreisleben dafür danken, daß er mir den oben genannten Aufsatz zur Entwicklung der Retrofokusobjektive bei Carl Zeiss Jena von Eberhard Dietzsch zur Verfügung gestellt hat.

Flektogone

Sonnar  3,5/135mm



Dieses noch auf Ludwig Bertele zurückgehende Objektiv wurde zum 3. März 1965 in seiner Lichtstärke um etwa einer Drittel Blendenstufe von 1:4 auf 1:3,5 erhöht, ohne daß sich am Grundaufbau dieses Objektives irgend etwas geändert hätte. Die zweite Veränderung betraf die Fassung. Durch neue Bearbeitungsmaschinen konnte erreicht werden, ganz besonders steile Steigegewinde herzustellen, die einen ungewöhnlich langen Auszug der  Entfernungseinstellung möglich machten. Bei diesem Sonnar konnte der Auszug auf etwa 16 mm verlängert werden, wodurch die Naheinstellung bis herab auf einem Meter Entfernung verkürzt werden konnte. Dabei ergab sich aber das Problem, weiterhin die Betätigung der Springblendenmechanik zu gewährleisten, weil sich beim Fokussieren natürlich auch der Blendenmechnismus innerhalb des Objektives um diese 16 mm verlagerte. Lösungen wie eine mit einer Längsnut versehene Hohlwelle brachten große Probelem mit sich, weil sie zum Klemmen neigten. Außerdem sollte die Springblendenmechanik weitgehend von Reibung freigehalten werden, damit das Schließen der Blende rasch genug erfolgen kann. Paul Klupsch hatte daher einen einfachen Mechanismus entwickelt, der mit einer sogenannten Hebelschwinge arbeitete, deren beliebig lange Gleitkante den Blendentreibring direkt ansteuern konnte. Das zugehörige Patent  wurde am 3. August 1965 unter der Nummer DD55.902 angemeldet. Es  war eine der Grundlagen dafür, daß Zeiss Jena während der 1960er Jahre auch in mechanischer Hinsicht mit seinen Objektiven der internationalen Konkurrenz weit vorauseilte. Eine zweite wichtige Erfindung, die dafür sorgte, daß sich bei einem solch langen Verstellweg der Verlust an Lichtstärke selbsstätig ausglich, beschreibe ich bei den folgenden Sonnaren 2,8/180 und 4/300 näher.

Carl Zeiss Jena Sonnar 3.5/135mm
DD55.902
Blendenübertragung mittels langer Gleitkante

Sonnare 180 und 300mm

Diese Objektive wurden bereits in der Sektion der 1950er Jahre beschrieben. Sie wurden 1959 bzw. 1963 neu gerechnet, um sie für das Mittelformat 6x6 zu ertüchtigen und damit eine Nutzung an der seinerzeit international führenden Mittelformatspiegelreflexkamera Praktisix zu ermöglichen. Die Neuberechnung hängt aber auch mit der Einführung der Vollautomatischen Springblende zusammen. Es fällt nämlich auf, daß die meisten älteren Systeme einer Neurechnung unterzogen wurden, als ihre Fassungen auf Automatikblende  umgestellt werden sollten. Grund dafür ist ein Abbildungsfehler namens Blendendifferenz, der bei guten Springblendenobjektiven auch gut korrigiert sein muß. Man versteht darunter die Eigenheit mancher Konstruktionen,  daß sich die Ebene der stärksten Einschnürung des bildseitigen Strahlenganges  (wo also die "Punktschärfe" liegt)  längs der optischen Achse verschiebt, sobald man die Blendenöffnung verändert. Das ist im Prinzip eine direkte Folge  des Kugelgestaltsfehlers optischer Systeme (sphärische Aberration) und der Tatsache, daß dieser Kugelgestaltsfehler durch bloßes Abblenden stark gemildert werden kann. Bei Springblendenobjektiven  kann man über diese Verschiebung der Schärfe aber nicht mehr hinwegsehen, weil jene prinzipiell und ausschließlich bei offener Blende scharfgestellt werden. Photographiert wird aber fast immer mit einem mehr oder weniger abgeblendeten Objektiv, wodurch nun quasi stets und zwangsläufig bei jeder Aufnahme Blendendifferenz auftritt. Das konnte natürlich bei hochentwickelten Kamerasystemen nicht mehr geduldet werden und so erforderte die Umarbeitung der Blendenmechanik von Normal- auf Automatikblende  auch ein Überarbeiten der optischen Konstruktion. Beispielsweise ist überliefert, daß einer der Gründe dafür, weshalb Prof. Zöllner nach Erscheinen der Praktisix das Tessar 2,8/80mm so rasch wie möglich durch das neue Biometar ablösen wollte, darin gelegen hat, daß ersteres  erheblich mit Blendendifferenz behaftet gewesen ist.  Beim vierlinsigen Tessar war keine weitere Optimierung mehr möglich; bei anderen Objektiven, die auf Springblende umgerüstet wurden, kann man aber davon ausgehen, daß  im Zuge der Neuberechnung besonderes Augenmerk auf eine verbesserte Behebung der Blendendifferenz  gelegt wurde. 


Das 180er Sonnar mit dem Rechnungsdatum 14. Februar 1959 wurde dann ab September 1962 in der neuen Springblendenfassung hergestellt, das 300er mit Rechnungsdatum 19. August 1963 dann ab April 1964. Vom 300er wurden aber zunächst nur kleine Serien von wenigen hundert Stück pro Jahr fabriziert. Ich habe ja schon an anderer  Stelle erwähnt, daß dessen Produktion ganz offensichtlich sehr arbeitsaufwendig und auch materialmäßig teuer gewesen sein muß. Es gehörte aber auch qualitativ zum Besten was es damals auf dem Weltmarkt  zu kaufen gab.

Sonnar 180 Zebra
Sonnar 300 Zebra

Die Umstellung auf die Springblende ging bei diesen beiden Sonnaren übrigens  mit einer Umstellung auf das Schraubbajonett der Praktisix einher. Dies bot die prinzipielle Möglichkeit, das jeweilige Objektiv über einen Adapter an verschiedene Kleinbildkameras anzuschließen. Als diese Konzeption erarbeitet wurde, waren das Praktina Bajonett und die Exakta die führenden Systeme. Bei diesen beiden Anschlüssen war es möglich, die BLENDENVOLLAUTOMATIK der Sonnare aufrechtzuerhalten. Schon während der Einführung dieser beiden Sonnare  schied aber die Praktina  IIA wegen Einstellung der Produktion aus und die Exakta verlor nach und nach an Bedeutung. Also war es das  M42-Gewinde, das nun den Dresdner Kamerabau dominierte, ohne daß man sich bei Pentacon wirklich bewußt für diese damals schon veraltete Gewinde-Lösung entschieden hätte. M42 war um 1970 von den besagten drei Anschlüssen schlicht und ergreifend derjenige, der übrig geblieben war.


Was den Adapter von Praktisix auf M42 betrifft, wurde nun allerdings gerade bei diesem Anschluß leider keine Vollautomatik erreicht, sondern die Blende  mußte nach dem Auslösen immer manuell geöffnet werden. Das war an sich schon ungünstig, wurde aber noch problematischer, als  mit der PRAKTICAmat die Innenlichtmessung bei Arbeitsblende eingeführt wurde. Nun sprang bei jeder Belichtungsmessung die Blende zu und mußte dann wieder manuell geöffnet werden, um scharfstellen zu können. Das war  äußerst unpraktisch, wurde aber im Prinzip 20 Jahre lang so gebaut, weil man 1959 nun einmal (unbewußt) diese Richtungsentscheidung getroffen hatte. Eine gewisse Erleichterung brachte die Blendenelektrik, die ja ein Abblenden des Objektives zur Messung unnötig machte. Dafür mußten aber nun aber wiederum mechanische Einrichtungen geschaffen werden, um die Stellung des Blendenrings an den Adapter weiterzugeben, der das Potentiometer für die Blendenelektrik enthielt. Das verkomplizierte das System unnötig, ohne daß man grundsätzlich die nur halbautomatische Springblende in eine vollautomatische umwandeln konnte. Nur das Zuspringen der Blende bei jeder Messung wurde dadurch eliminiert. Aus diesem Grunde wurde in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre beispielsweise mit dem Sonnar 2,8/200 und dem Prakticar 4/300 nun wieder vom Konzept der Adapter abgegangen und eigens zu den jeweiligen Systemen kompatible Objektive entwickelt.


Diese ganze Entwicklung konnte man freilich am Anfang der 1960er Jahre noch nicht absehen. Die Richtungsentscheidungen, die damals in Dresden und Jena  getroffen wurden, deuten darauf hin, daß ursprünglich das Schraubbajonett der Praktina IIA als zukünftiger Standard vorgesehen war. Die Objektivanschlüsse der Praktina und Praktisix waren – vom unterschiedlichen Auflagemaß und dem Bajonettdurchmesser abgesehen - voll kompatibel zueinander, sodaß der dazugehörige Adapter quasi nur eine mechanische Verlängerung darstellte. Mit der Einstellung der schwer verkäuflichen Praktina ein Jahr später war diese Ideallösung allerdings gestorben und der Dresdner Kamerabau hatte sich dadurch gewissermaßen unbeabsichtigt eine Konzentration auf das problematische M42-Gewinde auferlegt. Das sollte sich später  noch als eine große Bürde herausstellen.

Selten anzutreffen ist diese Kombination des Olympiasonnars mit einem Adapter zur Aufrechterhaltung der automatischen Springblende  an der Praktina IIA.  Das liegt daran, daß die  Serienfertigung  des Springblenden-Sonnars erst im September 1962 anlief, währenddessen die Produktion der Praktina schon im Mai 1960 eingestellt worden war. Und weil einer der Gründe für das Aufgeben der Praktina-Reihe darin lag,  daß man unbedingt  die Bevorratung mit Objektiven ihres Anschlusses los haben wollte, wurden Wechselobjektive für die Praktina während der 1960er Jahre auch nur noch sporadisch ausgestoßen. Bei diesem Exemplar handelt es  sich übrigens um die erste Version des Springblenden-Sonnars 180mm, das sich noch durch eine kürzeste Einstellentfernung von 2,2m auszeichnet. Unten die für die damalige Zeit (1962!) hochmodern gefertigten Fassungsteile. Man beachte den  kugelgelagerten Blendenkäfig. Diese aufwendige Konstruktion war notwendig, um trotz der massereichen Blendenmechanik die Blendenschließzeit von etwa 25 Millisekunden zu gewährleisten.

Zusammen mit der Springblende wurde außerdem bei vielen damaligen Objektiven sukzessive der extrasteile Schneckengang und eine automatische Blendenkorrektur eingeführt. Letztere sorgte dafür, daß beim  beim Naheinstellen der durch den verlängerten Auszug bedingte Lichtverlust automatisch durch eine Öffnung der Blende ausgeglichen wurde. Das war eine praktische Angelegenheit, die besonders beim Flektogon 2,8/35mm und dem Sonnar 3,5/135mm mit ihren langen Schneckengängen eine sinnvolle Wirkung hatte, weil bei diesen der Verlängerungsfaktor nicht mehr vernachlässigt werden kann. Zum Patent angemeldet wurde diese Idee am 17. Oktober 1960 [DDR-Patent Nr. 29.092]. Helmut Scharffenberg, Rudolf Paul und Hermann Friebe waren die Erfinder. Grundlage war der schräg verlaufende Schlitz der Blendenführung (Teil 7), die unten anhand der Zeichnung und rechts am praktischen Beispiel dargestellt ist. Diese damals sehr sinnvolle Einrichtung wurde  aber rasch obsolet, als in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Innenlichtmessung zum Standard wurde, die diesen Lichtverlust nun automatisch berücksichtigte.

DD29092

Den extrasteilen Schneckenhang hatte das 180er Springblendensonnar übrigens nicht von Anfang an. Ursprünglich lag die Naheinstellgrenze bei 2,2m und wurde ab der Zebra-Version auf 1,7m verkürzt. Das 300er gab es aber von Anfang an nur in der letztgenannten Version. Für die Pentacon Super wurden sogar einzelne Stücke dieser beiden Sonnare herausgebracht, bei denen ein zusätzlicher Stößel den eingestellten Blendenwert an diese speziell dafür eingerichtete Kamera übermittelte. Das war insgesamt alles sehr modern und international wirklich tonangebend. Insbesondere das 180er Sonnar mit seinem steilen Schneckengang und der dadurch springenden Scharfstellung ist auch heute noch ein begehrenswertes Objektiv für die Pentacon Six. Von der Bildleistung ganz zu schweigen. Unter Umständen muß heute nur einmal der Schneckengang mit einem modernen, synthetischen Fett neu geschmiert werden. Die Originalschmiermittel sind nach 40...50 Jahren meist verbraucht. Wie sowas aussieht, das kann man sich in der Reparatur-Sektion einmal ansschauen.  Das Sonnar 180mm kostete 652,80 Mark für die Praktisix, 734,80 Mark für M42 und Exakta (mit zusätzlichem Adapter) und 747,80 Mark für die Pentacon Super.

Nicht von ungefähr gilt das Sonnar 2,8/180mm als das Portraitobjektiv des Mittelformates schlechthin. Die Bildwirkung und das Freistellungsvermögen dieses Objektives sind legendär. Photo von Lubomir Arabadjiev, Bulgarien.


Unten: Mit solch einer Ausrüstung wurde im gesamten Ostblock gearbeitet. Auch Dr. Siegmund Jähn hatte diese Zusammenstellung 1978 mit in der Sojus-Kapsel.

Pancolar 1,4/55mm und 1,4/75mm

Ich kann rückblickend nur vermuten, daß in der DDR Photoindustrie zwei…drei Jahre nach Einstellung der Praktina IIA die Erkenntnis reifte, daß man sich quasi aus dem Marktsegment der professionellen Kleinbild-Systemreflexkamera verabschiedet hatte, als jenes gerade erst so richtig durchstartete. Man hat im Frühjahr 1960 wohl gemeint, die sich noch gut verkaufende Exakta Varex sei professionell genug. Angesichts neuer Kameras wie einer Nikon F oder einer Topcon RE war die 25 Jahre alte Konstruktion der Exakta nun aber hoffnungslos veraltet und im Prinzip nicht weiterentwicklungsfähig. Offensichtlich war ein Wille da, den Dresdner Kamerabau wieder in das Segment der Profispiegelreflex zurückzubringen. Das kann man auch daran ablesen, daß seit Anfang der 1960er an einem Lamellenverschluß gearbeitet wurde, der als Kernstück für die neue Kamera gedacht war (siehe unter der Rubrik "Schlitzverschluß" auf den „Technik-Seiten“).

Pancolar 1,4/55mm

In Hinblick auf die Photooptik ist die Konstruktion des Pancolars 1,4/55mm im August 1963 als Normalobjektiv für diese neue Profikamera ein Indiz. Ein derart aufwendiges Normalobjektiv war – so viel kann man von vornherein sagen – nicht für die Amateurkamera Praktica gedacht. Dazu war es mit 547,- Mark auch viel zu teuer. Ein 1,4er für die Praktica gab es erst anderthalb Jahrzehnte später, als man wirklich nicht mehr drum herum kam. Bei diesem Objektiv und dem verwandten Pancolar 1,4/75mm hat sich die Abteilung Photo des Zeisswerks Jena noch einmal richtig ins Zeug gelegt. Das Biotar wurde durch Hinzufügen zusätzlicher Elemente und Auflösen der Kittgruppen in einzelne Glieder weiterentwickelt. Die Variante mit 75mm enthielt nun gar keine Verkittungen mehr. Letzteres wurde sogar im DDR-Schutzrecht Nummer 48.055 vom 9. September 1964 verankert. Hier werden Harald Maenz und Rudolf Wanke als Urheber genannt. Das Pancolar 1,4/75mm hätte laut Listenpreis übrigens 515,- Mark gekostet, falls man es je in einem DDR-Geschäft angetroffen hätte.

Pancolar 1,4/55mm
Zeiss Jena Pancolar 1,4/75mm
Zeiss Jena Pancolar 1,4/75mm

Oben ein Exemplar des seltenen Jena Pancolar 1,4/75mm (Bild: Thomas Hirt). Sehr befremdlich dessen Seriennummer mit der vorlaufenden Null. Selbst wenn diese Null eine Fehlgravur wäre, würde sich die restliche Ziffernfolge in keines der bekannten Fertigungslose einfügen. Von diesem Objektiv, dessen Rechnung am 25. September 1964 abgeschlossen wurde, soll nämlich laut "Thiele" im Januar 1966 eine Nullserie von 50 Stück (Seriennummern 6.798.651 bis 6.798.700) und anschließend im Sommer 1969 ein einziges Produktionslos von 500 Stück (8.284.429 bis 8.284.928) gefertigt worden sein.


Unten der schematische Aufbau dieses Objektives aus der erwähnten Patentschrift. Die Linsen 1 bis 7 bestehen aus folgenden Glassorten: SK22; SK22; SF15; SF18; SK22; BaSF6 und SF19. Das sind zwar soweit ich es einschätzen kann hochwertige und moderne Glassorten gewesen, aber nicht das absolute Maximum des damals Machbaren. Geht man davon aus, das serienmäßig hergestellte Objektiv entspräche den Angaben der Patentschrift, was zu jener Zeit eigentlich üblich war, dann hieße das, das Pancolar 1,4/75mm wäre ohne die extremen Glassorten ausgekommen, wie sie mutmaßlich im Pancolar 1,4/55mm Verwendung fanden namentlich ohne das Schwerstkron SSK11 mit seinen Gehalten an Lanthan- und Thoriumoxiden. Damit wären beim 75er Pancolar auch die speziellen Herstellungsprobleme vermieden worden, die dieses problematische (da radioaktive) Glas stets mit sich brachte. Das beim 75er Pancolar in drei Sammellinsen verwendete Schwerkron SK22 war ab 1967 auch Dreh- und Angelpunkt des neuen Pancolar 1,8/50mm, in welchem es ebenfalls für drei Linsen Verwendung fand und das sich mit etwa 400.000 Stück in 20 Jahren zu einem regelrechten Massenobjektiv entwickelte.

Pancolar 1,4/75mm

Doch das wird kaum der Fall gewesen sein. Diese beiden Hochleistungsobjektive müssen leider zutiefst zwiespältig beurteilt werden. Einerseits bewies der VEB Carl Zeiss JENA Mitte der 60er Jahre, daß er durch Einführung neuer Glassorten, neuer Fertigungsverfahren sowie neuer Meß- und Prüfmethoden an der Spitze der Objektivfertigung der Welt stand. Im gleichen Atemzug sind diese beiden Pancolare aber Ausdruck für einen einsetzenden Wandel, durch den die einstmals in vielen Bereichen fast konkurrenzlose DDR-Photoindustrie zu nicht mehr als einem der vielen Mitbewerber auf dem internationalen Markt degradiert wurde. Das wird durch folgenden Umstand deutlich: Beide Objektive wurden serienmäßig mit der mechanischen Offenblendenübertragung für die Pentacon Super ausgeliefert. Sie waren also für diese Kamera gedacht, auch wenn sie bei abgeschalteter Offenblendenmessung auch an anderen M42-Kameras nutzbar waren (siehe Bild oben). Und genau an diesem Punkt werden erste Anzeichen eines Dilemmas sichtbar. Beide Objektive wurden nur in geringen Stückzahlen gefertigt (das 55mm etwa 5000 mal, das 75er maximal 550 mal). Das lag daran, daß sich die Pentacon Super zum Verkaufsflop entwickelte. Als diese Kamera 1968 endlich ausgeliefert wurde, da brauchte sie niemand mehr. Die Pressephotographen des Nichtsozialistischen Auslandes hatten längst eine Nikon-F-Ausrüstung.


Ich glaube das war der Punkt, an dem Carl Zeiss Jena langsam das Interesse am Photoobjektivbau zu verlieren begann. Zum einen wandelte sich das Kombinat zu dieser Zeit immer mehr zum Hightech-Zentrum der DDR-Industrie, bei dem die traditionellen Zweige wie Mikroskop- oder eben Objektivbau langsam in den Hintergrund traten. Zum anderen hatte es seit Beginn der 1960er Jahre für den Jenaer Objektivbau einige Enttäuschungen gegeben. Man hatte mit viel Aufwand neue Objektive für neue Kameras errechnet, die anschließend vom internationalen Markt ignoriert wurden. Um es hier noch einmal deutlich zu sagen: Zeiss Jena Objektive waren vorrangig dazu gedacht, im NSW verkauft zu werden und Devisen einzubringen. Die Befriedigung der Inlandsnachfrage hatte dahinter zurückzutreten. Seit dem Ende der 1960er Jahre zeichnete sich ab, daß in diesem Bereich langsam umgedacht werden mußte.

Cardinar 2,8/85mm

Das Symptom, Entwicklungskapazitäten für Kamera-Flops verbraten zu haben, läßt sich auch an diesem Zeissobjektiv ablesen. Es wurde für die Pentina geschaffen – eine Kleinbildspiegelreflexkamera mit Zentralverschluß. Diese Kamera ging noch auf ein Projekt der alten Zeiss Ikon zurück und hing nach der Zusammenlegung der Entwicklungsabteilungen wie ein Klotz am Bein der Kamerawerke. Mit viel Aufwand hatte man die Kamera zuendeentwickelt und mit ebenso viel Aufwand hatten Meyer-Optik und Zeiss drei Wechselobjektive geschaffen. Diese mußten aufgrund des engen Durchlasses des Zentralverschlusses ganz spezielle Vorgaben erfüllen. Das Cardinar 2,8/85mm ist angesichts der zu überwindenden optischen Klippen ein wirklich hochwertiges Portraitobjektiv. Doch nur 3000 Stück ließen sich absetzen. Ob sich damit überhaupt die Entwicklungskosten wieder einspielen ließen, möchte ich mal dahingestellt lassen. Geld verdient hat man damit jedenfalls nicht, und Devisen schon gar nicht. Mit den Objektiven für die Schmalfilmspiegelreflexkamera Pentaflex 8 lassen sich noch weitere Beispiele für solche Flops finden. Sie waren mit speziellen Anpassungen für einen speziellen Kameratyp geschaffen worden. Damit schied eine „Umnutzung“ an einem anderen System aus. Ich kann nur Vermuten, daß die Abteilung Photo des Zeisswerks in den 60er Jahren auf einigen Entwicklungskosten sitzengeblieben ist. Anhand der  nachfolgenden Entscheidungen kann man zum Schluß kommen, daß von nun an mit spitzerem Bleistift gerechnet worden ist. Zum Beispiel wurde 1965 zwar das 135er Sonnar in der Lichtstärke auf 1:3,5 gesteigert, für das offenbar bereits im Niedergang befindliche Exaktabajonett blieb es aber bei der alten Lichtstärke von 1:4,0. Auch die Zahl der echten Neuentwicklungen ging nun in den 70er Jahren deutlich zurück.

Cardinar 2,8/85mm
Cardinar 2,8/85mm scheme

Cardinar 4/100mm



Auf derselben Frühjahrsmesse 1960 wurde neben dem Cardinar 85mm für die Pentina auch das Cardinar 4/100mm für die Werra vorgestellt.  Dieses "Erscheinungsdatum" ist insofern ein wenig irreführend, da Egon Brauer bereits zur Herbstmesse 1957 zusammen mit der neuen Werra III von einem "neu errechnete[n] Typ 1:3,5, f = 100mm" berichtete [Vgl. Bild & Ton 10/57, S. 270]. Hierbei muß es sich um einen Prototypen gehandelt haben, denn das letztlich produzierte Cardinar hat als Abschlußdatum der Konstruktion den 14. Juni 1958.  Im Messebericht der "Bild & Ton" vom März 1960 (also VOR der Messe) war noch  von einem namenlosen Teleobjektiv die Rede.  Offenbar zögerte man, die beiden neuen Teleobjektive 2,8/85 und 4/100 unter dem Markennamen "Sonnar" auf den Markt zu bringen, obwohl es sich durchaus um echte Sonnartypen handelte.  Zeiss Jena war im damaligen Rechtsstreit mit Zeiss Oberkochen derart verunsichert, daß man begann, neue Objektivnamen zu kreieren.

Besser informiert über die letztliche Namensgebung war aber der Schöpfer dieses Objektivs Erich Fincke, der zusammen mit seinem Kollegen Wolf Dannberg einen längeren Aufsatz zu "Neuen Zeiss-Foto-Objektiven aus Jena" in der "Fotografie" veröffentlichte [Heft 3/1960, S. 83f]. Dannberg stellte sein neues Flektogon 4/25 vor, Fincke seine Cardinare. Hier beschrieb Fincke die hauptsächlichen Konstruktionsprobleme, die bei diesen beiden Objektiven gelöst werden mußten, um  sie dezidiert für den Einsatz an Zentralverschlußkameras einsatzfähig zu machen. Da sie ja nicht eingebaut, sondern als Wechselobjektive VOR den Verschluß gesetzt werden sollten, drehte sich die hauptsächliche Schwierigkeit um die Festlegung des sogenannten Blendenorts. Diese in diesem Zusammenhang stehenden Konstruktionsschwierigkeiten hat Fincke zusammen mit Prof. Zöllner in einer Patentschrift zum Cardinar 4/100 näher ausgeführt, die ich erst kürzlich aufgetan habe [DDR Nr. 23.651 vom 17. November 1958]. Um Vignettierungen zu vermeiden, muß die Blende des Wechselobjektivs so nah wie möglich an die Verschlußlamellen herangeführt werden, genau so, wie man das vom fest in den Zentralverschluß eingebauten Objektiv kennt. Sonst würde schlicht keine gleichmäßige und gleichzeitige Belichtung des gesamten Bildfeldes erfolgen während der Zeit, in der sich die Lamellen des Verschlusses öffnen und schließen. Dieses Verlegen der Blende weit nach hinten bei gleichzeitiger Verkürzung der Schnittweite, damit die Hinterlinse so nah wie möglich an den Verschluß rückt, waren die hauptsächlichen Konstruktionsprobleme, die Zöllner und Fincke zu lösen hatten. Erfüllt wurden diese Forderungen erfindungsgemäß dadurch, daß die Hinterlinse als dünnes, sammelnd wirkendes Element ausgeführt wurde, das so nah an den vorderen Objektivteil herangerückt wurde, daß der Luftraum zwischen den beiden Teilen nur 17% der Gesamtbrennweite des System betrug und zudem die gesamte Baulänge des Objektivs vom vorderen Linsenscheitel der Frontlinse bis zum hintersten der Hinterlinse kleiner ist als 57% der Gesamtbrennweite von 100mm blieb. Dabei läßt das Patent für die besagte Hinterlinse ein Glas mit der für damalige Verhältnisse bemerkenswerten Brechzahl von n = 1,807 erkennen. Möglicherweise handelt es sich um das Schwerflint SF 6 des VEB Jenaer Glaswerk mit einer reziproken relativen Farbzerstreuung von 25,5.

Interessant ist auch, daß das Berechnungsbeispiel in der Patentschrift mit einem Öffnungsverhältnis von 1:3,5 angegeben ist. Das ist insofern von Bedeutung, als daß mir aufgefallen ist, daß sich bei fast allen Cardinaren für die Werra die Blende nicht vollständig öffnen läßt. Ich interpretiere das dahingehend, daß das maximale Öffnungsverhältnis mechanisch auf 1:4,0 begrenzt wurde, damit dieses Objektiv mit vollen Blendenstufen besser zur Belichtungsautomatik der Werra kompatibel war. Diese Vermutung wird dadurch gestützt, daß ich ein einzelnes Exemplar dieses Cardinars besitze, bei dem sich die Blende tatsächlich vollständig öffnen läßt und auf diese Weise offenbar die volle Lichtstärke von 1:3,5 wirksam wird. Auch einer der Konstruktionsverantwortlichen für die Werra, Rolf Miller, schreibt in seinem Aufsatz "Die Bildleistung der Werra" [Fotografie Heft 4/1958, S.122ff] von einem Teleobjektiv  3,5/100mm.


Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, daß das Cardinar eigentlich auf diese etwas höhere, aber "krumme"  Lichtstärke 1:3,5 berechnet worden ist.  Da die zwischenzeitlich herausgekommene Werra IV und später auch die  Werra V aber  mit einem Lichtwertverschluß arbeiteten, der nur volle oder halbe Stufen einzustellen erlaubte, waren Blendenwerte außerhalb dieser Normreihe  problematisch geworden. Der auch heute noch oft anzutreffende maximale Öffnungswert 1:3,5 entstammt einer Blendenreihe, die längst nicht mehr gebräuchlich ist.  Der rechnerisch exakte Blendenwert 3,564 ist dabei genau 1/3 Belichtungsstufe lichtstärker als das Öffnungsverhältnis 1:4,0. Für die Werra III spielte diese Abweichung eine untergeordnete Rolle, aber sie stand im Widerspruch mit den  gekuppelten Belichtungsmessern der anderen Modelle.

Links das übliche Öffnungsbild der Blende  bei Einstellung auf 1:4, rechts das abweichende Bild bei einem nicht mechanisch begrenzten Einzelexemplar.

Von diesem gut auskorrigierten Fünflinser  wurden zwischen 1959 und 1969 etwa 18.000 Stück hergestellt. Es kostete glatt 200,- Mark und war damit mehr als doppelt so teuer, wie das vergleichbare Telefogar 3,5/90 mm für die Altix.



Nachtrag vom 22. 12. 2018: Yves hat mittlerweile einen "Photo-Kino-Katalog" in dem alle möglichen Artikel aus diesem Industriezweig vom "Taschenstativ Ines" bis zum Kamerakran mit drei Tonnen Tragfähigkeit aufgelistet sind. Interessant ist nun ein Änderungsblatt zu diesem Katalog vom September 1959, mit dem eigentlich Irrtümer und Druckfehler berichtigt werden sollten. Hier wird nun schwarz auf weiß die Umbenennung des Objektivs 3,5/100 mm in das Cardinar 4/100 mm bestätigt mitsamt der Änderung seiner Lichtstärke.

Pentovar  2,8/35-100mm (?)



Zum Abschluß noch ein Objektiv, das man sich zwar hat patentrechtrechtlich schützen lassen, das aber leider nicht auf den Markt gebracht wurde. Wolfgang Naundorf und Harald Maenz  hatten mit ihrem Patent Nr. DD48.057 vom 18. Mai 1965 ein "Objektiv mit veränderbarer Brennweite und optischer Kompensation der Bildortverlagerung" entwickelt, das möglicherweise eine Reaktion auf das Voigtländer Zoomar 2,8/36-82mm gewesen sein könnte.  Das ist sogar sehr wahrscheinlich, denn die Patentschrift bezieht sich explizit auf ein bekanntes derartiges Objektiv, dessen kürzeste Brennweite kleiner als die ausgezeichnete Bilddiagonale sei und das eine Brennweitenvariation  von maximal 2,3-fach aufweise. Beides trifft paßgenau auf das erwähnte  Voigtländersche Varioobjektiv zu, das seinerzeit praktisch ohne Konkurrenz war.  Es wurde von einem in den USA lebenden Österreicher namens Frank Gerhardt Back entwickelt  (DBP Nr. 1.116.427 vom 14. November 1958) und ab 1959 in Braunschweig gefertigt. Naundorf und Maenz wollten mit ihrer Erfindung den Variobereich auf über 1:2,8 ausdehnen und dabei die Verzeichnungsprobleme des Konkurrenzproduktes umgehen.

Zeiss Jena Pentovar 2,8/35-100 mm

Wie der Linsenschnitt aus der Patentschrift zeigt, wäre für dieses Zoom mit dem Brennweitenbereich 35 bis 100 Millimeter ein ganz erheblicher Linsenaufwand vonnöten gewesen, wobei ausschließlich hochbrechende Gläser zum Einsatz gekommen wären. Die Linse Nummer sechs hätte sogar aus neuartigem Boratglas bestehen sollen, welches von Werner Vogel und Wolfgang Heindorf  erst wenige Jahre zuvor im Jenaer Glaswerk entwickelt worden war (DDR-Patent Nr. 22.535 vom 26. Juni 1959). Allein die Materialkosten hätten den Preis dieses Objektives also in exorbitante Höhen getrieben; vom Fertigungsaufwand ganz zu schweigen. Zudem zähle ich nicht weniger als 26 Glas-Luft-Flächen. Im Zeitalter der einschichtigen Vergütungen wäre also von der Lichtstärke 1:2,8 effektiv nur wenig übriggeblieben.

Marco Kröger 


Letzte Änderung: 21. Oktober 2019