Sonstige Objektive

Sonstige Objektive

Normal-, Wechsel- und Spezialobjektive aus dem mitteldeutschen Raum bzw. der DDR in loser Folge

Eines der wichtigsten Normalobjektive für den "Kleinen Mann" war das dreilinsige Meritar der Firma Ernst Ludwig in Weixdorf. Schon in der Zwischenkriegszeit wurden von dieser Firma Triplets für die besonders  preisgünstige  Komplettierung von Rollfilm-Springkameras hergestellt. Später kamen Typen für die Kleinbildkamera hinzu. Bis zum maximalen Öffnungsverhältnis von 1:2,9 bei einer Brennweite von 50mm  war das Meritar hier ausgereizt worden. Neben einer Einbauvariante in den Cludor-Zentralverschluß wurde das Triplet nach dem Kriege auch  für die Kleinbild-Spiegelreflexkamera angeboten, wobei  hier  der "Hauptanwendungsfall" die Exa gewesen sein dürfte. Das legt schon der moderate Verkaufspreis dieses Normalobjektivs nahe, der nach Mai 1960 bei lediglich 43 Mark und 50 Pfennigen lag. Dem Exa-Besitzer, der kaum größere Abzüge als 7x10 oder 9x12 anfertigen ließ, genügte auch die zugegebenermaßen bescheidene Abbildungsleistung dieses Triplets. In geringerem Umfange wurde aber auch eine Version mit dem M42-Gewinde für die Praktica angeboten, wie das untere Bild zeigt. Das dürfte aber nach Einführung der Druckblendenmechanik in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre eher der Ausnahmefall gewesen sein.

Meritar


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Ganz oben sind die Fassungsgestaltungen des Meritar 2,9/50 zu sehen; von den späten 40er Jahren (noch ohne Vergütung und recht grob bearbeiteter Fassung) bis hin zu einer ausgesprochen zeitgemäßen Variante mit Vorwahlblende. Diese sollte einmal mit dem Primotar 2,8/50mm von Meyer Görlitz verglichen werden (im Bild oben rechts).


Unten eine Gegenüberstellung der Kontrastübertragung des Meritars 2,9/50 mit dem (vergleichbaren) Domiplan von Meyer Görlitz und dem Jenaer Tessar 2,8/50mm.

Tele-Tessar


Die Verwendung des Begriffs "Teleobjektiv" erfolgt in der Literatur nicht einheitlich. Unter einem Teleobjektiv versteht man allgemein eine Linsenkombination, die bei einer langen Äquivalentbrennweite eine vergleichsweise kurze Schnittweite aufzuweisen hat. Das führt dazu, daß gewisse Autoren beispielsweise auch Sonnartypen unter die Teleobjektive einordnen, weil sie ebenfalls eine vergleichsweise kurze Schnittweite aufbieten. Auch Hubert Ulbrich tut dies in seiner Patentschrift zum Orestor 2,8/135 [Nr. DD33.141], obgleich er angibt, der Systemteil hinter der Blende habe sammelnde Wirkung.  Demgegenüber steht eine ältere Definition: "Zweigliedrige optische Systeme, bestehend aus einem sammelnden Vorderglied und einem in relativ großem Abstand angeordneten Hinterglied von zerstreuender Wirkung, nennt man Fern- oder Teleobjektive."  [Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.):  Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 304.] Teleobjektive "im engeren Sinne" zeichnen sich also dadurch aus, daß der bildseitige Systemteil zerstreuende Wirkung hat.


Ursprünglich wurde diese Wirkung dadurch erzielt, daß die Optikfirmen sogenannte "Tele-Negative" anboten, die hinter dem vorhandenen Aufnahmeobjektiv (beispielsweise einem Tessar 6,3/150mm für das Format 9x12cm) in den Strahlengang eingebracht wurden. Diese zerstreuend wirkende Linsenkombination des Tele-Negativs hatte nun zur Folge, daß sich die wirksame Brennweite des Gesamtobjektives um einen bestimmten Faktor verlängerte, ohne  daß der Auszug des Balgens aber im selben Maße mitverlängert werden mußte. Das bewerkstelligte die schnittweitenverkürzende Wirkung des Tele-Negativs. Wir verwenden dieses Prinzip heute noch beim sogenannten Telekonverter, der ebenfalls zerstreuende Wirkung hat.

Ähnlich wie beim Telekonverter hat dieses Prinzip aber zwei entscheidende Nachteile: Erstens wird die Qualität des Grundobjektives erheblich beeinträchtigt, wenn beliebige Tele-Negative mit beliebigen Grundobjektiven kombiniert werden. Und zweitens bleibt je nach Verlängerungsfaktor kaum noch Lichtstärke übrig. In der Zeit, bevor  Linsen vergütet werden konnten, kamen obendrein noch störende, wilde Spiegelbilder hinzu – hervorgerufen durch die zusätzlichen Glas-Luft-Grenzflächen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts  gingen die Objektivbauanstalten daher dazu über, komplette Teleobjektive herauszubringen. Einer der Vorreiter auf diesem Felde war Zeiss mit deren Magnaren. Ein solches Magnar hatte beispielsweise die Daten 1:10/45cm, zeichnete das 9x12-Format aus, benötigte aber nur einen Auszug von 15cm – also ziemlich genau denjenigen des Normalobjektives. [Vgl. Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.):  Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II,   Wien, 1931, S. 305.]

Diese "echten Teleobjektive" waren eine große Herausforderung für den Objektivkonstrukteur, der eine möglichst kompakte Bauweise erzielen wollte, ohne  daß sein Teleobjektiv gegenüber den "normal gebauten" Fernobjektiven stark qualitativ  hinterherhinkte.  Insbesondere litten diese frühen Teletypen an einer ziemlich ausgeprägten kissenförmigen Verzeichnung, die sich kaum auskorrigieren ließ   [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S.  76.].  Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1919, schlug der damals gerade erst 30-jährige  Willy Merté  daher einen anderen Weg ein. Benötigte das oben angegebene Magnar 10/45cm  nur 15cm Balgenauszug (also 33% der Brennweite), so lag der erforderliche Auszug bei seinem Tele-Tessar bei beinah doppelt so hohen 60% der Brennweite [Vgl. Pritschow, photographische Kamera, 1931, S. 305]. Damit erlaubte dieses Tele-Tessar, eine Brennweite von 25cm an einer 9x12-Kamera zu verwenden, ohne über den normalen Balgenauszug von 15cm hinausgehen zu müssen. Diese Einschränkung bei der Schnittweitenverkürzung wurde durch einem deutlichen Zuwachs an Bildleistung aufgewogen. Das Tele-Tessar 1:6,3 wurde am 17. Juni 1919 unter der Nr. 347.838 im Deutschen Reiche zum Patent angemeldet. Daß Merté der Urheber gewesen ist, geht aus der Schutzschrift nicht hervor, sondern ist lediglich durch die  Mitteilung Pritschows überliefert. 


Ganz offensichtlich hatte Dr. Willy Merté dieses Teleobjektiv unter Verwendung der Korrektionsprinzipien des Rudolph'schen Tessars (Verknüpfung eines Neu- mit einem Altachromaten) geschaffen. Der Schutzanspruch des Patentes liegt jedenfalls darin, daß die Behebung der sphärischen, chromatischen und insbesondere der astigmatischen Fehler dadurch erreicht wurde, daß die Kittfläche im hinteren Glied eine sammelnde Wirkung hat.

Merté Tele-Tessar Patent

Dieses  Tele-Tessar 1:6,3 hatte mit über 30 Grad einen ziemlich großen Bildwinkel. So zeichnete das ursprüngliche Tele-Tessar 6,3/18cm immerhin das Plattenformat 6,5x9cm vollständig aus. Dessen Rechnung wurde am 22. Dezember 1919 abgeschlossen. Anfang der 30er Jahre sorgte aber die Kleinbildphotographie für frischen Wind in Dresden und Jena. Jetzt waren noch einmal höhere Anforderungen zu bewältigen, weil die Negative nun stark nachvergrößert werden mußten. Es wurde mit dem Abschlußdatum 8. Februar 1932 ein Tele-Tessar 6,3/18cm geschaffen, das nur noch einen Bildwinkel auszuleuchten hatte, der mit 14 Grad weniger als halb so groß sein mußte. Die Bildwinkelreserve war freilich groß genug, daß dieser Typus später auch sporadisch für die Standard Exakta und in geringen Stückzahlen sogar für die Exakta  6x6 geliefert wurde. In erster Linie war das neue Tele-Tessar 18cm  natürlich für die Contax der Zeiss Ikon AG gedacht. Beginnend im Januar 1938 wurde es aber auch in einer Fassung für die Kleinbild-Spiegelreflexkamera Kiné-Exakta hergestellt. Hier fiel es bestechend kurz und wegen der Aluminium-Fassung auch außerordentlich leichtgewichtig aus. Etliche hundert Stück wurden bis 1942 in dieser Ausführung immerhin noch fabriziert. Die Fertigung wurde nach dem Kriege aber nicht wieder aufgenommen.

Zeiss Jena als Pionier der asphärischen Objektive


Und weil hier vom Magnar die Rede war, möchte ich noch eine Tatsache ergänzen, die trotz ihrer Bedeutung für die Geschichte der rechnenden Optik heute völlig unbekannt ist. Je nachdem in welcher Werbebroschüre man blättert, sind es mal die Firmen Leitz,  Canon, Nikon usw. die sich  mit der Pioniertat brüsten, als Erste Linsen in ihren Objektiven verbaut zu haben, deren Oberfläche von der Kugelform abweicht: Sogenannte Asphären. Das entspricht alles nicht den Tatsachen. Die Verwendung von asphärischen Linsen im Objektivbau ist wesentlich älter als gemeinhin gedacht.


Ich habe oben einen Aufsatz zitiert, den Willy Merté für einen Ergänzungsband verfaßt hat, um das "Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie" in Folge der stürmischen Entwicklung der 30er Jahre auf den neusten Stand zu bringen.  Dieser Ergänzungsband, herausgegeben von Kurt Michel, wurde fertig, als ein gewisser Joseph Goebbels gerade  den Totalen Krieg ausgerufen hatte. Man wird unschwer einsehen, daß dieser Ergänzungsband damals kaum größere Verbreitung und Beachtung gefunden haben mag; er wird auch nicht in nennenswerter Auflage gedruckt worden sein.  Und als der Krieg vorbei war, war sein Inhalt schon wieder überholt. Damit ist aber auch der hierin enthaltene Aufsatz Willy Mertés in Vergessenheit geraten; zumal  dieser Mann bereits im Frühjahr 1948 in den USA verstorben ist.


Rolleifreunden sagt der Begriff "Magnar" etwas. Jeder Rollei-Sammler hätte gerne eins. Dieser Produktname wurde nämlich ein zweites Mal belegt. Es handelt sich um ein brennweitenloses "Vorsatzfernrohr" für die Rolleiflex mit vierfach vergrößernder Wirkung. Es wurde 1939 kurz vor Kriegsausbruch herausgebracht und wird anschließend kaum in größeren Stückzahlen (genau weiß man es nicht mehr) hergestellt worden sein. Es ist also selten.  Mit knapp 200,- Reichsmark war es auch fast so teuer, wie die Kameras, für die es gedacht war.


Was nun selbst eingefleischten Rollei-Experten kaum bekannt sein dürfte: In diesem Magnar steckt eine Linse mit asphärischer Fläche.  Willy Merté gibt dies in seinem Aufsatz "Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929" auf Seite 12 des Ergänzungsbandes an. Und wer sollte es wissen, wenn nicht der Konstrukteur selbst.


In einem kleinen, aber nicht unbedeutenden Teil, muß die Geschichte des photographischen Objektives also in einem neuen Licht gesehen werden. Daß das Magnar  dabei "nur" ein Vorsatz zur Verlängerung der Äquivalentbrennweite gewesen ist und offenbar nur in geringen Stückzahlen produziert wurde, tut der Tatsache keinerlei Abbruch, daß das Magnar 4x das erste serienmäßig hergestellte Objektiv der Welt gewesen ist, bei dem eine asphärische  Linse eingesetzt wurde.

Zeiss Magnar 4x

Zu diesem Thema  ist noch anzumerken, daß man bei Carl Zeiss Jena bereits seit Mitte der 30er Jahre damit experimentierte, Asphären im Photoobjektivbau einzusetzen. Bei Thiele sind mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 2/5cm und sogar 1,5/5cm überliefert. Aufgrund eines am 6. Dezember 1940 angemeldeten Patentes wissen wir, daß es  Dr. Willy Merté gewesen ist, der  solche deformierte Fläche in den Tessar-Typus einführte.  Dieses Patent ist erst 1954 in der DDR unter der Nr. DD2675 veröffentlicht worden; sechs Jahre nach dem Tode des Urhebers. Bemerkenswert ist, daß Merté in zwei der vier Patentbeispiele die asphärische(n) Flächen(n) dort hin verlegt, wo sich normalerweise beim Tessar die Verkittung befindet. Das ist vor allem in der Hinsicht interessant, daß  Ernst Wansdersleb bereits am 25. Juli 1939  ein diesbezügliches  Patent angemeldet hatte,  das erst 1953 in der DDR [Nr. DD2905] und gar erst 1958 in der Bundesrepublik [Nr. DE969.283] erteilt wurde.  Wanderslebs Ansatz lag nämlich darin, die deformierte Fläche ganz bewußt innerhalb einer Kittgruppe anzuordnen. Der Hintergrund war der, daß sich asphärische Flächen nur schwer mit höchster Präzision herstellen ließen, diese Präzisionsanforderungen aber sogleich abgemildert würden, wenn die Brechkraftunterschiede zwischen den zwei Linsen durch Verkittung herabgesetzt wären. 


Über das Verhältnis zwischen Merté und Wandersleb herrscht meiner Ansicht nach große Unklarheit, nicht zuletzt weil Wandersleb von seinem Kollegen aus der Position des Leiters der Abteilung Photo sukzessive verdrängt worden ist und dabei  politische und rassische Diffamierung innerhalb des Unternehmens offenbar eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt haben. Diese beiden Patente hinterlassen aber den Eindruck, daß die beiden Herren vor Ausbruch des Krieges noch in kongenialer Manier zusammengearbeitet haben.

Sonderobjektive von Zeiss Jena


Im Einleitungstext zu den Jenaer Objektiven der 1980er Jahre habe ich beklagt, daß Neu- und Weiterentwicklungen im Bereich photographischer Objektive zwar stattgefunden haben, aber nicht produziert worden sind. Namentlich Eberhard Dietzsch hätte mit seinen Arbeiten zu Floating Elements und Innenfokussierung für ein Aufholen zum internationalen Stand der Technik sorgen können. Aber daraus wurde nichts.


Um so erstaunlicher sind die Erkenntnisse, wenn man sich mit der übrigen Patentüberlieferung dieses Fachmannes beschäftigt. Hier ist von "Hochauflösenden System[en] mit veränderlicher Vergrößerung und großer Übertragungslänge" [DD301.996 vom 29. Mai 1986] und "Optische[n] Weitwinkelsystem[en] zur Aufzeichnung von Informationen aus dem Inneren eines abgeschlossenen Raumes" [DD275.328 vom 2. September 1988 und DD248.889 vom 26. März 1986] die Rede. Es ist jedem selbst überlassen, sich auszumalen, für welche Zwecke derlei hochkomplexe und hochspezialisierte optische Systeme geschaffen wurden.

Seit längerem jedoch ist kein Geheimnis mehr, wofür die oben abgebildeten Optiken gedacht waren: Zur Observation durch enge Öffnungen hindurch. Auf eine eingebaute Blende wurde verzichtet – bei Bedarf wurde eine Irisblende aufgesteckt. Während es sich bei den Objektiven links und in der Mitte um die herkömmlichen Typen Sonnar 3,5/135 und Tessar 3,5/75 [?] in einer Spezialfassung handelt, die aber ansonsten der Serienfertigung entnommen wurden, verdient das Objektiv rechts unsere besondere Aufmerksamkeit. Es stellt ein Weitwinkelobjektiv dar mit den Daten 2,8/35mm. Auch wenn es intern als "Flektogon" bezeichnet wurde, unterscheidet es sich ganz wesentlich von den bekannten Retrofokustypen. Diese würden bei Aufsetzen einer Vorderblende einfach ganz extrem vignettieren. Beim Sonderobjektiv SO-3.1 ist genau das nicht der Fall. Es handelt sich daher um eine ganz und gar bemerkenswerte Sonderkonstruktion, die von Eberhard Dietzsch am 15. Juli 1976 in der DDR zum Patent angemeldet worden ist [Nr. DD301.976].  Wohin diesbezüglich  der Hase  läuft, läßt sich schon allein daran erkennen, daß dieses Patent erst am  29. September 1994 [sic!]  durch das Bundesdeutsche Patentamt veröffentlicht worden ist – nachdem das DDR Patentamt den Patentschutz schon zum  28. August 1978 erteilt hatte. Unter Geheimhaltung natürlich.

Sonderobjektiv 2,8/35mm

Dieses "Fotografische Objektiv mit externer Pupille" ist deshalb so bemerkenswert, weil es bei einer großen relativen Öffnung von 1:2,8 ein großes Bildfeld von etwa 60 Grad (40mm Bildkreis) unter Korrektur sämtlicher Bildfehler auszeichnet. Darüber hinaus vereinigt es  gleichzeitig eine weit nach vorn verlegte Eintrittspupille, die den Einsatz einer Vorderblende ermöglicht, mit einer genügend großen Schnittweite, damit der Klappspiegel einer Kleinbildspiegelreflexkamera nicht anstößt.

Die Bilder oben zeigen links die Front- und rechts die Rückansicht. Auffällig ist der große Durchmesser des hinteren Systemteils und der kleine Durchmesser des vorderen, der wie gesagt durch  die nach vorn verlegte Pupille den Einsatz einer aufsteckbaren Aperturblende ermöglicht. Das eigentliche Ziel dieser Sonderbauform dürfte aber gewesen sein, trotz des großen Bildwinkels dieses Objektivs unter minimalster Vignettierung durch enge Öffnungen photographieren zu können – also zum Beispiel durch ein Schlüsselloch. Daß dabei (über einen M42-Adapter) eine normale Praktica  verwendet und über deren Reflexsucher scharfgestellt werden konnte, ist das besonders verblüffende an diesem Objektiv.

Jena Sonderobjektiv 2,8/35mm

Wenn ich die Patentbeschreibung Dietzschs recht verstehe, dann liegt der eigentliche Kunstgriff, der all diese sich im Grunde genommen widersprechenden Eigenschaften dennoch zu vereinigen vermag, in der Formgebung des Luftzwischenraumes l1, der laut Patentschrift die Form eines sammlenden Meniskus aufweist und deshalb zerstreuend wirkt. Das im Patent angegebene  Ausführungsbeispiel 1 (das wohl dem praktisch ausgeführen Objektiv zugrundeliegt) läßt zudem erkennen, daß für die beiden großen Sammellinsen im hinteren Systemteil hochbrechendes Kronglas verwendet wurde (Brechzahlen von 1,7564 und 1,681 bei Abbezahlen von 52,9 bzw. 54,7).  Zumindest bei ersterem  Glase handelt es sich um das Schwerstkron SSK11, das radioaktives Thorium enthält und zur Vergilbung neigt. Bei den beiden mir zur Verfügung stehenden Exemplaren des SO 3.1 zeigen sich daher  jeweils  die typischen gelblichen Verfärbungen in der hintersten Gruppe, die zwangsläufig nach längerer Dunkellagerung auftreten.


Auch wenn es reißerisch klingen mag: Aber statt Photoobjektiven für eine Konsumgüterproduktion auf Weltniveau wurden also teure Geheimprojekte für das MfS in die Tat umgesetzt. Dafür war in den 80er Jahren offenbar genügend Geld da.




Apo-Germinare


Es hat einmal Anwendungsfälle für die Photographie gegeben, die heute beinah schon vergessen sind, weil sie mittlerweile vollständig durch neue Technologien abgelöst wurden. Dazu gehört der gesamte, einstmals riesige Bereich der Reproduktionsphotographie; insbesondere als Teil der Klischeeherstellung für den Druck. Auf diesem Gebiete mußten beispielsweise Farbauszüge vom Original hergestellt werden, um die drei Druckfarben und ggf. zusätzlich schwarz übereinanderdrucken zu können. Wie man sich leicht denken kann, müssen die dafür verwendeten Objektive für alle drei Spektralbereiche genau dieselbe Brennweite haben, d.h. alle drei Teilbilder müssen genau gleich groß sein. In der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit wurden von Zeiss Jena für diese Zwecke die Apo-Planare mit Lichtstärken bis 1:7,5 geliefert. Ende der 20er Jahre wurde diese Reihe ergänzt durch die Apo-Tessare 1:9, die als klassisches Tessar aufgebaut waren. Ende der dreißiger Jahre kam eine Reihe hinzu, bei denen der hintere Systemteil durch einen Luftspaltachromaten ersetzt wurde (also vier Linsen in vier Gruppen). Die gebräuchlichsten Apo-Tessare wurden im Jahre 1955 noch einmal neu berechnet.

Apo-Tessar

Dieser asymmetrische Typ des Reproobjektivs hat aber ein Problem: Es läßt sich nicht für alle infragekommenden Abbildungsmaßstäbe die Farbquerkoma  beseitigen. Das zumindest gibt Prof. Zöllner als Beweggrund an, weshalb er um 1957 ein symmetrisches Reproduktionsobjektiv geschaffen hatte, das er sich  am 9. Juli 1960  beim DDR-Patentamt schützen ließ (DD24.255). Diese als Apo-Germinar bekannt gewordenen Spezialanastigmate hatte Zöllner zusammen mit Fritz Disep entwickelt.

Apo-Germinar

Um eine gute Lichtverteilung im Bildfeld zu gewährleisten, müssen solche Systeme möglichst gedrängt aufgebaut sein. Um dies zu erreichen, sind alle vier Glieder des  Zöllnerschen Apo-Germinars von sammelnder Wirkung. Der Korrektur kommt dabei zugute, daß die Einzelbrechkräfte der Linsen möglichst klein gehalten sind. Ferner  bestehen die inneren Elemente aus Kurzflint - einem Spezialglas mit besonderem Dispersionsverlauf,  das die vollständige Hebung des Farbvergrößerungsfehlers über das gesamte Spektrum hinweg möglich macht. Um 1970 wurde dieser ursprüngliche Erfindungsgedanke Zöllners und Diseps aber verlassen, da offenbar mit verbesserter Glastechnologie der bislang sechslinsige Aufbau zugunsten eines klassischen vierlinsigen Doppelanastigmaten aufgegeben werden konnte.

DD24.255
DD24.255

Diese beiden Varianten des Apo-Germinars sind im Patent Nr. DD24.255 angegeben. Tatsächlich produziert wurde offenbar die sechsgliedrige, unverkittete Linsenlage, die im rechten Schema dargestellt ist. Bestätigt wird diese Annahme durch die Fachliteratur [nach Fincke: Das Objektiv Deiner Kamera, 2. Aufl, 1963 S. 126.]

Apo-Tessar, Apo-Germinar

Das war auch deshalb möglich, weil diese klassischen Reproduktionsobjektive nur Bildwinkel von um die 45 Grad abdecken (müssen). Das ist wiederum der Grund dafür, weshalb diese Germinare mit solch langen Brennweiten (bis 1200mm) geliefert wurden. Große Vorlagen, zum Beispiel Gemälde, verlangten nach langen Brennweiten, weil das Ziel ja nicht in der sonst in der Photographie üblichen verkleinerten Abbildung lag, sondern um ein Gewinnen von Farbauszügen in der Größe des gewünschten Endformates. Die zugehörigen Reproduktionskameras nahmen dann übrigens einen ganzen Raum ein. Deshalb sind schon Mitte der 60er Jahre Bestrebungen nachweisbar, den Bildwinkel derartiger Objektive auf über 80 Grad zu erweitern (Nr. DD57.451 vom 5. Oktober 1966, Wolfgang Naundorf und Harald Maenz). Dieses Objektiv mit seinem beträchtlichen Aufwand wurde meines Wissens nicht in Serie gebaut.


Erst Anfang der 1980er Jahre wurden in dieser Richtung wieder Arbeiten aufgenommen und auch in einer größen Serienfertigung praktisch umgesetzt. Ziel war es, bei einer Arbeitsblende von 1:16 und Abbildungsmaßstäben zwischen 1:5 und 5:1 einen Bildwinkel bis etwa 75 Grad abzudecken. Das Ergebnis, das "Apo-Germinar W", wurde von Walter Hörichs und Volker Tautz am 3. Mai 1982 patentiert (Nr. DD207.268). Es wurden drei unterschiedliche Ausführungen mit Brennweiten von 150; 210 und 240mm geschaffen, die unter Ägide des VEB Carl Zeiss JENA jeweils etwa 800 bis 850 mal gebaut wurden. Eine weitere Herstellung (oder zumindest Montage vorhandener Teile) durch die Nachfolgefirma des Betriebsteiles Saalfeld nach der Wende muß  zudem hinzugerechnet werden.

Apo Germinar W
Apo-Germinar W

Auch beim Apo-Germinar W wird in den Linsen drei und sechs jeweils Kurzflint eingesetzt. Die drei im Februar 1981 berechneten Varianten dieses Weitwinkel-Reproduktionsobjektivs  gehörten zum Besten, was international in diesem Metier angeboten wurde. Um den einzig verbleibenden "Bildfehler", nämlich den (natürlichen) Lichtabfall zum Bildrande hin zu kompensieren, wurden noch eigens für das jeweilige Objektiv berechnete Grau-Verlaufsfilter geschaffen und  am 1. Juni 1983 in der Schutzschrift Nr. DD215.872 patentiert. Dabei ist eine Chrom-Nickelschicht derart auf das Filterglas aufgedampft, daß die Transparenz zum Rande radial von 40 auf 100 % zunimmt.




Leica-Sonnar – Ein Sonnar, das gar keins ist?


Während des Totalen Krieges wurde im Objektivbausektor bei Carl Zeiss Jena ein Technologiesprung von ungeheurer Tragweite vorangetrieben. Die Luftaufklärung verlangte nach Objektiven, die – um vom Wetter weitgehend unabhängig zu sein – Aufnahmen im Infrarotbereich ermöglichen sollten. Gleichzeitig waren bei sehr langen Brennweiten unvorstellbare Lichtstärken gefordert. Eines dieser "Ultrarot-Objektive" für das "Projekt UHU" wies bei einer Brennweite von 400 Millimetern eine maximale Öffnung von 1:1,5 auf. Um solche Ziele zu erreichen, waren nicht nur bedeutende wissenschaftliche Leistungen im Bereich der optischen Konstruktion notwendig, sondern auch eine enorme Fortentwicklung der Glastechnologie. Es waren unter anderem solcherlei "Errungenschaften", die dafür sorgten, daß dieser verbrecherische Krieg bis fünf Minuten nach Zwölf weitergeführt werden konnte.


Gleich nach Kriegsende wurden dann die klugen Köpfe und die geheimen Unterlagen von den zuerst in Thüringen angekommenen Amerikanern requiriert. Etwa ein anderthalbes Jahr später demontierte die Sowjetische Besatzungsmacht fast die gesamten Fertigungsanlagen. Danach fiel Carl Zeiss Jena als Lieferant für Photoobjektive lange Zeit aus. Erst nach 1950 konnte man wieder sukzessive an die ehemalige Bedeutung in diesem Sektor anknüpfen.

Leica-Sonnar 5,8cm

In dieser Lückenphase müssen gar seltsame Dinge vor sich gegangen sein. Das ist ja auch kein Wunder, wenn hochspezialisierte Facharbeiter arbeitslos sind. Die suchen sich dann eben ihren Unterhalt. Und so ähnlich, wie niemand so recht sagen kann, wo genau eigentlich zu ebenjener Zeit die Mimosa-Kamera herkam, so verhält es sich auch mit diesem ominösen Leica-Sonnar. Dieses Objektiv gibt es in vielen, in Details voneinander abweichenden Ausführungen – mit unterschiedlichen Brennweitenangaben, mit verschiedenen Lackierungen und ab und an sogar vergütet. Eines haben diese Objektive aber allesamt gemein: Sie sind weder von Leitz ("Leica") noch von Zeiss ("Sonnar") fabriziert worden. Diese beiden Markenbezeichnungen wurden schlichtweg geklaut.

Leica-Sonnar 1.5/5.8 cm

Diese Leica-Sonnare, die hin und wieder auftauchen, sind schlichtweg Überreste aus der obenbeschriebenen kurzen Lückenphase der späten 1940er Jahre. Dieser Abschnitt ist heute zum Teil schon vergessen, weil er in beiden deutschen Staaten alsbald von einer Ära des Wiederaufbaus und der Neuentwicklungen abgelöst wurde, deren Glanz noch heute das geschichtliche Bild überprägt. Um so wertvoller ist eine Veröffentlichung der Abteilung Photo des Zeisswerkes aus dem Jahre 1949, die ein Licht in diesen Zeitabschnitt wirft:


"Während der Demontage im Winter 1946 auf 1947 sind, teils durch Werksangehörige, teils durch Außenstehende, die während dieser Zeit Zutritt zum Werk hatten, Objektive in fertigem und halbfertigem Zustand, teils auch nur in Einzelteilen, herausgeschafft und fremden Stellen in die Hand gespielt worden. Soweit es sich um fertige oder fast fertige, jedenfalls schon geprüfte Objektive handelte, ist eine Schädigung unseres Namens kaum eingetreten. Anders liegt der Fall bei den aus Einzelteilen von anderer Seite mit mehr oder weniger Geschick und Glück zusammengebauten Objektiven. Nur da, wo die Objektive errechnet und hergestellt werden, kennt man die genauen Daten und Maße, die beim Fassen unbedingt eingehalten werden müssen, soll jedes Objektiv die vorgeschriebene Leistung haben. Linsen aus verschiedenen Fabrikationsserien kann man nicht ohne weiteres zu einem vollwertigen Objektiv kombinieren. Darum kehren sie die Pfuscher aber nicht, wenn nur das Objektiv äußerlich wie 'Zeiss' aussieht und so graviert ist.

Wir haben sogar in einigen Fällen Gelegenheit gehabt festzustellen, daß einzelne Linsen fehlten.

Ein großer Teil der gefälschten Objektive ist dem sorgfältigen Beobachter äußerlich an der schlechten Gravierung der Entfernungs- und Meterteilung oder der üblichen Objektivbeschriftung zu erkennen. Auch die vielfach ganz willkürlich gewählten Fabrikations-Nummern berechtigen zu Zweifeln an der Echtheit, wenn sie bei Sonnaren unter der Zahl 2 000 000 liegen.

[...] Seit vorigem Jahr [also 1948, MK] sind an vielen Stellen Objektive mit der Gravierung Sonnar 1,5/5,8 cm (oder 6cm) aufgetaucht, vereinzelt auch mit der Gravierung 5 cm. Hauptsächlich werden diese Objektive in Fassungen für die Leica angeboten. Die Gravierung lautet mitunter 'Leica-Sonnar' ohne jede Firmenbezeichnung, während manche auch mit Carl Zeiss, Jena graviert sind.

Es handelt sich bei diesen Linsen um während des Krieges von anderer Seite für Sturzvisiere nach einer Sonnarform hergestellte Objektive in einer ziemlich rohen Fassung ohne Irisblende und ohne jede weitere Beschriftung. Es ist anzunehmen, daß verschiedene Werkstätten, die leider noch nicht ermittelt werden konnten, diese Objektive umgefaßt und ergänzt haben. Die Käufer derartiger Objektive haben verschiedentlich bei uns wegen der schlechten Bildqualität reklamiert. Selbstverständlich lehnen wir jede Nachprüfung und Instandsetzung ab und versuchen, die Objektive aus dem Verkehr zu ziehen.

[...] Durch eine Anzeige in verschiedenen Fach- und Tageszeitungen haben wir vor dem Ankauf von unter der Hand angebotenen Objektiven gewarnt und gebeten, vorher unter Angabe der vollen Beschriftung und der Fabrikations-Nummer anzufragen, ob es sich um ein Original-Zeiss-Fabrikat handelt. Eine sichere Feststellung ist natürlich nur an Hand des betreffenden Objektivs möglich, da wir an Hand der Nummer nur feststellen können, ob darunter ein Objektiv der angegebenen Art von uns hergestellt worden ist. Die Fälscher können nämlich absichtlich oder zufällig eine Nummer aufgraviert haben, unter der tatsächlich ein gleiches Objektiv von uns hergestellt und ausgeliefert worden ist.

[...]"


Sturzvisiere waren spezielle Zielgeräte für Kampfbomber. Wer über diese marzialischen Tötungsmaschinerien Nähreres wissen möchte, der lese in einschlägigen Quellen unter den Stichworten "Stuvi" und "Stuka" nach. Da das ganze Gerät bei der Zeiss Ikon in Dresden gefertigt wurde, wird wohl auch das zugehörige Objektiv von dort her stammen. Ja, vielleicht ist es sogar von Ludwig Bertele, dem Erfinder der Sonnare, errechnet worden; der hatte schließlich sein Büro in den ehemaligen Ernemannwerken behalten. Und so wie die Mimosa allen Indizien nach durch arbeitslose Zeiss Ikon Mitarbeiter geschaffen worden sein mag, so könnten auch diese Leica-Sonnare auf ähnliche Weise entstanden sein, indem in Dresden die vorhandenen Linsen neu gefaßt und mit einer Irisblende versehen wurden.


Ich persönlich habe allerdings einen ganz anderen Eindruck. Erstens einmal ergibt es durch die starken Zerstörungen im Ikon-Werk wenig Sinn, daß die Umbauten nun gerade in Dresden erfolgt sein sollten, wo die Anlagen und Maschinen schließlich in Trümmern lagen. Bei genauerer Betrachtung dieses ominösen Sonnars fielen mir doch etliche Ähnlichkeiten mit Objektiven auf, wie sie vor, während und nach dem Kriege von Meyer-Optik in Görlitz gefertigt wurden. Dazu gehören die Machart der Aluminiumfassung genau so, wie die Gravur mit ihrem charakteristischen Schriftbild. Aber das sind natürlich nur Vermutungen, die heute keiner mehr belegen oder entkräften kann. Ich kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß die hier zu sehende Objektivfassung in irgendeiner Hinterhofwerkstatt zusammengeschustert wurde. Im Gegenteil: Es ist eine echte Ingenieurleistung erkennbar. Die Fassung des Leica-Sonnars mußte sogar komplexer aufgebaut sein, als bei üblichen Normalobjektiven mit Leica-Anschluß. Das liegt daran, daß die Brennweite dieses "Sonnars" länger ist, als bei Leitz üblich (ca. 52mm). Bei den originalen Normalobjektiven wird zur Kupplung mit dem Entfernungsmesser einfach der Objektivhub abgetastet, um beispielsweise auf einen Meter scharfzustellen. Durch die längere Brennweite des Leica Sonnars ist dieses Maß aber nicht nutzbar. Die Kurve zur Kupplung mit der Abtastrolle des Entfernungsmesser braucht daher eine besondere Form.

Daß dieses dubiose Leica-Sonnar keine für photographische Zwecke ausreichende Bildqualität erreicht, muß übrigens nicht verwundern. Schließlich lag seine Aufgabe ursprünglich im rein visuellen Bereich, indem es zwei Visiermarken – eine gekoppelt an die Flugzeuglängsachse, die andere an die Bordwaffe – im Unendlichen abbildete, mit deren Hilfe dann gezielt werden konnte. Digitalphotographen haben freilich längst wieder das cremige Bokeh für sich entdeckt...
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Marco Kröger


letzte Änderung: 15. Juli 2019