Objektive vor 1950

Objektive vor 1950

Interessante Normal-, Wechsel- und Spezialobjektive aus dem mitteldeutschen Raum vor Gründung der DDR

Das Tele-Tessar


Die Verwendung des Begriffs "Teleobjektiv" erfolgt in der Literatur nicht einheitlich. Unter einem Teleobjektiv versteht man allgemein eine Linsenkombination, die bei einer langen Äquivalentbrennweite eine vergleichsweise kurze Schnittweite aufzuweisen hat. Das führt dazu, daß gewisse Autoren beispielsweise auch Sonnartypen unter die Teleobjektive einordnen, weil sie ebenfalls eine vergleichsweise kurze Schnittweite aufbieten. Auch Hubert Ulbrich tut dies in seiner Patentschrift zum Orestor 2,8/135 [Nr. DD33.141], obgleich er angibt, der Systemteil hinter der Blende habe sammelnde Wirkung. Demgegenüber steht eine ältere Definition: "Zweigliedrige optische Systeme, bestehend aus einem sammelnden Vorderglied und einem in relativ großem Abstand angeordneten Hinterglied von zerstreuender Wirkung, nennt man Fern- oder Teleobjektive." [Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 304.] Teleobjektive "im engeren Sinne" zeichnen sich also dadurch aus, daß der bildseitige Systemteil zerstreuende Wirkung hat.


Ursprünglich wurde diese Wirkung dadurch erzielt, daß die Optikfirmen sogenannte "Tele-Negative" anboten, die hinter dem vorhandenen Aufnahmeobjektiv (beispielsweise einem Tessar 6,3/150mm für das Format 9x12cm) in den Strahlengang eingebracht wurden. Diese zerstreuend wirkende Linsenkombination des Tele-Negativs hatte nun zur Folge, daß sich die wirksame Brennweite des Gesamtobjektives um einen bestimmten Faktor verlängerte, ohne daß der Auszug des Balgens aber im selben Maße mitverlängert werden mußte. Das bewerkstelligte die schnittweitenverkürzende Wirkung des Tele-Negativs. Wir verwenden dieses Prinzip heute noch beim sogenannten Telekonverter, der ebenfalls zerstreuende Wirkung hat.


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Ähnlich wie beim Telekonverter hat dieses Prinzip aber zwei entscheidende Nachteile: Erstens wird die Qualität des Grundobjektives erheblich beeinträchtigt, wenn beliebige Tele-Negative mit beliebigen Grundobjektiven kombiniert werden. Und zweitens bleibt je nach Verlängerungsfaktor kaum noch Lichtstärke übrig. In der Zeit, bevor Linsen vergütet werden konnten, kamen obendrein noch störende, wilde Spiegelbilder hinzu – hervorgerufen durch die zusätzlichen Glas-Luft-Grenzflächen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gingen die Objektivbauanstalten daher dazu über, komplette Teleobjektive herauszubringen. Einer der Vorreiter auf diesem Felde war Zeiss mit deren Magnaren. Ein solches Magnar hatte beispielsweise die Daten 1:10/45cm, zeichnete das 9x12-Format aus, benötigte aber nur einen Auszug von 15cm – also ziemlich genau denjenigen des Normalobjektives. [Vgl. Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.):  Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 305.] Diese Zusammenhänge sind unten noch einmal bildlich dargestellt. [aus: Zeiss (Hrsg.): Photographische Objektive, Jena, 1926, S. 13.]

Magnar und Tele-Tessar

Diese "echten Teleobjektive" waren eine große Herausforderung für den Objektivkonstrukteur, der eine möglichst kompakte Bauweise erzielen wollte, ohne daß sein Teleobjektiv gegenüber den "normal gebauten" Fernobjektiven stark qualitativ hinterherhinkte. Insbesondere litten diese frühen Teletypen an einer ziemlich ausgeprägten kissenförmigen Verzeichnung, die sich kaum auskorrigieren ließ [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 76.]. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahre 1919, schlug der damals gerade erst 30-jährige Willy Merté daher einen anderen Weg ein. Benötigte das oben angegebene Magnar 10/45cm nur 15cm Balgenauszug (also 33% der Brennweite), so lag der erforderliche Auszug bei seinem Tele-Tessar bei beinah doppelt so hohen 60% der Brennweite [Vgl. Pritschow, photographische Kamera, 1931, S. 305]. Damit erlaubte dieses Tele-Tessar, eine Brennweite von 25cm an einer 9x12-Kamera zu verwenden, ohne über den normalen Balgenauszug von 15cm hinausgehen zu müssen. Diese Einschränkung bei der Schnittweitenverkürzung wurde durch einem deutlichen Zuwachs an Bildleistung aufgewogen. Das Tele-Tessar 1:6,3 wurde am 17. Juni 1919 unter der Nr. 347.838 im Deutschen Reiche zum Patent angemeldet. Daß Merté der Urheber gewesen ist, geht aus der Schutzschrift nicht hervor, sondern ist lediglich durch die Mitteilung Pritschows überliefert. 

Ganz offensichtlich hatte Dr. Willy Merté dieses Teleobjektiv unter Verwendung der Korrektionsprinzipien des Rudolph'schen Tessars (Verknüpfung eines Neu- mit einem Altachromaten) geschaffen. Der Schutzanspruch des Patentes liegt jedenfalls darin, daß die Behebung der sphärischen, chromatischen und insbesondere der astigmatischen Fehler dadurch erreicht wurde, daß die Kittfläche im hinteren Glied eine sammelnde Wirkung hat.

Merté Tele-Tessar Patent

Dieses Tele-Tessar 1:6,3 hatte mit über 30 Grad einen ziemlich großen Bildwinkel. So zeichnete das ursprüngliche Tele-Tessar 6,3/18cm immerhin das Plattenformat 6,5x9cm vollständig aus. Dessen Rechnung wurde am 22. Dezember 1919 abgeschlossen. Anfang der 30er Jahre sorgte aber die Kleinbildphotographie für frischen Wind in Dresden und Jena. Jetzt waren noch einmal höhere Anforderungen zu bewältigen, weil die Negative nun stark nachvergrößert werden mußten. Es wurde mit dem Abschlußdatum 8. Februar 1932 ein Tele-Tessar 6,3/18cm geschaffen, das nur noch einen Bildwinkel auszuleuchten hatte, der mit 14 Grad weniger als halb so groß sein mußte. Die Bildwinkelreserve war freilich groß genug, daß dieser Typus später auch sporadisch für die Standard Exakta und in geringen Stückzahlen sogar für die Exakta 6x6 geliefert wurde. In erster Linie war das neue Tele-Tessar 18cm natürlich für die Contax der Zeiss Ikon AG gedacht. Beginnend im Januar 1938 wurde es aber auch in einer Fassung für die Kleinbild-Spiegelreflexkamera Kiné-Exakta hergestellt. Hier fiel es bestechend kurz und wegen der Aluminium-Fassung auch außerordentlich leichtgewichtig aus. Etliche hundert Stück wurden bis 1942 in dieser Ausführung immerhin noch fabriziert. Von Robert Richter liegt aus dem Frühjahr 1939 sogar noch ein Patent zur Verbesserung des Tele-Tessars vor (Nr. DD5860). Die Fertigung wurde nach dem Kriege aber trotzdem nicht wieder aufgenommen.

Zeiss Jena als Pionier der asphärischen Objektive


Und weil hier vom Magnar die Rede war, möchte ich noch eine Tatsache ergänzen, die trotz ihrer Bedeutung für die Geschichte der rechnenden Optik heute völlig unbekannt ist. Je nachdem in welcher Werbebroschüre man blättert, sind es mal die Firmen Leitz, Canon, Nikon usw. die sich  mit der Pioniertat brüsten, als Erste Linsen in ihren Objektiven verbaut zu haben, deren Oberfläche von der Kugelform abweicht: Sogenannte Asphären. Das entspricht alles nicht den Tatsachen. Die Verwendung von asphärischen Linsen im Objektivbau ist wesentlich älter als gemeinhin gedacht.


Ich habe oben einen Aufsatz zitiert, den Willy Merté für einen Ergänzungsband verfaßt hat, um das "Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie" in Folge der stürmischen Entwicklung der 30er Jahre auf den neusten Stand zu bringen. Dieser Ergänzungsband, herausgegeben von Kurt Michel, wurde fertig, als ein gewisser Joseph Goebbels gerade den Totalen Krieg ausgerufen hatte. Man wird unschwer einsehen, daß dieser Ergänzungsband damals kaum größere Verbreitung und Beachtung gefunden haben mag; er wird auch nicht in nennenswerter Auflage gedruckt worden sein. Und als der Krieg vorbei war, war sein Inhalt schon wieder überholt. Damit ist aber auch der hierin enthaltene Aufsatz Willy Mertés in Vergessenheit geraten; zumal  dieser Mann bereits im Frühjahr 1948 in den USA verstorben ist.


Rolleifreunden sagt der Begriff "Magnar" etwas. Jeder Rollei-Sammler hätte gerne eins. Dieser Produktname wurde nämlich ein zweites Mal belegt. Es handelt sich um ein brennweitenloses "Vorsatzfernrohr" für die Rolleiflex mit vierfach vergrößernder Wirkung. Es wurde 1939 kurz vor Kriegsausbruch herausgebracht und wird anschließend kaum in größeren Stückzahlen (genau weiß man es nicht mehr) hergestellt worden sein. Es ist also selten. Mit knapp 200,- Reichsmark war es auch fast so teuer, wie die Kameras, für die es gedacht war.


Was nun selbst eingefleischten Rollei-Experten kaum bekannt sein dürfte: In diesem Magnar steckt eine Linse mit asphärischer Fläche. Willy Merté persönlich gibt dies in seinem Aufsatz "Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929" auf Seite 12 des Ergänzungsbandes an. Und wer sollte es wissen, wenn nicht der Konstrukteur selbst.


In einem kleinen, aber nicht unbedeutenden Teil, muß die Geschichte des photographischen Objektives also in einem neuen Licht gesehen werden. Daß das Magnar dabei "nur" ein Vorsatz zur Verlängerung der Äquivalentbrennweite gewesen ist und offenbar nur in geringen Stückzahlen produziert wurde, tut der Tatsache keinerlei Abbruch, daß das Magnar 4x das erste serienmäßig hergestellte Objektiv der Welt gewesen ist, bei dem eine asphärische Linse eingesetzt wurde.

Zeiss Magnar 4x

Zu diesem Thema  ist noch anzumerken, daß man bei Carl Zeiss Jena bereits seit Mitte der 30er Jahre damit experimentierte, Asphären im Photoobjektivbau einzusetzen. Bei Thiele sind mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 2/5cm und sogar 1,5/5cm überliefert. Aufgrund eines am 6. Dezember 1940 angemeldeten Patentes wissen wir, daß es Dr. Willy Merté gewesen ist, der  solche deformierte Fläche in den Tessar-Typus einführte. Dieses Patent ist erst 1954 in der DDR unter der Nr. DD2675 veröffentlicht worden; sechs Jahre nach dem Tode des Urhebers. Bemerkenswert ist, daß Merté in zwei der vier Patentbeispiele die asphärische(n) Flächen(n) dort hin verlegt, wo sich normalerweise beim Tessar die Verkittung befindet. Das ist vor allem in der Hinsicht interessant, daß  Ernst Wandersleb bereits am 25. Juli 1939  ein diesbezügliches  Patent angemeldet hatte,  das erst 1953 in der DDR [Nr. DD2905] und gar erst 1958 in der Bundesrepublik [Nr. DE969.283] erteilt wurde. Wanderslebs Ansatz lag nämlich darin, die deformierte Fläche ganz bewußt innerhalb einer Kittgruppe anzuordnen. Der Hintergrund war der, daß sich asphärische Flächen nur schwer mit höchster Präzision herstellen ließen, diese Präzisionsanforderungen aber sogleich abgemildert würden, wenn die Brechkraftunterschiede zwischen den zwei Linsen durch Verkittung herabgesetzt wären. 


Über das Verhältnis zwischen Merté und Wandersleb herrscht meiner Ansicht nach große Unklarheit, nicht zuletzt weil Wandersleb von seinem Kollegen aus der Position des Leiters der Abteilung Photo sukzessive verdrängt worden ist und dabei politische und rassische Diffamierung innerhalb des Unternehmens offenbar eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt haben. Diese beiden Patente hinterlassen aber den Eindruck, daß die beiden Herren vor Ausbruch des Krieges noch in kongenialer Manier zusammengearbeitet haben.

Leica-Sonnar – Ein Sonnar, das gar keins ist?


Während des Totalen Krieges wurde im Objektivbausektor bei Carl Zeiss Jena ein Technologiesprung von ungeheurer Tragweite vorangetrieben. Die Luftaufklärung verlangte nach Objektiven, die – um vom Wetter weitgehend unabhängig zu sein – Aufnahmen im Infrarotbereich ermöglichen sollten. Gleichzeitig waren bei sehr langen Brennweiten unvorstellbare Lichtstärken gefordert. Eines dieser "Ultrarot-Objektive" für das "Projekt UHU" wies bei einer Brennweite von 400 Millimetern eine maximale Öffnung von 1:1,5 auf. Um solche Ziele zu erreichen, waren nicht nur bedeutende wissenschaftliche Leistungen im Bereich der optischen Konstruktion notwendig, sondern auch eine enorme Fortentwicklung der Glastechnologie. Es waren unter anderem solcherlei "Errungenschaften", die dafür sorgten, daß dieser verbrecherische Krieg bis fünf Minuten nach Zwölf weitergeführt werden konnte.


Gleich nach Kriegsende wurden dann die klugen Köpfe und die geheimen Unterlagen von den zuerst in Thüringen angekommenen Amerikanern requiriert. Etwa ein anderthalbes Jahr später demontierte die Sowjetische Besatzungsmacht fast die gesamten Fertigungsanlagen. Danach fiel Carl Zeiss Jena als Lieferant für Photoobjektive lange Zeit aus. Erst nach 1950 konnte man wieder sukzessive an die ehemalige Bedeutung in diesem Sektor anknüpfen.

Leica-Sonnar 5,8cm

In dieser Lückenphase müssen gar seltsame Dinge vor sich gegangen sein. Das ist ja auch kein Wunder, wenn hochspezialisierte Facharbeiter arbeitslos sind. Die suchen sich dann eben ihren Unterhalt. Und so ähnlich, wie niemand so recht sagen kann, wo genau eigentlich zu ebenjener Zeit die Mimosa-Kamera herkam, so verhält es sich auch mit diesem ominösen Leica-Sonnar. Dieses Objektiv gibt es in vielen, in Details voneinander abweichenden Ausführungen – mit unterschiedlichen Brennweitenangaben, mit verschiedenen Lackierungen und ab und an sogar vergütet. Eines haben diese Objektive aber allesamt gemein: Sie sind weder von Leitz ("Leica") noch von Zeiss ("Sonnar") fabriziert worden. Diese beiden Markenbezeichnungen wurden schlichtweg geklaut.

Leica-Sonnar 1.5/5.8 cm

Diese Leica-Sonnare, die hin und wieder auftauchen, sind interessante Überreste aus der obenbeschriebenen kurzen Lückenphase der späten 1940er Jahre. Diese kurze Zeitspanne ist heute zum Teil schon vergessen, weil sie in beiden deutschen Staaten alsbald von einer Ära des Wiederaufbaus und der Neuentwicklungen abgelöst wurde, deren Glanz noch heute das geschichtliche Bild überprägt. Um so wertvoller ist eine zeitgenössische Veröffentlichung der Abteilung Photo des Zeisswerkes aus dem Jahre 1949, die ein Licht in diesen Zeitabschnitt wirft:


"Während der Demontage im Winter 1946 auf 1947 sind, teils durch Werksangehörige, teils durch Außenstehende, die während dieser Zeit Zutritt zum Werk hatten, Objektive in fertigem und halbfertigem Zustand, teils auch nur in Einzelteilen, herausgeschafft und fremden Stellen in die Hand gespielt worden. Soweit es sich um fertige oder fast fertige, jedenfalls schon geprüfte Objektive handelte, ist eine Schädigung unseres Namens kaum eingetreten. Anders liegt der Fall bei den aus Einzelteilen von anderer Seite mit mehr oder weniger Geschick und Glück zusammengebauten Objektiven. Nur da, wo die Objektive errechnet und hergestellt werden, kennt man die genauen Daten und Maße, die beim Fassen unbedingt eingehalten werden müssen, soll jedes Objektiv die vorgeschriebene Leistung haben. Linsen aus verschiedenen Fabrikationsserien kann man nicht ohne weiteres zu einem vollwertigen Objektiv kombinieren. Darum kehren sie die Pfuscher aber nicht, wenn nur das Objektiv äußerlich wie 'Zeiss' aussieht und so graviert ist.

Wir haben sogar in einigen Fällen Gelegenheit gehabt festzustellen, daß einzelne Linsen fehlten.

Ein großer Teil der gefälschten Objektive ist dem sorgfältigen Beobachter äußerlich an der schlechten Gravierung der Entfernungs- und Meterteilung oder der üblichen Objektivbeschriftung zu erkennen. Auch die vielfach ganz willkürlich gewählten Fabrikations-Nummern berechtigen zu Zweifeln an der Echtheit, wenn sie bei Sonnaren unter der Zahl 2 000 000 liegen.

[...] Seit vorigem Jahr [also 1948, MK] sind an vielen Stellen Objektive mit der Gravierung Sonnar 1,5/5,8 cm (oder 6cm) aufgetaucht, vereinzelt auch mit der Gravierung 5 cm. Hauptsächlich werden diese Objektive in Fassungen für die Leica angeboten. Die Gravierung lautet mitunter 'Leica-Sonnar' ohne jede Firmenbezeichnung, während manche auch mit Carl Zeiss, Jena graviert sind.

Es handelt sich bei diesen Linsen um während des Krieges von anderer Seite für Sturzvisiere nach einer Sonnarform hergestellte Objektive in einer ziemlich rohen Fassung ohne Irisblende und ohne jede weitere Beschriftung. Es ist anzunehmen, daß verschiedene Werkstätten, die leider noch nicht ermittelt werden konnten, diese Objektive umgefaßt und ergänzt haben. Die Käufer derartiger Objektive haben verschiedentlich bei uns wegen der schlechten Bildqualität reklamiert. Selbstverständlich lehnen wir jede Nachprüfung und Instandsetzung ab und versuchen, die Objektive aus dem Verkehr zu ziehen.

[...] Durch eine Anzeige in verschiedenen Fach- und Tageszeitungen haben wir vor dem Ankauf von unter der Hand angebotenen Objektiven gewarnt und gebeten, vorher unter Angabe der vollen Beschriftung und der Fabrikations-Nummer anzufragen, ob es sich um ein Original-Zeiss-Fabrikat handelt. Eine sichere Feststellung ist natürlich nur an Hand des betreffenden Objektivs möglich, da wir an Hand der Nummer nur feststellen können, ob darunter ein Objektiv der angegebenen Art von uns hergestellt worden ist. Die Fälscher können nämlich absichtlich oder zufällig eine Nummer aufgraviert haben, unter der tatsächlich ein gleiches Objektiv von uns hergestellt und ausgeliefert worden ist.

[...]"


Sturzvisiere waren spezielle Zielgeräte für Kampfbomber. Wer über diese martialischen Tötungsmaschinerien Nähreres wissen möchte, der lese in einschlägigen Quellen unter den Stichworten "Stuvi" und "Stuka" nach. Da das ganze Gerät bei der Zeiss Ikon in Dresden gefertigt wurde, wird wohl auch das zugehörige Objektiv von dort her stammen. Ja, vielleicht ist es sogar noch von Ludwig Bertele, dem Erfinder der Sonnare, errechnet worden; der hatte schließlich sein Büro in den ehemaligen Ernemannwerken behalten. Und so wie die Mimosa allen Indizien nach durch arbeitslose Zeiss Ikon Mitarbeiter geschaffen worden sein mag, so könnten auch diese Leica-Sonnare auf ähnliche Weise entstanden sein, indem in Dresden die vorhandenen Linsen neu gefaßt und mit einer Irisblende versehen wurden.


Ich persönlich habe allerdings einen ganz anderen Eindruck. Erstens einmal ergibt es durch die starken Zerstörungen im Ikon-Werk wenig Sinn, daß die Umbauten nun gerade in Dresden erfolgt sein sollten, wo die Anlagen und Maschinen schließlich in Trümmern lagen. Bei genauerer Betrachtung dieses ominösen Sonnars fielen mir doch etliche Ähnlichkeiten mit Objektiven auf, wie sie vor, während und nach dem Kriege von Meyer-Optik in Görlitz gefertigt wurden. Dazu gehören die Machart der Aluminiumfassung genau so, wie die Gravur mit ihrem charakteristischen Schriftbild. Aber das sind natürlich nur Vermutungen, die heute keiner mehr belegen oder entkräften kann. Ich kann mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen, daß die hier zu sehende Objektivfassung in irgendeiner Hinterhofwerkstatt zusammengeschustert wurde. Im Gegenteil: Es ist eine echte Ingenieurleistung erkennbar. Die Fassung des Leica-Sonnars mußte sogar komplexer aufgebaut sein, als bei üblichen Normalobjektiven mit Leica-Anschluß. Das liegt daran, daß die Brennweite dieses "Sonnars" länger ist, als bei Leitz üblich (ca. 52mm). Bei den originalen Normalobjektiven wird zur Kupplung mit dem Entfernungsmesser einfach der Objektivhub abgetastet, um beispielsweise auf einen Meter scharfzustellen. Durch die längere Brennweite des Leica Sonnars ist dieses Maß aber nicht nutzbar. Die Kurve zur Kupplung mit der Abtastrolle des Entfernungsmesser braucht daher eine besondere Form.

Daß dieses dubiose Leica-Sonnar keine für photographische Zwecke ausreichende Bildqualität erreicht, muß übrigens nicht verwundern. Schließlich lag seine Aufgabe ursprünglich im rein visuellen Bereich, indem es zwei Visiermarken – eine gekoppelt an die Flugzeuglängsachse, die andere an die Bordwaffe – im Unendlichen abbildete, mit deren Hilfe dann gezielt werden konnte. Digitalphotographen haben freilich längst wieder das cremige Bokeh für sich entdeckt...






Das Sonnar – Pioniertat und Lebenswerk ein einem



Jemand, der sich für Objektive interessiert, gerät bei Erwähnung der Markennamen "Ernostar" und "Sonnar" leicht ins Schwärmen. Ganze Generationen an Amateurphotographen haben sich an den Scheiben der Schaufenster und Vitrinen die Nase plattgedrückt, wenn dort diese Objektivtypen ausgelegt waren. Es ist natürlich in erster Linie die Faszination der hohen Lichtstärke, die diese Begeisterung bis heute nährt. Dabei reichte das diesen beiden Konstruktionen inneliegende Potential weit über diesen Einzelaspekt der Lichtstärke hinaus.

Ernostar 1:1,8

Das Ernostar 1:1,8 aus dem Deutschen Reichspatent Nr. 436.260 vom 6. Dezember 1924 erster Höhepunkt der schöpferischen Tätigkeit des gerade erst 23 jährigen Ludwig Bertele (25. Dezember 1900 - 16. November 1985). Deutlich ist schon der Übergang zum darauffolgenden Sonnartyp zu erkennen.

Viel nüchterner wird dieser legendäre Objektivtyp übrigens in der Fachliteratur abgehandelt. Ernostar und Sonnar finden sich meist in Zusammenstellungen unter der Rubrik "verkittete Triplets mit Zusatzgliedern". Dieses Hinzufügen weiterer, gegen Luft stehender Glieder war freilich unabdinglich, wenn die Lichtstärke auf 1:2,0 und darüber hinaus gesteigert werden sollte, ohne daß ein merkliches Abfallen der Bildleistung gegenüber den damals schon weit verbreiteten dreigliedrigen Anastigmaten mit Lichtstärken um 1:4,0 zu verzeichnen wäre [Vgl. Bertele, Ludwig: Ein neues lichtstarkes Objektiv; in: Zeitschrift für wissenschaftliche Photographie, Band 24, Heft 1/1926, S. 32]. Um bei diesen hohen Öffnungen eine akzeptable Bildleistung zu erhalten, muß insbesondere die sphärische Aberration gut korrigiert sein – ein Bildfehler, dessen Ursache darin zu suchen ist, daß die Oberflächen von Linsen gemeinhin kugelförmige Gestalt aufweisen.


Ein großes Problem stellt in diesem Zusammenhang speziell die Sphärochromasie dar, also die von der Lichtfarbe abhängige Variation dieses Kugelgestaltsfehlers. Ludwig Bertele hatte diese besonders lästige Erscheinungsform des sog. Gaußfehlers bei seinem Ernostar Mitte der 1920er Jahre in einer Art und Weise in den Griff bekommen, wie sie bis dato ihresgleichen suchte (Willy Mertès in dieser Hinsicht vergleichbares Biotar-Patent folgte erst 1927!). In seinem oben genannten Aufsatz von 1926 belegt Bertele diesen Korrekturerfolg, indem er die Kurven der spharischen Abweichung des Ernostars für die gelborange D-Linie des Spektrums (Figur 2) – also am langwelligen Ende des für normale Aufnahmen infrage kommenden Lichtes – und rechts daneben (Figur 3) die Abweichungen für die blauviolette G-Linie am kurzwelligen Ende gegenüberstellt. In Figur 4 vergleicht er diese beiden Kurven mit der sphärischen Aberration eines damals üblichen Triplettyps [Ebenda, S. 33]. Mit einer derart starken Ausbeulung der Kurven für die sphärische Aberration und der Abweichung von der Sinusbedingung – in der Fachsprache Zonen genannt –, wie sie beim Triplettyp erkennbar ist, wäre das lichtstarke Ernostar bei voller Öffnung komplett unbrauchbar gewesen.

Die besondere Reife, die Bertele mit seinem Ernostar 1:1,8 um 1925/26 endlich erreicht hatte, wird auch daran deutlich, daß trotz der Steigerung der Lichtstärke gegenüber den eigenen Vorgängertypen der Lichtstärke 1:2,0 der nutzbare Bildwinkel auf 50 Grad angehoben werden konnte. Damit war dieser Objektivtyp zum Universalobjektiv tauglich gemacht worden. Speziell die Ausweitung des Bildwinkels verlangt aber immer nach einer sorgfältigen Ebnung des Bildfeldes und der Hebung des Astigmatismus. Die dazu notwendigen Kittflächen machten den damals neuartigen, heute besonders charakteristischen Aufbau des Ernostar/Sonnar-Typus aus [Vgl. ebenda, S. 35].


Nur bei einem Aspekt hat sich Bertele in seinem Aufsatz ein wenig getäuscht: Daß sein Ernostar gegenüber den damals gut etablierten Tripletts und Tessartypen acht statt sechs Glieder aufzuweisen hatte, bewirke seiner Auffassung nach ja lediglich einen vernachlässigbaren Lichtverlust. Bertele schreibt: "Ganz abgesehen davon, ist es vollkommen bedeutungslos für die Lichtstärke eines Objektives, ob es 9% mehr oder weniger durchläßt. Im Öffnungsverhältnis ausgedrückt würde das Objektiv in seiner Lichtstärke durch das Hinzufügen dieser vierten freistehenden Linse gegenüber einem dreigliedrigen Objektiv in der Lichtstärke von 1:1,8 auf 1:1,88 herabgedrückt sein." [Ebenda, S. 33] In der Praxis geht es nun aber gerade nicht um einen Vergleich zu anderen Anastigmaten, sondern um den Gesamtwirkungsgrad eines Objektives. Und was das betrifft, hatte August Klughardt (1887-1970) im selben Jahre Untersuchungen durchgeführt, die ernüchternde Ergebnisse brachten: Mitsamt der Absorption und der Spiegelverluste kamen beim Ernostar 1:2,0 nur 52 Prozent des eintretenden Lichtes auf der lichtempfindlichen Schicht an [Klughardt: Die wirkliche Lichtstärke photographischer Objektive, Centralzeitung für Optik und Mechanik, 1926, S. 79f]. Die wirksame Lichtstärke des Ernostars lag demnach nicht bei 2,0 sondern lediglich 2,8. Dieser Übelstand wurde alsbald zum Ansporn für Ludwig Bertele, die Anzahl der Objektivgruppen seines Ernostars von vier auf drei zu verringern. Aus diesem Streben heraus entstand nun der Sonnartyp.


Erwähnt werden sollte noch, daß es dieser August Klughardt gewesen ist, der Ludwig Bertele, diesen hoffnungsvoll talentierten, blutjungen Optikrechner im Jahre 1919 von Rodenstock in München mit nach Dresden in die Ernemannwerke mitgenommen hat [Vgl. Bertele, Erhard: Ludwig J. Bertele - Ein Pionier der geometrischen Optik, Zürich, 2017, S. 33. Leider schreibt der Autor den Namen Klughardt falsch]. Als dann Ludwig Bertele so große Erfolge mit seinen Objektivschöpfungen feierte, begann Dr. Klughardt als Leiter der Ernemannschen Optikabteilung allerdings dieselben für sich zu requirieren, wodurch es zum Zerwürfnis kam und Bertele sogar kurzeitig aus der Ernemann AG ausschied, später nach dem Weggang Klughardts aber wieder zurückkehrte. [Vgl. ebenda, S.50.]

Contax II Sonnar

Dieses Sonnar 2/5cm aus dem Jahre 1936 wurde nachträglich mit Vergütungsschichten belegt.

Es war dann die aufkommende Kleinbildphotographie, die für neuen Ansporn sorgte. Die Ermanox mit ihren Brennweiten um die 100 Millimeter machte ein Ausnutzen der vollen Objektivöffnung aufgrund der geringen Schärfentiefe beinah unmöglich. Das Gelingen der Aufnahme war nichtselten ein Produkt des Zufalls. Die Kleinbildphotographie halbierte diese Brennweiten nun durchweg, weshalb hohe Lichtstärken überhaupt erst praktisch sinnvoll wurden. Zudem war seit dem Erscheinen der Leica im Gefüge der Photoindustrie einiges passiert. In Dresden hatte der Zeisskonzern einen massiven Konzentrationsprozeß unter seiner Ägide angestoßen, dem sich letztlich auch die Ernemann AG nicht mehr entziehen konnte. Bertele war nun Angestellter der Zeiss-Tochter "Zeiss Ikon AG". Zum allgemeinen Konkurrenzdruck im Photomarkt gesellte sich nun obendrein auch noch ein Wettstreit im eigenen Firmenimperium.


Wie oben bereits angesprochen, hatte Willy Merté in Jena aufbauend auf dem Rudolph'schen Planartypus durch vollständiges Aufgeben des symmetrischen Aufbaus und durch Einsatz neuer Gassorten sein Biotar geschaffen (DRP Nr. 485.798 vom 30. September 1927). Doch auch Bertele war nicht untätig geblieben. Mit seinem Patent Nr. 530.843 vom 14. August 1929 hatte dieser sein Ernostar zum Sonnar weiterentwickelt. Äußeres Merkmal war die Reduktion von vier Gruppen mit acht Spiegelflächen auf drei Gruppen, die nur noch sechs Glas-Luft-Übergänge mit sich brachten. Und dieser Gesichtspunkt war bis zur Einführung der Linsenentspiegelung bei Carl Zeiss Jena ab 1941 auch das wichtigste Argument, das gegen das Biotar sprach. Bei Letzterem ist es bis heute bei mindestens vier Gruppen geblieben. Aber es gab noch einen zweiten Vorteil, der das Sonnar in der Zwischenkriegszeit gegenüber dem Gaußtyp hervorstechen lassen sollte. Aufgrund der inneren Brechkraftverteilung zeichnen sich Sonnare durch eine kurz gehaltene Schnittweite aus. Selbst als Normalobjektiv haben Sonnare immer einen Hauch von Teleobjektiv zu bieten. Sie sind also kurz gebaut bzw. rücken nah an die Bildbenene heran. Bei Sucherkameras ist diese Eigenschaft sehr erwünscht, um die Kombination Kamera-Objektiv so kompakt wie möglich zu halten. So gab es zwar das Sonnar 2/5cm für die Contax in einer Ausführung mit versenkter Fassung, doch wirklich notwendig war das nicht. Das Sonnar war auch ohne diese Einrichtung sehr kompakt. Selbst das unten dargestellte, für die damalige Zeit extrem lichtstarke Sonnar 1,5/5cm fiel kaum größer aus, als ein Hühnerei. Durch die fehlende Notwendigkeit eines objektiveigenen Schneckenganges – einer speziellen Eigenheit der Contax-Sucherkameras – waren die Normalobjektive zudem extrem schlank gebaut. So zierliche hochlichtstarke Objektive hat es auch später kaum wieder gegeben. Und seinerzeit war das ohnehin gänzlich ohne Konkurrenz.

Sonnar 1,5/5cm

Der konstruktive Trick Berteles – wenn man das so nennen darf – lag darin, einen bisherigen Luftzwischenraum des Ernostares schlichtweg mit einer Linse aus niedrigbrechendem aber auch wenig dispergierendem Kronglas auszufüllen, zum Beispiel mit dem Bor-Kron BK 1 beim Sonnar 2,0 oder dem Fluor-Kron FK 3 beim Sonnar 1,5. Die entstehenden Kittflächen waren ein wichtiger Schlüssel zur Gesamtkorrektur des Systems. Unten sind einmal die Querschnitte des Sonnars 1:2,0 nach dem DRP Nr. 570.983 vom 2. September 1931 und des Sonnars 1:1,5 nach dem DRP Nr. 673.861 vom 9. Juli 1932 dargestellt. Das DRP Nr. 570.983 war übrgens ein Zusatzpatent zum bereits erwähnten DRP Nr. 530.843 von 1929, um die dort noch vorhandenen "störenden komatischen Erscheinungen" bei größeren Gesichtsfeldern zu beheben.


Neben den Linsenschnitten sind die durchschnittlichen Bildfehler anhand der typischen Kurven für die (a) sphärische Aberration und die Abweichung von der Sinusbedingung, den (b) Astigmatismus und die Wölbung und in Kurve (c) für die Verzeichnung dargestellt [nach Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S.  57.]. Da der Maßstab identisch ist, läßt sich sehr gut ein Vergleich zu den Bildfehlerkurven des Biotars ziehen.

Die Querschnitte durch den Linsenaufbau zeigen übrigens noch ganz charakteristische Eigenschaften der Sonnare auf, die ihnen später auch zum Verhängnis wurden: Einerseits die teils großen Glaskörper mit ihren massiven Mittendicken, für die stets dicke Platten absolut lauteren Rohglases benötigt wurden, die sehr teuer sind. Andererseits die ausgesprochen kleinen Krümmungshalbmesser, also die stark kugeligen Linsenoberflächen. Letzteres führte zu einem eklatanten fertigungstechnischen Problem. Je stärker nämlich eine Linsenoberfläche gewölbt ist, um so weniger Linsen können auf eine Schleifschale gekittet und gemeinsam bearbeitet werden. Die vergleichsweise flachen Linsen beispielsweise der Tessare waren dagegen viel rationeller zu fertigen. Sonnare konnten also schon in dieser Hinsicht niemals "Billigobjektive" sein. Auch das Verkitten der Linsen mit Kanadabalsam ist zeitaufwendig und verlangt nach großer Präzision. Darin liegt einer der Gründe, weshalb die Sonnare zumindest als Normalobjektive nach 1945 bei Zeiss Jena rasch an Bedeutung verloren.

Es gibt noch zwei weitere Gründe, weshalb das Sonnar nach dem Kriege eigentlich nur noch für langbrennweitige Objektive interessant blieb. Der eine Grund liegt in der zunehmenden Dominanz der Spiegelreflexkamera. Bei diesem Kameratyp war die kurze Schnittweite der Sonnare eher kontraproduktiv, weil ja der Klappspiegel genügend Bewegungsfreiraum braucht. Zwar war bei Zeiss Ikon für deren Syntax/Contax-Projekt ein Normalobjektiv "Sonnar 2/57mm" entwickelt worden; das ging jedoch nicht in die Serienfertigung. Wie beim Biotar 2/58mm mußte die Brennweite für die Reflexanwendung etwas verlängert werden. Der Biotartypus ermöglichte aber später durch Einsatz hochbrechnender Gläser und durch Meniskenformen in der Frontgruppe einen Übergang zur üblichen Brennweite von 50 mm. Im Gleichzug wurden aber auch die vielversprechenden Korrekturmöglichkeiten des Planar/Biotartypus immer weiter ausgelotet, die das an die Grenzen angelangte Sonnar bald übertrumpften. Das Biotar Mertés steckt bis heute in allen hochlichtstarken Normalobjektiven.


Diese Entwicklung war bereits Ende der 1930er Jahre absehbar. Für die Leica wurde von Schneider ein Xenon 1:1,5 entwickelt, das dem Biotartypus zusätzliche Linsen zur Bildfehlerkorrektur hinzufügte. Zur damaligen Zeit war das angesichts der fehlenden Entspiegelungsschichten ein indiskutabler Schritt, da dieses Objektiv mit seinen zehn Glas-Luft-Flächen noch mehr spiegelte, als ehedem das Ernostar. Der damalige Vorsprung des Zeisskonzerns lag ganz eindeutig in dem Monopol Berteles, die Lichtstärke 1:1,5 mit lediglich sechs Grenzflächen geschafft zu haben. Mit der nach 1945 allgemein zur Verfügung stehenden Entspiegelungstechnologie war ein Großteil dieses Vorsprungs aber infragegestellt worden. Jetzt ist ein immer stärkeres Auflösen der Konstruktionen in Gruppen oder sogar Einzellinsen feststellbar. Weg von dicken, stark gewölbten Linsen. Die Normalobjektive 1:1,4 der 60er, 70er Jahre – ja bis heute – zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit zum Leitz-Xenon aus dem Jahre 1936.

Sonnar 2/85mm

Bevor ich abschließend noch etwas näher auf die einzelnen Typen des Sonnars eingehe, möchte ich zuvor noch ein paar Worte über Ludwig Bertele verlieren. Es ergibt sich in der Geschichte immer wieder einmal der Umstand, daß jemand genau in jenem Fach Fuß fassen kann, für das er nach und nach eine ganz ungewöhnliche Begabung entwickelt. Dann können Leistungen erreicht werden, die weit über das „Normalmaß“ hinausgehen, und von denen man sich im Nachhinein fragt, wie eine Einzelperson derlei überhaupt schaffen konnte. Ludwig Bertele war ein solches Naturtalent. Von den nicht minder talentierten Konstrukteurs-Kollegen im Zeisskonzern unterschied er sich allerdings in einem entscheidenden Punkt, auf den sein Sohn Erhard Bertele in einer Biographie seines Vater hinweist. Dazu sei noch einmal daran erinnert, daß die spätere Weltgeltung des Zeisswerkes nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern das Ergebnis eines wohlüberlegten Schrittes des braven Mechanikus Carl Zeiß gewesen ist, die optische Ausgestaltung eines Mikroskopes nicht per Zufall zu finden (mithilfe des sogenannten Pröbelns), sondern es nach wissenschaftlichen Methoden errechnen zu lassen. Dazu holte Zeiß in den 1860er Jahren den jungen Ernst Abbe in seine Werkstätte; und letzterer stellte erst einmal eine wissenschaftliche Theorie des Mikroskopes auf, bevor überhaupt an die praktische Arbeit des Berechnens gegangen werden konnte. Diese Herangehensweise, daß akademisch gebildete Wissenschaftler und Ingenieure den Grundstock eines Industriebetriebes bilden, wurde damit zum Prinzip bei Zeiss Jena ja zum Prinzip im deutschen industriellen Gewerbe schlechthin. Nicht verschweigen sollte man jedoch, daß genau dieses Prinzip Fluch und Segen zugleich barg. Deutsche Ingenieure konnten gleichsam Mondraketen schaffen oder aber Vergeltungswaffen; sie entwarfen mit ebensolcher Professionalität Konzerthäuser wie Konzentrationslager. Vom Photoobjektiv, mit dem man seine Liebsten beim Familienfest im Bilde festhält, zum Zielgerät, das auf Knopfdruck Dutzende solcher Familien auslöschen hilft, war es nur ein kleiner Schritt. Die Verantwortung des Wissenschaftlers und Ingenieurs darüber, was mit seinen Hervorbringungen angestellt werden kann, ist seit Hundert Jahren eine der Grundfragen der modernen Ethik.


Ludwig Bertele gehörte nun gerade nicht dieser Riege des akademisch gebildeten Konstrukteurs an. Abbe hatte noch persönlich Paul Rudolph mit dem Aufbau der Photoabteilung beauftragt. Er und dessen Nachfolgegeneration, Berteles Zeitgenossen Ernst Wandersleb, Willy Merté und (meines Wissens nach) auch Robert Richter waren allesamt promovierte Herren. Ludwig Bertele hingegen muß man den Beschreibungen seines Sohnes nach eher als ursprünglich handwerklich ausgebildeten, sich später autodidaktisch perfektionierenden Fachmann beschreiben. Oben habe ich schon angesprochen, welche negative Erfahrungen Bertele mit Doktor August Klughardt gemacht hatte, als jener die erfinderische Leistung seines „angestellten Optikrechners“ Bertele für sich vereinnahmte. Nachdem diese Phase überwunden war, blieb Bertele in Dresden und konnte sich ganz auf seine äußerst erfolgreiche praktische Arbeit konzentrieren. Die Aufgabe der Jenaer „Zentrale“ lag dann allenfalls darin, anhand der Bertele’schen Angaben Variationsrechnungen zur Optimierung des Systems vorzunehmen [Vgl. Bertele, Pionier, 2017, S. 54 und 64], ansonsten beschränkten sich die Kompetenzen der Jenenser aber darauf, die Dresdner Objektive herstellen zu dürfen. Dieser Umstand man muß das hier noch einmal deutlich hervorheben war angesichts der vorherrschenden Hierarchie im Zeisskonzern ein ganz besonderer Ausnahmefall. Wenn man die Geschichte dieses Unternehmens kennt, seinen Habitus innerhalb der Branche und die daraus hervorgegangenen Konzentrationsprozesse, dann war das Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Konzerntöchtern historisch gesehen eigentlich immer diametral gelagert. Solange man aber auf die Leistungen Ludwig Berteles angewiesen war, der aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen unter allen Umständen verhindern wollte, ein Rädchen von vielen im Getriebe der Jenaer Konstruktionsabteilung zu werden, billigte man ihm offenbar diesen Sonderstatus zu. 

Tenax II Sonnar

Die fast schon ins Absurde abdriftenden Ausmaße der Rivalität zwischen den beiden konzerneigenen Konstruktionsbüros in Jena und Dresden werden sehr gut anhand dieser beiden lichtstarken Normalobjektive mit den Daten 1:2,0/f = 4 cm ersichtlich. Beide decken sie das Kleinbildformat 24x24mm ab. Beide wurden im Jahre 1937 konstruiert. Beide wurden in Jena hergestellt. Das Sonnar blieb aber der Zeiss-Ikon-Kamera vorbehalten, während Zeiss Jena für die Belieferung eins konzernfremden Kameraherstellers im hauseigenen Konstruktionsbüro ein Biotar entwickeln ließ. Mehr dazu auch hier.

Robot II Biotar
Sonnare 5 und 8 cm

Diese Situation änderte sich nun aber rasch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die Konzernleitung hatte Heinz Küppenbender, einen vollkommen loyalen Gefolgsmann des Regimes, beauftragt, dieses Gefüge aufzubrechen und die optischen Abteilungen des Konzerns auf die Erfordernisse der Rüstungsproduktion umzustellen. Bertele wurde im Februar 1940 offenbar vor die Wahl gestellt, entweder in Dresden eher „niedere“ Aufgaben zu erledigen oder aber in eine vollständig nach Jena verlegte optische Entwicklungsabteilung integriert zu werden [vgl. ebenda, S. 66]. Ersteres kam für Bertele nicht infrage, da er sich ganz dem Errechnen von Objektiven verschrieben hatte, und die zweite Option, sich als beruflich erfolgreicher Nichtakedemiker im Jenaer „Akademikerclub“ behaupten zu müssen, lehnte er aus den oben schon beschriebenen Gründen ab [Vgl ebenda]. Bertele wollte daraufhin Zeiss Ikon verlassen und ein Stellenangebot von Steinheil in München wahrnehmen. Die nach wie vor große Bedeutung Berteles kann man daran ablesen, daß diese Kündigung erst einmal von oben her vereitelt wurde und er quasi zwangsweise bei Zeiss Ikon blieb. Das Ausscheiden aus dem Zeisskonzern und der Wechsel zu Steinheil zog sich letztlich bis 1941 hin, als Ludwig Berteles höchst erfolgreiche Bindung an den Dresdner Kamerabau zum 31. Dezember endgültig abbrach [Vgl. ebenda]. Niemals jedoch brach Berteles Bindung zum Photoobjektivbau ab, für den er nach dem Kriege ganz außergewöhnliche Weitwinkelsysteme schuf. Was diese Ära betrifft, verweise ich den interessierten Leser auf die sehr gelungene Biographie seines Sohnes.

Auch was die Fassung dieser Sonnare betrifft, war Carl Zeiss Jena Mitte der 30er Jahre auf einem hohen fertigungstechnischen Niveau angelangt. Geradezu ehrfurchterregend sind die schweren Messingfassungen mit ihrer dicken Verchromung passend zum verchromten Gehäuse der Contax II. Sie lösten die schwarz lackierten und vernickelten Fassungen ab, wie sie zur ersten Contax geliefert wurden und wie sie von der Machart her auch bei Leitz üblich waren. Wie bei der Leica konnte freilich auch oftmals keine Geradführung des Schneckenganges verwirklicht werden, weshalb sich beim Scharfstellen leider die Blendenskalen mit wegdrehten. Weil aber die Objektive (bei beiden Herstellern jeweils auf verschiedene Weise) mit dem Entfernungsmesser gekuppelt werden mußten, fiel die notwendige Mechanik schon kompliziert genug aus, wie der untenstehende Schnitt durch ein Sonnar 2/8,5cm zeigt.

Die Rechnung dieses Sonnars 2/8,5cm wurde am 24. April 1933 abgeschlossen, als lichtstarke Ergänzung zum Triotar 4/8,5cm, das schon seit 1931 geliefert wurde. Am 16. Januar 1939 wurde es neu berechnet, ebenso nach dem Kriege am 13. Mai 1947. Bei Carl Zeiss in Jena wurde es aber nach Gründung der DDR nur noch in geringen Stückzahlen gefertigt überwiegend in einer sogenannten Kinoeinstellfassung, also für kinematographische Zwecke. Nach Verlagerung der Contax-Fertigung in die Sowjetunion und einer stabilen "Selbstversorgung" mit eigenen Objektiven aus Krasnogorsk, spielten Objektive für Meßsucherkameras in der DDR zahlenmäßg kaum noch eine Rolle. Leider wurde dieses Sonnar 2/85mm nicht für die Spiegelreflexkamera übernommen. Auch beim Sonnar 4/135 geschah das erst spät im Jahre 1957 (mehr darüber hier).


Ganz anders in Westdeutschland: Für die aufwendige Contarex Spiegelreflexkamera wurde das Sonnar 2/85mm weiterhin geliefert es wäre also prinzipiell für die Reflexanwendung geeignet gewesen. In der Frühphase der DDR ist aber erkennbar, daß ein schon seit der Mitte der 30er Jahre forcierter Trend fortgesetzt wurde, die Sonnare, die ja zwar bei Zeiss Jena hergestellt wurden, aber eigentlich Dresdner Objektive waren, durch Jenaer Konstruktionen (Triotare, Tessare, Biotessare, Biotare bzw. später die Biometare) zu ersetzen. Ausführlicher habe ich diesen bislang wenig beachteten Gesichtspunkt hier behandelt. Erst in der zweiten Hälfte der 50er Jahre wurde diese Praxis beendet und sogar neue Sonnartypen geschaffen. Das wunderbare Sonnar 2/85 hat diese Phase aber leider "nicht überlebt". Im Gegensatz eben zur Bundesrepublik, wo Photographen in den Genuß dieses außergewöhnlich hochwertigen Portait-Teles kamen. Hierbei handelte es sich übrigens abweichend vom Objektiv der 30er Jahre um einen Siebenlinser. Nach einem Hinweis von Jakob Nielsen aus Kopenhagen scheint aber schon die Rechnung von 1939 siebenlinsig gewesen sein. Was ich mit Gewißheit sagen kann, ist, daß die Version von 1947 auf jeden Fall siebenlinsig war, denn in den frühen Nachkriegskatalogen ist ein entsprechender Linsenschnitt abgebildet.

Oben: Längsschnitt durch das in Oberkochen weiterentwickelte Sonnar 85mm. Unten: Eine Aufnahme mit diesem bemerkenswerten Objektiv. Die Verzeichnung ist quasi Null.

Aber zurück zu den Vorkriegs-Sonnaren. Beim Sonnar 2/5cm finden sich "im Thiele" Angaben zu etlichen verschiedenen Rechnungen. So gab es zum 30. Oktober 1931 bereits zwei Versuchsobjektive. In Fertigung ging dann eine Rechnung vom 8. April 1932 mit lediglich etwa 1500 Stück, weil sie bereits ein Jahr später zum 4. April 1933 von einem Nachfolger abgelöst wurde. Aber auch von dieser Version wurden nur etwa 1600 Stück hergestellt, weil die Rechnung schon zum Ende des Jahres, am 1. Dezember 1933, erneut überarbeitet wurde. Diese Konfiguration wurde dann aber zum großen Renner. Bis zum Anfang des Krieges wurden von diesem Sonnar 2/5cm große Stückzahlen produziert und zwar in für damalige Verhältnisse außergewöhnlich großen Fabrikationslosen von bis zu 6000 Stück "auf einmal". Auf diese Weise kam man zwischen Dezember 1933 und Dezember 1942 auf ziemlich exakt 75.000 Stück. Nach dem Kriege dürften es noch einmal etwa 25.000 gewesen sein, wobei man das nicht genau sagen kann, da die Quellenüberlieferung diesbezüglich lückenhaft ist. Wie dem auch sei: Mit diesen etwa 100.000 Stück ist das Sonnar 2/5cm eines der ersten hochlichtstarken Universalobjektive, das in Massenfabrikation ausgestoßen wurde. Eine große Bestätigung für den Konstruktionsansatz eines Ludwig Bertele!

Nach heutigen Maßstäben ist das Sonnar 2/50mm bei allen größeren Öffnungen ausgesprochen weich. Selbst bei Blende 4 (unten) ist die Schärfe noch ziemlich "duftig". Doch Anfang der 30er Jahre war das angesichts der damaligen Filmempfindlichkeiten (um die 10...12 DIN) trotzdem ein großer Fortschritt, da auch bei schlechterem Lichte noch Momentbelichtungszeiten erreicht wurden. Damit waren Aufnahmen möglich, auf die bis dahin schlichtweg verzichtet werden mußte.

An diesem Sonnar 2/50mm kann man übrigens gut ablesen, daß es bis ca. Frühjahr 1951 offenbar noch zur Stützung der Kiewer Contax-Produktion fabriziert wurde und danach die hergestellten Stückzahlen geradezu einbrechen Restbestände wiederum hauptsächlich für Kinokameras. Anzumerken ist, daß das 2/50 weder kurz vor dem Kriege, noch danach neu berechnet wurde; es blieb bei der Rechnung vom Dezember 1933.


Ganz anders beim Sonnar 1,5/5cm. Nach mehreren Versuchsobjektiven wurden die ersten nennenswerten Stückzahlen basierend auf einer Rechnung vom 10. Oktober 1932 gefertigt. Diese wurde rasch von einer abgelöst, die auf den 8. Dezember 1932 datiert (reichlich 6000 Stück). Die nächste Überarbeitung erfolgte am 15. April 1935 (Seriennummern über 1.800.000, ca. 26.000 Stück) gefolgt von einer letztmaligen zum 15. August 1939 (Serienummern über 2.600.000). Unten noch einmal der Linsenschnitt durch dieses Sonnar 1:1,5. Besonders fällt wie gesagt die aufwendig geformte hintere Kittgruppe auf.

Diese Normalobjektive als "echte Sonnare" gekennzeichnet durch die strenge Bauweise als Drei-Gruppen-Konstruktion verloren in der jungen DDR-Photoindustrie also rasch an Bedeutung. Das gilt nicht für Objektive mit längeren Brennweiten. Hier wurden Berteles bahnbrechende Typen wie das weltbekannte "Olympiasonnar" 2,8/180mm nicht nur weitergebaut, sondern später auch noch nenneswert weiterentwickelt. Das Sonnar 4 bzw. 3,5/135mm dürfte dabei das am längsten gebaute Objektiv aller Zeiten sein. Aber auch neue "echte Sonnare" wurden geschaffen, namentlich das Cardinar 2,8/85mm für die Pentina.


Auf diesen Begriff "echtes Sonnar" reite ich deshalb so herum, weil nach 1945 ein deutlicher Trend zu verzeichnen ist, die strenge Drei-Gruppen-Bauweise zu verlassen und die Kittgruppen an unterschiedlichen Stellen aufzulösen. Beim Cardinar 4/100mm von Erich Fincke aus dem Jahre 1958 zeigt beispielsweise die charakteristische mittlere Kittgruppe einen deutlichen Luftspalt. International gesehen wird diese Entwicklung anschließend so weit getrieben, daß man sich durch Weglassen der sonnartypischen "Fülllinsen" wieder deutlich dem ursprünglichen Ernostar-Typus annähert. So erkennt man in unzähligen längerbrennweitigen Objektiven des Kleinbildes und Mittelformates aus Japan bei genauer Betrachtung den Ernostar-Aufbau. Es ist also nicht immer aus der Gravur ablesbar, daß man in Wahrheit auf einem Weg wandelt, den uns vor beinah hundert Jahren ein Ludwig Bertele gewiesen hat.

Marco Kröger M.A.


letzte Änderung: 17. November 2019