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Primotar E 3,5/50mm

Meyer-Optik Görlitz

Nachdem in den 1920er Jahren die Zeiss‘schen Schutzrechte für das Tessar abliefen, baute fast jeder Objektivhersteller diesen Vierlinser nach. Bei Meyer Optik in Görlitz hießen die Tessartypen „Primotar“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden für die Kleinbildkamera erst einmal nur noch die langbrennweitigen Primotare 135mm und 180mm weitergefertigt, die noch auf den Berechnungen Paul Schäfters zurückgingen. Als Normalobjektive wurden neben dem Primoplan nur die einfachen Trioplane angeboten - dazwischen klaffte bei Meyer-Optik eine Lücke, die durch Zeiss Jena mit den Tessaren 3,5 und 2,8/50 gefüllt wurde. Das änderte sich im Jahre 1956, als man bei Meyer ein neues Primoplan E 3,5/50mm entwickelte. Als Konstrukteure werden in der Literatur Schubert und Thierhold angegeben, aber ich gehe davon aus, daß auch der umtriebige Hubert Ulbrich bereits an der Entwicklung dieses Objektives beteiligt gewesen ist.

Primotar E 3,5/50

Um es vorweg zu sagen: Ich halte dieses Primotar E für das bemerkenswerteste Objektiv, das je in Görlitz entwickelt worden ist. Die Qualität eines Objektives bemißt sich nämlich nicht allein an seiner Bildleistung, sondern vielmehr am Verhältnis zum Aufwand, der betrieben wurde, um diese Leistung zu erreichen. Es gönnen sich zwar viele Objektivhersteller in ihrem Programm ein aufwendig konstruiertes „Prestigeobjektiv“, aber wer im Massenmarkt bestehen will, der braucht ein gutes Objektiv mit angemessenem Verkaufspreis. Und in dieser Hinsicht erreichte das Primotar E ein echtes Optimum. Einer der Gründe dafür war, daß man es mit der Lichtstärke nicht übertrieb und dadurch ein Anwachsen der Bildfehler vermeiden konnte. Zweitens war dieses Primotar E mit der damals aktuellsten Glastechnologie aus „hochbrechende[n] Krongläser[n] und Tiefflinten“ ausgestattet (Ulbrich, Hubert: Das Primotar geht mit der Zeit, Fotografie 8/58, S. 285).

 

Aber auch auf einer anderen Ebene ging dieses Objektiv mit der Zeit. Denn das neue Primotar E mußte auch eine Reaktion der Görlitzer auf eine veränderte Marktlage sein. Im Jahre 1956 führten nämlich die Kamerawerke Niedersedlitz unter Siegfried Böhm die Blendenautomatik für das M42-Gewinde ein – erst bei der Praktica und kurz darauf auch bei der Spiegelcontax. Damit hatte Meyer Görlitz plötzlich keine kompatiblen Normalobjektive mehr im Angebot. Zeiss Jena hingegen fertigte bereits seit Februar 1954 Springblendenobjektive mit Innenauslösung, nämlich für die Praktina FX das Biotar und kurz darauf auch das Tessar. Bei Zeiss war diese Technologie also da und sie mußte für den M42-Anschluß nur geringfügig konstruktiv angepaßt werden. Damit konnte Zeiss Jena nahtlos M42 Springblendenobjektive anbieten. Die halbautomatische Springblende, wie sie bei den Zeiss-Objektiven eingesetzt wurde, ging auf ein Patent der Herren Walter Hennig und Horst Strehle zurück, seinerzeit Konstrukteure beim VEB Zeiss Ikon (DDR-Patent Nr. 10752 vom 3. Mai 1952). Die Weiterentwicklung für das M42-Gewinde bestand darin, daß der zusätzliche Spannhebel der Exakta- und Praktina-Version fortgelassen und das Spannen der Springblende durch Drehen des Blendenrings auf volle Öffnung bewerkstelligt wurde. Diese Neuerungen stammen von Erich Biertümpfel und Rudolf Paul und sind im DDR-Patent 18920 vom 30. März 1956 geschützt (Bundesrepublik Nr. 1.132.432).

Springblende Zeiss Jena

Bei Meyer in Görlitz war man nun also gezwungen, sich schleunigst etwas Adäquates auszudenken. Dabei mußte man an zwei Neuentwicklungen gleichzeitig arbeiten, denn einfach eine Blendenautomatik in das 20 Jahre alte Primoplan 1,9/58 einzubauen kam offenbar nicht infrage. Daher wurde nicht nur das neue Primotar E sondern auch erstmals eine eigene Druckblende entwickelt. Druckblende bedeutet, daß die Kraft zum Schließen der Blende nicht aus einem zuvor gespannten Federmechanismus herrührt, sondern während des Auslösens vom „Auslösedruck“ abgezweigt wird. Damit der Auslöser dadurch nicht zu schwergängig wird, mußte der Druckblendenmechanismus so leichtgängig wie möglich konstruiert werden. Aber auch auf ein anderes Augenmerk hat man bei Meyer großen Wert gelegt: Bei den Zeissobjektiven mit Springblende war es fast unmöglich, zur Arbeitsblende zurückzukehren, wenn erst einmal die Springblende gespannt worden war. Ein schnelles abblenden um die Schärfentiefe zu kontrollieren war also sehr schwierig zu erreichen. Hervorstechendes Merkmal des neuen Primotars E war deshalb ein zusätzlicher Schaltring, mit dem schnell und problemlos von der Automatikblende auf Arbeitsblende umgeschaltet werden konnte. Diese Neuerung wurde dann auch im Bundesrepublikanischen Patent Nr. 1.056.925 vom 23. August 1956 patentiert.

Blendenautomatik Primotar E

Bleibt natürlich noch eine Frage: Wieso dieses „E“? Das E steht für „Einstellblende“ – und dies ist das eigentlich geniale an diesem Objektiv. Ein Tessartyp aus modernen Gläsern mit der Lichtstärke 1:3,5 läßt sich zwar gut korrigieren, bietet aber an sich nichts bemerkenswertes. Gerade bei der Einäugigen Reflex nimmt man gerne ein lichtstarkes Objektiv, weil dann das Sucherbild heller ist und etwaige Meßkeile nicht abdunkeln. Solche lichtstarken Objektive sind aber teuer und werden von Amateuren in der Praxis ohnehin auf 1:4 oder noch stärker abgeblendet. Beim Primotar E haben die Konstrukteure daher einen Kunstgriff angewendet. Das Objektiv ist für die Lichtstärke 1:3,5 berechnet und optimiert. Seine Linsen haben jedoch einen geringfügig größeren Durchmesser, als es für diese Arbeitslichtstärke notwendig wäre. Dadurch ergibt sich, daß das Primotar E beim Einstellen die etwas höhere Lichtstärke von 1:3,0 zur Verfügung stellt. Für diese Öffnung ist das Objektiv nicht korrigiert und auch nicht photographisch nutzbar. Für das Einstellen spielt das jedoch keine Rolle. Hier zählt ein möglichst helles Sucherbild. Und diese paar Ziffern hinter dem Komma machen dabei durchaus einiges aus.

 

Das Primotar E war daher meiner Ansicht nach ein Geniestreich. Die optische Ausrüstung ist knapp zehn Jahre jünger als die des Tessars 2,8/50mm; und an einem modernen Bildsensor ist dieser Unterschied auch deutlich feststellbar. Zweitens war die Meyer’sche Druckblende zusammen mit der Idee einer Einstellblende auch mechanisch die bessere Lösung, als die umständlich zu bedienende und mit lautem Knall zuspringende Automatikblende des Tessars. Und so geschah es, daß Meyer-Optik Görlitz auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1957 ein neues Normalobjektiv vorstellen konnte, das alsbald als Weltspitzenerzeugnis mit dem Gütezeichen Q ausgestattet worden ist und das prestigeträchtige Tessar ein wenig in den Schatten stellte. Zudem war es mit 109,- Mark auch noch preiswerter als das Springblenden-Tessar mit 123,- Mark (1960).

 

Das sorgte gehörig für Unruhe. Es gibt leider noch keine sauber ausgearbeitete Firmengeschichte von Meyer-Optik Görlitz. Von Gottfried Kindler* liegt eine Abhandlung vor, die man an manchen Stellen eher als „Erinnerungsbüchlein“ bezeichnen muß. Trotzdem sind seine Hinweise nicht unglaubwürdig (und sie wurden auch von anderer Seite bestätigt), daß es zwischen den beiden Volkseigenen Betrieben in Jena und Görlitz seit den späten 50er Jahren zu einer Konkurrenzsituation kam, die für die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft als zumindest ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Ich hatte im Abschnitt zum Primoplan bereits angedeutet, wie Zeiss Jena in der Zwischenkriegszeit Konkurrenzfirmen wie Goerz oder Ernemann ausgeschaltet hatte. Mit Meyer bahnte sich eine nächste Rivalität an, die aber angesichts der bevorstehenden Kriegswirtschaft nicht mehr ausgetragen werden konnte. Nun, fast 20 Jahre später und nach einem spürbaren Technologieschub auf Görlitzer Seite hat man den Eindruck, daß diese Rivalität wieder aufbrach. Die Situation verschärfte sich, als Meyer im Frühjahr 1959 ein Primotar 2,8/50mm herausbrachte, das direkt auf den Markt des bislang konkurrenzlosen Tessars 2,8/50 mit Vorwahlblende abzielte (Exa und andere einfachere Kameras, patentiert in DE 1.786.977 vom 7.11. 1958). Und mit dem Domiron 2/50 (patentiert in DE 1.786.978 vom 7. 11. 1958) für die Exakta Varex griff Meyer Zeiss Jena zugleich auf dem internationalen Markt der Spitzenobjektive an.

 

Diese beiden Objektive haben offenbar das Faß zum Überlaufen gebracht. Mit dem Zugriff auf das JENAer Glaswerk waren es nach wie vor die Verantwortlichen bei Zeiss, die im Bereich des optischen Glases – der Materialbasis des Objektivbaues – das Sagen hatten. Gottfried Kindler gibt an, daß nach diesem „Vorfall“ Meyer Görlitz von der Zufuhr hochwertiger Spezialgläser abgeschnitten wurde; allerdings ohne daß er entsprechende Belege anführt. Es gibt aber zwei Hinweise, die seine Angabe stützen und glaubwürdig erscheinen lassen. Erst einmal wurden die beiden obengennannten Objektive Primotar 2,8/50 und Domiron 2/50 nur in geringen Stückzahlen hergestellt, zumindest im Vergleich dazu, welch riesige Mengen später beispielsweise von einem Oreston/Pentacon 1,8/50 produziert wurden. Das war allerdings ein Jahrzehnt später, als Zeiss Jena das Interesse am Photoobjektivbau weitgehend verloren hatte. Zweitens ist auffällig, daß in Patentschriften und Gebrauchsmustern von Meyer Optik Görlitz nach 1960 oft explizit zu lesen ist, daß das vorstechendste Merkmal des neuen Objektives sei, daß es aus einfachen, preiswerten Gläsern zusammengesetzt wäre. Man kann das ganze also durchaus so auffassen, daß sich die Situation des ins Abseits gedrängten Feinoptischen Werkes Görlitz sogar in dessen Schutzrechten wiederfindet.

 

 

*Kindler, Gottfried: Geschichte der Firma Meyer Optik als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz, Druckschrift der Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e.V. 2005.

 

 

 

 

 

 

 

Zum Mittelformat-Pendant Primotar E 3,5/80mm gibt es noch etwas näheres unter der Rubrik "Objektivreparaturen" zu lesen.

 

 

M. Kröger