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Das Primoplan 2/58mm

Meyer-Optik Görlitz

Das Primoplan scheint das erste hochlichtstarke Normalobjektiv für die Kleinbildspiegelreflex gewesen zu sein, denn es existiert eine Gebrauchsmusterschutzanmeldung vom 17. Juni 1936 (D.R.G.M. Nr. 1.387.593). Kurze Zeit vorher war die Kiné Exakta vorgestellt worden. Offenbar arbeitete das Ihagee Kamerawerk Steenbergen eng mit dem Görlitzer Objektivhersteller zusammen. So lieferte Meyer auch eine Version des hauseigenen Primotars an die Ihagee, die es unter eigenem Markenzeichen als preiswertestes Standardobjektiv im Angebot führte. Mit dem lichtstarken Primoplan, das auch noch unverkennbar vom Ernostar abgeleitet worden ist, wurde Hugo Meyer in Görlitz nun endgültig zu einem ernsthaften Konkurrenten für Zeiss Jena. Man bedenke, daß Zeiss zehn Jahre zuvor den Konkurrenten Ernemann ausschaltete, indem man sich über die Deutschen Bank Insiderinformationen über dessen prekäre Finanzlage hatte zuspielen lassen. Hinter dem Rücken der Firmeninhaber hatte Jena Ernemann quasi bereits eingekauft, als man vordergründig noch so tat, als verhandele man auf Augenhöhe. Mit der Integration der Ernemannwerke in die neue Zeiss Ikon AG – und damit in den Zeiss-Konzern – war Jena nicht nur in den Besitz der lukrativen Patente zu den Ernostar-Objektiven geraten, sondern man hatte sich auch gleich den genialen Konstrukteur Ludwig Bertele mit „eingekauft“. Hatte Jena also diesen Konkurrenten gerade erst ausgeschaltet, so wuchs nun mit Meyer ein neuer, ernstzunehmender solcher heran, der hohe Qualität zu günstigeren Preisen lieferte. Man kann heute nur noch erahnen, welchen Argwohn es auf Seiten Jenas erzeugt haben mußte, als der ehemalige Leiter der Jenaer Photoabteilung und Schöpfer der Planare und Tessare Paul Rudolph nach dem Ersten Weltkrieg zu Meyer nach Görlitz ging und hier unter anderem mit den hochwertigen Plasmaten ernstzunehmende Konkurrenzprodukte entwickelte. Noch herrschten die Sucherkameras vor und an die dreigliedrigen Sonnare Berteles kam kein anderer Hersteller heran. Aber mit dem Erscheinen der Kleinbildspiegelreflexkamera, für die die Sonnare mit ihren kurzen Schnittweiten ungeeignet waren, tat sich für Konkurrenten eine Marktlücke auf, die offenbar Meyer Optik binnen kürzester Frist auszufüllen wußte. Bis Zeiss Jena mit dem Biotar 2/58mm eine adäquate Alternative aufzubieten hatte, sollten immerhin zwei Jahre vergehen. Dem Primoplan 2/58 von Paul Schäfter aus dem Jahre 1936 liegt also eine historische Brisanz inne, die man diesem Objektiv auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde.

Primoplan Normalblende
Primoplan Vorwahlblende

In der Schutzschrift wird dem Primoplan noch ein maximales Öffnungsverhältnis bis 1:1,5 in Aussicht gestellt. Für die bekannte, praktisch ausgeführte Version 1:1,9 sind unten einmal die Kurven der sphärischen Längsabweichung und der Abweichung von der Sinusbedingung (a), die der sagittalen und tangentialen Bildfeldkrümmung (b) sowie die der Verzeichnung (c) angegben.* Da der Maßstab der Koordinatensysteme derselbe ist, wie beim Biotar 2/58, kann man ohne weiteres einen Vergleich ziehen zwischen beiden. Man wird unumwunden zugeben müssen, daß das Biotar das eindeutig bessere Objektiv ist. An diesem Punkt wird die Rivalität beider Unternehmen dann doch wieder ein wenig in das richtige Verhältnis gerückt. Andererseits bedeuten solche Aberrationskurven nicht alles. Das Primoplan war stets das deutlich preiswertere Objektiv und als solches auch gedacht. Und bedenkt man, daß nur ein winziger Bruchteil der photographischen Aufnahmen bei voller Objektivöffnung gemacht werden, relativieren sich solche Angaben schnell wieder. Um zwei Stufen abgeblendet und auf mittelempfindlichem Material belichtet, werden sich Aufnahmen mit den beiden Objektiven kaum noch voneinander unterscheiden lassen.

Primoplan Korrektionszustand

*Nach: Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 52.

 

 

 

Daß die Rivalität zwischen diesen beiden Objektivherstellern sich selbst bis in die Zeit sozialistischer Zentralverwaltungswirtschaft erhalten hat, das kann man auch an den folgenden Normalobjektiven "Primotar und Domiron" ablesen.

 

 

M. Kröger