Prakticar 1,4

Die Prakticare 1,4/50mm

Carl Zeiss Jena

Die Konzeption der neuen Praktica B200 des Jahres 1978 verortete diese Spiegelreflexkamera im Bereich der oberen Amateurklasse. Das läßt sich zum Beispiel an ihrem Motoranschluß ablesen. In diesem Marktsegment waren in Japan Normalobjektive der Lichtstärke 1:1,4 der Standard. Über den praktischen Wert dieser hohen Öffnung kann man natürlich geteilter Meinung sein, zumal der Amateur ohnehin meist ziemlich stark abblendet. Aber diese japanischen Normalobjektive zeichneten sich fast durchweg durch eine erstaunlich kompakte Bauweise aus, sodaß sie sich trotz der übertriebenen Öffnung als Universalobjektive eigneten. Auf diesem Gebiet hatte sich seit dem Pancolar 1,4/55mm von 1963 auf dem internationalen Markt also so einiges getan. Die DDR Photoindustrie mußte nun demzufolge nachziehen und ein vergleichbares Normalobjektiv anbieten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Im Feinoptischen Werk Görlitz wurde zwar schon 1969 ein kompaktes Oreston 1,4/50 entwickelt, das quasi in der Fassung des bisherigen Oreston 1,8/50 Platz fand, dieses Projekt wurde allerdings kurz vor Anlauf der Serienfertigung abgebrochen. Da inzwischen ein Exemplar dieses bislang als Mysterium geltenden Objektives aufgetaucht ist, habe ich ihm einen eigenen Aufsatz gewidmet.

Praktica B100 Prakticar 1.4 50


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War also ein Normalobjektiv mit der Lichtstärke 1,4 zur neuen Praktica LLC 1969 offenbar noch entbehrlich, so hatte sich diese Situation nun also knapp zehn Jahre später bei Erscheinen der Praktica B200 geändert. Ein solches Objektiv gehörte nun obligatotrisch ins Programm eines Markenherstellers. Daher setzten sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Eberhard Dietzsch zusammen mit Erich Greiner und Hans-Dietrich Siegert wieder mit demselben Problem eines kompakten 1,4/50mm auseinander. Ihr Entwicklungsergebnis ließen sie sich im DDR-Patent 146.860 vom 28. Dezember 1979 schützen. Sie knüpften hierbei an die bereits bestehenden Entwicklungen aus der japanischen Industrie an, die mit ausgeprägt gekrümmten Menisken vor der Blende arbeiteten. Das Besondere am Zeiss Prakticar 1,4/50mm war die Frontlinse mit ihrem sehr kleinen Krümmungsradius und einer dadurch ausgeprägt kugeligen Gestalt. Gerade diese massive Frontlinse bestand aber aus dem Glas mit dem kleinsten Brechungsindex des Gesamtobjektives, womit die Herstellungskosten einigermaßen im Rahmen gehalten werden sollten. Die anderen sechs Linsen bestanden aber aus für DDR-Verhältnisse ziemlich hochbrechenden Glassorten mit Brechwerten von zum Teil über 1,7. Trotzdem konnte auf extremste Glassorten verzichtet werden. Im Patent sind beispielhaft zwei japanische Erfindungsbeschreibungen der Firma Olympus aufgeführt, die beide mit extrem hochbrechenden Lanthangläsern (Brechzahlen über 1,8; Abbesche Zahlen über 40) arbeiten. Diese sind nicht nur sehr teuer (gewesen) sondern erschwerten offenbar aufgrund ihrer anomalen Dispersion das im Zaume halten des sekundären Spektrums. Auf diese extrem hochbrechenden Gläser konnten Dietzsch und seine Mitarbeiter, wie erwähnt, durch die sehr kugelige Form der Frontlinse verzichten, die nämlich den optischen Weg für die schief einfallenden Lichtbündel verkürzte, was sich wiederum vorteilhaft auf die Korrektur der Punktlosigkeit und der Koma auswirkte. Auch der Luftzwischenraum zwischen zweiter und dritter Linse mit seiner "eindeutig zerstreuenden Wirkung" hatte hieran seinen Anteil.


Die praktisch ausgeführte Variante des Prakticars 1,4/50 mit Konstruktionsdatum vom 20. März 1978 enthielt aber trotzdem wieder thoriumhaltiges Glas, was ich deswegen mit Sicherheit sagen kann, weil das zweite Patent, auf das ich gleich komme, genau dessen Einsatz zu vermeiden sucht. Als weiteres Indiz dafür, neigt die erste Version des Prakticars 1,4 bei Dunkellagerung zum bekannten Vergilben. Zudem war sie aufgrund dieser Gläser offensichtlich trotzdem noch ziemlich teuer in der Herstellung. Nur 14.500 Stück wurden daher von dieser Version produziert. Es handelt sich verglichen mit der hohen Öffnung um ein sehr gutes Normalobjektiv in einer wirklich erstklassigen mechanischen Ausführung. Die Glaskörper sind in Messing gefaßt und die Blendenmechanik kugelgelagert.

Prakticar 1,4/50 1. Variante

Die erste Version des Prakticars 1,4/50 läßt sich an den außenliegenden Gravuren der Herstellerbezeichnung erkennen. In der untenstehenden Schnittzeichnung fällt die extrem gedrängte Anordnung der Elemente auf, die das Prakticar deutlich kompakter machen, als das alte Pancolar 1,4/55 15 Jahre vorher.

Prakticar 1,4/50 1978 Schema

Dieses Objektiv war einfach in der Herstellung zu teuer. Das geht wörtlich aus der DDR-Schutzschrift 214.946 vom 2. Mai 1983 hervor, die den Nachfolger beschreibt. Hier ist überdies die Rede davon, daß auf lanthan- und thoriumhaltige Gläser (des Vorgängers?) verzichtet werden soll. Günther Benedix und Utz Schneider überarbeiteten daher das bisherige Prakticar 1,4/50 unter Zugrundelegung anderer Gläser, sodaß es deutlich preiswerter herstellbar wurde. In dieser neuen Ausführung befinden sich nur noch zwei Glassorten mit über 1,7 liegender Brechzahl. Offensichtlich war dies ohne nennenswerte Verschlechterung der Bildleistung machbar. Da in beiden Schutzschriften die Aberrationskurven angegeben sind, ist ein direkter Vergleich möglich. Ich habe beide unten angegeben, sodaß sich jeder selbst ein Bild machen kann.


Dieses neue Prakticar 1,4/50 mit Konstruktionsdatum 1. Juni 1982 ist in eine noch etwas gefälligere Fassung eingebaut, die kompakter erscheint, obwohl sich die Linsenform eigentlich nicht prinzipiell geändert hat. Trotz des preiswerteren Materialeinsatzes wurde aber auch dieses Normalobjektiv mit knapp 14.000 Stück in sechs Jahren nicht wirklich häufig gebaut. Das verwundert nicht, denn mit 865,- Mark war es schließlich beinah noch einmal so teuer wie das Kameragehäuse. Für den DDR-Bürger war es zudem zumindest außerhalb der Hauptstadt nur schwer erhältlich.

Prakticar 1,4/50 Version 1982
Prakticar 1,4/50 1982 Schema
Korrektionszustand Version 1978
Korrektionszustand Version 1982

Oben: Die Fehlerkurven der beiden Prakticare 1:1,4; links die Version von 1978 (Patent 1979), rechts die Rechnung von 1982 (Patent 1983). Die oftmals der ersten Version nachgesagte bessere Bildleistung ist zumindest aus diesen Kurven nicht ersichtlich.   


Unten: Trotz guten Lichtes wurde hier einmal bei vollkommen geöffneter Blende photographiert. Das Prakticar 1,4/50 (1. Version) liefert dann freilich nur eine mäßige Schärfe bei deutlich vermindertem Kontrast. Das ist aber nichts Außergewöhnliches für solch lichtstarke Objektive aus dieser Zeit. Ausschlaggebend für ein gutes Amateurobjektiv ist, daß die Bildleistung schon bei leichter Abblendung sehr gut wird. Die volle Objektivöffnung bleibt dann Einsatzfällen unter sehr schlechten Lichtverhältnissen vorbehalten, oder wenn man wirklich außergewöhnliche Bildwirkungen erzielen will.

Meiner Erfahrung nach ist bereits bei Abblendung um eine Stufe die Scharfzeichnung in den mittleren Bildregionen so gut, daß sie das Übertragungsvermögen der meisten Filmemulsionen übertrifft. Man merkt dann gar nicht mehr, daß man mit einem hochlichtstarken Objektiv photographiert hat. Das schafft Reserven, wenn man mal an einem trüben Tag in "finstren Löchern" photographieren muß. Das Bild oben ist mit dem ersten 1,4er an der Praktica B100 bei nur leichter Abblendung entstanden - eine sehr zuverlässige und praxistaugliche Kombination übrigens.


Unten: Eine Aufnahme mit der zweiten Version des Prakticar 1,4/50 mm bei vollkommen geöffneter Blende.

Mittlerweile hat uns Herr Günther Benedix, der zur letzten Generation an Objektivkonstrukteuren bei Zeiss Jena zu zählen ist, einige Informationen und Originaldokumente zum Prakticar 1,4 zur Verfügung gestellt, die die obigen Aussagen noch präzisieren und einen interessanten Einblick liefern, wie es damals im Zeisswerk zuging. Benedix war zusammen mit Utz Schneider beauftragt, die thoriumhaltigen Linsen der ersten Version zu ersetzen. Es handelte sich dabei um zwei Linsen im hinteren Systemteil, die aus dem  Schwerstkron SSK11 bestanden. Wie aus dem unten wiedergegebenen Originaldokument ersichtlich ist, war dieses thoriumhaltige Glasmaterial nicht ohne weiteres durch das Lanthan-Schwerkron LaSK3 ersetzbar.

Der Hintergrund des obigen Schreibens lag darin, daß das Patent der Herren Benedix und Schneider, mit denen sie das Prakticar 1983 thoriumfrei gemacht hatten, am 6. September 1989 endlich erteilt worden war. Das Patentamt hatte also mehr als sechs Jahre gebraucht, um die ausreichende Erfindungshöhe der Neuerung anzuerkennen. Angesichts der vielen, über die Jahrzente hinweg angehäuften internationalen Patente zum Gaußtyp und der Tatsache, daß bei dieser Objektivbauform kaum noch Spielraum für Neuerungen vorhanden war, ist diese lange Prüfdauer nicht verwunderlich. Mit der nun, noch  kurz vor der Wende erfolgten Erteilung ihres Patentes, hatten die beiden Konstrukteure eine Handhabe, eine ausreichende Vergütung für ihre Arbeit einzufordern. Das Glück für uns liegt nun darin, daß durch diesen betriebsinternen Vorgang Informationen zum Prakticar 1,4/50mm überliefert geblieben sind, die ansonsten vielleicht schon in Vergessenheit geraten wären.


Das Schwerstkron SSK11 war mit einer Hauptbrechzahl von 1,7564 ein hochbrechendes Glas, das angesichts dieses hohen Brechungsvermögens eine vergleichsweise geringe Farbzerstreuung aufzuweisen hatte (Abbesche Zahl von 52,9). Diese beiden Eigenschaften in Kombination sind sehr wertvoll. Optische Linsen sind quasi Abschnitte aus einer Glaskugel. Hochbrechende Gläser ermöglichen es dem Objektivkonstrukteur beispielsweise, Linsen einzusetzen, die bei gleicher Brechkraft viel flacher sein können. Genauer gesagt brauchen die Oberflächen weniger stark gekrümmt sein. Damit können Bildfehler im Zaume gehalten werden, die nun garade aus dieser kugeligen Gestalt der Linse herrühren. Hat dieses Glas gleichzeitig noch eine geringe Farbzerstreuung zu bieten, dann gelingt es, weitere problematische Abweichungen wie den Gaußfehler zu begrenzen: Das Außmaß des durch die kugelige Gestalt der Linse hervorgerufenen Öffnungsfehlers ist zu allem Unglück nämlich auch noch abhängig von der Lichtfarbe. Ein Glas also, das das Licht von vornherein weniger stark in seine Farben aufspaltet, macht das Beherrschen und gegenseitige Abwägen solcher Abbildungsfehler bei lichtstarken Objektiven überhaupt erst möglich.


Wenn meine Recherchen stimmen, dann ist das Schwerstkron SSK11 ein Boratglas, das aus diesbezüglichen Forschungsarbeiten Werner Vogels und Wolfgang Heindorfs Ende der 50er Jahre im VEB JENAer Glaswerk hervorgegangen ist [DDR Patent Nr. 22.535 vom 26. Juni 1959]. Diese Gläser enthalten neben Bortrioxid, Lanthantrioxid und Cadmiumfluorid auch um die 20 Prozent Thoriumdioxid. Bei letzterem handelt es sich um das Thoriumisotop 232, das zwar radioaktiv ist, aber durch seine lange Halbwertszeit (länger als das Universum alt ist) so langsam zerfällt, daß die fertige Linse an sich unbedenklich ist. Allerdings verursachen Thoriumverbindungen eine sehr starke gesundheitliche Gefährdung bei denjenigen Menschen, die diese verarbeiten. Das Schmelzen solcher Gläser aber insbesondere deren Schleifen, Polieren und Zentrieren müssen unter besonderem Arbeitsschutz erfolgen, da eingeatmete Stäube durch die abgegebende Alphastrahlung stark karzinogene Wirkung haben (Gefahr der Inkorpation).


Das ist der eine, sehr einleuchtende Grund, weshalb ein Hersteller eine Glassorte, die Thoriumdioxid enthält, gerne so rasch wie möglich substituieren möchte. Der zweite Grund liegt darin, daß SSK-11-haltiges Glas durch die Eigenstrahlung des Thoriumdioxids nach und nach seine Transparenz durch Vergilbung einbüßt. Damit wird der Wert und die Nutzungsdauer eines lichtstarken Objektives auf Basis dieses Glases von vornherein zeitlich begrenzt. Die Vermeidung des sukzessiven Gebrauchswertverlustes von Objektven durch Substitution dieses Glases war übrigens einer der wesentlichen Gründe, weshalb Benedix und Schneider am Ende ihre Vergütung durch ihren Arbeitgeber doch noch erhalten haben. Derartige Probleme mit der Langzeitstabilität entsprechender Erzeugnisse waren dem Herstellerwerk wohlbekannt. [Vgl. Protokoll zur Beratung der Nachvergütung vom  2. Oktober 1989]


Damit hatte also gleichermaßen der Hersteller des Glases sowie die Objektivbauanstalt ein berechtigtes Interesse an der Verdrängung eines solchen Glasmateriales. Die Hoffnungen der Glaswerker, das oben vorgeschlagene, neu entwickelte Lanthan-Schwerkron LaSK3 könne problemlos an die Stelle des SSK11 treten, erfüllte sich indes nicht. Es erreichte mit einer Hauptbrechzahl von 1,7344 nicht das Lichtbrechungsvermögen und mit der Abbeschen Zahl von 51,98 auch nicht ganz die geringe Farbzerstreuung des Vorgängers. Wie mir Herr Benedix versicherte, war damit eine Einfache "Umrechnung" nicht nur beim Prakticar 1,4/50mm erfolglos, sondern auch bei den im obigen Dokument genannten Spezialobjektiven für Mikrofilm-Lesegeräte. Diese hatte Benedix ebenfalls mit dem LaSK3  neu gerechnet. Nach dem Bau von Musterobjektiven und deren Prüfung mußte allerdings eingesehen werden, daß das Austauschglas auch hier nicht dieselben Ergebnisse brachte und deshalb SSK11-Glas für deren Einsatzfall nun sogar explizit vorgehalten werden mußte. Um so drängender wurde es daher, das SSK11 in Konsumgüter-Objektiven wie dem Prakticar zu ersetzen.


Dazu mußte das Prakticar 1,4/50mm aber quasi noch einmal neu erfunden werden. Denn am Ende ging es nicht mehr nur darum, bedenkliche Glassorten zu ersetzen, sondern ganz allgemein um eine drastische Kostenreduzierung in der Produktion. Im Prakticar 1,4/50 mit Konstruktionsdatum 1. Juni 1982 ist das SSK11 schließlich durch das deutlich niedrig brechendere Lanthan-Kron LaK75 (Hauptbrechzahl: 1,6965; Abbesche Zahl: 53,29) ausgetauscht worden. Es wurden etliche Kombinationen durchgespielt. Es mußte immerhin bis zu einer Variante Nr. 23  gerechnet werden, bis ein Kompromiß zwischen optischer Leistung und der erforderlichen Kostenreduzierung erreicht werden konnte, wobei  Bendix und Schneider "an die absoluten Grenzen des gerade noch Vertretbaren gegangen" seien. Dazu war nicht nur das Schwerstkron SSK11 des Vorgängers ersetzt worden, sondern auch ein hochbrechendes Lanthanflint in den Linsen 1; 2 und 5. Daß diese Materialkosteneinsparung dabei noch ohne sichtbare Zugeständnisse an die Bildleistung (siehe Bildfehlerkurven oben) möglich war; genau darin lag die erfinderische Leistung der beiden Konstrukteure.

Datenblatt Pancolar 1,4 Variante 1

Hier sehen Sie zwei Datenblätter des Pancolar/Prakticar 1,4/50 aus dem Herstellerwerk, die mir Herr Benedix freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Oben die erste Variante vom 14. März 1978, die so nicht produziert wurde. Der ersten Version des Prakticar 1,4 lag dann eine Rechnung vom 20. März 1978 zugrunde.


Unten sieht man die kostenreduzierte, thoriumfreie 23. Variante vom 1. Juni 1982, die in exakt dieser Form in der zweiten Version des Prakticar 1,4/50mm umgesetzt wurde. Bemerkenswert: Die Gesamtheit der hier versammelten Angaben auf einem einzigen Blatt Papier würden genügen, das Prakticar 1,4/50  durch einen qualifizerten Betrieb herstellen zu lassen.

Datenblatt Prakticar 1,4 Variante 23

Nicht mehr ganz klären ließ sich, inwieweit  das Lanthan-Schwerkron LaSK3 oder andere Austausch-Glassorten ohnehin hätten aus der Sowjetunion  bezogen werden müssen. An mehreren Stellen ist schließlich von Importeinsparungen zu lesen. [Protokoll zur Beratung der Nachvergütung vom  2. Oktober 1989]

Zum Abschluß kann ich noch vermelden, daß sich die Arbeiten bei Carl Zeiss Jena an einem Normalobjektiv der Lichtstärke 1:1,4 noch deutlich weiter zurückverfolgen lassen; lange bevor an eine neue Praktica-Generation zu denken war. Bereits vom 26. August 1976 liegt eine Rechnung für ein Pancolar 1,4/50mm vor, die vollständig auf Glassorten aus der Sowjetunion aufgebaut war. Damals dominierte noch die Praktica L-Reihe die Produktion des Dresdner Kamerabaus. Anhand des Linsenschnitts erkennt man, daß der prinzipielle Aufbau dieses Objektives bereits damals ausgearbeitet vorlag. Gleichzeitig wird anhand dieses Umstandes noch einmal deutlich, wie viele Jahre die Entwicklungsabteilung letztlich in dieses Projekt investiert hat und wie komplex die Abwägungen zwischen Kosten und erreichbarem Qualitätsniveau gewesen sein mögen.

Datenblatt Pancolar 1,4/50mm SU-Glas

Ein Versuchsmuster Nr. 622 dieses Pancolar 1,4/50mm mit M42-Anschluß und elektrischer Blendenwertübertragung, das sehr wahrscheinlich auf der obigen Konstruktion basiert, ist unten dargestellt. [Photo: T. Hirt, Schweiz]

Zeiss Jena Pancolar 1,4/50mm; Versuchsmuster

Abschließend doch noch einmal ein paar Worte zur Radioaktivität thoriumhaltiger Gläser. Zuschriften zeigen nämlich, daß viele Leser durch diese Problematik verunsichert sind. Ein Kollege von mir, der Sandro, hat einmal ein Takumar 1,4/50 mm, dessen Eigenschaften ähnlich gelagert sind, wie beim obigen Prakticar, von der Sächsischen Landesmeßstelle für Radioaktivität in Chemnitz überprüfen lassen. Hier kam man zur folgenden Einschätzung:


"Die gemessene Dosisleistung in 5 cm Abstand zur thoriumhaltigen Linse beträgt 2,1 µSv/h; das ist hier die kameranahe Seite des Objektivs. Bei der Messung an der Kamera mit montiertem Objektiv ergab sich im ungefähren Abstand Auge – Linse ein Wert von 0,6 µSv/h. Die Werte sind Brutto-Dosisleistungen; die gemessene natürliche Hintergrundstrahlung von 0,1 µSv/h ist nicht abgezogen. Im Strahlenschutz gilt das Abstandsquadratgesetz. Wie gestern messtechnisch gezeigt, führt eine Verdopplung des Abstandes zur Strahlenquelle zur Reduzierung der Dosisleistung um den Faktor 4.


Bei Multiplikation der gemessenen Dosisleistung mit der Aufenthalts- bzw. Nutzungszeit erhält man die Dosis. Bei z. B. (sehr hoch angesetzten) 100 Stunden pro Jahr ergibt sich für die Handhabung des TAKUMAR-Objektivs eine Dosis von 210 µSv (0,21 mSv). Zum Vergleich dazu liegt die mittlere effektive Dosis aus natürlichen Strahlenquellen in Deutschland bei 2,1 mSv pro Jahr. Diese setzt sich zusammen aus 1,1 mSv durch eingeatmetes Radon und seine Zerfallsprodukte, 0,3 mSv aus direkter kosmischer Strahlung, 0,4 mSv aus direkter terrestrischer Strahlung und 0,3 mSv aus der Nahrung. Die mittlere effektive Dosis aus künstlichen Strahlenquellen in Deutschland (geht fast komplett auf die Anwendung radioaktiver Stoffe und ionisierender Strahlung am Menschen in der Medizin zurück) liegt bei 1,7 mSv pro Jahr. Die zusätzliche Strahlenexposition durch die von Ihnen beschriebene Nutzung der Kameras bzw. Handhabung der Objektive ist somit vernachlässigbar."


Solange Sie also Ihr Objektiv nicht zerlegen, die Linsen ausbauen, anschließend an ihnen herumschleifen und die entstehenden Stäube in Ihre Lunge aufnehmen, besteht keinerlei Gefahr. Über das Vermeiden oder sogar Zurückdrängen der durch die Radioaktivität hervorgerufenen Vergilbungserscheinungen mithilfe von UV-Strahlung existieren im Internet bereits genügend Veröffentlichungen. Ich rate Ihnen nur: Haben Sie Geduld und nutzen Sie den natürlichen UV-Anteil des Tageslichtes. Vor dem Hantieren mit irgendwelchen künstlichen UV-Quellen kann ich nur dringend warnen! Diese sind allemal gefährlicher als jegliche Radioaktivität Ihres Objektives.







M. Kröger, April 2016


letzte Änderung 13. Dezember 2019