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Die Prakticare 1,4/50mm

Carl Zeiss Jena

Die Konzeption der neuen Praktica B200 des Jahres 1978 verortete diese Spiegelreflexkamera im Bereich der oberen Amateurklasse. Das läßt sich zum Beispiel am Motoranschluß ablesen. In diesem Marktsegment waren in Japan Normalobjektive der Lichtstärke 1:1,4 der Standard. Über den praktischen Wert dieser hohen Öffnung kann man natürlich geteilter Meinung sein, zumal der Amateur ohnehin meist ziemlich stark abblendet. Aber diese japanischen Normalobjektive zeichneten sich fast durchweg durch eine erstaunlich kompakte Bauweise aus, sodaß sie sich trotz der übertriebenen Öffnung als Universalobjektiv eigneten. In diesem Bereich hatte sich seit dem Pancolar 1,4/55mm von 1963 auf dem internationalen Markt also so einiges getan. Die DDR Photoindustrie mußte nun also nachziehen und ein vergleichbares Normalobjektiv anbieten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Im Feinoptischen Werk Görlitz wurde zwar schon 1970 ein kompaktes Oreston 1,4/50 entwickelt, das quasi in der Fassung des bisherigen Oreston 1,8/50 Platz fand, dieses Projekt wurde allerdings kurz vor Anlauf der Serienfertigung abgebrochen. Da inzwischen ein Exemplar dieses bislang als Mysterium geltenden Objektives aufgetaucht ist, habe ich ihm einen eigenen Aufsatz gewidmet.

War ein Normalobjektiv mit der Lichtstärke 1,4 zur neuen Praktica LLC offenbar noch entberhrlich, so hatte sich diese Situation knapp zehn Jahre später bei Erscheinen der Praktica B200 geändert. Ein solches Objektiv gehörte nun obligatotrisch ins Programm eines Markenherstellers. So setzten sich nun Eberhard Dietzsch zusammen mit Erich Greiner und Hans-Dietrich Siegert wieder mit demselben Problem eines kompakten 1,4/50mm auseinander. Ihr Entwicklungsergebnis ließen sie sich im DDR Patent 146.860 vom 28. Dezember 1979 schützen. Sie knüpften hierbei an die bereits bestehenden Entwicklungen aus der japanischen Industrie an, die mit ausgeprägt gekrümmten Menisken vor der Blende arbeiteten. Das Besondere am Zeiss Prakticar 1,4/50mm war die Frontlinse mit ihrem sehr kleinen Krümmungsradius und einer dadurch ausgeprägt kugeligen Gestalt. Gerade diese massive Frontlinse bestand aber aus dem Glas mit dem kleinsten Brechungsindex des Gesamtobjektives, womit die Herstellungskosten einigermaßen im Rahmen gehalten werden sollten. Die anderen sechs Linsen bestanden aber aus für DDR-Verhältnisse ziemlich hochbrechenden Glassorten mit Brechwerten von zum Teil über 1,7. Die praktisch ausgeführte Variante des Prakticars 1,4/50 mit Konstruktionsdatum vom 20. März 1978 enthielt daher offenbar auch wieder thoriumhaltiges Glas, denn es neigt bei Dunkellagerung zum bekannten Vergilben. Zudem war es aufgrund dieser Gläser offensichtlich ziemlich teuer in der Herstellung. Nur 14.500 Stück wurden daher von dieser Version produziert. Es handelt sich verglichen mit der hohen Öffnung um ein sehr gutes Normalobjektiv in einer wirklich erstklassigen mechanischen Ausführung. Die Glaskörper sind in Messing gefaßt und die Blendenmechanik kugelgelagert.

Prakticar 1,4/50 1. Variante
Prakticar 1,4/50 1978 Schema

Die erste Version des Prakticars 1,4/50 läßt sich an den außenliegenden Gravuren der Herstellerbezeichnung erkennen. Auf der Schnittzeichnung fällt die extreme gedrängte Anordnung der Elemente auf, die das Prakticar deutlich kompakter machen, als das alte Pancolar 1,4/55 15 Jahre vorher.

Dieses Objektiv war einfach in der Herstellung zu teuer. Das geht wörtlich aus der DDR-Schutzschrift 214.946 vom 2. Mai 1983 hervor, die den Nachfolger beschreibt. Hier ist überdies die Rede davon, daß auf lanthan- und thoriumhaltige Gläser (des Vorgängers?) verzichtet werden soll. Günther Benedix und Utz Schneider hatten das bisherige Prakticar 1,4/50 mit anderen Gläsern so berechnet, daß es deutlich preiswerter herstellbar wurde. In dieser neuen Ausführung befinden sich nur noch zwei Glassorten mit über 1,7 liegender Brechkraft. Offensichtlich war dies ohne nennenswerte Verschlechterung der Bildleistung machbar. Da in beiden Schutzschriften die Aberrationskurven angegeben sind, ist ein direkter Vergleich möglich. Ich habe beide unten angegeben, sodaß sich jeder selbst ein Bild machen kann.

 

Dieses neue Prakticar 1,4/50 mit Konstruktionsdatum 1. Juni 1982 ist in eine noch etwas gefälligere Fassung eingebaut, die kompakter erscheint, obwohl sich die Linsenform eigentlich nicht geändert hat. Aber auch dieses Normalobjektiv wurde mit knapp 14.000 Stück in sechs Jahren nicht wirklich häufig gebaut. Das verwundert nicht, denn mit 865,- Mark war es schließlich beinah noch einmal so teuer wie das Kameragehäuse. Für den DDR-Bürger war es zudem zumindest außerhalb der Hauptstadt nur schwer erhältlich.

Prakticar 1,4/50 Version 1982
Prakticar 1,4/50 1982 Schema
Korrektionszustand Version 1978
Korrektionszustand Version 1982

Oben: Die Fehlerkurven der beiden Prakticare 1:1,4; links die Version von 1978 (Patent 1979), rechts die Rechnung von 1982 (Patent 1983). Die oftmals der ersten Version nachgesagte bessere Bildleistung ist zumindest aus diesen Kurven nicht ersichtlich.

 

Meiner Erfahrung nach ist bereits bei Abblendung um eine Stufe die Scharfzeichnung in den mittleren Bildregionen so gut, daß sie das Übertragungsvermögen der meisten Filmemulsionen übertrifft. Man merkt dann gar nicht mehr, daß man mit einem hochlichtstarken Objektiv photographiert hat. Das schafft Reserven, wenn man mal an einem trüben Tag in "finstren Löchern" photographieren muß. Das Bild unten ist mit dem ersten 1,4er an der Praktica B100 bei nur leichter Abblendung entstanden - eine sehr zuverlässige und praxistaugliche Kombination übrigens.

M. Kröger, April 2016