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Sonstige Kameras

Hier sollen nach und nach Hintergrundinformationen zu den übrigen Kameras der Mitteldeutschen Photoindustrie aufgeführt werden, wie sie sonst vielleicht noch nirgens zu finden sind.

 

 

Werra

Durch die heutzutage möglich gewordene internationale Vernetzung von Kamerafreunden bin ich zu der Einschätzung gelangt, daß die Werra zu den beliebtesten Erzeugnissen unserer Photoindustrie in Übersee gehört. Insbesondere im Anglo-Amerikanischen Raum stößt die Werra aufgrund ihres ziemlich einzigartigen Äußeren bis heute auf begeisterte Anerkennung. Man muß dann diese Leute – für die das Bild der Länder hinter Eisernen Vorhang fast ausschließlich durch Klischees überprägt ist – erst einmal ein wenig über den politischen Hintergrund dieser Kamera aufklären. Die harten Fakten sind rasch zusammengefaßt: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der die Machtstrukturen der stalinistischen Einparteiendiktatur ernstlich erschüttert hatte, sorgte dafür, daß die Führungselite um Walter Ulbricht nach einer kurzen Zeit des sich Sammelns in Aktionismus ausbrach. Mit dem gegen Ende des Jahres eingeschlagenen „Neuen Kurs“ versuchte man, durch wirtschaftspolitische Zugeständnisse den Druck aus dem System zu nehmen. Mit dem Mittel, den DDR-Bürgern etwas zum Kaufen in die Läden zu stellen, gelang es, politische Grundsatzfragen vom Tableau zu nehmen. Dieser Zustand wurde für die nächsten 30 Jahre konserviert, bis die damals unter den Teppich gekehrten Grundsatzfragen das Regime erbarmungslos einholten.

Die Werra wurde ursprünglich mit einem grünen Vulkanitbelag versehen. Diese Technologie wurde von den Zeissianern schon seit Jahrzehnten im Fernglasbau angewendet und war daher genauestens bekannt. Und grün deshalb, weil die Werra als echte Thüringerin so grün sein sollte, wie der Thüringer Wald. So wurde das damals begründet. Geschmackssache. Die Farbvarianten daneben wurden leider nie gefertigt, obwohl sie sicherlich attraktiv gewesen wären. Stattdessen stellte man im Laufe der 50er Jahre die Vulkanisierung auf das zeitlose schwarz um.

Es ist gar nicht meine Absicht, hier zu politisieren, aber unsere Werra ist nun einmal ein beredtes Zeugnis dieser wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der frühen DDR. Sie war ein direktes Ergebnis des besagten Neuen Kurses. Der VEB Carl Zeiss JENA ist nämlich damals dazu verpflichtet worden, eine Kleinbildkamera für die breiten Massen zu konstruieren, die bei zweckmäßigem Aufbau und guter Leistung in möglichst großen Stückzahlen herstellbar sein sollte [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 353ff.]. Dazu wurde eine Produktionsanlage komplett neu aufgebaut – mit all den Schwierigkeiten, die sich bei so einem Vorhaben ergeben. Wolfgang Schröter ermöglicht es uns, einen einmaligen Blick in die im Sommer 1954 gerade erst angelaufene Produktion der Werra zu werfen [Deutsche Fotothek, Datensatz 71621305].

Großer Wert wurde auf die robuste Konstruktion gelegt – irgendwelche Lösungen mit Springmechanik und Lederbalg zwischen Objektiv und Gehäuse kamen dabei nicht infrage. Besonderes Augenmerk galt auch der Bildbühne. Rolf Miller hat in seinem Aufsatz „Die Bildleistung der Werra“ [Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] ausführlich beschrieben, welche umfangreichen Untersuchungen zur Filmplanlage angestellt wurden, bevor die Bildbühne letztlich Gestalt annahm. Hier haben es die von Zeiss delegierten Chefkonstrukteure Werner Broche und Kurt Wagner ein wenig zu genau genommen. Die ersten Modelle der Werra konnten diese Präzision noch gar nicht ausnutzen. Das änderte sich erst mit Einführung der Wechselobjektive in Verbindung mit dem Schnittbildentfernungsmesser. Jetzt war Präzision gefragt! Die resultierende Bildqualität setzt sich nämlich aus der Summe aller Justierungsungenauigkeiten zusammen. Und diese Abweichungen kamen nun nicht nur von der Filmdurchbiegung, sondern auch vom Abgleich des Meßsuchers und von Toleranzen des Anlagemaßes verschiedener Wechselobjektive. Dieses Aufsummieren von Toleranzen ist übrigens ein großes Problem für den Kamerakonstrukteur, weil dies im schlimmsten Fall die ganze Kamera infragestellen kann. Ich kann mir vorstellen, daß schlecht beherrschbare Justagefehler auch die Umstellung der Altix auf Meßsucher vereitelt haben, denn was nützt ein präziser Meßsucher, wenn das Bild am Ende nicht scharf ist, weil die gesamte Abbildungskette nicht präzise genug toleriert ist. Bei der Werra war dieses Problem von Anfang an ausreichend beachtet worden. Das ist ein Hauptgrund dafür, weshalb diese ursprünglich so simple Werra am Ende zu solch einem hochpräzisen System mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Belichtungsmesser ausgebaut werden konnte. Das ist wahrlich als eine der größten Konstruktionsleistungen im deutschen Kamerabau anzusehen.

Oben sieht man eine Modellübersicht der Werra-Reihe. Die Werra V befand sich zum Zeitpunkt des Druckes (1958) noch in der Konzeption. Die fertige Kamera hatte dann eine gewölbte Deckkappe, die in der Folgezeit auch sukzessive bei den anderen Modellen übernommen wurde. Die Werra V wurde kurze Zeit später durch die leicht weiterentwickelte Werramatic abgelöst, deren äußeres Kennzeichen die weggefallene Schutzkappe vor dem Einbereichs-Belichtungsmesser war.

 

Unten dieses besagte Spitzenmodell der Reihe mit einer bequemen Belichtungshalbautomatik und dem speziellen Schnittbild-Entfernungsmesser im großen, hellen Meßssucher. Die Zeichnung darunter zeigt, welch großer optischer und mechanischer Aufwand für diesen Meßsucher vonnöten gewesen ist.

Geschützt wurde dieser Meßsucher mit dem DDR-Patent Nr. 17.655 vom 10. Juli 1956. Hermann Friebe war der Urheber. Mir ist übrigens nicht bewußt, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers von anderen Herstellern in ihren Meßsuchern eingesetzt worden ist. Man findet sonst eigentlich nur den Mischbildentfernungsmesser, der nach dem Überlagerungsprinzip arbeitet. Der Schnittbildentferungsmesser braucht zwar immer eine Kante oder ein anderes markantes Objekt, das eben zerschnitten wirkt, wenn nicht scharfgestellt ist, dafür beeindruckt er mit seinem hellen, klaren Meßfleck, der auch bei wenig Licht und kontrastarmen Objekten ein gutes Scharfstellen ermöglicht. Das Mischbild ist in solchen Fällen meist rasch am Ende.

DD17.655
DD17.655

Wieso nicht jede x-beliebige Firma solch aufwendige Meßsucher anbieten konnte, er kennt man, wenn man sich mal die Kombination aus Dackantprisma mit aufgekittetem Ablenkungsprisma anschaut, das in der Werra III...V verbaut wurde. Das war schon höchste optisch-feinmechanische Präzision. Heute werden solche Prismensysteme aus transparenten Kunststoffen gespritzt, aber bei der Werra ist alles aus geschliffenem, poliertem Glase. Bei der Werra V bzw. der Werramatic kam dann noch die Anzeige des Nachführzeigers am unteren Bildrand sowie die Einspiegelung von Zeit- und Blendenskala hinzu. Das war eine große Leistung!

Altix

 

Über diese Kameras gibt es bereits zahreiche Internetseiten - es wäre also unsinnig, hier noch einmal die Modellfolge dieses Typs zu wiederholen. Erwähnt werden sollte die Altix aber dennoch, denn bei ihr handelt es sich um die zeitweilig beliebteste Amateurkamera der DDR. Für viele war sie der Einstieg in die ernsthafte Amateurphotographie, denn insbesondere die Modelle mit Wechselobjektiven erlaubten schon eine ziemlich weitgreifende Bildgestaltung. Für den phototechnisch Interessierten fasziniert die technische Evolution dieser Kamera. Die ersten Modelle - vor dem Kriege und nach 1945 - waren reine Blechkonstruktionen; gestanztes und miteinander vernietetes oder verschraubtes Messingblech.

Das hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Teile aus Aluminium-Druckguß wurden lange Zeit noch durch Spezialfimen zugeliefert. Eine dieser Firmen befand sich beispielsweise in Berlin-Weißensee. Dort wurden nachweislich die Grundkörper der Meister-Korelle hergestellt. Es dauerte eine Zeit, bis Druckgußteile auch in den kleineren Firmen vor Ort gefertigt werden konnten. Erst jetzt konnte die Grundkonstruktion der Altix auf modernere Bauarten umgestellt werden.

Auf der Basis eines solchen Druckgußköpers waren dann auch viel leichter Modifikationen möglich. So gab es die Altix n mit einem Belichtungsmesser, der erst die links zu sehende Formgebung hatte. Später wurde auch diese Belichtungsmesser-Variante der Altix auf den praktischen Leuchtrahmensucher umgestellt, weshalb der Belichtungsmesser, um genügend Platz für die Leuchtrahmen-Beleuchtung zu schaffen, in die Deckkappe integriert und etwas nach rechts verschoben wurde. Falls dazu auch Änderungen am Grundkörper der Kamera nötig wurden, so fertigte man einfach eine neue Gußform an. Das war fertigungstechnisch ziemlich modern für so eine kleine Firma.

 

Eines bekam man aber nicht mehr hin: Einen mit der Scharfstellung gekuppelten Meßsucher. Hierzu hätte das Konzept dieser Kamera nachträglich neu aufgestellt und auch die Wechselobjektive hätten neu eingerichtet werden müssen. Das war zu aufwendig. Auch hätte der Stößel, der den Metertrieb mit dem Meßsucher verbindet, irgendwo durch den "von der Stange" gefertigten Tempor Zentralverschluß geführt werden müssen. All das wollte die zusammengelegte Konstruktionsabteilung der Kamera- und Kinowerke offenbar nicht mehr leisten. Damit war Anfang der 60er Jahre das Konzept der Sucherkamera mit Wechselobjektiven im Dresdner Kamerabau ad acta gelegt. Ein paar Jahre später folgte auch die Eisfelder Werra diesem Schicksal. Das Zeitalter der Einäugigen Reflexkamera war angebrochen.

Seltenes Bildmaterial aus der Produktion der Altix. Anlaß war der Ausstoß der hunderttausendsten Kamera. Das genaue Datum ist nicht mehr bezifferbar, nur daß die Pressephotographen Erich Höhne und Erich Pohl die Urheber gewesen sind [Bildquelle: Deutsche Fotothek].