Sonstige Kameras
DD43.115
DD43.115

Sonstige Kameras

Hier sollen nach und nach Hintergrundinformationen zu den übrigen Kameras der Mitteldeutschen Photoindustrie aufgeführt werden, wie sie sonst vielleicht noch nirgends zu finden sind.



Werra

Durch die heutzutage möglich gewordene internationale Vernetzung von Kamerafreunden bin ich zu der Einschätzung gelangt, daß die Werra  zu den beliebtesten Erzeugnissen unserer Photoindustrie in Übersee gehört. Insbesondere im Anglo-Amerikanischen Raum stößt die Werra aufgrund ihres ziemlich einzigartigen Äußeren bis heute auf begeisterte Anerkennung. Man muß dann diese Leute – für die das Bild der Länder hinter Eisernen Vorhang fast ausschließlich durch Klischees überprägt ist – erst einmal ein wenig über den politischen Hintergrund dieser Kamera aufklären. Die harten Fakten sind rasch zusammengefaßt: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der die Machtstrukturen der stalinistischen Einparteiendiktatur ernstlich erschüttert hatte, sorgte dafür, daß die Führungselite um Walter Ulbricht nach einer kurzen Zeit des sich Sammelns in Aktionismus ausbrach. Mit dem gegen Ende des Jahres eingeschlagenen „Neuen Kurs“ versuchte man, durch wirtschaftspolitische Zugeständnisse den Druck aus dem System zu nehmen. Mit dem Mittel, den DDR-Bürgern etwas zum Kaufen in die Läden zu stellen, gelang es, politische Grundsatzfragen vom Tableau zu nehmen. Dieser Zustand wurde für die nächsten 30 Jahre konserviert, bis die damals unter den Teppich gekehrten Grundsatzfragen das Regime erbarmungslos einholten.

Werra


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Die  Werra wurde ursprünglich mit einem grünen Vulkanitbelag versehen. Diese Technologie wurde von den Zeissianern  schon seit Jahrzehnten im Fernglasbau angewendet und war daher genauestens bekannt. Und grün deshalb, weil  die Werra als echte Thüringerin so grün sein sollte, wie der Thüringer Wald. So wurde das damals begründet. Geschmackssache. Die Farbvarianten daneben wurden leider nie gefertigt, obwohl sie sicherlich attraktiv gewesen wären. Stattdessen stellte man im Laufe der 50er Jahre die Vulkanisierung auf das  zeitlose  schwarz um.

Es ist gar nicht meine Absicht, hier zu politisieren, aber unsere Werra ist nun einmal ein beredtes Zeugnis dieser wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der frühen DDR. Sie war ein direktes Ergebnis des besagten Neuen Kurses. Der VEB Carl Zeiss JENA ist nämlich damals dazu verpflichtet worden, eine Kleinbildkamera für die breiten Massen zu konstruieren, die bei zweckmäßigem Aufbau und guter Leistung in möglichst großen Stückzahlen herstellbar sein sollte [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 353ff.]. Dazu wurde eine Produktionsanlage komplett neu aufgebaut – mit all den Schwierigkeiten, die sich bei so einem Vorhaben ergeben. Wolfgang Schröter ermöglicht es uns, einen einmaligen Blick in die  im Sommer 1954 gerade erst angelaufene Produktion der Werra zu werfen [Deutsche Fotothek, Datensatz 71621305].



Großer Wert wurde von Beginn an auf robuste Konstruktion gelegt – irgendwelche Lösungen mit Springmechanik und Lederbalg zwischen Objektiv und Gehäuse kamen dabei nicht infrage. Besonderes Augenmerk galt auch der Bildbühne. Rolf Miller hat in seinem Aufsatz „Die Bildleistung der Werra“ [Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] ausführlich beschrieben, welche umfangreichen Untersuchungen zur Filmplanlage angestellt wurden, bevor die Bildbühne letztlich Gestalt annahm. Hier haben es die von Zeiss delegierten Chefkonstrukteure Werner Broche und Kurt Wagner anfänglich ein wenig übertrieben. Die ersten Modelle der Werra konnten diese Präzision noch gar nicht ausnutzen.

Das ist eine Nahaufnahme der Filmspreizrippen der Werra. Wie die Bezeichnung andeutet, besteht ihre Aufgabe darin, den Film quer zur Transportrichtung auseinanderzuziehen, und dadurch die Durchwölbung des Schichträgers auf ein absolutes Kleinstmaß zu begrenzen. Um in den vollen Genuß dieses Effektes zu gelangen, war es allerdings empfehlenswert, den Filmtransport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, da er ansonsten durch das klimatisch bedingte Eigenleben des Materiales rasch wieder zunichte gemacht wurde.

Diese konstruktiven Vorleistungen zahlten sich aber aus, als einige Jahre später die Werra mit Wechselobjektiven versehen und zur Meßsucherkammera ausgebaut werden sollte. Jetzt war Präzision gefragt! Die resultierende Bildqualität setzt sich nämlich aus der Summe aller Justierungsungenauigkeiten zusammen. Und diese Abweichungen kamen nun nicht nur von der Filmdurchbiegung, sondern auch vom Abgleich des Meßsuchers und von Toleranzen des Anlagemaßes verschiedener Wechselobjektive. Dieses Aufsummieren von Toleranzen ist übrigens ein großes Problem für den Kamerakonstrukteur, weil dies im schlimmsten Fall die ganze Kamera infragestellen kann. Ich kann mir vorstellen, daß schlecht beherrschbare Justagefehler auch die Umstellung der Altix auf Meßsucher vereitelt haben, denn was nützt ein präziser Meßsucher, wenn das Bild am Ende nicht scharf ist, weil die gesamte Abbildungskette nicht präzise genug toleriert ist. Bei der Werra war dieses Problem von Anfang an ausreichend beachtet worden. Das ist ein Hauptgrund dafür, weshalb diese ursprünglich so simple Werra am Ende zu solch einem hochpräzisen System mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Belichtungsmesser ausgebaut werden konnte. Das ist wahrlich als eine der größten Konstruktionsleistungen im deutschen Kamerabau anzusehen.

Oben sieht man eine Modellübersicht der Werra-Reihe. Die Werra V befand sich zum Zeitpunkt des Druckes (1958) noch in der Konzeption. Die fertige Kamera hatte dann eine gewölbte Deckkappe, die in der Folgezeit auch sukzessive bei den anderen Modellen übernommen wurde. Die Werra V wurde kurze Zeit später durch die leicht weiterentwickelte Werramatic abgelöst, deren äußeres Kennzeichen die weggefallene  Schutzkappe vor dem Einbereichs-Belichtungsmesser war.


Unten  dieses besagte Spitzenmodell der Reihe mit  einer bequemen Belichtungshalbautomatik und dem speziellen Schnittbild-Entfernungsmesser im großen, hellen Meßsucher. Die Zeichnung darunter zeigt, welch großer optischer und mechanischer Aufwand für diesen Meßsucher vonnöten gewesen ist.

DD17.655
DD17.655

Geschützt wurde  der Meßsucher der Werra  mit dem DDR-Patent Nr. 17.655 vom 10. Juli 1956. Hermann Friebe war der Urheber. Mir ist übrigens nicht bewußt, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers von anderen Herstellern in ihren Meßsuchern eingesetzt worden ist. Man findet sonst eigentlich nur den Mischbildentfernungsmesser, der nach dem Überlagerungsprinzip arbeitet. Der Schnittbildentferungsmesser braucht zwar immer eine Kante oder ein anderes markantes Objekt, das eben zerschnitten wirkt, wenn nicht scharfgestellt ist, dafür beeindruckt er mit seinem hellen, klaren Meßfleck, der auch bei wenig Licht und kontrastarmen Objekten ein gutes Scharfstellen ermöglicht. Das Mischbild ist in solchen Fällen meist rasch am Ende.


Erwähnenswert ist noch, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers eine Möglichkeit geboten hätte, nicht nur die Scharfstellung anhand des Suchers vorzunehmen, sondern auch die zur Verfügung stehende Schärfentiefe im Sucher direkt abzulesen. Hermann Friebe und Paul Klupsch hatten dazu ein Patent angemeldet, das aber in der Praxis nicht verwirklicht wurde [DD27.363 vom 1. Juli 1957].

Wieso nicht jede x-beliebige Firma solch aufwendige Meßsucher anbieten konnte, er kennt man, wenn man sich mal  die Kombination aus Dackantprisma mit  aufgekittetem Ablenkungsprisma anschaut, das in der Werra III...V verbaut wurde. Das war schon höchste optisch-feinmechanische Präzision. Heute werden solche Prismensysteme aus transparenten Kunststoffen gespritzt, aber bei der Werra ist alles aus geschliffenem, poliertem Glase.  Bei der Werra V bzw. der Werramatic kam dann noch die Anzeige des Nachführzeigers am unteren Bildrand sowie die Einspiegelung von Zeit- und Blendenskala hinzu. Das war eine große Leistung!

Als die Werra III entwickelt wurde, sollte diese nicht nur einen mit der Scharfstellung gekuppelten Entfernungsmesser aufweisen, sondern als Erschwernis auch noch Wechselobjektive. Ein sogenannter Basisentfernungsmesser, bei dem Spiegel, Prismen oder Linsen um ganz geringe Winkelbeträge verschwenkt werden, stellt an sich schon eine große mechanische Herausforderung dar. Wenn der Entfernungsmesser überhaupt die notwenidige Präzision des Kleinbildes erfüllen und  eine gewisse Langzeitstabilität gesichert bleiben soll, dann verlangt eine Entfernungsmesserkupplung bei Wechselobjektivsystemen eine sehr sorgfältige Konstruktionstätigkeit. Nicht umsonst haben die Firmen Leitz und Zeiss Ikon Anfang der 1930er Jahre sehr lange an dieser Problemstellung gearbeitet und sind auch zu sehr unterschiedlichen konstruktiven Lösungen gekommen.


Die Entfernungsmesserkupplung der Werra folgt nun in gewisser Weise dem Grundprinzip der Leica. Allerdings wird der Schwenkwinkel nicht wie bei der Leica direkt durch ein Gleiten an  der Verstellkurve des Objektivs  angetrieben, sondern über zwei Stifte, von denen der eine einen Bestandteil der Kamera darstellt und der andere spielfrei im Objektiv gelagert ist. Das garantiert höchste Langzeitstabilität und Verschleißfreiheit. Diese Anordnung war übrigens auch deshalb machbar, weil die Werra mit dem in der DDR weit verbreiteten Schraubbajonett-Prinzip arbeitet, bei dem das Objektiv nicht verdreht werden muß, sondern von vorn aufgesteckt  und durch Verdrehen eines Ringes gesichert wird. Entwickelt wurde diese Entfernungsmesserkupplung vom Zeiss-Konstrukteur  Paul Klupsch, der sich seine Idee im DDR Patent Nr. 16.873 vom 23. Oktober 1956 hat schützen lassen.


Nicht weniger Aufwand als der gekoppelte Entfernungsmesser verlangte die Konstruktion eines einfach zu bedienenden Belichtungsmessers. Bei der Werra II waren dazu noch Leitwerte und eine passende Rechenscheibe vonnöten. Für die Werra IV hatten sich Helmut Scharffenberg und Johann Koch ein anderes System ausgedacht, das ohne zusätzliche Skalen und Rechenhilfen auskam [DDR-Patent Nr. 20.019 vom 1. September 1957]. Dazu war ein Indexring vorgesehen, der bei Einstellung der Filmempfindlichkeit in eine bestimmte Relation zum gekoppelten Zeit- und Blendeneinstellring gebracht wurde. Der Belichtungsmesser zeigte nun direkt einen Blendenwert an, der  einmalig bei ENTKOPPELTEM Zeit-Blendenring dem Index gegenübergestellt werden mußte.  Anschließend konnten beliebige Zeit-Blenden-Paarungen gewählt werden, ohne daß sich die Belichtung änderte. Da der Belichtungsmesser der Werra IV noch ein Zweibereichs-Beleichtungsmesser war, waren zwei farbige Indizes auf dem Indexring vorhanden.

DD20.019 Werra IV

Trotzdem war diese Vereinfachung noch nicht einfach genug. Immernoch mußten Zahlen von einer Skala abgelesen und am Index eingestellt werden. Für die Werra V (bzw. Werramatic)  sollte der Abgleich ohne Ablesung von Zahlenwerten  möglich sein, indem einfach der Zeiger des Belichtungsmessers auf eine Festmarke eingestellt würde (Nachführprinzip). Verkompliziert wurde diese Lösung dadurch, daß diese Nachführung möglich sein sollte, während man das Motiv mit dem Sucher anvisierte. Weil dazu das Meßsystem ohnehin in den Sucher eingespiegelt werden mußte, hatte Johann  Koch  den Meßabgleich so ausgelegt, das er entsprechend optomechanisch arbeitete [DDR-Patent Nr. 29.472 vom 5. Oktober 1959]. Dazu wurden Zeit, Blende und Filmempfindlichkeit in eine Stößelbewegung überführt, die eine Verdrehung eines Spiegels bewirkte, der seinerseits den Zeiger im Sucher abbildete. Mit dieser Einrichtung mußte der Zeiger auf den Ausschnitt am unteren Sucherrand eingespielt werden, wie dies oben in der Darstellung des Werramatic-Sucherbildes gezeigt ist. Dieser Mechanismus geriet beinah ebenso aufwendig, wie der Entfernungsmesser derselben Kamera.

DD29.472 Werra V

Unter Federführung der Konstrukteure Hermann Friebe und Helmut Scharffenberg wurde die Werramat  anschließend bis zum Jahre 1967  zu einem Blendenautomaten weiterentwickelt. Diese  "WERRA supermat" wurde 1968 noch groß in der "Fotografie" angekündgt und umfangreich technisch beschrieben, kam aber offenbar nicht über die Nullserie hinaus und gelangte auch nicht offiziell in die Geschäfte.

Aufnahmen: Peter Drijver

Die gesamte Belichtungsautomatik dieser Kamera fußte nun darauf, daß eine aufwendige Mechanik die Stellung des Meßwerkzeigers abtastete, um damit die Blendenöffnung festzulegen, bevor der Verschluß schließlich ausgelöst wurde. Ich dachte bislang immer, der durch diesen Aufbau stark verlängerte Auslöseweg sei der Anlaß gewesen, von der bisherigen Form des Gehäuseauslösers abzugehen und an der Rückseite eine Art Auslöseschieber anzuordnen. Jetzt habe ich allerdings ein Patent gefunden, das Hermann Friebe und Werner Broche am 2. März 1963 angemeldet hatten [Nr. DD43.115] und das den wahren Hintergrund für die Umgestaltung der Auslösebetätigung offenbart. Die bisherigen Werramodelle hatten wie gesagt einen Auslöser gehabt, dessen Betätigungsknopf auf der Deckkappe der Kamera untergebracht war. Das konnte zur Folge haben, daß versehentlich ein Finger die Öffnung des Photoelementes abdeckte. Bislang war das verschmerzlich, da durch die BelichtungsHALBautomatik zwischen Belichtungsmessung und Aufnahme genügend Zeit blieb, den Fehler zu entdecken und abzuwenden. Bei einer Werra mit BelichtungsVOLLautomatik bestimmte das Meßergebnis aber nun direkt und und ohne zeitlichen Verzug die beim Auslösen gebildete Blendenöffnung und eine auch noch so flüchtige Verfälschung der Messung mußte daher unter allen Umständen verhindert werden. Die Erfinder meinten, dieses Ziel durch die Verlegung des Auslösers an die Rückseite der Kamera und die Betätigung mit dem Daumen statt mit dem Zeigefinger  sicher erreichen zu können.

Die Tatsache freilich, daß man sich mit Problemen wie dem versehentlichen Verdecken des Belichtungsmessers beschäftigen mußte, zeigt bereits, wie weit hinterher diese Technologie mit Selenzelle und dem mechanisch abgetasteten Meßinstrument im Jahre 1968 bereits gewesen ist. Aus Japan wurden längst vollautomatisch belichtende Sucherkameras geliefert, die mit kleinflächigen Photowiderständen arbeiteten. Diese Photowiderstände waren sogar klein genug, daß man sie innerhalb des Objektivtubus placieren konnte, wo sie nicht versehntlich abgedeckt werden konnten und sogar den Belichtungsfaktor eines vorgesetzten Filters mit registrierten. Überdies geschah bei einigen von diesen vollautomatisch belichtenden Sucherkameras die Belichtungssteuerung bereits vollelektronisch (z.B. Yashica electro 35). Im Angesicht dieses durch die japanische Photoindustrie vorgegebenen technischen Standes war die WERRA supermat nichts als "kalter Kaffee" und die Exportchancen hätten mit großer Sicherheit gegen Null tendiert.


Ich vermute aber, daß es nicht allein die technische Rückständigkeit dieser WERRA supermat gewesen ist, die ihre Serienfertigung verhindert hat, sondern eher die Tatsache, daß der neue Kamerakonzern PENTACON endlich von der Last befreit werden wollte, weiterhin den komplizierten und in der Herstellung problematischen Prestor Zentralverschluß für Zeiss Jena bereitstellen zu müssen. Und ohne Zentralverschluß eben keine Werra mehr.

late Werra-mat

Altix


Über diese Kameras gibt es bereits zahreiche Internetseiten – es wäre also unsinnig, hier noch einmal die Modellfolge dieses Typs zu wiederholen. Erwähnt werden sollte die Altix aber dennoch, denn bei ihr handelt es sich um die zeitweilig beliebteste Amateurkamera der DDR.  Für Viele war sie der Einstieg in die ernsthafte Amateurphotographie, denn insbesondere die Modelle mit Wechselobjektiven erlaubten schon eine ziemlich weitgreifende Bildgestaltung.  Für den phototechnisch Interessierten fasziniert die technische Evolution dieser Kamera. Die ersten Modelle – vor dem Kriege und nach 1945 – waren reine Blechkonstruktionen; gestanztes  und miteinander vernietetes oder verschraubtes Messingblech.   

Das hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Teile aus Aluminium-Druckguß wurden lange Zeit noch durch Spezialfimen zugeliefert. Eine dieser Firmen befand sich beispielsweise in Berlin-Weißensee. Dort wurden nachweislich die Grundkörper der Meister-Korelle hergestellt.  Es dauerte eine Zeit, bis Druckgußteile auch in den kleineren Firmen vor Ort gefertigt werden konnten. Erst jetzt  konnte die Grundkonstruktion  der Altix  auf modernere Bauarten umgestellt werden.

Altix nb

Auf der Basis eines solchen Druckgußköpers waren dann auch viel leichter Modifikationen möglich.  So gab es die Altix n mit einem Belichtungsmesser, der erst die links zu sehende Formgebung hatte. Später wurde auch diese Belichtungsmesser-Variante der Altix auf den praktischen Leuchtrahmensucher  umgestellt, weshalb der Belichtungsmesser, um genügend Platz für die Leuchtrahmen-Beleuchtung zu schaffen, in die Deckkappe integriert und etwas nach rechts verschoben  wurde. Falls dazu auch Änderungen am Grundkörper der Kamera nötig wurden, so fertigte man einfach eine neue Gußform an. Das war fertigungstechnisch ziemlich modern für so eine kleine Firma.   


Eines bekam man aber nicht mehr hin: Einen mit der Scharfstellung gekuppelten Meßsucher. Hierzu hätte das Konzept dieser Kamera nachträglich neu aufgestellt und auch die Wechselobjektive  hätten neu eingerichtet werden müssen. Das war zu aufwendig. Auch hätte der Stößel, der den Metertrieb mit dem Meßsucher verbindet, irgendwo durch den "von der Stange" gefertigten Tempor Zentralverschluß geführt werden müssen. All das wollte die zusammengelegte Konstruktionsabteilung der Kamera- und Kinowerke offenbar nicht mehr leisten. Damit war Anfang der 60er Jahre das Konzept der Sucherkamera mit Wechselobjektiven im Dresdner Kamerabau ad acta gelegt. Ein paar Jahre später folgte auch die Eisfelder Werra diesem Schicksal. Das Zeitalter der Einäugigen Reflexkamera war angebrochen.

Seltenes Bildmaterial aus der Produktion der Altix. Anlaß war der Ausstoß der hunderttausendsten Kamera. Das genaue Datum ist  nicht mehr bezifferbar, nur daß die Pressephotographen Erich Höhne und Erich Pohl die Urheber gewesen sind [Bildquelle: Deutsche Fotothek].



Mittlerweile kann ich übrigens noch eine interessante Entdeckung nachreichen: Aufgrund einer Liste in Johannes Steiners Fotojahrbuch 1959 auf Seite 325 kann man erkennen, daß die Altix mit Meßsucher tatsächlich fest im Lieferprogramm eingeplant war. Auch die Namensgebung ist durch diese Liste überliefert. Die Kamera mit Entfernungsmesser hätte „Altix-n e“ gehießen, dasjenige Modell mit zusätzlichem Belichtungsmesser „Altix-n be“.


Weshalb diese weiterentwickelten Kameras nie erschienen und die gesamte Altix-Reihe alsbald eingestellt wurde, könnte neben den oben genannten technischen auch rein ökonomische Gründe gehabt haben. Die Altix könnte nämlich ein „Opfer“ der drastischen Preissenkung im Photohandel vom Mai 1960 geworden sein, die dazu geführt haben mag, daß sich weder Weiterproduktion noch gar Weiterentwicklung dieser Kamera wirtschaftlich gelohnt haben. Ausführlicher gehe ich auf diesen bislang völlig unbeachteten Aspekt und dessen Auswirkungen auf den Dresdner Photogerätebau in einem kleinen Aufsatz ein, der unter den Preislisten im Abschnitt Dokumente zu finden ist.

Pouva  Start - "Die Kamera der Millionen"


Über Karl Pouva und seine Firma habe ich schon in der Rubrik "Personen" in der Sektion "Geschichte" etwas geschrieben. Deshalb sollen hier nur noch ein paar Bilder aus den Fabrikräumen folgen, die Höhne/Pohl im Jahre 1953 geschossen haben [Deutsche Fotothek Datensatz 70603065]. Sie lassen auch ein wenig von den damaligen Arbeitsbedingungen erahnen, die sicherlich nicht angenehm waren. Der Umgang mit Phenolharzen ist gesundheitlich nicht ganz unbedenklich, zumal die Preßmasse zum Aushärten einige Minuten lang stark erhitzt werden mußte, was phenol- bzw. aldehydhaltige Dämpfe freisetzte. Daß Arbeitshygiene offensichtlich einen untergeordneten Stellenwert einnahm, sieht man auch an der Mitarbeiterin, die meiner Ansicht nach Teerpech erhitzt, um die Linsen für das periskopische Pouva-Start-Objektiv auf die Schleifmaschinentragkörper zu kitten. Die Pouva KG stellte diese einfachen Linsen tatsächlich selbst her. Auf dem ersten Photo links sieht man übrigens Karl Pouva noch einmal persönlich.

Pouva Start

Vielleicht noch ein Wort zur Materialbasis: Eine Amateurkamera die in sehr großen Stückzahlen zu einem geringen Preis angeboten werden sollte, durfte natürlich keine übermäßigen Materialkosten verursachen. Aluminiumdruckguß schied in den frühen 50er Jahren für diesen Zweck deshalb aus. Was aber heute beinah in Vergessenheit geraten ist: Die junge DDR hatte einen der größten Betriebe weltweit für die Produktion von Phenolharzen geerbt. Es war noch L.H. Baekeland persönlich, der Erfinder des nach ihm benannten duroplastischen Kunststoffes Bakelit, der in Kooperation mit den Rütgerswerken in Erkner bei Berlin im Jahre 1910 eine erste Fabrik zur großtechischen Erzeugung dieses Preßstoffes gegründet hatte. Das war der Beginn des Kunststoffzeitalters. Trotz Bombardierung im Zweiten Weltkrieg blieb das Werk lieferfähig. Das Ausgangsprodukt Kohlenteer war aufrund der Stadtgaserzeugung in großen Mengen vorhanden. So konnte man eben nicht nur das Gehäuse dieser Boxkamera aus Bakelit fertigen, sondern versuchte dasselbe auch mit der Karosseriebeplankung eines bekannten DDR-Kleinwagens.

Penti


Über technische Details zu dieser Kamera habe ich in der Rubrik "Patentschau"  bereits einen längeren Text geschrieben. Immerhin gibt es ernstzunehmende Hinweise darauf, daß diese Kamerareihe seinerzeit  zu einem Blendenautomaten (Penti III? oder IV?) und einer Halbformat-Spiegelreflexkamera (SR24?) ausgebaut werden sollte. Daraus wurde nichts. Das schmälert freilich nicht die Tatsache, daß insbesondere die Penti II eine derart sinnvoll konzeptionierte Kamera gewesen ist, daß sie bis in die späten 1970er Jahre im Angebot blieb. Und nachdem die Prakti, die Werra-Reihe, die Altix, die Belmira usw. lange schon eingestellt worden waren, stellte sie während der 70er Jahre mit ihrer Belichtungshalbautomatik die einzig verbliebene höherwertige Sucherkamera aus DDR-Produktion dar. Das änderte sich erst mit der Beirette electronic Anfang der 80er Jahre. Wer Glück hatte, der konnte eine aus der Sowjetunion importierte Sokol Automat ergattern, die wirklich gut war, aber stets in zu kleinen Kontingenten in die Geschäfte kam. Wie schon mehrfach erwähnt: Gute Sucherkameras waren ein von der DDR-Photoindustrie frühzeitig verlassenes Marktsegment.

Welta Penti

Ich habe mich bereits an verschiedenen Stellen vergleichsweise kritisch über Walter Hennig (1908 - 1977) geäußert, auch wenn Herbert Blumtritt seinen Mentor als „genialen Konstrukteur“ in den höchsten Tönen lobt [Vgl. Blumtritt, Herbert: Die Geschichte der Dresdner Fotoindustrie, Stuttgart, 2000, S. 188]. Es reicht aber nicht, ein genialer Konstrukteur zu sein. Meiner Ansicht nach liegt es nämlich auch im Verantwortungsbereich eines Konstrukteurs, Geräte zu entwerfen, die nicht nur toll sind, sondern mit denen der Betrieb, für den man sie entwirft, auch Geld verdienen kann. Insbesondere ein „Abteilungsleiter Konstruktion“ muß abschätzen können, welche Entwicklungen sinnvoll sind und was wirklich vom Markt verlangt wird. Und was das betrifft, muß man Walter Hennig leider vorwerfen, etliche „Wolkenkuckucksheime“ entwickelt zu haben, die geradewegs am Markt vorbeientwickelt worden oder schlichtweg nicht ausgereift waren. Ein Beispiel für ersteres sind die beiden Spiegelreflexkameras mit Wechselkassetten, die Hennig für die Zeiss Ikon entwickelt hat. Wir wissen heute, daß mit diesem Projekt (sowie der Stereo-Reflexkamera Pentaplast) offenbar die gesamte Produktentwicklungskapazität dieses Betriebes blockiert wurde, weshalb dieser in der zweiten Hälfte der 50er Jahre keine konkurrenzfähige Stillbildkamera mehr auf dem Markt hatte. Als zweites Wolkenkuckucksheim entpuppte sich das Verlangen, eine Zentralverschlußspiegelreflexkamera nach westdeutschem Vorbild herauszubringen. Mit einem erfolglosen Konstrukt namens Pentina, für das Hennig maßgeblich verantwortlich zeichnete, wurden die frisch gegründeten Kamera- und Kinowerke stark belastet. Geradezu zur Katastrophe geriet aber Hennigs Prakti, auch wenn sie Blumtritt als „sein Meisterstück, sein ‚Juwel‘“ bezeichnet und im Nachsatz „ihre Tragik“ beweint [Ebenda]. Dabei ist doch die Tragik dieser Prakti nicht vom Himmel gefallen, sondern war Ergebnis einer völlig überkandidelten Konstruktion, die Walter Hennigs Hang geschuldet war, viel zu hoch gesteckte Zielvorgaben mit einem Wust an technischen Lösungen erreichen zu wollen. Im Zeitalter der Selenzelle war es eben völlig überambitioniert, eine automatisierte Kamera schaffen zu wollen, die in dieser Form tatsächlich erst in den späten 80er Jahren mithilfe von Autofokus und Programmautomatik Gestalt annehmen konnte. Das hätte Walter Hennig damals erkennen müssen und Herbert Blumtritt hat zu wenig Abstand von seinem Idol, um diesen Punkt objektiv genug beurteilen zu können.

Welta Penti

Um so bemerkenswerter ist doch diese Penti. Offensichtlich ist Hennig gerade da am besten, wo er seine einfachste Kamera entwickelt. Hier läuft dieser Mann ja geradezu zur Höchstform auf. Der Hintergrund zu dieser erst Orix, dann bald Penti genannten Kamera ist folgender: Die Filmfabrik Wolfen konfektionierte auch nach 1945 noch einige ihrer Emulsionen in den Karat-Kassetten, um den Weiterbetrieb dieser hauseigenen Kameras aus den 30er Jahren sicherstellen zu können. Hennig besann sich der Einfachheit, mit der das Filmeinlegen bei diesen Schiebekassetten möglich war. Seine Grundidee lag darin, dieses „Schiebeprinzip“ derart auszudehnen, daß jegliche drehende Getriebe zu eliminieren wären. Daher konnte diese Kamera trotz einer Kupplung des Filmtransports mit dem Verschlußaufzug so derart simpel, kompakt und leicht ausfallen. Ich erlaube mir daher, Herbert Blumtritt zu widersprechen und zu korrigieren: Nicht die Prakti, sondern die Penti ist Hennigs Meisterstück gewesen!


Zum Abschluß noch ein paar zeitgenössische Bilder zur Produktion der Penti, die vom Photographengespann  Höhne/Pohl stammen und durch die Deutsche Fotothek überliefert werden. So erfahren wir, daß die Penti ein Jugendobjekt der FDJ gewesen ist und daß sie von genau derlei Damen, für die sie hauptsächlich gedacht war, offensichtlich auch gefertigt worden ist. :-)

Penti Werbung

Boxkameras...



... können auch ästhetisch sein, wie die Volkseigene Photoindustrie in den 50er und 60er Jahren bewies. Als diese Kameragattung in der Zwischenkriegszeit in den Markt eingeführt wurde, stellten die zugehörgen Gerätschaften noch nüchterne, schwarze Blechkästen dar – daher die Gattungsbezeichnung. Initiatoren waren die Filmhersteller, die möglichst billige Knippsapparate unter die Leute bringen wollten, um den Absatz an Rollfilmen  anzukurbeln. Erst in einem zweiten Schritt sprangen die Kamerhersteller auf diesen gut rollenden Zug auf und lancierten eigene Modelle, die manchmal etwas besser ausgestattet waren. Trotzdem war die Technik dieser Kameras durchweg spartanisch: Einfacher Schleuderverschluß mit Moment und Zeit, keine Entfernungseinstellung, billige "Objektive" in Form von Periskopen, Achromaten oder meistens gar nur einzelnen Meniskuslinsen. Diese waren weit abgeblendet, um ein leidlich scharfes Bild liefern zu können. Der Vorteil lag aber darin, daß bei gutem Lichte nur noch ausgelöst werden mußte. Genau das richtige für Lieschen Müller. Und von den meist 6x9cm großen Negativen ließen sich auch ohne Vergrößerungsgerät per Kontaktkopie leicht "albumfertige" Papierbilder gewinnen.

Rheinmetall Perfekta

Beim ersten Modell der Perfekta kann man sicherlich bezüglich der Ästhetik geteilter Auffassung sein. Das ist in erster Linie ihrer starren Bauweise ("Tubuskamera") zuzurechnen. Bei der unten gezeigten Perfekta II mit ihrem versenkbaren Objektiv war die Formgebung dann aber deutlich ausgewogener. Ungewöhnlich zudem die drei Momentbelichtungszeiten, die sonst nur bei Kameras der Mittelklasse üblich waren.

Perfekta II

Die erste Boxkamera in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. frühen DDR dürfte die  bereits angesprochene Pouva Start gewesen sein, die sich durch Einsatz von Phenoplast-Kunststoff billig in riesigen Stückzahlen herstellen ließ.  Auf diesem Pfad wanderten bald mehrere Mitbewerber, von denen die oben gezeigte Perfekta II mit ihrem Drei-Zeiten-Verschluß und dem farbtauglichen Achromaten bereits die Luxusausführung der Boxkamera darstellte. Sie wurde zur der Herbstmesse 1955 auf den Markt gebracht. [Vgl. Brauer, Egon: Neuheiten auf der Herbstmesse, Bild und Ton Heft 10/1955, S. 280.]

DD13.327

Bezüglich der Perfekta II hat es sogar eine Patentierung gegeben. Bei ihr wird nämlich der Verschluß gespannt wenn man den Film transportiert, was unliebsame Doppelbelichtungen, wie sie bei der Pouva Start auftreten können, ausschließt. Diese Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug gab es vorher schon bei dem ersten Modell der Perfekta. Das Neuartige war nun aber, daß bei der Perfekta II das Objektiv versenkbar ist und es deshalb eines speziellen Übertragungsmechanismusses bedurfte. Dieser wurde im DDR-Patent Nr. 13.327 vom 14. März 1954 zum Schutze angemeldet. Schön für uns, daß die Perfekta II nun auch mit einem Namen in Verbindung gebracht werden kann. Wer hätte noch gewußt, daß  diese hübsche Boxkamera von einem gewissen Friedrich Schieber konstruiert worden ist.


Dieser Mann war schon in den 30er Jahren bei der Zeiss Ikon AG an der Vervollkommnung des Metallrollo-Verschlusses der Contax II beteiligt. Nach intensiverer Beschäftigung mit seiner Patentüberlieferung habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Nicht nur, daß Friedrich Schieber auch den Verschlußspannmechanismus für das erste Modell der Perfekta entwickelt hat, bei der das Objektiv noch nicht versenkbar war (DDR-Patent Nr. 8557 vom 13. Februar 1953). In dieser Schutzschrift wird darüber hinaus auch auf sein DDR-Patent Nr. 4122 vom 13. Mai 1949 verwiesen, das erstmalig seinen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußspannmechanismus schützte. Das interessante ist nun, daß im zweiten Patent Nr. 8557 in Abb. 1 diejenige Kamera skizziert ist, für die das Patent 4122 ursprünglich gedacht war. Der Kenner entdeckt in dieser Skizze die Boxkamera "Sica", die eigentlich als "Volkskamera" angekündigt war, aber letztlich nicht in Serie fabriziert worden ist. Schieber selbst gibt in seinem Patent Nr. 8557 den Hinweis, daß sich diese kastenförmige Kamera nur schwer  mit den Händen fassen ließ. Bei der  T-förmigen Perfekta war die Frage der Handhabung dann besser gelöst. Weil bei ihr aber der Filmtransportknopf weit vom Verschluß entfernt war, war die im Patent Nr. 8557 geschützte Erfindung  vonnöten. Daß Friedrich Schieber der Konstrukteur der seltenen Sica gewesen ist, das bekräftigt auch das Patent Nr. 1526 vom 16. Mai 1950, mit dem er den recht aufwendigen Spiegel-Aufsichtssucher dieser Kamera mit seinem seitenrichtigen Luftbild schützen ließ. Der war vielleicht ein weiterer Grund, weshalb diese Kamera nicht in Großserie gebaut worden ist. Das entsprechende Spiegelsystem ist im rechten Bild dargestellt.

Sica Sucher Patent 1526
Sica-Kamera aus dem Patent Nr. 8557
Certo-phot

Zurück zu den Boxkameras. Die große Zeit des Bakelit ging Ende der 50er Jahre mit dem Erscheinen neuer Kunststoffe langsam zuende. Zudem war das harte Material immer recht bruchgefährdet. Das Certo-Kamerwerk ging daher einen anderen Weg, indem es das Kameragehäuse aus Metall (Certo-phot) oder aus einer Metall-Kunststoff-Verbundbauweise (Certina) ausführte. Der mechanische Aufwand beim Verschluß wurde nun freilich wieder deutlich auf das übliche Box-Niveau herabgesenkt. Einzig die Möglichkeit der Certo-phot bzw. Certina, die Entfernung einzustellen, ist noch erwähnenswert. Eine Doppelbelichtungssperre war nun selbst bei dieser Kameragattung mittlerweile Standard. Und seit mit dem Agfacolor Ultra 17/10° DIN der Farbnegativfilm genau so empfindlich geworden war, wie der Isopan F Standard-Schwarzweißfilm, lag es durchaus im Bereich des Machbaren, mit diesen einfachen Kameras Farbaufnahmen zu wagen. Wie bei den Perfektas wurden daher auf Farbfehler korrigierte Achromate verbaut. Weil sich bei deren beachtlicher Öffnung von 1:8 aber  eine  ausgeprägte Bildwölbung bemerkbar macht, wurde diesem Problem bei den genannten Kameras mit einer durchbogenen Filmbahn begegnet. Für eine Kamera, die ziemlich genau so viel kostete, wie zwei Langspielplatten, waren dadurch schon beachtlich gute Aufnahmen möglich.

Certo-phot Justage
Certo-phot

So gefällig diese preiswerten Amateurkameras auch aussahen und so ausgeklügelt sie konstruiert waren – die Zeit der größeren Bildformate war abgelaufen. Auch in der DDR hielten im Laufe der 70er Jahre zumindest im Schwarzweißbereich Laborautomaten Einzug.  Die selbstangefertigte Kontaktkopie des Negativs auf Auskopierpapier kam daher rasch außer Mode und die Verwendung des Rollfilms im Amateurbereich ging stark zurück. Die Amateure kauften sich jetzt eine Kleinbildkamera und gaben den belichteten Film in die Obhut des "Dienstleistungskombinates". Es begann die Ära der mannigfaltigen 35mm Sucherkameras, die in unterschiedlichen Ausstattungsniveaus bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen ausgestoßen wurden.

Certina

Die Certina wurde im Jahre 1969 als "Revue Junior"  sogar von Foto Quelle vertrieben. Nicht daß es dafür keine westdeutschen Hersteller gegeben hätte, aber der harte Preiskampf  hatte hier Ende der 60er Jahre bereits zu einer  deutlichen Ausdünnung geführt. Was nicht Spitzentechnik war, das mußte nun möglichst billig sein, um beispielsweise gegenüber Konkurrenten wie Porst oder Neckermann bestehen zu können.  In beiden Hinsichten - der Spitzentechnik bzw. der  preislichen Wettbewerbsfähigkeit - war der westdeutsche  Kamerabau bereits deutlich ins Hintertreffen geraten. Selbige Industriezweige der DDR konnten diesen Prozeß noch etwa 10...15 Jahre hinauszögern. Vorerst lag das nicht allein daran, daß die DDR immer mehr zum Billiglohnland wurde.

Eine weitere dieser Boxkameras aus Bakelit, die das Zeug zur Volkskamera gehabt hätte, war die "Pionier" der Kodak AG i.V. Berlin Köpenick. Sie wäre nämlich mit einem Verkaufspreis von 9,95 Mark ein absoluter Knüller gewesen. [Vgl. Die Fotografie, 4/1955 S. 103.]. Leider aber war sie für 16 Aufnahmen im Nennformat 3x4 cm auf Rollfilm A8 (international als Typ 127 bekannt) konzipiert. Anders als in dem oben genannten  Artikel  ausgesagt, war dieser Rollfilm nie  "in ausreichender Menge vorhanden", sondern  man tat alles dafür, diesen Filmtyp auslaufen zu lassen. Seine dünnen und außerdem kostspieligen Spulen aus Metall waren seit jeher sehr problematisch. Aber es gab noch einen viel triftigeren Grund, daß dieser Kamera kein Erfolg beschieden war: Die Negative aus einer Pouva Start waren immer groß genug, daß zumeist ein einfacher Kontaktabzug als Erinnerungsbildchen genügte. Dafür reichte auch das einfache periskopische Objektiv dieser Kamera aus. Kontaktbelichtungen im Format 3x4 cm waren jedoch zu klein. Man hätte die Negative also erstens vergrößern müssen, wozu es eines entsprechenden Apparates bedurft hätte, der nicht nur 9,95 Mark gekostet haben dürfte. Zweitens aber waren bei solch kleinen Aufnahmeformaten (im Gegensatz zu den Mittelformaten) die einfachen Meniskuslinsen qualitativ völlig überfordert. Wer also ohnehin bereit war, sich ein Vergrößerungsgerät zu kaufen, der sparte lieber etwas und  legte sich eine  Kamera zu, die wenigstens mit einem anastigmatisch korrigierten Triplet ausgerüstet war. Eine Boxkamera im Kleinbildformat  konnte auf diese Weise nie erfolgreich werden – so billig sie auch verkauft wurde.

GBZ Knips

Einen ganz ähnlichen Fall  stellt  die "Knips" des VEB Glas Bijouterie Zittau dar. Auch dieses kleine Aufnahmegerät, das durch das versenkbare Objektiv sehr kompakt wirkt, war für den Rollfilm 127 vorgesehen – hier aber mit einer brauchbaren Bildgröße im Nennformat 4 x 6,5 cm. Um die verheerende Wölbung des Bildfeldes auszugleichen, die sich einstellt, wenn eine Einzellinse mit einer Hinterblende versehen wird, war bei dieser kleinen Kamera bereits die Bildbahn durchbogen gestaltet. Aber auch dieses ausgeklügelte technische Merkmal kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß man den Eindruck bekommt, es handele sich um ein Spielzeug, wenn man diese Kamera das erste mal in den Händen hält. Vielleicht war sie das ja auch. Der Hintergrund zu dieser Kamera ist nicht ganz klar, aber es ist nicht auszuschließen, daß es sich um eine Konsumgüterproduktion handelt, die durchaus in Spielwarengeschäften vertrieben worden ist. Immerhin gehörten Spielwaren zum Kerngeschäft dieses Zittauer Betriebes. Exakte Belege dafür findet man aber heute keine mehr. Auch waren die Stückzahlen ganz offensichtlich nicht sehr hoch und die Produktuionszeit nur kurz. Was man hingegen genau weiß, ist die Tatsache, daß diese Kamera nicht aus Preßstoff (also Phenolharzen) gefertigt ist, sondern offensichtlich aus dem thermoplastisch verformbaren Kunststoff Polystyrol.   


Nun ist es aber leider so, daß dieser Werkstoff eigentlich gar nicht für den Kamerabau geeignet ist. Im Gegensatz zu Bakelit ist  Polystyrol nämlich eine glasklare Masse. Das ist an sich eine feine Sache, denn man kann sie, wenn man es bunt mag, in allen möglichen Schattierungen anfärben. Aber dann sieht der Gegenstand nur äußerlich gleichmäßig farbig aus. Anhand zweier Objektivdeckel aus Polystyrol, die von außen tiefschwarz aussehen, die ich hier aber mit einer starken Lichtquelle durchleuchte, erkennt man, daß sich die Masse niemals gleichmäßig durchfärben läßt. Aber schlimmer noch: man bekommt Polystyrol nur schwer lichtdicht. Es genügen aber kleinste Mengen an Licht, wenn sie nur lange genug einwirken, um den Film zu verschleiern. Meine These also: Möglicherweise konnte bei dieser Kamera in einer Serienfertigung nicht sichergestellt werden, daß sie wirklich lichtdicht war. Das könnte ein Grund dafür sein, daß sie recht bald wieder aus den Geschäften verschwunden ist.


Das sind aber letztlich nur Vermutungen. Auch ist bislang nicht bekannt, woher die Information ursprünglich stammt, daß die Kamera überhaupt aus Polystyrol gefertigt wurde. Nur eines kann man mit Gewißheit sagen: Sie besteht nicht aus Preßstoff, sondern wurde im Sprizgußverfahren geformt. Und dazu bedarf es eines thermoplastischen Kunsstoffes.


Certo Six



Mit "Certo" verbinden sicherlich Viele die Plastik-Phantastik Kameras des SL-Systems, mit denen sie vielleicht ihre ersten photographischen Gehversuche gemacht haben. Es gab aber einen Zeitabschnitt in der Geschichte des Certo-Kamerawerkes Fritz von der Gönna & Söhne (die Söhne hießen übrigens Armin und Eckart), da hatte dieser Betrieb ausschließlich zwei ambitionierte Faltkameras im Sortiment. Die eine war die Super Dollina II für Kleinbildaufnahmen, die andere die Certo Six für den Rollfilm 6x6. Erstere ging auf eine Vorgängerin aus der Zwischenkriegszeit zurück, die Six war eine Neuentwicklung aus den frühen 50er Jahren.

Certo Super Dollina III
Certo Super Dollina III
Certo Super Dollina III

Die Grundprinzipien, die man oben an der Super Dollina erkennt, die sollten auch bei der Certo Six  übernommen werden: Der mit der Scharfstellung gekuppelte Entfernungsmesser und die Standartenverstellung des Objektivauszugs. Beides sind  Merkmale für die hochwertigste Bauart unter den Sucherkameras. Der Hintergrund ist folgender: Bei einer Faltkamera mit Balgen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten scharfzustellen. Meist wird die sogenannte Frontlinsenverstellung gewählt, bei der die Frontlinse des Objektivs um ganz geringe Beträge herausgeschraubt wird, wodurch sich die Brennweite des Gesamtobjektivs verkürzt, weshalb man man trotz unveränderter Bildweite näher herangehen kann. Das ist toll für den Kamerahersteller (weil er sich viel Aufwand spart), aber läßt dem Objektivkonstrukteur die Haare zu Berge stehen. Die Abstände von Linsen und Gruppen in einem Objektiv sind nämlich genauestens berechnet und wichtig für die Gesamtkorrektur. Werden diese angetastet, so verschlechtert sich insbesondere bei lichtstarken Objektiven die Bildqualität immens. Und das Tessar 2,8 war damals lichtstark! Der bessere Weg liegt immer darin, die Bildweite zu verlängern, um die Gegenstandsweite verkürzen zu können. Dazu muß die vordere Standarte  einer Balgenkamera längs der optischen Achse verstellbar sein. Bei Certo schlug man mit dieser Klappe gleich noch eine zweite Fliege. Die Aufhängung der Standarte war so gewählt, daß diese sich beim Naheinstellen leicht nach oben (Richtung Sucher) bewegt und damit  eine Sucherparallaxe verhindert wird. Da bei Naheinstellung der nutzbare Bildwinkel des Objektivs anwächst, geschah diese "Shiftbewegung" des Objektives ohne qualitative Nachteile.

Certo Six
Certo Six

Dabei ergaben sich bei der Certo Six gegenüber der Super Dollina zwei Weiterentwicklungen. Der Wesentlichere ist der Mischbild-Entfernungsmesser in Form eines sogenannten Meßsuchers. Sucher und Entfernungsmesser waren also einblicksgleich zusammengelegt und es mußte nicht mehr zwischen beiden Okularen hin- und hergewechselt werden. Als zweite Veränderung geschah das Scharfstellen nicht mehr über eine fummelige Schraube an der Seite des Gehäuses, sondern mithilfe eines großen Hebels an der Unterseite der Kamera. Leider ist dieser Hebel aber mit den starken Federn des Springmechanismusses belastet und läßt sich oftmals nur mit viel Kraftaufwand ruckartig und wenig präzise bewegen. Das wurde damals auch kritisiert.

Certo Six

Es stimmt zwar, daß die Certo Six bereits 1953 das erste Mal auf der Messe vorgestellt wurde, der Vergleich der Objektivnummern vieler dieser Kameras weist aber darauf hin, daß die meisten Exemplare der Certo Six erst nach 1956 in größeren Stückzahlen hergestellt wurden. Ich glaube, ich kann dafür auch einen Grund nennen. Im Laufe des Jahres 1956 wurde bekannt, daß der VEB Kamera-Werke Niedersedlitz die Entwicklung einer neuen Spiegelreflexkamera für das Mittelformat 6x6 zum Abschluß bringen wird. Im VEB Carl Zeiss JENA war den Verantwortlichen klar, daß das bisherige Normalobjektiv Tessar 2,8/80mm für diese Kamera nicht gut geeignet ist (genauere Erklärung siehe die Ausführungen zum Biometar unter Objektive der 1950er Jahre). Es war namentlich der Leiter der Abteilung Photo, Prof. Dr. Harry Zöllner, der ein Ersetzen des Tessars 80mm durch das von ihm entwickelte Biometar forcierte. Damit war das Tessar 2,8/80mm sozusagen "frei geworden". Erstens störte dessen Hang zur Blendendifferenz an einer Sucherkamera weit weniger als bei einer Mattscheibenkamera. Und zweitens lag das Tessar 2,8/80mm wohl nun "auf Lager". Waren bislang seit 1954 nachweislich etwa 1250 Tessare für die Certo Six geliefert worden, so beliefen sich die Stückzahlen in der Zeitspanne 1956/57 auf weit über 10.000 Stück. Ganz gleich, ob obige Zusammenhänge relevant sind oder nicht, fakt ist, daß das Gros der Certo Six nach 1956 gefertigt worden ist. Man erkennt das auch daran, daß  die Certo Six auf der Frühjahrsmesse 1957 beinah ein zweites Mal vorgestellt wurde (weil sie jetzt offenbar in größeren Stückzahlen lieferbar war). [Vgl. dazu Brauer, Egon: Leipziger Frühjahrs-Messe 1957; in: Bild & Ton, Heft 3/1957, S.59.] Ich habe auch den Eindruck, daß man sich nun auch stärker auf den Inlandsmarkt konzentriert hat, was man an der zahlenmäßigen Dominanz des DDR-Verschlusses "Tempor" ablesen kann. Teure Compurverschlüsse wurden meist nur dann importert, wenn Aussicht auf den Export der fertigen Kamera ins NSW  bestand.

Certo Six

Was meiner Beobachtung nach Kamerafreunde auch heute noch an der Certo Six auf den ersten Blick begeistert, ist die Tatsache, daß sie einen Transporthebel aufweist. Aber damit nicht genug: sie hat sogar eine automatische Filmlängensteuerung. Die ist zwar technisch sehr einfach gelöst, funktioniert aber in der Praxis ausreichend genau. Die Zunahme der Spulendicke auf der Aufwickelseite wird registriert und auf diese Weise der Schwenkwinkel des Transporthebels in drei Stufen begrenzt. Nach zwei Schwenkbewegungen liegt ein frisches Filmstück im Bildfenster und das Zählwerk zeigt die nächste Bildnummer an. Erst dann läßt sich der Verschluß auslösen – eine Doppelbelichtungssperre. Nur eines hat man leider nicht hinbekommen: Der Filmtransport ist nicht mit dem Verschlußaufzug gekuppelt. Man muß den Verschluß gesondert spannen.

Certo Six

Oben sieht man, wie der Transportmechanismus der Certo Six mit dem Bildzählwerk und der Doppebelichtungssperre gekuppelt ist. Diese Bauweise hat sich der Konstrukteur dieser Kamera Erhard Hempel am 30. März 1952 mit dem DDR-Patent Nr. 8831 schützen lassen.

Certo Six

Auf dem Photo oben aus dem Innenleben der Certo Six sieht man vorn rechts auch den Schwenkhebel, der mit der Abtastung der Aufwickelspule verbunden ist. Er bildet einen veränderlichen Anschlag für den Filmtransporthebel, wodurch eine einfache Bildlängensteuerung erreicht wird. Auch diesen Mechanismus hat sich Herr Hempel in einem Patent Nr. 7874 vom 9. Dezember 1952 schützen lassen.  Die Zeichnungen aus dem Patent verdeutlichen das einfache, aber wirkungsvolle Funktionsprinzip.

Certo Six
Certo Six

Auch die oben schon angesprochenen Besonderheiten des Spreizensystems der Certo Six  sind in einem Schutzrecht verankert worden (Nr. DD9869 vom 19. März 1952). Durch die Verwendung von Knickspreizen (an Stelle einer Schlittenführung, wie noch bei der Super Dollina) konnte der Fertigungsaufwand verringert werden, ohne daß sich dies auf die Präzision des Unendlichanschlages auswirkte. Als Besonderheit verweist Hempel in seinem Patent auch darauf, daß durch diese Bauart die Kamera geschlossen werden kann, ohne daß sich die Entfernungseinstellung verändert. Wird der Balgen wieder ausgefahren, ist wieder auf dieselbe Entfernung fokussiert, wie vor dem Einklappen des Laufbodens. Die Bildweite wird durch einen Exzenter verstellt, der unten in einer Zeichnung dargestellt ist. Die Realisierung an der Kamera sieht etwas anders aus, läuft technisch gesehen aber auf dasselbe hinaus.

Certo Six
Certo Six

In der zweiten Zeichnung dieses Patents Nr. 9869 wird noch mal der Knickspreizenmechanismus deutlich. Besonders hinweisen möchte ich auf die strichpunktierte Kurve, die den Weg der Frontstandarte darstellt. Wesentlich für uns ist der Teil der Kurve links vom Drehpunkt der Standarte, die den besagten Ausgleich der Sucherparallaxe  versinnbildlicht.

Certo Six

Ein weiteres Patent Hempels Nr. 9076 vom 21. November 1950 wurde hingegen nicht verwirklicht. Statt des hier beschriebenen Entfernungsmessers mittels Schwenkkeil wurde, wie oben auf dem Bild vom Innenleben der Certo Six zu sehen, ein viel einfacheres System mit einem  feststehenden teilversilberten und einem schwenkbaren vollversilberten Planspiegel umgesetzt. 


Als besonders interessantes Detail möchte ich noch erwähnt haben, daß laut einer Urschrift zu einer Patentanmeldung Herr Ingenieur Erhard Hempel eine Zeit lang wohhaft in Pöcking bei Starnberg gewesen ist – also in der Bundesrepublik. Später ist aber Dresden Wachwitzer Bergstraße 20b angegeben. Hempel hat noch bis weit in die späten 70er Jahre Entwicklungen für das Certo Kamerawerk beigesteuert. Er war der Patentliteratur zufolge auch an Grundlagenarbeiten zu den SL-Kameras dieses Werkes beteiligt. Ich werde seine zahlreichen Einfälle zu einem späteren Zeitpunkt aufarbeiten.

Certo Six
Certo Six

Mentor Studio



Die DDR der 50er und 60er Jahre war ein Paradies für den anspruchsvollen Photoamateur und für solche Berufsphotographen, die beispielsweise als Bildberichterstatter für Zeitungen arbeiteten. Mit den vier Kleinbildspiegelreflexkameras Exakta, Spiegelcontax, Praktica und Praktina, sowie ab Ende der 50er Jahre deren Rollfilmvariante Praktisix, war diese Nutzergruppe in einer Weise ausgestattet, wie es anderswo auf der Welt  nicht besser sein konnte. Im Laufe der Zeit – die „sonstigen Kameras“ auf dieser Seite dokumentieren dies ja – besserte sich die Situation einigermaßen auch für den Amateur mit normalen Ansprüchen bis herab zum „Knipser“. Ganz anders aber für diejenige Gilde der Berufsphotographen, die künstlerisch arbeiteten oder Aufträge beispielsweise aus der Industrie bekamen und wo es dadurch auf höchste Qualität, Retuschierbarkeit und Einzelverarbeitung der Aufnahmen ankam. In diesem Bereich war das Großformat der einzige akzeptable Lösungsweg. Aus den vielen Formaten der letzten hundert Jahre waren nunmehr  die Bildgrößen 9x12, 13x18 und 18x24 cm als gängigste Standards übriggeblieben; manchmal noch 6,5x9 (eigentlich ein Mittelformat) und die Postkartengröße 10x15 cm. Und was soll ich Ihnen sagen: Was die Verfügbarkeit solcher großformatigen Kameras betraf, sah es in der DDR ziemlich mau aus. Glücklich schätzen konnten sich nur alt-etablierte Berufsphotographen, die eine derartige Ausrüstung aus der Vorkriegszeit ihr Eigen nennen konnten. Beinah unmöglich war es aber für Berufsneueinsteiger, eine moderne Großformatkamera erwerben zu können.


Das lag natürlich erst einmal hauptsächlich daran, daß die etabliertesten Hersteller für diese Kameratypen, wie beispielsweise Linhof oder Plaubel, in den westlichen Besatzungszonen beheimatet waren. Das ist meiner Ansicht nach aber nicht der hauptsächliche Grund. Es sollte doch keinerlei Zweifel darin bestehen, daß DDR-Firmen nicht auch eine Großformatkamera der Bauart optische Bank (wie damals die Linhof Kardan z.B.)  hätten konstruieren können. Ich bin mir daher ziemlich sicher, daß der eigentliche Knackpunkt woanders gelegen hat: In der Verfügbarkeit des Schlüsselproduktes Zentralverschluß nämlich, der für derlei Kamerabauformen drigend benötigt wird. Importe kamen nicht infrage und demjenigen Hersteller, der hätte für Abhilfe sorgen sollen, dem ging Mitte der 50er Jahre schlichtweg die Puste aus. Der VEB Zeiss Ikon hatte die Entwicklung zu eigenen, von Importen und Lizenzen freien Zentralverschlüssen nicht zuende führen können, obwohl die Arbeiten dazu bereits seit 1955 als abgeschlossen betrachtet werden können. Als dieses Projekt drei Jahre später unter Führung der Kamerawerke Niedersedlitz wieder aufgegriffen wurde, rechneten die Wirtschaftsfunktionäre nun aber offenbar mit deutlich spitzerem Bleistift – zumal die Vereinigung des Dresdner Kamerabaus im Großbetrieb „Kamera- und Kinowerke“ (später Pentacon) schon beschlossene Sache war. DDR-Hochleistungszentralverschlüsse wurden nur für Anwendungen im Kleinbildformat in Serie gefertigt. Basta! Kameratypen, die auf  Verschlußtypen mit größeren Durchlässen  angewiesen waren, konnten schlicht und ergreifend nicht verwirklicht werden. An dieser Situation sollte sich für die nächsten 30 Jahre auch quasi nichts mehr ändern. Die in den Jahren 1958/59 getroffenen Grundsatzentscheidungen wurden bis zum Ende der DDR nicht wieder revidiert.

Mentor Studio

Diese Situation hatte im Laufe der 1950er Jahre unerträgliche Ausmaße angenommen. Im Jahre 1959 wurden offiziell folgende Großformatkameras in der DDR hergestellt: Neben der Mentor Atelier Spiegelreflexkameras in den Formaten 6,5x9; 9x12 und 10x15 cm die Reisekameras Globus Stella II des VEB Neue Görlitzer Kamerawerke in den Formaten 13x18; 18x24 und 20x30 cm sowie die Reisekamera Union III von Alfred Brückner in Rabenau in den Formaten 9x12; 13x18 und 18x24 cm. Die großen Spiegelreflexkameras von Mentor – der Name verrät es ja bereits – waren eigentlich nur als Portraitkameras im Atelier brauchbar. Ihre begrenzten Verstellmöglichkeiten machten sie für den Berufsphotographen weitgehend uninteressant. Bei den beiden genannten Reisekameras „Stella“ und „Union“ handelte es sich um Modelle, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren – von einer modernen Großformatkamera waren diese antiken Konstruktionen also weit entfernt. Sie waren überdies auch nur darauf ausgelegt, daß die Belichtungsdauer mit dem Kassettenschieber geregelt wurde oder mit einem einfachen sogenannten Grundnerverschluß. Für Arbeiten außerhalb des Ateliers, zum Beispiel für Architekturaufnahmen, waren diese Kameras völlig ungeeignet bzw. unzumutbar. Absolut ausgeschlossen, daß man sie außerhalb des Ateliers hätte einsetzen können, war dies auch im Falle  der großen Gabelstativ-Kameras vom Typ „Globus-Stella“, die in den 50er Jahren noch in Görlitz gefertigt wurden. Je nach Format wogen diese neu gebauten Oldtimer bis zu einem Zentner [Vgl. dazu Deutsche Kamera Außenhandelsgesellschaft mbH (Hrsg.): Photo-Kino-Katalog 1959, Blätter 1.27 … 1.32].


Aus dieser Kalamität gab es eigentlich nur einen Ausweg – und die Mentor Atelier-Reflexkamera wies ihn: Der vollständige Verzicht auf Objektivverschlüsse jeglicher Art zugunsten eines Fokalebenenverschlusses. Das war bei einer Großformatkamera durchaus neu. Fokalebenenverschluß bedeutet, daß der Schliltzverschluß kurz vor der lichtempfindlichen Platte abläuft. Schlitzverschlüsse in einfachster Ausführung, die kurz hinter dem Objektiv abliefen, hatte es vorher schon gegeben. Natürlich gab es vorher auch schon Plattenkameras mit Schlitzverschlüssen; aber hier lag meist das Ziel darin, besonders kurze Verschlußzeiten zu erreichen (zum Beispiel bei den sogenannten Fliegerkameras). Die Verknüpfung eines Fokalebenenverschlusses mit einer allseitig verstellbaren Laufbodenkamera;  das war im Falle der Mentor Studio meines Wissens nach wirklich etwas Neues.

Vornweg: Eine Sache an dieser Kamera ist falsch: ihr Name. Es handelt sich nämlich durchaus nicht um eine reine Studio-Kamera, sondern um eine universell verwendbare und trotzdem transportable Laufbodenkamera mit doppeltem Auszug und mannigfaltigen Verstellmöglichkeiten im Stile der Linhof Technika – ohne allerdings eine Kopie dieses Vorbildes zu sein. Rudolf Großer hatte hier durchaus viele eigene Lösungen erdacht, wie die Verstellung des Mattscheibenrahmens, für die neue Wege gefunden werden mußten, weil die Lösung mit den vier Bolzen in den Gehäuseecken von Linhof patentiert war [nach Jürgen Böhlke].


Allem voran lag der Schwerpunkt der für diese Kamera notwendigen Neuentwicklungen natürlich bei dem riesigen Schlitzverschluß im quadratischen Format 18x18cm, den es meines Wissens an keiner anderen Kamera dieser Bauart gibt. Er macht diese Kamera zu etwas Besonderem. Zu einer besonders lauten, werden die Kritiker sagen. Aber dieser Gesichtspunkt, daß der große Verschluß nicht gerade geräuschlos abläuft, spielt im Großformat meiner Ansicht nach keinerlei praktische Rolle. Auch daß nur Verschlußzeiten bis zur 1/5 Sekunde mit Elektronenblitz synchronisierbar sind, ist eher zweitrangig. Im Großformat wird stets mit ziemlich weit abgeblendeten Objektiven gearbeitet – die Gefahr der Nebenbelichtung durch zu helles Dauerlicht verliert dadurch stark an Bedeutung. Der größte Vorteil dieser Bauart liegt hingegen darin, daß wirklich sämtliche Objektive genutzt werden können – auch solche, die niemals für den Einbau in einem Zentralverschluß hergerichtet waren. Dazu zählen beispielsweise historische Typen (wie die bildgestalterisch interessanten Petzval-Objektive) oder aber Spezialanastigmate, wie sie in der Reproduktionsphotographie benutzt wurden. Auch können Objektive verwendet werden, die gar nicht mehr in einem Zenralverschluß unterzubringen sind, weil deren Durchmesser nicht ausreicht. In der ursprünglichen Ausführung lag die kürzeste Verschlußzeit der Mentor Studio bei 1/100 Sekunde [nach Jürgen Böhlke], die von keinem Zentralverschluß der größeren Bauform mehr erreicht wird. Später – diese Kamera wurde noch bis weit in die 80er Jahre in kleinen Stückzahlen gefertigt – erbrachte allerdings eine Vereinfachung des Verschlusses als kürzeste Zeit lediglich die 1/30 Sekunde. Das ist aber für die Praxis ohnehin nicht so bedeutsam, denn eine in weiten Grenzen verstellbare Laufbodenkamera ist dazu gedacht, beinah so technisch komplexe Aufnahmen wie im Studio zu ermöglichen, aber gleichsam so kompakt gebaut zu sein, daß diese Aufnahmen eben dennoch vor Ort gemacht werden können. Dazu sind Verstellungen nach Scheimpflug, das Abklappen des Laufbodens für Weitwinkelaufnahmen, ein langer Auszug für Detailwidergabe etc. notwendig. Kürzeste Momentbelichtungszeiten bei großen Objektivöffnungen sind im 13x18-Format hingegen entbehrlich. Viel wichtiger sind  die  langen Verschlußzeiten, die bei der Mentor Studio  durch das Zusatzhemmwerk bis 3 Sekunden reichen. Da dieses primitiv ausgeführte Hemmwerk sehr unzuverlässig arbeitet, habe ich es bei meiner Kamera durch eine elektronische Verschlußzeitenbildung bis 250 Sekunden ersetzt.

Und wenn der Fachphotograph in irgendeiner Industriehalle eine Maschine photographieren muß, dann wird er es besonders schätzen, wenn er seine Kamera in eine handliche Kofferform zusammengeklappt bekommt. Deshalb blieb die Mentor Studio auch im Lieferprogramm, nachdem Mitte der 60er Jahre mit der Mentor Panorama eine echte Großformatkamera nach dem Prinzip der optischen Bank herausgebracht wurde. Diese Modelle in den Formaten 13x18 oder 18x24 cm kann man kaum noch als transportabel bezeichnen. Daß man übrigens zu diesem Zeitpunkt jegliche Hoffnung in Bezug auf DDR-eigene Zentralverschlüsse aufgegeben hatte, läßt sich daran ablesen, daß auch diese beiden Neuentwicklungen mit Schlitzverschlüssen arbeiteten – diesmal freilich in der Frontstandarte hinter dem Objektiv.


Von einem dieser damals jungen Berufsphotographen (Herrn Ewald aus Berlin Buch) habe ich mir sagen lassen, daß diese Mentor Studio seinerzeit nur sehr schwer beschaffbar gewesen ist, woraus man schließen kann, daß sie offenbar nur in ganz kleinen Stückzahlen montiert wurde (was heute allein durch die lange Herstellungszeit überdeckt wird). In seinem Falle des selbständigen Photographen lag der  Ausweg sogar einzig darin, das nötige Westgeld zu beschaffen und sich eine westdeutsche Linhof Super Technika 13x18 zu organisieren. So war das damals.

Mentor Studio

Belplasca



Seit sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Photographie als bildgebendes Medium etabliert hatte, wurde versucht, auch den räumlichen Tiefeneindruck der Realität im Photo zu konservieren. Daß wir überhaupt diese dritte Dimension des Raumes wahrnehmen können, liegt daran, daß unsere beiden Augen unsere Umwelt jeweils aus einem geringfügig anderem Blickwinkel betrachten. Das linke Auge schaut etwas weiter von links, das rechte etwas weiter von rechts  auf das Motiv. Aus der sich daraus ergebenden geringfügigen Unterschiedlichkeit der beiden Netzhautbilder "errechnet" unser Gehirn eine Wahrnehmung der Raumtiefe. Ein stereophotographisches System (stereos = der Raum) müßte also lediglich die physiologischen Grundbedingungen  des räumlichen Sehens nachahmen, und schon könnte man das räumliche Sehen bildlich festhalten. Daß das insgesamt ein sehr komplexes Metier ist und man vor allem in den Anfangsjahren viele Fehler dabei gemacht hat, liegt auf der Hand.  Wer sich dafür interessiert, dem sei das Buch "Stereofotografie" des Leipziger Zahnarztes Werner Pietsch wärmstens empfohlen. Es enthält einen breiten historischen Abriß zur Entwicklung der Raumbildphotographie.


Es hat bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gedauert, bis Stereokameras entwickelt wurden, die überhaupt die grundlegenden Bedingungen des räumlichen Sehens beachteten. Dazu zählte in erster Linie die Anerkennung der maximalen Bildbreite von 65mm. Dieser in der Stereophotographie immer wiederkehrende Wert ist gleichbedeutend mit dem mittleren Augenabstand des Menschen. Da die beiden Teilbilder nicht weiter auseinander liegen dürfen, als dieser Augenabstand, darf das einzelne Bild naturgemäß auch nicht breiter sein als dieser Wert. Erst allmählich hat das dazu geführt, daß die vorher von den Kameraherstellern benutzten, wesentlich größeren Formate fallengelassen und Platten der maximalen Größe 6x13 cm verwendet wurden. Mit dieser Miniaturisierung der Aufnahmeformate wurde es als angenehmer Nebeneffekt möglich, Stereokameras als ausgesprochene Präzisionsgeräte herzustellen. Es sei daran erinnert, daß die Braunschweiger Firma Franke & Heidecke ("Rollei") ihren Ursprung in diesem Geschäftsfeld hat.


Wenn die Stereophotographie aber überhaupt eine Chance haben sollte, bei einem breiteren Anwenderkreis oder sogar beim Photoamateur Anklang zu finden, dann  mußten die Kosten gesenkt werden. Es ist das Verdienst der französischen Firma Jules Richard und namentlich des Chefkonstrukteurs Louis Joseph Emmanuel Colardeau, den 35mm-Kinofilm in die Raumbildphotographie eingeführt zu haben - und zwar lange schon, bevor eine Leica auf den Markt kam. Es ist hier nicht der Platz, die ganzen Zwischenschritte und technischen Probleme zu referieren, die bis dahin bewältigt werden mußten. Die ganzen Schwierigkeiten, den Kleinbildfilm als Aufnahmebasis für Stereobilder zu benutzen, drehen sich darum, daß sich die Stereobasis von etwa 65mm nur schwer mit dem gegebenen Perforationslochabstand in Einklang bringen läßt. Der Durchbruch lag im ungleichmäßigen "Richard-Schaltschritt", der den Film optimal ausnutzte und zu sehr harmonischen, nur leicht rechteckigen Teilbildern führte.

Belplasca

Nach diesem Vorbild entwickelten Konrad Koehl, Manfred Wießner und Heinz Kuhnert (nicht zu verwechseln mit Rudolf Kuhnert!) für das Dresdner Belca-Werk eine Kleinbild-Stereokamera in gediegener Ausführung. Sie wandelten den Richard-Schaltschritt dahingehend ab, daß der Film noch etwas günstiger ausgenutzt wurde, ohne daß die Bindung der Teilbilder an die Perforationslöcher verloren ging. Das war die Grundvoraussetzung dafür, daß die zerschnittenen Einzelbildchen auf einfache Weise perforationsgenau in die Stereorahmen montiert werden konnten. Die Montage der Teilbilder war bislang für den Amateur stets  die größte Hürde in der Raumbildphotographie gewesen, die dessen anfängliche Euphorie  oft schnell vergällt hatte.

Belca Belplasca
Belplasca Zentralverschluß

Oben sieht man den ausgeklügelten Stereoverschluß der Belplasca. Es handelt sich um einen Hinterlinsenverschluß. Diese Bauart hatte sich nach 1945 im DDR-Kamerabau sehr bewährt. Die Taxona, die Werra und die Altix arbeiteten mit Hinterlinsenverschlüssen. Der große Vorteil liegt darin, daß das Objektiv als ganze Einheit erhalten bleibt und nicht durch die beiden Verschlußhälften in zwei Teile zerlegt wird, was stets Probleme mit der Zentrierung mit sich bringt. 


Der Doppelzentralverschluß der Belplasca ist bewundernswert klar und übersichtlich konstruiert. Die Idee, den Antrieb und das Hemmwerk als gesonderte Baugruppe zwischen beiden Sektorensätzen anzuordnen, war  dermaßen neuartig, daß man sie sogar patentrechtlich schützen konnte. Konrad Koehl und Manfred Wießner haben das diesbezügliche Patent Nr. DD12.358 am  15. August 1953  angemeldet.

DD12358 Belplasca Zentralverschluß

Da bei der Belplasca ein freier Raum vom Ausmaß einer Bildbreite zwischen den beiden Filmfenstern bleibt, konnten Koehl und Wießner hier die gesamte Verschlußmechanik anordnen, mit der die beiden Sektorensätze absolut gleichartig angetrieben werden konnten. Gleichzeitig war dadurch ein modernes Hemmwerk mit einem bequem zu bedienenden Zeiteinstellknopf möglich, wie ihn damals noch nicht viele Kameras zu bieten hatten.


Der Aufbau als Hinterlinsenverschluß machte es möglich, daß die eigentliche Objektivbaugruppe eine eigene Einheit darstellte, die abgekoppelt von der übrigen Kamera bestückt und justiert werden konnte. Das war bemerkenswert modern und präzise ausgelegt.

Belplasca Objektivbaugruppe

Weil auch hier wieder zwischen den beiden Objektiven genügend Platz vorhanden war, konnte man eine sehr simple und konstruktiv klare  Kopplung der beiden Schneckengänge umsetzen. Dazu dient das zwischen beiden Objektiven sichtbare große Zahnrad. Die Scharfstellung per Schneckengang stellt sicher, daß die gute Leistung der beiden Tessare über den gesamten Einstellbereich erhalten bleibt. Bei Frontlinseneinstellung ist das leider nicht immer gegeben. Als Objektivbestückung verwendete man das Tessar 3,5/37,5mm, das  bereits seit 1947 in der Tenax bzw. der späteren Taxona eingebaut worden war. Es wurde am 4. Juli 1946 (neu) gerechnet und zeichnet sich durch ein ganz vorzügliches Auflösunsvermögen aus. Die vergleichsweise kurze Brennweite führt zu einer bei bei Stereokameras sehr erwünschten leichten Weitwinkelwirkung.


Da dieses Tessar  die einzige Objektivbestückung für die Belplasca gewesen ist, kann man übrigens indirekt über die Anzahl der Objektive auf die Anzahl der gebauten Belplascas Rückschlüsse ziehen. Der "Thiele" gibt Aufschluß darüber, daß für die Belplasca 19.200 Tessare 37,5mm gefertigt wurden. Das wären also  9600 Paar. Nun ist es allerdings so, daß die beiden Tessare der oben gezeigten Kamera nun gerade in einen Nummernkreis fallen, den Thiele als 1000 Stück Biotar 2/58 ausweist mit der Bemerkung "Beleg fehlt".  Ich kann Ihnen diesen Sachverhalt auch sofort erklären: Die obige Kamera war eintsmals für den Export vorgesehen. Wie üblich wurden "Carl Zeiss Jena Tessare" dann zu "Jena T" umgemünzt. Fast immer wurden dafür neue Nummernkreise vergeben, ohne daß diese Objektive freilich ein zweites Mal hergestellt wurden. Wie dem auch sei: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind entweder knapp 10.000 oder aber reichlich 10.000 Belplascas fabriziert worden. Und zumindest die zugehörigen Objektive wurden nur binnen zweier Jahre zwischen 1954 und 1956 hergestellt.

Belplasca Transportmechanismus

Das eigentliche Herzstück der Belplasca ist natürlich ihr ausgeklügelter Filmtransport. Der Richard-Schaltschritt (Verascop F40) ging von der Idee aus, zwischen beiden Bilfenstern ein freies Bildfeld unterzubringen. Diese Anordnung führte dazu, daß ein ungleichmäßiger Schaltschritt nötig wurde, bei dem abwechselnd je eine Bildbreite  und anschließend drei Bildbreiten transportiert werden mußten. Bei Richard waren dies jeweils 7 und 21 Perforationslöcher. Um den Film besser ausnutzen zu können und ein weniger breites Teilbild zu erhalten, vor allem aber, um den Bildfensterabstand von 66,5mm auf den viel günstigeren Wert von 64mm zu verkleinern, wurde  im Belca-Werk ein ungleichmäßiger Schaltschritt nach französischem Vorbild entwickelt, der abwechselnd 7 und 20 Perforationslöcher transportiert.  Dadurch ergibt sich ein etwas kleineres Nutzformat von 24 x 29 mm und man bekommt bis zu 22 Aufnahmen auf einen 36er Kleinbildfilm. Der Belca-Schaltschritt war gewissermaßen die letzte große Entwicklung  im Bereich der Kleinbild-Stereokameras. Daß er als am ausgereiftesten betrachtet wurde, läßt sich darin ablesen, daß auch die sowjetische "FED Stereo" viele Jahre später diesen Bildtransport wieder aufnahm und in eine wesentlich modernere Kamera überführte.

Vergleich Richard- und Belca-Schaltschritt

Oben sieht man den Belca-Schaltschritt in der Praxis. Zwischen den beiden Teilbildern des einen Stereogrammes liegt bereits das rechte Teilbild des folgenden Stereogrammes. Rechte Teilbilder erkennt man an dem kleinen, in die Perforation ragenden Dreieck, das in die Filmgleitbahn geschliffen ist. Auch wenn das Filmeinlegen etwas kniffliger ist als bei normalen Kameras – die sonstige Handhabung der Belplasca ist völlig unkompliziert. Da in der Stereophotographie prinzipiell mit hyperfocalen Distanzen gearbeitet wird (es muß immer alles scharf sein), braucht man weder lichtstärkere Obektive noch eine Meßsuchereinrichtung (obgleich  dafür unter der Deckkappe links des Transportmechanismusses ausreichend Platz gelassen wurde). Weil man also stets abblendet, sind auch ultrakurze Verschlußzeiten entbehrlich.


Die Belplasca hatte also genau das, was eine erstklassige Amateur-Stereokamera haben mußte. Die gesamte Aufnahme- und Wiedergabekette war durchdacht bis hin zu den Stereo-Diarähmchen, in denen die Teibilder problemlos durch Einhängen der Perforation in Nocken montiert werden konnten. Für diesen Diarahmen wurde  im Mai 1955 in bundesdeutsches Gebrauchsmuster angemeldet [DBGM 1.715.060].


Die Tessare  liefern  erstklassige Bildergebnisse. Wenn ihre Brennweite im Vergleich zum Aufnahmeformat damals auch als kurz galt, so würde man sich heute doch etwas Weitwinkligeres wünschen. Da sich die tatsächliche räumliche Wahrnehmung bei der Stereo-Normalaufnahme auf einen vergleichsweise kurzen Bereich zwischen 3 und etwa 10 Meter  Entfernung  abspielt (bei weiter entfernten Gegenständen geht die Raumwahrnehmung dann rasch gegen Null), sollten innerhalb dieser kurzen Distanz möglichst viele Einzelheiten im Bild untergebracht werden, anhand derer man die räumliche Staffelung der Szene wirklich festmachen kann. Dazu sind Weitwinkelobjektive sehr von Nutzen. Nichtsdestoweniger lassen sich mit der Belplasca beeindruckende Raumbilder aufnehmen. Die einfache Bedienung verleitet sogar zum regelrechten Knipsen. Selbst Alltagszenen, die im Flachbild vielleicht etwas langweilig daherkommen, gewinnen durch ihre realistische Tiefenwirkung stark an Reiz.

Belplasca Werbung
Pietsch Belplasca 1
Petsch Belplasca 2
Pietsch Belplasca 3

Der obige Aufsatz Pietschs erschien 1955 in der "Fotografie", als die Belplasca gerade in den Geschäften auftauchte. Der erwähnte Nahkeil ließ noch Jahre auf sich warten und der Projektor, von dem zuvor Prototypen gezeigt worden waren, erschien erst, als das Belca Werk in den Kamera- und Kinowerken aufgegangen war.


Die Animation unten zeigt noch einmal, worin es bei der Stereophotographie im Kern geht: Durch die geringen perspektivischen Unterschiede beider Teilbilder ergeben sich die für den Raumeindruck ausschlaggebenden Winkeldifferenzen zwischen den jeweiligen Bildinhalten. Um das zu veranschaulichen, wurde einmal der kameranähste Punkt (die Puffer der Lokomotive) übereinandergelegt. Man erkennt, daß die perspektivische Verschiebung zwischen beiden Aufnahmen immer größer wird, je weiter  weg die Bilddetails von der Kamera entfernt sind.

Belplasca Stereo-Effekt


Primarflex



Die wohl faszinierendste Kamera der Mitteldeutschen Photoindustrie ist diese 6x6 Rollfilm-Spiegelreflex. Sie war, als sie Mitte der 30er Jahre herausgebracht wurde, derart ihrer Zeit voraus, daß sie es gar nicht so leicht hatte, am Markt zu bestehen. Sie war schlichtweg keine Kamera für Jedermann. Bestimmte Gruppen von Berufslichtbildnern, beispielsweise Portraitphotographen, wußten diesen Kameratyp aber alsbald zu schätzen. Quadratisches Format, vergleichsweise große Bildfläche, Austauschmöglichkeit gegen längere Brennweiten, Übereinstimmen von Sucherbild und Aufnahme – diese Eigenschaften wurden von einer bestimmten Riege der Anwender über alle Maßen geschätzt.

Primar-Reflex II Trioplan

Deshalb blieb die Primarflex auch nicht lang allein. Neben der fast zeitgleich erschienenen Reflex-Korelle kamen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mindestens noch die Beier-Flex und die Exakta 6x6 hinzu. Zum Teil wurden für diese Kameras dieselben Objektive verwendet, wie diese Aufstellung von Walter Kross aus dem Jahre 1939 zeigt [Spiegelreflex 6x6, 2. Auflage, 1941, S. 55].

Die Sonderstellung der Primarflex lag dabei in ihrer außergewöhnlichen Bauart begründet. Sie ist der Prototyp der würfelförmigen Spiegelreflex, die später noch einige Nachahmer gefunden hat. Zwar ermöglicht diese Bauweise ein beeindruckend kompaktes, gut in der Hand liegendes Kameragehäuse; das allerdings nur zu dem Preise, daß sowohl die Filmführung als auch die Verschlußtücher um (mindestens) 90 Grad abgeknickt werden müssen. Ward der Laufweg der Verschlußtücher indes nicht abgeknickt, dann bekam der Konstrukteur einer solchen Kamera ein arges Platzproblem. Es blieben nur geringe Bewegungsräume der Tücher zu Beginn und zum Ende des Verschlußzyklus übrig, was stets große Schwierigkeiten bei der Schlitzbildung und beim Abbremsen der Tücher mit sich brachte. Das war der Grund, weshalb ähnlich der Primarflex aufgebaute Kameras immer Probleme mit der Konstanz der Verschlußzeiten bzw. der Dauerhaftigkeit des gesamten Mechanismus aufwiesen. Derlei ambitionierte 6x6 Schlitzverschluß-Kameras waren dem  täglichen Einsatz oftmals so schlecht gewachsen, daß sie von den Herstellern ständig überarbeitet werden mußten (Hasselblad 1600 F oder Bronica de Luxe und ihre jeweilgen Nachfolger) oder sie brauchten Jahre, um endlich als ausgereiftes Modell auf den Markt gebracht werden zu können (Rolleiflex SL66). An die Akkuratesse der Verschlußzeiten durften bei diesen Kameraytpen ohnehin keine übermäßigen Anforderungen gestellt werden. Modelle nach dem Bauprinzip der Korelle (das eigentlich von Karl Nüchterleins Exakta 4 x 6,5  initiiert worden ist), bei dem Film und Verschlußtücher gestreckt ablaufen konnten, hatten in dieser Hinsicht stets die besseren Voraussetzungen zu bieten. Nicht ohne Grund sind diejenigen Hersteller, die trotzdem Würfelkameras anbieten wollten, später fast flächendeckend zum im Wechselobjektiv integrierten Zentralverschluß übergegangen – trotz des haarsträubenden Aufwandes, den diese Bauweise mit sich brachte.

Bentzin Primarflex

Man kann der Primarflex dabei bescheinigen, für die 30er Jahre eine ungemein moderne Konstruktion gewesen zu sein. Sie bot beispielsweise einen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußaufzug (das hatte damals noch nicht einmal die Rolleiflex). Auch scheint von Anfang an eine automatische Filmschrittsteuerung vorhanden gewesen zu sein. Noch an der Primarflex II aus den 50er Jahren erkennt man aber, welche Pionierstellung diese Kamera dabei innehatte: Das Filmeinlegen mutet aus heutiger Sicht kurios an. Der eingelegte Film muß nämlich bei offener Rückwand so lange weitergedreht werden, bis gerade der Klebestreifen sichtbar wird, mit dem der Film am Schutzpapier befestigt ist. Der Grund ist ganz einfach benannt: als die Primarflex erschien, gab es noch keinen Startpfeil auf dem Schutzpapier. Rollfilmkameras arbeiteten damals ausschließlich mit einem Nummernfenster. Für einen automatischen Filmtransport gab es daher nur die Klebestelle als eindeutiges Startzeichen. Aus ebenjenem Grunde hatte der Rolleiflex Automat 1937 eine aufwendige Abtastung des Klebestreifens verpaßt bekommen, die das Filmeinlegen so kinderleicht machte.

Primarflex

Wie das Bild oben zeigt, war die Primarflex für ihre Zeit sehr komplex aufgebaut. Die Verschlußsteuerung mit einem einzigen Zeiteinstellknopf und ohne umlaufende Teile war geradezu revolutionär. Leider ist über die Kamera und ihren Hersteller nur wenig bekannt. Gerne würde ich den eigentlichen Konstrukteur benennen, aber trotz intensiver Recherchen ist nichts Näheres zu finden. Einzig ein Gebrauchsmuster Nr. 1.512.498 vom 27. November 1941 zu einem verbesserten Bajonettanschluß habe ich ausfindig machen können. Aber auch hier ist nur die Firma Curt Bentzin, Rauschwalder Straße 28 in Görlitz benannt, jedoch kein Erfinder. Weitere Details zum Hintergrund dieser Kameras bleiben daher leider im Dunkeln, weil sich keine Primärquellen finden ließen.

Olympiasonnar 2,8/180mm an der Primarflex II

So möchte ich wenigstens noch die Bedienungsanleitung zeigen, die einer späten "Primar-Reflex II" beigegeben war, die bereits mit einem Tessar mit Vorwahlblende ausgestattet gewesen ist. Man beachte diese Namensänderung für Exportmodelle noch kurz vor Einstellung der Produktion. Bei dieser Kamera ist auch die 1/1000 Sekunde fortgelassen worden (sie ist ohnehin nie erreicht worden). Trotz Modernisierung Ende der 40er Jahre war das Grundprinzip der Primarflex hoffnungslos veraltet. Man hätte die Kamera komplett neu konstruieren müssen, was aber offenbar durch die Verantwortlichen im Feinoptischen Werk Görlitz ("Meyer-Optik"), die die Herstellung dieser Kamera übernommen hatten, gescheut wurde. Vergleichbares geschah zu ebenjener Zeit in den Kamerawerken Niedersedlitz, wo die Meister-Korelle des WEFO-Werkes weitergebaut werden sollte. Angesichts der unzureichenden Auslegeung der Kamera und ihrer handwerklichen Produktion wurde das freilch durch die Niedersedlitzer Betriebsleitung abgelehnt. Reflex-Korelle und Primarflex – das waren halt mittlerweile Kameras aus einer längst vergangenen Zeit.

Primarflex

Trotzdem ist die Primarflex eine ernstzunehmende Kamera, die bis zum Erscheinen der Praktisix sehr gesucht blieb. Man kann mit ihr auch heute noch gut arbeiten, wenn man sich Zeit nimmt. Insbesondere die fehlende Springblende verlangsamt den Ablauf doch erheblich, weil man vor dem Auslösen stets noch die Blende zudrehen muß. An diesem Punkt wird einem klar, weshalb Siegfried Böhm unbedingt eine komplett neue Kamera entwickeln wollte, die gezielt auf die vollautomatische Springblende hin ausgelegt sein sollte. Bei den langen Brennweiten des Mittelformates, die unbedingt bei voller Blendenöffnung bis unmittelbar vor dem Auslösen fokussiert werden müssen, ist eine solche Einrichtung unheimlich hilfreich.

Photographiert man hingegen statische Motive, dann erzielt man auch mit der Primarflex beachtliche Resultate, deren Bildwirkung nichtzuletzt durch die begehrenswerten Primotare, Trioplane und Tessare erzielt werden, die zeitgenössisch zu dieser Kamera geliefert wurden. Aufnahmen mit diesen historischen Objektiven zeichnen sich nicht durch extreme Schärfeleistung, sondern vornehmlich durch eine bemerkenswerte Plastizität aus, die sich mit Worten kaum beschrieben läßt.

Leider gab es für die Primarflex kein Weitwinkelobjektiv. Adaptionen der später für die Praktisix gelieferten Flektogone verlangen nach einem Umbau der Kamera, da ansonsten der Spiegel anstößt. Ich habe eine Lösung gefunden, die vielleicht nicht ganz stilecht ist, aber bei der die Kamera unangetastet bleiben kann. Und die Bildleistung ist entsprechend dem optischen Aufwand tadellos.

Primar - Reflex Sekor

Die Primarflex hat übrigens eine interessante Funktion zu bieten: Mit einem Knopf läßt sich nach dem Auslösen der Spiegel in die Betrachtungslage zurückführen, ohne daß der Verschluß gespannt werden muß. Daher muß auch der Film erst einmal nicht transportiert werden. Es ist beim Rollfilm immer günstig, aufgrund der schlechten Filmplanlage den Transport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, damit das Material so straff wie möglich im Bildfenster liegt. Leider wird dieser Vorteil wieder durch ein anderes Problem infrage gestellt, das nahezu alle würfelförmigen Rollfilmkameras aufweisen: Durch die Umlenkrolle prägt sich nach längerer Zeit ein Knick in den Film ein, der beim nächsten Transport meist genau mitten in der Bildfläche zu liegen kommt. Über die daraus resultierenden partiellen Unschärfen ärgerten sich auch Hasselblad-Photographen jahrzentelang...

aber

Wenn die Kamera prinzipiell in Ordnung ist, dann läßt sich mit der Primarflex II natürlich auch heute noch ganz gut arbeiten. Wirklich leicht ist das freilich nicht - die fehlende Blendenautomatik macht sich bemerkbar. Und wie gesagt: Schon das Einlegen des Filmes läßt einem heutzutage die Haare zu Berge stehen. Es gibt allerdings ein Merkmal dieser Kamera, das ich ungeheuer praktisch finde. Mit einem Knopf an der Seite läßt sich nämlich der Spiegel bereits wieder in die Betrachtungsposition bringen, ohne den Verschluß spannen zu müssen. Bei all dem, was oben über die Filmplanlage dieser Kamertypen gesagt wurde, bringt diese kleine Zusatzfunktion schon einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil mit sich. Man kann nämlich dadurch den Bildtransport stets so lange aufschieben, bis das Motiv auf der Mattscheibe wirklich gefällt.


MK/YS


letzte Änderung: 14. August 2019