Sonstige Kameras

 

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Sonstige Kameras

Hier sollen nach und nach Hintergrundinformationen zu den übrigen Kameras der Mitteldeutschen Photoindustrie aufgeführt werden, wie sie sonst vielleicht noch nirgens zu finden sind.

 

 

Werra

Werra

Durch die heutzutage möglich gewordene internationale Vernetzung von Kamerafreunden bin ich zu der Einschätzung gelangt, daß die Werra zu den beliebtesten Erzeugnissen unserer Photoindustrie in Übersee gehört. Insbesondere im Anglo-Amerikanischen Raum stößt die Werra aufgrund ihres ziemlich einzigartigen Äußeren bis heute auf begeisterte Anerkennung. Man muß dann diese Leute – für die das Bild der Länder hinter Eisernen Vorhang fast ausschließlich durch Klischees überprägt ist – erst einmal ein wenig über den politischen Hintergrund dieser Kamera aufklären. Die harten Fakten sind rasch zusammengefaßt: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der die Machtstrukturen der stalinistischen Einparteiendiktatur ernstlich erschüttert hatte, sorgte dafür, daß die Führungselite um Walter Ulbricht nach einer kurzen Zeit des sich Sammelns in Aktionismus ausbrach. Mit dem gegen Ende des Jahres eingeschlagenen „Neuen Kurs“ versuchte man, durch wirtschaftspolitische Zugeständnisse den Druck aus dem System zu nehmen. Mit dem Mittel, den DDR-Bürgern etwas zum Kaufen in die Läden zu stellen, gelang es, politische Grundsatzfragen vom Tableau zu nehmen. Dieser Zustand wurde für die nächsten 30 Jahre konserviert, bis die damals unter den Teppich gekehrten Grundsatzfragen das Regime erbarmungslos einholten.

Die Werra wurde ursprünglich mit einem grünen Vulkanitbelag versehen. Diese Technologie wurde von den Zeissianern schon seit Jahrzehnten im Fernglasbau angewendet und war daher genauestens bekannt. Und grün deshalb, weil die Werra als echte Thüringerin so grün sein sollte, wie der Thüringer Wald. So wurde das damals begründet. Geschmackssache. Die Farbvarianten daneben wurden leider nie gefertigt, obwohl sie sicherlich attraktiv gewesen wären. Stattdessen stellte man im Laufe der 50er Jahre die Vulkanisierung auf das zeitlose schwarz um.

Es ist gar nicht meine Absicht, hier zu politisieren, aber unsere Werra ist nun einmal ein beredtes Zeugnis dieser wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der frühen DDR. Sie war ein direktes Ergebnis des besagten Neuen Kurses. Der VEB Carl Zeiss JENA ist nämlich damals dazu verpflichtet worden, eine Kleinbildkamera für die breiten Massen zu konstruieren, die bei zweckmäßigem Aufbau und guter Leistung in möglichst großen Stückzahlen herstellbar sein sollte [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 353ff.]. Dazu wurde eine Produktionsanlage komplett neu aufgebaut – mit all den Schwierigkeiten, die sich bei so einem Vorhaben ergeben. Wolfgang Schröter ermöglicht es uns, einen einmaligen Blick in die im Sommer 1954 gerade erst angelaufene Produktion der Werra zu werfen [Deutsche Fotothek, Datensatz 71621305].

Großer Wert wurde auf die robuste Konstruktion gelegt – irgendwelche Lösungen mit Springmechanik und Lederbalg zwischen Objektiv und Gehäuse kamen dabei nicht infrage. Besonderes Augenmerk galt auch der Bildbühne. Rolf Miller hat in seinem Aufsatz „Die Bildleistung der Werra“ [Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] ausführlich beschrieben, welche umfangreichen Untersuchungen zur Filmplanlage angestellt wurden, bevor die Bildbühne letztlich Gestalt annahm. Hier haben es die von Zeiss delegierten Chefkonstrukteure Werner Broche und Kurt Wagner ein wenig zu genau genommen. Die ersten Modelle der Werra konnten diese Präzision noch gar nicht ausnutzen. Das änderte sich erst mit Einführung der Wechselobjektive in Verbindung mit dem Schnittbildentfernungsmesser. Jetzt war Präzision gefragt! Die resultierende Bildqualität setzt sich nämlich aus der Summe aller Justierungsungenauigkeiten zusammen. Und diese Abweichungen kamen nun nicht nur von der Filmdurchbiegung, sondern auch vom Abgleich des Meßsuchers und von Toleranzen des Anlagemaßes verschiedener Wechselobjektive. Dieses Aufsummieren von Toleranzen ist übrigens ein großes Problem für den Kamerakonstrukteur, weil dies im schlimmsten Fall die ganze Kamera infragestellen kann. Ich kann mir vorstellen, daß schlecht beherrschbare Justagefehler auch die Umstellung der Altix auf Meßsucher vereitelt haben, denn was nützt ein präziser Meßsucher, wenn das Bild am Ende nicht scharf ist, weil die gesamte Abbildungskette nicht präzise genug toleriert ist. Bei der Werra war dieses Problem von Anfang an ausreichend beachtet worden. Das ist ein Hauptgrund dafür, weshalb diese ursprünglich so simple Werra am Ende zu solch einem hochpräzisen System mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Belichtungsmesser ausgebaut werden konnte. Das ist wahrlich als eine der größten Konstruktionsleistungen im deutschen Kamerabau anzusehen.

Oben sieht man eine Modellübersicht der Werra-Reihe. Die Werra V befand sich zum Zeitpunkt des Druckes (1958) noch in der Konzeption. Die fertige Kamera hatte dann eine gewölbte Deckkappe, die in der Folgezeit auch sukzessive bei den anderen Modellen übernommen wurde. Die Werra V wurde kurze Zeit später durch die leicht weiterentwickelte Werramatic abgelöst, deren äußeres Kennzeichen die weggefallene Schutzkappe vor dem Einbereichs-Belichtungsmesser war.

 

Unten dieses besagte Spitzenmodell der Reihe mit einer bequemen Belichtungshalbautomatik und dem speziellen Schnittbild-Entfernungsmesser im großen, hellen Meßsucher. Die Zeichnung darunter zeigt, welch großer optischer und mechanischer Aufwand für diesen Meßsucher vonnöten gewesen ist.

Geschützt wurde dieser Meßsucher mit dem DDR-Patent Nr. 17.655 vom 10. Juli 1956. Hermann Friebe war der Urheber. Mir ist übrigens nicht bewußt, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers von anderen Herstellern in ihren Meßsuchern eingesetzt worden ist. Man findet sonst eigentlich nur den Mischbildentfernungsmesser, der nach dem Überlagerungsprinzip arbeitet. Der Schnittbildentferungsmesser braucht zwar immer eine Kante oder ein anderes markantes Objekt, das eben zerschnitten wirkt, wenn nicht scharfgestellt ist, dafür beeindruckt er mit seinem hellen, klaren Meßfleck, der auch bei wenig Licht und kontrastarmen Objekten ein gutes Scharfstellen ermöglicht. Das Mischbild ist in solchen Fällen meist rasch am Ende.

DD17.655
DD17.655

Wieso nicht jede x-beliebige Firma solch aufwendige Meßsucher anbieten konnte, er kennt man, wenn man sich mal die Kombination aus Dackantprisma mit aufgekittetem Ablenkungsprisma anschaut, das in der Werra III...V verbaut wurde. Das war schon höchste optisch-feinmechanische Präzision. Heute werden solche Prismensysteme aus transparenten Kunststoffen gespritzt, aber bei der Werra ist alles aus geschliffenem, poliertem Glase. Bei der Werra V bzw. der Werramatic kam dann noch die Anzeige des Nachführzeigers am unteren Bildrand sowie die Einspiegelung von Zeit- und Blendenskala hinzu. Das war eine große Leistung!

Unter Federführung der Konstrukteure Hermann Friebe und Helmut Scharffenberg wurde die Werramat im Jahre 1967 noch zu einem Blendenautomaten weiterentwickelt. Diese "Werra-Supermat" wurde 1968 noch groß in der "Fotografie" angekündgt und umfangreich technisch beschrieben, kam aber offenbar nicht über die Nullserie hinaus und gelangte auch nicht offiziell in die Geschäfte. Weil jetzt durch eine aufwendige Mechanik die Stellung des Meßwerkzeigers abgtastet werden mußte, um damit die Blendenöffnung festzulegen, bevor der Verschluß schließlich ausgelöst wurde, mußte von der bisherigen Form des Gehäuseauslösers abgegangen werden. Es mag sein, daß dieser rückseitige Auslöseschieber mit seiner ziemlich ungünstigen Handhabung den Serienbau verhindert hat. Ich vermute aber eher, daß der neue Kamerakonzern PENTACON endlich von der Last befreit werden wollte, den komplizierten und in der Herstellung problematischen Prestor Zentralverschluß für Zeiss Jena bereitstellen zu müssen. Und ohne Zentralverschluß eben keine Werra mehr.

Aufnahmen: Peter Drijver

Altix

 

Über diese Kameras gibt es bereits zahreiche Internetseiten – es wäre also unsinnig, hier noch einmal die Modellfolge dieses Typs zu wiederholen. Erwähnt werden sollte die Altix aber dennoch, denn bei ihr handelt es sich um die zeitweilig beliebteste Amateurkamera der DDR. Für Viele war sie der Einstieg in die ernsthafte Amateurphotographie, denn insbesondere die Modelle mit Wechselobjektiven erlaubten schon eine ziemlich weitgreifende Bildgestaltung. Für den phototechnisch Interessierten fasziniert die technische Evolution dieser Kamera. Die ersten Modelle – vor dem Kriege und nach 1945 – waren reine Blechkonstruktionen; gestanztes und miteinander vernietetes oder verschraubtes Messingblech.

Das hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Teile aus Aluminium-Druckguß wurden lange Zeit noch durch Spezialfimen zugeliefert. Eine dieser Firmen befand sich beispielsweise in Berlin-Weißensee. Dort wurden nachweislich die Grundkörper der Meister-Korelle hergestellt. Es dauerte eine Zeit, bis Druckgußteile auch in den kleineren Firmen vor Ort gefertigt werden konnten. Erst jetzt konnte die Grundkonstruktion der Altix auf modernere Bauarten umgestellt werden.

Altix nb

Auf der Basis eines solchen Druckgußköpers waren dann auch viel leichter Modifikationen möglich. So gab es die Altix n mit einem Belichtungsmesser, der erst die links zu sehende Formgebung hatte. Später wurde auch diese Belichtungsmesser-Variante der Altix auf den praktischen Leuchtrahmensucher umgestellt, weshalb der Belichtungsmesser, um genügend Platz für die Leuchtrahmen-Beleuchtung zu schaffen, in die Deckkappe integriert und etwas nach rechts verschoben wurde. Falls dazu auch Änderungen am Grundkörper der Kamera nötig wurden, so fertigte man einfach eine neue Gußform an. Das war fertigungstechnisch ziemlich modern für so eine kleine Firma.

 

Eines bekam man aber nicht mehr hin: Einen mit der Scharfstellung gekuppelten Meßsucher. Hierzu hätte das Konzept dieser Kamera nachträglich neu aufgestellt und auch die Wechselobjektive hätten neu eingerichtet werden müssen. Das war zu aufwendig. Auch hätte der Stößel, der den Metertrieb mit dem Meßsucher verbindet, irgendwo durch den "von der Stange" gefertigten Tempor Zentralverschluß geführt werden müssen. All das wollte die zusammengelegte Konstruktionsabteilung der Kamera- und Kinowerke offenbar nicht mehr leisten. Damit war Anfang der 60er Jahre das Konzept der Sucherkamera mit Wechselobjektiven im Dresdner Kamerabau ad acta gelegt. Ein paar Jahre später folgte auch die Eisfelder Werra diesem Schicksal. Das Zeitalter der Einäugigen Reflexkamera war angebrochen.

Seltenes Bildmaterial aus der Produktion der Altix. Anlaß war der Ausstoß der hunderttausendsten Kamera. Das genaue Datum ist nicht mehr bezifferbar, nur daß die Pressephotographen Erich Höhne und Erich Pohl die Urheber gewesen sind [Bildquelle: Deutsche Fotothek].

 

 

Mittlerweile kann ich übrigens noch eine interessante Entdeckung nachreichen: Aufgrund einer Liste in Johannes Steiners Fotojahrbuch 1959 auf Seite 325 kann man erkennen, daß die Altix mit Meßsucher tatsächlich fest im Lieferprogramm eingeplant war. Auch die Namensgebung ist durch diese Liste überliefert. Die Kamera mit Entfernungsmesser hätte „Altix-n e“ gehießen, dasjenige Modell mit zusätzlichem Belichtungsmesser „Altix-n be“.

 

Weshalb diese weiterentwickelten Kameras nie erschienen und die gesamte Altix-Reihe alsbald eingestellt wurde, könnte neben den oben genannten technischen auch rein ökonomische Gründe gehabt haben. Die Altix könnte nämlich ein „Opfer“ der drastischen Preissenkung im Photohandel vom Mai 1960 geworden sein, die dazu geführt haben mag, daß sich weder Weiterproduktion noch gar Weiterentwicklung dieser Kamera wirtschaftlich gelohnt haben. Ausführlicher gehe ich auf diesen bislang völlig unbeachteten Aspekt und dessen Auswirkungen auf den Dresdner Photogerätebau in einem kleinen Aufsatz ein, der unter den Preislisten im Abschnitt Dokumente zu finden ist.

Pouva Start - "Die Kamera der Millionen"

 

Über Karl Pouva und seine Firma habe ich schon in der Rubrik "Personen" in der Sektion "Geschichte" etwas geschrieben. Deshalb sollen hier nur noch ein paar Bilder aus den Fabrikräumen folgen, die Höhne/Pohl im Jahre 1953 geschossen haben [Deutsche Fotothek Datensatz 70603065]. Sie lassen auch ein wenig von den damaligen Arbeitsbedingungen erahnen, die sicherlich nicht angenehm waren. Der Umgang mit Phenolharzen ist gesundheitlich nicht ganz unbedenklich, zumal die Preßmasse zum Aushärten einige Minuten lang stark erhitzt werden mußte, was phenol- bzw. aldehydhaltige Dämpfe freisetzte. Daß Arbeitshygiene offensichtlich einen untergeordneten Stellenwert einnahm, sieht man auch an der Mitarbeiterin, die meiner Ansicht nach Teerpech erhitzt, um die Linsen für das periskopische Pouva-Start-Objektiv auf die Schleifmaschinentragkörper zu kitten. Die Pouva KG stellte diese einfachen Linsen tatsächlich selbst her. Auf dem ersten Photo sieht man übrigens Karl Pouva noch einmal persönlich.

Penti

 

Über technische Details zu dieser Kamera habe ich in der Rubrik "Patentschau" bereits einen längeren Text geschrieben. Immerhin gibt es ernstzunehmende Hinweise darauf, daß diese Kamerareihe seinerzeit zu einem Blendenautomaten (Penti III? oder IV?) und einer Halbformat-Spiegelreflexkamera (SR24?) ausgebaut werden sollte. Daraus wurde nichts. Das schmälert freilich nicht die Tatsache, daß insbesondere die Penti II eine derart sinnvoll konzeptionierte Kamera gewesen ist, daß sie bis in die späten 1970er Jahre im Angebot blieb. Und nachdem die Prakti, die Werra-Reihe, die Altix, die Belmira usw. lange schon eingestellt worden waren, stellte sie während der 70er Jahre mit ihrer Belichtungshalbautomatik die einzig verbliebene höherwertige Sucherkamera aus DDR-Produktion dar. Das änderte sich erst mit der Beirette electronic Anfang der 80er Jahre. Wer Glück hatte, der konnte eine aus der Sowjetunion importierte Sokol Automat ergattern, die wirklich gut war, aber stets in zu kleinen Kontingenten in die Geschäfte kam. Wie schon mehrfach erwähnt: Gute Sucherkameras waren ein von der DDR-Photoindustrie frühzeitig verlassenes Marktsegment.

Welta Penti

Ich habe mich bereits an verschiedenen Stellen vergleichsweise kritisch über Walter Hennig (1908 - 1977) geäußert, auch wenn Herbert Blumtritt seinen Mentor als „genialen Konstrukteur“ in den höchsten Tönen lobt [Vgl. Blumtritt, Herbert: Die Geschichte der Dresdner Fotoindustrie, Stuttgart, 2000, S. 188]. Es reicht aber nicht, ein genialer Konstrukteur zu sein. Meiner Ansicht nach liegt es nämlich auch im Verantwortungsbereich eines Konstrukteurs, Geräte zu entwerfen, die nicht nur toll sind, sondern mit denen der Betrieb, für den man sie entwirft, auch Geld verdienen kann. Insbesondere ein „Abteilungsleiter Konstruktion“ muß abschätzen können, welche Entwicklungen sinnvoll sind und was wirklich vom Markt verlangt wird. Und was das betrifft, muß man Walter Hennig leider vorwerfen, etliche „Wolkenkuckucksheime“ entwickelt zu haben, die geradewegs am Markt vorbeientwickelt worden oder schlichtweg nicht ausgereift waren. Ein Beispiel für ersteres sind die beiden Spiegelreflexkameras mit Wechselkassetten, die Hennig für die Zeiss Ikon entwickelt hat. Wir wissen heute, daß mit diesem Projekt (sowie der Stereo-Reflexkamera Pentaplast) offenbar die gesamte Produktentwicklungskapazität dieses Betriebes blockiert wurde, weshalb dieser in der zweiten Hälfte der 50er Jahre keine konkurrenzfähige Stillbildkamera mehr auf dem Markt hatte. Als zweites Wolkenkuckucksheim entpuppte sich das Verlangen, eine Zentralverschlußspiegelreflexkamera nach westdeutschem Vorbild herauszubringen. Mit einem erfolglosen Konstrukt namens Pentina, für das Hennig maßgeblich verantwortlich zeichnete, wurden die frisch gegründeten Kamera- und Kinowerke stark belastet. Geradezu zur Katastrophe geriet aber Hennigs Prakti, auch wenn sie Blumtritt als „sein Meisterstück, sein ‚Juwel‘“ bezeichnet und im Nachsatz „ihre Tragik“ beweint [Ebenda]. Dabei ist doch die Tragik dieser Prakti nicht vom Himmel gefallen, sondern war Ergebnis einer völlig überkandidelten Konstruktion, die Walter Hennigs Hang geschuldet war, viel zu hoch gesteckte Zielvorgaben mit einem Wust an technischen Lösungen erreichen zu wollen. Im Zeitalter der Selenzelle war es eben völlig überambitioniert, eine automatisierte Kamera schaffen zu wollen, die in dieser Form tatsächlich erst in den späten 80er Jahren mithilfe von Autofokus und Programmautomatik Gestalt annehmen konnte. Das hätte Walter Hennig damals erkennen müssen und Herbert Blumtritt hat zu wenig Abstand von seinem Idol, um diesen Punkt objektiv genug beurteilen zu können.

Welta Penti

Um so bemerkenswerter ist doch diese Penti. Offensichtlich ist Hennig gerade da am besten, wo er seine einfachste Kamera entwickelt. Hier läuft dieser Mann ja geradezu zur Höchstform auf. Der Hintergrund zu dieser erst Orix, dann bald Penti genannten Kamera ist folgender: Die Filmfabrik Wolfen konfektionierte auch nach 1945 noch einige ihrer Emulsionen in den Karat-Kassetten, um den Weiterbetrieb dieser hauseigenen Kameras aus den 30er Jahren sicherstellen zu können. Hennig besann sich der Einfachheit, mit der das Filmeinlegen bei diesen Schiebekassetten möglich war. Seine Grundidee lag darin, dieses „Schiebeprinzip“ derart auszudehnen, daß jegliche drehende Getriebe zu eliminieren wären. Daher konnte diese Kamera trotz einer Kupplung des Filmtransports mit dem Verschlußaufzug so derart simpel, kompakt und leicht ausfallen. Ich erlaube mir daher, Herbert Blumtritt zu widersprechen und zu korrigieren: Nicht die Prakti, sondern die Penti ist Hennigs Meisterstück gewesen!

 

Zum Abschluß noch ein paar zeitgenössische Bilder zur Produktion der Penti, die vom Photographengespann Höhne/Pohl stammen und durch die Deutsche Fotothek überliefert werden. So erfahren wir, daß die Penti ein Jugendobjekt der FDJ gewesen ist und daß sie von genau derlei Damen, für die sie hauptsächlich gedacht war, offensichtlich auch gefertigt worden ist. :-)

Boxkameras...

 

 

... können auch ästhetisch sein, wie die Volkseigene Photoindustrie in den 50er und 60er Jahren bewies. Als diese Kameragattung in der Zwischenkriegszeit in den Markt eingeführt wurde, stellten die zugehörgen Gerätschaften noch nüchterne, schwarze Blechkästen dar – daher die Gattungsbezeichnung. Initiatoren waren die Filmhersteller, die möglichst billige Knippsapparate unter die Leute bringen wollten, um den Absatz an Rollfilmen anzukurbeln. Erst in einem zweiten Schritt sprangen die Kamerhersteller auf diesen gut rollenden Zug auf und lancierten eigene Modelle, die manchmal etwas besser ausgestattet waren. Trotzdem war die Technik dieser Kameras durchweg spartanisch: Einfacher Schleuderverschluß mit Moment und Zeit, keine Entfernungseinstellung, billige "Objektive" in Form von Periskopen, Achromaten oder meistens gar nur einzelnen Meniskuslinsen. Diese waren weit abgeblendet, um ein leidlich scharfes Bild liefern zu können. Der Vorteil lag aber darin, daß bei gutem Lichte nur noch ausgelöst werden mußte. Genau das richtige für Lieschen Müller. Und von den meist 6x9cm großen Negativen ließen sich auch ohne Vergrößerungsgerät per Kontaktkopie leicht "albumfertige" Papierbilder gewinnen.

Rheinmetall Perfekta

Beim ersten Modell der Perfekta kann man sicherlich bezüglich der Ästhetik geteilter Auffassung sein. Das ist in erster Linie ihrer starren Bauweise ("Tubuskamera") zuzurechnen. Bei der unten gezeigten Perfekta II mit ihrem versenkbaren Objektiv war die Formgebung dann aber deutlich ausgewogener. Ungewöhnlich zudem die drei Momentbelichtungszeiten, die sonst nur bei Kameras der Mittelklasse üblich waren.

Perfekta II

Die erste Boxkamera in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. frühen DDR dürfte die bereits angesprochene Pouva Start gewesen sein, die sich durch Einsatz von Phenoplast-Kunststoff billig in riesigen Stückzahlen herstellen ließ. Auf diesem Pfad wanderten bald mehrere Mitbewerber, von denen die oben gezeigte Perfekta II mit ihrem Drei-Zeiten-Verschluß und dem farbtauglichen Achromaten bereits die Luxusausführung der Boxkamera darstellte. Sie wurde zur der Herbstmesse 1955 auf den Markt gebracht. [Vgl. Brauer, Egon: Neuheiten auf der Herbstmesse, Bild und Ton Heft 10/1955, S. 280.]

DD13.327

Bezüglich der Perfekta II hat es sogar eine Patentierung gegeben. Bei ihr wird nämlich der Verschluß gespannt wenn man den Film transportiert, was unliebsame Doppelbelichtungen, wie sie bei der Pouva Start auftreten können, ausschließt. Diese Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug gab es vorher schon bei dem ersten Modell der Perfekta. Das Neuartige war nun aber, daß bei der Perfekta II das Objektiv versenkbar ist und es deshalb eines speziellen Übertragungsmechanismusses bedurfte. Dieser wurde im DDR-Patent Nr. 13.327 vom 14. März 1954 zum Schutze angemeldet. Schön für uns, daß die Perfekta II nun auch mit einem Namen in Verbindung gebracht werden kann. Wer hätte noch gewußt, daß diese hübsche Boxkamera von einem gewissen Friedrich Schieber konstruiert worden ist.

 

Dieser Mann war schon in den 30er Jahren bei der Zeiss Ikon AG an der Vervollkommnung des Metallrollo-Verschlusses der Contax II beteiligt. Nach intensiverer Beschäftigung mit seiner Patentüberlieferung habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Nicht nur, daß Friedrich Schieber auch den Verschlußspannmechanismus für das erste Modell der Perfekta entwickelt hat, bei der das Objektiv noch nicht versenkbar war (DDR-Patent Nr. 8557 vom 13. Februar 1953). In dieser Schutzschrift wird darüber hinaus auch auf sein DDR-Patent Nr. 4122 vom 13. Mai 1949 verwiesen, das erstmalig seinen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußspannmechanismus schützte. Das interessante ist nun, daß im zweiten Patent Nr. 8557 in Abb. 1 diejenige Kamera skizziert ist, für die das Patent 4122 ursprünglich gedacht war. Der Kenner entdeckt in dieser Skizze die Boxkamera "Sica", die eigentlich als "Volkskamera" angekündigt war, aber letztlich nicht in Serie fabriziert worden ist. Schieber selbst gibt in seinem Patent Nr. 8557 den Hinweis, daß sich diese kastenförmige Kamera nur schwer mit den Händen fassen ließ. Bei der T-förmigen Perfekta war die Frage der Handhabung dann besser gelöst. Weil bei ihr aber der Filmtransportknopf weit vom Verschluß entfernt war, war die im Patent Nr. 8557 geschützte Erfindung vonnöten. Daß Friedrich Schieber der Konstrukteur der seltenen Sica gewesen ist, das bekräftigt auch das Patent Nr. 1526 vom 16. Mai 1950, mit dem er den recht aufwendigen Spiegel-Aufsichtssucher dieser Kamera mit seinem seitenrichtigen Luftbild schützen ließ. Der war vielleicht ein weiterer Grund, weshalb diese Kamera nicht in Großserie gebaut worden ist. Das entsprechende Spiegelsystem ist im rechten Bild dargestellt.

Sica-Kamera aus dem Patent Nr. 8557
Sica Sucher Patent 1526
Certo-phot

Zurück zu den Boxkameras. Die große Zeit des Bakelit ging Ende der 50er Jahre mit dem Erscheinen neuer Kunststoffe langsam zuende. Zudem war das harte Material immer recht bruchgefährdet. Das Certo-Kamerwerk ging daher einen anderen Weg, indem es das Kameragehäuse aus Metall (Certo-phot) oder aus einer Metall-Kunststoff-Verbundbauweise (Certina) ausführte. Der mechanische Aufwand beim Verschluß wurde nun freilich wieder deutlich auf das übliche Box-Niveau herabgesenkt. Einzig die Möglichkeit der Certo-phot bzw. Certina, die Entfernung einzustellen, ist noch erwähnenswert. Eine Doppelbelichtungssperre war nun selbst bei dieser Kameragattung mittlerweile Standard. Und seit mit dem Agfacolor Ultra 17/10° DIN der Farbnegativfilm genau so empfindlich geworden war, wie der Isopan F Standard-Schwarzweißfilm, lag es durchaus im Bereich des Machbaren, mit diesen einfachen Kameras Farbaufnahmen zu wagen. Wie bei den Perfektas wurden daher auf Farbfehler korrigierte Achromate verbaut. Weil sich bei deren beachtlicher Öffnung von 1:8 aber eine ausgeprägte Bildwölbung bemerkbar macht, wurde diesem Problem bei den genannten Kameras mit einer durchbogenen Filmbahn begegnet. Für eine Kamera, die ziemlich genau so viel kostete, wie zwei Langspielplatten, waren dadurch schon beachtlich gute Aufnahmen möglich.

 

So gefällig diese preiswerten Amateurkameras auch aussahen und so ausgeklügelt sie konstruiert waren – die Zeit der größeren Bildformate war abgelaufen. Auch in der DDR hielten im Laufe der 70er Jahre zumindest im Schwarzweißbereich Laborautomaten Einzug. Die selbstangefertigte Kontaktkopie des Negativs auf Auskopierpapier kam daher rasch außer Mode und die Verwendung des Rollfilms im Amateurbereich ging stark zurück. Die Amateure kauften sich jetzt eine Kleinbildkamera und gaben den belichteten Film in die Obhut des "Dienstleistungskombinates". Es begann die Ära der mannigfaltigen 35mm Sucherkameras, die in unterschiedlichen Ausstattungsniveaus bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen ausgestoßen wurden.

Certina

MK

Die Certina wurde im Jahre 1969 als "Revue Junior" sogar von Foto Quelle vertrieben. Nicht daß es dafür keine westdeutschen Hersteller gegeben hätte, aber der harte Preiskampf hatte hier Ende der 60er Jahre bereits zu einer deutlichen Ausdünnung geführt. Was nicht Spitzentechnik war, das mußte nun möglichst billig sein, um beispielsweise gegenüber Konkurrenten wie Porst oder Neckermann bestehen zu können. In beiden Hinsichten - der Spitzentechnik bzw. der preislichen Wettbewerbsfähigkeit - war der westdeutsche Kamerabau bereits deutlich ins Hintertreffen geraten. Selbige Industriezweige der DDR konnten diesen Prozeß noch etwa 10...15 Jahre hinauszögern. Vorerst lag das nicht allein daran, daß die DDR immer mehr zum Billiglohnland wurde.