Pentaflex 8

Pentaflex 8

Schmalfilm-Spiegelreflexkamera des VEB Kamera- und Kinowerke Dresden

Es ist hier schon an verschiedenen Stellen von der schwierigen Lage die Rede gewesen, in die die DDR Kamerabauindustrie in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre geraten war. Der Grund dafür ist hauptsächlich darin zu sehen, daß die zersplitterten Einzelbetriebe munter vor sich hin entwickelten und wirtschaften, ohne daß es eine gemeinsame Koordination gegeben hätte. Das führte im Laufe der 50er Jahre zu einer immer eklatanter werdenden Schieflage des gesamten Dresdner Kamerabaustandortes. Die Einzelbetriebe arbeiteten an immer abgehobeneren Projekten, die nie die Produktionsreife erreichten. Als Beispiele seien die Prototypen der Zweifilmkamera des VEB Kamerawerke genannt, die vielleicht als persönliche Spielzeuge Siegfried Böhms gesehen werden müssen, die aber nüchtern betrachtet völlig am Bedarf des Photoamateurs vorbeientwickelt worden waren. Man muß diesem Betrieb und seinem Leiter allerdings zugutehalten, daß hier mit der Praktica, Praktina und der Praktisix wenigstens moderne Kameras entwickelt worden waren, die sich auch recht gut verkaufen ließen. Genau daran haperte es beim Konkurrenten VEB Zeiss Ikon. Hier war die letzte Innovation die Umkonstruktion der Spiegelcontax zum Verschlußtyp D im Jahre 1951. Dann war die Weiterentwicklung dieser Kamera im wesentlichen auf Eis gelegt. Stattdessen wurde beispielsweise an einer völlig abgehobenen Stereo-Spiegelreflexkamera gearbeitet, die viel Entwicklungsaufwand verschlang, aber niemals marktfähig gewesen wäre.


Unterdessen verkaufte sich die Spiegelcontax auf dem internationalen Märkten immer schlechter. Schaut man sich US-amerikanische Photozeitschriften der 50er Jahre an, so fällt auf, daß die Contax unter immer mehr Handelsnamen zu immer niedrigeren Preisen geradezu verscherbelt wurde; bis sie dann anschließend weitgehend aus den Angebotslisten verschwand. Andererseits taucht diese Kamera zu ebenjener Zeit unter ihrem Exportnamen „Pentacon“ immer öfter in den heimatlichen Photogeschäften auf. Hier muß man nicht viel interpretieren, um darauf zu kommen, daß offenbar der Exportmarkt weggebrochen war.


Diese Situation scheint zweierlei Gegenmaßnahmen ausgelöst zu haben. Zum einen stoßen die Wirtschaftsfunktionäre im Kamerabausektor einen Konzentrationsprozeß an, der mit der Zusammenlegung der Entwicklungsabteilungen der Kamera-Werke Niedersedlitz und des VEB Zeiss Ikon ab der zweiten Jahreshälfte 1956 beginnt und mit der Bildung des Kombinates Pentacon Dresden im Jahre 1968 abgeschlossen wird. Zum anderen bricht in der zweiten Hälfte der 1950er  in Dresden ein schon fast panikartiger Neuentwicklungsreigen aus, der zum Teil noch von den Vorgängerfirmen der späteren Kamera- und Kinowerke initiiert wurde, und der ein ziemlich gemischtes Ergebnis brachte. Zum einen wurde interessante und wirtschaftlich erfolgreiche Neuschöpfungen wie die Penti (Welta) und Pentona (Zeiss Ikon) hervorgebracht, zum anderen völlig am Trend und den Marktbedürfnissen vorbei entwickelte Kameras wie die Pentina Zentralverschlußreflex (auch ursprünglich eine ZI-Entwicklung) und die Prakti als erste gemeinsamen KKW-Entwicklung. Bei letzterer kam noch hinzu, daß sie technisch unzureichend ausgeführt war, zurückgerufen werden mußte und daher für das Exportgeschäft zur Katastrophe geriet.


Diese lange Vorrede ist notwendig, um die hier beschriebene Pentaflex 8 historisch einordnen zu können. Sie ist nämlich ein Kind des beschriebenen panischen Neuentwicklungsreigens der zweiten Hälfte der 50er Jahre, als man meinte, unbedingt schnell Spitzenprodukte des Weltmarktes entwickeln zu müssen, um exportfähig zu bleiben. Aber weder waren die Kinowerke schnell genug bei der Entwicklung zur Marktreife, noch war mit dem Federwerkantrieb und dem Selenbelichtungsmesser ein Spitzenprodukt herausgekommen. Um es vorweg zu nehmen: Obwohl diese Schmalfilmkamera tolle Ansätze aufwies, war sie das, was die Pentina für den Stehbildsektor darstellte, nämlich eine teure, aufwendige Entwicklung, die, als sie endlich in Serie ging, keiner kaufen wollte. Für den DDR-Markt war sie viel zu teuer und auf den eigentlich anvisierten Westmärkten spielte sie quasi keine Rolle. Letztlich läutete sie das Ende der Schmalfilmproduktion am traditionsreichen Ernemann-Standort ein.


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Pentaflex Belichtungsmeßsystem

Aber der Reihe nach. Bei der Pentaflex 8 handelt es sich um eine echte Spiegelreflexkamera – das heißt, das gesamte vom Objektiv abgegebene Licht gelangt in den großen, sehr hellen Reflexsucher. Dadurch läßt sich sehr genau scharfstellen (obwohl  laut Aussagen des Konstrukteurs der Pentaflex-Sucher dafür ursprünglich gar nicht ausgelegt ist). Ermöglicht wird das präzise Sucherbild durch einen umlaufenden Reflexspiegel, der das Licht bei Stillstand der Kamera oder zwischen den Belichtungsphasen bei laufender Kamera über etliche Linsen und ein Prisma in das Sucherokular projiziert. Der einzige kleine Nachteil dieses Systems ist, daß das Sucherbild beim Filmen leicht flackert. Dieser Nachteil wird jedoch durch den hellen Sucher und die Möglichkeit, in weitem Umfang Wechselobjektive benutzen zu können, vollständig kompensiert. Egal ob das Superweitwinkel Flektogon 2/5,5mm, das Olympiasonnar (s.u.) oder eine große Auszugsverlängerung angesetzt ist – der Sucher der Pentaflex gibt den genauen Bildausschnitt wieder und ermöglicht mit seinem dreißigfach vergrößerten Luftbild eine exakte Komposition des Bildauschnitts. Übrigens bleibt das auch so, wenn das Objektiv voll abgeblendet wird. Das wird dadurch ermöglicht, daß das vom Aufnahmeobjektiv projizierte Bild  eben nicht auf eine Mattscheibe fällt, sondern man betrachtet es in Form eines Luftbildes und blickt  damit quasi durch die  Eintrittspupille dieses Aufnahmeobjektivs. Deshalb funktioniert das Ganze auch bei sehr enger Blende. Einen solchen Sucher hat Ende der 50er Jahre jedenfalls keine andere 8mm Schmalfilmkamera zu bieten!

Pentaflex Suchersystem

Oben: Schematische Darstellung des Suchersystems und des großen Getriebeaufwandes für die Blichtungsmessung. Unten ist dieses Summengetriebe in der Realität zu sehen. Links davon der Regler für die Bildwechselfrequenz. Darüber das Mikroamperemeter für das Meßsystem und seine Einspiegelung in den Reflexsucher.

Modern auch das stabile Spritzgußgehäuse der Pentaflex 8. Nach dem Lösen der drei von der Belederung bedeckten Schrauben in den Gehäusekanten, der Linsenkopfschrauben am verchromten vorderen Deckblech und dem Herausdrehen der Senkkopfschraube auf dem Oberdeck müssen lediglich noch die Madenschrauben des Okukars gelöst und selbiges herausgeschraubt werden und schon läßt sich die Kamera in ihre beiden Hauptbestandteile zerlegen.

Eine echte Meisterleistung waren auch die Wendekassetten, die aus dem ansonsten friemeligen Doppelachtfilm fast schon eine professionelle Materialbasis machen. Nicht nur, daß die Kassette schon vorher geladen werden kann (mit etwas Geschick auch im Dunkeln, sodaß kein Material verschwendet wird), sondern wie durch Zauberhand stoppt die Kamera kurz vor dem Ende des ersten Durchlaufs und man kann die Kassette mit zwei Handgriffen herausnehmen und überkopf einlegen, um die zweite Seite des Filmes zu belichten. Das ist eine wahre Freude! Ein automatisch schließender Kassettenschieber sorgt zudem dafür, daß nicht ein Fitzelchen des wertvollen Filmmateriales durch Verschleierung verloren geht.

Durch umfangreichere Recherchen innerhalb der Patentüberlieferung der Dresdner Kameraindustrie kann ich mittlerweile zwei in Vergessenheit geratene Details liefern. Erstens ist die Konstruktion der Pentaflex mit diesen Kassetten begonnen worden. Die Arbeiten dazu lassen sich bis auf das Frühjahr 1956 zurückverfolgen – also noch unter völliger Ägide des VEB Zeiss Ikon. Zweitens läßt sich Wolfgang Planert als hauptverantwortlicher Konstrukteur und größter Ideengeber für diese Kamera ausmachen. Das früheste Patent Nr. DD15.754 wurde am 28. April 1956 angemeldet und betrifft den wesentlichsten Lösungsgedanken für die Auslegung der Wendekassette. Wie jede moderne 8mm Kamera sollte die Pentaflex ohne Zahntrommel auskommen, da jene das Filmeinlegen sehr verkompliziert und dem Amateur viel Geschicklichkeit abverlangt. Dazu arbeiten diese Kameras mit einer Gummiwalze, die dazu führt, daß der Aufwickeltrieb der Leerspule den Film nur dann nachgezogen bekommt, während der Greifer transportiert. Solange belichtet wird, "klemmt" der Film an der Gummirolle. Diese Lösung hatte man bereits seit zwei Jahren in der AK8 in Betrieb und sie funktionierte vollbefriedigend. Nun hat man aber das Problem, daß diese Gummiwalze nur NACH dem Greifer kommen darf, die Kassette aber als Wendekassette ausgelegt werden sollte, die nach dem ersten Durchlauf des Filmes um 180 Grad gedreht wird. Planert hat daher die Gummiwalze auf einem Träger aufgebracht, der die jeweils oben liegende Walze außer Betrieb setzt. Stattdessen wird oben eine Umlenkrolle eingeschwenkt. Die Umstellung auf der jeweils richtigen Seite erfolgt automatisch beim Einschieben der Kassette.

DD15.754

Nur kurze Zeit später, am 1. Mai 1956 – der Dresdner Kamerabau ruhte offenbar auch am Kampftag der Arbeiterklasse nicht – meldeten Wolfgang Planert und Horst Stühmke denjenigen Mechanismus zum Patent an (Nr. DD15.711), der dafür sorgt, daß die Kamera wie von Zauberhand stehen bleibt, sobald sich nur noch wenige Zentimeter Film auf der Vorratsspule befinden. Das ist dann das Signal, daß die Kassette gewendet werden muß. Dazu war der Spulenträger mit einer Sperrscheibe versehen, in die ein Hebel eingriff, der seinerseits Teil des Fühlhebel-Zählwerks war. Eine einfache, aber gerade zu verblüffend praktische Konstruktion. Eine im Patent DD15.409 vom 21. Juni 1956 und im Zusatzpatent DD16.907 vom 23. Dezember 1956 angedachte Lösung, um durch Annäherung der beiden Spulen eine kompaktere Kassette zu erreichen, wurde in der Praxis dann nicht umgesetzt.

DD15.711

Es gibt noch weitere Entdeckungen, die ich hier vermelden kann: Die Pentaflex  war dazu konzipiert, in vielen Bereichen des technisch-wissenschaftlichen Filmes den teuren 16mm-Standard abzulösen. Die kurzen Laufzeiten des Doppelacht-Materiales setzten hier rasch Grenzen. Um sich von dieser Beschränkung frei zu machen, hatten Josef Bönisch, Herbert Göpfert und Wolfgang Planert ein Zusatzmagazin entwickelt, in dem 30-Meter-Spulen untergebracht werden konnten. Das Zusatzmagazin setzte dabei die Form des Kameragehäuses nach hinten fort und ragte nur mit einem Anschlußstück von der Art des oben gezeigten Standardmagazins in den Magzinraum der Kamera. Der Suchereinblick wurde mittels optischer Zwischenglieder an die Rückseite des Zusatzmagazines verlegt.  Angemeldet wurde diese Idee am 6. Februar 1959 (DD22.176). Serienmäßig produziert wurde das Zusatzmagazin indes meines Wissens nie. Als einziger Hinweis auf dessen geplante Einführung ist übriggeblieben, daß die  Tür des Magazinraumes ausgehängt und entfernt werden kann.

DD22.176
DD22.176
DD22.176

Unbedingt erwähnt werden muß noch ein Patent, von dem ich bislang nur eine österreichische (Nr. 211.672) bzw. schweizerische (Nr. 358.681) Anmeldung vom Frühjahr/Sommer 1958 gefunden habe. Außerdem existiert eine bundesdeutsche Gebrauchsmustererteilung Nr. 1.843.912 selbigen Inhaltes vom 21. März 1958. Aber ich bin mir sicher, daß es auch ein DDR-Schutzrecht dazu gibt. Sie beschreiben allesamt den Grundaufbau des Pentaflex-Getriebes. Das Besondere an der Pentaflex ist doch, daß der verspiegelte Umlaufverschluß dreiflüglig ausgeführt ist. Bei einer hochwertigen Kamera mit einem solch stark vergrößernden Sucher kommt dafür nämlich ausschließlich plangeschliffenes Spiegelglas mit einer oberflächlich aufgedampften Aluminiumschicht infrage. Solch ein Glasspiegel ist aber massereich und wenn die Kamera für 64 Bilder je Sekunde ausgelegt werden soll, dann treten an der Lagerung dieses Spiegels ganz erhebliche Fliehkraftwirkungen auf. Aus genau diesem Grunde ist diese spiegelnde Sektorenblende dreiflüglig ausgeführt und zwischen ihr und dem Greifer eine Getriebeübersetzung von 1:3 angeordnet. Damit kann der Verschluß dreimal langsamer oszillieren, als der Transport. Das geniale an der Idee ist, daß der Antrieb durch einen einzigen Zahnkranz erfolgt, dessen Innenseite auf den Verschluß und dessen Außenkranz auf den Greifer wirkt. Dieser Zahnkranz wird zudem ohne weitere Zwischenglieder direkt vom Federgehäuse angetrieben. Diese Reduktion der Übertragungsglieder verringert erheblich die Reibungsverluste und sorgt für eine gute Auslastung des Durchzugvermögens des Federwerkes. Die Draufsicht aus diesem Patent zeigt  auch sehr gut den inneren Aufbau der  Pentaflex 8 mit den weit bis an den Verschluß heranragenden Objektiven und der dahinterliegenden Wechselkassette. Neben der Kassette wird das Sucherbild nach hinten ausgespiegelt.

Bis hier hin war dieses Kamerasystem sehr ausgeklügelt; aber an genau dieser Stelle gab es ein massives Problem: Spiegel-Umlaufverschlüsse sind nämlich nicht 100% lichtdicht zu bekommen. Dadurch, daß dieser Spiegel im 45-Grad-Winkel angeordnet ist und sich völlig ohne Hemmung drehen lassen muß, braucht es stets zu jeder Seite hin einen kleinen Spalt und durch genau diesen fällt sogenanntes Kriechlicht. Diese Erscheinung sorgt dafür, daß dasjenige Phasenbild, das bei Stillstand der Kamera im Bildfenster zum stehen kommt, verschleiert wird und zwar zum Teil bis zur völligen Durchbelichtung der Schicht. In denjenigen Bereichen, wo sonst üblicherweise echte Spiegelreflexkameras eingesetzt wurden, also beim Berufsfilm hauptsächlich, spielte dieser kleine Makel eine untergeordnete Rolle, da solche Filme durchweg vor der Vorführung geschnitten werden. Das liegt beim Amateurfilm aber ganz anders. Für den Hobbyfilmer wäre es unzumutbar, wenn es nach jeder abgedrehten Szene ein hell aufblitzendes Bildfenster gäbe und er dadurch gezwungen wäre, seinen Heimfilm in Dutzende Teile zerlegen zu müssen, um jedesmal diese Blitzer herauszuschneiden. Die Pentaflex benötigte deshalb unbedingt einen zusätzlichen sogenannten Deckverschluß. Alexander Heinz hatte jenen ursprünglich dahingehend ausgelegt, daß ein Schieber vor dem Bildfenster im Gleichtakt mit der Umlaufblende oszilliert; allerdings nur beim „Hochlaufen“ des Transportes oder bei Einzelbildschaltungen. Bei Erreichen höherer Bildwechselzahlen sollte ein Fliehkraftregler den Deckverschluß in der Öffnungsposition festsetzen, damit er im Betrieb keinem Verschleiß ausgesetzt wäre. Diese interessante Lösung wurde aber aus Aufwandsgründen nicht verwirklicht. Vielmehr ist kurz hinter dem Bildfenster ein Schieber angebracht, der sich mit Durchdrücken des Auslösers öffnet und bei dessen Loslassen wieder schließt. Das funktionierte auch bei Einzelbildauslösungen und machte die im DDR-Patent 19.806 vom 12. Juni 1957 veröffentlichte kompliziertere Lösung obsolet.

DD19.806

Für den Objektivanschluß wurde übrigens das Altix-Bajonett verwendet – ein weiteres Anzeichen für die starken Konzentrationsprozesse im Dresdner Kamerabau zu jener Zeit. Bei Erscheinen der Pentaflex gab es die Altissa Werke als solches ja schon gar nicht mehr. Für den Anwender wirkt sich das dahingehend positiv aus, daß auch Altix-Objektive verwendet werden können. Insbesondere das Telefogar 3,5/90 mit seinem feinen Auflösungsvermögen ist als kompaktes Teleobjektiv sehr empfehlenswert. Wer nicht genug kriegen kann, der kann sich natürlich auch einen Adapter anfertigen, mit dem er selbst das Sonnar 2,8/180mm an diese Kamera adaptiert bekommt.

Diese beiden Bilder veranschaulichen noch einmal in eindrücklicher Weise die ziemlich einmaligen Variationsmöglichkeiten der Pentaflex 8 was ihre Bestückung mit Wechselobjektiven betrifft. Mir fällt eigentlich nur die französische Firma Beaulieu ein, die ebensolche echte Spiegelreflexkameras mit freizügig wechselbaren Objektiven in nennenswerten Stückzahlen hergestellt hätte.

Auf dem Bild oben sieht man auch die beiden Anschlußgewinde für solches Zubehör, das an die Einzelbildachse angeschlossen werden konnte. Wirklich hergestellt wurde aber meines Wissens nur ein Kontaktgeber für Blitzgeräte, von dem aus bei Bedarf auch ein elektromagnetisches Einzelbildzählwerk angesteuert werden konnte. Anders als man denken könnte, wäre es ohne Modifikation der Kamera aber nicht möglich gewesen, hier einfach einen Elektromotor anzuschließen. Wie ich oben beschrieben habe, verfügt die Pentaflex 8 über einen sogenannten Deckverschluß, der während der Belichtungspausen den Film vor Kriechlicht bewahrt. Es mußte daher immer der mechanische Auslöser an der Frontseite der Kamera betätigt werden,  um diesen Deckverschluß zu öffnen. Erst im Anschluß hätte per Kontaktgabe der Elektromotor in Gang gesetzt werden können. Daß diese Steuerkontakte nicht einmal prophylaktisch in die Kamera eingebaut wurden, deutet darauf hin, daß nie ernsthaft an einen zusätzlichen Elektroantrieb gedacht wurde.


Mittlerweile habe ich allerdings ein bundesdeutsches Gebrauchsmuster ausfindig machen können, das tatsächlich eine Konzeption eines Elektromotors für die Pentaflex 8 zeigt (Nr. DE1.859.491 vom 14. Dezember 1961). Das oben beschriebene Problem hätte diese Konzeption dadurch gelöst, daß der ansetzbare Elektromotor einen elektrischen Einschaltkontakt bekommen hätte, der seinerseits vor dem mechanischen Auslöser der Kamera plaziert worden wäre. Auf diese Weise wäre zuerst der Elektromotor in Gang gesetzt worden, bevor die Kamera ausgelöst worden wäre. Dazu hätte der Elektromotor natürlich eine Rutschkupplung haben müssen - stets ein problematisches Bauteil! In Serie ging dieser Elektromotor aber wie gesagt ohnehin nicht. Wie die Patentskizze zeigt, wäre das ganze zudem ein ziemliches Monstrum geworden.

DE1859491 Pentaflex 8 Motor

Aus der Patentüberlieferung zur Pentaflex 8 kann man übrigens erfahren, daß diese Kamera ursprünglich mit einem Objektivrevolver ausgestattet werden sollte. Problematisch dabei war, daß diese Objektive irgendwie mit der unbedingt vorgesehenen Belichtungsautomatik gekuppelt werden mußten. Alexander Heinz und Wolfgang Planert  haben sich dazu am 1. Juni 1958 mit dem DDR-Patent 20.867 eine mechanische Kupplung zwischen Objektivrevolver und Belichtungsmessung schützen lassen,  die ohne Schleifkontakte oder bruchgefährdete Kabel auskam.

DD20.867
DD20.867

Diese Pläne wurden aber mit dem 21. September 1959 obsolet. An diesem Tag hatte Carl  Zeiss Jena nämlich die Rechnung eines Varioobjektivs für die Pentaflex abgeschlossen. Das Pentovar 2/8-32mm war äußert gedrungen gebaut und stellte eine wirkliche Spitzenleistung jener Zeit dar. 17 Linsen in zehn Gruppen waren damals noch ziemlich ungewöhnlich. Sie waren aber unabdingbar, um bei einem Bildwinkel von 41° bis 11°, eine durchgängige Lichtstärke von 1:2,0 und eine Schnittweite von 9,61mm einhalten zu können. Mit der Verfügbarkeit dieses brennweitenveränderlichen Objektivs war der Objektivrevolver nicht mehr nötig und die Pentaflex bekam den technisch deutlich günstigeren Einzelobjektivanschluß.

Pentovar 2/8-32m

Auch wenn dieses Pentovar von Zeiss  hergestellt wurde, so ist es dennoch nicht von einem Zeissianer konstruiert worden. Wie ich jetzt erst herausgefunden habe, wurde es durch einen Mann namens Robert Geißler geschaffen, der für den VEB Zeiss Ikon gearbeitet hat. Geißler muß als einer der Pioniere des afokalen Weitwinkelvorsatzes, des Retrofokus- und des Varioobjektives gesehen werden. Daß  über ihn leider sehr wenig bekannt ist, wird wohl daran liegen, daß Robert Geißler bald nach 1960 verstorben ist. Darüber gibt sein letztes Patent Nr. DD29.575 Auskunft, das 17. November 1959 angemeldet wurde. Als es fünf Jahre später erteilt wurde, ist Robert Geißler als verstorbener Erfinder ausgewiesen und als Inhaberin u.a. eine Johanna Geißler, geborene Herrmann – vermutlich seine Witwe. Gegenstand dieses Patentes war übrigens ein lichtstarkes Retrofokus-Weitwinkel 1:2/35mm.

Jena Pentovar 2/8-32mm

Zu diesen Varioobjektiven von Zeiss Ikon gibt es zwei westdeutsche Gebrauchsmuster mit den Nummern 1.715.052 und 1.715.053 bereits vom September 1953. Hierbei handelt es sich um das Pentovar 2/30-120mm für den 35mm Kinofilm. Ein DDR-Patent mit der Nummer 18.265 wurde dann zum 6. Oktober 1956 angemeldet, als vermutlich das Pentovar für 16mm Schmalfilm auf den Markt kam. Es hatte die Daten 2,8/15-60mm; später mit einem auswechselbaren Grundobjektiv war es auf 5,6/30-120mm umbaubar. Die große Leistung Geißlers lag darin, ein hochwertiges Gesamtsystem konstruiert zu haben, bei dem insbesondere chromatische Restfehler im vorderen afokalen Systemteil durch entgegengesetzte Fehler im speziell dafür geschaffenen Grundobjektiv kompensiert wurden. Während der vordere Systemteil bei allen drei Varianten des Pentovars für Normalfilm, für 16 und 8 Millimeter quasi identisch aufgebaut ist, unterscheiden sich die Grundobjektive jeweils erheblich. Unten sieht man zwei Varianten der Grundobjektive aus Geißlers Patent. Sowohl das Pentovar 16, als auch das Pentovar 8 waren im hinteren Systemteil trotzdem noch einmal abweichend aufgebaut. Hier mußte also je nach Verwendungszeck sorgfältig angepaßt werden. Für das Pentovar 8 scheint diese Anpassung dann durch Optikrechner des VEB Carl Zeiss JENA vorgenommen worden zu sein. Es wurde auch in Jena (bzw. Saalfeld) hergestellt und nicht mehr in Dresden, wie die anderen beiden Typen.

DD18.265 Pentovar

Trotz des Zooms gab es eine kleine Reihe sehr hochwertiger Festbrennweiten. Darunter auch das Retrofokus-Weitwinkelobjektiv Flektogon 2/5,5mm, das in dieser Form (also für eine echte Spiegelreflexkamera) etwas Einzigartiges auf dem Markt darstellte.  Der Schnitt durch das Flektogon 5,5mm zeigt, daß es  ein Abkömmling der Entwicklungsarbeiten  zu Retrofokus-Objektiven gewesen ist, die Wolf Dannberg bei Zeiss Jena seit Einführung des Digitalrechners OPREMA Mitte der 50er Jahre betrieb. Die am 18. Juli 1958 fertiggestellte Konstruktion kann ihre enge Verwandtschaft zum Flektogon 4/25mm nicht leugnen.

Jena Flektogon 2/5,5mm

Da die Pentaflex 8 in erster Linie dazu entwickelt worden war, auf den internationalen Märkten verkauft zu werden und Devisen einzubringen, hatte sich Zeiss auch entsprechend ins Zeug gelegt. Nachdem diese Kamera aber im Westen kaum eine nenneswerte Beachtung fand, traf dies auch nicht für die Zeiss'schen Spitzenobjektive zu. Wieder etwas, was man in Jena mit viel Aufwand für den Dresdner Kamerabau entwickelt hatte, das dann aber nicht kommerziell erfolgreich war, sich vielleicht nicht einmal amortisierte und vor allem keine Devisen einbrachte. Vom Pentovar wurden zwischen Oktober 1960 und Juni 1964 aber immerhin 7.050 Stück hergestellt. Da allerdings vom Normalobjektiv "Flektogon 2/12,5mm", mit dem diese Kamera alternativ ausgestattet werden konnte, auch nur etwa 3500 Stück gebaut wurden, bedeutet das, daß von der Pentaflex 8 kaum mehr als 10.000 Stück hergestellt worden sein können ganz gleich, ob die Seriennummer Ihres Exemplars im 30.000er Bereich liegen mag. Angesichts der riesigen Verkaufsziffern an Schmalfilmkameras, die später das neue Super 8 Format generieren konnte, war das mehr als bescheiden. Die Vorstellung der Super 8 Kassette rechtzeitig zu den Olympischen Spielen in Tokio im Oktober 1964 bedeutete quasi das sofortige Aus für alle auf den Normal 8 Film basierenden Kameras weltweit. Genau zu diesem Zeitpunkt läßt sich das Ende des Baus von 8 mm Schmalfilmobjektiven bei Zeiss Jena verorten. Die restlichen bis zum Sommer 1965 hergestellten 13.000 Flektogone 2/12,5mm wurden in die Pentaka automatic eingebaut eine Kamera, die nur noch für den Inlandsmarkt vorgesehen war.

Die Pentaflex 8 im Jahre 1963 in einem westdeutschen Katalog. 1080,- (West!) Mark mit dem Zoomobjektiv zusammen -  das war teurer als Nizo oder Bolex. Trotz des Alleinstellungsmerkmals der Wechselobjektive war dieser Preis (etwa ein Viertel des Standard-Käfers!) viel zu hoch angesetzt.

Pentovar 2/8-32mm
Flektogon 2/5,5mm

Durch die Konstruktion als echte einäugige Spiegelreflexkamera und aufgrund des sehr hellen, großen Sucherbildes, eignet sich die Pentaflex 8 auch sehr gut für Filmaufnahmen im Nahbereich. Dazu gab es einen Zwischenring, mit dem man M42-Objektive und deren Nahaufnahmezubehör verwenden konnte. Auf diese Weise paßt das Kleinbalgengerät an die Pentaflex und das Biometar 2,8/80 ist ein ideales Objektiv für Nahaufnahmen.

Pentaflex mit balgengerät

Wer genau hinschaut, der erkennt an der Vorderseite, daß die obige Kamera auf das Doppelsuperacht-Format umgebaut wurde. Dieses Material bot mit seiner etwa 50% größeren Bildfläche eine deutlich bessere Bildqualität – vor allem bei Benutzung des vergleichsweise dickschichtigen ORWOCHROM Umkehrfilmes. Vom Herstellerwerk gab es diese Version für den Superachtfilm allerdings nie. Vorhandene Kameras wurden bis in die 80er Jahre von wenigen spezialisierten Werkstätten umgebaut. Genau genommen scheint es sogar nur eine gewesen zu sein, nämlich die eines gewissen Ing. F.W. Planert in Dresden-Tolkewitz. Hier schließt sich der Kreis also. Bis mindestens 1970 ist diese Pentacon-Vertragswerkstatt für Schmalfilmgeräte in der Toeplerstraße noch von Wolfgang Planert selbst geleitet worden und später offenbar an seinen Sohn übergegangen. Jener hatte sich dann wohl auf diese Umbauten spezialisiert. Bei Wolfgang Planert haben wir es also mit dem nicht ganz alltäglichen Fall zu tun, daß ein normalerweise eher theoretisch arbeitender Konstrukteur gleichzeitig mit Handwerkergeschick aufwarten konnte. Das spricht jedenfalls für die Kompetenz dieses Mannes. Durch die Umbauten seiner Pentaflex 8 auf Doppelsuperacht blieb diese Kamera übrigens auch entsprechend gesucht und teuer. Denn eine solch hochwertige und vielseitige 8mm-Schmalfilmkamera gab es im Osten nie wieder. Nachdem in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Schmalfilmgeräteproduktion in der DDR ganz und gar aufgegeben wurde, mußten die hiesigen Schmalfilmfreunde nun mit tschechischen und sowjetischen Importen Vorlieb nehmen. Die hochwertigeren Geräte gab es dabei meist nur unter dem Ladentisch, der Rest erfüllte allenfalls die unteren Ansprüche der Amateurfilmer. Das verdeutlicht auch der untenstehende Artikel des Fachbuchautors Siegfried Mehnert aus dem Jahre 1973, der die Frage nach einem Projektor aufwirft, der Vertonungsarbeiten zuließe. Dabei war das damals nur der Anfang der Stagnation für den Amateurschmalfilmer, der bis zum Ende der DDR kaum noch mit Neuigkeiten verwöhnt wurde.

Durch den RGW-Beschluß, die Schmalfilmgeräteproduktion auf die UdSSR und die ČSSR zu konzentrieren, war nun endgültig ausgeschlossen, daß die Pentaflex noch irgendeinmal weiterentwickelt werden könnte. So wurde ein Motorzoom und eine automatische Überblendvorrichtung (DD30.726 vom 14. Oktober 1961) ebensowenig verwirklicht, wie eine Sektorenverstellung (DD39.494 vom 23. November 1962) oder Hinweise auf einen geplanten elektromotorischen Kameraantrieb (DD42.046 vom 3. September 1964). Am kuriosesten erscheint dabei noch Wolfgang Planerts mit dem Kameraantrieb gekoppelte Rolltiteleinrichtung (DD35.636 vom 8. Februar 1964). Ideen waren also genügend da, aber außer einem verbesserten, deutlich ergonomischeren Auslösehandgriff (DD41.713 vom 4. April 1964) durfte nichts mehr verwirklicht werden.

DD35.636
DD41.713

Wurden im Abschnitt zur Pentacon Super diese Kamera neben einer Contarex Super gestellt und attestiert, daß beide dasselbe Schicksal der Erfolglosigkeit teilten, so kann dasselbe Urteil an dieser Stelle im Vergleich mit einer Zeiss Ikon (Stuttgart) Moviflex Super wiederholt werden. Beide Kameras waren ähnlich ambitioniert. Die Moviflex hatte zwar elektromotorischen Filmtransport und eine Belichtungsvollautomatik per CdS-Meßzelle zu bieten, dafür hatte sie aber weder einen rotierenden Spiegel, noch Wechselobjektive und auch keine Wendekassetten. Damit war sie sofort nach dem Aufkommen der Superacht-Kassette passé.

Die restlichen technischen Einzelheiten erfährt man aus diesem Prospekt von 1960. Man beachte, daß damals das Pentovar offenbar noch im Prototypstatus vorlag. Dessen Rechnung war erst Ende September 1959 abgeschlossen worden.

Oben: Eine in der Planertschen Werkstatt auf Doppel Super 8 umgebaute Pentaflex 8 mit dem Balgenkompendium. Für dieses Kompendium wurde am 10. August 1960 in der Bundesrepublik ein Gebrauchsmuster Nr. 1.828.014 angemeldet.


Unten: Ein mit dieser Kamera belichteter Doppel Super 8 Film. Das 5,5er Flektogon (linke Reihe) deckt auch das deutlich größere Super 8 Format (gerade so) ab.

Pentaflex 8 double super 8

Inzwischen habe ich im Sommer 2019 auch mal eine meiner Pentaflex 8 nach Jahrzehnten wieder mit Film ausprobiert. Selber entwickelt und auch digitalisiert; deshalb wackelt es auch ein wenig. Aber das ist nicht schlimm. Es sieht dadurch eben ein wenig so aus, als sei das ganze vor 50 Jahren gefilmt worden. Manche heutige Fimemacher betreiben viel Aufwand, um mit digitalen Filtern genau diesen Look zu erreichen. ;-)


Was die Pentaflex 8 heute noch in der Praxis so begehrenswert macht, das sind übrigens ihre Wendekassetten. Schmalfilmen ist heutzutage sehr teuer, weil das Filmaterial und die Entwicklung/Digitalisierung sehr viel Geld kosten (wenn man letzteres nicht selber macht). Die Pentaflex nutzt in dieser Hinsicht das Material optimal aus. Es ist nämlich bei ein wenig Übung problemlos möglich, die Kassetten im Dunkeln zu befüllen. Weil dann die Vorbelichtung sowohl des Vor- wie auch des Nachspannes wegfällt, kann man die vollen 2x10 Meter statt der üblichen 2x7,5 Meter ausnutzen, also ganze 25% mehr. Daß das Wenden des Filmes in Sekundenschnelle vorangeht weiß jeder zu schätzen, der einmal die Spulen einer üblichen Doppelachtkamera "in freier Wildbahn" umsetzen mußte.

Das zweite begehrenswerte an der Pentaflex sind natürlich ihre Wechselobjektive. Das Pentovar zeigt leichte Randunschärfen; aber das ist für ein Zoom aus dieser Zeit normal. Außerdem sollte man eine Stufe überbelichten, weil die vielen Linsen mehr Licht schlucken, als bei Festbrennweiten. Besonders begehrenswert ist natürlich das Flektogon 2/5,5mm, das über jeden Zweifel erhaben ist. Im S-Bahnhof Grünau um die Minute 6:00 herum verwende ich es bei voller Blendenöffnung. Das Objektiv leistet mehr, als der Film zu übertragen vermag.


Bleibt noch zu erwähnen, daß auch die Belichtungshalbautomatik sehr praxisgerecht funktioniert. Es stört nur, daß der heute einzig noch regulär verfügbare Doppelachtfilm "Fomapan R100" leider etwas zu lichtempfindlich ist und man dadurch bei normalen Tageslichtaufnahmen zu weit abblenden muß bzw. nicht weit genug abblenden kann. Früher hätte man halt bei Sonnenschein den ORWO UP15 genutzt. Hier macht sich heute nachteilig bemerkbar, daß zusätzlich zum Rotationsspiegel keine veränderliche Sektorenblende verwirklicht werden konnte, die die Belichtungszeit des Einzelbildes auf eine 1/60 oder gar 1/125 Sekunde verkürzt hätte. Ich habe mir daher mit einem 4-fach Graufilter geholfen.

Auch mit einer in der Planert'schen Werkstatt auf Super 8 umgebauten Pentaflex habe ich einmal ein kleines Filmchen gedreht. In der dunklen Adventszeit mußte oftmals mit vollständig geöffneter Blende gefilmt werden. Die Flektogone 2/12,5 mm und 2/5,5 mm sind dabei deutlich leistungsfähiger als es der relativ dickschichtige Fomapan 100 übertragen kann.

Marco Kröger, Mai 2016


letzte Änderung: 13. Dezember 2019