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Kleinbild oder 6x6?

Die Schwesternkameras Praktina und Praktisix der Kamera-Werke Niedersedlitz

Als bahnbrechendste Neuschöpfung der Deutschen Kamerabauindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg muß neben der Leica M3 aus Wetzlar die Praktina aus Dresden Niedersedlitz angesehen werden. Ihr abruptes Ende nach etwa sieben Jahren Serienfertigung und die Tatsache, daß sie zu „Lebzeiten“ stets ein wenig im Schatten der weltberühmten Exakta gestanden hat, haben dafür gesorgt, daß diese Kamera nie so recht die ihr gebührende Anerkennung erfahren hat. Große Anerkennung wurde hingegen einer anderen Kamera zuteil, die ganzen Generationen an Berufsphotographen als Arbeitspferd gedient hat, im Weltraum eingesetzt wurde und auch heute noch Amateuren als preiswerter Einstieg ins Mittelformat dient. Dabei ist kaum bekannt, wie die später unter dem Namen Pentacon Six vertriebene Mittelformatkamera aus den Grundlagenentwicklungen der Praktina hervorgegangen ist und wie andererseits die durch sie eingebrachten Weiterentwicklungen in geradezu symbiotischer Manier an die Praktina zurückgegeben wurden. Der vorliegende Aufsatz will versuchen, jener geschwisterlichen Symbiose einmal aus technikhistorischer Sicht auf den Grund zu gehen.

 

Als Erinnerung an Siegfried Böhm (1921 - 2016)

Praktina 1953

Man schrieb den Oktober 1956, als ein kleines, bescheidenes Land namens Deutsche Demokratische Republik in der westdeutschen Großstadt Köln für ein gewisses Aufsehen sorgen konnte. Zum ersten Mal nämlich war die Volkseigene Kameraindustrie auf der dortigen Photokina mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Obwohl diese Messe damals noch jung war, hatte sie sich bereits innerhalb der internationalen Fachwelt etabliert. Noch 1954 war der „Zone“ eine Teilnahme verwehrt worden, doch zwei jahre später waren die Barrieren gefallen. Der VEB Kamerawerke Niedersedlitz hatte sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Dieser damals vor Selbstbewußtsein strotzende Betrieb hatte frecherweise ein Nullserienmodell seiner »Praktisix« mitgebracht. Diese neuartige Kamera erregte natürlich sogleich die gebührende Aufmerksamkeit. Normalerweise wurde in der DDR jeder kleine Erfolg gegenüber dem "Klassenfeind" bis zur schamlosen Übertreibung aufgebauscht. Doch diesmal war das nicht nötig, denn die Praktisix war wirklich eine Sensation. Und man mußte sich auch nicht selbst auf die Schulter klopfen, denn das erledigte bereits die internationale Fachpresse. So hieß es in der US-amerikanischen Zeitschrift »Photography« beispielsweise:

 

„Das ausgesprochene Beispiel von fundamentaler Neukonstruktion im Kamerabau zeigte wohl die Praktisix, eine einäugige 6x6. Sie war eine der interessantesten in Köln ausgestellten neuen Kameramodelle. Ganz abgesehen von der hochwertigen Arbeit und dem sofort ins Auge fallenden eleganten Äußeren, sieht man es der Kamera an, daß sie von einem Mann der Praxis entwickelt worden ist, usw.“ [zitiert nach: Wiesner, Georg: Die Dresdner Fotoindustrie im Spiegel der „photokina“ 1956; in: Die Fotografie 3/1957, S. 60].

 

Diese warmen Worte müssen dem verantwortlichen Konstrukteur der Praktisix, Siegfried Böhm, natürlich geschmeichelt haben. Wir wissen heute, daß das Erscheinen der Praktisix den ersten großen Höhepunkt in der Nachkriegsgeschichte des Dresdner Kamerabaus darstellte. Und gar so viele sollten auch nicht mehr folgen. Die Praktisix war nicht nur schön und füllte als einäugige 6x6 Reflexkamera eine Marktlücke aus, sie stellte gewissermaßen auch einen Kulminationspunkt bei der Weiterentwicklung dieses Kameratyps aus. Die Praktisix war nämlich jene Einäugige Spiegelreflexkamera, bei der zum ersten Male alle technischen Unzulänglichkeiten, mit denen dieser Kameratyp bislang noch behaftet war, beseitigt werden konnten. Die Praktisix war eine Zeit lang die modernste Kamera des Weltmarktes. Ihre Grundkonzeption war dabei so ausgereift, daß diese Kamera über vier Jahrzehnte hinweg weitgehend unverändert gebaut wurde. Die Praktisix und ihre Schwesterkamera Praktina stellten daher für die Kamerabauform der Einäugigen Reflexkamera jenen Meilenstein dar, wie ihn der »Rolleiflex-Automat« zwei Jahrzehnte zuvor für den Zweiäugigen Typ sowie die zeitgenössische Leica M3 für den Typ der Meßsucherkamera dargestellt hatte.

Aber der Reihe nach. Die Geschichte dieser beiden Kameras ist kompliziert, weil sie sich in der Entwicklung gegenseitig befruchteten. Zudem müssen diese beiden Neuentwicklungen der 50er Jahre vor dem Hintergrund der auf die späten 30er Jahre zurückgehenden »Praktiflex« gesehen werden. In einem Interview mit dem langjährigen Technischen Direktor der Kamerawerke, Siegfried Böhm, das auf unserer Startseite zu sehen ist, berichtet jener nicht ohne Stolz, wie die japanische Photoindustrie in den 50er Jahren gestartet sei, indem sie Dresdner Kameras kopierten – und zwar mitsamt der Fehler, die Leute wie Böhm in diese Kameras eingebaut hätten. Was meinte er damit?

 

 

1. Die Praktiflex als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der Reflexkamera

 

Siegfried Böhm wurde kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von der Sowjetischen Besatzungsmacht im Kamerawerk Niedersedlitz eingesetzt, um dort die Produktion einäugiger Kleinbildspiegelreflexkameras vom Typ Praktiflex wieder zum Anlaufen zu bringen. Die Sowjets hatten ganz offensichtlich am Kamerabau großes Interesse, da die Kleinbildreflex, wie sie erst wenige Jahre vor Kriegsausbruch eingeführt worden war, zu jener Zeit von Vielen als fortschrittlichster und vielversprechendster Kameratyp angesehen wurde. Und da der Dresdner Kamerabaustandort mit der Praktiflex und der noch etwas besser ausgestatteten Exakta der Ihagee regelrecht ein weltweites Monopol in diesem Segment innehatte, war das Interesse der Sowjetischen Verwaltungsbehörden an einer baldigen Produktionsaufnahme jener Kameras natürlich nachvollziehbar. Denn einerseits wurden solche Kameras nach Jahren der völlig ausgebliebenen Produktion nun wirklich dringend gebraucht. Auf der anderen Seite versprach dieser Kameratyp aus demselben Grunde hohe Exporterlöse – insbesondere in Form von Devisen. Zwar wurde unmittelbar nach dem Kriegsende auch in anderen Ländern an Kameras nach dem einäugigen Typ gearbeitet, wie zum Beispiel die Duflex in Ungarn, die Rectaflex in Italien oder die Wrayflex in Großbritannien, aber entweder kamen diese Modelle nicht über den Prototypstatus hinaus, oder sie wurden nur in geradezu lächerlich geringen Stückzahlen gefertigt.

 

Siegfried Böhm, der sein Handwerk bei der Zeiss Ikon AG gelernt hatte, oblag nun die Aufgabe, die etwas angestaubte Vorkriegskonstruktion der Praktiflex in eine Großserienproduktion zu überführen. Dazu muß allerdings einmal grundsätzlich angemerkt werden, daß es sich in der Zwischenkriegszeit bei den Kamera-Werkstätten Niedersedlitz im Vergleich zu Zeiss Ikon um einen Kleinbetrieb gehandelt hatte. Demzufolge waren auch die Produkte dieses Betriebes auf eine weitgehend handwerkliche Fabrikationsweise hin ausgelegt gewesen. Auch wurden Teile nicht nach typisierten Konstruktionszeichnungen, sondern von erfahrenen Mechanikern anhand von Mustern gefertigt [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 68.]. Solche Teile mußten dann von nicht minder erfahrenen Monteuren solange eingepaßt werden, bis der Mechanismus innerhalb der zulässigen Toleranzen ablief. Eine solche Arbeitsweise stand freilich in einem völligen Widerspruch zur nun auferlegten Großserienfertigung von mehreren Tausend Stück je Monat.

 

Neben der Überwindung solcher fabrikatorischen Unzulänglichkeiten galt es, auch Schwächen in der Grundkonstruktion der Praktiflex auszumerzen. Zu jenen gehörte zweifellos der Hubspiegelmechanismus dieser Kamera. Beim sog. Hubspiegel wird die Aufwärtsbewegung des Reflexspiegels durch den Auslösedruck erzeugt. Diese Arbeitsweise war vorherrschend bei den Spiegelreflexkameras „des alten Typs“, die für die verschiedenen Großformate eingerichtet waren und daher auch ausgesprochen voluminös und massereich ausfielen. Entsprechend schwer und träge war auch deren Reflexspiegel. Daher war ihre Auslösung so eingerichtet, daß man mit dem Druck auf den Auslösehebel den Spiegel anhob, der seinerseits den Verschluß in Gang brachte, sobald er in seiner oberen Stellung angekommen war. Um es kurz zu machen: Für Kleinbildreflexkameras ist ein solcher Hubspiegel nicht gut geeignet, bzw. hatte es sich gezeigt, daß der kleine, leichte Spiegel der Kleinbildreflex problemlos durch Federkraft nach oben schnellen konnte, ohne daß die Aufnahme durch dessen Erschütterung nennenswert verrissen wurde. Im Gegenteil: Durch den nun viel geringeren Kraftaufwand beim Auslösen geriet dieser Vorgang wesentlich leichter und verwacklungsfreier. Nicht ohne Grund war dies eine der ersten Umbaumaßnahmen, die Böhm durchsetzte, um die Praktiflex zur späteren Praktica weiterzuentwickeln.

Praktiflex M40

Und an diesem Punkt kann ich zur eingangs gestellten Frage zurückkehren. Böhms Umsetzung des Klappspiegelmechanismus war nämlich unzulänglich. Er stellte einen der besagten Fehler dar, der erst längere Zeit später erkannt wurde. Der federbelastete Spiegel der Praktica wird nämlich durch einen ersten Druckpunkt des Auslösers freigegeben. Bei weiterem Durchdrücken des Auslösers fangen kurz darauf – und das mußte genau abgeglichen werden – die Verschlußtücher an abzulaufen. Das heißt zwischen Spiegel- und Verschlußablauf gab es keinen zwangsläufigen, sondern nur einen grob zeitlich gestaffelten Zusammenhang. Das Problem lag nun darin, daß der Photographierende den Auslöser willkürlich einmal langsam und zögerlich, ein andermal aber rasch und energisch durchdrückte. Im ersteren Falle konnte es geschehen, daß der Spiegel hochklappte und damit das Sucherbild verschwand noch lange bevor der Verschluß ablief. Das verunsicherte den Photographierenden und sorgte meist für den Verlust eines Bildes, weil der Spiegel und damit das Sucherbild erst nach einem erneuen Spannvorgang zurückkam. Mindestens genau so fatal wirkte sich aber der zweite Fall aus. Eigene Untersuchungen mittels Hochgeschwindigkeitsaufnahmen zeigen nämlich, daß bei raschem Durchdrücken des Auslösers der Belichtungsschlitz bereits über das Bildfenster wandert, noch bevor der Spiegel in seiner oberen Position angekommen ist und dadurch den Lichtpfad teilweise abschattet. Verschärfend wirkt sich aus, daß der einfache Spiegelmechanismus der Praktica zum Prellen neigt. Das heißt es kann vorkommen, daß der Spiegel, nachdem er bereits in seiner oberen Lage angekommen ist, noch einmal in den Lichtpfad zurückprellt und das Bild unkontrolliert abschattet.

 

 

2. Die Praktina als richtungsweisende Neukonstruktion

 

2.1 Spiegelmechanik

 

Wieso erwähne ich das alles? Nun, wir wissen heute, daß Siegfried Böhm bereits ab Frühjahr 1947 und unter dem Arbeitstitel »Praktiflex II« an einer wesentlich weiterentwickelten Kleinbildreflexkamera arbeitete, aus der später die Praktina werden sollte [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 70.]. Bei der Praktica als reiner Amateurkamera spielten die oben erwähnten Unzulänglichkeiten nur eine untergeordnete Rolle, sodaß diese Kamera noch bis zur Einführung des Rückkehrspiegels Anfang der 60er Jahre mit diesem einfachen Mechanismus weitergebaut wurde. Böhm hatte aber von Anfang an im Blick, daß der Verschluß der neuen Kamera per Elektromagneten auslösbar sein sollte. Daß in einem solchen Einsatzfall der Start von Spiegel und Verschluß allein durch nacheinander folgende Druckpunkte des Auslösers große Nachteile mit sich brachte, wurde aber offensichtlich erst nach und nach erkannt. Nur wenig bekannt ist nämlich, daß der Spiegel der Praktina FX nach demselben Prinzip funktionierte, wie der der Praktica. Bei der Praktina war diese Konstruktionsschwäche aber kein kleiner Schönheitsfehler mehr, sondern wurde bei elektrischer Auslösung der Kamera zu einem ernstzunehmenden Problem. Der Belichtungsschlitz lief dann bereits über das Bildfenster, noch bevor der Spiegel in seiner Ruhelage angekommen war. Unregelmäßige Abschattungen des Bildfeldes waren daher die unerwünschte Folge. Ich habe einmal versucht, diese Zusammenhänge durch den direkten Vergleich mit dem Nachfolgemodell Praktina IIA zu verdeutlichen.

Diese Unzulänglichkeiten wurden frühzeitig erkannt. Bereits am 16. Mai 1953 hatte sich Siegfried Böhm ein Auslösewerk schützen lassen, das die oben angegebenen Nachteile vermeiden sollte [Nr. DD8433]. Aber entweder wurde diese Lösung nicht umgesetzt, oder sie funktionierte nicht vollbefriedigend. Richtige Abhilfe konnte nämlich erst geschaffen werden, als um 1957 beschlossen wurde, die Praktina auf jene Vollautomatische Springblende umzurüsten, wie sie kurz zuvor mit der Praktisix eingeführt worden war. Nicht nur die Auslösung des Verschlusses durch den in seiner Ruhelage angekommenen Spiegel konnte gegenüber dem Modell FX verwirklicht werden, sondern auch, daß diese ganzen Abläufe durch den Selbstauslöser eingeleitet wurden, der – wenn er erst einmal gespannt war – beim Modell IIA über den normalen Kameraauslöser in Gang gesetzt werden konnte. Diese baulichen Veränderungen sind durch das DDR-Patent Nr. 42.779 vom 1. September 1958 geschützt worden.

 

Daß in den Kamerawerken Niedersedlitz damals wirklich Pionierarbeit geleistet wurde, erkennt man daran, über wieviele Jahre hinweg erst Erkenntnisse gesammelt werden mußten, bevor man durch eine komplette Umstellung des Kameramechanismus solche Unzulänglichkeiten ad acta legen konnte. Viele grundsätzliche Bewegungsabläufe, die dem Einäugigen Reflexprinzip inneliegen, mußten erst einmal erforscht und mit praktikablen mechanischen Lösungen beherrscht werden.

 

 

2.2 Verschlußmechanik

 

2.2.1 Schlitzweitenvoreinstellung

 

Dabei ist die Verknüpfung zwischen Spiegelbewegung und Verschlußstart nur ein Beispiel für bislang nur unbefriedigend gelöste Grundprobleme solch hochgezüchteter Kameras. Noch drängender war die Auslegung des Schlitzverschlusses solcher Geräte. Es ist bekannt, daß Siegfried Böhm bereits während seiner Zeit bei der Zeiss Ikon AG mit Grundfragen bezüglich präzis arbeitender Schlitzverschlüsse konfrontiert worden ist. Insbesondere die kurzen Verschlußzeiten, bei denen der Belichtungsschlitz bis auf eine Breite von einem Millimeter herab eingeengt wird, bereiteten große Probleme. Bei den Kleinbild-Schlitzverschlußkameras, die von Zeiss Ikon während der 30er Jahre auf den Markt gebracht wurden, behalf man sich dadurch, daß die beiden Vorhänge nach dem Einstellen der Verschlußzeit fest miteinander gekuppelt waren und dadurch mit zwangsläufig konstanter Spaltbreite abliefen. Diese Lösung, die noch auf die großformatigen Deckroulleau-Verschlüsse der Contessa-Nettel AG zurückging, war aus verschiedenen Gründen für eine moderne Spiegelreflexkamera nicht geeignet. Deshalb verwarf der zeitgenössisch mit demselben Problem konfrontierte Wilhelm Winzenburg auch alle vor dem Kriegsende etablierten Lösungen und entwickelte den Schlitzverschluß der Spiegelcontax von Grund auf neu.

 

Erschwert wurde die Weiterentwicklung von Schlitzverschlüssen paradoxerweise dadurch, daß nun nach dem Kriege neue elektronische Meßverfahren zur Verfügung standen, die aufzeigten, welch haarsträubende Toleranzen bisherige Verschlußbauarten aufzuweisen hatten. Mit neuartigen Gerätschaften wie dem Speicheroszillographen konnte man erstmals genau sichtbar machen, daß oftmals weder die tatsächlichen Belichtungszeiten mit den nominellen übereinstimmten, noch daß diese grundsätzlich falschen Belichtungszeiten während des Ablaufs des Verschlusses über das Bildfenster hinweg konstant blieben. Dieses Bewußtwerden über bisherige Unzulänglichkeiten führte die Konstrukteure dazu, die Schlitzverschlüsse der neuen Reflexkameras gezielt auf die angesprochenen Schwachpunkte hin zu optimieren. Interessant dabei ist, wie Siegfried Böhm in den Kamera-Werken und Wilhelm Winzenburg bei Zeiss Ikon unabhängig voneinander auf eine ähnliche Lösung kamen.

 

Das Prinzip des Schlitzverschlusses der klassischen Bauart ist denkbar einfach: Zwei lichtundurchlässige Rollos laufen nacheinander ab und geben kurzeitig einen sog. Belichtungsschlitz frei. Daher die Bezeichnung dieses Typs. Die ganzen Schwierigkeiten drehen sich nun ausschließlich darum, diese Schlitzbildung bei hohen Ansprüchen an die Konstanz der Belichtung sehr exakt und präzise ablaufen zu lassen. Wird der Verschluß gespannt, dann werden die beiden Vorhänge in ihrer Startposition aufgewickelt. Damit dabei der dahinterliegende Film nicht belichtet wird, muß beim Spannen der Belichtungsschlitz geschlossen sein. Meist wird das damit erreicht, daß sich die beiden Vorhänge überlappen. Der Fachmann spricht vom gedeckten Aufzug. Bei älteren Kleinbild-Schlitzverschlüssen wie der Leica oder der Kiné-Exakta verbleiben die beiden Vorhänge bis kurz vor Belichtungsbeginn in gedeckter Position. Erst nach dem Auslösen eilt der erste Vorhang dem zweiten voraus und der gedeckte Zustand wird aufgehoben. Auch bei der Praktiflex/Praktica ist das so. Bei solchen Verschlüssen bereitet es große Probleme, kurze Verschlußzeiten wie die 1/1000 s zu erreichen bzw. reproduzierbar ablaufen zu lassen. Bei den Praktica-Typen mit Tuchverschluß (mit Ausnahme der „PRAKTICAmat“) blieb daher bis zum Schluß die kürzeste Zeit auf 1/500 s begrenzt.

 

Der Verschluß, den Siegfried Böhm seit Ende der 1940er Jahre für die Praktina entwickelte, sollte von vornherein so ausgelegt sein, daß er die 1/1000 s ohne Kompromisse ansteuern konnte. Weil sich bei den ganz engen Schlitzweiten Abweichungen um lediglich 1/10mm schon als Fehlbelichtung und – schlimmer noch – als streifige Belichtung bemerkbar machen können, waren die Fachleute sowohl im Zeiss Ikon Werk, als auch in Niedersedlitz zur Überzeugung gelangt, daß es der Präzision der 1/1000 Sekunde sehr zuträglich wäre, wenn deren zugehörige Schlitzweite bereits vor dem Auslösen hergestellt würde. Das lief daraus hinaus, den gedeckten Zustand der Verschlußvorhänge nicht erst nach deren Anlaufen, sondern schon am Ende des vorausgegangenen Spannvorganges zu beenden. Schon im gespannten Zustand hatten die beiden Vorhangkanten damit bereits denjenigen Abstand zueinander eingenommen, der für die Bildung der besonders kritischen Belichtungszeit von 1/1000 s nötig ist. Winzenburg erreichte dies, indem er den ersten Verschlußvorhang der Spiegelcontax wieder ein Stückchen zurücklaufen ließ, bevor dieser in seine Sperrklinke fiel [DDR Patent Nr. 5395 vom 22. April 1949, siehe Abschnitt „Schlitzverschlüsse“ in den Technik-Seiten].

DBP 1.144.103

Böhm ging aber über diesen Ansatz noch einmal hinaus, indem er zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Mit seinem Bundesdeutschen Patent Nr. 1.144.103 vom 24. April 1952 (zusammen mit Heinz Kröbel und Karl Wunderlich) hatte er sich eine Anordnung schützen lassen, bei der am Ende des Spannvorganges durch das Verdrehen eines Nockens der gedeckte Zustand der beiden Verschlußvorhänge aufgelöst wurde und sich automatisch der korrekte Belichtungsschlitz für die kürzeste Verschlußzeit bildete (Abstand „S“ in der obigen Patentzeichnung). Das gewitzte an dieser Lösung lag aber darin, daß dieser besagte Nocken am Ende des Verschlußablaufs selbsttätig wieder in seine Ausgangslage zurückgeführt wurde. Dazu wurde diejenige Energie genutzt, die in der Bewegung des ersten Verschlußvorhanges innelag. Diese wurde also auf effektive Weise durch Reibung vernichtet. Diese Maßnahme verhinderte wirkungsvoll, daß der erste Verschlußvorhang am Ende des Ablaufweges wieder in das Bildfenster zurückprellte. Genau dieses Problem scheint nämlich Winzenburg große Probleme bei seiner Contax S bereitet zu haben, weshalb diese erst nach einer Umkonstruktion zum Modell Contax D zuverlässig arbeitete. Bei der Praktina war hingegen von Anfang an das Abbremsen der Vorhänge ein wichtiger Bestandteil der Verschlußkonstruktion.

Das sollte sich vor allem auszahlen, als Siegfried Böhm ab 1954 an der Praktisix zu arbeiten begann, die man quasi als die Mittelformat-Variante der Praktina auffassen kann. Kameras dieser Baugröße haben ja das Problem, daß alle beweglichen Teile entsprechend größer und damit auch schwerer ausfallen. Umso höher sind demzufolge auch die Energiemengen, die am Ende des Verschlußablaufs vernichtet werden müssen. Die sorgfältige konstruktive Auslegung dieses Verschlußtyps machte es möglich, daß dessen Grundprinzip quasi vollständig in das Mittelformat übernommen werden konnte. Die Tatsache, daß die überschüssige Bewegungsenergie so effektiv vernichtet wurde, erlaubte es, den Verschluß der Praktisix so überaus kompakt zu bauen, da auf lange Laufwege der Verschlußtücher als „Prellsicherheit“ verzichtet werden konnte. Und weil die beiden Vorhänge bei der 1/1000 Sekunde ohne jegliche Hemmung zeitgleich ablaufen, ergibt sich eine insbesondere bei Rollfilmkameras ansonsten selten anzutreffende Präzision dieser schwer beherrschbaren Kurzzeit. Immerhin wurde dieser Schlitzverschluß dann noch bis weit in die 1990er Jahre in eine geringfügig weiterentwickelte (Exakta 66 genannte) Praktisix quasi unverändert eingebaut – also mehr als ein halbes Jahrhundert lang.

 

 

2.2.2 Kontinuierliche Spaltvergrößerung

 

Im oben erwähnten Patent von 1952 ist eigentlich angegeben, ein weiterer großer Vorteil dieser Lösung läge darin, daß der bereits vor der Auslösung gebildete Belichtungsschlitz während des Ablaufs konstant bliebe. In der Praxis wurde aber genau davon kein Gebrauch gemacht. Aufgrund einer Mitteilung der Konstrukteure Erhard Loose und Werner Kühnel [Praktina-Technik, 2. Auflage, Leipzig, 1961] wissen wir, daß die Schlitzweite zwischen den beiden Vorhängen während des Ablaufs kontinuierlich zunimmt. Ich hatte oben schon gesagt, daß man mithilfe der neuen elektronischen Meßverfahren nicht nur zur Erkenntnis kam, daß die Nennwerte der Verschlußzeiten oftmals streuten, sondern daß – viel schlimmer – der Zeitwert während des Ablaufs des Verschlusses nicht konstant blieb. In der Praxis äußerte sich dieser Mißstand dann darin, daß das Negativ auf der Seite des Belichtungsbeginns anders gedeckt war, als auf der gegenüberliegenden Seite. Völlig unzumutbar war dieser Fehler beim Farbumkehrfilm, der einen sehr geringen Belichtungsspielraum hatte und keine nachträglichen Korrekturen erlaubte.

 

Diese Fehlererscheinung ist durch folgenden Umstand zu erklären: Ein guter Rolloverschluß erreicht Ablaufgeschwindigkeiten der Tücher von etwa zwei Meter je Sekunde. Für die Praktina bedeutet dies beispielsweise, daß die Bildbreite von 36 mm in 18 Millisekunden überquert wird. Für eine Belichtungszeit von 1/1000 Sekunde (= 1 ms) ergibt sich daher eine Spaltbreite von 2 mm. Das ganze Problem liegt nun darin, daß diese Ablaufgeschwindigkeit von 2 m/s nur einen Durchschnittswert darstellt. Sie wird natürlich nicht sofort nach dem Start der Tücher vorliegen, sondern etwa erst in der Mitte des Bildfensters. Ist dieser Punkt überschritten, so wird die Geschwindigkeit der Tücher bis zum Ende des Bildfensters weiterhin zunehmen. Bliebe der Belichtungsschlitz während des gesamten Ablaufs bei konstant 2 mm, dann ergäbe sich am Anfang der Belichtung eine deutlich längere Zeit als 1/1000 Sekunde, am Ende dagegen eine deutlich kürzere. Bei zeitgenössischen Schlitzverschlußkameras wie der Exakta oder der Spiegelcontax wurde versucht dieses Problem dadurch zu lösen, daß die Federspannung der Aufwickelwellen wechselseitig variiert wurde. Bei der Exakta wurden serienmäßig (!) bei Bedarf kleine Stückchen Rollostoff unter die Vorhangbänder geklebt, bist die 1/1000 s einigermaßen konstant ablief. Das war alles insgesamt eine ziemlich handwerksmäßige, langwierige und schlecht reproduzierbare Vorgehensweise.

Böhm und seine Leute sind daher bei der Praktina (und später der Praktisix) einen anderen Weg gegangen. Sie haben die Problematik der ungleichmäßigen Zeitenbildung bei kurzen Verschlußzeiten dadurch konstruktiv behoben, daß beim Wandern des Belichtungsschlitzes über das Bildfenster hinweg seine Breite automatisch um geringe Beträge zunimmt. Dadurch wird die zunehmende Beschleunigung des vorbeigleitenden Schlitzes durch eine geringfügig längere Belichtung an dieser Stelle ausgeglichen. Trotz des 35-fach gedehnten Verschlußablaufs einer Pentacon Six im oben gezeigten Film muß man schon genau hinsehen, um den Effekt erkennen zu können. Aber man sieht doch recht gut, wie insbesondere gegen Ende seines Ablaufs die Geschwindigkeit des Schlitzes zunimmt und wie synchron dazu Schlitzweite sukzessive anwächst.

Praktina Spaltvergrößerung

Das ganz spezielle Merkmal der Praktina (und offensichtlich auch der Praktisix) liegt nun darin, daß diese sukzessive Verbreiterung des Belichtungsschlitzes nicht wie bei anderen Kameras durch langwierigen Abgleich der Rollospannung erreicht wird, sondern daß diese Eigenschaft konstruktiv vorgegeben ist. Die Änderung der Spaltbreite wird nämlich „von dem Wickelverhältnis (Durchmesseränderung der Aufwickeltrommeln innerhalb eines bestimmten Weges) bestimmt“ [Vgl. Loose/Kühnel, Praktina-Technik, 1961, S. 23.]. Damit ist die gleichmäßige Belichtung über das Bildfenster hinweg bei diesen beiden Kameras auch deutlich weniger anfällig gegenüber alters- und temperaturabhängiger Veränderung der Federspannung in den Aufwickeltrommeln, als das bei der Leica, Exakta und Contax S leider der Fall ist.

 

 

2.2.3 Verschlußzeitenverstellung und Hemmwerk

 

Die Praktina hatte bei ihrem Erscheinen 1953 aber auch noch einige andere Dinge zu bieten, die zu jener Zeit absolut neuartig waren. Dazu gehörte eine Verschlußverstellung, bei der an einem einzigen Einstellknopf alle Zeiten gewählt werden konnten. Dabei war es unerheblich, in welche Richtung er gedreht wurde oder ob das Verstellen vor oder nach dem Spannen des Verschlusses erfolgte. Es war auch nicht notwendig, ihn anzuheben, wie bei der Exakta oder Praktica, oder ihn einzudrücken, wie bei der Contax. Das beschleunigte das Einstellen der Verschlußzeit erheblich. Als besonders fortschrittlich wurde aber damals angesehen, daß kein einziges Bauteil der Verschlußsteuerung außerhalb der Kamera umlief. Bei den damals führenden Schlitzverschlußkameras Leica, Exakta und Praktica kam es nämlich nicht selten vor, daß der sich drehende Belichtungszeiteneinstellknopf versehentlich durch einen darauf ruhenden Finger abgebremst und die Aufnahme daher verdorben wurde. Da die gesamte Zeitsteuerung bei der Praktina unterhalb der Deckkappe vonstatten ging, waren solche Probleme ein für alle Mal beseitigt. Für uns sind diese Eigenschaften heute nichts Besonderes mehr; damals waren diese aber absolut neuartig und verbesserten die Handhabung der Kamera immens.

 

Den grundsätzlichen Aufbau des dafür notwendigen Hemmwerkes haben sich Böhm, Kröbel und Wunderlich am 24. April 1952 in der Bundesrepublik schützen lassen (Nr. 1.098.809). Allerdings wurde die in diesem Patent im Schutzanspruch 1 angegebenen zwei getrennten Ankerhemmungen in dieser Form nicht umgesetzt. Als wichtiger haben sich jedoch die drei anderen Schutzansprüche herausgestellt, nach denen unter anderem das Hemmwerk per Kurven gesteuert wird und daß diese Kurven zusammen mit dem Zeiteinstellknopf koaxial auf der Aufzugswelle sitzen.

DBP 1.098.809

Oben die Darstellung aus dem DBP 1.098.809, von dem allerdings nur die Kurvensteuerung verwirklicht wurde. Unten das Hemmwerk der Praktina, das den Tasthebel zeigt, mit dem die Kurve der Zeiteinstellung abgetastet wird. Vereinfacht ausgedrückt: Das Maß der Auslenkung dieses Hebels bestimmt das Maß der Verzögerung des zweiten Verschlußvorhanges gegenüber dem ersten (= Verschlußzeit). In der Realität ist das natürlich alles wesentlich komplexer. Beispielsweise muß eine zweite Kurve eine Ankerhemmung zuschalten, um Verschlußzeiten bis zu einer Sekunde steuern zu können.

Praktina Hemmwerk

Diese Kurvensteuerung war sehr innovativ und wurde ein paar Jahre später auch bei der Praktisix angewendet. In ihrem Fall mußte diese Anordnung, bei der die Kurvenscheiben direkt auf der Achse der Aufzugswelle saßen, jedoch verlassen werden. Der Grund dafür lag unter anderem darin, daß der Rollfilm keine Perforation hat. Eine hochwertige Mittelformatkamera muß selbst für den nötigen Schaltschritt von etwa 64mm Transportlänge sorgen. Die dazu notwendigen Getriebeteile sind bei der Praktisix an genau der Stelle untergebracht, wo bei der Praktina die Kurven und das Hemmwerk sitzen. Daher mußte der innere Aufbau der Praktisix komplett neu durchdacht werden.

 

 

3. Die Praktisix als Abkömmling der Praktina-Entwicklungen

 

Die Anordnung der Komponenten innerhalb der Praktisix ist in einem regelrechten Grundsatzpatent niedergelegt, das am 28. September 1956 sowohl in der DDR (Nr. 22.270) als auch in der Bundesrepublik (Nr. 1.032.086) angemeldet wurde. Siegfried Böhm, Friedrich Winkler, Horst Fischer und Horst Huhle wurden als Urheber benannt. Dieser Patentschutz wurde gesichert, kurz bevor die Praktisix auf der Photokina 1956 das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurde [Vgl. Biscan, Wilhelm: Photokina in Köln 1956, Bild & Ton 11/56, S. 300ff.]. Dieses Patent 22.270 “Photographische Kamera mit Schlitzverschluß” läßt erkennen, wie sehr Böhm und seine Mitarbeiter an einer Mittelformatspiegelreflexkamera gearbeitet haben, die einerseits möglichst kompakt, andererseits aber trotzdem übersichtlich genug aufgebaut sein sollte. Was die Kompaktheit anbetraf, mußte Böhm sich nämlich an der Meister-Korelle messen lassen.

Meister-Korelle

Es ist bekannt, daß die Kamerawerke Niedersedlitz eigentlich die Herstellung dieser Meister-Korelle weiterführen sollten, nachdem das damalige WEFO-Werk aufgelöst worden war. Böhm soll aber nach Durchsicht der Konstruktionsunterlagen einen Weiterbau in Niedersedlitz energisch angelehnt haben. Damit lag er übrigens richtig. Die Meister-Korelle war eine überambitionierte und gleichsam unterkonstruierte Kamera. Überambitioniert war der Verschluß, der meiner Einschätzung nach schon ab Werk die angegeben Zeiten nicht eingehalten haben kann. Die gesamte Hemmwerkskonstruktion war unzulänglich und bot keine Justiermöglichkeiten, um die Kamera innerhalb der Endfertigung abgleichen zu können. Damit war die Herstellung dieser Kamera auf handwerkliches Biegen und Feilen ausgelegt und für eine rationelle Massenfertigung durchweg ungeeignet. Dies dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb Böhm die Ablehnung zur Weiterproduktion problemlos gegenüber den Wirtschaftsfunktionären rechtfertigen konnte, obgleich sich letzere sicher bewußt waren, daß eine Einäugige 6x6 Reflex gutes Absatzpotential auf dem Weltmarkt gehabt hätte.

 

Die Unterkonstruiertheit dieser Kamera trat indes in zwei anderen wichtigen Gesichtspunkten zutage. Zum einen war dies der völlig veraltete Hubspiegelmechanismus der Meister-Korelle. So etwas hatte Böhm ja gerade erst mit viel Aufwand bei seiner Praktica ad acta gelegt. Aber auch der Filmtransport dieser Korelle war unzureichend konstruiert. So gab es zum Beispiel nach dem Spannen der Kamera keine Sperre, die ein erneutes Schwenken des Spannhebels verhinderte, weshalb es zu einem versehentlichen Leertransport kommen konnte. Angesichts der Debakel, die das Ihagee Kamerawerk mit seinen beiden 6x6 Reflexkameras wegen deren Filmtransportfehlern erlebt hatte, war Böhm klar, daß das Fundament einer solchen Rollfilmkamera auf den unabdingbaren Transportsicherungen fußen mußte, damit der Film ohne Doppelbelichtungen, ohne Leerschaltungen und mit dem richtigen Filmschaltschritt bewegt werden würde. Und dazu bedurfte es nun mal einer gänzlichen Neukonzeption.

 

Übernommen hat Böhm jedoch die grundlegende Bauform der Meister-Korelle, die sich seit den 30er Jahren bewährt hatte. So attraktiv würfelförmige Rollfilmkameras mit Wechselmagazinen auch sein mögen – das vielmalige Umlenken des problematischen Filmmateriales, die Sicherstellung einer dauerhaften Lichtdichtheit und das narrensichere vermeiden von Transportfehlern beim Magazinwechsel stellten die Konstrukteure stets vor immense Schwierigkeiten und verteuerten die Kameras bis ins Extreme. Von dieser Warte aus ist die Praktisix übrigens eher als eine gehobene Amateurkamera einzuordnen, denn als dezidiertes Arbeitsgerät der Berufsphotographen – ganz unbeschadet davon, daß sie im Ostblock oftmals zu diesem Zwecke mißbraucht worden ist!

Meister-Korelle Draufsicht
Praktisix Draufsicht

Der direkte Vergleich der Oberseiten der beiden Kameras zeigt, woran in den Kamerawerken Niedersedlitz ab 1954 intensiv gearbeitet wurde: Aufzugsgetriebe, Filmtransportsteuerung und Hemmwerk gemeinsam auf der rechten Kameraseite? Das ließ kaum eine beherrschbare Konstruktion erwarten. Ich möchte daran erinnern, daß bei der ursprünglichen Reflex-Korelle Verschlußsteuerung und Filmtransport auf jeweils gegenüberliegenden Kameraseiten untergebracht waren. Die Rückkehr zu einer solchen Aufteilung ist quasi unmittelbarer Inhalt des bereits genannten Patentes 22.270. Erschwert wurde das ganze aber dadurch, daß die Praktisix eine kompromißlos automatisierte Reflexkamera werden sollte. Diese Begrifflichkeit „Automat“ muß im Lichte der vor-elektronischen Zeit gesehen werden. Unter einer automatisierten Kamera verstand man damals, daß alle mechanischen Vorgänge zum Betrieb der Kamera so miteinander verknüpft sind, daß sie ohne weiteres Zutun des Nutzers selbsttätig ablaufen. Also zum Beispiel wenn der Film transportiert wird, so wird gleichzeitig der Verschluß gespannt. Außerdem wird der Film automatisch um die richtige Bildlänge weitergeschaltet, ohne daß zusätzliche Prüfvorgänge notwendig wären. Und natürlich kommt beim Betätigen des Schnellschalthebels auch der Spiegel in die Betrachtungsposition zurück. Bei der Praktisix kam zudem erstmals weltweit die Funktion hinzu, daß sich die Objektivblende automatisch auf den vollen Öffnungswert stellte. Wir werden noch sehen, welch komplexen Funktionsablauf diese Automatisierung im einzelnen verlangte. Die Praktisix sollte also für den Typ der Einäugigen Reflexkamera das werden, was der Rolleiflex Automat 1937 für den Zweiäugigen Typ bedeutet hat.

DD22270

Oben der übersichtliche Grundaufbau der Praktisix mit dem Aufzugswerk auf der rechten Seite, das sich in die Filmtransportsteuerung und das Rädertriebwerk für den Verschluß aufgliedert. Linkerhand befindet sich dagegen die gesamte Ansteuerung des Verschlusses. Gut zu erkennen die richtungsweisende Kurvensteuerung, die man aus der Praktina übernommen hat. Unterhalb des Mattscheibenhalters gestrichelt angedeutet der Steuerhebel, der Verschlußwerk und Hemmwerk miteinander verbindet. Das Bild unten zeigt dieselbe Anordnung, aus einer 30 Jahre später hergestellten Pentacon Six, bei der nur die gänzlich anders gelöste Filmlängenbemessung als Unterschied auffällt.

Die Niedersedlitzer haben diese Aufgabe dadurch lösen können, daß sie auf der rechten Seite der Kamera die Triebmittel für den Filmtransport samt Filmschrittsteuerung sowie den Verschlußaufzug untergebracht haben. Die Ansteuerung des Verschlusses, die alle (erstmals!) geometrisch gestaffelten Belichtungszeiten zwischen 1 und 1/1000 Sekunde bildete, wurde hingegen auf der linken Oberseite oberhalb der Abwickelspule untergebracht. Als Verbindung zwischen diesen beiden Einrichtungen wurde ein Steuerhebel eingeführt, der im Verschlußtriebwerk in ein entsprechendes Sperrglied eingreift. „Diese Ausbildung ermöglicht bei niedriger Bauhöhe eine übersichtliche und leicht zugängige Anordnung des Verschlußaufzuges und des Filmtransportes einerseits sowie der Einrichtungen zum Einstellen und Regeln der Belichtungszeit andererseits.“ [DD.22270] Denn für eine Mittelformatreflex ist die Praktisix vergleichsweise kompakt gebaut. Andererseits ist sie eine sehr übersichtliche, leicht zu wartende Kamera, die sich sicherlich auch gut im Werk montieren ließ. Davon kann jeder berichten, der einmal eine zeitgenössische Hasselblad 1000F zu reparieren hatte, die zwar auch sehr kompakt ausfiel, aber dagegen alles andere als übersichtlich aufgebaut war.

Verknüpfung zwischen Hemmwerk und Verschluß durch Steuerhebell

Bei der Praktisix hingegen sind die gute Montierbarkeit und die leichte Wartung Bestandteil der Konstruktionsidee! Das läßt sich wörtlich so im Patent 22.270 nachlesen. Um das zu erreichen, sind alle Komponenten des Verschlusses, des Filmtransportes und des Spiegelgetriebes an einem gemeinsamen Träger angebracht. Dieser Träger läßt sich dazu vollständig aus dem Kameragehäuse entnehmen, sodaß alle Komponenten frei zugänglich werden (Schutzanspruch Nr. 12).

DD22.270

Oben die Einpassung des Verschlußträgers innerhalb des Kameragehäuses, wie sie das Patent 22.270 schützt. Unten der tatsächliche Verschlußträger einer Kamera von vorn und von hinten.

Ich will nicht unerwähnt lassen, daß sich im Patent 22.270 auch ein Hinweis auf die Auslegung der gesamten Kameramechanik bezüglich einer halb- oder vollautomatischen Blende findet (Schutzanspruch 6). Damit wurde also am 28. September 1956 ein bereits fertig durchentwickeltes „Praktisix-Gesamtkonzept“ geschützt. Angesichts des riesigen Erfolges, den diese Kamera in den nächsten Jahrzehnten noch haben sollte, ohne daß an dem in diesem Patent gezeigten Grundaufbau irgendetwas geändert werden mußte, kann man das nur als eine respektable Konstruktionsleistung bezeichnen.

Gleich am 29. September 1956 wurde mit dem späteren Schutzrecht DD22.892 noch ein Zusatzpatent nachgereicht, mit dem man verwirklichte, was die Konstrukteure bei WEFO noch so sträflich an ihrer Meister-Korelle vernachlässigt hatten: Die Sperre, die verhindert, daß ein bereits transportierter Film noch einmal transportiert werden kann, bevor nicht der Verschluß ausgelöst worden ist. Erreicht wurde dies übrigens mit dem bekannten halbkreisförmigen Sperrklötzchen, das unter dem Aufzugshebel zum Vorschein kommt.

DD22.892

Wenn wir schon einen Blick auf den Innenaufbau der Praktisix werfen, dann sollte abschließend deren eigentliches Herzstück nicht fehlen: Das ausgeklügelte Hemmwerk. Mit den zahlreichen Justierstellen, das es bot, war zum ersten Mal eine wirkliche "Durchstimmung" aller Verschlußzeiten möglich. Für eine rein mechanisch gesteuerte Kamera stellte das eine große Leistung dar. Zum Vergleich: Bei der Exakta konnten die Verschlußzeiten eigentlich überhaupt nicht eingestellt werden. Justiert wurde nur die 1/1000 Sekunde mithilfe der Rollospannungen und der Abstände der beiden Vorhangkanten durch Unterklebungen an den Vorhangbändern. Alle übrigen Verschlußzeiten mußten sich aus den Abständen der Bohrungen auf dem Hauptritzel ergeben. An einem solchen Beispiel werden die Fortschritte deutlich, die in den 20 Jahren zwischen 1936 und 1956 im Kamerabau stattgefunden haben.

4. Symbiosen zwischen der Praktina und der Praktisix

 

4.1 Sucher und Bildfeldlinse

 

Der Aufbau des Verschlusses war natürlich nicht das einzige Merkmal, was die Praktisix von der Praktina übernommen hat. Zum Beispiel sollte das System des Wechselsuchers genannt werden, das bei Praktina und Praktisix nach demselben Prinzip funktioniert. Dieser Punkt ist viel wichtiger, als man vielleicht glauben könnte. Bislang völlig unbekannt dürfte sein, daß sich anhand der Problematik des Wechselsuchers ein Beispiel für die Konkurrenzsituation innerhalb des Dresdner Kamerabaus nach dem Zweiten Weltkrieg festmachen läßt. In meinem Aufsatz zur Exakta habe ich dargelegt, daß der dortige Chefkonstrukteur Willy Teubner mit seinem „Varex-Patent“ Nr. DD5410 vom 25. April 1950 ein neues Zeitalter im Kamerabau einläutete. Nun existiert vom 28. Oktober 1950 ein vergleichbares Patent Nr. DD5698, mit dem der Chefkonstrukteur der Kamerawerke Niedersedlitz Siegried Böhm auf diese Herausforderung reagiert. Sein Lösungsansatz für das Problem des Wechselsuchers lag nun darin, daß er in Abgrenzung zu Teubner die Bildfeldlinse nicht als Bestandteil des Suchers ansah, sondern diese fest (aber auswechselbar) in das Kameragehäuse integrierte. Ich möchte daran erinnern, daß diese Lösung bei der Exakta nicht infrage kam, weil Teubner die große Mattscheibenlupe für den Lichtschacht übernahm, die Nüchterlein Anfang der 30er Jahre als wichtiges Merkmal seiner Kiné Exakta eingeführt hatte. Diese sorgte zwar für ein konkurrenzlos großes und helles Mattscheibenbild des Exakta-Lichtschachtsuchers, brachte aber als Einschränkung mit sich, daß die Bildfeldlinse des Lichtschachtsuchers nicht mit der des Prismensuchers austauschbar war. Das änderte sich erst Anfang der 60er Jahre, als der Lichtschacht mit der großen Mattscheibenlupe aufgegeben wurde. Bei der Praktina war hingegen das Sucherelement von der Bildfeldlinse getrennt, sodaß jene beim Sucherwechsel innerhalb der Kamera verblieb. Das hatte in der Praxis übrigens mehrere Vorteile, weshalb es verwunderlich erscheint, weshalb bei der Konstruktion der Exakta RTL1000 die Mattscheiben wieder am Sucherelement befestigt waren, sodaß jeder Sucher seine eigene Bildfeldlinse brauchte und jene beim Wechsel des Suchers der Gefahr der Beschädigung ausgesetzt wurde. Beim Wechselsuchersystem der Pentacon Super wurde hingegen Böhms Ansatz aufgegriffen.

DD5410
DD5698

Links Willy Teubners Wechselsucher-Konzept mit der im Suchereinsatz befestigten Bildfeldlinse, die er sich in seinem Patent zur Exakta Varex hat schützen lassen. Rechts Siegfried Böhms wenige Monate später eingereichte alternative Lösung mit einer im Kameragehäuse untergebrachten Bildfeldlinse, über der der jeweilge Suchereinsatz mithilfe einer Schienenführung eingeschoben wird.

Auch die Praktisix hat dieses System übernommen, obgleich die Sucheraufsätze hier nicht mehr mit der im Patent angegebenen Schiene befestigt wurden. Die Praktisix war auch die erste Mittelformat Reflexkamera, für die es serienmäßig ein Umkehrprisma zu kaufen gab. Das war damals übrigens noch nicht ganz problemlos umsetzbar, weil man für das Prisma ein großes Stück völlig lauteren Glases benötigte, das erst mit der entsprechenden Technologie bereitgestellt werden mußte. So verzögerte sich die Auslieferung bis etwa 1959. Anfänglich war man enttäuscht, weil das nun aufrechtstehende und seitenrichtige Sucherbild recht düster ausfiel. In spätere Serien dieses Prismas wurde daraufhin eine zusätzliche Kollektivlinse eingebaut, die das von der Bildfeldlinse diffus abgestrahlte Licht besser in das Sucherokular lenkte.

Oben: Man muß schon genau hinschauen, wenn man den ursprünglichen Prismeneinsatz vom späteren mit Kollektivlinse unterscheiden will. Unten: Mit Umkehrprisma, Springblendenobjektiv und Schnellspannhebel brachte die Praktisix um 1960 das für Presseveröffentlichungen sehr günstige Mittelformat in die Gilde der Bildberichtbestatter und Sportphotographen der DDR. Auch an der Verdrängung des im Westen vorherrschenden Zweiäugigen Typs hatte die Praktisix einen gewissen Anteil.

4.2 Objektivanschluß

 

Siegfried Böhm dürfte sich das Bajonett der Exakta genau angeschaut haben, als er mit der Weiterentwicklung der Praktiflex begann. Der Bajonettring dieser Konkurrenzfirma mit seinen unzähligen Fräsungen und seinen federnden Bajonettlappen dürfte eines der am aufwendigsten zu fertigenden Teile dieser Kamera gewesen sein. Es unterlag bei jedem Objektivwechsel einem Verschleiß, der das Objektiv bald wackeln ließ, wenn die Bajonettlappen nicht regelmäßig nachgebogen wurden. Außerdem stellte sich rasch heraus, daß der Durchlaß zu knapp bemessen war, sodaß die Ihagee in den 50er Jahren ein zusätzliches Außenbajonett einführen mußte. Für Böhm bedeutete dies, der Objektivanschluß seiner »Praktiflex II« müsse solche Nachteile von Grund auf abwenden; der Durchlaß müsse reichlich dimensioniert sein und das Bajonett verschleißfrei arbeiten. Ergebnis war das offiziell als „Steckanpassung 46/50“ bezeichnete Praktina-Schraubbajonett, wobei die 46 für den freien Innendurchmesser in Millimeter steht und die 50 für das Anlagemaß (bei KW „Focusmaß“ genannt). Der drehbare Befestigungsring drückte dabei die Bajonettlappen des Objektives gegen die Steckaufnahme der Kamera und ein etwaiger Verschleiß dieses Ringes hatte keinerlei Auswirkungen auf die Justage des Objektives. Auch wenn dieser spezielle Objektivanschluß am Ende für das frühzeitige Aus der Praktina gesorgt haben mag – wie richtungsweisend er war, zeigt sich an der Version dieses Typs, der 1956 mit der Praktisix eingeführt wurde, welcher sich zum weitverbreitetsten Objektivanschluß für Mittelformatobjektive auf der Welt entwickelt sollte. „Steckanpassung 60/74“ nennt diese Abwandlung sich offiziell, das heißt der freie Durchmesser liegt bei 60 Millimeter, das Anlagemaß bei 74 Millimeter.

Bei der Praktisix gibt es aber gegenüber der Praktina noch eine wesentliche Weiterentwicklung zu berichten. Oben wurde bereits davon gesprochen, wie die gesamte Kameramechanik an einem herausnehmbaren Trägerteil angebaut ist. Dieses wird anschließend in das aus einem Guß geformte Außengehäuse gesetzt. Diese Bauweise ermöglicht nicht nur die bereits erwähnte gute Wartungsfreundlichkeit, sondern auch die stabile und hochpräzise Bauweise der Praktisix. Wie man oben erkennen kann, ist die eigentliche Anlagefläche des Objektivs, gegen die der Schraubring die Bajonettlappen drückt, Teil des Gußkörpers. Das führt dazu, daß das Anlagemaß eine feste Größe darstellt, die bei der Herstellung der Kamera festgelegt wird, indem die sogenannten Filmgleitrippen so weit abgefräst werden, daß der Abstand zwischen beiden Flächen genau 74mm beträgt. Das war 1956 ein hochmodernes Fertigungsverfahren, das Maßstäbe im Kamerabau gesetzt hat.

Zur den Filmgleitschienen der Praktisix ist noch zu sagen, daß diese ursprünglich als sogenannte Spreizrippen ausgelegt waren. Diese Bauart wurde 1954 durch die Werra eingeführt und sollte bewirken, daß der Film gespannt und glattgezogen werde, während er transportiert würde. Bei der Werra mag das funktioniert haben. [Vgl. dazu Miller, Rolf: Die Bildleistung der Werra; in: Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] Beim Rollfilm herrschten aber andere Bedingungen vor. Die mangelnde Filmplanlage war eines der größten Probleme des Mittelformates. Eigentlich war der Rollfilm mit seinem Schutzpapier, der in dieser Konfiguration noch auf die Anfänge der Amateurphotographie in den 1890er Jahren zurückgeht, hoffnungslos veraltet und hätte nach dem Krieg auf eine papierlose Filmkassette umgestellt werden müssen. Da dies nie geschah, blieb es bei der mangelhaften Planlage. Und weil auch die Spreizrippen an diesem Umstand nicht wirklich etwas ändern konnten, wurden sie einfach weggelassen, als mit dem Modell Praktisix IIA eine neue Gußform für das Gehäuse angefertigt werden mußte.

 

 

4.3 Blendenautomatik

 

Die Praktina war die erste serienmäßig hergestellte Spiegelreflexkamera der Welt, die Wechselobjektive mit einer automatischen Blende zu bieten hatte. Man war sich um 1950 in Fachkreisen bewußt, daß solch eine Einrichtung unbedingt nötig wäre, um die Einäugige Spiegelreflexkamera durchsetzungsfähig zu machen. Dem Widerspruch, daß man stets mit vollgeöffneter Blende scharfstellen will, aber zum photographieren fast immer abblendet, versuchten die Objektivhersteller zu begegnen, indem sie wenigstens eine Vorwahleinrichtung schufen, die das Schließen der Blende auf den Arbeitswert ohne Hinsehen ermöglichen sollte. Wirklich befriedigend war diese Lösung freilich nicht. Das dürfte Siegfried Böhm frühzeitig klar gewesen sein. Die Praktina war offensichtlich von Anfang an auf solch eine Blendenautomatik hin ausgelegt gewesen, auch wenn die Kamera wohl erst während der anlaufenden Serienfertigung die dazu notwendigen mechanischen Einrichtungen bekam. Das Auslösewerk, das sich Böhm am 16. Mai 1953 hat schützen lassen [DD8433], ist dezidiert auf die Springblende hin ausgerichtet gewesen – auch wenn dieser Ansatz vorerst nicht in dieser Weise umgesetzt wurde. Vonseiten Carl Zeiss Jenas lassen sich bereits für den Februar 1953 zwei Tessare mit Praktina-Fassung nachweisen, die mit der Springblende ausgerüstet gewesen sind. Vierzig Biotare folgten ab Mai 1953. Exakta-Freunde werden einwerfen, daß entsprechende Objektive zur selben Zeit ja auch für diese Kamera geliefert wurden. Denen muß ich aber entgegnen, daß bei ihr die Blendenautomatik aufgrund der Außenauslösung nie etwas mit der Kamera zu schaffen hatte, sondern stets nur Sache des Objektivherstellers geblieben ist. Bei der Praktina mit der innenauslösenden Blende war das aber von Anfang an anders gelagert. Diese Kamera wurde quasi zum Versuchsträger dieser neuen Technologie. So verwundert es auch nicht, daß ihr Abkömmling Praktisix sogleich mit der darauf aufbauenden vollautomatischen Blende ausgestattet wurde.

 

Dadurch, daß diese Praktisix völlig neu konstruiert wurde, ergab sich die Möglichkeit, gänzlich vom bisherigen Prinzip abzugehen, daß es nämlich Aufgabe des Photographierenden war, die Abblendautomatik vor dem Auslösen zu spannen. Bei der Praktisix wird beim Betätigen des Schnellspannhebels nicht nur der Film transportiert und der Verschluß gespannt, sondern auch die Blende entgegen einer Federkraft geöffnet. Beim Auslösen schnellt die Blende daher selbsttätig auf den voreingestellten Arbeitswert zu. Das war der letzte Schritt zur Perfektionierung der Blendenautomatik und damit zur Perfektionierung der Einäugigen Reflexkamera schlechthin. Dieses System wurde später quasi von jedem Hersteller dieses Kameratyps übernommen, und war vorherrschend, bis schließlich die japanische Firma Canon 30 Jahre später die Ansteuerung der Blende per Schrittmotor etablierte. Das änderte aber nichts daran, daß selbst führende Hersteller bei der rein mechanischen Springblende blieben – und zwar bis zum heutigen Tag. Die Praktisix wird meiner Anschauung nach viel zu wenig für diese Pionierleistung gewürdigt. Sie war 1956/57 nicht zuletzt aufgrund dieser Vollautomatischen Springblende eine der modernsten Kameras des Weltmarktes. Zwar hatte auch die 1957 erschienene Hasselblad 500C nun eine Springblende zu bieten, aber bei ihr war die Blende Teil des komplexen Zentralverschlusses, der überdies in jedes Wechselobjektiv eingebaut werden mußte. Hier wurde das Know How der Springblende also quasi vom Münchner Deckelwerk beim Kauf jedes Zentralverschlusses "mitgeliefert".

 

Bei der Blendenvollautomatik der Praktisix sah das etwas anders aus – diese war kein Zulieferprodukt einer Spezialfirma, sondern wurde von Grund auf im eigenen Hause in die neue Kamera hineinkonstruiert. Aber natürlich war das Kamerawerk Niedersedlitz nicht allein für diese Konstruktionsarbeiten verantwortlich, denn man muß wohl aufs Engste mit den Kollegen in Jena zusammengearbeitet haben. Was dort geleistet wurde, ist nicht minder herausragend gewesen. Bei Zeiss wurde die mechanische Komponente des Objektivbaus auf eine ganz andere Ebene gehoben. Mit den vorigen Objektivfassungen hatte das, was nun für die Praktisix angeboten wurde, fast nichts mehr gemein. Über diesen Technologieschub im Objektivbau habe ich mich in der Sektion zu den Wechselobjektiven bereits ausführlich geäußert. Es genügt daher, wenn ich an dieser Stelle einmal einen Blick in das Innenleben eines Flektogons 2,8/65mm gewähre, der die drei kleinen Kügelchen zeigt, mit denen der Blendenkäfig gelagert ist, um die notwendigen schnellen Schließzeiten der Blende zu ermöglichen.

Und nun sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die größte Symbiose zwischen der Praktina und ihrer kleinen bzw. großen Schwester verortet ist. Die Vollautomatische Springblende war ein riesiger Fortschritt, dem die Mitbewerber in der Bundesrepublik und in Japan erst einmal nichts entgegenzusetzen hatten. Es ist daher davon auszugehen, daß bei Siegfried Böhm rasch der Wunsch aufgekommen sein mag, seine vielseitige Praktina ebenfalls auf diese neue Blendenbauart umzustellen. Das hört sich aber leichter an, als es gewesen ist. Für die Praktina bedeutete das nämlich, daß diese Kamera in weiten Bereichen ganz und gar neu konstruiert werden mußte. Äußerlich sieht man ihr das nur nicht an. So existiert vom 8. November 1956 ein DDR-Patent Nr. 21.601 (Böhm, Winkler, Skolaude), das die neue, auf der Aufzugswelle angebrachte Kurvensteuerung beschreibt, die den Stößel der Blendenvollautomatik eindrückt, wenn der Verschluß gespannt wird. Da genau diese Lösung später in der Praktina IIA umgesetzt worden ist, gibt uns dieses Patent einen eindeutigen Hinweis darauf, daß bereits im Herbst 1956 direkt nach der ersten Vorstellung der Praktisix der Umbau der Praktina begonnen worden ist.

Die tatsächlich in der Praktina IIA umgesetzte Öffnungsmechanik der neuen Vollautomatischen Springblende lehnt sich in Teilen an Konstruktionsideen an, die mit dem Patent DD21.601 bereits im November 1956 geschützt worden sind. Im roten Kreis zu sehen ist der im Schutzanspruch 4 beschriebene Exzenter, der den Hebel bewegt, mit dem die Blende nach dem Spannen des Verschlusses offen gehalten wird.

Über den Aufwand, den dieser Umbau erfordert hat, legt aber auch das bereits angesprochene DDR-Patent Nr. 42.779 vom 1. September 1958, das die neue Kurvensteuerung des Aufzuggetriebes beschreibt, ein beredtes Zeugnis ab. Die hier gezeigten Veränderungen ermöglichten, die sogenannte kinematische Kette aus Spiegelbewegung, Verschlußablauf und Springblendenbetätigung aufeinander abzustimmen. Der Zusammenhang ist eigentlich ganz einfach: In der Zeit, in der sich der Spiegel nach oben bewegte, mußte sich auch die Blende auf ihren Arbeitswert schließen können. Das lief darauf hinaus, daß derjenige Hebel, der vorher den Blendenmechanismus gespannt hatte und die ganze Zeit gespannt hielt, nun plötzlich zurückschnellen und den Blendenstößel freigeben mußte. Wie komplex diese gesamte kinematische Kette ineinander verschachtelt ist zeigt die untenstehende Abbildung [nach Loose/Kühnel, Praktina-Technik, 1961, S. 31.]. Man beachte, daß die Blende bereits 25/1000 Sekunden nach dem Auslösen geschlossen sein muß, weil kurz darauf die Belichtung beginnt. Verkompliziert wird das ganze durch die drei Synchronkontakte, die diese Spitzenkamera zu bieten hatte.

Wie lang genau dieser Umbau der Praktina zum Modell IIA gedauert hat, ist nicht ganz klar. In der Literatur findet man den Sommer 1958 als Datum der Fertigstellung. Das halte ich für viel zu spät, zumal diese Angabe nicht mit der Vorstellung der Praktina IIA auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1958, die vom 2. bis 11. März 1958 dauerte, in Einklang zu bringen ist [Vgl. Fotografie, Heft 5/1958, Beilage]. Ich fürchte, daß diese Angabe auf einer Veröffentlichung Richard Hummels basiert; und bei diesem Auto kann man sich leider nie gewiß sein, ob er seine Daten in langwieriger, exakter Kleinarbeit aus den Originalquellen extrahiert hat, oder ob sie ihm in einer nächtlichen Eingebung von der Jungfrau Maria ins Ohr geflüstert worden sind. Für das Jahr 1957 spricht hingegen, daß Horst Schrader in der zweiten Auflage von „Blitzlicht von heute“ die Praktina IIA bereits ausführlich mit ihren Synchronkontakten beschreibt. Redaktionsschluß dieses Buches war Dezember 1957 – die Kamera muß also schon längere Zeit vorher fertig gewesen sein. Weiterhin belegt ist, daß Vorserienobjektive mit Automatischer Springblende für die Praktina schon im Laufe des Jahres 1956 geliefert wurden und daß die Serienfertigung des neuen Biotar 2/50mm (später Flexon) im Januar 1957 anläuft. Man kann also davon ausgehen, daß die Praktina IIA schon lieferbar gewesen ist, als sie auf der Frühjahrsmesse 1958 vorgestellt wurde.

 

Zum Abschluß dieses Abschnittes möchte ich noch ein paar interessante Details zur Praktina und Praktisix anfügen, zu denen ich entsprechendes Quellenmaterial gefunden habe. Wer hätte zum Beispiel gedacht, daß der Okularanschluß, den die Praktina, die Praktisix und die Praktica IVff gehabt haben, durch einen gewissen Heinz Bachmann erfunden worden ist [DDR-Gebrauchsmuster Nr. 16.451 vom 29. 8. 1962]. Die dazugehörige Augenmuschel hat er sich bereits am 24. 9. 1960 schützen lassen [DDR-GM Nr. 17.406].

GM16451
GM 17406

Eines der bestechendsten Merkmale der Praktina ist freilich ihre Auslegung auf motorischen Antrieb. In dieser Hinsicht war sie während der 1950er Jahre als Reflexkamera konkurrenzlos. Jede beliebige Praktina konnte ohne zusätzliche Umrüstung oder gar Umbau mit dem Federwerksmotor oder dem Elektromotor ausgestattet werden. Dazu war die Kamera an ihrer Bodenplatte mit einer entsprechenden Kupplung ausgestattet, die direkt an die Spannwelle angeflanscht war. Daß man darauf erst einmal kommen mußte und Siegfried Böhm auch in dieser Hinsicht Pionierarbeit geleistet hat, zeigt sich dadurch, daß er sich diese Idee in einem Patent mit der Nummer DD12.977 am 23. November 1954 hat schützen lassen können.

Das wohl praktischste Zusatzbauteil zur Praktina war dabei der der Federwerkmotor. Nicht nur, weil damit die Aufnahmebereitschaft der Kamera binnen kurzer Zeit wiederhergestellt wurde, sondern weil auch der Klappspiegel der Praktina zum Rückkehrspiegel aufgewertet wurde und die Blende sich wieder voll öffnete. Außerdem empfinde ich es als angenehmen Nebeneffekt, daß der Motor den Schwerpunkt der Kamera tiefer legt und somit der Verreißungsgefahr entgegenwirkt. Aufpassen muß man nur, daß man den Bildzähler im Auge behält, weil der Federmotor ansonsten schlimmstenfalls das Filmende aus der Patrone zieht und man diesen deshalb nicht mehr zurückspulen kann. Um das zu verhindern, hatten Manfred Wießner und Heinrich Skolaude einen Mechanismus ersonnen, wie der Federantrieb der Praktina noch mit dem Bildzählwerk gekuppelt werden könne, um ihn gegen Ende des Filmes aus Sicherheitsgründen abschalten zu können. Diese Idee haben sie sich am 29. August 1960 im DDR-Patent 27.280 schützen lassen, das aber leider nicht mehr zum Zuge kam, da die Produktion der Kamera ein Vierteljahr zuvor eingestellt worden war.

Tatsächlich verwirklicht wurde allerdings noch der an die Kupplungsstelle der Bodenplatte ansetzbare Schnellspannhebel, den Rudolf Hainy und Horst Eisenkrätzer am 19. Februar 1959 in der Bundesrepublik zum Patent anmeldeten (Nr. DE1.085.416). Er wurde noch auf der Frühjahrsmesse 1960 vorgestellt und muß als letzte Neuerscheinung der Kamera- und Kinowerke für die Praktina gesehen werden.

Als weiteres außergewöhnliches Zusatzteil für sie Praktina ist die Langfilmkassette zu nennen, die es gestattete, Rollen bis 17 Meter Länge verwenden zu können, womit mehr als 400 Aufnahmen ohne Filmwechsel möglich wurden. Das hatte besondere Vorteile bei technischen oder wissenschaftlichen Projekten, wo längere Prozesse dokumentiert werden sollten, usw. Nachteilig dabei war, daß man was den Filmverbrauch anbetrifft schnell die Übersicht verlieren konnte. Als Abhilfe haben Herbert Wilsch und Günter Schmatze ein Bildzählwerk entwickelt, daß nur alle fünf Bilder eine Stelle weitersprang und damit die über 400 Bilder anzuzeigen vermochte. Am 26. 8. 1960 haben sie darauf in der Bundesrepublik ein Gebrauchsmuster Nr. 1.850.281 angemeldet. Die letzten Langfilmmagazine der Praktina wurden bereits mit diesem Zählwerk geliefert. Aber auch die 17m-Kassetten der Pentacon Super nahmen diese Idee später wieder auf.

Als zweite Reflexkamera der Welt, die mit Wechselsuchern ausgestattet gewesen ist, gab es sogar in diesem Metier etwas zu patentieren. Der Lichtschachteinsatz (DD12.882 vom 14. Dezember 1954, Böhm, Hainy) zeichnete sich dadurch aus, daß er mit einem Fingerdruck zu öffnen und zu schließen gewesen ist und trotzdem lichtdicht abschloß. Als sehr praktisch erwiesen hat sich der einsetzbare Prismensucher mit Belichtungsmesser, den Siegfried Böhm, Friedrich Winkler und Gerhard Jehmlich am 17. November 1956 zum Patent angemeldet haben (Nr. DD16.801). Als spektakulär muß der selten zu findende Stereo-Suchereinsatz angesehen werden, der im Gegensatz zum Modell für die Exakta einen Einblick im wesentlich günstigeren 45° Winkel bot. Dafür war er allerdings deutlich komplexer aufgebaut. Dieter Maas und Gerd (nicht Gerhard!) Jehmlich zeichneten für das am 24. April 1955 angemeldete Patent DD15.826 verantwortlich.

Abschließend zur Praktina IIA noch ein besonderes Merkmal dieser Kamera, auf das damals sehr viel Konstruktionsaufwand gelegt wurde: Die Synchroneinrichtung für Blitzgeräte. Eigentlich kam das ja zu spät. Als die Praktina Ende 1957/Anfang 1958 ausgeliefert wurde, war die große Zeit der Kolbenblitze beinah schon abgelaufen. Die Berufsphotographen waren wohl mehrheitlich schon aufs Elektronenblitzgerät umgeschwenkt und blitzen nun was das Zeug hielt – nicht immer zum Vorteil der Bildaussage und der Bildästhetik. Wer mal eine Photozeitschrift oder ein illustriertes Journal aus jener Zeit durchblättert, dem werden die peinlichst bis in den letzten Winkel ausgeblitzten Farbaufnahmen sofort ins Auge stechen. Available Light sollte erst etwa zehn… fünfzehn Jahre später zur neuen Mode werden. Und nun, da die Hersteller der Blitzgeräte vom mechanischen Zerhacker zur kleinen, verschleißfreien und energiesparenden Transistorschaltung übergingen, war der Siegeszug des Elektronenblitzgerätes auch beim Amateur nicht mehr aufzuhalten – mitsamt den Schrecklichkeiten, den diese Kompaktgeräte innerhalb der Amateurphotographie verursachten. Sei es drum – als Spitzenkamera hatte die Praktina IIA „vollsynchronisiert“ zu sein. Neben dem X-Kontakt gab es den F-Kontakt (8ms nach Beginn der Belichtung, also 10ms vor X) und FP (17ms vor Beginn der Belichtung, also 35ms vor X) [nach Schrader, Blitzlicht von heute, 1958, S. 90.]. Dafür war ein Riesenaufwand nötig, auf den ich gleich noch zu sprechen komme. Die Zielsetzung ist eigentlich ganz einfach zu umschreiben: Diese drei Kontakte sollten ermöglichen, unterschiedlichen Blitzverfahren in Verbindung mit der möglichst kürzesten Verschlußzeit kombinieren zu können. Als Extremfall kann man dabei die FP-Blitzlampen (für focal plane = Schlitzverschluß) ansehen, die eine so lange Brenndauer hatten, daß sie über diejenige Zeitspanne hinweg eine einigermaßen konstante Lichtmenge abgaben, die der Belichtungsschlitz brauchte, um über das gesamte Bildfenster zu laufen. Das ermöglichte es, selbst mit einer Schlitzverschlußkamera kürzeste Verschlußzeiten bis herab zur 1/1000 Sekunde in Verbindung mit Blitzlicht einzusetzen – natürlich bei einer sehr schlechten Ausnutzung der von der Blitzlampe abgegebenen Gesamtlichtmenge. Das Problem dabei: Die sogenannten Kolbenblitze leuchten nicht nur lang, sie brauchen auch lang, bevor sie nach dem Zünden ihre volle Lichtmenge abgeben. Um bei Kolbenblitzen nicht auf extrem lange Verschlußzeiten beschränkt zu sein, muß eine gute Kamera mindestens zwei verschiedene Synchronkontakte aufweisen, damit die unterschiedlichen Typen zum zünden gebracht werden, bevor überhaupt der Verschluß öffnet. Das Problem daran war, daß die Hersteller von Kameras und Blitzlampen aneinander vorbei entwickelten und dadurch die Synchronkontakte der Kamera oftmals nicht mit den am Markt erhältlichen Blitzbirnen harmonierten. Wenn ich die Literatur jener Zeit richtig verstehe, dann ist die Praktina IIA als eine der wenigen Kameras anzusehen, bei der die Synchronkontakte einigermaßen sinnvoll eingesetzt werden konnten, weil die Zündzeitpunkte durch aufwendige Konstruktionsarbeit an die richtige Stelle gelegt wurden. Beim FP Kontakt für besonders langbrennende Blitzlampen wurde die Kontaktschließung beispielsweise an die Spiegelmechanik verlegt. Es ist eine wahre Freude, in den Spiegelkasten einer Praktina IIA zu schauen und sich die ausgeklügelte Lösung anzuschauen, die sich Siegfried Böhm und Friedrich Winkler im DDR-Patent 23.100 vom 1. September 1958 haben schützen lassen. Es wird Ihnen auffallen, daß der Kontakt nur auf dem „Hinweg“ schließt, beim Zurückholen des Spiegels aber keine Kontaktgabe stattfindet. So ein Aufwand war nötig, um zu verhindern, daß die wertvolle Blitzlampe bereits beim Spannen der Kamera losging.

Oben sieht man den neuen Kontaktwähler, der unterhalb der Filmmerkscheibe untergebracht und mit dieser über eine Rutschkupplung verbunden war. Er ermöglichte es, mit einer einzigen Anschlußbuchse zu arbeiten, die mit dem jeweils benötigten Kontakt verbunden wurde. Unten ist gezeigt, wie der neue F-Kontakt realisiert wurde. Links vom roten Kreis sieht man das Kontaktblech, das zur Justage entsprechend gebogen werden konnte. Der eigentliche Schließer des Kontaktes wurde auf dem Nocken untergebracht, den ich oben schon im Zusammenhang mit der Schlitzweitenbildung beschrieben habe. Der Vorteil dieses Nockens ist ja, daß er bei gespanntem und bei abgelaufenem Verschluß jeweils in eine andere Position gedreht wird. Diesen Effekt haben Böhm und Winkler ausgenutzt, um auch bei diesem F-Kontakt sicherzustellen, daß er nur beim Auslösen, nicht aber beim Spannen schließt. Konstruktionsarbeit allerersten Ranges war das. Einfach, aber wirkungsvoll.

5. Der restliche Werdegang der Praktisix

 

Wir können heute endlos darüber debattieren, ob es richtig war, die Produktion der Praktina im Mai 1960 abrupt einzustellen. Das Hauptargument der damaligen Entscheidungsträger, Kameras mit Wechselsucher und anderen professionellen Ausstattungsmerkmalen ließen sich nicht mehr verkaufen, hat sich ja schon den Zeitgenossen als absolute Fehleinschätzung offenbart, da sie bald mit Entsetzen zusehen mußten, wie die Japaner diejenigen Marktlücken besetzen, die die Deutschen gerade offen stehen gelassen hatten.

 

Meine Auffassung ist ja, daß die damaligen Wirtschaftsfunktionäre der Exakta Varex auf den Leim gegangen sind, da sich diese Kamera 1960 noch sehr gut im Ausland verkaufen ließ und harte Währung in das kleine Land brachte. Aber Wirtschaftsleute haben nun mal keine Ahnung von Kameras. Sie konnten nicht wissen, daß die Exakta ein Vierteljahrhundert nach ihrem Erscheinen technisch am Ende war und keinerlei Spielraum für Weiterentwicklungen mehr aufzubieten hatte. Moderne Verschlußsteuerung, innenauslösende Blende, Anschluß für Motorantrieb – all das war an der Exakta vorbeigegangen. Und das zeigte sich nun rasch und drastisch, nachdem moderne Japanische Spitzenkameras von Nikon, Topcon usw. auf die Märkte drängten. Die DDR-Kameraindustrie hat das Spitzensegment des Kameramarktes in den 60er Jahren komplett verschlafen. Als sie mit ihrer Pentacon Super herauskam, die ihre Eigenschaft als Nachfolger der Praktina nicht leugnen kann, war der Zug bereits abgefahren. Denn die 60er waren für dieses Segment der Spitzenkameras das entscheidende Jahrzehnt, in dem viele Berufsphotographen eine Systemwahl trafen, an der sie dann meist jahrzehntelang festhielten.

Der wahre Grund für die Einstellung der Praktina dürfte darin gelegen haben, daß diese Kamera sehr aufwendig zu fertigen war, der daraus resultierende hohe Kaufpreis aber den Kreis der Käufer sehr verengte. So bestand die kompliziert aufgebaute Praktina IIA aus über 440 Einzelteilen, die in 1668 einzelnen Arbeitsgängen gefertigt und montiert wurden und die dabei zwischendurch 335 Kontrollen erforderten. Allein die links gezeigte Fertigung der Deckkappe benötigte nicht weniger als 26 verschiedene Stanzwerkzeuge! [Vgl. Wiesner, Georg: Wie eine „Praktina“ entsteht; in Fotografie 10/1959, S. 367.] Ich gehe schlichtweg davon aus, daß nach der großen Preissenkung vom Frühjahr 1960, als aus rein politischen Gründen die Verkaufspreise für Kameras um durchschnittlich 30 Prozent reduziert werden mußten, sich die Praktina nicht mehr kostendeckend herstellen ließ. Die Ära der rationellen Fließbandfertigung, mit der später auch vergleichsweise komplexe Kameras wie die Praktica Super TL ökonomisch beherrschbar montiert werden konnten, war 1960 halt noch nicht angebrochen.

Aber halt! Das bisher Gesagte gilt für die Kleinbild-Reflexkamera. Nach der Produktionseinstellung von Primarflex und Meister-Korelle und nach dem geradezu desaströsen Scheitern der Ihagee bei ihrem Versuch, mit einer neukonstruierten Einäugigen Reflexkamera den 6x6-Sektor neu zu ordnen, lag dieses Marksegment nun fast ohne Konkurrenzdruck offen. Ich kann mir übrigens sehr gut vorstellen, daß Siegfried Böhm damals erst einmal abgewartet hat, was der devisenträchtige Vorzeigebetrieb Ihagee in diesem Bereich zustande bringt, bevor er mit der Entwicklung seiner Kamera begonnen hat. Nach dem Debakel mit der Exakta 6x6 um 1952/53, das damals vielleicht schon eine Vorahnung von der bevorstehenden Innovationskrise bei der Ihagee lieferte, war die Praktisix in der DDR konkurrenzlos. Selbst auf dem internationalen Markt gab es mit Ausnahme der noch einmal deutlich ambitionierteren Hasselblad nur wenig Vergleichbares. Es sollte immerhin fast anderthalb Jahrzehnte dauern, bis westdeutsche („Rollei“) und japanische Firmen („Asahi“, „Mamiya“) zuverlässige Einäugige 6x6-Spiegelreflexkameras herausbrachten, die sich auch beim Berufslichtbildner etablieren konnten.

 

Angesichts dieser Marktlage konnte die Praktisix ohne Schwierigkeiten als Spitzenkamera in den neuen „Großkonzern“ VEB Kamera- und Kinowerke hinübergerettet werden – auch wenn der Literatur zufolge im Jahre 1960 erst einmal nur etwa hundert Kameras montiert wurden. Zweierlei Dinge sind nun allerdings im Anschluß zu verzeichnen: Erstens langsame, aber kontinuierliche Steigerungen der Produktionsmengen, um auch wirklich die Nachfrage befriedigen zu können und zweitens kleine, aber stetige Verbesserungen konstruktiver Art. So wurde bei der Praktisix II mit Wirkung vom 1. Oktober 1964 die Justierung der Bildlängenbemessung geändert und die Vorspannung der Verschlußtücher leicht verringert [Vgl. Reparaturanleitung Praktisix II, S. 3f]. Ziel letzerer Maßnahme, die mit leichten Umgestaltungen von Bauteilen einherging, war eine genauere Einhaltung der Nennbelichtungszeiten. Der Kameranutzer bemerkte von all diesen innerlichen Veränderungen nur, daß nun die Zeiteinstellscheibe gerastet war. Weitere solcher Detailverbesserungen am Kameramechanismus fanden einige Monate später statt, die letztlich zum Modell IIA führten. Während im Inneren Lagerbuchsen von Messing auf Stahl umgestellt wurden, ergab sich zum ersten Mal eine deutliche Veränderung in der äußeren Gestalt der Kamera: Die neuen, arretierbaren Spulengegenlager machten die Handhabung sicherlich praktischer, nahmen der Praktisix aber auch etwas an Eleganz. Ohne ein in das Stativgewinde geschraubtes Zwischenstück stand die Kamera von nun an immer vorn übergebeugt.

Der wichtigste Tag für die Praktisix seit ihrer Vorstellung im Oktober 1956 ist der 20. September 1966. Auf dieses Datum ist der erste Fertigungsstand der bedeutendsten Umkonstruktion fixiert, den diese Kamera je erfahren hat. Bei aller Begeisterung über die Pionierleistung, die die Praktisix als erste vollautomatisierte Einäugige Reflexkamera erbracht hat, so gab es doch einen kleinen Konstruktionsmangel. Wehe nämlich man hatte vergessen, nach dem Schließen der Rückwand den Rückstellknopf des Zählwerks zu drücken. Da die richtige Filmlängenbemessung von der Stelllung des Zählwerks direkt abhing, waren unweigerliche Bildüberlappungen die Folge, wenn das Zählwerk auf der 12 stehen gelassen worden war. Noch katastrophaler gestaltete sich allerdings, wenn man im Eifer des Gefechtes vergaß, das Zählwerk zu beachten und bei Erreichen des „E“ aufzuhören. Sonst knippste man unweigerlich erst auf dem Schutzpapier weiter und anschließend auf der Filmandruckplatte. Ich habe mir übrigens sagen lassen, daß selbst Berufsphotographen vor solch einem Malheur nicht gefeit gewesen sein sollen. Eine echte Konstruktionsschwäche also. Ich glaube, diese Kritikpunkte waren viel ausschlaggebender für die komplette Neukonzeption des Filmtransportes, als die Tatsache, daß man die Kamera für den neuen Rollfilm 220 ertüchtigen wollte. Das hätte man auch mit dem bisherigen Verfahren der vorprogrammierten Filmschrittanpassung erreichen können. Die Umstellung auf ein längenmessendes Verfahren wurde offensichtlich als zukunftsträchtiger angesehen, da man sich nun prinzipiell unabhängig von Änderungen an der Filmdicke, an den Spulen und dem Schutzpapier machen konnte. Durch die Meßwalze würde immer genau die richtige Filmlänge transportiert werden. Außerdem gab der Umbau die Gelegenheit dazu, die Rückstellung des Zählwerkes zu automatisieren und nach dem 12. bzw. 24. Bild einen automatischen Stopp einzuführen. Damit waren Fehlbedienungen nun weitgehend ausgeschlossen. Es konnte nur noch passieren, daß versehentlich jemand beim Zurückführen des Spannhebels nach dem Filmtransport wieder ein Stück vorwärts transportierte. Dann kam alles durcheinander. Um auch diese schon an Fahrlässigkeit grenzende Fehlbedienung auszuschließen, wurde bei einigen Modellen, die für die Exakta GmbH geliefert wurden, sogar noch das zugehörige Sperrrad verändert.

Oben: Vergleich der rechten Triebwerksseite der Praktisix (links) und der Pentacon Six (rechts). Der Aufbau des Verschlusses blieb identisch, aber von Grund auf neu konstruiert wurde der Filmtransport und die Bildlängensteuerung.

Unten: Die Pentacon Six war auch auf Westmärkten als preiswerte Systemkamera absetzbar. Daher boten auch Hersteller wie Kilfit oder Novoflex ihre Spezialobjektive mit dem Praktisix-Bajonett an.

"Pentacon Six" wurde diese Kamera nun durch den Hersteller benannt, um – wie es Walter Hennig auf der Leipziger Herbstmesse 1966 formulierte – die Herkunft der Kamera stärker als bisher zu kennzeichnen [Vgl. Fotografie, 9/1966, S. 326.]. Es war dieselbe Messe, auf der auch die Pentacon Super das erste Mal gezeigt wurde und der sozialistische Vorzeigebetrieb wollte sich mit den Namensgebungen seiner Kameras entsprechend profilieren. Mit diesem Umbau zehn Jahre nach Erscheinen der Praktisix wurde dieser Typ so aufgefrischt, daß er technisch mit dem Weltmarkt mithalten konnte. Etwas ganz Außergewöhnliches stellte der Prismenaufsatz mit Innenlichtmessung dar, der offiziell zur Leipziger Herbstmesse 1968 herausgebracht wurde, aber offensichtlich vorher schon lieferbar war. Ich habe nun das zugehörige Patent aufgetan und die zugehörigen Urheber ermittelt, die für jene Innenlichtmessung auf Basis des Lichtkonzentrator verantwortlich zeichnen, die Pentacon anschließend lange Zeit sehr umfangreich eingesetzt hat. Rolf Jurenz und Werner Tränkner hießen die Erfinder, deren Idee mithilfe des DDR-Patentes Nr. 58.002 vom 8. Juli 1966 ab geschützt wurde. Das Meßprisma der Six war übrigens der zweite Anwendungsfall dieser Lösung – zur Frühjahrsmesse 1968 war bereits die Praktica Super TL erschienen, deren Innenlichtmessung ebenfalls mit dem neuen Lichtkonzentrator arbeitete. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß das zuvor in der PRAKTICAmat und Pentacon Super angewendete Meßverfahren, bei dem das gesamte Sucherbild gleichgmäßig ausgewertet wurde, oft zu Fehlmessungen führte. Das neue Verfahren erlaubte nun eine gezielte Verteilung und Gewichtung der Meßempfindlichkeit innerhalb des Sucherbildes wie bei der Praktica Super TL oder eine Beschränkung auf einen scharf abgegrenzten Meßfleck, wie das beim Meßprisma für die Pentacon Six geschehen ist.

DD58002
Prisma mit Lichtkonzentrator

Links das Meßprinzip des Lichtkonzentrators aus dem Patent 58.002. Rechts das im TTL-Prisma der Pentacon Six eingebaute Prisma. An der teilverspiegelten bildaufrichtenden Fläche des Prismas ist eine Blende zur Begrenzung des Meßfeldes aufgebracht. Davor befindet sich im montierten Zustand der rechts neben dem Prisma sichtbare Lichtkonzentrator, der das gesamte Licht, das die Blende passiert, auf den Photowiderstand bündelt.

So zeitgemäß die Pentacon Six TL – wie sie nun nach Einführung der TTL-Messung genannt wurde – Ende der 60er Jahre auch gewesen sein mag, man muß ehrlicherweise dazu sagen, daß es nun bei diesem Stand blieb. Eine Kupplung des Belichtungsmessers mit der Verschlußzeiteinstellung, die eine echte Nachführmessung ermöglicht hätte, unterblieb leider. Schon gar nicht umgesetzt wurde die elektrische Blendenwertübertragung, eine elektromagnetische Verschlußsteuerung oder gar eine Zeitautomatik. Damit hatte die Pentacon Six zur Mitte der 70er Jahre ihre Spitzenposition im weltweiten Markt für Mittelformatkameras verloren. Daß sie trotzdem beliebt blieb, die Produktionsziffern bis zum Ende des Jahrzehnts sogar noch anstiegen und sogar die Exportmärkte offensichtlich nicht verloren gingen, liegt daran, daß im Mittelformat viel eher eine rein mechanische, dafür aber zuverlässige Kamera erwartet wird. Auf technischen Schnickschnack wird in diesem Segment sogar zugunsten des Charakters der Kamera als Handwerkszeug lieber verzichtet.

Allerdings wurden immer wieder – vor allem in den Anfangsjahren – Verbesserungen „zur Erhöhung der Standzeit“ eingeführt. So hat es bis 1970 mehrfach beträchtliche Änderungen am Filmtransport und an der Filmschrittsteuerung gegeben. Bereits ab Kamera Nr. 8500 war die erste Umrüstung des Transportmechanismus mithilfe einer sog. Rückenstütze wirksam geworden. Immer wieder im Vordergrund stand zudem das Schaltrad 56.00, das den zentralen Punkt der Filmschrittsteuerung einnahm. Ab Kameras oberhalb der Seriennummer 15.500 wurde das Schaltrad 56.00 mit einer Schaltfeder versehen, die nun mit hundertprozentiger Sicherheit verhinderte, daß der Fühlhebel 54.00 gleich nach dem Auslösen wieder in den Ausbruch des Schaltrades einfallen konnte. Das Einfallen des Fühlhebels 54.00 in den Ausbruch des Schaltrades 56.00 liefert der Filmschrittsteuerung der Pentacon Six nämlich die Information, daß genau die richtige Filmlänge von etwa 64mm transportiert worden ist. Der Fühlhebel wird bei jedem Auslösevorgang aus dem Ausbruch herausgehoben. Wenn dieser Fühlhebel gleich nach dem Auslösen wieder in den Ausbruch des Schaltrades zurückfällt, dann kommt die ganze Transportsteuerung in Unordnung. Das war offenbar bislang immer wieder passiert und hatte zu Reklamationen geführt, ohne daß die Kameras einen wirklichen Defekt hatten. Diese kleine Konstruktionsänderung behob die o.g. Probleme dauerhaft. Kameras mit einer Seriennummer zwischen 13.000 und 15.500 konnten dabei direkt auf das neue Schaltrad umgebaut werden, da bei ihnen die Lagerbuchse bereits aus Stahl, statt aus Messing bestand. [Vgl. Böttcher, Änderungsmitteilung Erzeugnis 139 008 Pentacon Six vom 10. 7. 1970.] Bei Kameras vor der Seriennummer 13.000 mußte hingegen das komplette Getriebe gewechselt werden, was in einen vergleichsweise aufwendigen Umbau ausartete. Es ist bekannt, daß trotzdem viele ältere Kameras nachträglich durch die Vertragswerkstätten auf das neue Schaltrad umgerüstet worden sind.

Links das alte Schaltrad ohne Schaltfeder, rechts nach der Umstellung auf die besagte Schaltfeder, die ein Zurückfallen des Hebels in den Ausbruch des Schaltrades wirksam verhinderte. Unten ein Ausschnitt aus der bereits zitierten Änderungsmitteilung, die Pentacon an die Vertragswerkstätten weiterleitete. Aus ihr geht quasi als Nebeneffekt die Erkenntnis hervor, daß das zusätzliche "TL" ab Seriennummer 15.500 eingeführt wurde.

Als besonders interessant und verblüffend habe ich aus der Änderungsmitteilung herausgelesen, daß zwei der wesentlichsten Teile der Pentacon Six, nämlich die Stirnräder 92.00 und 93.00, die die Vorhangwalzen mit dem Spannmechanismus verknüpfen, ab der Kameranummer 25.300 von 46 auf 45 Zähne reduziert wurden. Das geschah zur "Verminderung des An- bzw. Abkippens an den Umlenkrollen", was bedeutet, daß der Laufweg der Rollos verkürzt wurde, um zu verhindern, daß die Vorhangstäbchen über die Umlenkrollen der Tücher hinausragen. Das hatte wohl zum Abknicken und damit langfristig zum Verletzen der Vorhangbänder geführt. Wieder eine Maßnahme zur Erhöhung der Standzeit also. Die Verkürzung der Vorhanglaufwege konnte man sich offenbar leisten, weil zuvor bei der Praktisix II die Vorspannung der Vorhänge vermindert worden war (s.o.) und daher die Gefahr des Prellens noch weiter gesenkt werden konnte. Ich nehme an, daß durch Umstellung der Lagerbuchsen von Messing auf Stahl die Reibkräfte in einer Weise reduziert worden waren, daß dies letztlich die Reduktion der Vorhangspannung möglich machte. Diese Abänderung der Anzahl der Zähne an den Stirnrädern der Verschlußansteuerung scheint mit dem Stichtag 10. 7. 1970 produktionswirksam geworden zu sein, was denke ich einigermaßen mit der Kameranummer 25.300 in Einklang steht. Damit war der große Reigen der Umänderungen, zu denen noch etliche andere kleinere gehörten, erst einmal abgeschlossen. Zum 1. Januar 1971 wurde durch den Konstruktionsverantwortlichen Günter Heerklotz schließlich ein neuer, dritter Fertigungsstand festgelegt, der den bisherigen, zweiten Fertigungsstand Hans-Joachim Daeches vom 10. Oktober 1966 ablöste. Bei letzterem ist es dann offensichtlich bis zum Schluß geblieben. Für Sammler dürfte noch von Interesse sein, daß der für frühe Pentacon Six so typische Körner neben der Seriennummer lt. Änderungsmitteilung ab der Kamera Nr. 16.000 weggefallen ist. Dieser Punkt hatte offensichtlich den Hintergrund, Verwechslungen mit den Vorgängermodellen zu vermeiden, da ab dem Modell Pentacon Six neu zu zählen begonnen wurde, was eine doppelte Vergabe des Nummernkreises nach sich gezogen hatte. Zudem wurde, wie oben bereits angesprochen, ab der Seriennummer 15.500 das zusätzliche "TL" auf die Frontplatte graviert. Damit ist nun auch diesbezüglich eine genaue Einordnung möglich.

Das untere Strinrad 93.00 und das obere Stirnrad 92.00 der Pentacon Six - in diesem Falle beide mit 45 Zähnen.

Die letzte nennenswerte Abänderung datiert übrigens vom 9. Juli 1979 – von da an wurde im Boden des Kameragehäuses an der Stelle, über der sich das Vorlaufwerk befindet, ein Durchbruch vorgesehen, damit selbiges gewartet werden kann, ohne die Kamera komplett zerlegen zu müssen. Alle Kameras mit diesem Ausbruch sind also nach diesem Stichtag gefertigt. In den 80er Jahren wurde dann noch die Belederung auf ein grob gemasertes und griffsicheres Material umgestellt. Mit 750,- Mark für das Gehäuse mit Lichtschacht hatte sich der Preis der Pentacon Six über 20 Jahre lang nicht mehr geändert. Statt mit teuren Mittelformatkameras mit Wechselmagazinen, arbeiteten die Berufsphotographen in der DDR (und übrigens auch in einigen Bruderländern) eben mit mehreren der bezahlbaren Six-Gehäuse.

Wer mag, kann es als späte Anerkennung für die Konstruktionsleistungen Siegfried Böhms und seiner Mitstreiter begreifen, daß etwa 30 Jahre nach Erscheinen der Praktisix dieser Kameratyp mit einem Label „Made in Western Germany“ und Objektiven von Schneider Kreuznach auf den Westmärkten angepriesen wurde. Dahinter steckte vermutlich der geschäftstüchtige Heinrich Mandermann, der „seine“ Schneiderobjektive verkaufen wollte und dafür eine zu möglichst günstigen Preisen einkaufbare Kamera benötigte. Auch wenn die "Exakta 66" durch eine andere Gestaltung der Gehäuseoberflächen völlig verändert aussieht – drin steckt eine Pentacon Six. Lediglich die abgeänderte Rücklaufsperre, wie ich sie weiter oben schon beschrieben habe, wurde exklusiv für diese Kamera entwickelt. Auch der Guß des Außengehäuses ist exklusiv für diese Kamera ausgeführt worden, denn das System Andruckplatte-Filmlaufschienen ist so umgestaltet worden, daß sich im Gegensatz zu den Dresdner Kameras ein Filmkanal ergibt. Daher ist auch ein Verschieben der Andruckplatte notwendig, um zwischen dem Rollfilmtyp 120 mit seinem Schutzpapier, und dem papierlosen und daher dünneren Typ 220 umschalten zu können. Ich halte dieses Ansinnen, die Filmplanlage durch Einführen eines Filmkanales zu verbessern, für ehrenwert, aber es dürfte insgesamt doch erfolglos gewesen sein. Die große Filmfläche des Mittelformates bringt nun einmal eine starke zentrale Durchwölbung des Materiales mit sich. Diese Durchwölbung mithilfe eines Filmkanales zu bändigen, ist zumindest beim Rollfilm 120 zum scheitern verurteilt, da sich aufgrund des dazwischenliegenden Schutzpapieres keinerlei Adhäsionswirkung zwischen der Rückseite des Filmes und der Andruckplatte entfalten kann. Die übrigen Unterschiede zwischen DDR-Pentacon Six und der in Nürnberg endmontierten Exakta 66 sind unbedeutend. Allein das Innenmeßprisma mit seiner neuzeitlichen Elektronik ist erwähnenswert. Eine an Primitivität kaum zu überbietende mechanische Blendenwertübertragung läßt die Begeisterung darüber freilich rasch wieder verfliegen.

Wenn es stimmt, daß diese Exakta 66 unter Aufbrauchen von Restbeständen der Pentacon-Six-Fertigung noch bis ins Jahr 2000 hinein montiert worden ist, dann handelt es sich bei dem Kameratyp Praktisix/Pentacon Six um nicht weniger als eine der erfolgreichsten Konstruktionen des Kamerabaus überhaupt, und des Mittelformates im Besonderen. Nur die Hasselblad 500C, die mit ihren sparsam eingesetzten Weiterentwicklungen eine ähnliche Kontinuität aufzuweisen hat, wie die Praktisix, ist noch ein paar Jahre länger gefertigt worden. Aber wenn die Praktisix mit so einer hochgezüchteten Kamera wie der Hasselblad in einem Atemzug genannt werden muß, um sie im internationalen Vergleich einordnen zu können, dann kann man den Entwicklern der Praktisix nachträglich nur höchsten Respekt zollen. Den Dank für ihre Arbeit haben sie sich weit über ihre eigene Lebenszeit hinaus dadurch gesichert, daß sie ihre Kamera so übersichtlich und wartungsfreundlich konstruiert haben. Denn ich bin mir sicher, daß aufgrund dieser Servicefreundlichkeit auch noch etliche nachfolgende Generationen in den Genuß gelangen werden, ihr Leben mithilfe dieser wunderbaren Kamera im Bilde festhalten zu können.

 

 

Marco Kröger, Juli 2017

 

Oben: Klimatest der Praktisix [Fotofalter 1/1960]

Unten: Bilder aus der Produktion der Pentacon Six [Höhne/Pohl, Deutsche Fotothek]

"Der Kampf um den Frieden wird am Arbeitsplatz entschieden"

Abschließend noch das unter Sammlern sehr gefragte Großformat-Modell der Praktina. Rare! ;-)