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Vom Vorreiter zum Hinterherläufer

 

Elektronik im Dresdner Kamerabau (1935 bis 1987)

1. Pionierarbeit

 

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre ereignete sich ein revolutionärer Schritt innerhalb der Elektrotechnik, dessen zukünftige Bedeutung damals noch nicht einmal im Ansatz abgeschätzt werden konnte. Es gelang die erste großtechnische Fabrikation der damals so genannten Trockengleichrichter auf Basis von Kupferoxydul bzw. Selen. Noch lange Zeit konnte man sich nicht genau erklären, wie diese neuartigen Bauelemente überhaupt funktionierten. Wir aber wissen heute: Mit dem Selengleichrichter begann das Zeitalter der Halbleiterelektronik – die wohl bedeutendste technische Umwälzung seit der Nutzbarmachung des Feuers durch den Menschen.

 

Durch gezielte künstliche Verunreinigung des Selens mit Fremdatomen (Dotierung) entstehen Störstellen (n- und p-leitende Elektronen), zwischen denen sich eine Sperrschicht herausbildet, die den Stromfluß in nur eine Richtung zuläßt (Gleichrichtereffekt). Bergemann konnte 1931 experimentell nachweisen, daß es offenbar zur Ausschüttung freier Ladungsträger kommt, wenn Lichtteilchen (Photonen) ausreichender Energie in diese Sperrzone eindringen (Innerer Lichtelektrischer Effekt) [Vgl. Bergemann, L: Über eine neue Selen-Sperrschichtphotozelle, Physikalische Zeitschrift Nr. 32, 1931, S. 286...288.]. Er wies richtungsweisend darauf hin, daß durch Aufbringen einer zwar leitfähigen, aber lichtdurchlässigen Elektrode auf der Oberfläche der Selenzelle diese Ladungsträger abgegriffen werden könnten, wodurch es zu einem der Lichtintensität in weiten Grenzen proportionalen Stromfluß käme (Photoelement). Bereits wenige Zeit nach dieser Veröffentlichung begann die Süddeutsche Apparate Fabrik in Nürnberg mit der Fabrikation solcher Selensperrschichtelemente nach Bergemanns Vorschlägen. Die Tatsache, daß diese neue Halbleiterindustrie von Anfang an zu den absoluten Hightech-Branchen zählte, ist daran zu erkennen, daß es mit Falkenthal & Presser (Berlin) und Weston (New York) lediglich zwei nennenswerte Konkurrenten auf diesem Gebiete gab.

Dieser Aufsatz, an dem ich fast zwei Jahre gearbeitet habe, greift einen ganz speziellen Aspekt aus der Geschichte der Dresdner Kamerabauindustrie heraus. Bereits in der Zwischenkriegszeit wurde durch Einsatz der damals neuesten elektrotechnischen Möglichkeiten versucht, den Kameranutzer ein wenig von aufnahmetechnischen Schwierigkeiten zu entlasten und ihm dadurch eine stärkere Konzentration auf motivgestalterische Gesichtspunkte zu ermöglichen. Dieser Ansatz wurde ab den 1960er Jahren wieder aufgegriffen und durch weiterentwickelte Bauelemente rasch vorangetrieben. Während der darauffolgenden zwei Jahrzehnte wandelte sich die Situation allerdings nachhaltig: Elektronische Komponenten wurden nun mehr und mehr zum alles dominierenden Faktor sowohl was die technische Weiterentwicklung der Photogeräte anbelangte, als auch die internationale Konkurrenzfähigkeit ihrer Hersteller. Dieser Aufsatz versucht in prägnanter Form herauszuarbeiten, welche Stellung der VEB Pentacon Dresden innerhalb dieses Prozesses einnehmen konnte. Eine umfangreiche Bebilderung soll dabei helfen, diese Entwicklung auch für den phototechnischen Laien verständlich zu machen.

Zwei frühe deutsche Belichtungsmesser. Nicht nur was den technischen Aufbau dieser Geräte anbelangt, betrat man Neuland, sondern auch in Fragen der Ablesung der richtigen Belichtung. Der "Ombrux" zeigte zwar die einzustellende Belichtungszeit direkt an, die galt aber nur für Blende 9 und 23° Scheiner - für andere Blenden und Empfindlichkeiten waren aufwendige Umrechnungstabellen notwendig. Beim wenige Jahre später vorgestellten "Rex" mit seinem zweiteiligen Rechenschieber mußte der Zahlenwert der Meßanzeige nur der Filmempfindlichkeit gegenübergestellt werden, und schon konnten alle Zeit-Blenden-Kombinationen bequem abgelesen werden. In einem letzten Schritt wurde die Rechenhilfe dann allgemein dreiteilig ausgeführt, damit die Filmempfindlichkeit nur einmal eingestellt werden mußte. In dieser Form wurden Handbelichtungsmesser dann jahrzehntelang hergestellt. Eine wichtige Grundvoraussetzung für die Einführung photoelektrischer Belichtungsmesser war übrigens die genormte Empfindlichkeitsbestimmung nach DIN 4512 vom Januar 1934, da die seit Ende des 19. Jhds verwendete Skala nach Scheiner mangels eines genormten Verfahrens zu völlig willkürlichen Empfindlichkeitsangaben geführt hatte.

Bereits im Jahre 1933 konnte die Firma Gossen (Erlangen) mit dem Ombrux einen gezielt für photographische Zwecke geschaffenen Handbelichtungsmesser auf den Markt bringen. Schon bald folgten verschiedenste Modelle anderer Firmen, die mit Ausnahme von Weston allesamt im Deutschen Reich produziert wurden und die mit Photoelementen ausgestattet waren, die jeweils von einem der beiden deutschen Hersteller stammten [Vgl. Nidetzky, G.: Elektrische Belichtungsmesser; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 254.]. Diese frühen Belichtungsmesser zeichneten sich durch phantasievolle Konstruktion und zum Teil haarsträubende Bedienung aus. Kein Wunder: Einheitliche Systeme von Empfindlichkeitsangaben, Zeitreihen und Blendenskalen wurden gerade erst mehr oder weniger herstellerübergreifend etabliert – und zwar gewissermaßen erzwungen durch die neuartigen photoelektrischen Belichtungsmesser.

Funktionsprinzip des Belichtungsmeßsystems der Contaflex von 1935, das auf Basis des Kompensationsverfahrens arbeitet (nach Pritschow). Hier wird die Stromabgabe des Selenelements über einen Widerstand (e) quasi "vernichtet", sodaß das Meßgerät (d) im stromlosen Zustand auf die Nullmarke (m) einspielt. Das Maß der Verstellung des veränderlichen Widerstandes korrespondiert direkt mit dem Belichtungswert.

Vor diesem Hintergrund müssen die beiden neuen Kameramodelle der Jahre 1935 und 36 der Zeiss Ikon AG Dresden beurteilt werden. Bei der Contaflex und der Contax III waren die Belichtungsmesser nicht nur erstmals ein integrativer Bestandteil des Kameragehäuses – sie ließen sich darüber hinaus auch sehr einfach und intuitiv handhaben. Grundidee war das Kompensationsprinzip, bei dem nicht der oftmals nur schwer ablesbare Skalenwert eines Meßinstruments für die Belichtung ausschlaggebend war, sondern das Einstellen eines Zeigers auf eine bestimmte, gut sichtbare Markierung. Ermöglicht wurde diese technische Meisterleistung durch ein speziell auf die Kennlinie des Selenelements abgestimmtes Schichtpotentiometer. Die Leuchtdichte des Motivs wurde gewissermaßen in einen linearen Drehwinkel des Potentiometers überführt, an den wiederum die Skalen der entsprechenden Zeit-Blenden-Kombinationen und der Filmempfindlichkeit angepaßt waren. Die Empfindlichkeit stellte man üblicherweise bereits beim Einlegen des Filmes ein. Wurde dann beispielsweise an der Kamera die Verschlußzeit vorgewählt, so konnte nach dem Einstellen des Meßwerkzeigers auf die Festmarke sofort die passende Blende abgelesen werden. Diese brauchte dann nur noch rasch auf das Objektiv übertragen werden, und schon konnte man auf den Auslöser drücken.

 

Dieser technische Stand sollte bis zum Aufkommen der ersten Blendenautomatiken um 1960 für die nächsten zwei Jahrzehnte zunächst nicht mehr überboten werden. Mit diesem ersten Schritt hatte also bereits Mitte der 30er Jahre die Elektronik in den Kamerabau Einzug gehalten und der Dresdner Standort hatte sich dahingehend frühzeitig eine Pionierrolle gesichert.

Contax III mit den beschriebenen Meßskalen unter dem Rückspulknopf.

Meßwerk der Contax III. Der rote Kreis markiert den beschriebenen Einstellindex. Darüber sind Verlängerungsfaktoren erkennbar, die den Meßumfang bei schlechten Lichtverältnissen erweitern.

2. Findungsphase

 

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war vom Wiederaufbau geprägt, bei dem unter anderem der Verlust von Fachkräften durch umso größere Leistung der Dagebliebenen gemeistert werden mußte. Hatte man vor allem im oberen Marktsegment rasch nach dem Kriege wieder Anschluß an die Vorkriegsrolle gefunden, so glitt die Dresdner Kameraindustrie in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre sukzessive in eine Krise. Der bei der Zeiss Ikon mit viel Enthusiasmus entwickelten „Spiegelcontax“ von 1949/50 folgten keine entsprechenden Weiterentwicklungen. Eine Belichtungsmeßeinrichtung wurde beispielsweise in der Art verwirklicht, daß in die Deckkappe der an sich zierlichen und gefällig anzuschauenden Kamera quasi der klobige Handbelichtungsmesser „Werralux“ integriert wurde. Auch in technischer Hinsicht war das eher ein Rückschritt gegenüber den bereits in den 30er Jahren realisierten Lösungsmöglichkeiten. Und den regelrechten Kollaps des vor dem Kriege so sprühenden Innovationspotentials bei den Ihagee Kamerawerken habe ich bereits in meinem Aufsatz „Die Evolution der Exakta im Spiegel der Patentliteratur“ beschrieben.

Nachdem im Betriebsteil Feingerätewerk Weimar des VEB Carl Zeiss JENA der Handbelichtungsmesser "Werralux" entwickelt worden war, baute man ihn in die vorhande Spiegelcontax ein und schuf damit das Modell Contax E. Als Zwischenlösung wäre das hinnehmbar gewesen, aber es blieb bei diesem Stand der Technik.

In den Bereichen hingegen, wo man innerhalb des Dresdner Photogerätebaus das Wagnis einging, durchaus neue technische Pfade zu betreten, stellte sich zunächst kein wirklicher kommerzieller Erfolg ein. Als typisches Beispiel für einen Betroffenen muß Erich Hahn genannt werden, der für die Kamera- und Kinowerke eine große Zahl von Erfindungen im Bereich der Belichtungsmessung und Belichtungsautomatik erarbeitet hatte (als Auswahl seien die DDR-Patente Nr. 21.800; 23.329; 27.226; 27.418; 27.422; 27.433; 31.631; 35.999 und 40.970 genannt). Seine Patente Nr. 21.605 vom 30. Oktober 1958 in Verknüpfung mit Nr. 27.075 vom 15. Juli 1959 können als Grundlage für die vollautomatische Belichtungsreglung der Schmalfilmkamera „Pentaka 8-I automatic“ angesehen werden, die ihrerseits leider als Abgesang auf die einstmals durch Ernemann begründete Dresdner Filmkameraproduktion angesehen werden muß.

 

Eine ähnliche Litanei an Patentanmeldungen könnte für die Kleinbild-Tubuskamera „Prakti“ aufgeführt werden. Bei dieser Kamera hat man seinerzeit versucht, aus den begrenzten technischen Möglichkeiten der Selenzelle eine Belichtungsautomatik „zu zaubern“. Daß dies nur durch weitgreifende Kompromisse in der Verknüpfung zwischen Blendeneinstellung, Verschlußzeit und Entfernung möglich war, wurde damals in der zeitgenössischen Fachpresse lebhaft und kontrovers diskutiert. Als viel problematischer stellte sich aber heraus, daß diese elektromotorisch angetriebene Kamera aufgrund unzulänglicher Komponenten leider nur unzuverlässig arbeitete. Der Export mußte abgebrochen werden [Jehmlich, Pentacon, 2009, S.100] und für den inländischen Markt war die Prakti als reine Amateurkamera mit annähernd 500 Mark viel zu überteuert. Da sich obendrein ihr Ruf als technischer Kompromiß und unzuverlässige Fehlentwicklung herumgesprochen hatte, waren die fertiggestellten Geräte offenbar nur schleppend verkäuflich, was für DDR-Verhältnisse an sich recht ungewöhnlich gewesen ist. Mit der Zentralverschlußreflekamera „Pentina“ könnte ein ähnlicher Flop genannt werden, der zwar gut gemeint gewesen, aber auf Basis einer nicht ausreichenden technologischen Reife umgesetzt worden ist. Wenn man nämlich eine Spiegelreflexkamera schon mit einer Belichtungshalbautomatik ausstattet, die sich ja schließlich dadurch auszeichnet, daß man gleich nach dem Abgleich der Belichtung auslösen kann, dann muß der dazu notwendige Meßzeiger auch im Sucherbild sichtbar sein. Ist er das nicht, dann ist das Murks; und der ist bei hochwertigen, langlebigen Konsumgütern wie Photogeräten nun einmal unverzeihlich.

Eine Abbildung aus einem der vielen Patente zur "Prakti" (Nr. DD40.258 vom 6. Juni 1963, Heinz Bachmann und Herbert Welzel). Mit dem hier gezeigten Motivregister versuchte man, eine Vollautomatik zu arrangieren, die nur unter der Zusammenlegung von Aufnahmeparametern wie Zeit, Blende und Scharfstellung zu erreichen war, welche aber nicht wirklich in der hier voraussgesetzten Strenge miteinader korrespondierten. Das hat der Kamera neben ihrer technischen Probleme damals viel und ungewöhnlich öffentlich ausgetragene Kritik eingebracht.

3. Umstrukturierung

 

Man könnte also die damalige Situation folgendermaßen zusammenfassen: Gegen Ende der 1950er Jahre gab es in Dresden und Umgebung eine hochspezialisierte Photoindustrie mit leistungsfähigen Arbeitskräften, die aber mangels marktträchtiger Neuentwicklungen Gefahr lief, ihr Potential bald nicht mehr sinnvoll auslasten zu können. Als Reaktion auf diese schwierige Situation erfolgte nun eine tiefgreifende Umstrukturierung der gesamten Dresdner Kameraindustrie mithilfe von Betriebszusammenlegungen und neuer Kompetenzverteilung. Äußeres und abschließendes Merkmal dieses Umbaus war 1964 die Umfirmierung unter dem neuen Markenzeichen PENTACON. Die wirkliche Revolution fand allerdings im Inneren statt: Die Konzentration aller Kompetenzen in einer einzigen Konstruktionsabteilung und die wirklich auf den Bedarf ausgerichtete Planung von Produktneuschöpfungen bis hin zur rationellen Produktionsüberführung. Gerade was Letzteres betrifft, betrat man neue Pfade, denn beginnend mit dem Jahr 1965 wurden Dresdner Kameras erstmals nicht mehr handwerklich-manufakturell gefertigt, sondern mithilfe rationeller Fließbandmethoden.

 

Überraschend schnell für eine planwirtschaftlich organisierte Industrie zeigten sich die Früchte dieses Umgestaltungsprozesses. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1965 konnte der VEB Pentacon Dresden mit der PRAKTICAmat eine der ersten Spiegelreflexkameras des Weltmarktes vorstellen, die mit einer Belichtungsmessung ausgestattet war, bei der die Leuchtdichte des Sucherbildes zur Ermittlung der korrekten Zeit-Blenden-Kombination herangezogen wurde. Mit dieser international als Trough The Lens (TTL) bezeichneten Methode, wurde nur dasjenige Licht zur Messung herangezogen, das wirklich am Bildaufbau beteiligt war, ganz gleich ob mit unterschiedlichen Brennweiten, mit Filtern oder mit Zwischenringen gearbeitet wurde.

PRAKTICA mat

Möglich wurde diese Entwicklung durch ein neues elektronisches Bauelement, das seit Anfang der 60er Jahre von der Industrie zur Verfügung gestellt wurde: Der Cadmiumsulfid-Photowiderstand (CdS). Dieser benötigte zwar nun eine externe Spannungsquelle, damit ein meßbarer Strom fließen konnte, dafür bot der Photowiderstand eine um mehrere Größenordnungen höher liegende Empfindlichkeit, als zuvor die Selenzelle. Letzteres war die essentielle Voraussetzung für eine praxistaugliche Umsetzung der Innenlichtmessung. Gleichzeitig konnte der Photowiderstand in wesentlich kleineren Bauformen angeboten werden. Interessanterweise machte man von dieser Eigenschaft bei der PRAKTICAmat zunächst noch keinen Gebrauch, sondern importierte von der Firma Falkenthal & Presser (Berlin-Steglitz) einen Widerstandstyp, der die Größe eines üblichen Selenelementes hatte. Über einen zweiteiligen Glaskeil unter dem Umkehrprisma konnte auf diese Weise ein definierter Anteil der Leuchtdichte des Sucherbildes auf den Großflächen-Photowiderstand gelenkt werden, sodaß selbst bei schwacher Motivausleuchtung noch eine verläßliche Belichtungsmessung möglich war. Die wesentlichen Arbeiten zur Innenlichtmessung der PRAKTICAmat (und der Pentacon Super) gehen auf Horst Strehle zurück, der sich das Grundprinzip seiner Meßanordnung am 30. Mai 1964 in der DDR unter der Nummer 41.373 hat schützen lassen. Bereits vom 13. September 1962 liegt ein Patent Nr. DD34.022 von Strehle vor, das die später verwirklichte Anordnung erkennen läßt. So früh schon hat man sich also in den Kamera- und Kinowerken mit der Innenmeßproblematik beschäftigt und nach praktikablen Umsetzungsmöglichkeiten gesucht.

Links: Prisma und Großflächen-Photowiderstand der PRAKTICAmat. Bei diesem Prinzip wurde das gesamte Sucherbild ohne nennenswerte Gewichtung ausgemessen. Das hat sich später als nicht sehr praktikabel erwiesen. Rechts die Prismenanordnung aus Strehles Patentanmeldung. Unten: Werbung in einer Westdeutschen Photozeitschrift vom Sommer 1967.

Wenige Jahre später ging man aber wieder von diesem Meßprinzip ab. Auf Basis umfangreicher statistischer Untersuchungen zur durchschnittlichen Lichtverteilung bei Photomotiven wurde ein verbessertes Innenmeßprinzip entwickelt, bei dem nur noch Licht aus bestimmten Teilen des Sucherbildes verwertet wurde. So konnten Fehlmessung beispielsweise durch Einfluß von Himmelslicht verhindert werden. Durch Einsatz eines sogenannten Lichtkonzentrators aus Kunststoff konnten nun jene üblich gewordenen Photowiderstände in Kleinbauweise Verwendung finden, wie sie zum Teil auch von der Volkseigenen Industrie bereitgestellt wurden. Mit diesen Entwicklungen konnte der VEB Pentacon Dresden in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine internationale Führungsrolle auf dem Gebiet der Belichtungsmessung für sich in Anspruch nehmen.

Der Lichtkonzentrator an der teilverspiegelten, bildaufrichtenden Prismenfläche, wie er ab der Praktica Super TL eingesetzt wurde. Mit den gut erkennbaren Ausschnitten in einer Maske, die zwischen diesen beiden Teilen eingebracht wurde, konnte die Empfindlichkeit des Belichtungsmessers gezielt auf bestimmte Bereiche des Sucherbildes positioniert werden. Durch den Lichtkonzentrator konnten zudem auch die mittlerweile üblichen miniaturisierten Photowiderstände verwendet werden.

4. Impulsgeber

 

Mit Impulsen im direkten wie im übertragenen Wortsinne konnte Pentacon Dresden im Jahre 1966 aufwarten. Die im Jahr zuvor herausgebrachte PRAKTICAmat mit ihrer halbautomatischen Belichtungsmessung ("Nachführmessung") brauchte einen Verschluß, der eine lückenlose Zeitreihe aufweisen mußte. Die Verschlußsteuerung der seit 1948 gelieferten Praktica mußte daher komplett umkonstruiert und die Kameramechanik stark verkompliziert werden.

 

Vor diesem Hintergrund arbeitete man in Dresden Mitte der 60er Jahre an einer elektronisch gesteuerten Verschlußmechanik, bei der die zeitliche Verzögerung des zweiten Verschlußvorhangs gegenüber dem ersten Vorhang (= Verschlußzeit) durch ein elektronisches Hemmwerk herbeigeführt wurde. Diese Arbeiten zerfielen im wesentlichen in zwei Teilgebiete: Einmal die Steuerelektronik an sich und zweitens die Verknüpfung dieser Steuerelektronik mit den mechanischen Komponenten des Verschlusses. Insbesondere im zweitgenannten Gebiet wurde eine gewisse Pionierarbeit geleistet.

 

Um Verschlußzeiten statt mit einem mechanischen Hemmwerk auf elektronischem Wege bilden zu können, müssen zwischen der Verschlußmechanik und der Elektronik entsprechende Schnittstellen vorhanden sein. In diesem Bereich wurden bei Pentacon umfangreiche Entwicklungsarbeiten aufgenommen. Zu nennen wäre beispielsweise das DDR-Patent Nr. 54.577 vom 12. Januar 1966, das eine von Herbert Welzel und Günter Hausmann entwickelte magnetisch betätigte Sperrklinke beschreibt, die insbesondere bei kurzen Verschlußzeiten den Streubereich verkleinern sollte. In dieselbe Richtung zielte auch eine Halteklinke, die von Siegfried Schütze und Fritz Lindner am 11. Dezember 1968 zum Patent angemeldet wurde (Nr. DD75.945). Selbst Fragen um die günstigste Ausgestaltung des Haltemagneten wurden untersucht (DDR-Patent Nr. 58.142 vom 24. August 1966, Hubertus Reimann, Siegfried Schütze).

 

Aber auch im zweiten Bereich der elektronischen Ansteuerschaltungen konnte man patentfähige Lösungen vorweisen. Das ist insofern bemerkenswert, als daß der Einsatz von Halbleiterbauelementen in Handkameras Mitte der 60er Jahre noch absolutes Neuland darstellte. Immerhin muß Kameratechnik jeglicher Witterung standhalten können. Große Schwankungen in Luftfeuchtigkeit und insbesondere Temperatur müssen verkraftet werden. Weil aber Halbleiterbauelemente stark zu temperaturabhängigen Drifterscheinungen neigen, mußte dem mit einer speziellen Schaltungsauslegung entgegengewirkt werden. Am 23. Juli 1964 haben Hubertus Reimann, Siegfried Müller und Fritz Lindner ein „Elektronisches Hemmwerk zur Belichtungszeitsteuerung für photographische Geräte“ zum Patent angemeldet (Nr. DD44.166), das die oben genannten Schwierigkeiten auf dem Stand der damaligen Technik gelöst hat. Weil zu jener Zeit noch keine temperaturstabilen Schaltkreise mit Schwellwertcharakteristik zur Verfügung standen, wurde der Schwingungseinsatz eines Oszillators als Abschaltkriterium für die Belichtungssteuerung hergenommen. Jener war nicht nur ausreichend temperaturstabil, sondern gestattete auch Belichtungszeiten zwischen einer Millisekunde und etwa 100 Sekunden zu überstreichen. Zudem war die Schaltung so ausgelegt, daß sie nicht nur fest abgestufte, sondern auch lichtabhängig gesteuerten Verschlußzeiten steuern konnte. Ersteres Prinzip wurde in der Praktica electronic angewandt, das zweite in der Amateurkamera Pentacon electra.

Praktica electronic

PRAKTICA electronic

PENTACON electra 2

Pentacon electra

Links der prinzipielle Aufbau der oszillatorgesteuerten Zeitschaltung aus dem Patent Nr. 44.166. Rechts die tatsächlich in der PENTACON electra verwirklichte Schaltung einer einfach aufgebauten Zeitautomatik.

Für die Praktica electronic kam die einfache Zeitautomatik der Pentacon electra aus verschiedenen Gründen nicht infrage, sodaß hier nur das Ansteuern eines außergewöhnlich großen Zeitbereichs von 1/500 bis 30 Sekunden verwirklicht werden brauchte. Dazu wurde ein RC-Glied benutzt, dessen Kapazität mit Hilfe eines Metallpapierkondensators von 100 Nanofarad festlag und dem zum Einstellen der Belichtungszeit jeweils einer von 15 Festwiderständen zugeschaltet werden konnte. Dieses RC-Glied lag im Basiskreis eines Oszillatortransistors und verhinderte bis zum Ende der Belichtungszeit das Anschwingen dieses Oszillators. Nach Ablauf dieser Verzögerungszeit setzte diese Schwingung aber ein, die dann ein im Kollektorkreis liegender Übertrager über seine Sekundärwicklung an einen Schaltransistor weitergab, der schließlich den Haltemagneten des Verschlusses ansteuerte.

Die einfache Zeitsteuerschaltung der PRAKTICA electronic.

Da für den Oszillator wegen der nötigen Reststromarmut nur ein hochwertiger Siliziumtransistor infrage kam, Mitte der 60er Jahre in der DDR aber nur Germaniumtypen produziert wurden, mußte aus der Bundesrepublik der npn-Transistor BFY 39 von Intermetall/SEL importiert werden. Als Leistungstransistor für den Verschlußmagnet kam ein Germaniumtyp GC 112 aus DDR-Produktion zum Einsatz. Mit dieser einfachen Schaltung konnten also Verschlußzeiten über ganze fünf Größenordnungen hinweg mit guter Stabilität angesteuert werden. Dabei waren all diese Belichtungszeiten an nur einem einzigen Wahlrad einstellbar. Letztere Eigenschaft wären mit rein mechanischen Triebmitteln niemals erreichbar gewesen.

 

Diese Entwicklungen legen Zeugnis für eine erstaunliche Innovationskraft des Dresdner Kamerabaus während der 1960er Jahre ab. Bedenkt man, aus welcher Ausgangslage heraus die zusammengelegten Kamera- und Kinowerke im Jahre 1959 gestartet waren, so kann man von echten Erfolgen sprechen. Offenbar war es der Entwicklungsabteilung gelungen, frische, innovationsfreudige Wissenschaftler zu rekrutieren, die auch nicht davor zurückscheuten, neueste technische Entwicklungspfade in den ziemlich konservativen Kamerabau einzubeziehen. Die Praktica electronic war die erste Kamera in dieser Klasse, die mit einem elektronisch gesteuerten Verschluß aufwarten konnte. Zehn Jahre später war dieses Konzept der elektromagnetischen Ansteuerung der Verschlußvorhänge die Standardtechnologie geworden. Zu diesem Zeitpunkt wäre aber keiner der Hersteller mehr auf die Idee gekommen, seine Kamera mithilfe zweier diskreter Einzeltransistoren zu steuern. Vielmehr begann Mitte der 70er Jahre die Mikroelektronik immer mehr vom Kamerabau Besitz zu ergreifen, und es dürfte kein Geheimnis sein, daß die DDR in diesem Bereich große Schwierigkeiten hatte, mitzuhalten. Davon werden die nächsten Kapitel Auskunft geben.

 

Aber zuvor verdient die Praktica electronic ihre Würdigung als echter Meilenstein des Kamerabaus. Mit diesem Gerät wurden Mitte der 60er Jahre technologische Pfade beschritten, bei denen man noch in keinerlei Fußstapfen treten konnte. Das sieht man dieser Kamera, die im Kleid der damaligen Nova-Generation daherkommt, nur nicht auf den ersten Blick an. Auch hatte man vielleicht, als sie damals auf der Leipziger Herbstmesse 1966 vorgestellt wurde, noch nicht in allen Kreisen den Wert dieser neuen Kamerabauart in Gänze begriffen. Vielleicht hatten dies noch nicht einmal die Verantwortlichen bei Pentacon begriffen. Denn in Produktion ging sie jedenfalls erst anderthalb Jahre später und kam insgesamt nur auf geringe Stückzahlen. Sie gehört daher heute zu den wenigen gesuchten Sammlermodellen aus dieser Ära.

 

Ein gewichtiger Grund dafür, wieso nur geringe Stückzahlen produziert wurden, mag also darin gelegen haben, daß die Zeit noch nicht reif für eine solche Neuerung gewesen ist. Die Electronik bot im Vergleich zu den gewissen herstellungsbedingten Herausforderungen, wie dem neuartigen elektrischen Abgleich der Kamera, offenbar zu wenig unmittelbare Vorteile sowohl für den Kamerabauer, als auch für den Kunden. Aber perspektivisch gesehen war dieser Schritt die Grundlage für die kommende Automatisierung in der Kameratechnik – auch wenn für Pentacon ganze 10 Jahre planwirtschaftlicher Entwicklungsarbeit ins Land gehen mußten, bis daraus der erste hauseigene Zeitautomat hervorgehen konnte.

 

 

 

5. Die Kunst des Machbaren

 

Vorerst jedoch behielt im Kamerabau die feinmechanische Komponente die Oberhand. Der Typ der Einäugigen Spiegelreflexkamera entwickelte sich spätestens seit den 1960er Jahren international zum Standardgerät. Die Kleinbildreflex wurde zum dominierenden Arbeitsgerät der Berufsphotographen und der anspruchsvollen Amateure. Die Modelle verschiedener Hersteller wiesen in Detailbereichen Unterschiede auf, aber von wenigen Ausnahmen abgesehen folgte die grundlegende Konstruktion einem etablierten Schema. Die Hersteller versuchten nun, durch bestimmte Details ihre Modelle am Markt hervorstechen zu lassen. Gleichzeitig mußte dem zunehmenden Preisdruck mit einer rationellen Fertigung entgegengetreten werden.

 

Der VEB Pentacon Dresden meisterte beide Herausforderungen, indem er 1969 die bisherige Grundbauform der Praktica, die auf die späten 30er Jahre zurückging, verließ und die Praktica L-Reihe vorstellte. Äußerlich durch eine moderne, kantige Form gekennzeichnet, überzeugten die Modelle die Fachwelt auch durch ihre technische Leistungsfähigkeit. Die Kameras besaßen einen im eigenen Hause entwickelten Schlitzverschluß, dessen Vorhänge nicht mehr aus gummiertem Tuch, sondern aus dünnen Stahllamellen aufgebaut waren. Fast ein halbes Jahrhundert später kann man konstatieren, daß sich dieser Verschluß als sehr langlebig und langzeitstabil erwiesen hat. Immerhin wurde er 20 Jahre lang praktisch unverändert verbaut. Zweitens zeichnete sich diese Praktica L-Reihe durch eine hervorragende modulare Konstruktion aus, deren Komponenten zum Teil durch Automaten hergestellt und anschließend rasch am Fließband zusammengesetzt werden konnten. Nur in solchen Details, die die jeweilige zusätzliche Komfortausstattung kennzeichneten, wichen die fertigen Kameras voneinander ab – die Grundkomponenten waren hingegen stets dieselben.

 

Und was ist mit Elektronik? Das Spitzenmodell der L-Reihe – die Praktica LLC – besaß wenigstens eine neuartige Innenlichtmessung, bei der das Wechselobjektiv die zu erwartende Blendenöffnung auf elektrischem Wege an das Kameragehäuse übermittelte. Diese auf vergleichsweise simplem Wege realisierte Offenblendenmessung, die mit Elektronik im eigentlichen Sinne nichts zu tun hat, war immerhin der erste Schritt zur einer nichtmechanischen Interaktion zwischen Objektiv und Kamera. Die Firma Canon hatte später diesen Ansatz zur Perfektion gebracht, als sie mit ihrem EF-Bajonett jegliche mechanische Verbindung zwischen ihren Spiegelreflexkameras und den Wechselobjektiven durch rein elektrisch/elektronische Kommunikation ersetzte. Das war dann aber fast 20 Jahre später und erfolgte auch auf einem anderen technischen Niveau. Denn für digitale Signalübertragungen war selbst in Japan des Jahres 1969 die Zeit noch nicht reif.

Praktica LLC

PRAKTICA LLC

Zumindest was analoge Schaltungstechnik betraf, konnte man in Dresden erste bescheidene Fortschritte realisieren. Am 26. September 1969 hatte sich Siegfried Schütze eine elektronische Meßschaltung patentieren lassen [DD79.385], mit der das seit Anfang der 30er Jahre gebräuchliche Drehspulmeßwerk mit seinen mechanisch sehr empfindlichen Bauteilen durch eine erschütterungsresistente Elektronik ersetzt werden konnte. Der Belichtungsabgleich erfolgte bei dieser Schaltung dadurch, daß die veränderliche Helligkeit eines Leuchtfeldes an die konstante Helligkeit eines zweiten Leuchtfeldes angepaßt wurde. Eine der Ideen des Patentes lag darin, daß die Temperaturempfindlichkeit des Eingangstransistors dadurch eliminiert wurde, daß im gegenüberliegenden Zweig der Meßbrücke eine Diode mit demselben Temperaturgang eingebracht lag. Da die Meßbrücke eine von der Betriebsspannung des Meßverstärkers unabhängige Betriebsspannung benötigt, wurde diese durch einen kleinen Transverter erzeugt.

Practica LTL2

PRAKTICA LTL2

Die Elektronik der PRAKTICA LTL2. Links ist die Leiterplatte der Brückenspannungserzeugung zu sehen, rechts daneben die des Meßverstärkers. Im Vordergund liegen die Miniaturglühlämpchen für die Leuchtfelder.

 

Der Schaltplan links stammt aus dem Patent 79.358.

Diese einfache Schaltung aus zwei Silizium- und einem Germaniumtransistor wurde im Prinzip wie im Patent beschrieben in die Praktica LTL2 eingebaut; allerdings erst ab August 1975! Zu diesem Zeitpunkt war diese Technologie mit ihren Miniaturglühlämpchen und dem diskreten Aufbau aus Einzeltransistoren bereits vollständig überholt. Die japanische Kameraindustrie hatte zwischenzeitlich diverse elektronisch gesteuerte Kameras am Markt; Canon führte 1976 mit ihrer AE-1 sogar die digitale Steuerung der Kamerafunktionen per Mikroprozessor ein. Vor diesem Hintergrund waren Mitte der 70er Jahre bereits zwei Punkte abzusehen:

 

1. Im internationalen Trend zeichnete sich ab, daß der Kamerabau in Zukunft von mikroelektronischen Entwicklungen geprägt sein wird.

 

2. Der Kamerabau der Deutschen Demokratischen Republik war bereits zu Beginn dieses Umbruchs in einen eklatanten Rückstand geraten.

 

 

 

 

6. Nichtmachbare Kunst

 

Dabei strotzten die Dresdner Entwicklungsingenieure um 1970 geradezu vor Erfindungsdrang. So wie einstmals Ernst Abbe Mikroskopobjektive aus optischen Gläsern errechnet hatte, die es vorerst nur in seiner Phantasie gab, so erdachten sich die Dresdner Entwickler in jener Zeit Lösungsansätze für moderne Kamerasysteme, die erst viele Jahre später verwirklicht werden konnten. Zwei dieser Entwicklungsperspektiven aus Dresden sollen hier kurz angerissen werden.

 

Dazu muß man sich zuvor noch einmal die drei Bereiche vor Augen führen, in denen Pentacon um 1970 Grundlagenentwicklungen abgeschlossen und fabrikatorisch umgesetzt hatte: Erstens war die Dresdner Kameraindustrie einer der Pioniere der Innenmeßtechnologie und konnte in diesem Feld sowohl auf Erfahrungswissen, als auch auf wissenschaftliche Grundlagenforschung zurückgreifen. Zweitens hatte man mit der Praktica electronic bereits gezeigt, daß Verschlußzeiten durch elektromagnetische Einrichtungen gesteuert werden können. Drittens hatte die Blendenelektrik der Praktica LLC die Voraussetzung dafür geschaffen, der Steuerelektronik schon vorher mitzuteilen, welche Blendenöffnung nach der Auslösung zu erwarten sein wird. Genau diese drei Technologien sind die Grundvoraussetzungen zur Verwirklichung einer Zeitautomatik: In Abhängigkeit von der jeweiligen „Motivhelligkeit“, der Filmempfindlichkeit und des voreingestellten Blendenwertes bildet die Kamera auf elektronischem Wege die richtige Belichtungszeit für die Aufnahme.

 

Dabei ergibt sich für Spiegelreflexkameras aber folgendes grundsätzliches Problem: Für die Belichtungsmessung wird die Leuchtdichte des Sucherbildes herangezogen, und zwar bei fast allen Reflexkameras des Marktes und unabhängig davon, wo genau der Lichtempfänger im einzelnen plaziert ist. Einäugige Spiegelreflexkameras zeichnen sich aber nun gerade dadurch aus, daß kurz nach der Auslösung der Spiegel nach oben klappt und damit das Sucherbild nicht mehr verfügbar ist. Damit geht allerdings, noch bevor sich der Verschluß öffnen und sich die Verschlußzeit bilden kann, das Licht für die Belichtungsmessung verloren. Dieser lichttechnische Meßwert muß also in irgendeiner Form solange gespeichert werden, bis am Ende der Belichtung der zweite Verschlußvorhang freigegeben und die Belichtung beendet wird. Diese technische Klippe hat den Herstellern durchaus einiges an Sorgen bereitet. Bis zur Mitte der 70er Jahre haben Kamerahersteller, die sich zum Bau einer Spiegelreflexkamera mit Belichtungsautomatik entschlossen hatten, lediglich den Ausschlag eines Meßzeigers abgetastet und diesen Wert mithilfe filigraner mechanischer Lösungen an die Zeitbildungselektronik weitergegeben, weil rein elektronische Lösungen entweder noch nicht möglich waren oder noch nicht beherrscht wurden.

 

Speziell vor diesem Hintergrund sind zwei beachtliche Schutzrechte erwähnenswert, die sich die Kamera- und Kinowerke im Jahre 1968 gesichert haben. Das erstere wurde von Walter Hennig und Heinz Schulze unter dem Titel „Photographische Kamera mit Belichtungssteuervorrichtung“ am 5. März 1968 beim Patentamt der DDR angemeldet (Nr. DD71688). In diesem Patent steckt wieder einmal mehr, als der Titel oder die formulierten Patentansprüche auf den ersten Blick erkennen lassen. Kurz zusammengefaßt wird in diesem Schriftstück ein in die Kamera integrierter, trägheitsloser Lichtempfänger beschrieben, der wechselweise die Lichtstärke oder die Lichtmenge zu vermessen vermag. Mit Lichtstärkemesser ist die übliche, damals bereits bekannte Innenlichtmessung gemeint, mit der man die nötige Kombination von Zeit und Blende findet. Die Funktion der besagten Lichtmengenmessung geht aber weit über dieses Niveau hinaus, denn wie die Bezeichnung schon verrät wird hier die Lichtmenge erfaßt, die während der Belichtung auf den Empfänger und damit auch auf die photographische Schicht gefallen ist. Die ursprüngliche Zielrichtung des Patentes bezieht sich dabei auf die Steuerung eines Elektronenblitzgerätes. Aber es wird auch ganz elegant auf eine „Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten für Meß- bzw. Steuerfunktionen vor und während des Belichtungsvorganges“ hingewiesen. Der Hintergrund ist schnell erklärt: Wenn man in einer Kamera einen Sensor integriert hat, der bei Erreichen einer bestimmten Lichtmenge ein Elektronenblitzgerät abschaltet, dann kann derselbe Sensor als Bestandteil einer Zeitautomatik auch den Verschluß schließen. Das Grundprinzip ist dasselbe. Weil auf Basis dieser Grundidee nicht nur vor, sondern auch während der Belichtung gemessen werden kann, fällt jegliche Notwendigkeit einer Speicherung des Belichtungswertes weg.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Patent Nr. 1.797.079, das die „Elbe Kamera GmbH“ – eine Vertretung der Volkseigenen Photoindustrie in der Bundesrepublik – am 12. August 1968 in München angemeldet hatte. Als Urheber wird Kurt Langnau angegeben. Hier wird ein sogenanntes Computerblitzgerät beschrieben, das über einen eigenen Sensor in Form des oben beschriebenen Lichtmengenzählers das Blitzlicht bei ausreichender Belichtung abschaltet. Zusätzlich wird vorgeschlagen, einen weiteren Sensor innerhalb der Kamera im Aufnahmestrahlengang anzuordnen, der dann beim Verbinden des Blitzgerätes mit der Kamera die Steuerung des Blitzlichtes übernimmt. Dabei ist aus der Patentzeichnung ersichtlich, daß das den Film (10) belichtende Blitzlicht (und Dauerlicht) über einen halbdurchlässigen Spiegel (9) einer in der Kamera integrierten Meßzelle (11) zugeführt wird. Diese beiden Punkte – das Umschalten des Blitzgerätes auf Innenmessung beim Verbinden des Blitzgerätes mit der Kamera sowie die autodynamische Innenmessung von Blitz und Dauerlicht während der gleichzeitig stattfindenden Belichtung des Filmes – müssen in der Japanischen Photoindustrie auf höchstes Interesse gestoßen sein. Als nämlich das Bundesdeutsche Patent Nr. 1.797.079 am 2. Dezember 1976 bekannt gemacht wurde, war es noch im Besitz der besagten Elbe Kamera GmbH. Bei Veröffentlichung (= Erteilung) des Patentes am 14. Mai 1981 wird aber die Olympus Optical Company, Tokyo als Inhaber genannt. Diese Firma hatte im Jahr zuvor mit der „OM-2“ eine Kleinbildspiegelreflexkamera herausgebracht, deren Belichtungsautomatik nach genau dieser oben beschriebenen Methode des Lichtmengenzählers arbeitete. Bei der Zeitautomatik wurde während des Belichtungsvorganges die tatsächlich auf dem Film auftreffende Lichtmenge gemessen und bei Erreichen des Sollwertes der Verschluß geschlossen. Dazu wurde das von der Filmoberfläche diffus zurückgestrahlte Licht gemessen. Auf die gleiche Weise wurde bei dieser Kamera auch das auf dem Film auftreffende Blitzlicht registriert und bei ausreichender Belichtung des Filmes die Blitzröhre abgeschaltet. Da die Olympus OM-2 ein Jahr vor Bekanntmachung des Pentacon-Patentes auf den Markt gebracht wurde, gehe ich davon aus, daß die Olympus Company gezwungen war, nachträglich die ostdeutschen Patente zu erwerben. Angesichts des immensen elektronischen Aufwandes für solch ein Meßsystem war an eine Verwertung der Patente durch Pentacon selbst offenbar nicht zu denken.

Neben der Technologie der Blitzinnenmessung muß noch ein zweiter Bereich genannt werden, für den der VEB Pentacon Dresden um 1970 herum die nötigen Grundlagen geschaffen hat und der später noch große Bedeutung erlangen sollte. Vom 17. Juni 1970 existiert nämlich eine Patentanmeldung der Herren Gottfried König und Peter Schornstädt, die ein „Verfahren zur kontrastabhängigen Scharfstellung optischer Systeme in photographischen Kameras“ entwickelt hatten [DDR-Patent Nr. 83.063]. Es handelt sich bei diesem Patent um eine detaillierte Beschreibung eines passiven Autofokussystems für eine Spiegelreflexkamera nach dem Prinzip der Kontrastmessung. Wichtiger als das eigentliche Meßprinzip, das hier beschrieben wird, scheint mir die Darstellung, wo der Meßempfänger innerhalb der Kamera angeordnet ist und wie ihm der nötige Anteil des Lichtes aus dem Strahlengang des Objektives zugeführt wird. Denn es handelt sich um einen TTL-Autofokus. Die benötigte Lichtmenge wird unterhalb des halbdurchlässig ausgeführten Klappspiegels ausgekoppelt und einem zusätzlichen Hilfsspiegel zugeführt, der das Licht in den Bodenraum der Kamera lenkt, wo der Empfänger sitzt. Nach dieser Anordnung arbeiteten praktisch alle AF-Systeme von SLR-Kameras, die seit Mitte der 80er bekannt geworden sind.

Richtig durchgesetzt haben sich Autofokus-Reflexkameras erst nach etwa 1990, nachdem Mikrorechner mit der notwendigen Verarbeitungsgeschwindigkeit zur Verfügung standen. Es hat sich nämlich erwiesen, daß die hier im Patent 83.063 beschriebene analoge Signalverarbeitung, bei der das „innerhalb der Meßfläche erzeugte Signalspektrum in gegengekoppelten Verstärkerstufen mittels frequenzabhängiger Gegenkopplungsnetzwerke selektiv konstant gehalten wird“, längst noch keine ausreichende Grundlage für praktikable Autofokussysteme bieten konnte. Auch dafür war 1970 die Zeit noch nicht reif.

 

 

 

7. Aufholversuche

 

Wie in den bisherigen Abschnitten bereits angedeutet wurde, war die tatsächliche Umsetzung solcher weitsichtigen Grundlagenentwicklungen mit den mikroelektronischen Möglichkeiten der DDR oder des RGW nur schwer umsetzbar. Mitte der 70er Jahre galt es in Dresden erst einmal, den Entwicklungsrückstand innerhalb elektronisch gesteuerter Verschlüsse wieder aufzuholen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, mußte endlich eine Spiegelreflexkamera mit Belichtungsvollautomatik auf den Markt gebracht werden. Ein grundlegendes Problem, das es zu lösen galt, habe ich bereits weiter oben angesprochen: Klappt der Spiegel hoch, dann geht sofort der Wert der Belichtungsmessung verloren. Der ist aber die Basis für die elektronische Bildung der Belichtungszeit. Im Angesicht dieses Grundproblems hatte Hubertus Reimann ein Verfahren entwickelt, wie dieser Belichtungswert vor Auslösung der Kamera elektronisch gespeichert werden könnte [DDR-Patent Nr. 66.787 vom 19. Januar 1968]. Sein Lösungsansatz beruhte darauf, daß die drei Belichtungsfaktoren „Motivhelligkeit“, Blendenöffnung und Filmempfindlichkeit jeweils in eine elektrische Größe umgewandelt und zusammengefaßt wurden. Mit der daraus hervorgegangenen Spannung sollte eine Glühlampe gespeist werden, die wiederum einen Photowiderstand beleuchtete. Dieser Photowiderstand stellte die veränderliche Größe eines RC-Gliedes dar, das seinerseits Bestandteil eines üblichen astabilen Multivibrators war, der letztlich die Verschlußzeit steuerte. Die gesamten für die richtige Belichtung des Filmes nötigen Werte lagen also in der „Helligkeit“ dieser Glühlampe codiert vor. Diese wurde wiederum von einem weiteren Photowiderstand erfaßt und in elektrischer Form einem Verstärker zugeführt, der die Glühlampe mit derselben Helligkeit weiterleuchten ließ, nachdem der Verschluß der Kamera ausgelöst worden war.

Praktica EE2

PRAKTICA EE2

Diese optisch-elektronische Rückkopplung ist das Grundkonzept der Praktica EE2, die der VEB Pentacon Dresden im Jahre 1977 – also fast ein Jahrzehnt später – herausbrachte. Dem Stand der Technik gemäß wurden allerdings keine Glühlampen, sondern mittlerweile Lichtemitterdioden eingesetzt. Die beiden Photowiderstände und Lumineszenzdioden wurden in einer Art Optokoppler „WK 650 73“ zusammengefaßt. Der Widerstandswert des einen CdS-Photowiderstandes wurde einem Schwellwertschaltkreis A902 zugeführt, der in seiner Funktion als Multivibrator die eigentliche Belichtungszeit bildete und den Verschlußmagneten ansteuerte. Dieser Schaltkreis und ein Transistorarray A910 wurden dabei exklusiv von der DDR-Halbleiterindustrie für die Praktica EE2 geschaffen. Für den Regelkreis kam der integrierte Differenzverstärker MB125 von Tesla (CSSR) zum Einsatz. Auch die Photowiderstände wurden von Tesla gezielt für diesen Anwendungsfall entwickelt und mußten ganz spezifische Charakteristiken aufweisen, um sowohl die logarithmisch ansteigenden Signale zu linearisieren als auch den entsprechenden Meßumfang von über 90dB verarbeiten zu können [Vgl. Schütze, Siegfried: Praktica EE2 – Spiegelreflexkamera mit elektronischer Belichtungssteuerung, in: radio fernsehen elektronik, Heft 26, 1977, S. 491ff.].

Die Elektronik der PRAKTICA EE2. Gut zu erkennen die über die gesamte Kamerafront reichende starre Leiterplatte und die in klassischer Verdrahtung ausgeführte Verbindung der Baugruppen. Oben ist der Optokoppler WK650 gezeigt. Vorn in der Mitte eine der beiden LEDs, oben links und rechts die zwei Fotowiderstände unterschiedlicher Steilheit.

Die Elektronik der Praktica EE2 mußte Pentacon selbst entwickeln, eine zumindest denkbare Zusammenarbeit mit der TU Dresden gab es offenbar nicht. Hierbei zeigte sich das Problem, daß mittlerweile Konkurrenzfirmen umfassende Patente im Bereich der elektronischen Verschlußzeitsteuerungen innehatten. Pentacon mußte diese Schutzrechte mit eigenen Lösungsansätzen umgehen, was aus heutiger Sicht zu einer ziemlich umständlichen Konstruktion führte. Zwar wurden mit viel Aufwand genau zugeschnittene elektrisch-elektronische Bauteile geschaffen, die waren aber zum Teil unzulänglich konstruiert. So mußte wiederum mit einzelnen Dioden und Heißleiterwiderständen der Temperaturgang der Elektronikkomponenten kompensiert werden, was stets unnötige Fehleranfälligkeit nach sich zieht, den Montage- und Abgleichaufwand erhöht und außerdem sehr viel Platz innerhalb der Kamera beansprucht. Generell sorgten all diese Schaltkreise auf einem niedrigen Integrationsgrad für ein großes Platzproblem und lagen in dieser wie in technischer Hinsicht nicht auf dem Niveau der Konkurrenz. Was die Auslegung von Elektronikkomponenten anbetraf, lagen offenbar noch nicht ausreichend Erfahrungen vor. Der Schwellwertschaltkreis A902 wurde beispielsweise später durch den Hersteller komplett überarbeitet und die Abhängigkeit dieses Bauelements von Schwankungen der Temperatur und Speisespannung so stark reduziert, daß der neue A302 genannte Typ nun in Hinblick auf seine Parameter vergleichbare Bauelemente des Weltmarktes übertraf [Vgl. Halbleiterwerk Frankfurt/Oder: Information Applikation 9, 10/1982, S. 23.]. Der A302 wurde später in der "Beirette electronic" als Steuerschaltkreis für deren Zeitautomatik verwendet.

Links der Schaltkreis A902: Das Herzstück der zeitabhängigen Ansteuerung des Verschlußmagneten. Daneben ein Ausschnitt aus der Leiterplatte der Praktica EE2. Der Differenzverstärker-Schaltkreis beeinaltet in seinem großvolumigen Metallgehäuse lediglich drei Transistoren! Die Temperaturkompensation mittels Heißleiter (über dem A910) und die Spannungsstabilisierung mittels LED war notwendig, weil in der DDR keine spannungs- und temperaturstabilen Operationsverstärker für den Einsatz mit niedrigen Betriebspannungen gefertigt wurden.

 

Unten, um einmal einen Vergleich zum damaligen Stand der Technik zu liefern, das Elektroniksystem der Pentax ME aus dem Jahre 1976. Dieser auf extreme Kompaktheit getrimmte Zeitautomat wurde durch einen einzigen Schaltkreis gesteuert, der die Signalverarbeitung, die Endstufe für den Verschlußmagneten und die Ansteuerelektronik für die LED-Belichtungszeitanzeige im Sucher übernahm (Hersteller: OKI, Tokio). Alle Komponenten waren auf einer kleinen flexiblen Leiterplatte in Oberflächenbauweise aufgelötet.

Die Bewertung der Praktica EE2, die seinerzeit als "Praktica-Computer" beworben wurde, fällt also gemischt aus. Gegenüber der tatsächlich computergesteuerten Canon AE-1, die im Jahr zuvor vorgestellt worden war, lag die EE2 mehrere Jahre in der Entwicklungsarbeit zurück. Andererseits konnten hier die Vorzeigeindustrien der DDR immerhin einmal unter Beweis stellen, daß prinzipiell auch unter planwirtschaftlichen Bedingungen eine branchenübergreifende Zusammenarbeit zwischen zwei Hochtechnologiebereichen möglich war. Außerdem: Wie viele Länder der Welt waren Mitte der 1970er Jahre schon in der Lage, Integrierte Schaltkreise zu entwickeln. Wohl lag die DDR zwar in diesem Gebiet weit hinter den USA und Japan zurück, aber wenigstens waren seit Anfang der 70er Jahre in der DDR Halbleiter auf Siliziumbasis zur Standardtechnologie geworden und es wurden erste nachgebaute oder selbstentwickelte Integrierte Schaltkreise gefertigt. Zudem sorgte die seit dem Ende der 60er Jahre bestehende Kooperation und Aufgabenteilung mit der mikroelektronischen Industrie sozialistischer Bruderstaaten für einen gewissen Aufholungsprozeß, hatte aber je nach politischer Lage bald fördernde, bald hemmende Wirkung [Vgl. dazu: Barkleit, Gerhard: Mikroelektronik in der DDR, Dresden, 2000].

Die Praktica EE2 war trotz der aus heutiger Sicht primitiv anmutenden Elektronik dennoch ein kleiner Fortschritt und ein gewisser Kulminationspunkt: Die beiden mehr als 10 Jahre zurückreichenden, revolutionären Entwicklungen des VEB Pentacon Dresden, nämlich die elektromagnetische Verschlußsteuerung und elektrische Blendenwertübertragung, fanden in der Zeitautomatik der EE2 nun endlich ihre sinnvolle Zusammenführung. Dazu wurden als Pionierleistung im Bereich der Konsumgüterproduktion der DDR durch Kooperation mit der noch jungen mikroelektronischen Industrie erstmals speziell auf ihre Anwendung zugeschnittene Schaltkreise entwickelt. Man darf auch nicht außer acht lassen, daß zu jenem Zeitpunkt die westdeutsche Kameraindustrie bereits fast vollständig eingegangen war, obwohl man dort problemlosen Zugang zu mikroelektronischen Bauteilen hatte. Aber Kostendruck und vor allem verfehlte Modellpolitik führten dort zur Katastrophe. In dieser Hinsicht hatte man in Dresden 1969 durchaus die richtigen Weichen gestellt. Und von außen betrachtet war die Praktica EE2 als robuster Zeitautomat bei ihrem Erscheinen durchaus noch auf internationalem Niveau; sie war in etwa vergleichbar mit der Minolta XE-1 (die auch als Leica R3 vermarktet wurde). Nichtsdestoweniger brachte die Praktica EE2 im Jahre 1977 folgende eklatante Rückstände zutage:

 

 

1. Die Kamera war zu voluminös ausgefallen. Andere Hersteller hatten in diesem Marktsegment bereits wesentlich kompaktere Kameras im Angebot oder arbeiteten an deren Konstruktion.

 

2. Die Kamera war deshalb so groß, weil sie keine Neuentwicklung war, sondern nur zusätzliche Technik in die mittlerweile veraltete Praktica L-Reihe integriert wurde.

 

3. Die Kamera war ferner so groß, weil niedrigintegrierte Schaltkreise in veralteter Dual-In-Line- oder Transistorbauform verwendet wurden. Der vergleichsweise niedrige Funktionsumfang, den die EE2 bot, wurde von anderen Herstellern mit nur einem Schaltkreis realisiert, der zudem noch in kompakter Oberflächenbauweise realisiert wurde (SMD-Technologie)

 

4. Die Elektronikkomponenten waren bei der EE2 in gedruckter Schaltung auf einer starren Leiterplatte aufgelötet; das war Technologie der 1960er Jahre. Die Bereitstellung von flexiblen Leiterplattenmaterialien sollte sich als einer der größten Problempunkte des Dresdner Kamerbaus in den nächsten 10 Jahren erweisen.

 

5. Die EE2 hielt am M42-Gewindeanschluß fest. Das war Technologie der unmittelbaren Nachkriegszeit und quasi seit dem Erfolg japanischer Spiegelreflexkameras nach 1960 nicht mehr zeitgemäß. Als sogar Pentax 1976 zum neuen K-Bajonett überwechselte, war endgültig klar, daß Pentacon keine Kameras im gehobenen Amateursektor mehr zu entwickeln brauche, wenn man nicht schleunigst einen Bajonettanschluß einführe.

 

 

Dabei war die in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre nunmehr offen zutagetretende Rückständigkeit der DDR-Industrie im Bereich der Halbleiterelektronik freilich nicht bloß auf den Photobereich beschränkt. Beinah mit Hektik reagierte daher die politische Führung auf diesen Engpaß, indem sie nach einem ZK-Beschluß vom Sommer 1977 eilig ein Hochtechnologieprogramm ankurbelte, in dessen Folge das Kombinat Mikroelektronik Erfurt gegründet wurde. Trotz dieses neuen Kompetenzzentrums besserte sich die Lage im Bereich Schaltkreisentwicklung nur schleppend. Im Anblick dieser Faktenlage dürfte den Pentacon-Fachleuten um 1978 klargeworden sein, daß sie ohne Kooperation mit mikroelektronischen Unternehmen aus dem „Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ (NSW) kaum noch eine Chance hätten, den Anschluß an den technischen Stand im internationalen Kamerabau zu erreichen. Der nun aufkommende Zeitdruck offenbarte darüber hinaus, daß man sich seit Einführung der L-Reihe im Jahre 1969 zu sehr auf deren Markterfolg ausgeruht und die Zeit nicht für die konsequente Weiterentwicklung genutzt hatte. Denn nicht nur im Bereich der Elektronik zeichneten sich mittlerweile neue Trends ab.

 

 

 

8. Fremdhilfe

 

Man kann heute nur vermuten, daß die Entwicklungsingenieure des VEB Pentacon Dresden den politischen Funktionären damals die oben erwähnten Karten offen auf den Tisch gelegt hatten. Und diese Karten scheinen so eindeutig gewesen zu sein, daß die Verantwortlichen nicht nur bereit waren, die Investitionsmittel für eine komplett neuentwickelte Praktica-Generation freizugegeben, sondern auch die in der DDR stets knappen Devisen für eine zeitgemäße Kameraelektronik bereitzustellen. Mit diesem Zugeständnis konnten die Pentacon-Konstrukteure den problematischsten Teil der Entwicklungsarbeit zur geplanten neuen Spiegelreflexkamerageneration dem japanischen Elektronikkonzern Nippon Electric Company (NEC) überlassen. Die Zusammenarbeit mit diesem im Bereich Kameraelektronik erfahrenen Unternehmen muß ziemlich reibungslos funktioniert haben, denn bereits in der Novemberausgabe 1978 der Fachzeitschrift „Die Fotografie“ wurde die neue Kamera Praktica B200 angekündigt und im Vorfeld der Leipziger Frühjahrsmesse 1979 erstmals im Bild gezeigt. Mit ihren kompakten Abmessungen, der grob genoppten Belederung und der dezent gestalteten Deckkappe ist sie wohl die schönste Praktica, die je die Dresdner Werkshallen verlassen hat. War der Sucherdom bei der Praktica IV des Jahres 1959 noch ein grober, unförmiger Klotz, so wurde nun das wohlproportionierte Prismengehäuse dieser neuen Praktica zu ihrem eleganten Erkennungsmerkmal.

Praktica B200

PRAKTICA B200

Die Kompaktheit dieser Kamera war indessen nur durch einen geschickten konstruktiven Trick zu erreichen gewesen. Wie bereits erwähnt, hatte man sich in Dresden während der 70er Jahre ein wenig auf dem Erfolg der L-Reihe ausgeruht. In dieser Zeit hätte man eigentlich einen Schlitzverschluß in kompakterer Bauform entwickeln müssen. Nun, da die B200 in aller Eile Gestalt annehmen mußte, war dieser Verschluß nicht verfügbar. In Japan war nicht nur die Kameraelektronik, sondern auch der Schlitzverschluß bereits zu einer Baugruppe geworden, den sich die Kamerahersteller von Fremdfirmen zuliefern ließen. Die kompakt gebauten Parallelkurbelverschlüsse der Firmen Seiko und Copal wurden daher von mehreren, konkurrierenden Kameraherstellern gleichsam verbaut. Ein Kauf dieser Verschlüsse kam für Pentacon aufgrund der Devisenlage nicht infrage. Also mußte der Dresdner Scherenhebelverschluß so umkonstruiert werden, daß er während des Ablaufs hinter das (dann ohnehin nicht verwendbare) Sucherokular eintauchte. Nur so war die geforderte Kompaktheit des Kameragehäuses hinzubekommen. Es war dieser, durch aufwendige Kraftspeicher gesteuerte Verschluß, der anfangs offensichtlich ziemliche Probleme bereitete und die Produktion der neuen B200 verzögerte – nicht wie oft vermutet die Elektronik.

Vergleich der Verschlußeinheit der Praktica B-Reihe mit einem zur selben Zeit aktuellen Seiko MFC-E, der unter anderem in der Minolta XD7 (bzw. Leica R4), der Pentax ME, Mamiya ZE und etlichen anderen Kameras jener Zeit verbaut wurde. Weitergehende Bemerkungen was sowohl die Baugröße, als auch den Aufwand an mechanischen Triebmitteln betrifft, dürften sich erübrigen.

Diese von NEC gelieferte Elektronik war ausgereift und mit ihrer LED-Belichtungszeitenanzeige im Sucher durchaus auf dem Stand der Technik. Der neue Bajonettanschluß für die Wechselobjektive, die neue Mattscheibe mit Tripelmeßkeil und der Motoranschluß werteten die Praktica B200 gegenüber ihren Vorgängerinnen stark auf. Für die Ausspiegelung des Lichtes der TTL-Messung wurde eine Lösung aufgegriffen, die ursprünglich für die sucherunabhängige Innenlichtmessung der Praktica VLC entwickelt worden war. Diese Entscheidung ist aus heutiger Sicht als Glücksgriff zu werten, denn bei der L-Reihe hat sich das teilverspiegelte Umkehrprisma nachträglich als sehr schlecht beständig gegenüber Umwelteinflüssen herausgestellt. Viele ansonsten intakte L-Kameras können heute nicht mehr benutzt werden, weil das Prisma blind geworden ist.

Links die Elektronik der PRAKTICA B200, die montiert auf eine flexible Leiterplatte direkt aus Japan geliefert wurde. Selbst die Widerstände sind japanischer Provenienz. Rechts der Blick auf das neue Bajonett und den teildurchlässigen Reflexspiegel. Auch der diagonalliegende Tripelmeßkeil der neuen Einstellscheibe ist zu erkennen.

Mit japanischer Hilfe hatte Pentacon Dresden also binnen zwei Jahren den Entwicklungsrückstand im Bereich gehobener Amateurreflexkameras quasi aufgeholt. Daß man den international weitverbreiteten M42-Anschluß aufgeben mußte, erwies sich nicht als so problematisch, wie gefürchtet. Die Kundschaft des Weltmarktes war es bereits gewohnt, daß mit dem Kamerakauf gleichsam eine Systementscheidung einherging, da quasi jeder größere Kamerahersteller seinen eigenen Bajonettanschluß entwickelt hatte. Immerhin schafften es der VEB Carl Zeiss JENA und das Feinoptische Werk Görlitz ihre bisherige Objektivpalette rasch auch mit B-Bajonett anzubieten und sogar durch neuentwickelte Modelle zu erweitern. Die im internationalen Vergleich recht preiswerten Objektive mit ihrem hervorragenden Qualitätsruf wurden dahingehend sogar zum Verkaufsargument für die neue Praktica-Generation. Da auch bald japanische Zoomobjektive mit B-Bajonett erschienen und Pentacon zudem einen wirklich brauchbaren M42-Adapter zur Verfügung stellte, erwies sich die Objektivumstellung insgesamt als ziemlich unproblematisch.

 

Aber ach! Mit der Erlaubnis zum Einkauf japanischer Elektronik hatte Pentacon einen beinah Faustischen Pakt geschlossen. Zwar hatte man gezeigt, daß man in der Lage war, binnen zwei Jahren eine hübsche, zeitgemäße Kamera auf den Markt zu bringen, andererseits hatte man sich dadurch aber auch die Meßlatte sehr hoch gelegt. Denn das Zugeständnis der Funktionäre, für japanische Elektronik Devisen auszugeben, war mit dem Zugeständnis der Kameraindustrie verbunden, nach Ablauf einer Frist gänzlich auf solche Importe zu verzichten. Ablösekonzeption hieß hier das vertraglich vereinbarte Stichwort [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 135.] und das bedeute nichts anderes, als den Zwang zur baldigen Entwicklung einer eigenen Kameraelektronik auf japanischem Niveau.

 

 

 

9. Selbsthilfe

 

Dazu mußten aber andere Geschütze aufgefahren werden. Nun konnte die mikroelektronische Industrie der DDR den Kamerabau nicht mehr mit zwei niedrigintegrierten Schaltkreisen abspeisen, wie noch bei der Praktica EE2. Noch bevor man überhaupt daran denken konnte, neue Bauelemente zu entwickeln, galt es jedoch erst einmal die SMD-Technologie einzuführen. Bei dieser Bauweise werden die elektronischen Bauelemente nicht mehr durch die Leiterplatte durchgesteckt und von der Rückseite verlötet, sondern auf die Oberfläche des Leiterplattenmaterials aufgelötet. Damit können elektronische Schaltungen weitgehend automatisiert hergestellt werden. Außerdem ermöglichen die flachen Gehäuse und das kleine Rastermaß eine wesentlich höhere Packungsdichte – eine Grundvoraussetzung, um kompakte Kameras zu verwirklichen.

Die in der DDR entwickelte Elektronik der Praktica BC1 auf importierter Leiterplatte.

Diese neue Bauform samt ihrer Verarbeitungstechnologie mußte nun erst einmal eingeführt werden. Im Elektronischen Jahrbuch 1984 (Redaktionsschluß Februar 1983) wurde der Doppel-MOSFET SMY62 als neues Bauelement im sogenannten Flat-Pack-Gehäuse erstmals vorgestellt. Diese unipolaren Transistoren waren exklusiv dazu entwickelt worden, um „den durch die Umwelthelligkeit in der Fotodiode der Kamera erzeugten Strom im Bereich von Pikoampere (Aufnahmen in dunklen Räumen) bis Milliampere (Aufnahme bei hoher Umwelthelligkeit) mit hoher Linearität an den bipolaren Analogverstärkerschaltkreis anzupassen“ [Schubert; Karl-Heinz, Leipziger Frühjahrsmesse 1983, Programmierte Effektivität durch Mikroelektronik; in: Elektronisches Jahrbuch 1984, Berlin, 1983, S. 30.]. Auch die besagte Fotodiode vom Typ SP105 auf Siliziumbasis mit integriertem Infrarotsperrfilter wurde als Neuentwicklung auf der Frühjahrsmesse 1983 vorgestellt. Als Schaltkreise folgten die analogen Typen A 317 und A 319 und der digital arbeitende U 912. Selbst miniaturisierte Einstellpotentiometer und Lichtemitterdioden mußten nun offenbar durch Eigenentwicklungen ersetzt werden. Hinzu kamen die unerläßlichen Prüfsysteme für all diese Bauelemente. Zusammengenommen erforderte dies sehr viel Entwicklungsaufwand, sodaß sich die Umstellung auf das selbstproduzierte Elektroniksystem bis zum Frühjahr 1984 hinzog.

Das Schaltkreisinventar einer frühen Praktica BC1. Der Datumscode „R1“ auf dem A317 bedeutet, daß dieser IC bereits im Januar 1983 produziert worden ist, lange Zeit bevor die Kamera schließlich auf den Markt kam.

Zwischenzeitlich wurde ein vereinfachtes Schwestermodell Praktica B100 auf den Markt gebracht. An dieser Kamera konnte man ablesen, welchen Fortschritt die Mikroelektronische Industrie der DDR in den Jahren zwischen 1977 und 1981 durchlebt hatte, denn es steuert bei dieser Kamera ein einziger Schaltkreis all diese Funktionen, für die bei der Praktica EE2 noch so viele Einzelkomponenten notwendig waren. Der dazu geschaffene Schaltkreis A 311 war in herkömmlicher Dual-In-Line-Bauweise ausgeführt. Wie bei der EE2 kam ein mechanisches Meßwerk zur Anzeige der Verschlußzeiten im Sucher zum Einsatz und der Lichtempfänger war ein Fotowiderstand. Lediglich die flexible Leiterplatte dieser B100 war noch ein Importartikel aus dem NSW.

Der Ansteuerschaltkreis A311 der Praktica B100 in Dual-In-Line-Technologie (links) und seine auf wenige passive Bauteile begrenzte äußere Beschaltung (rechts).

Bis 1984 der B200-Nachfolger Praktica BC1 endlich herauskam, war alle Anstrengung der Pentacon-Konstrukteure von der Vorgabe zur Substituierung des elektronischen Steuersystems dominiert gewesen. Eine technische Weiterentwicklung der Praktica war demgegenüber in den Hintergrund gerückt. Sie wäre aber notwendig gewesen, denn in genau jener Zeit arbeiteten die führenden Kamerahersteller des Weltmarktes intensiv an praktikablen Autofokussystemen. Aber selbst diese so vorrangige Substituierung konnte nicht vollständig verwirklicht werden, denn der Volkseigenen Industrie gelang es nicht, flexibles Leiterplattenmaterial in der erforderlichen Qualität zu entwickeln. Dieses Trägermaterial für das Elektroniksystem, das sowohl den hohen Löttemperaturen standhalten, als auch die erwähnten Ströme im Pikoamperebereich verfälschungsfrei leiten mußte, blieb nach dem Versagen der zuständigen Entwicklungspartner weiterhin ein Zulieferprodukt aus dem NSW. Weder die vollständige Devisenunabhängigkeit, noch eine „Störfreimachung“ konnte auf diese Weise erreicht werden. Und daß letzterer Begriff im Duktus der 50er und 60er Jahre nach wie vor eine Berechtigung hatte, zeigte sich, als der Import dieses Leiterplattenmaterials aus den USA aufgrund der politischen Wetterlage zeitweise aussetzte und die Praktica-Produktion in Gefahr geriet [Vgl. Jehmlich, Pentacon 2009, S. 155.]. Man kann nur vermuten, daß die lange Produktionsdauer der älteren L-Reihe zu einem Gutteil diesem Engpaß geschuldet war. Mit Ausnahme der vergleichsweise kurzlebigen Praktica DTL3 kam diese Kamerareihe grundsätzlich ohne solche flexiblen Leiterplatten aus.

 

Vor diesem Hintergrund muß sicherlich auch die Einführung der Praktica BCA und ihrer Schwestermodelle als Nachfolger der B100 angesehen werden. Der offensichtliche technologische Rückschritt, die flexible Leiterplatte der B100 jetzt wieder durch eine starre zu ersetzen, läßt sich unschwer mit den oben beschriebenen Abhängigkeiten erklären. Auch waren Zulieferteile aus dem NSW sicherlich ein großer Kostenfaktor. Die Praktica sollte aber Devisen einbringen, und nicht kosten. Also fing man wieder mit aufwändig per Hand angelöteten Drähten, statt maschinell bestückten Elektroniksystemen an. Arbeitskraft war offensichtlich kein entscheidender Kostenfaktor in der DDR. Damit diese veraltete Verdrahtungstechnologie überhaupt in der Fließbandfertigung einsetzbar war, mußten die Drähte zur Verbindung der elektrischen Komponenten zuvor aufwändig abgelängt, an den Enden abisoliert und anschließend vorverzinnt werden. Diese nur manuell zu erledigenden Arbeitsschritte wurden Berichten zufolge überwiegend durch Heimarbeit abgedeckt. Statt hochmoderner flexibler Leiterplatte und automatischer Bestückung gab es also einen Drahtverhau auf Basis einzelner Litzen, die mithilfe geradezu protoindustrieller Herstellungsmethoden bereitgestellt werden mußten.

Das Elektroniksystem der Praktica BCA, wiederum auf Basis des Ansteuerschaltkreises A311 und eines weiteren IC, mit dem das vormalige Meßinstrument durch LED-Anzeigen ersetzt werden konnte und der bei Verwendung systemkonformer Elektronenblitzgeräte die automatische Umschaltung auf die Synchronzeit bewerkstelligte. Mit starrer Leiterplatte und Verdrahtung war man wieder auf dem technologischen Stand der Praktica EE2 angekommen. Daß einige dieser Drähte zudem direkt an die „Beinchen“ der Schaltkreise gelötet wurden, spricht auch Bände.

10. Neue Konzepte, aber alte Diskrepanzen

 

 

Die Entwicklung der Kamerabauindustrie in der Deutschen Demokratischen Republik war im Vergleich zu westlichen Mitbewerbern also nachhaltig durch zweierlei Beschränkungen geprägt: Anders als bei den großen Japanischen Produzenten war es nicht möglich, auf fertige Komponenten einer hochspezialisierten Zulieferindustrie zurückzugreifen. Diese Teile mußten demnach weitgehend selbst entwickelt und auch gefertigt werden. Zweitens standen dafür stets nur begrenzte Investitionsmittel zur Verfügung. Ein freies Verfügen über die selbsterwirtschafteten Gewinne und deren beliebige Reinvestition in den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit war demgegenüber weitgehend illusorisch. Diese Situation verschärfte sich seit Mitte der 1980er Jahre, als der VEB Pentacon Dresden in die Strukturen des Kombinates VEB Carl Zeiss JENA eingegliedert wurde und er außerdem zunehmend Aufgaben im Bereich der Rüstungsgüterproduktion übernehmen mußte. Im Gegensatz zur Zivilproduktion standen in diesem Sektor durchaus großzügige Investitionsmittel zur Verfügung und sowohl Aufwands- als auch Rentabilitätsfragen spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle.

 

Zu diesen spezifischen Grundproblemen gesellte sich im Laufe der 1980er Jahre noch die wachsende Diskrepanz zwischen der Daseinsrechtfertigung des Kamerabaus als Devisenbringer einerseits und den stetig sinkenden Exporterlösen aus dem Kamerageschäft andererseits. Pentacon-Kameras gerieten auf den westlichen Massenmärkten zunehmend zum Ramsch. Zunächst hatte diese Entwicklung nichts mit rückständiger Technik der DDR-Geräte oder gar mangelnder Qualität zu tun. Seit den späten 1970er Jahren machten sich Sättigungserscheinungen im Marktsegment der Amateurspiegelreflexkameras bemerkbar. Im „Westen“ besaßen die Photoamateure mittlerweile alle ihre Spiegelreflex und angesichts stagnierender Innovationen kauften sie sich vorerst auch keine neue. Von dieser Situation war grundsätzlich auch die Japanische Kameraindustrie betroffen. Nicht umsonst beäugten sich dort die Hersteller gegenseitig, wer zuerst und mit welcher technischen Lösung in das bevorstehende Autofokuszeitalter starten würde.

 

Im Anbetracht dieser allgemeinen Marktlage mußte man auch bei Pentacon an der weiteren Rationalisierung der Produktion arbeiten. Dabei kam man auf längere Sicht nicht um eine neue Kamerageneration herum. Die Praktica B200-Abkömmlinge basierten auf einer veralteten Konzeption – quasi eine auf Kompaktheit getrimmte L-Reihe. Zur elektronischen Steuerung des Verschlußablaufes mußten innerhalb des Federspeichers und des Spiegelgetriebes mehrere mechanisch betätigte Kontakte untergebracht werden, die der Kameraelektronik den jeweiligen Betriebszustand mitteilten und den Startimpuls für den Zeitablauf lieferten. Diese Kontaktbaugruppen waren aufgrund der Kompaktbauweise innerhalb der Kamera schlecht zugänglich, mußten aber bei der Montage oder im Reparaturfall sehr genau einjustiert werden, weil unmittelbar davon die korrekte Verschlußzeitenbildung abhing.

PRAKTICA BX20

Anders als noch 10 Jahre zuvor beim Übergang von der L- zur B-Reihe, hatte man Mitte der 80er Jahre wenigstens nicht den Fehler begangen, die mechanische Weiterentwicklung und Modernisierung des Grundkonzeptes außer acht zu lassen. Nachdem der umfassende Patentschutz Japanischer Firmen im Bereich der Kurbelverschlüsse abgelaufen war, entwickelte man in Dresden eigenständig einen solchen Typ. Er benötigte weniger Einbauraum und war prinzipiell einfacher zu fertigen. Besonders vorteilhaft war bei diesem Verschlußtyp aber, daß sich beide Lamellenpakete durch jeweils ein eigenes Magnetsystem ansteuern ließen. Daraus ergab sich eine weitreichende Reduktion mechanischer Verbindungen – insbesondere was die Kupplung zwischen Spiegelgetriebe und erstem Verschlußvorhang betraf. Der Startvorgang beider Verschlußvorhänge wurde beim neuentwickelten Parallelkurbelverschluß durch rein elektrische Impulse ausgelöst und der Impulsabstand entspach der Verschlußzeit. Die Spiegelmechanik mußte der Zeitsteuerung nur noch auf elektrischem Wege mitteilen, wann der Spiegel die Aufnahmeposition erreicht hatte und die Belichtung beginnen konnte. Bei der Praktica B-Reihe wurde der erste Verschlußvorhang noch auf rein mechanische Weise vom Spiegelgetriebe ausgelöst. Das verlangte, daß der Startschalter für die Zeitsteuerung sehr exakt auf dieses mechanische Zusammenspiel zwischen Spiegelbewegung und Ablaufbeginn des ersten Verschlußvorhangs einjustiert sein mußte, um (dauerhaft) korrekte Verschlußzeiten zu gewährleisten. Der Parallelkurbelverschluß mit seinen beiden Steuermagneten ließ demgegenüber schon von Grund auf eine höhere Präzision und Langzeitstabilität zu. Eingesetzt wurde er in der Praktica BX 20 – der letzten neuentwickelten Dresdner Spiegelreflexkamera.

BX20 shutter

Das Innenleben der PRAKTICA BX20 und ihr neuer Zweimagnet-Metalllamellenschlitzverschluß. Rot markiert die drei für die Kamerajustage wichtigsten Schalter, die nun nach Abnahme der Frontkappe bequem zugänglich waren (Einschalter, Halteschalter und Speicherschalter).

Auch wenn man damit endlich die Kompromisse der vergangenen zehn Jahre überwunden hatte, konnte diese Konstruktion nie wirklich zu 100 Prozent befriedigen. Erstens geriet BX20 vergleichsweise laut und zweitens neigte sie auffällig zu Materialbrüchen im Verschlußspannmechanismus. Schmerzlich ist in Erinnerung geblieben, daß die nach der Wende als Praktica BX20s weitermontierte Kamera beim Leistungsvergleich der Stiftung Warentest sogar durchfiel, da sie aus besagten Gründen der Dauererprobung nicht standhielt. Eine etwa zur gleichen Zeit im Fotomagazin [Juliausgabe 1992, S. 69] erschienene Vorstellung der BX20s war übertitelt mit „Spätes Mädchen“. Zu spätes Mädchen – so hätte es eigentlich schon bei ihrem Erscheinen 1987 lauten müssen.

Der große Fortschritt bei Einführung der Praktica BX20 im Jahre 1987 lag also nicht unbedingt im gesteigerten Funktionsumfang für den Anwender, sondern in einem deutlich übersichtlicherem Aufbau und dadurch einer rationelleren Fertigung beim Hersteller. Das war wichtig im Hinblick auf den oben angesprochenen Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die mechanischen und elektronischen Komponenten einschließlich der Justierstellen waren jetzt fast durchweg nach Abnahme von äußeren Schalen zugänglich. Der daraus resultierende Kunststoff-Look der BX20 anstelle der herkömmlichen Belederung traf dabei übrigens durchaus den Geschmack jener Zeit.

 

Für diese neue Kamerageneration wurde auch frühzeitig an weiterentwickelten Elektronikkomponenten gearbeitet. Bereits im Laufe des Jahres 1985 konnte der Zeitsteuerschaltkreis A321 fertiggestellt werden, der neben der üblichen Zeitautomatik auch erstmals eine Impulsdauersteuerung für Blitzlicht beinhaltete [Vgl. Schubert, Karl-Heinz: Leipziger Frühjahrsmesse 1986 – Für weltoffenen Handel und technischen Fortschritt; in: Elektronisches Jahrbuch 1987, Berlin, 1986, S. 12.]. Mit diesem Bauelement konnte endlich verwirklicht werden, was im Abschnitt 6 als frühe Pentacon-Entwicklung beschrieben wurde: Eine Innenmessung für Blitzlicht.

Links die neuen mechanischen und elektronischen Komponenten, um bei der PRAKTICA BX20 die Innenmessung des Blitzlichts zu ermöglichen. Das Kunststoffteil trägt eine Siliziumfotodiode vom Typ SP105. Diese „blickt“ vom Kameraboden aus mittels Hohlspiegel auf die Filmoberfläche und registriert das von dort reflektierte Blitzlicht. Das rechte Bild zeigt die letzte Entwicklungsstufe der BX-Kameraelektronik, die durch eine DX-Baugruppe ergänzt wurde, die automatisch die Filmempfindlichkeit von der Oberfläche der Patrone abtastet. Die dadurch leicht weiterentwickelte Kamera sollte eigentlich als Praktica BX21 herausgebracht werden. Nach der Wiederaufnahme der Praktica-Montage unter der Egide Heinrich Mandermanns wurde die Elektronik der BX21 in einem leicht modifizierten Kameragehäuse untergebracht. Diese bis ins Jahr 2001 als Praktica BX20s verkauften Kameras haben daher eine mit „BX21/04“ beschriftete Leiterplatte mit DDR-Bauelementen, wie sie in den letzten Tagen des Kombinates noch bestückt worden sind.

Doch genügte das? Konnte man sich mit diesem Stand wirklich zufrieden geben? Zwar hatte der Kamerabau der DDR mit den selbstentwickelten Elektroniksystemen der Prakticas BC1 und BX20 nun weitgehend den Anschluß an das internationale Niveau im Bereich ANALOGER Kamerasteuerungen geschafft. Aber was nützt es einem, beim 3000m Lauf endlich über die Ziellinie gekommen zu sein, wenn die Mitkombattanten beim Hochsprung schon mitten im zweiten Durchgang sind. Im Jahr des Erscheinens der BX20 wagte die Firma Canon mit ihrem neuen EF-Bajonett eine vollständige und kompromißlose Hinwendung zum Autofokus und zur digitalen Kamerasteuerung. Zwar wurde auch in Dresden an digitalen Belichtungssteuerungen gearbeitet [z.B. DDR-Patente Nr. 207.269; 227.543; 229.513] und Verfahren zur digitalen Ansteuerung der Blende bis hin zur Programmautomatik erarbeitet [u. a. DDR-Patente Nr. 262.495; 263.365; 263.608; 263.609 und 269.467], aber offensichtlich erfolgten diese Entwicklungen nur für die Schublade. Zu tatsächlichen Fortschritten im Bereich der Kameraelektronik kam es bis zum Ende der DDR mit Ausnahme der DX-Abtastung und der Blitzinnenmessung nicht. Und was letztere betrifft, klingt es ja schon fast wie ein Treppenwitz, daß sich Pentacon für ein zu den Olympus OM-Kameras kompatibles System entschied – von einer Firma also, an die man zehn Jahre vorher die eigene Erfindung veräußert hatte.

 

1987 war so etwas alles längst Standardrepertoire. Dieses Niveau erreicht zu haben, zeigte also nur um so deutlicher auf, wie weit man der aktuellen Entwicklung eigentlich hinterherhinkte. Vor diesem Hintergrund kann man es nur als kompletten Realitätsverlust begreifen, wenn bei Pentacon Ende der 80er Jahre offenbar an einer Konzeption für eine Autofokus-Praktica gearbeitet wurde. Falls so etwas überhaupt umsetzbar gewesen wäre, dann doch nur auf Basis eines importierten Elektroniksystems. Und was das betrifft, so hatte man schließlich gerade ein geschlagenes Jahrzehnt allein damit verbracht, sich von derartigen Elektronikimporten freizumachen.

 

 

 

Marco Kröger M.A.

November 2016

From forerunning to catching up - Electronics in the Dresden Camera Industries (1935 - 1987). Marco Kröger, MMXVI