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Rundstrickmaschine oder Revolverdrehbank?

 

Unternehmen zwischen Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialistischer Kriegswirtschaft am Beispiel des Chemnitzer Wirkmaschinenbaus

 

Vorbemerkung

 

Hier mal ein wirtschaftsgeschichtlicher Beitrag außerhalb der photoindustriellen Thematik. Es handelt sich um meine Bakkalaureus-Arbeit aus dem Jahre 2006, die ich leicht überarbeitet habe (vor allem stilistisch). Vorausgegangen war ein mehrwöchiges Praktikum im Staatsarchiv Chemnitz im Sommer 2005, gefolgt von einem sog. Bachelor-Projekt, bei dem ich in den Winterferien 2006 den Aktenbestand der Wirkmaschinenfabrik G. Hilscher in Chemnitz endgültig erschlossen habe, das heißt es wurden die Akten durchgesehen, die Inhalte erfaßt und ein sogenanntes Findbuch erstellt, das unter anderem eine Unternehmensgeschichte enthält. Eigentlich war das Projekt nur als Gelegenheit gedacht, sich in die Thematik „Staat und Wirtschaft“ für eine theoretisch gehaltene Abschlußarbeit einzuarbeiten. Dann hat sich dieser Aktenbestand aber als dermaßen gehaltreich herausgestellt, daß die gesamte Arbeit um dieses Fundament herum aufgebaut werden konnte. In Vergessenheit geratene Korrespondenzen mit einem der führenden sächsischen Nationalsozialisten Manfred von Killinger hätte niemand in diesem Aktenbestand erwartet. Wer hätte gedacht, daß sich der Juniorchef Edgar Hilscher als einer der Steigbügelhalter der sächsichen Nazis erweist.

 

Ich würde diese Arbeit heute etwas anders schreiben, als ich das damals mit 23 Jahren getan habe. Eine Ursache dafür liegt auch darin, daß aufgrund der durch die Studienordnung vorgegebenen kurzen Bearbeitungszeit effektiv nur ein paar Tage für das Literaturstudium zur Verfügung standen. Aber vielleicht ist dieser kleine Einblick in die Verstrickung der sächsischen Nazis mit mittelständischen Unternehmern ja von allgemeinem Interesse. Und da die Frima Hilscher als einer der wichtigsten Textilmaschinenhersteller in Chemnitz angesehen werden muß, aber nur wenig über dieses Unternehmen zu finden ist, habe ich im Anhang zusätzlich die kleine Firmengeschichte angefügt, die ich seinerzeit für das Findbuch zusammengetragen habe.

 

 

 

1. Einleitung

 

Wie kaum eine zweite Region Deutschlands ist der Chemnitzer Raum vom Industriezeitalter geprägt worden. Allerorten stößt man auf Zeugnisse und Hinterlassenschaften der industriellen Epoche und selbst Denkweisen und Lebensgewohnheiten breiter Bevölkerungsschichten sind noch an „industriellen Maßstäben“ ausgerichtet, obwohl mittlerweile längst nicht mehr so viele Menschen im produzierenden Gewerbe tätig sind. Aber trotz aller Umbrüche – mannigfaltige Industriezweige machen auch heute noch den Ruf des Chemnitzer Raumes als Wirtschaftsstandort aus.

 

Wenn aber eine Region derart intensiv von solchen gewerblichen Wirtschaftsstrukturen überprägt worden ist, dann liegt die Vermutung nahe, daß vonseiten der politischen Klasse ein nicht unerheblicher Einfluß auf deren Prosperitätsentwicklung feststellbar sein muß. Der moderne Staat bezieht die Wirtschaft in sein politisches Kalkül ein. Der sich seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges formende Merkantilismus, der mehr oder weniger freie Markt, die Zentralverwaltungswirtschaft – für jede Epoche lassen sich offenbar charakteristische Grundzüge einer staatlichen Einflußnahme auf die Wirtschaftsentwicklung festmachen. Ein wichtiger Aspekt in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist es daher einerseits, die Verknüpfungen zwischen dem (wachsenden) Staatsapparat und einer von dessen Politik abhängigen Wirtschaft zu untersuchen und zweitens: wie andererseits Industrieunternehmen wiederum auf diese politischen Entscheidungsstrukturen Einfluß zu nehmen versuchen.

 

Dieses Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft erreicht besonders in der Zeit des Nationalsozialismus eine neue Qualität. Über Jahrzehnte wurde diskutiert, wie groß der Anteil der Unternehmen und ihrer Führer an der Demontage der Weimarer Demokratie, am Aufstieg der Nationalsozialisten sowie an den Verbrechen, die durch sie begangen wurden, gewesen sei. Marxistisch geprägte Ansätze der Nachkriegs-Geschichtsforschung postulierten, die Nationalsozialisten seien lediglich die ausführenden Handlanger kapitalistischer (Groß-) Unternehmen gewesen, die von diesen gewissermaßen eingesetzt worden wären, um letztendlich für klare Verhältnisse auf den Märkten zu sorgen und sich gegenüber den Konkurrenzunternehmen des In- und Auslandes eine Monopolstellung zu verschaffen [Vgl. dazu Turner, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz; in: Gall, Lothar; Pohl, Manfred (Hrsg.): Unternehmen im Nationalsozialismus, Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Band 1, München, 1998, S. 16f.]. Solcherlei rein auf Ideologien gestützte Erklärungsansätze („Agententheorie“) sind für den Historiker wertlos, da sie sich prinzipbedingt eines Nachweises entziehen. Verschwörungstheorien bedürfen keiner Nachweise.

 

Diese Situation änderte sich seit dem Ende der 1960er Jahren, als dieses reine „Primat der Wirtschaft“ durch die westliche Forschung zunehmend angezweifelt wurde. Als problematisch erwies sich aber, daß die Untersuchungen am eigentlichen Nachweisobjekt – den Unternehmen selbst – seinerzeit noch viel zu unzureichend waren, um stichfeste Aussagen über den wirklichen Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaft machen zu können. [Vgl. Schneider, Michael C.: Unternehmensstrategien zwischen Weltwirtschaftskrise und Kriegswirtschaft, Chemnitzer Maschinenbauindustrie in der NS-Zeit 1933-1945. Bochumer Schriften zur Unternehmens- und Industriegeschichte Bd. 14, Bochum, 2005, S. 11/12.] Abhilfe schafften die Arbeiten des US-Historikers Henry Ashby Turner, der intensive Studien am konkreten Aktenmaterial zur Grundlage seiner Schlußfolgerungen machte. Dabei ergab sich das Problem, daß in der Bundesrepublik Historiker eher Schwierigkeiten mit dem Zugang zu firmeneigenen Archivbeständen hatten [Vgl. Schneider, Unternehmensstrategien (2005), S. 12, Fußnote 4.], während in der DDR wohl das mangelnde Interesse der offiziellen Geschichtswissenschaft ausschlaggebend dafür war, daß eine intensive Bearbeitung der Bestände verschleppt wurde.

 

Meiner Ansicht nach problematisch ist die Tatsache, daß zwar in der Bundesrepublik Forschung am konkreten Beispiel stattfand, diese (damals) aber ausschließlich auf Großunternehmen abzielte. Ist es zwangsläufig, daß für den Aufstieg des gigantomanen Hitlerfaschismus nur eine Großindustrie relevant sein konnte? Gingen Leute wie Turner mit ihrer dezidiert auf die Großindustrie („German Big Business“) ausgerichteten Forschung nicht gar denjenigen marxistisch geprägten Historikern auf den Leim, die sie eigentlich widerlegen wollten? Von denen wurden „die großen Zusammenhänge“ postuliert, also mußten auch genau diese widerlegt werden?

 

Schließlich waren es doch die kleinen, ja geradezu primitiven Strukturen, aus denen heraus die Naziherrschaft während der 1920er emporgestiegen ist. Diese Arbeit wird zeigen, daß diese untere Ebene der Wirtschaft keinesfalls zu gering geschätzt werden darf. Spätestens mit dem Abwurf des letzten größeren „ideologischen Ballasts“ nach 1990 und dem gleichzeitigen Zugang zu neuem Quellenmaterial im Zuge der deutschen Wiedervereinigung [Der hier dominierende Bestand 31031 der Wirkmaschinenfabrik G. Hilscher als wesentlicher Gegenstand dieser Arbeit, gelangte allerdings bereits 1983 an das Chemnitzer Archiv, also zu einer Zeit, da der Nachfolgebetrieb VEB Strickmaschinenbau noch existierte!], taten sich neue Perspektiven und Herangehensweisen an diese Fragestellung auf. Von einer ausnehmend mittelständisch geprägten Industrielandschaft wie in Sachsen wird man eben kaum Informationen bezüglich des Einflusses großindustrieller Betriebe finden können. Schneider hat gezeigt, daß diese Tatsache nichts an der Relevanz des Quellenmateriales für die Frage der Interaktion zwischen NS-Staat und Wirtschaft schmälert. Sein Ansatz, kleinere Betriebe einer ähnlichen Branche unter diesem Aspekt miteinander zu vergleichen, soll auch Grundlage dieser Arbeit sein. Wenn Schneider die von ihm untersuchten Wanderer- und Astrawerke, sowie die Maschinenfabrik Kappel als „verhältnismäßig kleine bzw. mittelgroße“ [Schneider, Unternehmensstrategien (2005), S. 15.; er gibt auf Seite 18 die Beschäftigtenzahl der Wanderer-Werke mit über 8.000 an, und zwar vor Kriegsausbruch (wohl 1938)!] Unternehmen bezeichnet, dann sollen hier eher „noch kleinere“ Unternehmen im Vordergrund stehen. Im Einzelnen sind dies die Firmen Gottfried Hilscher, Schubert & Salzer sowie Seyfert & Donner, allesamt Chemnitzer Wirk- und Strickmaschinenhersteller. Sie beschäftigten in Friedenszeiten mehrere hundert (Hilscher, Seyfert & Donner) und mit steigender Kriegsproduktion mehrere tausend Arbeiter und Angestellte. Zumindest aus damaliger Sicht waren das vergleichsweise kleine Betriebe.

 

Warum diese Firmen? Während der Bearbeitung des Bestandes 31031 Fa. G. Hilscher, Wirkmaschinenfabrik im Staatsarchiv Chemnitz (StAC) im Rahmen einer Projektarbeit mußte ich feststellen, daß dieser Betrieb eine größere Relevanz für den Chemnitzer Maschinenbau hatte, als ich zu Beginn der Arbeiten vermutete und die sporadische Beachtung dieser Firma in der Literatur auf den ersten Blick nahegelegt hätte [auch Bausch beklagt die regelrechte „Nichtbeachtung“ dieser Firma in der Literatur, vgl. Bausch, Wolfgang: Hilscher stand für Chemnitz, in: Freie Presse, 43. Jg., Nr. 243 vom 18. Oktober 2005, S. 13.]. Es liegen kaum aussagekräftige und vor allem aktuelle Veröffentlichungen vor. Die bekannten zeitgenössischen Abhandlungen [Vgl. u.a.: Chemnitz in Wort und Bild, Festschrift zur Einweihung des neuen Rathauses, auf Grund amtlicher Quellen bearbeitet, Chemnitz, 1911 (Reprint von 1991), Hilscher Maschinenfabrik, in: Führer durch den Chemnitzer Industrie-Bezirk, Chemnitz 1914, S. 135-139, Ballerstedt, Waldemar: Das schaffende Chemnitz: Wirkmaschinenfabrik G. Hilscher, in: Chemnitzer Tageblatt 75 (1922) 343.] reflektieren den Zustand des Unternehmens bis kurz vor bzw. kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Alle mir bekannten Veröffentlichungen jüngeren Datums bauen offensichtlich mehr oder weniger auf die obigen auf, enthalten sie doch deren Angaben in dieser oder ähnlicher Form und leider auch ihre Fehler. Untersuchungen zur Zwischenkriegszeit und zum Hitlerfaschismus sucht man vergeblich, und das, obwohl das erhaltengebliebene Archivgut hauptsächlich Informationen zu jenem Zeitraum überliefert. Selbst in den Archivbeständen der Betriebsparteiorganisationen der SED, in denen zu einigen Chemnitzer Firmen vor 1945 Unternehmensgeschichten bzw. Betriebschroniken vorliegen, ließ sich über Hilscher nichts finden.

 

Die Konzentration der Aktenüberlieferung auf die hochinteressante Phase der ausgehenden Weimarer Zeit, über die schrittweisen Veränderungen nach der Machtübernahme bis zur völligen Kriegsproduktion weckte mein Interesse, mich ausführlicher mit dieser Thematik zu beschäftigen. Nach Abschluß der Erschließungsarbeit am Bestand Hilscher wurden die Ergebnisse in einem Findbuch zusammengefaßt, das seinerseits eine Unternehmensgeschichte enthält, die sich (erstmals) mit dem Unternehmen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg befaßt, ohne daß dabei die Arbeit wirklich als abgeschlossen betrachtet werden könnte.

 

Die Erkenntnisse, die sich aus der Durchsicht des Bestandes ergaben, sind insgesamt zu lückenhaft und oberflächlich für eine zusammenfassende Beurteilung. Um wirklich aussagekräftig vergleichen zu können, schien es notwendig, weitere Bestände durchzusehen. Die Wahl fiel auf die Unternehmen Seyfert & Donner und Schubert & Salzer, die man als direkte Konkurrenten zu Hilscher bezeichnen könnte. Die Akten jener beiden Firmen enthalten Angaben in einer direkten Form, wie sie bei den Hilscher-Akten so nur zwischen den Zeilen herauszulesen waren.

 

Ziel der Arbeit ist es nun, einzelne Problemfelder zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus der bestehenden Literatur den tatsächlichen Verhältnissen in einem solch schmalen Bereich einer regionalen Wirtschaftsbranche gegenüberzustellen. Die vorrangige Fragestellung konzentriert sich dabei darauf, wie es den Unternehmen gelang, sich aus der schweren Krise Anfang der Dreißiger Jahre zu befreien und schließlich wieder Wachstum zu verzeichnen, inwieweit sie sich dabei – freiwillig oder unter Zwängen – mit der Nationalsozialistischen Wirtschaftsführung arrangierten, oder ob sie das neue Regime gar gezielt für ihre Zwecke zu nutzen wußten. Bevor jedoch das Quellenmaterial auf diese Problemfelder hin analysiert wird, ist es angebracht, einige wesentlichen Aspekte zur Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus anhand neuerer Veröffentlichungen zusammenzutragen. Dabei ist die Frage nach etwaigen Besonderheiten Sachsens bzw. des Chemnitzer Industrieraumes zu beleuchten und inwiefern die Unternehmen von jenen Determinanten beeinflußt wurden. Teilweise mußte dabei das schmale Gebiet des Strick- und Wirkmaschinenbaus verlassen und Problemfelder im Bereich des gesamten Textilmaschinenbaus bzw. der hiesigen Textilindustrie einbezogen werden. Wo es möglich ist, sollen Vergleiche zwischen den drei Unternehmen gezogen werden.

 

Ausgangspunkt dafür ist die Lage der Chemnitzer Textilmaschinenindustrie am Ende der Zwanziger Jahre. Zunächst scheint es aber notwendig, kurz auf die Entwicklung des Chemnitzer Wirkmaschinenbaues einzugehen, insbesondere auf den Werdegang der Firma Hilscher. Diese Arbeit darf insofern auch als Abschluß der Erschließung des Bestandes Gottfried Hilscher angesehen werden, da hier Zusammenhänge betrachtet werden können, deren Untersuchung im Rahmen des Findbuches nicht möglich gewesen ist.

 

 

2. Chemnitz und der Wirkmaschinenbau

 

2.1 Wirkwaren als Schlüsselbranche der Textilindustrie

 

Wirk- und Strickwaren sind textile Flächen auf der Grundlage von Maschen. Mit diesem Verfahren werden Ober- und Untertrikotagen, Handschuhe, Gardinen und sogar Bodenbeläge hergestellt. Große Bedeutung haben seit Jahrhunderten aber Strümpfe, die teils aus edelsten Materialen bestehend, sowohl ein Symbol der Tradition, als auch ein Zeuge der Mode einer jeweiligen Epoche gewesen sind – und zwar für beiderlei Geschlecht! Doch insbesondere der Damenstrumpf aus edler Baumwolle oder gar Seide galt als begehrter und kostspieliger Artikel.

 

Das 19. Jahrhundert bringt, wie in anderen Bereichen der Textilbranche auch, eine starke Mechanisierung und Automatisierung der Wirkwarenproduktion mit sich. Neben England und der Schweiz ist die Region Chemnitz führend in der Weiterentwicklung der Maschinen. Bis zur Jahrhundertwende siedelt sich im Umfeld der Stadt eine mächtige Wirk- und Strickwarenindustrie an. Zu nennen seien die Firmen ARWA im erzgebirgischen Auerbach, Elbeo und Rogo in Oberlungwitz, sowie die Strumpffabriken in Thalheim. Um 1900 hat die Region mit einem Anteil von über 80 Prozent des Weltmarktes beinah eine Monopolstellung im Bereich der Damenstrümpfe inne und sachsenweit zählt man über 50.000 Beschäftigte im Wirkwarensektor. [Vgl. Merkel, Erich (Hrsg.): Chronik: 1000 Jahre Sächsischer Erfindergeist, Teil 1, Reihe sächsische Wirtschaftsgeschichte, 1997, S. 315/316.]

 

Nach dem Ersten Weltkrieg erholt sich die Branche rasch. 1924 arbeiten in Thalheim 5.000 Personen für 60 Strumpffabrikanten an 1.500 modernen Strumpfwirkmaschinen [Vgl. ebenda, S. 309.]. Im gleichen Jahr kommen 75% der gesamten Strumpfproduktion der Welt allein aus Oberlungwitz – und dort wird schließlich 1939 auch der erste Damenstrumpf aus Perlon hergestellt [Vgl. ebenda, S. 332.]. Solche Kunstfasern werden in den 50er Jahren allmählich zum neuen Grundstoff für Damenstrümpfe. Der Seiden- und Baumwollstrumpf gerät gegenüber dem billigen und feinmaschigen Nylon- bzw. Dederonmaterial aus der Mode und die zu seiner Herstellung notwendigen Maschinen werden nach und nach ausgemustert. Das Verarbeitungsprinzip des Wirkens und Strickens erlebt aber nach dem Zweiten Weltkrieg eine Hochkonjunktur und entwickelt sich zum modernen Herstellungsverfahren für unterschiedlichste Bereiche. Erinnert sei nur an das kombinierte Näh-Wirk-Verfahren MALIMO.

 

Nach der Wende und dem Niedergang des VEB Strickmaschinenbau Karl-Marx-Stadt, hat es die hiesige Wirkmaschinenindustrie auf dem internationalen Markt schwer. Der Chemnitzer Produktionsstandort der Stuttgarter Firma „Terrot“ ist in der Tradition der Firmen Hilscher und Co. der älteste Hersteller von Rundstrickmaschinen auf dem Weltmarkt. Sein sich seit langer Zeit abzeichnendes Ende wurde unlängst durch eine Landesbürgschaft abgewendet, wodurch die Produktion jetzt fortgeführt werden kann. Daß dabei der schwäbische Konkurrent Mayer & Cie beklagte, man dürfe ein sterbendes Unternehmen nicht mit Steuergeldern künstlich am Leben halten, zeigt, wie eng der Markt für solche Spezialmaschinen mittlerweile geworden ist. [Vgl. dazu: Nagel, Ramona: „Die Chemnitzer Strickmaschine lebt“ in: Freie Presse vom 26. Mai 2006, Seite 6.]

 

 

2.2 Die Wurzeln des Familienunternehmens Gottfried Hilscher

 

Als Gründungsjahr für die Firma des Johann Gottfried Hilscher wird zumeist 1851 angegeben. Daß man gelegentlich auch das Jahr 1852 findet und sich außerdem die Literatur unschlüssig über den korrekten Namen des eigentlichen Unternehmensgründers zeigt [Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden unterschiedliche Namen für den Unternehmensgründer angegeben. Doch kein Friedrich, kein Martin und auch kein Maximilian Hilscher hat 1851 das Unternehmen gegründet, sondern ein Johann Gottfried Hilscher, was sich eindeutig anhand der Akten nachweisen läßt (siehe dazu auch die Einleitung zum Findbuch des Bestandes im StAC). Es scheint bislang keinem aufgefallen zu sein, daß der Firmenbezeichnung „Hilscher“ bis zum Schluß ein „G“ (als erster Vorname) vorgesetzt war, was die o.a. Vornamen eindeutig ausschließt. Dieser Fehler kann auch damit zu erklären sein, daß Eintragungen zu Hilscher in den Handelsregisterakten (Stadtarchiv) erst seit den 1860er nachweisbar sind. Zu dieser Zeit ist bereits Gottfried Hilschers Sohn Friedrich Eigentümer des Unternehmens, nachdem sein Vater 1858 verstorben war.], deutet schon darauf hin, wie bescheiden die Anfänge dieser kleinen Firma in der Beckerstraße gewesen sein müssen. [Vgl. dazu auch: Chemnitz in Wort und Bild (1911), S. 215.] Dem Eindruck nach haben wir es mit einem Familienunternehmen zu tun, das in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Existenz so klein zu sein scheint, daß es im Vergleich zu den anderen aufstrebenden Maschinenbauunternehmen der Region kaum beachtenswert war.

 

Diese Situation ändert sich aber, und nach einer Übergangsphase, bei der Friedrich Hilscher die Firmenleitung nach dem Tod seines Vaters übernimmt, kann das Unternehmen ab Mitte der 1860er Jahre vom allgemeinen Aufschwung in der Textilbranche nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg profitieren. Für diese Zeit finden sich auch erste Eintragungen im Handelsregister [Die Registerakten liegen im Stadtarchiv Chemnitz.]. Dabei ist für die Firma Hilscher besonders förderlich, daß deren Besitzer und seine Ingenieure durch ihren Sachverstand in der Lage waren, offenbar sehr zuverlässige und produktive Maschinen herzustellen, indem sie ausländische Konstruktionsprinzipien übernehmen und durch eigene Patente ständig verbessern. Jene „Innovationsfähigkeit“ hilft Hilscher, scheinbar unbeschadet über die Wirtschaftskrise der 1870er und 80er Jahre hinweg zu kommen. Es wird angegeben, die Firma habe 1885 als erste in Deutschland das englische „System Cotton“ als Konstruktionsprinzip übernommen, für dessen Einführung seinerzeit starke Erweiterungen der Fabrikanlagen notwendig waren. [Vgl.: Hilscher Maschinenfabrik, in: Führer durch den Chemnitzer Industrie-Bezirk, Chemnitz 1914, S. 135-139.Das „System Cotton“ stammt vom Engländer William Cotton (1817-1887). Hilscher hatte sich (vorausschauend) seit 1885 auf diese zukunftsweisende Produktionsmethode spezialisiert und übernahm das System 1888, nachdem das Patent frei zugänglich wurde. Das Prinzip beruht auf einer sog. Rundstrickmaschine, die es erlaubt, „schlauchförmige“ Artikel (insbesondere Strümpfe) sozusagen nahtlos herzustellen. Durch gezielte Weiterentwicklung der Technologie gelang es Hilscher, eine automatische Minderung zu realisieren, durch welche eine selbsttätige „Verformung“ der schlauchförmigen Wirkware (Versenbereich, Fußspitze) möglich war. Als technologischen Höhepunkt dieser Art der automatischen Rundstrickmaschine läßt sich wohl die Bauart „Ideal“ bezeichnen, mit der das Unternehmen international bekannt wurde. Die Firma Schubert & Salzer stellte vergleichbare Maschinen unter der Bezeichnung „Corona“ her. Bei Seyfert & Donner setzte man hingegen auf das Prinzip des Flachwirkstuhls Bauart Paget mit Minderungssystemen nach Beyerschen Patenten. Daraus ließe sich auch erklären, warum Seyfert & Donner und Hilscher praktisch über Jahrzehnte hinweg als Nachbarn auf der Beckerstraße produzierten, offenbar ohne sich gegenseitig „in die Quere“ zu kommen. Beide Unternehmen setzten bei ihren Maschinen auf gegensätzliche Konstruktionsprinzipien, die sie zur Perfektion weiterentwickelten und die jeweils für die Herstellung unterschiedlicher Wirkwarenerzeugnisse konzipiert waren.]

 

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts übernimmt in einer Zeit der schwierigen Geschäftslage Max Hilscher die Unternehmensführung von dessen Vater, die Firma und deren Produkte werden modernisiert und durch Zukauf von Fabrikanlagen an der Dorfstraße 72 (heute Paul-Gruner-Straße) wiederum stark erweitert, sodaß ab 1903 ist ein Wachstum zu verzeichnen ist, welches – den Quellen und der Literatur zufolge – mindestens bis zum Ende des Ersten Weltkrieges keine Einschränkungen mehr erfährt.

 

In dieser Zeit baut die Firma Hilscher ihr weitgespanntes Netz an Auslandsvertretungen aus, sie liefert in alle Welt, von der Türkei bis nach Nordamerika und man sichert sich in den führenden Industriestaaten wertvolle Patente auf richtungsweisende Erfindungen im Wirk- und Strickmaschinenbau. Doch im Sommer 1912 stirbt Max Hilscher unerwartet im Alter von nur 44 Jahren. Sein Bruder Kurt und seine Witwe Adele Hilscher mit ihren beiden Söhnen leiten von nun an laut Gesellschaftsvertrag das Unternehmen. Tatsächlich ist es aber Adele Hilscher, die die Zügel führt. Sie wird diese bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr aus der Hand geben.

 

Im Ersten Weltkrieg wird eine, in ihrer Bedeutung für die Firma nicht zu unterschätzende Entscheidung getroffen: Man beginnt mit dem Bau von Werkzeugmaschinen und sammelt in diesem Bereich wertvolle Erfahrungen. Dieses zweite Standbein scheint im Anteil an der Gesamtproduktion ständigen Schwankungen unterlegen zu haben. Man darf aber davon ausgehen, daß im Krisenfall der einen Branche Einbrüche des Geschäfts durch eine Konzentration auf die jeweilige andere Branche glimpflich abgewendet werden konnten. Für die 30er Jahre soll noch versucht werden, diese These mit dem direkten Vergleich zum Konkurrenzunternehmen Seyfert & Donner nachzuprüfen.

 

Für die Situation des Unternehmens in den frühen Zwanziger Jahren läßt sich nur wenig Konkretes sagen. Es ist jener Zeitraum, für den die Literatur nicht mehr, und die Aktenüberlieferung noch nicht aussagekräftig ist. Allein eine im journalistischen Stil verfaßte Quelle [Ballerstedt, Waldemar: Das schaffende Chemnitz: Wirkmaschinenfabrik G. Hilscher; in: Chemnitzer Tageblatt 75 (1922) 343.] deutet darauf hin, daß es Hilscher kurz nach dem Weltkrieg „recht gut“ gegangen sein muß, zumindest wenn man der blumigen Beschreibung der Fabrikanlagen und Produkte der Firma durch den Autor Glauben schenken darf. Doch dürfte dies andererseits kaum verwundern, wenn man davon ausgeht, daß zu jener Zeit praktisch beinah die gesamte Weltproduktion an Strümpfen aus der hiesigen Region kommt . Und keine konkurrenzfähige Strumpfproduktion ohne moderne Wirkmaschinen! Andererseits liegt die bereits geäußerte Vermutung nahe, Hilscher habe sich durch die Rüstungsproduktion im Weltkrieg eine gute Ausgangsbasis geschaffen und in Friedenszeiten schnell auf den zivilen Sektor umgeschaltet.

 

Für die Mitte der Zwanziger Jahre kann man von einer Beschäftigtenzahl von etwa 750 Arbeitern und Angestellten ausgehen. Doch über die wirklichen Betriebsverhältnisse lassen sich kaum Aussagen machen. Der in einem Brief vom 2. November 1927 angedeuteten Aufspaltung des Unternehmens in eine Firma G. Hilscher und eine Firma Max Hilscher, wobei es sich bei letzterer vermutlich um den Betriebsteil in Altchemnitz handelte, kann aufgrund der mangelnden Quellenlage nicht näher nachgegangen werden. Fakt ist nur, daß im Jahre 1926 beide Firmen wieder zu einer Firma G. Hilscher vereint werden. [Vgl. dazu: StaC, Bestrand 31031, Nr. 77, Brief vom 2. November 1927 vermutlich von Adele Hilscher an ihren Schwager Alfred.]

 

 

 

3. Die Weltwirtschaftskrise und deren Überwindung

 

3.1 Ausgangssituation der Wirkbranche nach dem Ersten Weltkrieg

 

Allein die wenigen Zahlen aus dem vorigen Abschnitt verdeutlichen die Dynamik der Strumpfindustrie an der Wende zum 20. Jahrhundert. Die Fortschritte in der Herstellungstechnologie rationalisierten die Produktion und der Preis konnte gesenkt werden. Binnen weniger Jahrzehnte wird aus einem Luxusartikel eine Massenware. Doch die hohe Nachfrage ist nicht auf den einheimischen Markt beschränkt. Auffallend an der Wirkwarenbranche ist ihre große Exportlastigkeit mit den monopolartigen Produktionsziffern. Das barg freilich eine starke Abhängigkeit von den jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwischen den Handel treibenden Nationen in sich.

 

Es liegt nahe, die offensichtliche Konkurrenzfähigkeit der sächsischen Wirkereiindustrie mit dem vorangeschrittenen technischen Stand des damit verbundenen Maschinenbaus zu erklären. Aus dem vorigen Abschnitt ist ersichtlich, daß Hilscher beständig neue Maschinen mit steigendem Automatisierungsgrad lieferte, die zudem an die jeweils vorherrschende Mode anpaßbare Fertigungsmöglichkeiten boten. Für Hilscher ist nachweisbar, daß es kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts zwar eine Krisenphase gegeben hat, diese aber zu Beginn des neuen Jahrhunderts infolge steigender Maschinenlieferungen überwunden werden konnte und danach in einen Aufschwung überging, der den Auftragsbüchern nach bis weit in die Zwanziger Jahre anhält. Wie bei den Strumpf-Fertigwaren der Textilbetriebe so kann man auch hier im Bereich des Rundstrickmaschinenbaus von einem hohen Exportanteil sprechen, wobei nicht mit Gewißheit gesagt werden kann, ob am Ende der Zwanziger Jahre die breitgefächerten Handelsbeziehungen der Firma Hilscher mit dem Ausland wirklich nur dem Absatz der Ideal-Rundstrickmaschinen dienten, oder ob auch der Verkauf der Hilscherschen Drehmaschinen und der dazugehörigen Maschinenersatzteile über dieses Netz abgewickelt wurde. Zusammenfassend für die Zwanziger Jahre darf wohl gesagt werden, daß sowohl der Wirkmaschinenbau als auch die Wirkwarenindustrie bis zur Weltwirtschaftskrise prosperierten. Die Jahre 1928 und 1929 werden bei Hilscher und Seyfert & Donner als Phase großer Auslastung bezeichnet, wobei der Export entsprechend betont wird.

 

Andererseits ist davon auszugehen, daß bereits ein beachtlicher Anteil der Strumpfindustrie des Erzgebirges in mittlerweile vollkommen veralteter Struktur produzierte und somit auf die, für die sächsische Industrie der Zwanziger Jahre so typische Modernisierungskrise zusteuerte. Dies scheint für die monostrukturelle Großindustrie der einschlägigen Ortschaften genauso gegolten zu haben, wie für die Klein- und Kleinstbetriebe einiger erzgebirgischer Dörfer [Für den kleinen Heimatort des Verfassers werden bis 1942 neben der für die Region recht bedeutenden Firma August Harzer & Söhne nicht weniger als sechs weitere Strumpf- und Wirkwarenbetriebe und zusätzlich eine „bedeutende Hausindustrie“ angegeben, vgl.: Böttger, Ortschronik der Gemeinde Herold, S. 12, um 1960. In den umliegenden Ortschaften wie Thum oder Gelenau herrschten vergleichbare Verhältnisse.]. Es gilt daher, in der Folge die strukturellen Tendenzen in der sächsischen Industrie und die Verknüpfungen zwischen Textilmaschinenbau und Textilindustrie näher zu untersuchen.

 

 

3.2 Sächsische Industrie im Vorfeld der Weltwirtschaftskrise

 

Werner Bramke stellt in seiner Analyse zur Industrie Sachsens während der Weimarer Republik fest, daß Chemnitz sehr viel enger mit den wirtschaftlichen Strukturen seines unmittelbaren Umfeldes verknüpft war, als die anderen beiden Wirtschaftmetropolen Sachsens. Leipzig unterschied sich als Welthandelsplatz und Standort moderner Großindustrien deutlich von seiner Subregion im Süden, in der sich seit der Jahrhundertwende die neue Chemieindustrie angesiedelt hatte, während sich der Raum Dresden als Standort u.a. der Optik bzw. Feinmechanik und der Elektroindustrie von seinem übrigen Umfeld differenzierte. Chemnitz hingegen, mit seinem Maschinenbau und der Textilindustrie, war wesentlich stärker mit den industriellen Strukturen vor allem des Vogtlandes und des Erzgebirges verknüpft.

 

Insbesondere für die Textilindustrie ist bis 1925 noch ein Wachstum der Beschäftigtenzahlen bis auf etwa 420.000 zu verzeichnen. Auf diesem Niveau verharren sie in der Folgezeit. Die Anzahl von 72.000 Betrieben, die in diesem Bereich angegeben wird, deutet auch weiterhin auf das Vorherrschen von Klein- und Mittelbetrieben hin. [Vgl. Bramke, Werner: Sachsens Industrie(gesellschaft) in der Weimarer Republik, in: Bramke/Heß (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft in Sachsen im 20. Jahrhundert, Leipzig, 1998, S. 30ff.].

 

Bramke möchte aber den Eindruck des unproduktiven sächsischen Kleinbetriebes im Textilbereich relativiert wissen, wenn er darauf verweist, daß in anderen Industrieregionen der Republik auch kein wesentlich besseres Verhältnis zwischen Anzahl der Betriebe und Beschäftigtenzahl vorherrschte. Etwas anders sieht die Situation aber im Bereich der Strickerei und Wirkerei aus. Hier gibt Bramke an, daß die knapp 45.700 Beschäftigten auf immerhin 1277 Betriebe verteilt gewesen seien, während beispielsweise in Württemberg 16.800 Beschäftigte in 288 Betrieben und in Thüringen 4649 Beschäftigte in 318 Betrieben arbeiteten [Vgl. ebenda, S. 44.]. Für Sachsen wären dies knapp 36 Arbeiter pro Betrieb, für Württemberg mehr als 58 und für Thüringen nicht einmal 15.

 

Diese Zahlen würden die bereits geäußerte Annahme bestätigen, daß Hierzulande in der Strumpf- und Handschuhindustrie zahlreiche Kleinstbetriebe und sogar Heimgewerbe vorherrschten, wobei der statistische Wert für Sachsen sicherlich dadurch aufgewertet wurde, daß neben dem Kleingewerbe auch entsprechende Großbetriebe am Gesamtaufkommen beteiligt waren. Aus diesen Zahlen auf die absolute Rückständigkeit dieses Industriezweigs zu schließen, ist sicherlich verfehlt, doch ein „Schrittmacher für die sächsische Industrie konnte die Textilbranche jedenfalls nicht sein“ [Ebenda, S. 45.].

 

Ganz andere Fakten gibt Bramke hingegen für den Maschinenbau an, dessen Beschäftigtenzahl sich zwischen 1907 und 1925 verdoppelte und der wesentlich größeres Modernisierungspotential innehatte. Mit dem besten Verhältnis zwischen Betrieben und Beschäftigten von 1:132, lag Sachsen im Werkzeugmaschinenbau auf dem Spitzenplatz.

 

Gleiches gilt für die Innovationsfähigkeit und die Exportchancen. Innerhalb dieses Wirtschaftszweigs lag wiederum der Textilmaschinenbau an vorderster Stelle, in welchem 1925 nicht weniger als 36.000 Personen beschäftigt waren [Vgl. ebenda, S. 46.].

 

 

3.3 Industrie in der Phase der „Großen Depression“

 

Im internationalen Vergleich gesehen muß man davon sprechen, daß die Krise Deutschland besonders hart im Griff hatte. Als 1932 der wirtschaftliche Tiefststand erreicht wurde, betrug die Industrieproduktion nur noch 61 Prozent des Jahres 1929 [Vgl. James, Harold: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924 – 1936, Stuttgart, 1988, S. 24.]. Die Arbeitslosenzahlen überstiegen im Dezember 1930 die Viermillionen-Grenze, um erst im Herbst 1933 wieder deutlich unter diesen Wert zu fallen. Im Winter 1932 war mit sechs Millionen Menschen beinah ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung ohne Beschäftigung. Das Volkseinkommen der Deutschen sank 1932 mit etwa 45,5 Mrd. Reichsmark unter den Vorkriegsstand von 1913 und erst im Laufe des Jahres 1938 wurden die 76 Milliarden Höchststand von 1929 wieder überschritten . Bis dahin hatte innerhalb von sechs Jahren nahezu eine Verdopplung stattgefunden.

 

Allgemein gesprochen, war die Weltwirtschaftskrise vor allem im Vergleich zu Großbritannien relativ homogen über die deutschen Industriegebiete verteilt. Nach James ist dies damit zu erklären, daß in einer Region, die beispielsweise montanindustriell geprägt ist, auch von diesen Strukturen unabhängige Wirtschaftszweige angesiedelt waren, die weniger schwer bzw. nur indirekt betroffen waren [Vgl. James, Weltwirtschaftskrise (1988), S. 119.]. Sehr viel schwerwiegender seien die Probleme in den stark monostrukturell geprägten Regionen gewesen. James nennt neben der Schneidwarenstadt Solingen etwas oberflächlich die „sächsische Textilmetropole Zwickau“ [Müßte man doch genauer von einer gesamten süd(west)sächsischen Textilregion sprechen. Zwickau läßt eher an Automobilbau denken.]. Bei der besagten Dichte an Produktionsstätten ist fraglich, ob nicht bereits in einer Phase der relativen Hochkonjunktur der Textilindustrie in der Mitte der Zwanziger Jahre solch große industrielle Überkapazitäten erreicht wurden, daß auch mit der energischsten Modernisierungsbereitschaft und ohne den äußeren Anstoß der Weltwirtschaftskrise, man über kurz oder lang in den Niedergang geschlittert wäre.

 

Wenn es die Textilindustrie schon vor der Krise schwer hatte und die Situation sich vor allem durch das Wegbrechen ausländischer Märkte verschärfte, so gelang es dem Maschinenbau noch eine Zeit lang sich mit dem Export auf den Weltmärkten über Wasser zu halten und ihn sogar auszubauen. Dies gilt insbesondere für den Export von Textilmaschinen in die USA, der zwischen 1928 und 1929 von rund 12 Millionen auf über 23 Millionen Reichsmark fast verdoppelt werden konnte, und das in einer Zeit, als die Ausfuhr von textilen Fertigwaren schon merklich zurückging [Vgl. Bramke, Sachsens Industrie (1998), S. 48ff.].

 

Auf dem Höhepunkt der Krise schöpfte die gesamte deutsche Maschinenbauindustrie nur noch rund ein Drittel ihrer Produktionskapazitäten aus [Vgl. Boelke, Deutsche Wirtschaft (1983), S.1 und James, Weltwirtschaftskrise (1988), S.163.]. Das ist damit zu erklären, daß bei Maschinen als wichtiger Teil der Investitionsgüterindustrie eher Produktionseinschränkungen stattfanden, als daß die Hersteller dazu bereit waren, die Preise zu senken. Die niedrige Investitionsquote ließ den Absatzmarkt schrumpfen, während die Kosten für die Produktion auf hohem Niveau verharrten und damit Preissenkungen praktisch ausschlossen. [Vgl. James, Weltwirtschaftskrise (1988), S. 163.] Dies dürfte nicht zuletzt mit den hohen Kosten für die Rohmaterialien – insbesondere den Stahl – im Zusammenhang gestanden haben, deren starre Preise durchaus im Sinne der Kartelle waren und erst durch politische Eingriffe revidiert wurden. [Vgl. ebenda, S. 158ff.]

 

Bramke nennt Sachsen in der Weimarer Zeit „Deutschlands Exportland Nr.1“, ein Verdienst, zu dem nach dem Ersten Weltkrieg gerade der innovationsbereite Maschinenbau ein Gutteil beigetragen hatte. [Vgl. Bramke, Sachsens Industrie (1998), S. 47.] Um so mehr war man von der Export-Wetterlage abhängig. Bis 1931 sanken die Einfuhrpreise in viel höherem Maße als die Ausfuhrpreise, wodurch sich die deutsche Handelsbilanz vorerst sogar verbesserte. Diese Situation wurde allerdings mit der Abwertung des Pfundes und den Ausweitungen von Schutzzöllen wieder verschlechtert, wodurch die deutsche Exportwirtschaft zunehmend negativ beeinflußt wurde. [Vgl. Erbe, NS-Wirtschaftspolitik (1958), S.13.] Der sächsische Anteil am gesamten deutschen Exportvolumenvolumen stieg während der Weltwirtschaftskrise (vermutlich) sogar bis auf 40 Prozent an, eine Zahl die allerdings in die Irre führt, da mit ihr schließlich kein Wachstum der Produktion verbunden war, sondern nur ein vergleichsweise stärkerer Niedergang der anderen Länder. [Vgl. Bramke, Sachsens Industrie (1998), S.48; „vermutlich“ deshalb, weil nach dessen Angaben Untersuchungen zur Verläßlichkeit der Zahlenbasis noch ausstehen.]

 

Während in Großbritannien der Tiefststand der Depression bereits 1931 durchschritten wurde, ist dies für den gesamtdeutschen Raum erst für das laufende Jahr 1932 zu veranschlagen. [Vgl. Erbe, NS-Wirtschaftspolitik (1958), S. 21.] Sachsen hingegen steuert zu jener Zeit noch geradewegs auf den Tiefpunkt der Krise zu, der sich im Januar/Februar 1933 in der Zahl von 720.000 Erwerbslosen widerspiegelt. [Vgl. Bramke, Sachsens Industrie (1998), S. 48.] Aber auch die deutschlandweiten Arbeitslosenzahlen hatten in diesem Winter die Sechsmillionen-Marke nochmals überschritten und rangierten nur wenig unterhalb der Rekordzahlen des Vorjahres. Am Ende des Winters 1934 waren sie immerhin nur noch beinah halb so groß.

 

 

3.4 Erste Anzeichen Nationalsozialistischer Industriepolitik

 

Es fällt schwer, im Anschluß an die Krise von einer Erholung der Textilwarenindustrie zu sprechen, geschweige denn von einem Anschluß an die Kennziffern der Zwanziger Jahre. Vielmehr wurde dieser stark geschwächte Bereich im Juli 1934 durch die Faserstoffverordnung (und das Spinnstoffgesetz vom Dezember 1935) in einer Weise reguliert, die im Prinzip kein freies Wachstum mehr möglich machte. [Vgl. Hess, Ulrich: Sachsens Industrie in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Bramke/Heß (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft in Sachsen im 20. Jahrhundert, Leipzig, 1998.]

 

Gegenüber dieser rigorosen NS-Textilpolitik verblaßten sogar die „konjunkturellen Einflüsse als auch die Auswirkungen des langfristigen Strukturwandels“, so Gerd Höschle in seiner Untersuchung zur deutschen Textilindustrie im Nationalsozialismus. [Höschle, Gerd: Die deutsche Textilindustrie zwischen 1933 und 1939, Staatsinterventionismus und ökonomische Rationalität, Stuttgart, 2004, S.17.] Demnach stand das Regime vor einem Zwiespalt: Für das Ziel der Vollbeschäftigung war die Erhaltung der äußerst arbeitsintensiven Textilindustrie eine Notwendigkeit. Dies wurde jedoch gleichzeitig durch den hohen Bedarf des Industriezweigs an ausländischen Rohstoffen in Frage gestellt, zu deren Beschaffung hohe Beträge an knappen Devisen verbraucht wurden. Die Importbeschränkungen des Jahres 1934 versprachen eine sofort wirksame Verbesserung der Zahlungsbilanz.

 

Außerdem vermutet Höschle ein Hoffen des Regimes darauf, die hohen Rohstoffvorräte der Unternehmen reichten aus, die Produktion noch über mehrere Monate reibungslos fortzuführen, wodurch die Auswirkungen der Intervention auf den Arbeitsmarkt schließlich abgemildert bzw. nach hinten verlagert werden könnten. [Vgl. ebenda, S. 28.] Dieser und auch die nachfolgenden Eingriffe, v.a. in das Preisgefüge, die Arbeitszeit und die Investitionstätigkeit der Textilwirtschaft, trafen trotz ihrer einschneidenden Wirkung nur auf vergleichsweise geringen Widerstand, was durchaus damit zu erklären sei, daß die zeitliche Befristung der Maßnahmen bei den Unternehmern die Hoffnung weckte, nach der Überwindung des Tiefpunkts folge eine baldige Rückkehr zu normalen Verhältnissen. [Vgl. ebenda, S. 315.] Tatsächlich haben wir es nach Meinung Höschles aber mit dem „Prototyp nationalsozialistischer Industriepolitik“ [Ebenda, S. 317.] zu tun.

 

Die massive Reglementierung vor allem Bereich der Investitionen läßt vermuten, daß diese Politik nicht ohne Auswirkungen auf die Hersteller von Textilmaschinen geblieben ist. Wie sehr diese Unternehmen durch die Depression geschwächt wurden und der erhoffte Aufschwung so kurz nach dem Tiefpunkt der Krise durch die neuen wirtschaftspolitischen Eingriffe „abgewürgt“ wurde, soll im folgenden Abschnitt am Beispiel der Firma Seyfert & Donner untersucht werden. Im Gegensatz zu Hilscher ist hier verhältnismäßig umfangreiches Quellenmaterial zum Werdegang der Firma in Form von Geschäftsberichten überliefert.

 

 

3.5 Der Weg der Firma Seyfert & Donner vom Wirkmaschinenhersteller zum Flugzeugteilelieferanten

 

Die in den 1870er Jahren von Julius Seyfert und Hermann Donner gegründeten Werke waren eine Weltfirma. Einen besonderen Namen hatte man sich mit der auf der Weltausstellung des Jahres 1900 mit dem großen Preis ausgezeichneten "Reform-Strumpf-Strickmaschine Teutonia" gemacht. Diese erlaubte nämlich mit ihrer "selbsttätigen, patentierten Fersen-Abzugsvorrichtung" eine besonders vereinfachte Herstellung von Strümpfen und Socken mit "Keilferse und gedeckter Fußspitze". Ende der Zwanziger Jahre ist Seyfert & Donner ein prosperierender Chemnitzer Textilmaschinenhersteller. Im Jahre 1928 betrug der Umsatz 4.639.000 Reichsmark. Mit 2.123.000 Reichsmark wurden fast 50 Prozent Auslandsanteil erreicht. 1929 ließ sich der Umsatz noch auf 5.179.000 Reichsmark steigern, wobei der ausländische Anteil mit 3.613.000 Reichsmark auf 70 Prozent anstieg [Vgl. StAC, Bestand 31034, Fa. Seyfert & Donner, Nr. 107, Geschäftsbericht 1930 vom 3. Mai 1931.], ein deutliches Zeichen für die noch steigende Exportlastigkeit dieser Branche. Für 1930 weist der Geschäftsbericht dann einen starken Rückgang des Gesamtumsatzes auf nur noch 3.925.000 Reichsmark aus, wobei der Auslandsanteil mit 2.430.000 Reichsmark immer noch höher ist als 1928. Waren Anfang 1930 noch 844 Arbeiter beschäftigt, so mußte diese Zahl im Laufe des Jahres auf 531 (also um mehr als ein Drittel) reduziert werden und von den 99 Angestellten wurden 16 entlassen. Aufgrund „großer Probleme mit dem amerikanischen Geschäft“ mußte Kurzarbeit angeordnet und die Löhne noch dazu um 5 Prozent gesenkt werden. Diese prekäre Situation wird schließlich im Laufe des Jahres 1931 vor allem durch „unsichere Außenstände“ (also geleistete, aber nicht bezahlte Arbeit bzw. Material) noch zusätzlich verschärft. Der Umsatz geht auf 2.075.000 Reichsmark zurück und am Ende des Jahres arbeiten nur noch 327 Arbeiter und 75 Angestellte bei Seyfert & Donner. [Vgl. ebenda, Geschäftsbericht 1931 vom 10. März 1932.]

 

Zwar konnten anfangs des Jahres 1932 wieder 390 Beschäftigte gezählt werden, doch sank deren Zahl gegen Ende des Geschäftsjahres auf einen neuen Tiefststand von 307 Angestellten und Arbeitern. Der Umsatz wird mit 1.117.000 Reichsmark angegeben. Der Geschäftsführer Paul Donner analysiert die Lage folgendermaßen:

 

„Es fehlt vor allem die Kaufbereitschaft der breiten Masse. Ehe nicht die Arbeitslosigkeit etwas verschwindet, wird der Bedarf gering bleiben und man kann auf Vergrößerung des Maschinenparks wirklich nicht hoffen. [...] Da alles billig sein soll, wir aber nur Qualitätsmaschinen herstellen, haben wir auch nach dieser Richtung hin zu leiden, indem wir nur zu billigen Preisen, wie die Anderen verkaufen können, bei diesen Preisen aber nichts verdienen.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1932 vom 11. März 1933.]

 

Doch als dieser trübe Geschäftbericht verfaßt wird, hat sich nach Paul Donners Ansicht in Deutschland das Blatt durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten bereits gewendet. Und so heißt am Ende hoffnungsvoll:

 

„Die Geschäftslage sieht zur Zeit noch trostlos aus, aber man hat die todkranke Germania neuerdings operiert, und da die Operation gut gelungen ist, wird sie sich hoffentlich bald erholen. Ohne die Operation wäre sie an der bolschewistischen Krankheit ganz sicher gestorben. Also heute doch noch etwas mehr Hoffnung als voriges Jahr.“ [Ebenda]

 

Die Talfahrt hingegen geht vorerst weiter: Bis Sommer 1933 leidet das Unternehmen unter der schlechten Auftragslage und es muß wieder im großen Stil entlassen werden. Zwar kann die Beschäftigtenzahl über das gesamte Geschäftsjahr von 298 auf 311 gesteigert werden, doch wird im Juli 1933 der absolute Tiefpunkt mit nur noch 249 Arbeitern und „Beamten“ erreicht, das ist nur noch etwa ein Viertel der Gesamtbeschäftigten von 1929/30 (943 Arbeiter und Angestellte). Der Umsatz übersteigt knapp die Millionenmarke (1.019.000 Reichsmark). Erst im November 1933 setzt ein „lebhafter Geschäftsgang“ ein, der sogleich neue Probleme mit sich bringt:

 

„Wie schon im vorjährigen Bericht erwähnt, ist die Freude über besseren Eingang von Aufträgen in sofern keine ungetrübte, als unser freies Kapital zu knapp geworden ist, d.h. S&D sind nicht mehr flüssig genug. Es ist dies eine schwere Sorge, denn bis von dem erhöhten Auftragsbestand die Gelder eingehen, heißt es, Betriebskapital haben! Die außenpolitische Lage wirkt sich sehr ungünstig aus, denn die nordischen Länder leiden unter der Valuta, Oesterreich und Spanien haben Revolution und Frankreich fängt auch an, unsicher zu werden. Wohin soll exportiert werde [sic]? Die Wirtschaft ist heutzutage international. Alle Länder hängen voneinander ab, und es wird nicht eher besser werden, als bis die allgemeine Lage sich beruhigt haben wird. Bis dorthin heißt es weiterkämpfen. Hauptsache ist, nicht untergehen. Ein Aufschwung ist unter den gegebenen Verhältnissen kaum denkbar.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1933 vom 21.März 1934.]

 

Und er findet auch nicht statt. Paul Donner beklagt, das neue Faserstoffgesetz erlaube keine Erweiterung des Betriebes, ohne daß alte Maschinen ausgemustert werden müßten. [Vgl. ebenda, Geschäftsbericht 1934 vom 21. März 1935.] Der Umsatz stagniert bei 1.140.000 Reichsmark und die Belegschaft geht von anfangs 330 auf 281 Personen abermals zurück. Daran und an der starken gegenseitigen Konkurrenz der Unternehmen ändern auch Neustrukturierungen nichts:

 

„Die Wirtschaft ist bekanntlich neu geordnet worden. Die Fachverbände mußten aufgelöst werden. Jetzt gibt es Wirtschaftsgruppen. Wir gehören zur Wirtschaftsgruppe Textilmaschinen, Untergruppe Strick- und Wirkmaschinen. Leider hat die Gruppe ausdrücklich keine Machtvollkommenheit betr. der Preise im Inland, sodaß unglaubliche Preisunterbietungen nicht verhindert werden können. Wenn diese Funktion einmal auf die Fachgruppe übertragen werden wird, dann könnte schon gute Arbeit geleistet werden, denn die Gruppe umfaßt zwangsweise alle Fabriken, was beim Verband bedauerlicherweise nicht der Fall gewesen ist.“ [Ebenda]

 

Erst jetzt – zu einer Zeit, da bei Hilscher schon lang eine Ausweitung der rüstungsrelevanten Produktion nachzuweisen ist [u.a. anhand der Umbau- und Erweiterungspläne für die Drehmaschinenherstellung.] – beginnt Seyfert & Donner, sich in diesem Bereich umzusehen:

 

„Wir haben uns um Heeresaufträge bemüht, leider bis jetzt erfolglos. Sollte es uns noch gelingen, zugezogen zu werden, so würde unsrer eine große Arbeit harren, denn man verlangt sehr große Genauigkeit in den Arbeiten. Näheres darf nicht berichtet werden. Die Heeresaufträge scheiden sich in zwei Arten: Unteraufträge, welche von einer Firma für gewisse Teile ausgegeben werden und ganze Aufträge seitens der Heeresverwaltung. Die letzteren sind zu bevorzugen, weil Gewähr für eine längere Beschäftigung.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1934 vom 21. März 1935.]

 

Im Geschäftsbericht des darauffolgenden Jahres kann man zum „Kampf“ um die Heeresaufträge folgendes lesen:

 

„Wir sind etwa anderthalb Jahr zu spät gekommen, denn die Aufträge sind seit mindestens 1 Jahr in festen Händen. Immerhin ist es gelungen, nach und nach etwas Fuß zu fassen. Wir haben in der Hauptsache sog. Vorrichtungen für die Flugzeugindustrie bekommen und sind darin als gut bekannt geworden, sodaß wir jetzt dauernd zu tun haben. Es ist zu verstehen, daß die Militärverwaltung zunächst die Betriebe bevorzugt, welche im Norden von Deutschland liegen. Unser Sachsen galt bis Mitte des Jahres als Grenzland, darf aber jetzt teilweise hinzugezogen werden. An Heeresaufträgen haben wir 1935 für 70.000 RM in Auftrag gehabt.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1935 vom 23. März 1936.]

 

Und das ist viel Geld, wenn man bedenkt, daß der Umsatz für 1935 mit 882.000 Reichsmark erstmals nur sechsstellig ausfällt und die Beschäftigtenzahlen zwischen 277 und 303 stagnieren, während man beim Konkurrenten Hilscher gerade das neue „Gefolgschaftsheim“ eröffnet hat, um die Mittagsspeisung der stark gestiegenen Belegschaft weiterhin durchführen zu können.

 

„Der Rückgang des Umsatzes ist der Hauptgrund des ungünstigen Geschäftsjahres. Fast die ganze Zeit ist wöchentlich nur 3 Tage gearbeitet worden. Es war höchste Zeit, daß es gelang, Heeresaufträge zu erhalten. [...] Unsere Rettung liegt in der Forcierung von Aufträgen außerhalb der Strickmaschinenbranche, und nach dieser Richtung hin wird alles getan, was möglich ist.“ [Ebenda]

 

Die Ursache für die Misere bei den Strickmaschinen sieht Paul Donner im neuen Spinnstoffgesetz, da jetzt nicht nur Maschinen, sondern auch Rohwaren kontingentiert würden:

 

„Schacht hat gesagt, daß er völlig im Bilde darüber sei, daß das Gesetz eine schwere Schädigung der Textilmaschinenindustrie bedeute, daß aber der Staat zunächst für seine Sicherheit zu sorgen habe. Der Schluß, den man aus dem Gesagten leider ziehen muß, ist der, daß unser Geschäft wohl nicht eher eine Besserung erleben wird, als bis die Aufrüstung vollzogen sein wird und die dazu benötigten Devisen wieder für die Wirtschaft freigegeben werden können.“ [Ebenda]

 

Die Ansicht, die Gerd Höschle in seiner Arbeit zur deutschen Textilindustrie geäußert hat, die Unternehmer hätten vor allem deshalb wie paralysiert auf die Einschnitte von Seiten des Staates und seiner Akteure reagiert, weil sie vom Glaube an die Normalisierung der Zustände besessen waren, findet also an dieser Stelle seine vortreffliche Bestätigung. [Vgl. Höschle, Gerd: Die deutsche Textilindustrie zwischen 1933 und 1939, Staatsinterventionismus und ökonomische Rationalität, Stuttgart, 2004, S. 315.] Aber daß nach der „vollzogenen Aufrüstung“ der Krieg, und damit alles andere als die „Normalisierung“ kommt, das mag Paul Donner nicht in Erwägung ziehen.

 

Doch 1936 hat sich die Auftragslage wider Erwarten gebessert, der Umsatz steigt auf 1.341.000 Reichsmark und die Beschäftigtenzahl auf konstante 421:

 

„Immerhin würden wir eine ungenügende Beschäftigung gehabt haben, wenn wir uns nicht umgestellt gehabt hätten. Im Jahre 1935 hatten wir eine zusätzliche Beschäftigung durch Aufträge für die Flugzeugindustrie erhalten im Werte von 50.226.- M. Das Jahr 1936 brachte diese Ziffer auf 549.364.- M. Sicher ein schöner Erfolg. Z. Zt. Sind wir in Heeressachen überreichlich beschäftigt, sodaß wir sogar Aufträge ablehnen müssen. Der Grund hierfür ist die meist kurz gestellte Lieferzeit, ferner Mangel an Werkzeugmaschinen, in der Hauptsache Drehbänken, und in letzter Zeit sogar Mangel an guten Arbeitskräften. Wir bauen die Abt. F (Arbeiten für die Flugzeugindustrie) weiter aus, aber nach und nach, d.h. nach Maßgabe der Geldmittel, der erreichbaren Arbeitskräfte u.s.w.“ [StAC, Bestand 31034, Nr. 107, Geschäftsbericht 1936 (o.D.)]

 

Wenn man den obigen Angaben Donners folgt, habe sich der Anteil der Rüstungsproduktion also binnen Jahresfrist verzehnfacht. Gleichzeitig sinke die Bedeutung der Wirkmaschinen durch Kontingentierung der Garne (inländische Nachfrage) und der Tatsache, daß aufgrund der Abwertung die ausländische Konkurrenz um 30% billiger sein kann. Hier kam also endlich das zur Ausprägung, woran die sächsische Industrie spätestens seit dem Ende des Weltkrieges krankte; an der verschleppten Modernisierung nämlich, die allmählich zum Verlust der Konkurrenzfähigkeit auf den internationalen Märkten geführt hatte. Das spielte für den Textilmaschinenbauer angesichts neuer Betätigungsfelder aber kaum mehr eine Rolle:

 

„Das verflossene Geschäftsjahr hat endlich eine Wendung zum Besseren gebracht, so daß erstmalig wieder ein Gewinn errechnet werden konnte. So unangenehm an sich der Umstand ist, daß wir mit Bankkredit arbeiten müssen, hat es sich gezeigt, daß dieser nötig war, und daß er außer der hohen Bankzinsen keinen weiteren Nachteil zeitigt. Es fehlt uns eben Kapital, welches wohl oder übel von einer Bank genommen werden muß, wenn die Inhaber der Firma selbst versagen.

Unsere eigentliche Fabrikation, der Bau von Strickmaschinen, hat sich nicht steigern lassen, da der Mangel an Wolle und Baumwolle unserer Kunden hindert, ihren Betrieb zu vergrößern. Im Auslande haben wir schwersten Stand gegen unseren Konkurrent Dubied, welcher infolge der Abwertung des schw. Franken um ca. 30% billiger fabrizieren kann, als wir Deutschen.

Es war seinerzeit ein Gebot der Selbsterhaltung, daß wir uns zusätzliche Aufträge aus der Flugzeugindustrie und von anderen Maschinenfabriken versorgten. Nachdem wir 1935 zuerst mit großen Schwierigkeiten den Anfang machten (68.000,- M), kamen wir bereits 1936 gut vorwärts (376.000,- M [die „3“ ist im Original wellig unterstrichen, es muß wohl eine 5 sein, d. Verf.]) und sind jetzt auf einer Höhe angelangt, welche größer ist, als unsere eigene Fabrikation (1.417.000,- M). Der Umsatz 1937 betrug in Strickmaschinen

 

Inland

Ausland

 

fremde Aufträge

 

 

Die Zahl der Beamten und Arbeiter stieg von 421 auf 591 Mann.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1937 vom 4.3. 1938]

 

Interessant ist die Tatsache, daß nicht nur der Strickmaschinenbau gegenüber der Rüstungsproduktion weit ins Hintertreffen geraten ist, sondern das, was an Strickmaschinen produziert, überwiegend im Inland verkauft wird (im Vergleich zu den 70 Prozent Auslandsabsatz am Ende der Zwanziger Jahre).

 

Im Geschäftsjahr 1938 verstirbt Paul Otto Donner [geb. am 1. April 1876; gest. am 28. Oktober 1938]. Er hatte sein Unternehmen zuvor vollkommen zum Rüstungsbetrieb umgebaut. Mit dem Bau von Revolverdrehbänken, etc. erzielt er nun Gewinne, die mit 2.944.694 Reichsmark und 74 Pfennige wieder an die Maßstäbe der Zeit vor der Depression heranreichen. Auch die Zahl von 621 Arbeitern und 67 Angestellten künden von wiedererlangter Prosperität. Und die Aufforderung seitens der Behörden zur Einleitung von Luftschutzmaßnahmen und zur Sicherung der Produktionsbereitschaft im Kriegsfalle verweisen darauf, wie wichtig dieses Unternehmen inzwischen wieder geworden ist.

 

Ich komme auf dessen beredte Quellenüberlieferung im Abschnitt „Kriegsproduktion“ noch einmal zurück.

 

 

4. Unternehmen unter Nationalsozialistischer Ägide

 

4.1 Wirtschaftssystem, Eigentumsverhältnisse und unternehmerische Autonomie

 

Wenn es hier darum gehen soll, das Handeln von Unternehmern im Nationalsozialismus zu bewerten, dann stellt sich doch zunächst die Frage, wie groß eigentlich deren Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Systems waren. Ein „Primat der Politik“ heißt ja nicht notwendigerweise, daß die Wirtschaft keine Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Systems gehabt hätte. Für die „Großindustrie“ ist in den letzten Jahrzehnten viel zu diesem Thema gesagt worden, und trotz Abkehr von der früheren ideologiegeprägten Geschichtsinterpretation als „monokausalen Kaufakt“ (Eike Henning) läßt sich eine Beförderung der Machtübernahme und des Aufstiegs der Nazis durch wohlwollende Unterstützer und wirtschaftspolitische Steigbügelhalter nicht wegdiskutieren. Doch diese Großkonzerne sollen hier nicht das Thema sein. Nicht minder interessant und von Bedeutung ist nämlich die kleine und lokale Ebene. Es stellt sich doch die Frage, ob mittelständische Unternehmer ähnlich agierten, wie die großen Konzerne, nur eben im kleineren Maßstab. Paßten sie sich einfach nur aus Gründen der Fortexistenz an, oder griffen sie aktiv als politische Weichensteller und finanzielle Unterstützer ein? Basierte ein unternehmerisches Handeln allein auf der Grundlage wirtschaftlicher Erfordernisse – zum Beispiel das ökonomische Überleben einer Firma – oder spielte auch eine ideologische Überzeugung eine Rolle?

 

Problematisch ist die Frage nach den Spielräumen, die dem Unternehmer nach 1933 noch offen waren, autonome Entscheidungen zu treffen. Denn schon eine Einordnung des Nationalsozialistischen Wirtschaftssystems in gängige Schemata gestaltete sich widersprüchlich. Grundsätzlich sieht Gerold Ambrosius das Prinzip der privaten Eigentumsordnung fortgeführt, so daß Enteignungen „nur“ in Bereichen jüdischen und gewerkschaftlichen Besitzes vorgenommen wurden. [Vgl. Ambrosius, Gerold: Staat und Wirtschaft im 20. Jahrhundert, München, 1990, S.9.] Ähnliches sagt Ambrosius über die Marktverfassung, bei der – abgesehen vom Arbeitsmarkt, dem Außenhandel und der Landwirtschaft – auch hier generell das marktwirtschaftliche System beibehalten worden sei. Erst mit dem Vierjahresplan von 1936 seien die direktstaatlichen Eingriffe in der Form ausgeweitet worden, daß der Preismechanismus als Lenkungsinstrument der Produktion ausgeschaltet und durch unmittelbare Produktionsanweisungen, -kontrollen und Bewirtschaftungsmaßnahmen ersetzt wurde. Erst unmittelbar vor dem Kriegsbeginn habe man dann die bereits stark eingeschränkte Marktwirtschaft durch eine „Lenkungswirtschaft“ ersetzt und in der Folge dann auch planwirtschaftliche Elemente eingeführt. Nach Ambrosius sei dies aber immer noch keine „Zentralverwaltungswirtschaft“ gewesen. An den privaten Strukturen habe sich nichts geändert und Unternehmer der Rüstungswirtschaft hätten durchaus in Selbstverantwortung handeln können und auch sollen (von Seiten des Staates aus). [Vgl. Ambrosius, Staat und Wirtschaft (1990), S.11.]

 

Buchheim und Scherner weisen in ihrem Aufsatz zum Wirtschaftssystem des „Dritten Reiches“ mit Recht darauf hin, wie „schwammig“ die Begriffe „stark eingeschränkte Marktwirtschaft“ und „Lenkungswirtschaft“ (als Unterscheidung zu Planwirtschaft) sind, wobei in Ambrosius’ Diktion die „stark eingeschränkte Marktwirtschaft“ durchaus direkte Produktionsanweisungen aufzuweisen hat, während er für die Phase der „Lenkungswirtschaft“ gerade die Autonomie und Eigeninitiative der Unternehmer betont. [Vgl. Buchheim, Christoph/Scherner, Jonas: Das Wirtschaftssystem des „Dritten Reiches“, in: Abelshauser u.a., Wirtschaftsordnung (2003), S. 84.]

 

Ohne jetzt an dieser Stelle in die Debatte um korrekte Begrifflichkeiten und deren Abgrenzung einsteigen zu wollen, bleibt für diese Arbeit doch folgendes festzuhalten: Anders als in der Sowjetischen Besatzungszone nach 1945 blieb das Privateigentum an Produktionsmitteln vorderhand unangetastet. Die Unternehmer blieben autonome Führer ihrer Unternehmen. Das heißt aber: Wenn der Staat nicht Eigentümer der Industrie ist und trotzdem seine Vorgaben umgesetzt werden sollen, bedarf es gewisser wirtschaftspolitischer Mittel, damit er seine Interessen auf indirekte Weise gesichert weiß. Dies kann mit freundlichen Anreizen genauso gelingen, wie mit strenger Intervention. Für letztere Möglichkeit wurde mit dem Faserstoffgesetz bereits ein Beispiel aufgezeigt, das trotz seiner Rigidität offensichtlich kaum auf nennenswerte Gegenwehr stieß.

 

Für die deutsche Wirtschaftsgeschichte seit dem frühen 19. Jahrhundert ist eine in ständigem Wandel stehende Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft ein ausschlaggebender Faktor, wobei der Staat bald mehr, bald weniger in wirtschaftliche Vorgänge eingreift. Gerade in Schlüsselbereichen der nationalen Ökonomie wie das Montanwesen oder die Transport-, Energie- und Kommunikationsinfrastruktur sind entsprechende monopolartige Ein- und Übergriffe des Staates geradezu offensichtlich. Andererseits kooperierte der Staat auch eng mit Privatunternehmen, wenn es die Strukturen (nicht anders) zuließen. Dies alles sind also keine Gegenanzeigen für eine Marktwirtschaft und die Gesetzmäßigkeit ihrer Mechanismen, im Gegensatz zur Zentralverwaltungswirtschaft, bei der die Produktion und Investition ausschließlich nach staatlichen Vorgaben erfolgen.

 

Nach Buchheim und Scherner läßt sich die zentrale Frage danach, inwieweit nun im NS-System markt- oder planwirtschaftliche Zustände vorherrschten, in erster Linie daran ablesen, ob für den Unternehmer neben dem Privateigentum die Vertragsfreiheit gewährleistet gewesen sei, die es ihm ermöglicht, autonom über Produktion und Investition zu entscheiden. Die Kontingentierung von Güter- und Rohstoffimporten sehen die Autoren nicht als Anhaltspunkt, der von vornherein gegen eine marktwirtschaftliche Ordnung spricht. [Sie führen an, daß es Kontingentierungen auch in unstrittigen Marktwirtschaften gegeben hat, so z.B. in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Außerdem seinen Kontingentierungen in bestimmten Fällen auch zu umgehen gewesen.] Damit sind die Kontingentierungen vielmehr im Sinne von staatlicher Privilegierung bzw. Diskriminierung und damit als längst bekannter Vorgang im Spiel zwischen Staat und Wirtschaft zu begreifen. [Mit Ausnahme der Stahlindustrie nach 1937, siehe dazu Anmerkung 22 auf Seite 87.] Auch ließe sich kein generelles Investitionsverbot für die deutsche Industrie nachweisen, zumindest nicht flächendeckend. Staatliche Interventionen in die Investitionstätigkeit der Unternehmen, deren vereinzelte Existenz sie gar nicht abstreiten, seien jedoch nicht darauf aus gewesen, die selbstbestimmte Initiative des Unternehmers zu Investitionen in Frage zu stellen. Der Staat habe in diesem Sinne die privaten Verfügungsrechte zur Gestaltung der Zukunft eines Unternehmens lediglich beschränkt, nicht aber abgeschafft, wie es bei einer vollständigen staatlichen Entscheidungsgewalt über Investitionen der Fall gewesen wäre. [Vgl. ebenda S. 88/89.]

 

Andererseits stellt sich auch die Frage nach einem staatlichen Investitionszwang, vor allem natürlich in den rüstungs- und autarkiewichtigen Branchen, die den Erfolg des Krieges wesentlich beeinflußten. In jenen Schlüsselindustrien habe tatsächlich eine Fertigung nach direkten Vorgaben (z.B. Zeichnungen der Wehrmacht) stattgefunden, wobei die Investitionen für die Ersatzstoff- und Rüstungsfertigung formell auf vertraglichen Vereinbarungen zwischen Staat und Privatwirtschaft beruhte. Es müsse ferner zwischen unterschiedlichen Arten von staatlichen Garantien, Zuschüssen, Abschreibungen, Beteiligungen, Bürgschaften, etc. unterschieden werden, welche letztendlich die Form einer mehr oder weniger ausgeprägten staatlichen Risikoübernahme besaßen. [Vgl. ebenda, S. 89.] Obgleich auf diesem Wege der Staat unter Beisteuerung hoher Summen beteiligt gewesen war, gehen Buchheim und Scherner davon aus, „der Staat habe im allgemeinen keinen Zwang ausgeübt“ [Ebenda, S. 90.].

 

Die Autoren kommen zu dem Schluß, das NS-Regime habe stets angestrebt, unternehmerisches Handeln durch Kontingentierungen von Rohstoffen, Preismanipulationen und durch das Anbieten eines unersättlichen Absatzmarktes so zu dirigieren, daß man nicht mehr von einer liberalen Marktwirtschaft sprechen kann. Gleichzeitig fanden diese Eingriffe ihrer Meinung nach fast gänzlich auf indirekte Art und Weise und seltener mit Zwang statt, so daß man nicht von einer tatsächlichen Beschneidung autonomer, gewinn- und innovationsorientierter Beweggründe für unternehmerisches handeln sprechen kann. Wenn auch aus Sicht der Industrie das Konkurrenzpreissystem und der (internationale) Wettbewerb ausgeschaltet wurden, so betrachtete man auch dies nur als vorrübergehende Erscheinung.

 

Und tatsächlich: Für die lange Frist war man scheinbar vollkommen von der baldigen Wiederherstellung des gewohnten Wirtschaftsgefüges überzeugt. Dazu ein Beispiel: Seyfert & Donner führte auf dem Höhepunkt des Krieges eine Korrespondenz mit ihren alten Geschäftspartnern aus der Strickwarenbranche zwecks „Nachkriegsplanung“. In einem Brief vom 29. Juni 1944 erkundigt man sich bei einigen Strumpffabriken über den Bedarf an neuen Maschinen, wobei es die angeschriebenen Firmen durchaus begrüßten, daß sich Seyfert & Donner „in dieser besonders für unseren Industriezweig seit Jahren monotonen Zeit“ [Strick- und Wirkwarenfabrik/Apolda, StAC, Bestand 31034, Akte Nr. 28.] über derartige Zukunftspläne Gedanken mache. Leider wurde das Originalschreiben der Firma Seyfert & Donner vermutlich vernichtet. Nur über die verfügbaren Antwortschreiben der angesprochenen Firmen, läßt sich noch auf dessen Inhalt schließen. Die befragten Unternehmen sahen vor allem das Problem darin, daß nach dem Krieg voraussichtlich mit sehr viel weniger Arbeitskräften produziert werden müsse und meldeten daher vorsorglich reges Interesse an den hochproduktiven automatischen Maschinen der Firma aus dem Vorkriegsprogramm an.

 

Über jeden Zweifel erhaben, wird davon ausgegangen, daß man „nach dem Krieg“ mit dem alten Geschäftszweig einfach wieder von Null anfangen werde. Vom Verlust des Krieges oder gar einer anderen Wirtschaftsordnung ist keine Rede. Es ist demnach nicht verfehlt, wenn Buchheim und Scherner darauf verweisen, daß die Beschränktheit der wirtschaftlichen Möglichkeiten, insbesondere der totalen Kriegswirtschaft, von vielen Unternehmern nur als Übergangsphase betrachtet wurde, auf die alsbald wieder „normale Verhältnisse“ folgten, wenn der Krieg vorbei wäre. Allerdings verstand man wohl bei Seyfert & Donner genauso wie bei Hilscher unter diesem Kriegsende allein den bedingungslosen Sieg Deutschlands.

 

Wenn man der Analyse Buchheims und Scherners folgen darf, so kann man das Wirtschaftssystem des Dritten Reiches also eher als Phase der besonders starken Ausprägung jener staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft begreifen, wie sie für Deutschland lange Tradition hatten. Sie beide plädieren für den Begriff „gelenkte Marktwirtschaft“. Allerdings treten in diesem Verhältnis jetzt zunehmend unökonomische und vollkommen irrationale Grundsätze und Maßstäbe des „Staates“ zum Vorschein, was beispielsweise den Rassenwahn und die Blut-und-Boden-Ideologie angeht. Der wirtschaftende Unternehmer bekommt eine politische Komponente, ganz gleich, ob er dies beabsichtigt oder nicht. Für denjenigen, der die individuelle Schuld des Teilhabenden ergründen will, wird die Frage nach dessen tatsächlichen Engagement aber zum ausschlaggebenden Faktor.

 

 

4.2 Die Rolle der sächsischen Unternehmer beim Aufstieg des Nationalsozialismus

 

Für Sachsen an der Wende zum Hitlerfaschismus wird oft auf die Rolle verwiesen, die die Arbeiterschaft in diesem Prozeß gespielt hat. Das einstmals so „Rote Königreich“ wandelte sich schnell zur lokalen Hochburg der Nationalsozialisten. Diese Empfänglichkeit der Bevölkerung für die Extrempositionen der revolutionären Linken sowie der radikalen Rechten ist ein Merkmal für „Mitteldeutschland“, das sich in gewissem Maße sogar bis heute zeigt, wenngleich sich heute nach anderthalb Jahrzehnten demokratischer Praxis ein ungleich breiteres Spektrum der politischen Mitte etabliert hat, als man es nach der gleichen Zeitspanne an Weimarer Demokratie je hätte erwarten können. Die breite Masse vor allem der unteren Bevölkerungsschichten läuft dennoch Gefahr, politisch instrumentalisiert, und von den Radikalen als Sprungbrett zur Macht ausgenutzt zu werden.

 

Andererseits ist auch die Bedeutung der mittleren und oberen gesellschaftlichen Schichten nicht zu vernachlässigen, zu denen in Sachsen auch eine beachtliche Zahl mittelständischer Unternehmer zu zählen war. Deren Verhältnis zum politischen System der Weimarer Republik wurde nach Szejnmann vor allem durch zwei Faktoren geprägt: Einmal die konservative Grundhaltung als bürgerliche Elite mit nationalistischen und revisionistischen Tendenzen, die sich deutlich von der Arbeiterklasse abhob und die ihre Bewegung ablehnte und bekämpfte.

 

Dazu kam zweitens eine Mißstimmung innerhalb der eigenen Reihen die von den hausgemachten wirtschaftlichen Problemen der Verschleppten Modernisierung herrührte, wofür aber die Demokratie mit ihren Auswüchsen verantwortlich gemacht wurde. [Vgl. Szejnmann, Claus-Christian: Sächsische Unternehmer und die Weimarer Demokratie. Zur Rolle der Sächsischen Unternehmer in der Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs des Nationalsozialismus; in: Heß/Schäfer/Bramke/Listewnik (Hrsg.): Unternehmer in Sachsen, Aufstieg – Krise – Untergang – Neubeginn, Leipzig, 1998, S. 165...179, hier 169.] Zu diesen Auswüchsen zählte vor allem der angebliche Wohlfahrtsstaat. Die Arbeiterklasse hatte sich Zugeständnisse von Seiten der Politik erkämpft, die ein Dorn im Auge der Wirtschaft waren, weil Arbeitslosenversicherung und Tarifverträge gewissermaßen den Preis für menschliche Arbeitskraft stabilisierten und so der Kostendruck für die Unternehmer noch vergrößert wurde. Szejnmann verweist darauf, daß diese massive Gegenhaltung nach Ansicht einiger Historiker auch der Anlaß für die Unternehmer gewesen sei, letztlich eine Regierung unter Hitler zu favorisieren. [Vgl. ebenda, S. 172.] Dies muß aber eher als Wahl des kleineren Übels anzusehen sein, denn es wäre zu bezweifeln, ob die Mehrzahl der Unternehmer sich wirklich im Klaren über eine praktische Ausgestaltung Nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik gewesen sind, und falls doch, dann hätten bei den exportorientierten Sachsen auch genausogut die Zweifel überwiegen können. Doch die sich verschärfende Krise führte zunehmend dazu, daß Unternehmer der Situation immer weniger kühl analysierend, sondern vielmehr hysterisch hetzend entgegen traten. [Vgl ebenda, S. 174.] Demnach gab es sächsische Unternehmer, die bewußt die „Chance“ der tiefen Krise zu ergreifen suchten, um den demokratischen Sozialstaat endlich hinter sich zu lassen und von nun an von einer „starken Hand“ in ein neues Zeitalter wirtschaftlicher Expansion geführt zu werden. Außerdem galt, Hauptsache nicht mehr von den Bolschewisten beherrscht zu werden, wie es Paul Donner auszudrücken pflegte. In diesem Sinne schien die Nationalsozialistische Camouflage wirklich das „kleinere Übel“ darzustellen.

 

Viele Unternehmer der Region, die wirtschaftlich dem Untergang zusteuerten, und die sich in ihrem gesellschaftlichen Stand bedroht sahen, hegten wohl die Hoffnung, daß die Nationalsozialisten ihre Wirtschaft so schützen würden, daß man auch trotz fehlender internationaler Konkurrenzfähigkeit wieder an alte wirtschaftliche Erfolge anknüpfen könnte. So hoffte man wohl, ohne die dringend notwendige Modernisierung der alten Industrien auszukommen und so den bevorstehenden Strukturwandel weiter aufschieben zu können. Die Angst vor dem Verfall trieb Unternehmer in die Radikalität. Martin Mutschmann, dessen Plauener Spitzen Fabrikation nicht vor dem Untergang zu retten war, ist sicherlich als ein extremes Beispiel dafür anzusehen.

 

Die Wirkmaschinenfabrik Hilscher und ihre Unternehmensführung ließen äußerlich auf den ersten Blick keine Radikalität vermuten. Für die Chemnitzer Öffentlichkeit galt man als Firma von Weltruf. In den Zwanziger Jahren, als der Bau der automatischen Strickmaschinen floriert, lebt das Unternehmen von den breiten Ausfuhrbeziehungen nach Ost und West. Erst als die Situation kippt, Aufträge storniert und gelieferte Maschinen nicht bezahlt werden, findet eindeutig ein Stimmungswechsel statt, der sich nicht nur durch nationalistische Töne im Schriftverkehr bemerkbar macht, sondern offenbar auch das öffentliche Auftreten bestimmt.

 

Aus dieser Tatsache heraus ergibt sich aber nicht die Begründung für den bis heute anhaltenden Ruf der Firma Hilscher, die Führer dieses prosperierenden mittelständischen Unternehmens seien seit jeher überzeugte Nationalsozialisten gewesen. Um so überraschter war ich, als ich bei der Bearbeitung des Bestandes diese vermeintlichen Vorurteile bestätigt fand, da nämlich Hilscher nicht erst unter Existenzängsten den Weg zu den Nazis suchte, sondern man schon in der Zeit bester wirtschaftlicher Erfolge den nationalsozialistischen Umsturz gewollt und dessen Protagonisten tatkräftig unterstützt hat.

 

 

4.3 Ideologie als Moment unternehmerischen Handelns am Beispiel der Familie Hilscher

 

„Obwohl die meisten Großunternehmer keine Demokraten waren und zur Destabilisierung der Weimarer Republik beigetragen haben, war eine Unterstützung der NSDAP von ihrer Seite finanziell wie durch Einflußnahme die Ausnahme, nicht die Regel. Wir wissen weniger von der politischen Tätigkeit der mittleren und kleineren Unternehmer. Da sich die NSDAP aber weitgehend selbst finanzierte, können etwaige Geldspenden von solchen Unternehmen nicht von großer Bedeutung für ihren Aufstieg gewesen sein. Und bei den Ereignissen, die Hitler schließlich an die Macht brachten, spielte das Unternehmertum keine nennenswerte Rolle. Politisches Gewicht und politischer Einfluß, nicht wirtschaftliche Potenz, gaben beim Zustandekommen des Dritten Reiches den Ausschlag.“ [Turner, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz; in: Gall, Lothar/Pohl, Manfred (Hrsg.): Unternehmen im Nationalsozialismus, München, 1998, S. 15…23, hier 16/17.]

 

Anscheinend verführen die totalitären Machtstrukturen des NS-Regimes den Historiker dazu, die historische Beurteilung dieser Ära hauptsächlich über den Blick zu den Führerpersönlichkeiten vorzunehmen. Dieses Vorgehen kann sich aber bei der Erforschung tieferer Zusammenhänge schnell als Sackgasse erweisen. Denn läßt sich für den Aufstieg des Nationalsozialismus eine Korrelation mit dahingehender unternehmerischer Unterstützung schon allein durch die Feststellung entkräften, daß dieser Faktor nun gerade für HITLERs Emporkommen KEINE Rolle gespielt habe? Rechtfertigt dies den Schluß Turners, die finanzielle Unterstützung durch die Unternehmer sei „nicht von großer Bedeutung für ihren Aufstieg“ gewesen, wobei er mit „ihr“ die NSDAP meint? Werner Plumpe bestätigt in seiner „Zwischenbilanz“ zu den Unternehmen im Nationalsozialismus diese These Turners. [Vgl. Plumpe, Werner: Unternehmen im Nationalsozialismus, Eine Zwischenbilanz; in: Abelshauser/Hesse/Plumpe (Hrsg.): Wirtschaftsordnung, Staat und Unternehmen, Neue Forschungen zur Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, Essen, 2003, S. 243…266, hier S. 246.] Doch der Aufstieg der NSDAP kann wohl kaum als deutschlandweit homogen verlaufener Vorgang betrachtet werden. So wie erst verhältnismäßig spät als Voraussetzung für neue Impulse in der Erforschung der Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus erkannt wurde, daß die Untersuchungen auf einzelne Unternehmen verlagert werden müssen, muß deckungsgleich dazu im Interesse präziser Aussagen natürlich auch das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik in den unteren Ebenen des Regimes analysiert werden. Nicht nur der Führer selbst, sondern seine lokalen Stellvertreter sind hier ausschlaggebend. Gerade Sachsen ist nach dem Röhm-Putsch mit „eine[r] fast grenzenlose[n] Alleinherrschaft Mutschmanns“ [Wagner, Andreas: Partei und Staat. Das Verhältnis von NSDAP und innerer Verwaltung im Freistaat Sachsen 1933-1945; in: Vollnhals, Clemens (Hrsg.): Sachsen in der NS-Zeit, Leipzig, 2002, S. 41…56, hier S. 50.] für solche Stellvertreterstrukturen beispielgebend. Außerdem gibt Turner ja selbst an, zu wenig über die Rolle mittlerer und kleinerer Unternehmen sagen zu können. Analog dazu ließe sich die Situation für die „kleinen Führer“ begreifen.

 

Es stellt sich also die Frage, wie diese Partei und deren Wortführer auf lokaler Ebene an Boden gewinnen und so dem Führerstaat die Basis erstellen konnten und ob der Wirtschaftselite eine Teilhabe daran nachgewiesen werden kann. Der Durchbruch der NSDAP in Sachsen ist eng verbunden mit dem Triumph gegenüber deren Konkurrenz innerhalb des eigenen politischen Spektrums (vor allem der „Deutschvölkischen Freiheitsbewegung“), was ihr ab dem Frühjahr 1927 einen regen Zulauf aus dem weit versprengten rechtsradikalen Klientel einbringt. [Vgl. Vollnhals, Clemens: Der gespaltene Freistaat: Der Aufstieg der NSDAP in Sachsen; in: Vollnhals, Clemens (Hrsg.): Sachsen in der NS-Zeit, Leipzig, 2002, S. 9…40, hier S. 21.] Zu diesem „Zulauf“ gehörte auch Manfred von Killinger, der nach dem Verbot des „Wiking“ von 1927 der NSDAP beitrat und gleichzeitig einen hohen Posten in der SA innehatte. Bei den Landtagswahlen im Mai 1929 trat die Partei in der Region Chemnitz-Zwickau mit einer solch aggressiven Propagandamaschinerie auf, daß beinah die Hälfte der sachsenweit für die NSDAP abgegebenen Stimmen aus dem hiesigen Wahlkreis stammten. [Vgl. Ebenda, S. 22.]

 

„Den Vorsitz der fünfköpfigen NSDAP-Fraktion übernahm Kapitänleutnant a.D. Manfred von Killinger (1886-1945), der als bekannter Freikorpsführer der Brigade Ehrhardt zweifelhaften Ruhm genoss. Er hatte 1921 als führendes Mitglied der Geheimorganisation Consul den Befehl zur Ermordung des Zentrum-Politikers Matthias Erzberger gegeben, war jedoch von einem nachsichtigen Gericht freigesprochen worden. Nach weiteren Inhaftierungen und einer Verurteilung wegen Geheimbündelei, die er aufgrund einer allgemeinen Amnestie nicht verbüßen musste, betätigte sich von Killinger, dessen Eltern ein Freigut bei Nossen besaßen, in leitender Position in den Wehrverbänden Werwolf und Bund Wiking, einer Nachfolgeorganisation der Brigade Ehrhardt. Die Ernennung des amtsbekannten Terroristen zum Fraktionsvorsitzenden war eine blanke Provokation, die unter normalen Umständen zum Abbruch jeglicher parlamentarischen Zusammenarbeit hätte führen müssen. Denn von Killinger, der zuletzt die SA-Gruppe Mitte leitete, propagierte unverhohlen den Bürgerkrieg. Im Dezember 1929 drohte er den SPD-Abgeordneten im Landtag für den Fall eines nationalsozialistischen Sieges: ‚Wir werden ihnen den Fehdehandschuh hinwerfen in Form von abgeschlagenen Köpfen eurer Oberbonzen’.“ [Ebenda, S. 23.]

 

Als Oberkommandierender der SA mit eigenen ausgeprägten Befehlsstrukturen innerhalb dieser Organisation, war ein schwelender Machtkampf mit der Gauleitung Sachsen vorprogrammiert, der „zum offenen Konflikt eskalieren [sollte], als nach der Machtübernahme 1933 von Killinger und Mutschmann in ihren neuen Funktionen als Ministerpräsident bzw. Reichsstatthalter in Sachsen aufeinanderstießen“ [Ebenda, S. 30.] Letztendlich wurde Manfred von Killinger genau von dem radikalen System „kaltgestellt“, das er als einer der eifrigsten und fanatischsten Protagonisten selbst mit aufgebaut hatte.

 

In der Akte 51 des Bestandes 31031, Hilscher Wirkmaschinenfabrik, ist nun ein Briefwechsel zwischen dem Kapitänleutnant und dem jüngsten Mitglied der Unternehmerfamilie, dem 1899 geborenen Edgar Hilscher, erhalten geblieben. Diese Korrespondenz ist insofern von interessantem dokumentarischen Wert, da sie ein nicht wegzudiskutierendes Beispiel für die Verflechtung des Unternehmertums mit der Nationalsozialistische Führungsschicht liefert, auch wenn die Aktenüberlieferung augenscheinlich nur fragmentarisch vorliegt und aufgrund des frühen Todes Edgar Hilschers im Frühjahr 1934 noch vor der Eskalation der Auseinandersetzung zwischen von Killinger und Mutschmann unvermittelt abbricht. Es mag eher dem Zufall zu verdanken sein, daß sich eine solch ganz und gar private Korrespondenz in einem Bestand finden läßt, von dessen insgesamt 153 Akten nur relativ wenige mit persönlichen Briefen der Unternehmerfamilie aufwarten.

 

Die Korrespondenz beginnt mit einem verschollenen Schreiben vom 6. August 1927 vermutlich damit, daß von Killinger bei Edgar Hilscher anfragt, ob dieser ihm nicht eine Anstellung versorgen könne. Denn im Durchschlag des erhalten gebliebenen Antwortschreibens teilt Hilscher mit, er habe sich zwar um die Verwendungsmöglichkeit von Killingers in der “Chemischen Studiengesellschaft“ erkundigt, könne ihm aber noch keinen positiven Bescheid geben. Kurz nach dem Verbot des Wiking wird sich Manfred von Killinger also nach einem neuen Betätigungsfeld umgeschaut haben und er muß zu Edgar Hilscher ein solch enges Verhältnis gehabt haben, daß er ihn bittet, sich persönlich für ihn einzusetzen.

 

Ferner teilt Hilscher auf eine zweite Frage in von Killingers verschollenem Brief sehr zurückhaltend mit, er wisse nicht, wie seine zukünftige Unterstützung der „Vaterländischen Organisation“ aussehen werde und er müsse erst mit Herrn E. (gemeint ist Erhardt) darüber sprechen. Er bedauert, daß nach Auflösung des Wiking eine Zersplitterung der Bewegung eingetreten ist und daß der Stahlhelm als finanziell stärkster Verband viele Wikingleute aufgesaugt habe:

 

„Wie ich Ihnen schon früher erklärt habe, bin ich kein Freund von Zersplitterungen und Eigenbrötelei und möchte, wie gesagt, heute noch nicht definitiv Stellung zu der Frage nehmen“ [StAC, Bestand 31031, Nr. 51, Brief vom 13. August 1927.]

 

In der Rückantwort vom 15. August bietet von Killinger an, bei einem Besuch in Chemnitz persönlich mit Hilscher über die Problematik des Stahlhelms zu sprechen:

 

„Ich werde ihnen asueinandersetzen [sic], warum die Zusammenkunft mit dem Stahlhelm gescheitert ist. Jeder rechtlich denkende Mensch wird mir zugeben müssen, dass wir den ehrlichsten Willen gezeigt haben, und dass es nicht an uns gelegen hat, dass wir nicht zusammengekommen sind. […] Ich sage Ihnen ganz offen, dass ich auf die nationale Einheitsfront pfeife hier in Sachsen, nachdem sie an der Unzulänglichkeit, Eitelkeit, Unversöhnlichkeit der Stahlhelmleitung gescheitert ist. Was gestern in Wien passierte, kann heute in Sachsen eintreten, darum gibt es in Zukunft für mich nur eins: Ein festgefügtes Corps von 2500 Mann zusammenzustellen, ohne rechts und links zu gucken, die andern können machen was sie wollen, ich kümmere mich nicht um sie. Meine Aufgabe ist vollkommen klar umrissen und ich weiss nun ich schaffe es. Dass die unsaubern Brüder in Chemnitz, von den Offizieren angefangen, weg sind, grüsse ich. […] Das Corps werde ich so festigen, dass es mehr leisten wird, wie 10 000 Stahlhelmer, die nur von Bierbankpolitik, und Intriguenspiel [sic] leben. Ich habe sie leider erkannt.“ [Ebenda, Brief vom 15. August 1927.]

 

Das Zögern Hilschers in Sachen einer Unterstützung für v. Killinger, wertet dieser als Absage und bedauert, sich nun anderweitig Hilfe einholen zu müssen:

 

„Ich muß mich allerdings dabei an Kreise wenden, die mir nicht liegen. Bei ihnen weiss ich, was sie sind und wie sie denken, da hab ich keinerlei Bedenken, sondern feldenfestes [sic] Vertrauen, was bei anderen Kreisen nicht der Fall ist.“ [Ebenda]

 

Die Tatsache, daß Edgar Hilscher die nun folgende Beantwortung dieses Briefs seinem Prokuristen überläßt, deutet auf zwei Dinge hin: Erstens ist Hilscher – wie es im Brief offen zum Ausdruck kommt – durch sein florierendes Geschäft derart in Anspruch genommen, daß er keine Zeit hat, und zweitens mangelt es ihm wohl aus demselben Grund auch vorläufig noch an Interesse. Zum Ausgleich läßt er von Killinger aber 200 Reichsmark in Form eines Schecks übermitteln, um ihm „zu ermöglichen, über die schwerste Zeit des Anfangs hinwegzukommen“. [Ebenda, Brief vom 20. August 1927.] Doch weitere Briefe der Folgezeit geben über die fortwährende finanzielle Unterstützung Edgar Hilschers für von Killinger Auskunft, der mittlerweile seine Organisation in den Bund Oberland überführt hat:

 

„Erfreulicherweise ist ja nun durch unser Eintreten in Oberland eine Annäherung zwischen Weber und E. erfolgt. Der Faden war durch die 23-er Ereignisse abgerissen, wo Oberland auf Seiten Hitlers stand. So kommt E. in Verfolg seines Einheitsprogramms wieder einen Schritt weiter.“ [Ebenda, Brief vom 18. Oktober 1927.]

 

Ab Dezember 1927 zahlt Hilscher auf eigenen Wunsch monatlich 200 Reichsmark direkt an Manfred von Killinger (ausdrücklich ohne Umweg über die „Centrale“):

 

„Ich werde Kapitän E. von dieser Ihrer Entscheidung unterrichten. Dass dann natürlich nichts mehr an die Centrale abgeführt wird, ist selbstverständlich, denn das Opfer, was Sie bringen, ist wirklich gross, und ich kann Ihnen nur im Namen des Bundes meinen besten dank aussprechen. Wenn mehr so dächten und handelten, wie Sie, lieber Herr Hilscher, wären wir ein gut Stück weiter.“ [Ebenda, Brief vom 14. Dezember 1927.]

 

Als „Anhänger Ehrhardts“ erhält Edgar Hilscher jetzt regelmäßig die sog. Erhardtbriefe, was aus einem Schreiben vom 4. Juni 1928 hervorgeht. Zudem erfährt man, wie von Killinger nun engen Kontakt mit "Hauptmann von Pfeffer" (gemeint: Franz Pfeffer von Salomon) pflegt, dem Führer der Nationalsozialistischen Sturmabteilung. [Vgl. Ebenda, Brief vom 4. Juni 1928.] Kurz zuvor war er Mitglied der SA und der NSDAP geworden. Ferner beklagt er in diesem Brief den Ausgang der Wahl 1928, die eine „erhebliche Stärkung des kommunistischen Lagers“ hervorgebracht hätte. Doch bereits ein Jahr später kann er kurz nach den besagten Wahlen vom Mai 1929 stolz berichten:

 

„Nun ist die Wahlschlacht vorbei. Wir haben wie die Pferde gearbeitet und Erfolg gehabt. Es kann nun kommen wie es will, ein rotes Sachsen ist unmöglich. Man wird wohl die grosse Koalition anstreben. Wenn nicht eine bürgerliche Regierung allerdings von unsern Gnaden.

Ich habe nicht weniger als 56 mal geredet und bin ganz rammdösig. Nun wo ich immun bin muss mit aller Energie an den Ausbau der Organisation gegangen werden. Ich hoffe, dass Sie mir auch fernerhin Ihre bewerte [sic] Unterstützung zuteil werden lassen. Momentan haben wir Schulden wie ein Leutnant. Ich bitte Sie daher mir das Geld für Mai zu übersenden, obgleich ich noch nicht mit einem E-Brief aufwarten kann. […]

Jedenfalls können wir mit dem Resultat unserer Arbeit zufrieden sein und auch Sie können sich ein grosses Verdienst auf ihr Konto buchen, da Sie ja zur Schlacht die Munition geliefert haben.“ [Ebenda, Brief vom 13. Mai 1929.]

 

Ein Brief vom 15. Juni 1929 offenbart, daß von Killinger bis zu diesem Zeitpunkt die direkten Zahlungen, die er von Edgar Hilscher bekam, ohne dessen Wissen vor den Nationalsozialisten (also der NSDAP) geheimgehalten hat, was erst aufgedeckt wird, als der NSDAP-Bezirksleiter Arno Schreiber seinerseits bei Hilscher nachfragt ob, dieser nicht die NASDAP unterstützen wolle. Es entsteht damit der Eindruck, daß Manfred von Killinger lange versucht hat, eine Bewegung unabhängig von der NSDAP aufzubauen. [Und nicht daß er, wie von mir noch im Findbuch angenommen, den Aufbau der NSDAP vorantrieb. „Seine“ Bewegung liegt in der Tradition der Brigade Erhardt und des Consul und scheint jedenfalls anfänglich nicht gleichbedeutend mit der gesamten NSDAP!] Nun gerät er gegenüber dem verwunderten Edgar Hilscher etwas in Erklärungsnot:

 

„Ich hatte diese Ihre Unterstützung absichtlich gegenüber den Nat.Soc. geheim gehalten, weil ich annahm, dass es auch in Ihrem Sinne sei, dass das Geld hauptsächlich für die 'Leserschaft der E,-Briefe in Sachsen' Verwendung finden solle, da diese ja innerhalb der NSDAP als aktivistischste und zuverlässigste gelten sollen und dementsprechend von mir eingestellt werden sollen.“ [Ebenda, Brief vom 15. Juni 1929.]

 

Von Killinger läßt nun anfragen, ob Hilscher die Summe zwischen ihm und der NSDAP aufgeteilt haben wolle. Dieser teilt ihm daraufhin mit, daß alles beim alten bliebe:

 

„Ich halte es in diesem Falle auch für richtiger, daß die Unterstützung nicht der hiesigen Ortsgruppe zur Verfügung steht, da die Beträge dann mit Kleinigkeiten verzettelt werden, sondern ich will meinen Beitrag an die Stelle abgeführt wissen, die immer das Große Ganze im Auge hat.“ [Ebenda, Brief o.D.]

 

Im Sommer 1931 muß Edgar Hilscher aber die Zahlungen aufgrund der schlechten geschäftlichen Verhältnisse unter größtem Bedauern einstellen:

 

„Durch die schlechte Beschäftigungslage meines Betriebes arbeite ich zur Zeit mit erheblichem Verlust; dazu kommt noch der schlechte Geldeingang und die überaus grossen Verluste an den Aussenständen, sodass ich gezwungen bin, meine Ausgaben auf das äusserste einzuschränken. Ich habe Ihnen die Zuschüsse immer sehr gern zukommen lassen und der Wegfall der Unterstützung wäre nie in Frage gekommen, wenn mich die Verhältnisse nicht dazu veranlassen würden. Ich nehme an, dass ich ihnen über die schwierigsten Zeiten mit hinweggeholfen habe und das Ihre Partei nunmehr so gefestigt ist, dass die Entziehung meiner Hilfe nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Ich bitte zu berücksichtigen, dass ich Ihre hiesige Ortsgruppe dauernd mit grösseren Beträgen unterstützt habe.“ [Ebenda, Brief vom 2. Juli 1931.]

 

Im Jahr der Machtübernahme ist es Edgar Hilscher, der nun Bittgesuche stellt: Er ist – wie er selbst sagt – begeisterter Flieger, doch seine Zuteilung zum aktiven Fliegersturm stößt aufgrund der fehlenden Parteizugehörigkeit auf Schwierigkeiten. Er erinnert Manfred von Killinger daran, daß sie schließlich Kampfgenossen erst im Wiking und dann im Stahlhelm, in dem er übrigens heute noch Mitglied sei, gewesen sind und er bittet den neuen Ministerpräsidenten, sich doch als Fürsprecher für seine baldige Aufnahme in die NSDAP einzusetzen. [Vgl. ebenda, Brief vom 21. 8. 1933.] Außerdem gratuliert er persönlich Arno Schreiber zu dessen Ernennung zum Oberregierungsrat, nachdem sie beide bezüglich der Parteiaufnahme in engem Schriftkontakt gestanden hatten, als Schreiber noch Staatskommissar im Büro des Ministerpräsidenten war. Aus einem solchen Schreiben geht hervor, daß Hilscher Mitte Januar 1934 noch nicht aufgenommen gewesen ist, immerhin fast ein halbes Jahr nach dessen ersten Befürwortungsgesuch an von Killinger.

 

Edgar Hilscher besaß als aktiver Flieger seit 1929 ein eigenes Sportflugzeug. Am 16. März 1934 stürzte er mit diesem ab und verstarb am selben Tag. Obwohl in diesem Zusammenhang bei aller Recherche (auch mit Hilfe aufgefundener Aktenzeichen der Staatsanwaltschaft) keine Belege dafür zum Vorschein kamen, drängt sich der Verdacht auf, daß der Absturz kein bloßer Unglücksfall gewesen ist. Edgar Hilscher hatte vermutlich eine Geliebte, für die er einiges an Geld ausgegeben hat. Diese Frau begeht am 17. März 1934 Selbstmord, einen Tag nach Edgar Hilschers Absturz.

 

Mit dem Tod Edgar Hilschers endet aber keinesfalls das Engagement der Familie bzw. der Unternehmensleitung für das Nationalsozialistische Regime, es ist nur schwieriger zu erkennen, wer handelt und in wessen Auftrag. So lassen sich für die Dreißiger und Vierziger Jahre Mitgliedschaften in beinah 50 Vereinigungen und Organisationen vor allem anhand von Mitgliederkarten und Beitragszahlungen direkt nachweisen, darunter auch einige, die eindeutig rechtskonservativ oder nationalsozialistisch sind, wie das Winterhilfswerk, das NSKK, der Volksbund für das Deutschtum im Ausland, die Nationale Einheitsfront, der Deutsche Fichte-Bund – Reichsbund für Deutschtumsarbeit – Union für Weltwahrheit, der Verband Deutscher Kriegsveteranen, usw. Darüber hinaus finden sich noch Mitgliedschaften in einer Unmenge an regionalen Vereinen und Wirtschaftsverbänden [Für ausführlichere Informationen siehe Findbucheinleitung: Kröger, Marco: Findbuch zum Bestand 31031, Fa. G. Hilscher, Wirkmaschinenfabrik Chemnitz, Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz, 2006, S. VIII/IX.], wie Auslandsvertretungen der Handelskammer oder dem „Verein Creditreform“, der Hilscher Auskünfte über in- und ausländische Geschäftspartner erteilt, ganz gleich, ob es sich dabei um Fragen der Zahlungsfähigkeit oder der arischen Abstammung dreht.

 

Zwar ist nicht erkennbar, inwieweit man sich tatsächlich persönlich für diese Organisationen engagierte, doch anhand der Beitragsquittungen ist ersichtlich, daß die Firma jährlich hohe Geldbeträge für diese Mitgliedschaften ausgegeben haben muß. Dabei sind die Quittungen faßt ausschließlich auf „Firma G. Hilscher“ ausgestellt, so daß oft kaum nachvollzogen werden kann, ob Adele Hilscher Mitglied war oder ihre Firma (denn Adele Hilscher taucht im Schriftverkehr der Firma so gut wie nie mit ihrem Namen auf, fast alles ist mit „per procura G. Hilscher“ unterzeichnet).

 

Ab Dezember 1933 spendet Hilscher großzügig an das Winterhilfswerk mit monatlichen Beträgen von anfänglich mehreren hundert Mark, später 1000,- und 1800,- Mark. Die alljährliche Adolf-Hitler-Spende beläuft sich 1934 noch auf 3778,- Mark, 1936/37 sind es schon 8286,- Mark und bis zum Winter 1941/42 steigt sie schließlich auf 10.184,- Mark. [Vgl. StAC, Bestand 31031, Fa. G. Hilscher, Nr. 126.]

 

Wenn für die Zwanziger Jahre bislang von einer ausgeprägten Feindschaft zwischen Unternehmertum und Arbeitern die Rede war, so erweckt der Bestand der Firma Hilscher in seiner Gesamtheit den Eindruck, als habe man nach der Machtübernahme einen Bund mit der Arbeiter- und Angestelltenschaft geschlossen. Es wird nun nicht mehr von Arbeitern, sondern von „Gefolgschaft“ gesprochen. Statt einer bloßen Kantine, wird ein „Gefolgschaftsheim“ gebaut [Zu dessen Einweihungen vor Begeisterung sogar ein Film auf teurem 35mm-Material gedreht wird. Noch eindrucksvoller ist der Film „Zum Gedenken an Edgar Hilscher“, der aus dem verunglückten Betriebsführer einen Helden werden läßt.] und es wird eine „Gefolgschaftskasse“ [Vgl. StAC, Bestand 31031, Fa. G. Hilscher, Akten 190 und 193.] gestiftet, die den Namen der gnädigen Frau Fabrikbesitzerin trägt. Nicht ohne Grund erinnert der Status „Gefolgschaftsmitglied“ regelrecht an die Wesenszüge des „Volksgenossen“.

 

Besondere Bedeutung für das Erwecken von Zusammengehörigkeitsgefühl im Zustand des „Totalen Krieges“ hat die firmeneigene Propagandamaschinerie in Form der Betriebszeitung „Hilscher Feldpost“. Es sind Manuskripte dieser Zeitung erhalten geblieben, die deutlich machen, daß die Betriebsführerin Adele Hilscher, der stellvertretende Betriebsführer Lemke und der Betriebsobmann Borlinghaus bedingungslos hinter dem nationalsozialistischen Regime standen und versuchten, die Belegschaft mit Hilfe ideologischer Durchdringung zum Durchhalten zu gewinnen:

 

„[...] Das Deutsche Volk hat diesen Krieg nicht gewollt, der Führer hat ihn bis zum letzten zu vermeiden gesucht. Heute wissen wir, daß der uns aufgezwungene Kampf unausweichlich war, weil die Feinde Deutschlands unsere Vernichtung unter allen Umständen gewollt haben und noch wollen. Nach den vom Juden jahrzehntelang geschmiedeten Plänen soll der von ihm großgezüchtete Bolschewismus die alten Kulturvölker Europas überfluten und niederwalzen, während auf der anderen Seite der anglo-amerikanische Imperialismus dazu dienen soll, dem Juden die kapitalistische Ausbeutung des gesamten übrigen Erdballs zu ermöglichen.

Erst jetzt vermögen wir die ganze Größe der uns bedrohenden Gefahr richtig zu übersehen. Es ist ein Kampf, der gigantische Ausmasse angenommen hat. [...]

Wie durch ein Wunder der Vorsehung ist uns im Augenblick dieser aufziehenden ungeheuren Gefahr der Führer erstanden, der die Zusammenhänge richtig erfasst und gerade noch rechtzeitig die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Abwehr geschaffen hat. In diesen 4 Kriegsjahren ist Gewaltiges erreicht worden, dank des heldenhaften Einsatzes unserer unvergleichlichen Wehrmacht und dank des unermüdlichen Fleisses unser schaffenden Heimat.

Angesichts der erwiesenen Unmöglichkeit, uns militärisch niederzuschlagen, setzt der Gegner alle seine Hoffnung darauf, uns durch einen langen Zermürbungs- und Nervenkrieg in die Kniee [sic!] zu zwingen. Daher auch seine feigen Terrorangriffe aus der Luft auf die friedliche Zivilbevölkerung.

Gegenüber dieser Sachlage gibt es nur eines für uns: daß jeder einzelne auf seinem Posten und an seiner Stelle, im Felde, wie in der Heimat, sein letztes hergibt, um im größtmöglichen Umfange zum Siege beitragen zu helfen. Daß dieses seitens unserer Kameraden hier in der Heimat in vollem Maße geschieht, dafür darf ich mich Euch im Felde gegenüber als Garant betrachten und kann die Versicherung abgeben, daß die harte Kriegszeit unsere Betriebsgemeinschaft noch mehr zusammengeschweißt und gefestigt hat und daß jeder einzelne in vorbildlichem Einsatz treu und unverdrossen seine Pflicht erfüllt.

 

Alles übrige aber wollen wir gläubig und in unerschütterlichem Vertrauen unserer überlegenen Führung, vor allem unserem genialen Führer und nicht zuletzt unserem Herrgott überlassen! Der Übermacht der Feinde an Zahl und Material müssen wir die Kraft des Geistes, den starken Glauben des Herzens und den unbeugsamen Willen zum Leben und damit zum Siege entgegensetzen. [...]

 

Heil Hitler!

 

Euer stellvertretender Betriebsführer Lemke z.Zt. Major bei der Wehrmacht.“ [Aus dem Feldpostbrief Lemkes: „Meine lieben Kameraden bei der Wehrmacht !“, erschienen in der Betriebszeitung: “Hilscher Feldpost“ (ohne Datum, vermutlich 1943); in: StAC, Bestand 31031, Akte Nr. 156.]

 

In der Ausgabe vom Herbst 1943 schreiben Borlinghaus und Adele Hilscher:

 

„Vor vier Jahren mußte das deutsche Volk zum Schwert greifen, um die frechen polnischen Herausforderer in ihre Schranken zurückzuweisen. Alles hoffte, daß die Auseinandersetzung zwischen dem Reich und Polen örtlichen Charakter behalten werde. Aber dies entsprach durchaus nicht den Wünschen und Zielen unserer westlichen Nachbarn, die mit Neid und Haß den neuen Aufstieg Deutschlands verfolgt hatten. Frankreich und England, gestützt auf nordamerikanische Garantien, griffen ebenfalls zu den Waffen, um über Deutschland herzufallen. Die Sowjet-Union und die USA schlossen sich der neuen Einkesselung Deutschland an. Großen, geschichtlich einmaligen Siegen sind teilweise bittere Rückschläge gefolgt. Wir haben keinen Grund, dies zu beschönigen. Ein Krieg welcher die ganze Welt ergriffen hat, und die politischen Grenzen ganzer Erdteile grundlegend ändern wird, dazu gegen Gegner geführt werden muß, die unter Nichtachtung aller menschlichen Gesetze brutal das ganze deutsche Volk für alle Zeiten ausrotten wollen, ist nun eben kein leichter Waffengang, sondern ein harter, schwerer Schicksalskampf. Unser Glaube an die deutsche Führung aber ist unbegrenzt und unerschüttert. […] Wir sind uns bewußt, daß es um Sein oder Nichtsein der Nation geht, um ein Leben in wahrer Freiheit und Würde in einem großen, schönen Vaterland, oder um ein knechtiges Verkommen unter fremder Herrschaft. Wenn wir heute durch die Werksäle und Kontore schreiten und überall nimmermüde Frauen- und Männerhände rüstig schaffen sehen, um für die Front Waffen zu schmieden, dann fühlen wir, daß alle diese Menschen den Sinn dieses Entscheidungskampfes zutiefst verstanden haben. Das Schaffen der Heimat ist Dank an und gleichzeitig Bekenntnis zur Front. Diese Einheit Front und Heimat unter der Führung eines Adolf Hitler wird keine Macht der Erde zerschlagen können. Das wissen wir. Daran glauben wir. Dieser Glaube aber ist der Sieg. Heute aber, nach vier Jahren des großen Krieges, verbeugen wir uns voll tiefer Ehrfurcht vor allen denen, die ihr Leben gaben, damit Deutschland lebe. Ihr Opfertod macht uns die schwere Verpflichtung leichter, solange zu kämpfen und zu schaffen, bis unsere Feinde zerschmettert am Boden liegen. Wir können mit stolzer Genugtuung feststellen, daß auch der Betrieb Hilscher mit den von ihm erreichte Fertigungsergebnissen im bisherigen Kriegsverlauf einen hohen und vorbildlichen Leistungseinsatz gezeigt hat. Wie an anderer Stelle ausführlich hervorgeht, erhielt der Betrieb hierfür im Auftrage des Wehrkreisbeauftragten des Reichsministers für Bewaffnung und Munition eine Anerkennungsurkunde verliehen. Diese Auszeichnung verpflichtet uns nun erst recht, unser ganzes Können in den Dienst der Front zu stellen. […]“ [Ebenda]

 

 

5. Der Wirkmaschinenbau in der Kriegswirtschaft

 

5.1 Die sächsische Industrie im Krieg

 

Bereits für die erste Phase des Krieges sind nach Ansicht Ulrich Heß’ maßgebliche Veränderung in der sächsischen Industrie zu verzeichnen. Die Ausweitungen in der Rüstungsfertigung ließen vorerst die Zahl der männlichen Arbeitskräfte etwa in dem Maße ansteigen, wie der Anteil der Frauen zurückging, was Heß mit dem kriegsbedingten Rückgang in der Verbrauchsgüterindustrie erklärt. [Heß, Ulrich: Sachsens Industrie in der Zeit des Nationalsozialismus; Ausgangspunkte, struktureller Wandel, Bilanz; in: Bramke/Heß (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft in Sachsen im 20. Jahrhundert, Band 2, Leipzig, 1998, S. 77.] In Sachsen ist zu den Konsumgüterproduzenten in erster Linie die Textilindustrie zu rechnen, deren Einstieg in die Rüstungsfertigung Heß „nicht vor 1941“ [Ebenda, S. 78.] veranschlagt wissen will. Diese Situation änderte sich mit der Ausweitung des Krieges. Die Hersteller von Verbrauchsgütern sicherten häufig mit der Produktion in branchenfremdem Bereich ihr Überleben, wobei sich die infrastrukturellen Voraussetzungen der Betriebe oftmals als günstig erwiesen, was zum Beispiel die Größe der Räumlichkeiten und die Struktur des Arbeitskräftepotentials (Frauenanteil, Heimarbeiter) in der Textilindustrie betrifft. [Vgl. ebenda, S. 79.] Dies führte letztlich dazu, daß auf dem Höhepunkt der totalen Kriegswirtschaft erstmals in der Geschichte Sachsens die Textilindustrie gegenüber dem Maschinenbau ihren Spitzenplatz hinsichtlich der Beschäftigtenzahlen einbüßen mußte. [Vgl. ebenda, S. 82.]

 

Vom Standpunkt der Maschinenbauer aus gesehen, traten deren ursprüngliche Kunden nun in die eigene Branche über. Wirkwarenhersteller und Wirkmaschinenbauer agierten jetzt gleichsam im Granaten- oder Flugzeugteilegeschäft.

 

 

5.2 Kriegsproduktion am Beispiel Seyfert & Donners

 

Im Abschnitt 3 wurde bereits der Weg dieses Unternehmens von einem, dem Untergang geweihten Strickmaschinenhersteller zum prosperierenden Lieferanten von Metallverarbeitungsmaschinen sowie Fertigteilen für die Kriegsrüstung nachgezeichnet. Die bereits erreichten Steigerungen an Umsatz und Beschäftigung gelangen mit Ausbruch des Krieges nochmals in neue Dimensionen:

 

„Da die Firma seit Jahren Aufträge für die Luftwaffe in immer weiter gesteigertem Maße erledigt, hat der Krieg selbst bisher eine Benachteiligung des Geschäftsbetriebes nicht hervorgerufen. Die allmähliche Einschränkung des Strickmaschinenbaues, der bis Mai 1940 fast gänzlich zur Stillegung gelangen wird ist durch die Erweiterung der Abteilung Flugzeugindustrie ausgeglichen worden. Materialschwierigkeiten sind nicht so groß gewesen, daß sie hätten nicht überwunden werden können. [...] Was die Zukunft an einschneidenden Maßnahmen seitens der Regierung mit sich bringt, ist naturgemäß rückwirkend auf den Erfolg im kommenden Jahre. Jedenfalls ist die Geschäftsführung weiter äußerst bemüht, den errungenen Erfolg weiter auszubauen und heute schon darauf bedacht, Vorkehrungen zu treffen, um nach siegreicher Beendigung des Krieges eine allmähliche Umstellung des Betriebes auf Friedensarbeit ohne große Störungen durchzuführen.“ [StAC, Bestand 31034, Fa. Seyfert & Donner, Nr. 107, Geschäftsbericht 1939 vom 15. März 1940.]

 

Diesen Worten zufolge, scheint der Krieg in seiner Anfangsphase nur positive Wirkungen zu entfalten und so für eine optimistische Stimmung zu sorgen. Die Tatsache, daß binnen eines Geschäftsjahres der Umsatz um ein Drittel auf jetzt 4.236.200 Reichsmark gesteigert wurde, spricht für diese Annahme. Im darauffolgenden Jahr 1940 werden dann sogar 5.635.624 Reichsmark beziffert. Die Beschäftigtenzahlen bewegen sich bei 890 Arbeitern und 98 Angestellten. Damit hat es ganze zehn Jahre gedauert, um die Einbrüche nach dem massiven Niedergang von 1930 auszugleichen und den damaligen Stand zu übertreffen. Gleichwohl wirtschaftet man jetzt am Rande des substantiell möglichen:

 

„Der Betrieb läuft jetzt auf höchsten Tourenzahlen und ist am Ende seiner Ausweitung eingetroffen. Die Anzahl der beschäftigten Arbeiter ist ständig gestiegen, die fehlenden männlichen durch weibliche ersetzt worden. Gearbeitet wird in Doppelschichten bezw. in 10- und 11-Stunden-Schichten.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1940 (erstes Halbjahr) vom 31. Juli 1940.]

 

Daß der Betrieb nunmehr an seiner Auslastungsgrenze arbeitet, zeigt sich darin, daß zwar die Beschäftigtenzahlen von 1940 zu 1941 nochmals auf 934 Arbeiter und 105 Angestellte ausgeweitet werden, jedoch der Umsatz dabei nur noch gering auf 5.916.000 Reichsmark zu steigern ist. [Vgl. ebenda, Geschäftsbericht 1941 (o.D.)] Die Material und Personalschlacht geht somit zunehmend zu Lasten der Produktivität, das heißt eine Mehrproduktion an Rüstungsgütern innerhalb der Grenzen einer vom Kriegszustand beherrschten Wirtschaft scheint nur durch einen übermäßigen Einsatz an Arbeitskräften auszugleichen gewesen zu sein. Dieser wachsende Bedarf an Arbeitskräften wird aber zunehmend zum Problem:

 

„Nachdem sich die ersten Wochen des Geschäftsjahres 1942 ohne besondere Störungen abwickelten, machten sich als Folge der Kriegsverhältnisse doch allmählich Schwierigkeiten geltend, deren Auswirkungen die Geschäftsleitung vor völlig neue und schwer zu lösende Aufgaben stellten.

Zunächst wurden nach und nach eine ganze Anzahl von Gefolgschaftsmitgliedern zum Wehrdienst eingezogen und es ist auch anzunehmen, daß in nächster Zeit weitere Einberufungen folgen werden. Hierdurch entstanden sich stark bemerkbar machende Lücken, die, da es andere Arbeitskräfte nicht mehr gibt, nur durch den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte, in erster Linie Zivilrussen und Kriegsgefangene, ausgeglichen werden können.

Um diesen Einsatz vorzubereiten, hat die Geschäftsführung schon vor längerer Zeit Antrag auf Zuteilung entsprechender Arbeitskräfte gestellt und begonnen, die Voraussetzungen für deren Unterbringung zu schaffen. Als Lösung für weitere Sicht ist die Erstellung von Baracken auf dem ursprünglich als Sportplatz gedachten Werksgelände in Aussicht genommen. Diese Baracken sollen vom Reich unentgeltlich gestellt und gegen Abführung einer Miete zur Verfügung gehalten werden. Da bis zur Fertigstellung der Baracken immerhin noch eine geraume Zeit vergehen wird, sind gegenwärtig Verhandlungen im Gange, um eine vorläufige Unterbringung der Arbeitskräfte in irgendeinem Lokal, vornehmlich einer Gastwirtschaft zu erreichen. Auch hier ergeben sich immer neue Schwierigkeiten durch die vielseitigen Bestimmungen und durch die Wünsche, die seitens der interessierten Behörden erhoben werden. Wegen der Unmöglichkeit der Unterbringung ist bis jetzt der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in unserem Betrieb noch nicht in Gang gekommen.“ [Ebenda, Geschäftsbericht 1. Halbjahr 1942 vom 11. Juli 1942.]

 

Man sieht, daß der Einsatz von „Fremdarbeitern“ durch die besondere Initiative des „Reichs“ angeregt wurde [Ein vorliegendes Schreiben des Reichsministeriums für Luftfahrt vom Februar 1942 (Nr. 136/42) verweist darauf, daß die Bestimmungen für den Einsatz von insbesondere russischen Kriegsgefangenen gemildert wurden, um den Betrieben bessere Möglichkeiten für deren Beschäftigung zu geben. Russische Zivilarbeiter seien dabei wie russische Kriegsgefangene zu behandeln und von sabotagegefährdeten Stellen fernzuhalten. Seyfert & Donner beschäftigte ab 1943 den Akten zufolge mit großer Wahrscheinlichkeit russische (resp. ukrainische) Kriegsgefangene.] und gleichzeitig unhinterfragt durch die Unternehmensleitung als probates wirtschaftspolitisches Mittel gegen den Arbeitskräftemangel angenommen wird.

 

Seit etwa 1941 ist der Bau von Strickmaschinen auf vergleichsweise konstantem (konstant niedrigem) Niveau geblieben. Nun werden jedoch Materialzuteilungen verweigert, wenn die Maschinen nicht für den Export vorgesehen sind (Divisen), oder für die Verarbeitung von Bastfasern benutzt werden können. Die Maschinenproduktion und sogar die der Ersatzteile ist gestoppt. Außerdem darf Material (für den sog. „Vorrichtungsbau“) nicht länger als ¼ Jahr gelagert werden, was sich sehr negativ auswirkt:

 

„Die einzige Abteilung, in der verhältnismäßig wenig Hemmungen auftreten, ist die Bearbeitung der Dreh- und Pressteile, da hier der Werkstoff durch die Flugzeugfirmen kostenlos und in reichlichen Mengen zur Verfügung gestellt wird. Da wir in dieser Abteilung den weitaus größten Umsatz haben, und diesen auch laufend noch steigern, werden sich die obengenannten Schwierigkeiten zunächst noch nicht in einem Umsatzrückgang geltend machen.“ [Ebenda]

 

Selbst die Fertigung von indirekten Rüstungsgütern, wie Werkzeugmaschinen, wird stark eingeschränkt. Die Abteilung Drehbankbau wird von einer Stilllegungsverfügung bedroht. Es wird eine auslaufende Fertigung von 40 Drehmaschinen genehmigt. Demgegenüber macht die direkte Fertigung für die Luftwaffe jetzt 76 Prozent aus. Der Umsatz geht gegenüber 1941 mit 5.875.970 Reichsmark sogar leicht zurück! [Ebenda, Geschäftsbericht 1942.]

 

Im ersten Halbjahr 1943 wird die Frage der Weiterführung des Werkzeugmaschinenbaus seitens der Fachgruppe endgültig negativ entschieden und damit der Bau von Revolverdrehbänken nur noch bis zum Aufbrauchen der Materialbestände gestattet. Anders als die Firma Hilscher, bei der beispielsweise im November 1942 Wehrmachts- und Zivilfertigung noch im Verhältnis 50 zu 50 Prozent stehen [Vgl. StAC, Bestand 31031, Nr. 147: Im November 1942 wurden direkte Rüstungsgüter mit einem Wert von etwa 113.000 RM und indirekte Rüstungsgüter mit 312.000 RM gefertigt, wohingegen der Bereich „Zivil“ mit immerhin noch 419.000 RM veranschlagt wird.] und bei der bis zum Ende des Krieges ein hoher Anteil indirekter Rüstungsgüter produziert wird [Vgl. StAC, Bestand 31031, Nr. 81, Brief vom 16. Mai 1942: Aus diesem Brief geht hervor, daß Hilscher eine eigene Rüstungsabteilung hatte, in der Revolverdrehbänke hergestellt wurden, auf denen dann Aufträge für Junckers und andere Rüstungsbetrieben erledigt wurden, vgl. auch Findbuch zum Bestand Hilscher.], ist man bei Seyfert & Donner nun vollends zur direkten Rüstungsproduktion übergegangen, deren Anteil im zweiten Halbjahr 1943 mit 80 Prozent [Vgl. Ebenda, Geschäftsbericht 1943 vom 10. Mai 1944.] und im ersten Halbjahr 1944 mit 88 Prozent [Vgl. Ebenda, Zwischenbericht 1944.] angegeben wird. Das Unternehmen ist nunmehr ein geschätzter Lieferant für die Flugzeugindustrie. [StAC, Bestand 31034, Fa. Seyfert & Donner, Nr. 63: vornehmlich für folgende Betriebe: Heinckel-Werke, Rostock; Arado Flugzeugwerke GmbH, Potsdam; Focke Wulf, Bremen; Wiener Neustädter Flugzeugwerke GmbH, Wien; Messerschmidt AG, Regensburg; Erla Maschinenwerk GmbH, Leipzig; Fa. Kronprinz, Solingen; Deutsche Luftfahrts- und Handels-Aktiengesellschaft Delhag, Berlin, usw.] Über den Oberleutnant a.D. Hans Wirthgen hat die Firmenleitung einen direkten Draht zum Beschaffungs-Referat des Luftfahrtministeriums. Dieser schreibt im Januar 1943:

 

„Wenn ich so sagen darf, kommt jetzt der Stein ins Rollen und die ganze Organisation wird so aufgezogen werden, wie es von Dir und Herrn Seyfert schon immer gewünscht wurde, damit endlich auch auf diesem Gebiet eine, ich möchte sagen wohltuende Vereinheitlichung und ein gewisses System hereingebracht werden und die vielen Schwierigkeiten und Unruhen, mit denen wir als Drehteilwerk zu kämpfen haben, auf ein Mindestmaß beschränkt werden. Naturgemäß geht das nicht von heute auf morgen. Ich muß Dich allerdings bitten, von dieser beabsichtigten Organisation den Flugzeugwerken bzw. deren Vertretung gegenüber nichts zu erwähnen, denn der Industrierat wünscht – gemeinsam mit dem RLM – in dieser Sache an die Werke direkt heranzutreten.

Wie ich Dir schon gelegentlich mitteilte, werde ich dem Ausschuss – der beim Industrierat die Sache behandelt – angehören und zwar habe ich Wert darauf gelegt, in Sonderheit die Erfahrungen, die bei S.&D. die ganzen Jahre gemacht worden sind, den Verhandlungen zugrunde zu legen. Ich tue das mit einer gewissen Absicht, weil ich bei meinen Verhandlungen mit dem RLM – Gewinnabführungen betreffend – versuchen will, dass sich der Industrierat für die Firma S.&D. als diejenige, welche sich schon seit Jahren für die von ihm erstrebte Organisation auf diesem Gebiet verwendet hat, befürwortend einschaltet, falls das notwendig oder zweckmäßig erscheint. Das gleiche trifft gegebenenfalls für das zuständige Beschaffungs-Referat im RLM zu. Es ist immer besser, man hat ein Eisen mehr im Feuer Bei der ganzen Sache habe ich auch an die Wünsche des Herrn Otto Seyfert gedacht, die ja dahin gehen, dass er mit solchen Fragen möglichst nicht belastet sein will. Ich werde das dann als Mitglied des oben erwähnten Ausschusses für Euch übernehmen. […] Schließlich rechne ich bestimmt damit, dass unsere teilweise direkte und indirekte Beteiligung an dieser ganzen Aufgabe sich für uns als S.&D. auch hinsichtlich der Beschäftigung für die Zukunft auch nach dem Kriege günstig auswirken wird, denn es ist absolut nicht damit zu rechnen daß zu gegebener Zeit dem Privatsektor (Stammfabrikation) in seiner Entwicklung unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung stehen werden – dabei ist nicht zu vergessen, dass gerade für solche Fertigungen eine starke bestehende Tendenz der Verlagerung nach dem Osten nach Friedensschluß, von staatswegen in die Hand genommen, durchgeführt werden muss – sondern man wird auf diesem Gebiet erst sehr allmählich für die betreffenden Werke Umsatzmöglichkeiten, die staatlich stark gesteuert bzw. gelenkt werden, einräumen. Mit anderen Worten, man wird auch nach dem Kriege noch viele Jahre sein Werk zum großen Teil mit Rüstungsaufträgen beschäftigen müssen.-“ [StAC, Bestand 31034, Fa. Seyfert & Donner, Nr. 107.]

 

Die nun alles beherrschende Rüstungsfertigung mit ihrer hohen Auslastung des Betriebes verleitet dazu, die eigentliche „Stammfabrikation“ – also den Strickmaschinenbau – abzuschreiben, zumal sich dieser Bereich auf lange Sicht ohnehin nicht von der vermeintlichen staatlichen Steuerung bzw. Lenkung wird freimachen können. Und wenn man sowieso unter der Gnade des „Staates“ produzieren muß, dann kann man sich auch gleich auf die sicheren Rüstungsaufträge einlassen. Die haben das Potential, voraussichtlich auch „nach dem Kriege“ noch Absatzmöglichkeiten zu offerieren und nicht nach Osten verlagert zu werden.

Dieser Haltung zum Trotz sei hier nochmals auf die Nachfrage Seyfert & Donners bei der Strickwarenindustrie um die Absatzmöglichkeiten von Strickmaschinen nach dem Kriegsende verwiesen, von der bereits an anderer Stelle die Rede war.

 

 

5.3 Zur Frage der Zwangsarbeiter

 

Im Geschäftsbericht Seyfert & Donners für das erste Halbjahr 1943 wird die Errichtung einer Baracke für 200 Zwangsarbeiter erwähnt. [Vgl. StAC, Bestand 31034, Fa. Seyfert & Donner, Nr. 107, Geschäftsbericht 1943 vom 10. Mai 1944.] Vermutlich handelt es sich dabei um die Anlage an der Dorfstraße 72 [Für einige Zwangsarbeiter läßt sich als Unterbringung aber auch ein Lager in der damaligen Sedanstraße Nr. 81 und in der Metzerstraße 2 und 42 nachweisen. In der Sedanstraße 81 (heute Wilhelm Raabe Straße) errichtete Seyfert & Donner Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts eine Zweigfiliale. Hier fand später ein Großteil der Wehrmachtsfertigung statt.] – also auf dem Betriebsgelände der Firma Hilscher. Im Winter/Frühjahr 1943 wurden hier leerstehende Flurstücke kurzfristig bebaut und ein sog. „Gemeinschaftslager für ausländische Arbeitskräfte“ [Vgl. StAC, Bestand 31031, Nr. 149, Brief vom 25. 2. 1943.] errichtet, in dem die belgischen, französischen und ukrainischen Kriegsgefangenen untergebracht wurden. Der Begriff „Gemeinschaftslager“ deutet darauf hin, daß mehrere Betriebe ihre Zwangsarbeiter hier unterbrachten. Aufgrund der Vermischung der Provenienzen Hilscher und Seyfert & Donner im späteren VEB Strickmaschinenbau läßt sich heute nicht mehr mit Gewißheit sagen, bei welchem der beiden Unternehmen die Zwangsarbeiter nun beschäftigt waren. Immerhin läßt sich mit dem erwähnten Geschäftsbericht von 1943 nachweisen, daß 150 der angegebenen 200 Arbeitskräfte für Seyfert & Donner arbeiteten. Gleichzeitig konnte der Verfasser bei der Bearbeitung des Bestandes der Firma Hilscher anhand eines Schriftwechsels der Firma mit dem Arbeitsamt Chemnitz vom September 1944 erstmals belegen, daß auch dieses Unternehmen etwa 60 polnische Zwangsarbeiterinnen beschäftigte. Die Namen der Frauen konnten nun in der entsprechenden Datenbank des Staatsarchivs Chemnitz verzeichnet und dezidiert diesem Unternehmen zugeordnet werden. Für die angeblich 500 Zwangsarbeiter, die Hilscher am Ende des Krieges in Gebrauch gehabt haben soll [Vgl. mit den Angaben der Phönix Projektgruppe „Historische Heimatbetrachtungen“, die 1997 eine Zusammenstellung „Chemnitzer Betriebe bis 1989“ herausbrachte. Leider verzichtet diese Arbeit grundsätzlich auf Quellenangaben, so daß die Zahl von 500 Zwangsarbeitern in keiner Weise verifiziert werden kann.], lassen sich allerdings keine unmittelbaren Hinweise finden.

 

In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, daß bei Hilscher mitten im Krieg ein Lehrlingswohnheim und eine Lehrwerkstatt, sowie eine „Wirtschaftsbaracke“ errichtet wurden, letztere sogar unter einem Baudringlichkeitskennzeichen. [Vgl. StAC, Bestand 31031, Akten 189, 222 und 80.] Es darf bezweifelt werden, ob diese Bauten tatsächlich mit einer Verbesserung der Infrastruktur für die Lehrausbildung in Zusammenhang standen, da die Lehrausbildung im Kriege zum Erliegen kommt und sogar Lehrverträge vor Beendigung des Ausbildungsverhältnisses gelöst werden müssen. Vielmehr ist denkbar, daß sich hinter diesen Projektbezeichnungen geheime rüstungsbedingte Fabrikerweiterungen verbergen oder daß unter diesem Deckmantel gar das „plötzlich vorhandene“ Gemeinschaftslager errichtet wurde, welches nur aus Tarnungszwecken unter der Bezeichnung „Wirtschaftsbaracke“ projektiert wurde. Die Dimensionen der Gebäude sprächen für diese Vermutung.

 

 

5.4 Kriegswirtschaft bei Schubert & Salzer

 

Die Firma Schubert & Salzer zählte zweifellos zu den weltweit bedeutendsten Herstellern für Textilmaschinen. Allein das ausgedehnte Betriebsgelände mit seiner repräsentativen Industriearchitektur zeugt auch heute noch von der einstmaligen Bedeutung dieses Unternehmens für den Chemnitzer Industriestandort. An dieser Stelle kann jedoch nur noch kurz auf jenen Zeitabschnitt eingegangen werden, dessen Ausgang auch mit dem Ende der Geschichte Schubert & Salzers als ein Chemnitzer Unternehmen verbunden ist.

 

Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zeigen hier ein ähnliches Bild, wie es schon von Seyfert & Donner her bekannt vorkommt: Im Jahre 1928 zählte man noch 1828 Beschäftigte, davon 338 Angestellte. Bis Dezember 1931 schmolz die Zahl auf 580 Werktätige (413 Arbeiter und 167 Angestellte), die zudem noch kurzarbeiteten. [Vgl. StAC, Bestand 31033, Fa. Schubert & Salzer, Nr. 32.] Der frappierende Rückgang der Beschäftigtenzahlen um mehr als zwei Drittel seit der „Hochphase“ des Textilmaschinenbaus kurz vor der Depression, fällt bei diesem etablierten Unternehmen aber etwas geringer aus, als bei Seyfert & Donner. Die Tatsache, daß man bereits 1934 wieder 1559 Beschäftigte zählen kann [Vgl. Ebenda.], zeigt, welch starken Stand Schubert & Salzer in ihrer Branche gehabt haben. Allein anhand der Überlieferung ist nur schwer nachzuvollziehen, ob auch hier eine frühe Einbindung in die Rüstungsfertigung verantwortlich für den raschen Aufschwung war. Daß anfänglich eher die zivile Fertigung ausschlaggebend gewesen sein muß, läßt sich durch einem Besuch Mutschmanns und Lenks am 17. April 1934 in Chemnitz vermuten, als die Herren nach einer ausgiebigen Besichtigung der Firma ausdrücklich die Anstrengungen des Generaldirektors Lässig lobten, durch die es möglich wurde, mit den Wirkmaschinen wieder an die Weltspitze zurückzukehren. [Vgl. Reichstatthalter Mutschmann in Chemnitz, in: Allgemeine Zeitung Chemnitz, Nr. 90, Mittwoch 18. April 1934, S. 5.]

 

Die herausragende Bedeutung, die die zivile Fertigung für das Unternehmen bis kurz vor dem Krieg hatte, zeigt auch eine Denkschrift der Wirkmaschinenfabrik vom 11. April 1939. Man verweist nicht nur darauf, daß man Gefahr läuft, gegenüber der ausländischen Konkurrenz allmählich ins Hintertreffen zu geraten, man bezieht auch eindeutig Position gegen die zunehmenden Eingriffe des Staates in den Export der Textilmaschinen

 

„Die deutsche Wirkmaschinen-Industrie ist, wenn ihre grosse Kapazität einigermassen ausgenutzt werden soll, in starkem Masse auf den internationalen Markt angewiesen und hier sind die Wettbewerbsverhältnisse weiter erschwert worden. Deutschland hat im Wirkmaschinenbau keine monopolartige Stellung, wie dies fälschlicherweise oft angenommen wird. Die deutsche Wirkmaschinenindustrie muß sich vielmehr mit Konkurrenten in England und Amerika, die grosse eigene, durch Zölle geschützte Absatzmärkte haben, ständig messen. Die Aufrechterhaltung des deutschen Wirkmaschinen-Exports kann nur durch ständige Weiterentwicklung auf konstruktivem Gebiet einigermassen gesichert werden. […]

Die deutsche Cotton-Maschinenindustrie hat Jahrzehnte hindurch einen überwiegenden Teil ihres Umsatzes im Ausland erzielt. Die dort aufgestellten Maschinen ziehen einen laufenden grossen Ersatzbedarf nach sich. Wenn nun der Export von neuen Maschinen, wie sie von uns und anderen deutschen Werken in den letzten Jahren entwickelt worden sind, unmöglich gemacht wird, gehen wertvolle Geschäftsbeziehungen für immer verloren. Es ist nicht möglich, Auslandsmärkte einige Jahre hindurch zu forcieren, um sie dann später zu vernachlässigen. Gerade die Auslandskundschaft will ständig beraten sein. Zudem lässt der Export von Maschinen im allgemeinen auch einen höheren Devisen-Überschuss als der Export von Fertigwaren. […]

Angesichts der wenig günstigen und ständig weiter erschwerten Ausfuhrmöglichkeiten im Wirkmaschinen-Geschäft hielten wir es für geboten, uns in einer verwandten Branche, deren Exportmöglichkeiten wesentlich günstiger zu beurteilen sind, zu interessieren und haben uns massgebend an der Deutschen Spinnereimaschinenbau A.G. in Ingolstadt beteiligt. Die Deutsche Spinnereimaschinebau A.G. in Ingolstadt hat seit einer Reihe von Jahren ein umfangreiches Ausfuhrgeschäft aufgebaut. Wir haben mit dieser Firma einen Organvertrag abgeschlossen, der unter voller Wahrung der Selbständigkeit von Ingolstadt eine weitgehende Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Firmen vorsieht. […]“ [StAC, Bestand 31033, Nr. 34, Denkschrift vom 11. 4. 1939.]

 

Die dezidierten Probleme bei der Ausfuhr von Wirkmaschinen waren für Schubert & Salzer also der Grund, sich mit der – den Bilanzen nach verlustreich arbeitenden – Maschinenfabrik Ingolstadt zusammenzuschließen, um so deren Vertriebsmöglichkeiten für Spinnereimaschinen nutzen zu können (und dadurch möglicherweise gewisse Beschränkungen für Wirkmaschinen zu unterlaufen). Gleichzeitig sichert man sich damit unbewußt die Möglichkeit zur Verlagerung des Stammunternehmens nach Westen, wodurch schließlich nach 1945 eine vollständige Enteignung Schubert & Salzers verhindert werden sollte.

 

Vereinzelte Nachrichten über die spätere Rüstungsfertigung finden sich in den Protokollen der Aufsichtsratssitzungen. So wird am 30. Mai 1940 die Wiederinbetriebsetzung des Zweigwerks Hohenstein-Ernstthals beschlossen, nachdem dieses jahrelang stillgelegt war. Finanziert wird die Instandsetzung vom Oberkommando der Marine (OKM) über ein zinsloses Darlehen in Höhe von 900.000 Reichsmark, das nach und nach aus den Überschüssen des Werkes Hohenstein zu tilgen sei. Gewinne der Firma Schubert & Salzer wurden ausdrücklich nicht zur Tilgung herangezogen. Seien in Hohenstein keine Gewinne zu erzielen, so erfolge auch keine Rückzahlung. [Vgl. StAC, Bestand 31033, Fa. Schubert & Salzer, Nr. 2; Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 30. Mai 1940.] Die Rüstungsfertigung mit ihren späteren Ausmaßen scheint im Wesentlichen mit diesem Vertragsabschluß zu beginnen. [Die Projektgruppe Historische Heimatbetrachtungen gibt in ihrer vom Arbeitsamt Chemnitz geförderten Abhandlung zu Chemnitzer Betrieben bis 1989 den Beginn der Rüstungsfertigung bei Schubert & Salzer mit dem Jahr 1936 an, ohne allerdings nähere Hinweise oder gar Belege zu liefern.]

 

Für die Annahme, daß die Aufnahme einer Rüstungsfertigung im großen Umfang nicht wesentlich vor dem Beginn des Krieges stattfand, spricht auch das Protokoll der Aufsichtsratsitzung vom 29. Mai 1941:

 

„Im Jahre 1940 ist es gelungen, den Umsatz auf rund RM 20 Mill. Zu steigern, was gegenüber dem Vorjahre eine Erhöhung von rd. 15% und gegenüber dem Jahr 1938 eine Steigerung von rund 45% bedeutet. Dabei ist keine nennenswerte Erhöhung der Gefolgschaftszahl eingetreten. […] Der Anteil des wichtigsten Fabrikationszweiges, nämlich der Flachwirkmaschinen, am Auftragseingang ist von 51% im Jahre 1939 auf rd. 18% im Jahre 1940 – bedingt durch die Kontingentierung des Rohmaterials – zurückgegangen.“ [StAC, Bestand 31033, Fa. Schubert & Salzer, Nr. 2; Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 29. Mai 1941.]

 

Diese erheblichen Umsatzsteigerungen binnen zweier Jahre (trotz Rückgang im Bereich der Wirkmaschinen) finden vor allem zugunsten der Werkzeugmaschinen statt. [Vgl. Ebenda.] Im Geschäftsjahr 1941 fällt der Nettoumsatz dann sogar um 2,5 Prozent auf 19,5 Millionen Reichsmark, weil der zivile Sektor von 64 auf 54 Prozent zurückgedrängt wurde. Im Zweigwerk Hohenstein wird ein erster Auftrag an Waffen im Wert von 2.265.000 (!) Reichsmark hergestellt. [Vgl. Ebenda, gemeinsame Sitzung Vorstand/Aufsichtsrat vom 22. Juli 1942.]

 

Ab dem 1. 7. 1942 wird der Inlandsabsatz von Textilmaschinen verboten und das Exportkontingent auf 70 Prozent des Maschinenumsatzes von 1940 begrenzt. [Vgl. Ebenda.] Trotzdem kann der Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 1942 wieder um 10,3 % auf 21.481.000 Reichsmark gesteigert werden und die sogenannte „Sonderfertigung“ erreicht nun 66 Prozent.

 

Im ersten Quartal 1943 legt der Vorstand ein Maschineninvestitionsprogramm in Höhe von rund 1.000.000 Reichsmark auf. [Vgl. Ebenda, Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom14. Mai 1943.] Es ist dazu gedacht „nach dem Fortfall der Kriegsproduktion der Ergänzung und Erneuerung des Maschinenparks für das Friedensprogramm dienen [zu] können“ [Ebenda, Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 17. November 1943.] Wie bei Seyfert & Donner, so hat man auch bei Schubert & Salzer die eigentliche Stammfabrikation nach wie vor im Blick. Die Realität sieht allerdings anders aus: 1944 fertigen für den „zivilen Bereich“ nur noch etwa 10 Prozent der Belegschaft. [Vgl. Ebenda, Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 1. Juli 1944.] An Textilmaschinenbau ist nicht zu denken. Vielmehr zählt Schubert & Salzer nun zu den kriegswichtigsten Heereslieferanten der Region. Auf – wie es heißt – „behördliche Veranlassung“ werden Teilverlagerungen angeordnet. Das Unternehmen mietet daraufhin Fabrikräume im Schweizertal bei Chemnitz an. [Vgl. Ebenda, Protokoll der Aufsichtsratssitzung vom 17. November 1943.] Da das alte Zweigwerg in Hohenstein-Ernstthal keine Ausweitung der Kriegsproduktion mehr zuläßt, wird ein Fertigungsvertrag zwischen Schubert & Salzer und der Firma Anton Haase, Nadelfabriken, Hohenstein-Ernstthal geschlossen, dessen Statut sogar per se das marktwirtschaftliche Konkurrenzprinzip beschneidet:

 

„Die Zusammenarbeit ist vom Standpunkt der Kriegskameradschaft aufzufassen, die jede Reibungsmöglichkeit von vornherein ausschliesst. Enge fachliche Zusammenarbeit zur Erreichung mengen- und kostenmässiger Bestleistung wird als Selbstverständlich vorausgesetzt.“ [StAC, Bestand 31033, Fa. Schubert & Salzer, Nr. 24.]

 

Gleichzeitig wird eine Schiedsvereinbarung getroffen, bei der ein Schiedsgericht zu drei Personen eventuell durch den Fertigungsvertrag entstehende Streitigkeiten „endgültig und unter Ausschluß des Rechtsweges“ entscheiden soll. Haase stellt Raum und Arbeitskräfte zur Verfügung und Schubert & Salzer trägt die technischen Betriebseinrichtungen bei. Vergleichbare Verträge werden in der Folgezeit auch mit der Firma Papierfabriken Grünhainichen, der Firma C.F.Jäckel, Mechanische Weberei und der Firma August Clauß in Hohenstein geschlossen. Produziert werden Munition, Flugzeugteile für Junckers, und Teile der Lenkung des Panzerjägers 38T. [Vgl. Ebenda.]

 

Ein Detail aus den Akten Schubert & Salzers gewährt noch einen Einblick in die internen Probleme der traditionsreichen Wirkmaschinenfabrik Gottfried Hilscher. Am Ende des Krieges hatte die Unternehmensführerin Adele Hilscher längst die 70 überschritten. Rechnungen über zahlreiche Urlaube und Kuraufenthalte deuten auf eine angeschlagene Gesundheit hin. Nachdem ihr engagierter Sohn Edgar bereits 1934 als potentieller Nachfolger ausgeschieden war und dessen älterer Bruder Stefan sich bislang kaum als Führungspersönlichkeit hervorgetan hatte und außerdem kinderlos geblieben war, gab es nach fast 100 Jahren Firmengeschichte keinen geeigneten Nachfolger.

 

Bei Schubert & Salzer dachte man anscheinend über wirtschaftliche Expansion jenseits des derzeit beherrschenden Kriegsgeschäftes nach, und wollte die Gelegenheit wahrnehmen, das Konkurrenzgefüge im engen Wirkmaschinenmarkt auf längere Sicht zu bereinigen. Daher fand am 7. Dezember 1943 eine interne Unterredung über die Möglichkeit einer eventuellen Zusammenlegung der Firmen Schubert & Salzer und Gottfried Hilscher statt:

 

„Der Vorsitzer brachte zur Kenntnis, dass eine Fühlungnahme über einen eventuellen Erwerb der Wirkmaschinenfabrik G. Hilscher in Chemnitz stattfand und dass dieses Projekt, falls eine Aussicht auf Realisierung besteht, dem Aufsichtsrat zu gegebener Zeit unterbreitet werden wird.“ [Ebenda]

 

Der Zustand der Totalen Kriegswirtschaft schloß eine „gegebene Zeit“ aus. Die Idee der Zusammenlegung der Konkurrenten wurde erst fünf Jahre nach Kriegsende wieder aufgenommen; nun freilich unter anderem Vorzeichen.

 

 

6. Zusammenfassung

 

„Unsere Rettung liegt in der Forcierung von Aufträgen außerhalb der Strickmaschinenbranche, und nach dieser Richtung hin wird alles getan, was möglich ist“ [StAC, Bestand 31034, Fa. Seyfert & Donner, Nr. 107, Geschäftsbericht 1935 vom 23. 3. 1936.]

 

Erst im Laufe des Geschäftsjahres 1935/36, erlebt das Unternehmen der Herren Otto Seyfert und Paul Donner jenen Aufschwung, der ihnen von den neuen Machthabern versprochen wurde oder den sie sich selbst von ihnen versprachen. Die „todkranke Germania“ schien auf dem Weg bester Genesung. Dabei fußt der Aufschwung bei diesem Unternehmen auf einer anderen Basis, als bei den beiden Konkurrenten. Es gelingt nicht, mit den eigenen Textilmaschinen an die Erfolge aus der Zeit vor der Krise anzuknüpfen. Die Gründe dafür sind unklar, es mag unter Umständen etwas mit der ausbleibenden Nachfrage nach den veralteten Flachwirkstühlen zu tun haben. Der Bau von Drehbänken und damit die Aufnahme indirekter Rüstungsfertigung, wird durch die mangelnde Erfahrung der Firma in diesem Produktionssegment behindert. Man sichert sich aber nach und nach Aufträge für die Lieferung von Fertigteilen. Der nebenbei weitergeführte Strickmaschinenbau gerät lang vor dem Krieg gegenüber der direkten Heeresproduktion ins Hintertreffen und wird schließlich auf staatlichen Geheiß hin eingestellt.

 

Hilscher und Schubert & Salzer hatten beinah zwei Jahren vor dem Umschwung bei Seyfert & Donner wieder einträgliche Geschäftsgänge. Schubert & Salzer stützte sich im Wesentlichen auf die profitablen Wirkmaschinen, bei Hilscher baute man seit vielen Jahren zusätzlich Werkzeugmaschinen und in den Dreißiger Jahren versuchte man gar, im Metier der Rechenmaschinen Fuß zu fassen. In die direkte Rüstungsfertigung scheinen die beiden Unternehmen erst ein-zwei Jahre vor Beginn des Krieges einzusteigen, um dann allerdings die Stammfabrikation binnen kurzer Frist zu deren Gunsten einzuschränken und schließlich aufzugeben.

 

Bei Schubert & Salzer monierte man leise gegen diese staatliche Einmischung, die erst den Absatz der Maschinen auf den Exportmärkten bedrohte und kurz darauf deren Produktion unmöglich werden ließ. Bei Hilscher allerdings begreift man die Waffenproduktion als einen Beitrag zur Pflicht, „solange zu kämpfen und zu schaffen, bis unsere Feinde zerschmettert am Boden liegen“. [StAC, Bestand 31031, Fa. Hilscher, Akte Nr. 156.]

 

Ziel dieser Arbeit war es, aufzuzeigen, wie Unternehmen ein und derselben Branche auf wirtschaftliche Zwänge der Depressionszeit und nachfolgend auf die immer weiter ausgreifende staatliche Einflußnahme reagiert haben. Die Strategien unterscheiden sich zu Anfang teils deutlich – je nachdem welchen Stand das Unternehmen innerhalb seiner Branche hatte. Mit zunehmender Dominanz der Rüstungsindustrie nähert sich die Betriebsentwicklung der drei Konkurrenten wieder einander an; sie teilen das Schicksal der Zeit und die Unterschiede zwischen ihnen relativieren sich. Interessant für mich war, daß man sich zumindest bei Schubert & Salzer und Seyfert & Donner auch während des Zustandes der Totalen Kriegswirtschaft Gedanken über die Zukunft des Stammbereichs Wirkmaschinenbau gemacht hat. Man war sich offenbar sehr bewußt, daß nach einem irgendwie gearteten Kriegsende diejenigen Marktbereinigungen nachgeholt werden müßten, die Quasi seit dem Ersten Weltkrieg und über die Boomphase der 20er Jahre hinweg verschleppt worden waren.

 

Als besonders fesselnd, und damit auch ausschlaggebend dafür, diese Arbeit so quellennah zu schreiben, hat sich aber das Auffinden der Korrespondenz zwischen Edgar Hilscher und Manfred von Killinger herausgestellt. Immerhin handelt es sich hierbei um einen nicht abzustreitenden Nachweis dafür, daß radikale Kräfte, die später die hitlerfaschistische Machtübernahme tragen sollten, sehr wohl direkt von regionalen Wirtschaftsleuten protegiert worden sind – selbst wenn dies hier nur ein Einzelfall gewesen sein sollte. Auch daß sich dieses Verhältnis im Zuge der Wirtschaftskrise verdreht und nach dem Schema „eine Hand wäscht die andere“ der Unternehmer Hilscher nun zum Bittsteller wird, legt meiner Ansicht nach ein beredtes Zeugnis über die Epoche ab. Das Phänomen Nationalsozialismus läßt sich nicht ohne die Befürwortung, das Mittragen oder einfach durch das Mitlaufen und Wegsehen der „kleinen Leute“, der „breiten Bevölkerungsmassen“, der Durchschnittsmenschen erklären. Getragen wurde das System durch all die Deutschen, die sich auf die ein oder andere Art Vorteile von ihm erwarteten – sei es wie im Falle Paul Donners, um sich „lediglich“ das Überleben der eigenen Firma zu sichern, oder wie im Falle Edgar Hilschers, der nach den Worten von Killingers ganz offensichtlich aus tiefer Überzeugung heraus „zur Schlacht die Munition geliefert" hatte.

 

 

 

7. Bildanhang

 

Die Firmen G. Hilscher und Seyfert & Donner hatten ihren Sitz in enger Nachbarschaft auf der Beckerstraße unmittelbar am Eisenbahnviadukt „Beckerbrücke“ gelegen. Während Hilscher sein Firmengelände auf der stadtauswärts gesehen rechten Seite der Beckerstraße hatte, lag Seyfert & Donner quasi gegenüber auf dem Gelände zwischen Beckerstraße und Chemnitzfluß. Beide Betriebsgelände waren in ihren Erweiterungsmöglichkeiten durch Kapellenberg, Chemnitzfluß, Beckerbrücke und den stadtauswärts angrenzenden Betrieben stark begrenzt. Beide Unternehmen richteten sich daher weit außerhalb der Innenstadt zweite Betriebsgelände ein - Hilscher stadtauswärts gesehen rechterhand der Annaberger Straße, Seyfert & Donner linkerhand. Während das Betriebsgelände der Firma Hilscher an der Dorfstraße (heute Paul-Gruner-Straße) erhalten geblieben ist und durch „Terrot“ weitergenutzt wird, ist vom ursprünglichen Betriebsgelände Seyfert & Donners offenbar nichts übriggeblieben. Sowohl der Straßenverlauf als auch die Hausnummer-Vergabe auf dem Areal der heutigen Wilhelm-Raabe-Straße müssen vor 1945 gänzlich anders gewesen sein. Trotz intensiver Suche konnte ich den ehemaligen Standort des Seyfert & Donner Zweigwerks nicht mehr ausmachen. Es muß sich aber um ein ausgedehntes Areal gehandelt haben, zumal das Aktenmaterial nahelegt, daß auf dem Firmengelände Seyfert & Donners ein großes Zwangsarbeiterlager errichtet wurde, aus dessen „Menschenmaterial“ sich offenbar alle drei Wirkmaschinenbaubetriebe „bedienten“. Nicht schwer aufzufinden ist hingegen das Betriebsgelände Schubert & Salzers, dessen repräsentativer Uhrturm kaum verfehlt werden kann.

590.741,-

268.132,-

858.873,-

1.417.276,-

2.276.149,- gegen 1.362.644,- in 1936

Vom Stammsitz Hilschers an der Beckerstraße (quasi unter dem gleichnamigen Viadukt) ist kaum etwas übrig geblieben. Auf der Abbildung aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg ist aber eindeutig das Gebäude am Rand des Betriebsgeländes erkennbar. Es ist gleichsam das einzige, das im August 2006 erhalten geblieben war. Der Rest des Areals war komplett mit jungen Bäumen überwuchert und daher schlecht zu dokumentieren. Die hinteren Teile des 1911 sichtbaren Gebäudekomplexes sind aber offenbar bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört und daher schon zu DDR-Zeiten mit Garagen überbaut worden. Allenfalls das Fabriktor läßt sich noch wiedererkennen. Bei den gezeigten Bildern dürfte es sich mittlerweile auch schon wieder um historische Aufnahmen handeln, denn das Gelände wurde mittlerweile beräumt und mit einem Parkplatz überbaut. Auf der historischen Abbildung findet sich übrigens ein Druckfehler: Statt Stick- muß es selbstverständlich Strickmaschinen heißen.

Von Seyfert & Donner, die an der Beckerstraße 7 (und 9?) dem Hilscher-Werk genau gegenüber lagen, ist nichts mehr erhalten geblieben. Auf dem Gelände steht heute ein Flachbau. Ganz unten noch ein Bild vom Hilscherschen Zweitstandort in Altchemnitz, in dem weiterhin Wirkmaschinen fabriziert werden.

8. Geschichte der Firma G. Hilscher, Wirkmaschinenfabrik, Chemnitz

 

8.1 Kurzer Abriß der Unternehmensgeschichte vor dem Überlieferungszeitraum

 

Das Unternehmen wurde im Jahre 1851 durch den Uhrmacher Gottfried Hilscher gegründet [Und nicht durch Friedrich Gottfried Martin Hilscher, wie u.a. in Chemnitz in Wort und Bild (1911), S. 215 und in: Führer durch den Chemnitzer Industriebezirk (1914), S. 135 zu lesen ist. Auch daß der Unternehmensgründer Gottfried Martin oder gar Maximilian Hilscher hieß, ist nicht nachweisbar. In den Urkunden findet sich ausschließlich der Name [Johann] „Gottfried“ (s.a. unter 8.3.1).]. Als dieser im Dezember 1858 starb, ging die Firma an dessen Sohn Friedrich Hilscher über. Anfänglich wurden in der Beckerstraße 8/10 in bescheidenem Umfang Rund-Wirkmaschinen hauptsächlich für die Chemnitzer Strumpfindustrie hergestellt. Doch soll die Qualität und Solidität, sowie die ausgefeilte Konstruktion die Nachfrage nach den Hilscherschen Erzeugnissen so gesteigert haben, daß die Firma im Jahre 1865 ihre Fabrikanlagen ausweiten mußte. In der folgenden Zeit brachte Hilscher einen „mechanisch flachlinigen Wirkstuhl“ [Chemnitz in Wort und Bild (1911), S. 215.] heraus, der wesentlich produktiver war, als die gebräuchlichen Rundmaschinen. Es machten sich abermals Fabrikerweiterungen notwendig.

 

Es wird angegeben, Hilscher sei 1885 die erste Firma in Deutschland gewesen, die den Bau von Wirkmaschinen nach dem englischen System Cotton aufgenommen habe. [Vgl. Hilscher Maschinenfabrik, in: Führer durch den Chemnitzer Industrie-Bezirk, Chemnitz 1914, S. 135- 139.] Für eine führende Rolle in dieser Branche sorgte nicht zuletzt das fachliche Können Friedrich Hilschers und seiner Ingenieure, welche die Maschinen zur Perfektion weiterentwickelten und Patente darauf anmeldeten.

 

Wie aus einem Brief vom 2. November 1927 aus Akte 77 an Alfred Hilscher (vermutlich von Adele Hilscher verfaßt) ersichtlich ist, übernahmen in einer Zeit schwieriger Geschäftslage 1898 [1896, vgl. ebenda] die beiden Söhne Friedrich Hilschers - Georg und Max Hilscher - die Unternehmensleitung, wobei Georg Hilscher schon kurze Zeit darauf wieder austrat. Alfred und Kurt Hilscher lehnten es aufgrund der schlimmen Lage ab, die Firma zu übernehmen. Max Hilscher scheint es aber gelungen zu sein, das angeschlagene Unternehmen wieder konkurrenzfähig zu machen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bessert sich die Auftragslage und bis 1903 wird in der Beckerstraße nochmals erweitert. Georg Hilscher hat in den darauffolgenden Jahren die Vertretung des Unternehmens für den lukrativen Verkauf in Frankreich inne. Der andere Bruder – Curt Hilscher – ist Max Hilschers Prokurist.

 

Als 1906 der Bau von Strickmaschinen aufgenommen wird, werden Fabrikanlagen der ehemaligen Mühlenbauanstalt Max Kärmßen [Vgl. Bausch, Wolfgang: Hilscher stand für Chemnitz, in: Freie Presse vom 18. Oktober 2005, S. 13.] in der Dorfstraße 72 (heute Paul-Gruner-Straße) in Altchemnitz gekauft. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg werden etwa 500 Arbeiter beschäftigt, die Firma liefert in alle Welt und besitzt auch wertvolle Patente in den meisten Industriestaaten. An der Spitze des Weltmarktes stehen die Maschinen „System Cotton-Hilscher-Schnellläufer“ und „System Hilscher-Cotton-Automat“. Max Hilscher stirbt jedoch am 6. Juni 1912 im Alter von nur 44 Jahren.

 

In der Folgezeit wird das Unternehmen von Curt Hilscher und von Max Hilschers Erben (seiner Witwe Adele und seinen beiden Söhne Stefan und Edgar) geleitet.

 

Die Verhältnisse in den 20er Jahren sind unklar. Dem bereits zitierten Brief an Alfred Hilscher vom 27. November 1927 [Akte Nr. 77] zufolge, existiert neben der Firma G. Hilscher eine Firma Max Hilscher. Vermutlich handelt es sich bei letzterer um den damals eigenständigen Betriebsteil Altchemnitz. Diese Firma Max Hilscher ist im Jahre 1926 in der Firma G. Hilscher aufgegangen.

 

Während des Ersten Weltkrieges hatte man in der Beckerstraße den Bau von Werkzeugmaschinen, namentlich Fräs- und Drehmaschinen, aufgenommen. Der teils aus großdimensionierten Spezialmaschinen bestehende Zweig wurde auch in der Friedensproduktion weitergeführt.

 

In den 20er Jahren hat das Unternehmen etwa 750 Angestellte und Arbeiter. Doch Ende der 20er Jahre beginnt eine geschäftlich schwierige Zeit für Hilscher, die Aufträge gehen zurück und Personal wird entlassen. Die Situation ändert sich erst nach der faschistischen Machtübernahme.

 

 

8.2 Geschichte des Unternehmens während der 1930er und 40er Jahre

 

Im Jahre 1931 wird die offene Handelsgesellschaft G. Hilscher in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Curt Hilscher, bis dahin offener Gesellschafter, jetzt Kommanditist, zieht sich aus der Firma zurück. Edgar Hilscher übernimmt die Oberleitung. Als dieser 1934 stirbt, führen dessen Mutter Adele Hilscher und sein älterer Bruder Stefan das Unternehmen weiter. In den späten 30er und 40er Jahren bezeichnet sich Adele Hilscher als “alleinige Fabrikbesitzerin”.

 

Die Produktionsstätten erstreckten sich bis dahin zum einen auf Grundstücken der Dorfstraße, zum anderen auf Grundstücken an der Beckerstraße. Da Anfang der 30er Jahre ein starker Rückgang im Auftragsvolumen verzeichnet werden mußte, wurden 1932 Produktion und Verwaltung in der Dorfstraße untergebracht und die Räumlichkeiten im Werk Beckerstraße zum Teil vermietet.

 

1935 wird ein „Gefolgschaftsheim“ eröffnet, indem die Firma nach mehrmaligem Besitzerwechsel den Gasthof „Gambrinus“ erwirbt und so ausbaut, dass auch eine Mittagsverpflegung ermöglicht wird.

 

Seit Beginn des Zweiten Weltkrieges fanden auf beiden Grundstücken, vor allem aber an der Dorfstraße umfangreiche Bauarbeiten für eine Erweiterung der Produktionsanlagen statt. Die Akte 232 gibt darüber Auskunft, daß Mitten im Kriege, trotz Neubauverbote und unter Geheimhaltung, erhebliche Erweiterungsmaßnahmen stattfanden. Was aber in der Montagehalle mit ihren leistungsstarken Krananlagen und unter Zuhilfenahme von “Hochleistungs-Schruppautomaten“ hergestellt wurde, darüber beinhalten die Akten keine konkreten Hinweise. Es läßt sich nur mittelbar rekonstruieren, daß die Fabrikation zum großen Teil im Bereich der Rüstung gelegen haben muß. Das ist zum einen daran ersichtlich, daß die Firma Hilscher im Schriftverkehr mit den Behörden stets damit argumentiert, ihre kriegswichtige Produktion rechtfertige eine bevorzugte Behandlung (z.B. bei Materialkontingentierungen). Zum anderen wird dies aus den Bilanzen nachvollziehbar, die deutliche Kennziffern für eine lukrative Kriegsproduktion ausweisen.

 

Was tatsächlich während des Krieges produziert wurde, ist kaum direkt ersichtlich. Zum einen fällt die Erweiterung im Sortimentsbereich der Drehmaschinen auf, zu deren Gunsten die Textilmaschinen (Bereich „Zivil“) merklich in den Hintergrund treten. Auf der anderen Seite findet man mehrfach die Begriffe “Volksgewehr” und “Gerät Neumünster” im Schriftverkehr. Ferner wird deutlich, daß Geschosse (oder zumindest Teile davon) produziert wurden.

 

Aus einem Brief aus Akte Nr. 81 an das Arbeitsamt Chemnitz vom 16. Mai 1942, in welchem die Firma Hilscher an das Arbeitsamt insistiert, keinesfalls dem Arbeitsplatzwechsel eines Betriebsleiters aus der Rüstungsabteilung zuzustimmen, geht eindeutig hervor, daß das Unternehmen sowohl rüstungsrelevante Verarbeitungsmaschinen, als auch selbst Rüstungsgüter herstellte:

 

„Die Rüstungsabteilung der Fa. Hilscher kann Herrn W., solange der Krieg dauert, unter keinen Umständen entbehren. Er leitet technisch diejenige Abteilung unseres Betriebes, wo die von Herrn W. selber konstruierten Revolverdrehbänke hergestellt werden, auf welchen wir Aufträge von den Firmen J u n c k e r s und anderen wichtigen Rüstungsbetrieben haben.“ [StaC, Bestand 31031, Akte Nr. 81; Brief an das Arbeitsamt Chemnitz vom 16. Mai 1942; Abkürzung des Namens durch den Verfasser.]

 

Aus Akte 147 ergibt sich beispielsweise folgendes Bild: Im November 1942 war der Anteil der Wehrmachtsfertigung am Gesamtumsatz unmittelbar 112.626 RM (13%) und mittelbar 312.007 RM (37%), wohingegen der Bereich „Zivil“ mit 419.017 RM (50%) veranschlagt wird. Noch im August 1940 war die Wehrmachtsproduktion direkt mit 85.000 (15%) und indirekt mit 129.000 (22%) an der Produktion anteilig, während auf den Bereich „Zivil“ 250.000 RM (43,5%) für den inländischen Verkauf und 111.000 RM (19,3%) für den Export fielen. Das hieße, der Anteil der Wehrmachtsproduktion wäre in dieser Zeit von etwa einem Drittel auf die Hälfte des Produktionsvolumens angewachsen, bei einer insgesamten Steigerung des Umsatzes. Leider ist die Überlieferung zu lückenhaft und unübersichtlich, als daß die vermuteten Zusammenhänge in einem Gesamtbild nachzuweisen wären.

 

Mit dem Kriegseintritt verringert sich sukzessive der Anteil der männlichen Belegschaft durch Einberufungen. Auf der anderen Seite läßt sich anhand der Personalakten zeigen, daß die zahlreichen Einstellungen von Frauen im Bereich der Verwaltung [Für die Arbeiterschaft sind leider keine schlüssigen Nachweise vorhanden.] nicht nur die männlichen Kollegen ersetzen mußten, sondern daß sie wohl auch zur Bewältigung der Mehrarbeit notwendig waren. Lag Mitte der 30er Jahre die Beschäftigtenzahl um die 500, so muß sie sich im Krieg - den Akten nach zu urteilen - mehr als verdoppelt haben. Manche Quellen sprechen sogar von 2000 Beschäftigten. [Vgl. die kurze Chronik der Hilscher GmbH Dornstadt-Tomerdingen unter www.hilschergmbh.de/ueberuns.html; 1. März 2006 ]

 

Zu diesen Zahlen hat sicherlich beigetragen, daß im Rüstungsunternehmen Hilscher auch ‚Fremdarbeiter’ beschäftigt wurden. Wie die Akte mit der Signatur 149 in einem Brief vom 25.2.1943 hinweist, wurde ein „Gemeinschaftslager für ausländische Arbeitskräfte“ errichtet („Russenlager“), in dem auch Hilscher die Möglichkeit hatte, seine ausländischen Arbeitskräfte unterzubringen. Es existieren desweiteren Lohnnachweiskarten von ausländischen Arbeitskräften. Da im VEB Strickmaschinenbau die Provenienzen Hilscher und Seyfert & Donner vermischt wurden, läßt sich heute nicht mehr mit Gewißheit sagen, ob die auf den Listen verzeichneten Personen nun Fremdarbeiter bei der Fa. Hilscher oder der Fa. Seyfert & Donner gewesen sind. Die Tatsache aber, daß als Wohnort auf manchen Bögen „Gemeinschaftslager Dorfstraße 72b“ angegeben ist, weist darauf hin, daß Hilscher ein Arbeiterlager auf dem eigenen Firmengelände gehabt hat. [Es sind auch Lager in der Metzerstraße 2 und 42 und in der Sedanstraße 81 als Unterbringung angegeben, ohne daß direkt ersichtlich wäre, ob diese Arbeitskräfte nun bei Hilscher oder Seyfert & Donner beschäftigt waren.]

 

Offensichtlich handelt es sich hier bei diesen Personen zum einen um französische und russische (bzw. ukrainische) Kriegsgefangene, zum anderen um polnische Frauen. Die Namen der Polinnen finden sich auch auf zwei „Transportgrundlisten“ einmal vom 18. und einmal vom 29. September 1944 in der Bestandsakte 175 wieder. Diese Schreiben vom Durchgangslager für ausländische Arbeitskräfte des Arbeitsamtes Chemnitz enthalten Name, Nummer und Geburtstag der - mit einer Ausnahme - durchweg aus Warschau stammenden Frauen.

 

Interessant sind auch die Baumaßnahmen für ein Lehrlingswohnheim und eine Lehrwerkstatt. Man fragt sich, wo mitten im Krieg so viele „Lehrlinge“ herkamen. Es ist immerhin denkbar, daß sich hinter diesen Projektbezeichnungen rüstungsbedingte Fabrikerweiterungen verbergen, oder daß unter diesem Deckmantel gar das „plötzlich vorhandene“ Gemeinschaftslager im Gelände der Dorfstraße 72b gebaut wurde (Akten 189 und 222). Das gleiche gilt für eine „Wirtschaftsbaracke“, die unter einem Baudringlichkeitskennzeichen errichtet wird (Akte 80).

 

Im Jahr 1939 übernimmt Hilscher die Kantine in firmeneigene Regie. Vorderhand begründet man die Maßnahme gegenüber der Gefolgschaft damit, das Verpflegungsangebot verbessern zu wollen:

 

„Ich mache besonders darauf aufmerksam, dass seitens der DAF gerade in dem uns jetzt aufgezwungenen Krieg besonderer Wert auf eine zusätzliche Verpflegung in den Betrieben gelegt wird.“ [StaC, Bestand 31031, Akte Nr. 68: Aus einer Ansprache Lehnerts vom 11. Dezember 1939]

 

Auf der anderen Seite scheint sich das Unternehmen auf die bevorstehende Ausweitung des Personalbestandes vorzubereiten. In den Folgejahren verschlechtert sich nämlich die reale Verpflegungssituation. Aus Briefen an die DAF wird ersichtlich, daß die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichen und eine große Zahl der Arbeiter ihre Verpflegung direkt an den Maschinen einnehmen muß.

 

Etwa seit Kriegsbeginn erscheint eine Betriebszeitung unter der Bezeichnung „Hilscher Feldpost“. Es sind Manuskripte zu dieser Zeitung in der Akte 156 erhalten geblieben. Die Zeitung gibt Neuigkeiten im Rahmen der Firmenleitung und Belegschaft wieder und es werden auch vereinzelt Feldpostbriefe von Betriebsangehörigen abgedruckt (bis dies von der Propagandaabteilung der NSDAP eingeschränkt wird). Die Veröffentlichungen der Betriebsleitung, machen deutlich, daß die Betriebsführerin Adele Hilscher, der stellvertretende Betriebsführer Lemke und der Betriebsobmann Borlinghaus bedingungslos hinter dem nationalsozialistischen Regime standen und versuchten, mit dieser Ideologie die Belegschaft zum Durchhalten zu gewinnen.

 

Am Ende des Krieges verschärft sich die soziale Lage der Arbeiter und Angestellten. Man bemüht sich, die firmeneigene Mittagspeisung aufrecht zu erhalten, was infrastrukturell mehr und mehr Probleme bereitet. Um die wachsende Not der Beschäftigten zu lindern, gründet Adele Hilscher eine nach ihr benannte Stiftung mit dem Beinahmen: „Unterstützungskasse für Gefolgschaftsmitglieder“. Diese sichert für ausscheidende Beschäftigte mit einer gewissen Mindest-Betriebszugehörigkeit den Unterhalt und zahlt geringe Beträge an Notleidende und Kranke. In den Personalakten sind Hinweise darauf erhalten geblieben, wie durch Kriegseinwirkung Familien zerstört wurden, weil die Häuser ausgebombt wurden, Angehörige verschollen sind und nach ihnen gesucht werden mußte. Briefe an die Personalabteilung, die vor allem das Fernbleiben von der Arbeit entschuldigen, schildern entsprechende Einzelschicksale.

 

Die Firma Hilscher selbst wurde durch die sogenannten „Terrorangriffe“ vom 6.2.; 2.3. und vom 5.3.1945 nur partiell in Mitleidenschaft gezogen. Für die Kriegswichtigkeit der Firma Hilscher spricht, daß auf Weisung der NSDAP sofort Material bereitgestellt wird, um die Produktionsfähigkeit wiederherzustellen (Akte 117).

 

Nach der Befreiung wird in einem Schreiben vom 15. Mai 1945 von einer baldigen Wiederaufnahme der Produktion gesprochen (Akte Nr. 48). Im Sommer 1945 liefert das Unternehmen unter Weisung des sowjetischen Militärs Major Stepunin Werkzeugmaschinen an die UdSSR (Akte 117). Ein Brief vom 4. September 1945 aus derselben Akte überliefert, daß der Betrieb seit kurzem von einem Kommando der Besatzungsmacht übernommen wurde. Unter diesem Kommando beginnt die mehrfach als „Russenaktion“ bezeichnete Demontage. Unter dem 27.11.45 wird notiert:

 

„Die Demontage im Betrieb Hilscher zieht sich in die Länge. Das Ende ist noch nicht abzusehen. Die Finanzlage wird dadurch von Tag zu Tag kritischer.“ [StaC, Bestand 31031, Akte Nr. 48. Nicht zuletzt durch Darlehensrückforderungen.]

 

Ab Herbst 1945 wird Oskar Bernhard Richter bevollmächtigter Treuhänder über die Firma (Akte 118). Am 8.6. 1946 wird mitgeteilt, der Betrieb sei vollständig demontiert, alle Angestellten werden vorsorglich per 24. 9. 1945, dem vorgesehenen Ende der Demontage, entlassen. Ende März 1946 scheiden die letzten Angestellten aus dem Unternehmen aus.

 

Per 1. Juli 1948 gilt die Firma G. Hilscher offiziell als enteignet. Am 17. August wird sie aus dem Handelsregister gelöscht. Nachfolger ist der VEB Strickmaschinenbau, in dem auch die Firma Seyfert & Donner aufgegangen ist. Als Teil der VVB Textima stellt er hochwertige Strickmaschinen her, u.a. den mikroelektronisch gesteuerten Hubschlitten - Flachstrickautomat „Comnit“. [Vgl. Bausch, Wolfgang: Hilscher stand für Chemnitz, in: Freie Presse, 43. Jg, Nr. 243 vom 18. Oktober 2005, S. 13.] Mit der Wende und dem Zusammenbrechen des RGW endet der Textilmaschinenbau auch in diesem Betrieb. Das stattliche Betriebsgelände in der Paul-Gruner-Straße wird heute durch eine Firma weiter genutzt.

 

1950 gründet ein Max Hilscher in Tomerdingen bei Ulm ein Unternehmen, das neben Werkzeugen auch Zubehör für Textilmaschinen herstellt und sich in neuerer Zeit auch als Zulieferer für die Automobilindustrie einen Namen gemacht hat. Dieses Unternehmen bezeichnet sich selbst als Fortführer der „Firmentradition Hilscher“.

 

 

8.3 Die Familie Hilscher

 

8.3.1 Übersicht über die Familienmitglieder

 

Bei der Beschäftigung mit der Firma Hilscher stellt sich als erschwerend heraus, daß die Beziehungen, in denen die Familienmitglieder zueinander stehen, ein mehr als unübersichtliches Bild liefern. Aber mit Hilfe der peniblen Nachforschungen, die Adele Hilscher in den 30er Jahren zum Nachweis der arischen Abstammung der Familie betrieb (Akte 122), lassen sich die „Hauptakteure“ in folgenden Zusammenhang bringen:

 

 

Johann Gottfried Hilscher:

 

-geboren am 12. April 1808 in Reichenau (als Sohn des Leinwebers Gottlieb Hilscher [geb. 1781, gest. 1809] und seiner Frau Martha Elisabeth [geb. 1785, gest. 1870])

-getraut am 6. Juni 1836 mit Johanna Christiana Obenauf (geb. 1807, gest. 1886)

-gestorben am 13. Dezember 1858.

 

 

Friedrich Gottfried Martin Hilscher

 

-geboren am 22. September 1841 in Chemnitz

-getraut am 3. Oktober 1865 mit Emilie Laura Baum (geb. 1845, gest. 1920)

-gestorben am 11. Oktober 1912

 

 

Max Friedrich Hilscher

 

-geboren am 19. September 1867 als Sohn Friedrichs und Laura Hilschers

-getraut am 9. Oktober 1891 mit Johanna Adele Carola Leonhardt (geboren am 27. Dezember 1870 in Crossen bei Zwickau)

-gestorben am 6. Juni 1912

 

 

Klara Ilse Adele Hilscher

 

-geboren am 15. Oktober 1892 in Chemnitz als Tochter von Max und Adele Hilscher (verwitwete Herbst, geschiedene Traine, verheiratete Bischoff). Offensichtlich Adele gerufen.

 

 

Friedrich Max Stefan Hilscher

 

-geboren am 23. Dezember 1895 als Sohn von Max und Adele Hilscher

 

 

Gottlieb Max Edgar Hilscher

 

-geboren am 29. Januar 1899 als Sohn von Max und Adele Hilscher

-verheiratet mit Katharina Hilscher

-gestorben am 16. März 1934

 

 

In mehreren Literaturstellen [u.a. bei Ballerstedt, Das schaffende Chemnitz (1922); Führer durch den Chemnitzer Industriebezirk (1914). Spätere Veröffentlichungen bauen offensichtlich auf diesen Daten auf.] wird angegeben, Friedrich Gottfried Martin Hilscher habe das Unternehmen 1851 gegründet. Das ist eindeutig falsch. Zum einen wird Friedrich Hilschers Vater - Gottfried Hilscher - in seiner Sterbeurkunde schon als „Maschinenfabrikant“ bezeichnet, zum anderen ist es schlichtweg unmöglich, daß Friedrich Hilscher das Unternehmen im Alter von 10 Jahren hätte gründen können.

 

Ferner findet man für den Unternehmensgründer die Namen Gottfried Martin und sogar Maximilian Hilscher. Auch diese Namen sind falsch. Der Name „Martin“ wird augenscheinlich durch Christiane Obenauf in die Familie gebracht, deren Vater Johann Martin Philipp Obenauf (gestorben 1851) hieß. Christiane Obenauf war mit Gottfried Hilscher verheiratet und deren beider Sohn war Friedrich (Gottfried Martin) Hilscher.

 

Während ein Auszug aus dem Sterberegister der Kirchgemeinde St. Johannis in Chemnitz vom 18. Dezember 1935 nur von einem „Gottfried“ Hilscher spricht, weist ein Kirchenbuch-Auszug der Kirchgemeinde Frankenberg vom 28. Mai 1935 neben „Gottfried“ noch den Namen „Johann“ aus. [In der Pfarramtlichen Urkunde der Geburt und Taufe, ausgestellt am 29. Mai 1935, ist auch nur der Vorname „Gottfried“ aufgeführt. Aber auch bei seinem Vater Gottlieb ist das „Johann“ fortgelassen. Gleichzeitig findet sich aber auf der gleichen Urkunde eine Ergänzung mit Bleistift: „Johann Gottfried 1. Trauurkunde“.] Als dessen Vater wird Johann Gottlob (oder Gottlieb) Hilscher angegeben.

 

Es darf also mit großer Gewißheit davon ausgegangen werden, daß das Unternehmen 1851/52 von Johann Gottfried Hilscher gegründet wurde.

 

In anderen Akten kommen noch folgende Familienmitglieder vor:

 

-William Curt Hilscher (gest. 25. 01. 1937, Bruder von Max Hilscher, alternativ auch mit "K" geschriebener Vorname)

-Friedrich Georg Hilscher (verst. am 16. Febr. 1932, Bruder von Max Hilscher)

-Alfred Hilscher (Niederlössnitz, Kötzschenbroda, Bruder von Max Hilscher)

-Dr. Friedrich Hilscher (genannt Fritz, Wimpfen a. Neckar)

-Max Hilscher (Radebeul, Sohn von Curt Hilscher)

 

 

 

 

Auszug aus: Kröger, Marco: Endgültiges Findbuch zum Bestand 31031 Fa. G. Hilscher Chemnitz, Sächs. Staatsarchiv - Staatsarchiv Chemnitz, 2006.