Dieser sinnreichen Einrichtung ist es zu verdanken, daß der Prestor auch bei den kurzen Zeiten 1/250 und 1/125 Sekunde so präzise arbeitet und auch zwischen einzelnen Exemplaren dieses Typs kaum eine nennenswerte Streuung der Verschlußzeiten zu verzeichnen ist. Dieses Zusatzhemmwerk trägt aber leider auch dazu bei, wieso der Aufbau des Verschlusses insgesamt so kompliziert und aufwändig in der Herstellung bzw. im Abgleich ausfiel. Dieser Umstand machte sich natürlich besonders von da ab negativ bemerkbar, als die Kameraindustrie zwischen dem Hochleistungsverschluß Prestor und dem Einfachverschluß Priomat keine Zwischenstufe mehr zu Verfügung hatte. Im Endeffekt führte das dazu, daß ein Betrieb wie die Kamerawerke regelrecht dazu gezwungen waren, einen eigentlich nur für Spitzenkameras gedachten Verschluß wie den Prestor als Massenprodukt auszustoßen. An diesem Nadelöhr scheiterte letztlich das Marktsegment der Zentralverschlußkameras innerhalb Photoindustrie der DDR.

 

Um diese Thematik der zusätzlichen Öffnungsfunktion des Zentralverschlusses für Einäugige Reflexkameras abzuschließen, möchte ich noch erwähnen, daß vom 21. August 1955 ein DDR Patent Nr. 14.928 vorliegt, mit dem Heinz Schulze sogar ein wiederkehrendes Sucherbild umsetzen wollte. Dafür wurden die Verschlußsektoren im Anschluß an die Belichtung wieder geöffnet. Da diese Funktion freilich nur dann einen Sinn ergeben hätte, wenn die damit ausgestattete Kamera mit einem Rückkehrspiegel versehen worden wäre, wurde dieses Patent nicht angewendet. Ein rückkehrender Reflexspiegel hätte ja bedeutet, daß auch der Hilfsverschluß vorher hätte zurückkehren müssen. Von einer solchen weiteren Verkomplizierung des Kameramechanismus hat man in Dresden in weiser Voraussicht lieber die Finger gelassen. In Braunschweig hingegen wagte man es, eine solche Reflexkamera mit rückkehrendem Sucherbild herauszubringen – und man hatte anschließend großen Ärger damit.

 

 

2.2.2 Springblende und Hilfsverschluß

 

Also abgesehen von der kurzen Beschreibung des Zusatzhemmwerkes ging es bislang um die besondere Öffnungsfunktion, die einen Zentralverschluß erst für die Spiegelreflexkamera geeignet macht. Aus der Tatsache, daß die Patentanmeldungen zum Prestor mit einer Erfindung bezüglich dieser Öffnungsfunktion begannen, habe ich geschlossen, daß die Schaffung einer Zentralverschlußreflexkamera ein wichtiges auslösendes Moment für die Entwicklung des Prestors gewesen sein muß. Es gibt aber noch ein zweites Bauteil, mit dem sich ein Konstrukteur intensiv beschäftigen muß, um einen Zentralverschluß für die Spiegelreflexanwendung tauglich zu machen: die Blende nämlich. Vor dem Hintergrund betrachtet, daß man in Dresden offenbar eine zur Contaflex konkurrenzfähige Reflexkamera entwickeln wollte, verlangte sogar die Blende nach einer intensiven Konstruktionstätigkeit.

 

Weshalb das? Nun, man muß der westdeutschen Contaflex die Ehre zusprechen, die erste serienmäßig hergestellte Spiegelreflexkamera der Welt mit einer Vollautomatischen Springblende gewesen zu sein (zumindest bezogen auf ein fest eingebautes Objektiv). Ich kann mir lebhaft vorstellen, daß es diese neuartige Springblende der Contaflex gewesen ist, die in Dresden großen Eindruck gemacht und das Verlangen hervorgebracht hat, auch so eine Kamera zu entwickeln. Bedenken Sie, daß bis dahin die Einäugige Reflexkamera von vielen photographischen Praktikern abgelehnt wurde, weil sie umständlich zu bedienen war. Wollte man nämlich scharfstellen, mußte man die Blende voll öffnen, um im Sucher überhaupt etwas erkennen zu können und eine springende Schärfe zu haben. Photographiert wurde aber fast immer mit einem abgeblendeten Objektiv. Das lief dann darauf hinaus, daß im praktischen Gebrauch die Blende ständig auf und zu gedreht werden mußte, um zwischendurch nachfokussieren zu können und anschließend wieder zur Aufnahmebereitschaft zurückzukehren. Vor Einführung der Vorwahlblende mußte man dazu sogar jedesmal die Kamera vom Auge absetzen, um den richtigen Blendenwert wiederzufinden. Von all diesen Problemen wurde der Nutzer einer Contaflex gänzlich befreit. Beim Spannen des Verschlusses öffnete sich hier die Blende auf die volle Öffnung und sie schloß sich erst mit Betätigung des Auslösers auf den voreingestellten Wert. Vorwahl-Springblende nannte sich diese Einrichtung deshalb. Und die Herren in Dresden dürften deren Wert sofort erkannt und ihr eine ziemliche Priorität zugebilligt haben.

 

Darauf läßt sich deshalb schließen, weil noch einmal ganze anderthalb Monate vor dem Patent zur zusätzlichen Öffnungsfunktion eine Erfindung Rolf Noacks angemeldet wurde, die sich mit dem Konzept einer Springblende befaßt (DBP Nr. 1.103.753 vom 14. September 1954). Das bedeutet also, daß man bei der Entwicklung des Prestors von Anfang an dessen Ertüchtigung für eine Vollautomatische Springblende im Blick hatte, wie sie für eine Zentralverschlußreflexkamera so erstrebenswert ist.

 

Die eigentliche Konstruktionsidee, die in diesem Patent 1.103.753 geschützt ist, halte ich für einigermaßen bemerkenswert, weil sie so simpel und klar erdacht ist und echte Vorteile bietet. Beim westdeutschen Compur Reflex öffnet sich die Blende am Ende des Spannvorganges. Deshalb muß zusätzlich zu der ohnehin schon großen Kraft, die zum Spannen des Verschlusses notwendig ist, noch eine zusätzliche Federkraft überwunden werden, mit deren Wirkung dann beim Auslösen die Blende zuspringt. Rolf Noack hatte nun den Konstruktionseinfall, dieses Prinzip einfach umzukehren und damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Beim Prestor wird die Feder zum Schließen der Springblende nicht beim Spannen des Verschlusses, sondern bei dessen Ablauf gespannt. Das heißt also, die Kraft zum Schließen der Blende wird bereits am Ende eines vorausgegangenen Verschlußablaufes für die nächste Belichtung „abgezweigt“ und so lange in einem Federspeicher „aufbewahrt“. Damit erreichte Noack zum einen die erwähnte Verringerung des Kraftaufwandes beim Spannen des Verschlusses. Zweitens wirkte diese Einrichtung wie eine Verschlußbremse, die half, die noch vorhandene Energie am Ende des Verschlußablaufs aus dem Mechanismus abzuleiten und ihn dadurch vor übermäßiger Abnutzung zu bewahren.

 

Geniale Idee könnte man sagen. Aber wieso ist grade dieses Patent für uns heute noch so von Bedeutsamkeit? Erstens ist dieses Patent der deutliche Beweis dafür, daß der VEB Zeiss Ikon damals tatsächlich eine Zentralverschlußreflex vom Typ Contaflex im Sinne hatte. Wieso das so sicher ist, wird klar, wenn man sich die erst wesentlich später erschienene Pentina noch einmal vor Augen führt. Bis die endlich herauskam, war in Dresden so einiges über den Haufen geschmissen worden. So war unter anderem diese Pentina nach dem Vorbild der Voigtländerschen Bessamatic letztlich mit Wechselobjektiven ausgestattet worden. Wie uns dieses Patent 1.103.753 nahelegt, ging das ursprüngliche Konzept des VEB Zeiss Ikon aber von einem fest eingebauten Objektiv nach Vorbild der Contaflex aus, denn bei der Pentina saß die Springblende im Wechselobjektiv und eine Springblende im Verschluß wäre obsolet gewesen.

 

Zweitens – und an diesem Punkt schließt sich der Kreis: In diesem Patent 1.103.753 ist dezidiert davon die Rede, daß dieselbe Einrichtung, die die Springblendenfunktion gewährleistet, so ausgelegt ist, daß sie alternativ auch als Hilfsverschluß eingesetzt werden kann. Was das bedeutet, dürfte jetzt klar sein. Beide Annahmen treffen zu. Etwa in der zweiten Jahreshälfte 1954 wurde im VEB Zeiss Ikon ein Projekt für einen hochwertigen Zentralverschluß mit durchschwingenden Sektoren in Gang gesetzt, dessen eine Zielrichtung darauf abgestellt war, eine Einäugige Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß zu schaffen. GLEICHZEITIG sollte aus diesem Projekt aber auch ein universell einsetzbarer, hochwertiger Zentralverschluß für allgemeine Anwendungen hervorgehen; denn für alle Anwendungen außerhalb des Spiegelreflexprinzips wurde unbedingt ein Hilfsverschluß benötigt. Es bleibt also dabei: Der VEB Zeiss Ikon wurde mit Sicherheit im Zuge der wirtschaftspolitischen Maßnahmen nach dem 17. Juni dazu verpflichtet, den DDR-Kamerabau vom Nadelöhr importierter westdeutscher Zentralverschlüsse freizumachen. Garantiert auch für die gerade angelaufene Werra-Reihe.

 

Diese Verpflichtung konnte der VEB Zeiss Ikon aber nicht mehr erfüllen. Wohl einer der bemerkenswertesten Vorgänge der DDR-Wirtschaftsgeschichte ist der regelrechte Kollaps dieses einstmaligen Gravitationszentrums des deutschen Photogerätebaus ab der zweiten Jahreshälfte 1956. Wie genau das damals abgelaufen ist, ist meiner Ansicht nach noch lange nicht befriedigend aufgearbeitet. Was das Prestor-Projekt des VEB Zeiss Ikon angeht, kann ich hier zumindest das Indiz angeben, daß im Oktober 1956 die letzten diesbezüglichen Patente und Gebrauchsmuster angemeldet wurden. Weiter ging es dann erst etwa anderthalb Jahre später – mit dem Unterschied, daß nun das Signet der Kamerawerke Niedersedlitz die Briefköpfe zierte.

 

zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Pronto, presto, subito!

 

Zentralverschlüsse im DDR-Kamerabau

Eigentlich sollte das nur ein kleiner Text über den Prestor Zentralverschluß werden. Das stellte sich aber bald als unbefriedigend heraus, weil ja der Prestor als Endergebnis einer Situation anzusehen ist, die dessen Existenz überhaupt erst notwendig gemacht hatte. Also war es unumgänglich, auf eine Vorgeschichte einzugehen, die ein halbes Jahrhundert vor dem Erscheinen des Prestor zurückreicht. Ich hoffe, daß mir das in einigermaßen prägnanter und trotzdem lesenswerter Form gelungen ist.

Doch wie das so ist: Wenn man sich erst einmal auf ein Thema „eingeschossen“ hat, dann gibt man sich mit ersten Antworten nicht so schnell zufrieden. Und so ergab es sich, daß die Durchsicht der verfügbaren Zentralverschluß-Patente zu Einblicken führte, die weit über rein technische Aspekte hinausreichten und wertvolle Hinweise über das schleichende Ende des VEB Zeiss Ikon liefern konnten. Über den Niedergang dieses Dresdner Betriebes, den ich nur als das ehemalige Gravitationszentrum des deutschen Photogerätebaus bezeichnen kann, ist bislang erschütternd wenig Handfestes, Detailliertes zu lesen. Bei Jehmlich finden sich nur vage Andeutungen, bei Blumtritt gar nichts. Ich hoffe, in diesem Hinblick mit dem Ergänzungspunkt 2 neue Anhaltspunkte für eine weitere Aufarbeitung aufzeigen zu können.

 

 

Die Wirtschaftsgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik ist die Geschichte einer einzigen Beschaffungskrise. Als am 7. Oktober 1949 aus dem sowjetisch besetzten Teilgebiet Deutschlands jenes eigenartige Gebilde eines Kleinstaates geschaffen wurde, konnte sich dieser weder auf eine überzeugende historisch-ideelle Tradition berufen, noch auf eine ausreichende ökonomische Existenzgrundlage zurückgreifen. An beiden Defiziten krankte dieser Synthesestaat während seines gesamten 40 jährigen Daseins. Und letztlich ist er auch an ihnen zugrundegegangen.

 

Einerseits scheiterte die zentrale Führung daran, die ideologische Legitimation ihrer Herrschaft mit einer angeblich aus tiefstem inneren Antriebe heraus erfolgten Verbrüderung der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft herzuleiten, welche in Wahrheit aber niemals stattgefunden hatte und deren mythologischer Charakter angesichts der tatsächlichen gesellschaftlichen Diskrepanzen in der DDR von der Bevölkerung nie wirklich als Rechtfertigung akzeptiert worden war. Uns interessiert hier aber das zweite Problemfeld, das die von Beginn an fehlende materielle Existenzgrundlage dieses Staates betrifft. Neben der äußerst mangelhaften Rohstoffbasis der DDR – insbesondere im Bereich der Energieversorgung – war dieses Land nämlich von Anfang an dadurch belastet, daß sich nur ganz ausgewählte, vereinzelte Teilbereiche des Industriegefüges des zugrundegegangenen Deutschen Reiches nun auf dessen Boden befanden. Alte Wirtschaftsstrukturen der deutschen Industrieentwicklung, die zu großen Teilen noch auf das 19. Jahrhundert zurückgingen, waren zerrissen worden. Es existierten innerhalb dieser kleinen Volkswirtschaft kaum noch Industriezweige, die in ihrer gesamten Fertigungstiefe vollständig verfügbar waren. Als eines der wenigen Beispiele kann man vielleicht die sächsische Textilindustrie samt Textilmaschinenbau nennen – davon abgesehen, daß sowohl mit der Baumwolle als auch den hochwertigen Stählen zwei wichtige Grundstoffe zugeliefert werden mußten. Aber schon am Beispiel des sächsischen Automobilbaus werden erste Aspekte eines Strukturdefizits sichtbar: Die Tatsache, daß fast bis zum Schluß in der DDR nur Klein- und Mittelklassewagen mit Zweitaktmotor gefertigt wurden, läßt sich hauptsächlich darauf zurückführen, daß zum Zeitpunkt der Gründung des Staates hier nur eine Fertigungstradition für genau diese Motorbauart vorhanden war. An diesem Beispiel kann man ablesen, wie fest sich eine industrielle Ausrichtung in eine Region einprägen kann und wie schwer es ist, diese historische Prägung nachträglich zu überwinden. Nicht daß die Ingenieure des Industrieverbandes Fahrzeugbau keine eigenen Viertaktmotoren entwickelt hätten – sie konnten diese aus Gründen fehlender ökonomischer Potenz nur nicht in die Produktion überführen. Eine nachträgliche Überwindung von solchen „geerbten“ Strukturdefiziten erwies sich in vielen Fällen als dermaßen aufwändig, daß dahingehende Bestrebungen das kleine Land oftmals an den Rand der Belastungsgrenze brachten. In diesem Sinne läßt sich die Wirtschaft der DDR mit einer stets zu kurzen Bettdecke vergleichen: Egal an welchem Zipfel man zog; die Blöße ließ sich immer nur verlagern, nie aber je zur Gänze bedecken.

 

Wirtschaftgeschichtliche Zusammenhänge dieser Art muß man sich vor Augen führen, wenn man sich mit einem ganz engen Teilbereich des Photogerätebaus beschäftigen will, wie dem Zentralverschluß. Oben habe ich die Textilindustrie und den zugehörigen Maschinenbau als eine der wenigen Branchen angesprochen, die nach dem Zerfall des Reiches in einer fast vollständig durchgebildeten Struktur auf dem Gebiet der DDR wiederzufinden waren. Die Photoindustrie ist ein zweites solcher Beispiele. Dieser Wirtschaftszweig bestand seit dem späten 19. Jahrhundert traditionell aus drei großen Teilbereichen: Die photochemische Industrie, den Objektivbau und den Kamerabau. Der historische Zufall hat dafür gesorgt, daß zwischen Jena, Wolfen, Dresden und Görlitz der überwiegende Hauptteil dieses deutschen Industriezweiges auf dem Territorium der Sowjetischen Besatzungszone angesiedelt war. Mit Ausnahme der großen Kamerabaustandorte Braunschweig und Wetzlar, sowie einiger kleinerer photochemischer Werke und optischer Anstalten, gab es in der jungen Bundesrepublik kaum nennenswerte photoindustrielle Traditionen. Die großen Fertigungskapazitäten, die einstmals dort vorhanden waren, wurden nach 1945 überwiegend neu geschaffen – zu einem großen Teil übrigens durch Verlagerung von materieller Substanz und wissenschaftlichen Know Hows aus der SBZ.

 

Eine Ausnahme läßt sich aber angeben: Das ausgesprochene Spezialgebiet der Zentralverschluß-Fertigung. In diesem Segment der Photobranche lagen auf dem Territorium der Sowjetischen Besatzungszone so gut wie keine Fertigungstraditionen vor. Obwohl das eigentlich nicht stimmt. Sie lagen einstmals vor, wurden aber zerstört. Zerstört von einem Optikkonzern namens Carl Zeiss Jena, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit zunehmender Vehemenz versuchte, in den sprunghaft wachsenden Markt der Amateurphotographie einzusteigen. Hatte Zeiss Jena auf dem Gebiet der Photooptik durch das konzerninterne Know How bereits eine qualitative Spitzenposition inne, so versuchte man im Bereich des Kamerabaus durch Aufkaufen bzw. feindlichen Übernahmen von etablierten Fertigungsstätten eine vergleichbare Position zu erreichen. Die gesamte Geschichte der Zeiss Ikon AG muß vor dem Hintergrund dieser Jenaer Aktivitäten gesehen werden. Und zu dieser Geschichte gehört auch die feindliche Übernahme der Heinrich Ernemann AG und die Zerschlagung derjenigen Fertigungsbereiche Ernemanns, die für Zeiss jahrelang eine unerwünschte Konkurrenz darstellten. Neben dem Ernemannschen Objektivbau („Ernostare“) gehörten dazu eben auch die Zentralverschlüsse mit Räderhemmwerk, die diese Firma fabrizierte („Cronos“).

Der „Cronos B“, ein hochwertiger Selbstspannverschluß mit Räderhemmwerk der Heinrich Ernemann Aktiengesellschaft Dresden, der problemlos mit dem „Ibsor“ von Alfred Gauthier konkurrieren konnte. Auch mit dem hervorragend korrigierten Tessartyp „Ernolplast“ aus eigenem Hause trat Ernemann in die direkte Konkurrenz zum Zeisskonzern. Übrigens gab es noch einen Cronos C, der zusätzlich die 1/250s besaß. Diese - und nur diese - wurde durch eine Zusatzfeder angetrieben. Damit behielt der Cronos für alle längeren Verschlußzeiten die praktische Handhabung des Automatenverschlusses und nur für die kürzeste Verschlußzeit wurde er zum Spannverschluß. Auf diese Weise trat der Cronos C der Ernemann-Werke sogar in Konkurrenz zum bislang unerreichten Compur!

Und neben den Objektiven gehören nun mal die Verschlüsse zu den komplexen Schlüsseltechnologien des Photogerätebaus. Lange bevor es schließlich zu einer Zusammenführung zahlreicher bedeutender Kamerabaufirmen in der Konzerntochter Zeiss Ikon kam, hatte sich der Zeisskonzern eine feste Position auf diesem Gebiet der Zentralverschlüsse gesichert. Ein beachtlicher Teil der Geschichte der deutschen Photoindustrie sowohl in der Zwischenkriegszeit, als auch in den beiden deutschen Staaten nach 1945 muß vor dem Hintergrund des Eingreifens des Zeisswerks in das Marktsegment der Zentralverschlüsse wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg betrachtet werden. Die Schlüsselpersonen dafür waren Friedrich Deckel mit seiner Firma in München sowie ein Konstrukteur namens Christian Bruns. Dieser hatte ab 1903 einen hochwertigen Spannverschluß entwickelt, der zuerst mit der sog. Lederbremse ausgestattet war, aber kurze Zeit später auf die deutlich präziser arbeitende Luftbremse umkonstruiert wurde. Letzteres geschah während einer kurzen Phase, in der Bruns für die Friedrich Deckel AG arbeitete. Der fertige Verschluß wurde unter der Bezeichnung „Compound“ auf den Markt gebracht (Deutsche Patente Nrn. 148.663; 195.913; 212.320 und 225.003).

 

Diese Deckel AG muß wohl als eine geheime Tochterfirma des Zeisskonzerns angesehen werden, zumal Friedrich Deckel ursprünglich selbst „Zeissianer“ gewesen war. Diese Vermutung von mir wird noch durch einen anderen Umstand bekräftigt: Anders als der getreue Friedrich Deckel, stellte sich Christian Bruns als unsteter Geist heraus. Nach kurzer Zeit schied dieser findige Konstrukteur wieder aus der Deckel AG aus und entwickelte quasi privat den per Luftbremse gesteuerten Compound zum bahnbrechenden Spannverschluß mit Räderhemmwerk weiter, der später unter dem Namen „Compur“ weltbekannt wurde. Dabei war das zugehörige Reichspatent Nr. 258.646 vom 7. Juni 1910 mit seiner ausrückbaren Ankerhemmung so weitgreifend, daß es lange Zeit einem wahren Monopol im Bereich hochwertiger Objektivverschlüsse gleichkam. Umso interessanter, daß dieses Patent der Christian Bruns & Co. GmbH auf eine noch nicht genauer geklärte Weise in den Besitz von Zeiss gelangt. Von diesen wurde es sodann an die Friedrich Deckel AG lizensiert, die jenen Verschlußtyp bekanntermaßen sechs Jahrzehnte lang gefertigt hat. Das brisante daran: Diese Zusammenhänge und Besitzverhältnisse waren den Mitbewerbern von Zeiss bzw. Zeiss Ikon unbekannt. Firmen wie Voigtländer oder Franke & Heidecke, die in großem Umfange Compurverschlüsse einsetzten, hatten keinen blassen Schimmer davon, daß sie die hochwertigen Verschlüsse in Wahrheit von ihrem Konkurrenten kauften, der dadurch verdeckt auch die Hand auf Liefermengen und Preise für dieses unverzichtbare Schlüsselprodukt des Kamerabaus hatte.

 

Diese lange Vorgeschichte muß erzählt werden, wenn man verstehen will, wieso zwar Zeiss Jena vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit seinen geheimen Tochterfirmen Friedrich Deckel in München sowie Alfred Gauthier in Calmbach quasi ein Monopol im Sektor hochwertiger Zentralverschlüsse innehatte, dieses einstmalige Monopol sich aber plötzlich vollständig in Luft auflöste, als die entsprechenden Firmen nach 1945 nun in den westlichen Besatzungszonen lagen. Die „We Take The Brain“ Strategie der US-Besatzungsmacht tat ein Übriges, indem sie dem Jenaer Werk nicht nur die Konstrukteure, sondern auch die Konstruktionsunterlagen und Schutzrechte entrissen. Das führte dazu, daß in der jungen DDR fast keine Fertigungskompetenz für hochwertige Zentralverschlüsse vorhanden war – im Prinzip genau so, wie der sächsische Automobilbau keine Traditionen in der Herstellung kleinerer und mittlerer Viertaktmotoren zu bieten hatte. Wir wissen heute, daß sich im Gegensatz zum Automobilbau der Mangel an Zentralverschlüssen langfristig gesehen als ein großer Segen für die DDR-Kameraindustrie herausstellte, denn auf diese Weise kam man gar nicht erst auf den abenteuerlichen Gedanken, das einäugige Reflexprinzip mit dem Zentralverschluß zu verknüpfen. Vielmehr war man regelrecht dazu gezwungen, Schlitzverschlüsse zu entwickeln. Und in diesem Bereich konnte die mitteldeutsche Photoindustrie durchaus auf eine lange Fertigungstradition zurückblicken.

 

Allerdings war es bis dahin ein langer Weg. Bekannt ist, daß beispielsweise die Zeiss Ikon im Falle der Schlitzverschlußkamera vom Typ Spiegelcontax erst ungefähr im Jahre 1951 eine stabile Produktion erreichen konnte. Und auch bei den übrigen Dresdner Kamerabaufirmen wurden Schlitzverschlüsse nur in den jeweiligen Spitzenmodellen eingesetzt. Für alle anderen Kameras benötigte man Zentralverschlüsse. Und dahingehend geriet das folgende Jahrzehnt nach dem Kriegsende oftmals zu nicht mehr als einer Verwaltung der ganz oben bereits angesprochenen Beschaffungskrisen. Zum einen bedeutete dies ein je nach Situation mal mehr, mal weniger sporadischer Import hochwertiger westdeutscher Spann- und Selbstspannverschlüsse von Deckel (Compur) und Gauthier (Prontor). Diese wurden wegen der damit verbundenen Devisenabhängigkeit vorwiegend in jene Kameras montiert, die ihrerseits wiederum für den Export vorgesehen waren. Das deckt sich auch mit der Beobachtung, daß mit schwindender Exportträchtigkeit von Zentralverschlußkameras während der 1950er Jahre auch der Einsatz der teuren West-Verschlüsse sukzessive zurückgeht.

 

Die zweite Strategie der DDR-Kameraindustrie, der Beschaffungskrise im Bereich der Zentralverschlüsse zu entkommen, lag darin, zunächst solche Typen einfacher und einfachster Bauart selbst neu zu entwickeln und entsprechende Herstellungskapazitäten zu schaffen. Der frühestes dieser Nachkriegs-Zentralverschlüsse dürfte wohl der „Velax“ für die Mimosa sein, der – wie offenbar die gesamte Kamera – von Leuten der Zeiss Ikon AG entwickelt worden war. Über die genauen Hintergründe kann man nur spekulieren, aber es ist denkbar, daß ein Teil der Belegschaft des demontierten Zeiss Ikon Werkes in der schweren Zeit der Nachkriegsjahre auf diese Weise ihr Brot verdient haben (Vgl. dazu auch Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 53).

Der Velax geht auf eine Bauart zurück, die von der Firma Alfred Gauthier im Jahre 1910 eingeführt wurde, um die Dominanz billiger amerikanischer Einfachst-Verschlüsse zu brechen (Vgl. Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Die photographische Kamera und ihr Zubehör, Wien, 1931; S 415ff.). Unter Markennamen wie Derval, Vario, Pronto und Embezet oder auch ohne jegliche Herkunftsbezeichnung wurden sie in großen Stückzahlen und zu günstigen Preisen in die Massenkameras fast aller Hersteller eingebaut. Außerdem liegt die Vermutung nahe, daß solche Zweisektorenverschlüsse der einfachsten Bauart schon vor dem Kriege von Zeiss Ikon selbst gefertigt bzw. durch umliegende Firmen zugeliefert wurden (zum Beispiel der Typ „Telma“). Auch wenn letzteres nicht gesichert ist, so könnte dies doch eine schlüssige Begründung dafür sein, weshalb ebensolch ein Zweisektorenverschluß nicht nur so frühzeitig nach dem Kriege durch die Photoindustrie der SBZ produziert, sondern offenbar auch neu entwickelt werden konnte. Denn auf einen doch recht auffälligen Umstand möchte ich noch einmal gezielt hinweisen: Wer sich den Innenaufbau des Velax einmal genauer anschaut, der wird erkennen, daß trotz des einfachen Grundaufbaus ein kleines Räderhemmwerk vorhanden ist. Dieses sorgt zum einen dafür, daß als längste Verschlußzeit immerhin eine 1/10 Sekunde ermöglicht wird. Zum anderen werden durch solch ein Hemmwerk auch die kürzeren Verschlußzeiten prinzipiell präziser gesteuert, als mit der sonst bei Zweisektorenverschlüssen üblichen bloßen Veränderung einer Federspannung. Auch noch ein zweiter Nachteil wird dadurch weitgehend vermieden: Wird nämlich beim einfachen Selbstspannverschluß die Belichtungszeit nur durch die Veränderung einer Federspannung variiert, dann verlängert sich bei Einstellung auf eine längere Belichtungszeit auch die Zeitspanne, die zur Öffnung und zum Schließen der Verschlußsektoren gebraucht wird. Das führt bei einfachen Automatverschlüssen zu einem durchweg schlechten Wirkungsgrad. Der Velax vermeidet diesen Nachteil durch dessen Hemmwerk weitgehend. Er muß also als ein besonders aufwändiger Vertreter unter diesen einfachen Typen angesehen werden. Sein Räderhemmwerk läßt ihn erkennbar als eigenständige Konstruktion aus der Masse der übrigen Zweisektorenverschlüsse hervorstechen. Das führt zu der Folgerung, daß in Anbetracht der geschickten Ausführung der Mimosa und ihres Verschlusses diese außergewöhnliche Kamera zwar von einem Photopapierwerk auf den Markt gebracht worden sein mag, wohl aber kaum von dessen Mitarbeiterstamm konstruiert und fabriziert worden sein kann. (Siehe dazu auch Anmerkungen ganz am Schluß des Aufsatzes.)

Demgegenüber ein ganzes Stück einfacher aufgebaut waren die Zweisektoren-Selbstspannverschlüsse der Firma Gebrüder Werner in Tharandt. Hier wurden die drei Verschlußzeiten lediglich durch eine Variation der Federspannung erreicht – ein Räderhemmwerk war nicht vorgesehen. Damit konnten diese Verschlüsse freilich nur die bescheidensten Ansprüche abdecken. Unter dem Markennamen Junior und Binor (Baugröße 0) wurden sie anfänglich für die mannigfaltigen Rollfilm-Faltkameras hergestellt. Etwas später folgte die Verschlußgröße 00, die sich für alle möglichen Kleinbildkameras eignete. Diese wurde als "Junior II" oder einfach auch nur "Automat" bezeichnet. Dieser Verschlußtyp wurde lt. Sortimentskatalog noch bis in die 1970er Jahre als günstigste Variante in einfache Kleinbildkameras wie den "Beiretten" verbaut.

 

Diese ganze Thematik ist allerdings etwas verwirrend, weil in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ein zweiter, sehr ähnlicher Automatverschluß "Priomat" auf dem Markt erscheint, der aber nach neuen Erkenntnissen definitiv vom VEB Zeiss Ikon entwickelt wurde (siehe Anmerkung ganz am Ende des Aufsatzes). Verwirrend ist das deshalb, weil ich bislang nicht sagen kann, wo die Unterschiede zwischen beiden Typen liegen sollen. Fakt ist, daß diese einfachen Automatverschlüsse millionenfach in preisgünstigen Tubuskameras verschiedenster Provenienz verbaut worden sind. Am bekanntesten dürften die Beirette-Typen des SL-Systems sein, für die die zur Verfügung stehenden drei Verschlußzeiten meist genügten. Wurde eine breitere Verschlußzeitenreihe verlangt, mußte man zu Spannverschlüssen greifen. Selbstspannverschlüsse mit Räderhemmwerk wurden nach dem Velax in der DDR nicht mehr gefertigt. Erst der elektromagnetisch gesteuerte Priomat der Pentacon electra schaffte in dieser Richtung Abhilfe. 1960 gab es übrigens von GW mit dem "Juniormat" einen Verschluß, bei dem Zeit UND Blende in Abhänigkeit von der Motivleuchtdichte automatisch gesteuert wurden (Vgl. z.B. Bild & Ton 5/1960, S. 151; Dreizner, Walter: Ein Druck - Ein Dreh - Ein Bild, Fotofalter, Heft 8/1960, S. 242ff.). Sehr erfolgreich scheint die damit ausgestattete Beier-matic allerdings nicht gewesen zu sein, sie wurde bereits nach kurzer Zeit komplett überarbeitet und verschwand dann rasch vom Markt. Anders als man selbst auf seriösen Internetseiten lesen kann, arbeitete diese Kamera nicht mit einer Halb-, sondern einer Belichtungsvollautomatik!

 

Verwirrend bleibt das ganze Thema mit den Automatverschlüssen aber trotzdem, da nämlich jene Priomat-Verschlüsse, die in den einfachen Kunststoff-SL-Kameras der 70er und 80er Jahre verbaut worden sind, offenbar ebenfalls im (mittlerweile verstaatlichten) Werner-Werk in Tharandt hergestellt wurden. So finden sich im Sortimentskatalog von 1975 zum Beispiel für die Beirette 200 eine Version mit Automat (vormals Junior II) für 54,- Mark und eine mit Priomat für 60,- Mark. Später gibt es nur noch den Priomat. Diese Produktgeschichte läßt Fragen offen, die sich momentan noch nicht eindeutig klären lassen. Ich halte es nämlich durchaus für möglich, daß der Priomat zwar von Leuten des VEB Zeiss Ikon entwickelt wurde, die Produktion dann aber letztlich in das GW-Werk ausgegliedert worden ist. Das würde erklären, weshalb noch bis in die 70er Jahre der hauseigene Automat neben dem Priomat von ZI/KKW existiert. Vor diesem Hintergrund wäre auch nicht ausgeschlossen, daß noch weitere Verschlußtypen der Zeiss Ikon in diesem Werk gefertigt worden sind.

Links das Innenleben des Junior 0 und rechts das des Priomat 00.

Denn genau solche weiteren Verschlußtypen waren dringend notwendig. Das eigentliche Problem für die junge DDR-Photoindustrie war nämlich die Bereitstellung hochwertiger Spannverschlüsse. Erfolgt beim Automatverschluß das Spannen während des Auslösens, so muß ein Spannverschluß vor dem Auslösen gesondert gespannt werden. Das bietet prinzipiell den Vorteil, daß hier mit wesentlich kräftigeren Federspeichern gearbeitet werden kann und daher auch kürzere Verschlußzeiten erreicht werden. Allerdings verlangt ein solcher Verschluß einen ungleich höheren Konstruktionsaufwand. Und ab einem bestimmten Punkt sind erfolgversprechende Konstruktionswege schlichtweg durch die Schutzrechte etablierter Hersteller verbaut. Der erste Spannverschluß der DDR vom Typ „Cludor“ fiel daher auch auf dem technischen Stand der 1930er Jahre aus. Mit seinen drei Sektoren erreichte er nur einen bescheidenen Wirkungsgrad und Nominal- und Äquivalenzzeit klafften weit auseinander. Für höherwertige Kameras mit lichtstarken Objektiven war dieser Typ nicht geeignet. Für Mittelklassekameras wie der Beltica-Reihe und dreilinsigen Objektiven der Marke Trioplan und Meritar genügte er aber.

Dasselbe gilt übrigens auch für den Nachfolgetyp „Vebur“. Wie man anhand der gezeigten Bilder erkennen kann, ist der Vebur weitgehend mit dem (späten) Cludor mechanisch identisch (für frühe Modelle des Cludor siehe unter Ergänzungspunkt 1). Lediglich die Auslösesperre bei abgelaufenem Verschluß wurde abgeändert. Ansonsten haben punktförmige Messungen mittels Laserlicht ergeben, daß beide Verschlußtypen dieselben Zeitwerte liefern. Die Nominalzeit von vier Millisekunden wird nur am äußersten Rand des Durchlasses erreicht. In der Mitte liegen die Werte bei etwa zwölf Millisekunden. Das sind typische Werte für solch einfach aufgebaute Zentralverschlüsse – mehr kann man in dieser Preisklasse schlichtweg nicht erwarten. Für bestimmte Lieferserien der Werra-Reihe wurde daher anstatt des üblichen Vebur ein Synchro-Compur importiert. Dieser lieferte mit der 1/500s nicht nur nominell eine kürzere Verschlußzeit, sondern hatte mit seinen fünf Sektoren und deren höherer Ablaufgeschwindigkeit einen deutlich besseren Wirkungsgrad. Er war einfach auf einem ganz anderen technischen Niveau gefertigt. Entsprechend teuer war er aber auch.

Noch wesentlich schlechter sah es mit der Versorgung an Zentralverschlüssen der Baugröße 0 aus. Hier gab es bis Anfang der 50er Jahre aus eigener Produktion nur die bereits beschriebenen, extrem simplen Verschlüsse des Typs Junior bzw. Binor. Dabei ist diese Verschlußgröße mit dem maximalen Blendendurchmesser von 24 bzw. 25mm unentbehrlich für fast alle Optikausstattungen des Mittelformates. So werden zum Beispiel alle Normalobjektive des 6x9 Formates mit den üblichen Brennweiten um 105mm in diesen Verschlüssen gefaßt. Gleiches gilt für Objektive 2,8/80mm für das 6x6 Format. Auch die Objektive 3,5/75mm, die eigentlich gerade noch in der Verschlußbaugröße 00 unterzubringen sind, müssen in der Baugröße 0 gefaßt werden, sobald sie per Frontlinsenverstellung fokussiert werden sollen. Diesem enormen Bedarf stand ein eklatanter Mangel an hochwertigen Verschlüssen dieser Größe gegenüber. Also mußte immer wieder der Prontor aus der Bundesrepublik importiert werden, wenn man mehr als nur den einfachen Junior bieten wollte. Erst im Laufe der 1950er Jahre wurde – offenbar im VEB Zeiss Ikon – ein zeitgemäßer Spannverschluß der Baugröße 0 entwickelt und unter der Bezeichnung „Tempor“ auf den Markt gebracht. Er zeichnete sich durch einen übersichtlichen Aufbau, und dank der fünf Sektoren durch einen einigermaßen guten Wirkungsgrad bei einer kürzesten nominellen Verschlußzeit von 1/250s aus. Außerdem war serienmäßig ein Vorlauwerk integriert. Für die Taxona erschien eine Variante in der Baugröße 00, die trotz Ausführung mit lediglich drei Sektoren eine nominelle Verschlußzeit von 1/300s erreichte. Auf eine Irisblende konnte hier verzichtet werden, weil der Tempor in der Taxona hinter dem Objektiv saß, das eine eigene Blende hatte. Ganz genau so verhielt es sich mit einer Variante des Tempor 0, der in die Altix V eingebaut wurde und vorn das Schraubbajonett für die Wechselobjektive trug.

 

Spitzentechnologie war dieser Verschluß freilich nicht. Umschaltbare Synchronkontakte und die Lichtwerteinstellung des Prontor SVS suchte man am Tempor vergeblich. Und die 1/250 s, die leidlich erreicht wurde, war für eine Spitzenkamera wie die Certo Super mit ihrem Tessar 2,8/80 weit unter Niveau. Für diese Kamera mußte daher immer wieder der schandteure Synchro Compur eingekauft werden, wenn man sie noch auf den westlichen Exportmärkten losbekommen wollte. Allerdings löste sich ein Teil dieses Beschaffungsproblems in der zweiten Hälfte der 1950er ganz von allein: Für Faltkameras der Rollfilmformate brach zu jener Zeit der Markt fast vollkommen ein, ganz gleich welche Sonderausstattung sie noch zusätzlich zu bieten hatten. Ein Vierteljahrhundert hatte diese Bauart den Amateurmarkt beherrscht; jetzt galten die „Falter“ nurmehr als „Opas Kamera“. Offenbar wurde auch die DDR Photoindustrie durch den unvermittelt drastisch eintretenden Nachfragerückgang an dieser Kamerabauart überrascht, denn noch jahrelang waren in Tempor-Verschlüssen gefaßte Trioplane, Bonotare und sogar Tessare in den Bastelläden des Landes erhältlich. Als nach 1960 auch die Herstellung der Altix-Reihe auslief, brach das Interesse des Kamerabaus am Tempor jäh in sich zusammen. Auch bei dieser Spezialbauform ohne Blende sollen die Lagerbestände hoch gewesen sein – ein Glücksfall übrigens für die Reparaturwerkstätten, denn noch 30 Jahre später konnten hier bei Bedarf fabrikneue Austauschverschlüsse aus den Regalen geholt werden.

Aber war denn die Zeit des Zentralverschlusses generell vorüber? Nein, natürlich nicht. Ganz im Gegenteil. Nie wieder gab es weltweit eine solche Vielfalt an Zentralverschlußkameras, wie in den Jahren um 1960 herum. Es wurden lediglich andere Typen verlangt, als bislang. Denn mit dem Niedergang der alten Rollfilmkamera hörten die Amateure ja nicht auf zu knipsen. Sie wechselten vielmehr zu den immer ausgefeilteren Kleinbildkameras hinüber. War vorher lange Jahre der schwarzweiße 6x9 Kontaktabzug Standard, so projizierte man nun gern repräsentative Farbdias im Kleinbildformat an die Wand. Und sollte es doch einmal der preiswertere Schwarzweißfilm sein, dann ließen die neu auf den Markt gekommenen Dünnschichtemulsionen erstaunliche Vergrößerungsmaßstäbe zu. Contina und Contessa, Vito und Vitessa, Silette und Paxette, Retina und Retinette usw. hießen hochwertige Zentralverschlußkameras der Bundesrepublik. Und am Horizont des internationalen Marktes tauchten bereits erste Namen wie Olympus, Yashica, Ricoh, Minolta auf. Alles hochwertige Amateurkameras mit hochwertigen Zentralverschlüssen vom Typ Compur, Prontor, Seikosha und Copal. Die 1/500 s als kürzeste Verschlußzeit war zum Standard in dieser Preisklasse geworden, es wurden verstellbare Synchronkontakte für Röhren- und Lampenblitzgeräte sowie Lichtwertkupplung erwartet und erste per Selenzelle gesteuerte Programmverschlüsse tauchten auf. Abgesehen vom offensichtlich etwas glücklosen "Juniormat" hatte die DDR-Photoindustrie in diesem Bereich nichts zu bieten.

 

Diese Situation muß also als eine Spätfolge der Zerschlagung der Ernemann AG durch den Zeisskonzern in den Jahren 1926/27 und der Monopolisierung des Baues hochwertigster Objektivverschlüsse im Deckelwerk München angesehen werden. In der Bundesrepublik waren die Folgen dieser Konzernpolitik übrigens genauso zu spüren, nur im Prinzip diametral entgegengesetzt. Dort herrschte kein Mangel an hochwertigen Zentralverschlüssen; im Gegenteil: Dort galt es für einen solch hochspezialisierten Industriezweig genügend Absatz zu erzielen. Bereits aus den 30er Jahren ist ein Briefwechsel eines irritierten Friedrich Deckel mit der Jenaer Konzernleitung erhalten geblieben, wo dieser den immer stärkeren Einsatz des Schlitzverschlusses in den Spitzenkameras der Konzerntochter Zeiss Ikon beklagt (Vgl. Thiele, Hartmut: Aufstieg und Niedergang der deutschen Photoindustrie am Beispiel der Monopolisierung des Objektiv-Verschlußbaus von Carl Zeiss Jena und Zeiss Ikon Dresden; in: Technische Sammlungen der Stadt Dresden (Hrsg.): Zeiss Ikon AG Dresden, Aspekte der Entwicklung des 1926 gegründeten Industrieunternehmens, Thesaurus 3, 2001, S. 72.). Im Zuge des Aufbaues einer westdeutschen Zeiss Ikon AG nach dem Kriege wurde daher konsequent der Einsatz des Zentralverschlusses auch bei einäugigen Amateur-Reflexkameras durchgesetzt. Und nach der Übernahme des Voigtländer-Werkes wurde diese Konzernpolitik auch auf die Produkte der neuen Tochter übertragen. Von Voigtländer wurden sogar Spiegelreflexkameras der Mittel- und Oberklasse auf Basis der Zentralverschlußtechnologie auf den Markt gebracht – bekanntermaßen mit langfristig gesehen fatalen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Konzernes.

 

Wie gesagt war man im Gegensatz dazu in der DDR quasi als Spätfolge dieser Jahrzehnte zurückreichenden Strukturentscheidung dazu gezwungen, nach 1945 hochwertige Kameras mit Schlitzverschlüssen auszustatten. Aber was war mit den darunterliegenden Marktsegmenten? In diesem Bereich hatte der DDR-Photogerätebau stets mit dem Problem zu kämpfen, daß nicht nur für die Fabrikation vorhandener Kameratypen Verschlüsse besorgt werden mußten, sondern auch die angestrebte Neukonstruktion hochwertiger Kameras von den Beschaffungsschwierigkeiten an hochwertigen Zentralverschlüssen ausgebremst wurde. Meiner Ansicht nach brach diese Diskrepanz zum ersten Male so richtige zutage, als infolge des „Neuen Kurses“ nach dem 17. Juni 1953 der VEB Carl Zeiss JENA dazu verpflichtet worden war, eine hochwertige Kleinbildkamera für den Massenbedarf zu entwickeln. Solange diese Kamera noch mit einem fest eingebauten Tessar und einem einfachen Durchsichtssucher auskam, genügte der einfache Vebur für den Inlandsmarkt. Für besser ausgestattete Serien importierte man halt eine blendenlose Variante des Compur. Diese Strategie war aber nicht nur problematisch aufgrund ihrer prinzipiellen Abhängigkeit von den jeweilig vorherrschenden wirtschaftlichen und politischen Wetterlagen, sie mußte überdies sofort versagen, sobald die Konstrukteure in Dresden und Eisfeld ihre Kameras weiterentwickeln wollten. Schließlich wäre es nicht vermittelbar gewesen, wieso eine hochgezüchtete, mit einem aufwändigen Meßsucher ausgestattete Werra mit einem vergleichsweise unzureichenden Zentralverschluß ausgerüstet worden wäre. Zudem bot der Vebur mit seinen ungleichen Abständen zwischen den Einstellwerten und der alten, nichtgeometrischen Zeitenreihe keine Möglichkeit der Kupplung mit irgendeiner kameraseitigen Belichtungsautomatik.

Zentralverschlüsse als Beispiel für Autarkiebestrebungen der DDR im Bereich hochwertiger Zulieferprodukte aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet, die zeitgenössisch gern als „Störfreimachung“ bezeichnet wurde.

Es ist also meiner Analyse nach die Werra-Reihe gewesen, die Mitte der 50er Jahre den Mangel an hochwertigen Zentralverschlüssen in der DDR erst so richtig hat eklatant werden lassen. Immerhin genau in diese Zeit fällt der Beginn der Entwicklung des Prestor Zentralverschlusses durch den VEB Zeiss Ikon Dresden, die später durch die Kamerawerke Niedersedlitz bzw. Kamera- und Kinowerke („Pentacon“) weitergeführt wurde. Doch das hört sich wesentlich trivialer an, als es tatsächlich gewesen ist. Die Ingenieure sahen sich nämlich immensen Schwierigkeiten gegenüber. „Woher nehmen, wenn nicht stehlen“ müssen sie wohl angesichts der internationalen Patentlage damals ausgerufen haben. Anders als es beispielsweise Jehmlichs Einlassung suggeriert, beschritt man in Dresden meiner Ansicht nach nicht deshalb ein völlig neues Konstruktionsprinzip, weil man die bessere Lösung gefunden hatte (Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 63.) oder gar um den Westen zu überholen, ohne ihn einholen zu müssen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Konstrukteure mußten deshalb diesen aufwendigen Umweg gehen, weil ihnen konventionelle Lösungsmöglichkeiten durch westdeutsche und übrigens auch erste japanische Schutzrechte verbaut waren. Eine irgendwie geartete Verletzung von Schutzrechten hätte unmittelbar die Exportfähigkeit der entsprechenden Kameras zunichte gemacht. Aber gerade was die Werra betrifft, so wurde diese längst nicht mehr nur gebaut, um die Konsumbedürfnisse der DDR-Bevölkerung zufriedenzustellen, sondern auch um auf Westmärkten Devisen zu verdienen.

Feilgebotene Werras in einem Katalog der britischen Handelsfirma Cine-Equipment aus dem Jahr 1962

Auch kann Jehmlichs Aussage nicht unwidersprochen bleiben, der Prestor arbeite nach „einem bisher nicht angewandten kinematischen Prinzip“ (Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 63). Ein Blick in die Literatur läßt erkennen, daß das Funktionsprinzip, das dem Prestor zugrundelag, weder neu war, noch daß es nicht bereits ausgeführt worden sei. Am bekanntesten dürfte der „Multispeed - Shutter“ gewesen sein, den sich Gustav Dietz unter den Nummern 203.455 und 214.423 auch im Deutschen Reiche hat schützen lassen und den er in seiner Fabrik in Yonkers, USA, auch fabrizierte (Vgl. Pritschow, Photographische Kamera, 1931, S. 407f.).

Ausführungsform des Multispeed-Shutters (nach Pritschow)

Was stimmt ist, daß dieses Funktionsprinzip freilich nicht UMFÄNGLICHER angewendet worden ist. Und daß das seine berechtigten Gründe hatte, ist leicht einzusehen, wenn man sich ein wenig mehr mit dem Funktionsprinzip des Prestor-Zentralverschluß auseinandersetzt: Der Prestor arbeitet nämlich mit sogenannten durchschwingenden Verschlußsektoren. Man könnte eigentlich auch von Rotationssektoren sprechen. Bei fast allen Zentralverschlüssen des Marktes – wie auch beispielsweise beim Compur – führen die Sektoren eine hin- und herschwingende Bewegung aus. Das bedeutet, daß die Sektoren im Moment der vollen Öffnung des Verschlusses wenigstens einmal ganz kurzzeitig stillstehen, anschließend ihre Bewegungsrichtung umkehren und den Lichtpfad wieder verschließen. Bei längeren Verschlußzeiten wird das Innehalten der Sektoren im Prinzip auf das Maß der eingestellten Belichtungszeit hinausgezögert. Das ganze Know How eines hochwertigen Zentralverschlusses liegt also darin, den Anteil des Öffnens und Schließens der Sektoren an der Gesamtverschlußzeit so gering wie möglich zu halten. Der Grund ist leicht einzusehen: Solange die Sektoren nicht voll geöffnet sind, wirken sie wie eine künstliche Abblendung des Objektives und verschlechtern dessen Wirkungsgrad immens. Spitzenverschlüsse wie der Compur basierten daher auf einer ausgeklügelten Antriebsmechanik und einer ganz speziellen Formgebung der Sektoren um die unerwünschte Abblendung so klein wie möglich werden zu lassen.

Vergleich der Bauformen von Zentralverschluß-Sektoren eines Compur (links) und eines Prestor (rechts).

Bei einem Durchschwingverschluß mit rotierenden Sektoren, wie die des Prestor, fällt die Richtungsumkehr der Sektoren im Moment der größten Öffnung weg. Der gesamte Vorteil dieser Verschlußbauart liegt also darin, daß die Sektoren im Moment der größten Öffnung des Verschlusses auch die größte Geschwindigkeit besitzen, da sie ja nicht ihre Bewegungsrichtung umkehren müssen, sondern sich einfach nur weiterdrehen, um den Lichtpfad wieder zu verschließen. Dazu sind die Sektoren des Durchschwingverschlusses spiegelsymmetrisch zur Rotationsachse ausgeführt. Durch den fehlenden „Zwischenstopp“ lassen sich zumindest theoretisch wesentlich kürzere Verschlußzeiten erreichen, als bei herkömmlicher Bauart.

 

Dem aufmerksamen Leser wird nun aber sofort ins Auge gefallen sein, welche Schattenseite dieses Funktionsprinzip mit sich bringt. Diese war auch der Grund dafür, wieso sich diese Bauart nicht durchsetzen konnte und wieso Firmen wie die Friedrich Deckel AG kein Interesse an ihr zeigten. Wenn sich nämlich die Sektoren weiterdrehen, um nach erfolgter Belichtung den Lichtpfad wieder zu verschließen, dann wird genau dieser Lichtpfad für einen kurzen Moment erneut geöffnet, sobald der Verschluß wieder gespannt und die Sektoren in ihre Ausgangslage zurückgeführt werden. Beim Multispeed - Shutter aus der „Plattenzeit“ war das unproblematisch, denn bis dieser wieder für die nächste Aufnahme gespannt wurde, war die Kassette längst wieder mit dem Schieber verschlossen und die Platte vor Belichtung geschützt. Für das durchgängige Band des Filmes in einer Kleinbildkamera war eine solche Lösung natürlich nicht anwendbar. An genau diesem Punkt begannen die großen konstruktiven Schwierigkeiten, die das auf den ersten Blick einfache Funktionsprinzip des Durchschwingverschlusses in der Praxis so stark verkomplizierten. Es mußte im Verschluß nämlich ein zweiter Satz Sektoren vorgesehen werden, dessen einzige Aufgabe lediglich darin bestand, den Lichtdurchtritt während des Spannvorganges verschlossen zu halten und damit ein Verderben der Aufnahmen zu verhindern. Natürlich ging mit der Notwendigkeit für einen solchen Hilfsverschluß sogleich die Forderung einher, daß dieser mit dem Hauptverschluß gekoppelt sei und damit vollautomatisch arbeite. Es stellte sich heraus, daß diese Forderungen gar nicht so einfach zu realisieren waren und daß der fertige Prestorverschluß in seinem Funktionsablauf wesentlich komplexer ausfiel, als alle bisherigen Typen dieser Qualitätsklasse.

Schema für den Spannvorgang und den Ablauf eines Prestor RVS 00 aus der Montagevorschrift des VEB KKW

Dieser Weg mußte aber beschritten werden, wenn man ein Plagiieren bekannter Lösungen umgehen wollte. Und aus diesem Zwang heraus ergaben sich sogleich neue Lösungsansätze, mit denen die Konstrukteure darauf abzielten, den leider unumgänglichen Hilfsverschluß mit einer weiteren Funktion zu verknüpfen, um nicht auf engstem Raume ganze DREI Lamellensätze unterbringen zu müssen. Denn um es noch einmal klarzumachen: Der Prestor wurde entwickelt, um sich generell von westdeutschen Verschlußimporten freizumachen. Er mußte also universell einsetzbar sein. Das bedeutete aber nichts anderes, als daß neben den Verschluß- und Hilfsverschlußsektoren auch ein weiteres Lamellenpaket für die Irisblende vorzusehen war. Für die Werra-Reihe, bei der der Prestor ja ausschließlich als Hinterlinsenverschluß fungierte, war eine Blende im Verschluß ja prinzipiell entbehrlich. Aber es ist eben gerade nicht der Fall, daß der Prestor speziell für diese Kamera konstruiert wurde. Und sobald er in der üblichen Weise zwischen den Linsen eines Objektivs eingesetzt werden sollte, dann brauchte er zwingend eine Blende.

 

Um das zu gewährleisten, aber gleichzeitig den Aufwand zu reduzieren, hatten die Konstrukteure um Werner Hahn den Hilfsverschluß so ausgelegt, daß er funktionell mit der Irisblende vereinigt und letztere dadurch als selbständige Einheit eingespart werden konnte. Fungieren die Sektoren als Hilfsverschluß, dann sind sie nach dem Auslösen des Hauptverschlusses vollständig geschlossen und bleiben es auch, während der Verschluß gespannt wird. Erst am Ende des Spannvorganges wird der Hilfsverschluß vollständig geöffnet. Beim Einsatz des Prestor-Verschlusses an der Werra bleibt dieser Hilfsverschluß auch so lange vollständig geöffnet, bis der Hauptverschluß abgelaufen ist. Anschließend schließt der Hilfsverschluß wieder vollständig, damit beim nächsten Spannvorgang der Lichtpfad abgedeckt bleibt. So weit so gut. Wäre der Prestor aber statt als Hinterlinsenverschluß als herkömmlicher Zwischenlinsenverschluß angewendet worden, dann hätte die Möglichkeit bestanden, nach Beendigung des Spannvorganges den Hilfsverschluß nicht auf volle Öffnung springen zu lassen, sondern auf eine von außen veränderbare mehr oder weniger kleinere Öffnung. Aus dem Hilfsverschluß wäre in diesem Stadium eine Blende geworden, die ihre Funktion so lange ausgeführt hätte, bis sie am Ende des Belichtungsvorganges vollständig zugesprungen wäre, um wieder als Hilfsverschluß zu dienen. Meines Wissens ist von der Photoindustrie der Deutschen Demokratischen Republik nie eine Kamera serienmäßig gefertigt worden, die von dieser zweiten „Betriebsart“ des Prestor als Zwischenlinsenverschluß hätte Gebrauch gemacht.

Der ursprüngliche Hilfsverschluß des Prestor RVS 00, der in der mittleren Abbildung seine Eignung als Springblende zeigt. Der Blendenring mit seiner Steuerkurve, der für diese Ausführungsform notwendig gewesen wäre, ist zwar in der Montageanweisung des Prestor 871 00 (1/500s) noch als Baugruppe G14 abgebildet, aber schon nicht mehr in den Teilelisten aufgeführt. Kleinere Serien dieses Typs 871 00 wurden aber offenbar an Meopta für deren Flexaret geliefert.

Das bedeutete aber, daß eine der wichtigsten Ideen, die einen Einsatz des aufwendigen Prestor RVS 00 ökonomisch gemacht hätte, nämlich daß die Funktion des Hilfsverschlusses und der Irisblende durch ein und denselben Sektorensatz abgedeckt worden wäre, nie praktisch genutzt wurde. Damit wurde aber auch der gesamte Herstellungs- und Justageaufwand, den dieser komplexe Verschluß zwangsläufig mit sich brachte, höchst fragwürdig. Der Prestor RVS 00 war sehr teuer in der Fertigung. Als auch die 1/1000 s, die man eigentlich anvisiert hatte, in der Praxis nicht erreicht wurde, war die Ernüchterung groß. Nachdem die Entwicklung des Durchschwingverschlusses im VEB Zeiss Ikon begonnen wurde, ging sie um 1956/57 mit der gesamten Entwicklungsabteilung des Stehbildsektors an den VEB Kamerawerke Niedersedlitz über. Hier wurde die Entwicklung zwar zuende geführt, aber meiner Wahrnehmung nach war das Interesse der Leute um Siegfried Böhm an diesem Zentralverschluß mehr als begrenzt. Er wurde offenbar als Klotz am Bein angesehen, der unheimlich viel Fertigungskapazität raubte. Ich habe ganze Kartons fertiger Prestorverschlüsse gesehen, die einst in der Endkontrolle ausgesondert wurden, bloß weil einer der zahlreichen Meß- und Kontrollwerte nicht eingehalten wurde. Das Schließen und Öffnen des Hilfsverschlusses, die Einhaltung der Schließzeiten der Synchronkontakte, der Ablauf des Vorlaufwerkes und nicht zuletzt die Einhaltung der Verschlußzeiten erforderten viel Erfahrung im Montageprozeß. Außerdem konnten keinerlei Kompromisse bei der Material- und Verarbeitungsqualität zugelassen werden. Viele der Verschlüsse wurden einfach nur ausgesondert, weil die Rastung der Verschlußzeitenverstellung nicht leichtgängig genug oder der geöffnete Synchronkontakt nicht ausreichend hochohmig war. Wiederum ein Glücksfall für die Reparaturwerkstätten, denn dieser sorgsam verpackte „Ausschuß“ mit den genau vermerkten Fehlerdiagnosen konnte noch jahrzehntelang zur Ersatzteilversorgung genutzt werden.

Sogenannte TKO-Ware – vom Hersteller aussortierte Mängelexemplare zur Ersatzteilversorgung. Trotz aller hier vorgebrachter Kritik, die sich ja hauptsächlich auf Fragen der Wirtschaftlichkeit beziehen, ist ein Prestor RVS 00 vom Typ 871.53 (Werra I und II) bzw. 871.52 (Werra III; IV und V) mit 1/750s kürzester Verschlußzeit natürlich ein hochwertiger Zentralverschluß mit sehr gutem Wirkungsgrad. Bei der kürzesten Verschlußzeit wird in der Mitte des Durchlasses eine tatsächliche Zeit von etwa 3,5 Millisekunden erreicht, am äußersten Rand liegt sie sogar bei nur etwa 0,8 Millisekunden. Bei einem zeitgenössischen Compur Rapid liegen diese Werte bei etwa 4,5 und 1,5 Millisekunden.

Ursprünglich war geplant, den Prestor Durchschwingverschluß auch in größeren Durchmessern herauszubringen und damit unter anderem die tschechische Photoindustrie zu beliefern, die innerhalb des RGW Fertigungsaufgaben im Bereich Großformat zugewiesen bekommen hatte. Es ist bekannt, daß diese Projekte („Grandina“) allesamt gestoppt worden sind – mit allen dahingehenden Folgen für Berufs- und Fachphotographen des Ostblocks. In der DDR ging man zu jener Zeit gerade dazu über, Großformatkameras mit Schlitzverschlüssen zu entwickeln (Mentor Studio und Panorama), um sich vom Zentralverschluß unabhängig zu machen. Ich habe bereits an vielen anderen Stellen unserer Internetseite darüber geschrieben, in welcher Situation sich der Dresdner Kamerabau um 1960 befand. Die neugegründeten Kamera- und Kinowerke hatten von der Zeiss Ikon eine Contax F geerbt, die derart veraltet war, daß sie keiner mehr kaufen wollte. Offensichtlich hatte man aber so viele Teile auf Lager, daß man diese Kamera auf Gedeih und Verderb weitermontieren mußte. Zum Ausgleich mußte man die gerade erst zur Weltspitzenklasse entwickelte Praktina IIA einstellen, weil sich auch diese nicht verkaufen ließ, da sie schlichtweg zu teuer ausfiel. In dieser Situation kann ich es mehr als nachvollziehen, daß man in den KKW offenbar nur wenig Ambitionen zeigte, nun auch noch auf der Hochzeit arbeitsaufwendiger und störanfälliger Zentralverschlüsse zu tanzen. Für die Werra waren sie unentbehrlich, da kam man nicht dran vorbei. Aber die Verpflichtung zu weiteren Varianten konnte man offensichtlich erfolgreich abwehren.

 

Denn es darf nicht verschwiegen werden, daß der Prestor RVS nicht der zuverlässigste Verschluß ist. Das liegt an seinem komplexen Funktionsablauf, dessen Umsetzung andere etablierte Hersteller nicht ohne Grund gescheut hatten. Als neuralgischer Punkt erwies sich der Hilfsverschluß. Ist es Ihnen schon einmal passiert, daß Sie mit ihrer Werra fleißig geknippst haben und als der Film von der Entwicklung zurückkam war nichts weiter drauf, als die Randnummerierung? Wenn ja, dann hat der Hilfsverschluß versagt. Der wird nämlich durch recht geringe Federkräfte angetrieben. Weil der Prestor bei der Werra aber nicht zwischen den Linsen des Objektives liegt, kann dieser Hilfsverschluß von der Rück- und bei den Werratypen mit Wechselobjektiven auch von der Vorderseite her verschmutzen. Als Folge kann es passieren, daß sich der Hilfsverschluß nicht mehr öffnet. Der Kameranutzer merkt davon meist nichts, weil der eigentliche Hauptverschluß ja weiterhin ungestört seinen Dienst verrichtet und hörbar „klick“ macht. Eine Belichtung des Filmes findet indes nicht statt. Auch andersherum kann der Hilfsverschluß in seiner Öffnungsposition verharren, sodaß bei jedem Spannvorgang das Bild durch einfallendes Licht verschleiert wird. Als Erfahrung aus der Werkstattpraxis kann ich sagen, daß solche Fehlfunktionen des Hilfsverschlusses immer besonders dann auftreten, wenn die Kamera unbenutzt einige Wochen liegen gelassen wurde.

 

Diese Fehlerscheinungen waren offenbar schon zur Zeit der Produktion des Prestor bekannt. Von einem gewissen Zeitpunkt an wurde daher die Anzahl der Sektoren des Hilfsverschlusses einfach von fünf auf zwei reduziert. Dazu wurde die Formgebung der verbliebenen Lamellen umgestaltet, die nun etwa so aussahen, wie die Verschlußsektoren des Junior und Priomat. Diese Änderung war auch deshalb möglich, weil wie gesagt von der Funktion des Hilfsverschlusses als Irisblende in der Praxis ohnehin kein Gebrauch gemacht wurde. An den immer wieder auftretenden Fehlfunktionen des Hilfsverschlusses änderte allerdings auch die Konstruktionsänderung nur wenig.

Bei späteren Serien auf zwei Lamellen reduzierter Hilfsverschluß

Aber damit nicht genug. Als hätten die Scherereien mit dem Bau von Zentralverschlüssen – für den schließlich seit mehr als drei Jahrzehnten in Dresden keinerlei Fertigungstradition mehr vorlag – noch nicht genügt, so hatten die Kamera- und Kinowerke von der Zeiss Ikon obendrein auch noch ein Projekt für eine Spiegelreflexkamera geerbt, die rund um diesen Zentralverschluß konzipiert worden war. Plötzlich hatte man in Niedersedlitz ein halbfertiges Konstrukt Walter Hennigs auf dem Tisch, das überhaupt nicht ins Fertigungskonzept dieses Betriebes paßte und wohl großes Kopfzerbrechen verursacht haben muß. Die seit jeher problematische Kupplung eines Zentralverschlusses mit der übrigen Kameramechanik verschlang aufgrund der zusätzlichen Verkomplizierung durch die Verknüpfung des Verschlusses mit dem Reflexsucher erheblichen Entwicklungsaufwand. Bei der Pentina – wie das Modell letztlich genannt wurde – waren für den eingesetzten „Prestor 00 weit“ keine Sektoren für den Hilfsverschluß notwendig. Das machte den Funktionsablauf allerdings nicht weniger kompliziert. Im ausgelösten Zustand war der Verschluß geschlossen und der Spiegel nach oben geklappt. Beim Spannen bewegte sich zunächst erst der Spiegel nach unten und schloß zusammen mit einer zusätzlichen Klappe aus dem Bodenbereich der Kamera den Film gegen Lichteinfall ab. Beim Weiterbewegen des Spannhebels öffneten sich die Verschlußsektoren und blieben in geöffneter Stellung stehen, damit das Sucherbild sichtbar war. Wurde nun ausgelöst, dann sprangen zunächst die Sektoren auf die verschlossene Position, und zwar auf jene, die der übliche Prestor 00 am Ende des Spannvorganges einnahm. Gleichzeitig mit dem Zuspringen des Verschlusses verschloß ein direkt hinter dem Sucherokular angebrachter Schieber dessen Lichtpfad. Das war notwendig, weil nun im Anschluß der Spiegel nach oben klappte. Da nämlich bei einer Zentralverschlußkamera der Verschluß nicht vor dem Film, sondern vor dem Spiegel angebracht ist, hätte andernfalls Licht über das Sucherokular am hochklappenden Spiegel vorbei auf den Film fallen und diesen verschleiern können. Erst jetzt da der Spiegel oben an der Mattscheibe angekommen war, konnte der „Prestor 00 weit“ wie gewohnt ablaufen.

 

In diese Zentralverschlußreflex Pentina mußten also gegenüber den bekannten Typen mit Schlitzverschluß jede Menge neue Funktionsabläufe eingebaut werden, ohne daß sich daraus irgendein nennenswerter Vorteil ergab. Aus heutiger Sicht fragt man sich, ob die richtungsweisende Praktina nicht ein Opfer dieser überkonstruierten Pentina geworden ist. Jedenfalls geriet die Pentina zum Flop, weil sie auf der falschen Technologie basierte – einer Technologie, mit der gerade die bundesrepublikanische Kameraindustrie in die Katastrophe zu schlittern begann. Einäugige Spiegelreflexkameras mit Zentralverschlüssen stellten immer dann die falsche Lösung dar, wenn der Verschluß fester Bestandteil des Kameragehäuses war. Dann war man prinzipiell in der in der Variationsbreite der Wechselobjektive beschränkt. Und genau das wurde vom Photoamateur nicht geduldet, auch wenn er sich in der Praxis nur selten tatsächlich ein Supertele mit 300mm Brennweite kaufte. Aber bei einer Praktica oder einer Pentax Spotmatic hätte er zumindest die theoretische Möglichkeit gehabt, solch ein Objektiv an die Kamera anzusetzen. Es stellte sich nun heraus, daß dieser Aspekt für den Amateur eine viel größere Priorität hatte, als es die Kamerahersteller wahrhaben wollten. Und aus diesem Grunde blieben sie mehr und mehr auf ihren Zentralverschlußreflexen sitzen. So erging es letztlich auch dem Hersteller der Pentina, deren gewöhnungsbedürftige Formgestaltung dabei dem ganzen noch die Krone aufsetzte. Am Ende ließ man gar die Belichtungsautomatik weg, um die herum sie eigentlich konzipiert war, nur um die vorhandenen Teile noch in einer preisgesenkten Version loszubekommen. Nach diesem Debakel wurde in der DDR nie wieder eine Spitzenkamera mit Zentralverschluß entwickelt.

 

Aber anders als man befürchten könnte, geriet dieses Debakel für die DDR-Photoindustrie nicht zum Beinbruch. Im Gegenteil. Von jetzt ab besann man sich auf eigene Stärken und hörte auf, ständig nach dem Westen zu schauen. Außerdem war die technische Entwicklung im Dresdner Kamerabau unterdessen nicht stehengeblieben. Ein reichliches Jahr nach dem Aus für die Pentina brachte Pentacon mit der PRAKTICAmat eine der ersten Spiegelreflexkameras der Welt mit Innenlichtmessung auf den Markt. Und für die übrigen Praktica-Typen begann die Großserienfertigung am Fließband. Letztlich stellten sich die Strukturentscheidungen, die der Zeisskonzern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts getroffen hatte, nun langfristig als Glücksfall für den Dresdner Kamerabau heraus. Ganz anders bei den entsprechenden Konkurrenzfirmen in Stuttgart und Braunschweig, für die sich jetzt die jahrzehntelange Zeiss-Konzernpolitik als derjenige Sargnagel entpuppte, mit dessen Hilfe die dortige Kamerabautradition nun alsbald zur Ruhe gebettet wurde.

 

 

Marco Kröger

Dezember 2016

 

Ergänzung 1: DDR-Zentralverschlüsse im konkreten Vergleich

 

Durch genauere Untersuchungen mit einem selbstentwickelten Zentralverschluß-Meßgerät kann ich nun detailliertere Daten zu den DDR-Zentralverschlüssen liefern. Zum konkreten Aufbau des Meßgerätes, den verwendeten Begriffen sowie den Problemen und Grenzen der Verschlußzeitenmessung an Zentralverschlüssen per se verweise ich auf meinen dahingehenden Aufsatz, der auf der Titelseite der Rubrik „Basteleien und Reparaturen“ zu finden ist. Zuerst ein Vergleich des Tempor mit einem Prontor S.

 

Tempor Nr. 1

Tempor Nr. 2

Tempor Nr. 3

Tempor Nr. 4

Prontor Nr. 1

Prontor Nr. 2

Totale Verschlußzeit

7,3

9,1

13,6

13,8

9,9

7,8

Hauptzeit

3,0

3,5

5,0

4,3

1,9

2,3

Die angegebenen Zeiten in Millisekunden sind arithmetische Mittelwerte aus zehn Messungen und gelten für die 1/250 Sekunde, also 4 Millisekunden nominell. Die Hauptzeit T2 wurde mittels einer Zentralblende von 23,5mm Durchmesser bei voller Öffnung der Irisblende ermittelt. Aus diesen Zahlenwerten können mehrere Erkenntnisse herausgelesen werden. Erstens treten bei Verschlüssen desselben Modells erhebliche Datenabweichungen zwischen einzelnen Exemplaren auf. Das kann freilich auch mit der Vorgeschichte der meist über 50 Jahre alten Verschlüsse zusammenhängen. Zweitens läßt sich feststellen, daß der Prontor S eine sichtlich kürzere Hauptzeit aufzuweisen hat. Zur Erinnerung: Die Hauptzeit ist diejenige Zeitspanne, in der der Verschluß seine volle Öffnung freigibt. Je schneller die Sektoren ihre Bewegungsrichtung wechseln, umso kürzer kann diese Hauptzeit ausfallen. Eine kurze Hauptzeit ist erwünscht, weil sie ausschlaggebend für eine bewegungsscharfe Abbildung ist. Andererseits dürfen Hauptzeit und totale Belichtungszeit nicht allzu sehr auseinanderklaffen, wenn der Verschluß einen guten Wirkungsgrad haben soll. In diesem Bereich sind sowohl Tempor als auch Prontor S nur Mittelmaß. Zum Vergleich: Ein japanischer Seikosha S aus den 1960er Jahren mit einer kürzesten nominellen Verschlußzeit von 1/500s erreicht auch „nur“ eine Hauptzeit von etwas über 2ms. Allerdings liegt bei einer Einstellung auf 1/250s die totale Belichtungszeit mit durchschnittlich 4,2ms nur unwesentlich über dem geforderten Wert. Das ist natürlich eine erstklassige Leistung. Es gilt also: Ein aufwändiger, schneller Verschluß hat bei einer Einstellung auf die 1/250s einen deutlich besseren Wirkungsgrad, als ein Verschluß der von vornherein nur für eine 1/250s konstruiert wurde. In diesem Umstand ist der Grund zu sehen, wieso für eine Spitzenkamera wie der Certo Six immer wieder Serien mit dem Synchro-Compur ausgerüstet wurden.

 

Synchro-Compur 00 Nr.1

Synchro-Compur 00 Nr.2

Prestor 871.51 (1/500)

Prestor 871.53 (1/750)

Totale Zeit

4,7

4,5

4,3

4,2

Hauptzeit

2,3

2,3

1,9

1,9

Auch die obige Gegenüberstellung zweier Exemplare eines Synchro-Compur 00 mit einem Prestor RVS Modell 871.51 (1/500s) und einem Prestor 871.53 (1/750s) ist recht aufschlußreich. Diese vier Verschlüsse stammen aus der Werra-Reihe. Anhand der Werte läßt sich abschätzen, daß diese Modelle auf sehr hohem Niveau konstruiert sind – mit einem leichten Vorsprung des durchschwingenden Prestors. Beide Verschlußtypen haben gemein, daß die totale Belichtungszeit mit der Hauptzeit in einem Verhältnis von etwa 2:1 steht. Das deutet auf einen sehr hohen Wirkungsgrad beider Typen hin. Beim Prestor ist im Vergleich zum Compur die Hauptzeit im Durchschnitt sogar noch ein wenig kürzer. Das rechtfertigt, die kürzeste Nominalzeit mit einer 1/750s statt einer 1/500s anzugeben. Interessant, daß auch das Modell 871.51 dieselben guten Zeitwerte erreicht. Die Meßwerte bestätigen somit, was auch die Montageanleitung des Herstellers bereits schlußfolgern ließ: Diese beiden Modelle des Prestor sind mechanisch identisch. Der Prestor erreichte bei seiner kürzesten Verschlußzeit solch gute Werte, daß eine Angabe von ledigleich einer 1/500s reine Tiefstapelei gewesen wäre. Leider waren die Werte aber auch nicht gut genug, um die 1/1000s auf den Einstellring gravieren zu können, weshalb man den „krummen“ Zwischenwert 1/750s angab. Nichtsdestoweniger waren mit diesen schnellen Zentralverschlüssen vom Modell Prestor nun tatsächlich Aufnahmen schnellster Vorgänge ohne Bewegungsunschärfe möglich, wie sie bislang nur mit Schlitzverschlüssen zu realisieren waren.

 

Oben wurde angegeben, Cludor und Vebur seinen mechanisch weitgehend identisch. Das stimmt allerdings nur für spätere Serien des Cludors. Ältere Exemplare des Cludor (zum Teil noch ohne Blitzkontakt) besitzen aber eine Zusatzfeder für die kürzeste Verschlußzeit, wie sie vom Compur-Rapid aus der Zwischenkriegszeit her bekannt ist. Welchen Typ des Cludor man vor sich hat, läßt sich überprüfen, wenn man im gespannten Zustand von der 1/100 auf die 1/200 Sekunde einstellt. Muß man hier einen spürbaren Widerstand überwinden, dann handelt es sich um den Cludor mit Zusatzfeder.

Bei späteren Exemplaren des Cludor wurde die Zusatzfeder einfach weggelassen und die Nase im Zeitenring, die diese Feder bei der Einstellung auf 1/200s spannte, wurde ausgefräst. Diese Version des Cludor stellt den Übergang zum Vebur dar. Offenbar gelangte man zu der Erkenntnis, daß die Zusatzfeder kaum zur Verkürzung der Verschlußzeit betrug. Dazu mag auch beigetragen haben, daß man nach 1950 mit der nun zur Verfügung stehenden elektronischen Verschlußzeitenmessung zu genaueren Erkenntnissen kam, als mit der bis dahin üblichen photographischen Prüfung (Kurzzeitmeßgerät MT 2 der Firma Clamann & Grahnert, Dresden). Meine eigenen Messungen ergaben folgende Werte für die totale Belichtungszeit und die Hauptzeit:

 

Cludor 1

Cludor 2

Cludor 3

Vebur 1

Vebur 2

Totale Zeit

13,6

9,4

14,9

15,3

18,2

Hauptzeit

8,1

7,1

6,0

7,0

7,0

Dabei haben die Cludor-Verschlüsse Nr. 1 und 2 die besagte Zusatzfeder, bei Nummer 3 fehlt sie. Die Abweichungen zwischen den einzelnen Modellen liegen im Bereich der normalen Streuung, wie sie schon oben bei den Tempor-Verschlüssen zu verzeichnen gewesen sind. Ein prinzipiell anderes Verhalten des Cludor ist durch den Wegfall der Zusatzfeder nicht festzustellen. Generell ist eine solche Zusatzfeder ja auch nur imstande, die Öffnungszeit T1 zu verkürzen; eine Wirkung auf die Hauptzeit T2 und die Schließzeit T3 ist nicht mehr möglich. Darin mag auch der Grund liegen, weshalb die Zusatzfeder des Compur-Rapid bei späteren Versionen wieder wegfiel.

Ergänzung 2: Zentralverschluß-Patente als wichtige Quelle zur Betriebsentwicklung des VEB Zeiss Ikon

 

Die obigen Ausführungen über die Zentralverschlußfertigung in der DDR waren eher aus einer wirtschaftsgeschichtlichen Perspektive heraus geschrieben. Auf technikgeschichtliche Aspekte wurde nur in soweit eingegangen, wie es die einigermaßen überschaubare Bandbreite der tatsächlich fabrizierten Zentralverschlußtypen verlangte. Nun war es nicht meine Absicht, in allen Einzelheiten die Gesamtheit der zu diesem Thema angemeldete Patente zu referieren. Glücklicherweise ergab sich ein Bild, dessen Informationsgehalt weit über rein technische Gesichtspunkte hinausging. So zum Beispiel kann man aus einer ziemlich umfangreichen Anzahl an Zentralverschlußpatenten ablesen, daß im VEB Zeiss Ikon den Jahren 1954/55 an deutlich mehr gearbeitet wurde, als tatsächlich in die Serienfertigung kam. Zweitens ergaben sich bei der Durchsicht dieser Patentliteratur neue Einblicke auf damalige interne Vorgänge bei Zeiss Ikon, die unmittelbaren Einfluß auf das nachfolgende Schicksal dieses Betriebes gehabt haben dürften. Da über das Ende dieses vormaligen Gravitationszentrums der Mitteldeutschen Photoindustrie nach wie vor viel weniger bekannt ist, als es der Bedeutung dieses Betriebes gerecht wird, wollte ich meine Erkenntnisse nicht vorenthalten. Vielleicht vermögen sie, zu einem Gesamtbild beizutragen.

 

Schaut man sich die Patente bezüglich der Zentralverschlüsse in ihrer Gesamtheit an, so fällt wie gesagt sofort die rege Konstruktionstätigkeit in den Jahren um 1954/55 auf. Der Hintergrund scheint politischer Natur gewesen zu sein. Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der die Machtposition der Führungselite um Walter Ulbricht ernsthaft in Gefahr gebracht hatte, versuchte der Ministerrat als Gegenreaktion mit der »Verordnung über die Erhöhung und Verbesserung der Produktion von Verbrauchsgütern« vom 17. Dezember 1953 auf die vermeintlichen Ursachen für die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu reagieren. Infolgedessen wurde im Bereich Feinmechanik/Optik eine Produktionssteigerung von 30% eingefordert. Dieser Forderung stand im Januar 1954 freilich eine tatsächliche Erfüllung des bestehenden Plans von lediglich 75% gegenüber [Vgl. Kresse, Walter: Entwicklung der Fotoindustrie im neuen Kurs; in: Die Fotografie, 6/1954, S. 153f.]. Unverhohlen angeprangert wurden daraufhin die verschleppte Neuentwicklung von Photogeräten (namentlich im VEB Welta-Werke) und „die mangelhafte Tätigkeit vieler Werkleitungen“. Solcherlei öffentlich formulierte Kritik und direkte Schuldzuweisung lassen darauf schließen, daß der politisch-ideologische Druck, der auf den Funktionären lastete, bis herab zu den Verantwortlichen in den Konstruktionsabteilungen des Kamerabaus durchgereicht wurde. Vor diesem Hintergrund muß daher wohl auch die ab der zweiten Jahreshälfte 1954 sehr auffällig ansteigende Umtriebigkeit in der Konstruktionsabteilung des VEB Zeiss Ikon gesehen werden. Allein bezogen auf das enge Feld der Zentralverschlüsse, findet diese Umtriebigkeit ihren Ausdruck in der besagten Vielzahl an in rascher Abfolge angemeldeter Grundsatzpatente. Die offenbar von höchsten politischen Kreisen ausgehenden Forderungen nach schnellen Produktneuentwicklungen ließen die Konstrukteure nun plötzlich unter einen eklatanten Zeitdruck geraten. Vielleicht ist dem Leser ja die dahingehende Anspielung im Titel dieses Aufsatzes aufgefallen.

 

Die unmittelbaren Ergebnisse dieser Kampagne fielen eher bescheiden aus. Am ehesten waren mit Kameras wie der Werra, der Pentona, der Penti und beispielsweise der Beirette Fortschritte im mittleren Marktsegment zu verzeichnen. Diese Modelle arbeiteten aber mit altbekannten Zentralverschlüssen. Früchte aus der Entwicklungstätigkeit an neuen Typen von Zentralverschlüssen konnten erst geerntet werden, als es den VEB Zeiss Ikon als solchen schon nicht mehr gab. Die ersten Muster des Prestor RVS wurden auf der Herbstmesse 1958 vorgestellt [Vgl. Bild & Ton 10/58, S. 254]. Die noch auf Entwicklungsarbeiten des VEB Zeiss Ikon zurückgehenden Kameras mit diesem Verschluß, wie die Prakti oder die Pentina, kamen gar erst nach 1960 auf den Markt – mehr als sechs Jahre nach Verkündung des „Neuen Kurses“.

 

Diese Phase um 1954/55 erscheint mir für die DDR-Photogeschichte besonders interessant, weil sie zehn Jahre nach Kriegsende eine Periode des Umbruchs verkörpert, in der insbesondere das kommende Schicksal des VEB Zeiss Ikon Dresden vorentschieden wird. Wertvolles, authentisches Quellenmaterial zu dieser Epoche liegt in den Patentschriften jener Zeit verborgen, die meines Wissens noch nirgends auf diesen Gesichtspunkt hin untersucht worden sind. Insbesondere birgt die Entwicklungsgeschichte des Prestor neue Erkenntnisse in Bezug darauf, welche zukünftige Produktlinie man in der Schandauer Straße 76 dazumal ins Auge gefaßt hatte. Da man sich offenbar auf diese Linie versteift hatte, sich aber weder hier, noch in anderen Entwicklungsprojekten wie der „Pentax“ oder der „Pentaplast“ markträchtige Erfolge einstellen wollten, scheint der allmähliche Niedergang dieses Betriebes letztlich eine Folge dieser Richtungsentscheidungen gewesen zu sein. Wie ich noch zeigen werde, läßt die Patentüberlieferung aber auch noch eine ergänzende oder gar alternative Erklärung dafür in den Bereich des Möglichen eintreten. Bevor ich also auf die besondere Rolle des Prestor Durchschwingverschlusses innerhalb dieses Prozesses eingehe, möchte ich der Vollständigkeit halber kurz zwei Beispiele eines einfachen Zweisektorenverschlusses und eines Objektivverschlusses der Mittelklasse vorstellen, weil auch hier vielversprechende Entwicklungspfade betreten wurden, die zum Nachteil des gesamten DDR-Kamerabaus leider zu keinen verwertbaren Produkten geführt haben.

 

 

2.1 Zentralverschlüsse der einfachen und mittleren Qualitätsklasse

 

So habe ich beispielsweise oben geschrieben, nach Auslaufen der Mimosa wäre ein hochwertiger Zweisektorenverschluß wie der „Velax“ nicht weiterentwickelt worden. Ganz stimmt das jedoch nicht. Das Erfinderkollektiv um Werner Hahn (mit Johannes Weise, Oskar Fischer, Karl Krömer und Rolf Noack) haben in der ersten Hälfte der 1950er Jahre durchaus an verbesserten Varianten dieses Typs gearbeitet. Ein Beispiel, das unter der Nummer 14.418 am 24. September 1954 in der DDR zum Patent angemeldet wurde, zeichnete sich dadurch aus, daß zum Antrieb der Sektoren und zum Antrieb es Hemmwerkes je zwei getrennte Kraftspeicher verwendet wurden, die allerdings bei der kürzesten Verschlußzeit – wo ja kein Hemmwerk benötigt wird – dazu eingesetzt werden, gemeinsam die Sektoren anzutreiben. Mit dieser Maßnahme versprach man sich, trotz der einfachen Ausführung mit lediglich zwei Lamellen, zu einigermaßen kurzen Verschlußzeiten zu gelangen.

DD14.418

Ebenfalls keine Umsetzung fand ein Entwurf für einen guten Objektivverschluß der Mittelklasse, den Rolf Noack am 14. Januar 1954 beim Amt für Erfindungs- und Patentwesen der DDR angemeldet hatte (Nr. 13.904). Der grundlegende Zweck dieser Konstruktion lag darin, den Spannweg zu verkürzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich zunehmend die sogenannten Tubuskameras durch, bei denen das Objektiv samt Verschluß fester Bestandteil des Kameragehäuses war und nicht mehr durch einen Klappmechanismus und einen zwischenliegenden Lederbalg vom Gehäuse getrennt wurde. Diese veränderte Bauart brachte die Möglichkeit mit sich, den Transport des Filmes mit dem Spannen des Verschlusses zu verknüpfen und dadurch die Kamera schneller Aufnahmebereit zu machen. Hinderlich dabei war immer der lange Weg, den der Spannhebel bei herkömmlichen Verschlüssen zurückzulegen hatte. Das verursachte große Schwierigkeiten für den Kamerahersteller, der diese ausladende Schwenkbewegung irgendwie mit dem Filmtransport kuppeln mußte. Rolf Noack hatte mit seinem Patent 13.904 die Verkürzung dieses Spannweges dadurch erreicht, daß er den Antrieb der Sektoren auf zwei sogenannte Sektorentreibringe aufspaltete – einer der die Sektoren öffnet, ein zweiter der sie nach Ablauf der Offenzeit wieder schließt. Das hätte nicht nur eine grundsätzliche Halbierung des Spannweges bedeutet, sondern sicherlich auch zu einem guten Wirkungsgrad des Verschlusses geführt. Serienmäßig ausgeführt wurde diese Lösung allerdings nicht. Bei der Werra behalf man sich damit, den langen Spannweg des bekannten Vebur zu kaschieren, indem man die bisherige Art und Weise des Spannens mit einem um den Verschluß angeordneten Ring beibehielt, und „einfach“ den Filmtransport an diese Bewegung ankuppelte. Erkauft wurde das dadurch, daß die Mechanik für den Filmtransport entsprechend komplizierter ausfiel.

 

 

2.2 Der Weg zum Prestor RVS

 

Die meisten Patentanmeldungen der DDR-Photoindustrie in Bezug auf Zentralverschlüsse betreffen denjenigen Typ, aus dem später der Prestor wurde. Das ist nicht verwunderlich, denn nur aus diesen Entwicklungsarbeiten gingen wirklich schützenswerte Neuerungen hervor. Für uns ist das deshalb ein Glücksfall, weil Patente immer wertvolle Primärquellen darstellen, die untrügliche Fakten wie die Namen der Urheber und das Datum der Anmeldung liefern und daher auch noch Jahrzehnte später interessante Rückschlüsse zulassen. Daraus folgt aber leider auch, daß Verschlüsse, die keine technischen Neuerungen mit sich brachten, wie der Cludor, Vebur und Tempor, ihre Hintergründe leider nicht so leicht offenbaren. Das ist insbesondere auch dann problematisch, wenn dahingehendes Archivgut vom vormaligen Herstellerbetrieb nur unvollständig überliefert ist, wie dies im Hinblick auf den VEB Zeiss Ikon offenbar leider der Fall zu sein scheint.

 

Um so fruchtbarer ist es, den ausgezeichnet dokumentierten Werdegang des Prestor anhand seiner zahlreichen Schutzanmeldungen nachzuvollziehen. Diese Analyse zu schreiben, war nicht ganz einfach, da an vielen Lösungen gleichzeitig gearbeitet wurde. Man steht dann vor dem Problem, eine möglichst übersichtliche, logisch konsistente und nachvollziehbare Darstellung liefern zu wollen, mit der man dann aber die ursprüngliche Chronologie der Patentanmeldungen zerstören würde. Der große Wert solcher Patentschriften liegt ja insbesondere darin, uns ein unverfälschtes Bild vom tatsächlichen historischen Ablauf der Entwicklungsarbeiten zu überliefern. Ich habe versucht, beides miteinander in Einklang zu bringen.

 

Allem voran kann man aus der Patentliteratur zwei allgemeine Aussagen zu diesem Thema ableiten: Erstens steht – soweit ich es überblicken kann – hinter allen, die Zentralverschlüsse betreffenden Anmeldungen, der VEB Zeiss Ikon; auch wenn in DDR-Patenten überhaupt kein Betrieb genannt wird und in den bekanntgemachten Bundesdeutschen Patenten der Name »VEB Zeiss Ikon Dresden« nicht vorkommt. Hier ist meist vom VEB Feinmeß Dresden oder der Elbe Kamera GmbH die Rede.

Contaflex der Zeiss Ikon AG Stuttgart

Contaflex

Zweitens muß die oben geäußerte Vermutung relativiert werden, die Werra-Reihe habe die Entwicklung des Prestor initiiert. Vielmehr hat sich nach Durchsicht der Patentliteratur das Bild ergeben, daß die Konstruktion eines Durchschwingverschlusses von Anfang an (auch) darauf abgestellt war, dem VEB Zeiss Ikon Dresden das Herausbringen einer Zentralverschlußspiegelreflexkamera nach westdeutschem Vorbild zu ermöglichen. Die Zeiss Ikon AG Stuttgart hatte seit 1953 eine solche Kleinbildspiegelreflexkamera »Contaflex« mit fest eingebautem Zentralverschluß und automatischer Springblende am Markt. Offenbar wetteiferten die Dresdner, nun auch solch einen Kameratyp herauszubringen. Wie ich gleich zeigen werde, legt die Naivität erster dahingehender Patentanmeldungen nahe, daß man in Dresden anfänglich die Komplexität unterschätzt hatte, die eine Verknüpfung des Zentralverschlusses mit dem Einäugigen Spiegelreflexprinzip mit sich brachte. Man erhoffte sich wohl, mit dem Zentralverschluß zu einer einfacheren, klareren Konstruktion zu gelangen. Angesichts der langwierigen Probleme mit dem Schlitzverschluß der Spiegelcontax, welche man schließlich gerade erst mit dem Modell Contax D einigermaßen überwunden hatte, mag diese Hoffnung einigermaßen plausibel erscheinen. Es muß sich aber recht bald herausgestellt haben, daß eine Zentralverschlußreflex vom Typ Contaflex insgesamt einen sehr komplexen Aufbau verlangte und daß der umfassende Patentschutz des Vorbildes so manchen eigenen Lösungsweg verbaute.

 

 

2.2.1 Die zusätzliche Öffnungsfunktion für eine Spiegelreflexanwendung

 

Die besagte anfängliche Naivität wird verkörpert durch das früheste Patent zu diesem Thema, das auf den 13. Juli 1954 datiert ist (Nr. DD14.803). Werner Hahn und Oskar Fischer strebten mit dieser Erfindung an, „[…] einen üblichen Objektivverschluß in einen für einäugige Spiegelreflexkameras geeigneten Spezialverschluß ohne großen Aufwand überführen zu können“. Bei Einäugigen Reflexkameras ist es ja notwendig, bei gespanntem Verschluß und heruntergeklapptem Spiegel die Sektoren in eine Öffnungsposition zu bewegen, um nämlich das Sucherbild betrachten zu können. Wie genau die Lösung nach Patent Nr. 14.803 funktionierte, ist hier nicht von Belang, da sie ohnehin nicht praktisch umgesetzt wurde. Die Konstrukteure um Werner Hahn haben wohl rasch einsehen müssen, daß die Ertüchtigung eines „üblichen“ Zentralverschlusses für die Spiegelreflexkamera „ohne großen Aufwand“ ein aussichtsloses Unterfangen darstellte.

 

Das kann man auch daran ablesen, daß vom 21. August 1955 – also mehr als ein Jahr später – ein DDR Patent Nr. 14.868 (Werner Hahn und Heinz Schulze) vorliegt, das immernoch an demselben Problem laborierte. Das Patent 14.868 legt uns nun Zeugnis darüber ab, zu welchem Erkenntnisgewinn man binnen dieses Jahres in Dresden gekommen ist. Zum einen hatte man erkannt, daß es für den Bau einer Zentralverschlußreflex nicht genügt, einen herkömmlichen Zentralverschluß bloß mit einer zusätzlichen Öffnungseinrichtung zu versehen. Vielmehr ist es zwingend notwendig, den Ablauf des Zentralverschlusses mit der sonstigen Kameramechanik zu kuppeln. Genauer gesagt müssen sich nach dem Auslösen der Kamera die Verschlußsektoren erst schließen, bevor sich der Spiegel (sowie ein zusätzlicher Hilfsverschluß) in die Ruhelage bewegen können und damit den Lichtpfad freigeben. Erst jetzt darf der Verschluß mit der eingestellten Belichtungszeit ablaufen. Um diese kinematische Kette im Ablauf des gesamten Mechanismus überhaupt gewährleisten zu können, erweiterte das Patent vom Sommer 1955 dasjenige vom Sommer 1954 um ein zusätzliches Hemmwerk, mit dessen Hilfe der Verschluß zwischen dem Beenden der Sucherbildbetrachtung und dem Beginn der Belichtung die nötige Zeitspanne bereitstellte, in der sich der Spiegel und der Hilfsverschluß aus dem Lichtpfad herausbewegen konnten. Um es kurz zu machen: Auch das war Murks und bot kaum eine Plattform für eine konkurrenzfähige Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß.

 

Um den Aufwand zu verdeutlichen, den allein diese zusätzliche Öffnungsfunktion mit sich brachte, scheint es angebracht, sich einmal den tonangebenden Synchro-Compur Reflex des Deckelwerks München näher anzuschauen. Hier wurde die zusätzliche Öffnungsfunktion dadurch realisiert, daß die Drehzapfen, auf denen die Verschlußsektoren gelagert sind, nicht als fester Bestandteil des Verschlußgehäuses ausgeführt wurden, sondern Teil eines Ringes waren, der abgekoppelt vom Sektorentreibring verstellt werden konnte. Wurde dieser „Lagerring“ verdreht, dann konnten die Sektoren unabhängig vom Spannzustand des Verschlusses geöffnet werden.

Lagerring beim Compur Reflex

Selbst jemand, der sich nicht intensiv mit Phototechnik befaßt, wird nun einsehen, wie umfassend ein „üblicher“ Zentralverschluß umgebaut werden mußte, um ihn für den Einsatz an einer Einäugigen Reflexkamera zu ertüchtigen. Und solche Umbauten können niemals „ohne großen Aufwand“ über die Bühne gebracht werden. Manchmal ist es sogar vorteilhaft, gänzlich neue Konstruktionswege einzuschlagen.

 

Und an genau diesem Punkt tritt mit dem Stichtag 2. November 1954 das erste Mal der spätere Prestor Durschwingverschluß auf den Plan. Dabei hat diese bundesdeutsche Schutzschrift mit dem Titel „Photographischer Objektivverschluß mit einer zusätzlichen Öffnungseinrichtung“, die erst acht Jahre später unter der Nummer 1.138.621 veröffentlicht wurde, zwei interessante Aspekte zu bieten: Einmal basiert hier die Öffnungsfunktion auf genau jenem Prinzip des drehbaren Lagerrings, das ich oben in Bezug auf den Compur Reflex beschrieben habe. Offenbar war nur die genaue Ausführung des Lagerrings geschützt, nicht dessen grundlegendes Funktionsprinzip. Für genauere Aussagen dazu müßten die dahingehenden Patentschriften der Friedrich Deckel AG durchgearbeitet und verglichen werden.

DBP1.138.621

Links die Zeichnung aus dem Patent 1.138.621 auf der auch die typische Sektorenbauform des Prestor bereits zu erkennen ist. Rechts der verstellbare Lagerring am späteren Prestor Reflex der Pentina.

 

Zweitens zeigt die Zeichnung im Patent 1.138.621 zwar zum ersten Mal die typischen Sektoren des Prestor Durchschwingverschlusses; von ihm ist aber in diesem Patent noch gar nicht die Rede. Das wird erst in einem Deutschen Bundespatent Nr. 1.024.793 vom 28. Dezember 1954 nachgeholt (Rolf Noack, Karl Krömer, Johannes Weise und Werner Hahn). Obwohl es mit „Photographischer Objektivverschluß mit durchschwingenden Sektoren“ betitelt ist, sind es nicht diese durchschwingenden Sektoren, die durch dieses Patent geschützt werden. Diese hatte sich ja bereits ein halbes Jahrhundert vorher Gustav Dietz schützen lassen. Zwar waren dessen Patente längst abgelaufen und konnten daher natürlich auch nicht mehr verletzt werden; trotzdem mußten die Leute vom VEB Zeiss Ikon natürlich eine neue Erfindungshöhe erreichen, um ihre eigenen Weiterentwicklungen international patentfähig zu machen. Diese neue Erfindungshöhe lag darin, den Antrieb des Verschlusses von dessen Steuerung baulich zu trennen. Dazu ist beim Prestor ein Sektorentreibring vorgesehen und unabhängig von ihm ein Steuerring. Beide werden durch eigene Federspeicher angetrieben. Der Sektorentreibring wird im gespannten Zustand von einer ersten Klinke festgehalten und in der mittleren Öffnungsposition durch eine zweite Klinke. Der unabhängig von der Sektorenbewegung ablaufende Steuerring teilt über die Betätigung der beiden Klinken mit, wann sich der Verschluß öffnen und wann er sich wieder schließen soll. Das war ein sehr modernes Konzept.

DBP 1.024.79

Die getrennten Treib- und Steuerringe in der Patentzeichnung (links) und im Prestor Reflex (rechts)

 

 

Im Patent ist als Grund für diese Anordnung vorgebracht, daß der Antrieb für die Steuerung des Verschlusses von der Kraft, die die Sektoren bewegt, unabhängig gemacht werden soll. Das sei eine Voraussetzung dafür, um wirklich kurze Verschlußzeiten zu erreichen. Darüber hinaus muß die Trennung von Antrieb und Steuerung aber als ein sehr zukunftsträchtiger Schritt für den Verschlußbau angesehen werden – und zwar nicht allein beschränkt auf Objektivverschlüsse. Ich habe schon in meinen Ausführungen zum Schlitzverschluß der Spiegelcontax darauf verwiesen, welche Vorteile sich ergeben, wenn der Antrieb eines Verschlusses von dessen Steuerung baulich getrennt wird. Denn auch bei dieser Kamera werden die beiden Verschlußvorhänge durch Klinken festgehalten und nacheinander durch ein unabhängig davon ablaufendes Zeitsteuerwerk ausgelöst. In den 40er und 50er Jahren waren diese Zeitsteuerwerke freilich noch rein mechanischer Natur. Aber mein Hinweis, daß es von der Spiegelcontax zur Praktica electronic technisch nur noch ein kleiner Schritt gewesen ist, gilt analog auch für den Prestor Zentralverschluß. Denn solche Klinken lassen sich nämlich auch elektromagnetisch auslösen, wodurch die ganzen Probleme, die mechanische Hemmwerke verursachen, von bloßen Impulsdauerabständen einer elektronischen Schaltung abgelöst werden können. Dieses Potential hätte also auch prinzipiell der Prestor in sich getragen. Bis solche Entwicklungen zur elektronischen Verschlußzeitensteuerung aber tatsächlich in Angriff genommen wurden, sollte noch ein ganzes Jahrzehnt ins Land gehen. Bis dahin waren die Weiterentwicklungen am Prestor freilich längst abgebrochen und der Dresdner Kamerabau hatte seine Konzentration auf hochwertige Schlitzverschlußkameras verlegt.

 

Mitte der 50er Jahre konnte eine präzise Verschlußzeitensteuerung nur über ausgeklügelte mechanische Hemmwerke erreicht werden. Ein großer Durchbruch für die Genauigkeit der kurzen Verschlußzeiten beim Prestor wurde übrigens durch Einführung eines Zusatzhemmwerkes erreicht (DBP Nr. 1.029.222 vom 10. Juni 1955, Rolf Noack). Eigentlich wäre für die Verschlußzeit nur der zeitliche Abstand maßgeblich gewesen, mit dem die beiden Halteklinken geöffnet werden. In der Praxis sind diese Zeitabstände bei kurzen Verschlußzeiten so klein, daß mit einem einzigen Hemmwerk keine präzise Steuerung mehr möglich ist. Deshalb wurde ein kleines Zusatzhemmwerk vorgesehen, das den Sektorentreibring verzögert. Das Zusatzhemmwerk wird bei der kürzesten Verschlußzeit (1/500 bzw. 1/750s) abgeschaltet, weil ja hier generell ohne Hemmwerk gearbeitet wird, bei der 1/250s aber mit reduzierter und bei längeren Zeiten mit voller Hemmwirkung zugeschaltet.

Zusatzhemmwerk des Prestor

Mittlerweile war die Konstruktionsverantwortung im Stehbildbereich nämlich an diesen Betrieb übergegangen. Und auch eine Vielzahl westdeutscher Patente und Gebrauchsmuster wurden in der Folgezeit (namentlich 1958) auf die Kamerawerke umgeschrieben. Nebenbei bemerkt, kann ich auch mittlerweile den „offiziellen Umbruch“ vom einen zum anderen Betrieb zeitlich ziemlich genau verorten. Bislang scheint niemandem das Kuriosum aufgefallen zu sein, daß Egon Brauers Vorberichterstattung zur Leipziger Frühjahrsmesse 1957 in der »Bild & Ton«, Ausgabe 3/1957 S. 59, die Contax F noch als Produkt des VEB Zeiss Ikon auflistet. In der Berichterstattung der Zeitschrift »Die Fotografie« zu DERSELBEN Messe, die aber erst in deren Juniausgabe erfolgte, kann man auf Seite 179 zum VEB Kamerawerke Niedersedlitz nun folgenden Satz lesen: „Zu diesem Betrieb gehört neuerdings ein sehr wesentlicher Teil der Dresdner Kameraproduktion, so also u. a. auch die Contax“. Auf Seite 182 heißt es dann zum VEB Zeiss Ikon: „Unter diesem Betriebsnamen läuft auch weiterhin die Produktion von Schmalfilm- und Kinogeräten.“ Wie wir heute wissen, blieb auch das nicht mehr lange so; weder was den Namen dieses Betriebes betraf, noch dessen Eigenständigkeit.

 

In der Konstruktionsabteilung für Stehbildgeräte des VEB Zeiss Ikon schien man sich um 1955/56 schlichtweg verzettelt zu haben. Keines der Projekte konnte fertiggestellt und in die Produktion überführt werden. In Bezug auf die völlig überambitionierte Systemkamera »Pentax« und die wenig massentaugliche Stereospiegelreflexkamera »Pentaplast« (nähere Informationen siehe unter "Patentschau") könnte man das ja noch nachvollziehen. Aber wieso aus den mehrjährigen Entwicklungsarbeiten an den Zentralverschlüssen – die ja sehr weit gediehen waren – brauchbare Produkte erst nach einer Übernahme der Konstruktionsverantwortung durch die Kamerawerke Niedersedlitz hervorgingen, das ist nach wie vor schwer zu begreifen. Unter Umständen wurden die Entwicklungsarbeiten zu einem Zeitpunkt jäh abgebrochen, als die Betriebsleitung (oder gar noch höhere Organe) feststellen mußten, daß alle bisherigen Entwicklungen lediglich auf ein fest in den Verschluß eingebautes Objektiv hinausliefen, eine solche Spiegelreflexkamera aber mittlerweile kaum noch vom Markt akzeptiert worden wäre. Zudem dürfte es wohl auch den Verantwortlichen in der DDR nicht verborgen geblieben sein, zu welchen technischen Kompromissen die Firma Carl Zeiss Oberkochen auf einmal gezwungen war, als es galt, der Contaflex doch noch zu verschiedenen Brennweiten zu verhelfen. Mit einem unsäglichen Materialeinsatz mußten für diese Kamera Vorsatzsysteme geschaffen werden, deren resultierende optische Daten in keinem Verhältnis zu Aufwand, Baugröße und Kosten standen.

 

Vielleicht war es diese ernüchternde Perspektive, die dafür gesorgt hat, daß das Projekt Zentralverschlußreflex zunächst einmal auf Eis gelegt werden mußte. Es wurde erst wieder hervorgeholt, nachdem die gesamten betrieblichen Strukturen im Dresdner Kamerabau einmal komplett durchgemischt worden waren. Die Kamera mußte daraufhin auf Wechselobjektive umgestellt werden, um einigermaßen konkurrenzfähig zu bleiben; was freilich gleich wieder ein Bündel neuer Probleme mit sich brachte.

 

Das erklärt aber noch lange nicht, wieso nicht einmal die universell einsetzbare Version des Prestor, die bereits um 1955 fertig entwickelt vorlag, verwirklicht wurde. Für die Werra hätte man sie dringend benötigt. Deshalb muß es noch eine andere Perspektive auf diese Problematik geben. Und tatsächlich: bei genauerer Untersuchung der Quellenlage ergibt sich das Bild, daß so gut wie alle auf die Zentralverschlüsse bezogenen Patente des VEB Zeiss Ikon in der Bundesrepublik angemeldet worden waren; keines dieser Patente aber vor dem 7. August 1958 erteilt wurde (DBP Nr. 1.024.793, Prestor Grundsatzpatent). Die meisten Erteilungen finden gar erst zwischen 1960 und 1963 statt. Ist es möglich, daß der VEB Zeiss Ikon seine ambitionierten Zentralverschlußprojekte nicht umsetzen konnte, weil er sich nicht sicher sein konnte, wirklich Eigentümer seiner Erfindungen zu sein? Ich habe oben gesagt, daß die Auslegungen und die Ausgaben (also die Veröffentlichungen und Erteilungen) der Patente fast durchweg entweder auf die besagte Elbe Kamera GmbH oder den VEB Feinmeß Dresden lauten. ANGEMELDET aber wurden sie – soweit ich es recherchieren konnte – noch auf den VEB Zeiss Ikon. Kann es sein, daß die Fortentwicklung des VEB Zeiss Ikon Dresden von den ideologisch überprägten Auseinandersetzungen mit der westdeutschen Zeiss Ikon AG Stuttgart in einer Art und Weise bedroht worden ist, daß dieser Betrieb erst zerschlagen werden mußte, bevor die Dresdner Kameraindustrie die Produktentwicklungen der letzten Jahre umsetzen konnte? Schon im Zusammenhang mit der Exakta habe ich zeigen können, daß die von der Ihagee Dresden in der Bundesrepublik angemeldeten Patente um 1960 einfach auf die neugegründete Ihagee Frankfurt/Main umgeschrieben und damit den Dresdnern entrissen worden waren. Es gibt zumindest handfeste Indizien dafür, daß sich eine vergleichbare Katastrophe auch für den VEB Zeiss Ikon anzubahnen schien.

 

Das würde natürlich das tragische Ende der Dresdner Zeiss Ikon in ein ganz anderes Licht stellen. Demnach wäre es nicht mehr gerechtfertigt, die Tatsache, daß während der 1950er Jahre keine hochwertigen Produkte mehr nachfolgten, allein der Unfähigkeit der Zeiss Ikon Konstruktionsabteilung anzulasten, ihre Erfindungen zu einer Fabrikationsreife zu bringen. Vielmehr hätte der auf dem Rücken der deutschen Industrie ausgetragene Kalte Krieg diesen fatalen Beitrag dazu geleistet. Damit ließe sich erklären, weshalb manche bereits fertig vorliegende Konstruktionen erst in die Produktion überführt werden konnten, als die Markenbezeichnung „Zeiss Ikon“ vollständig aus der Volkseigenen Kameraindustrie getilgt worden war.

Links die Auslegeschrift des Prestor Grundsatzpatentes vom 20. Februar 1958, mit der der Inhalt der Erfindung nach gründlicher Prüfung durch das Patentamt bekanntgemacht wurde, damit Dritte vor Erteilung des Patentes ggf. Einspruch einlegen konnten. Die Anmeldung erfolgte wie ersichtlich unter dem Firmennamen VEB Zeiss Ikon. Keine der Patenterteilungen zum Prestor lautete aber auf jenes Markenzeichen, sondern auf die erwähnten Alibifirmen, die sich der Dresdner Kamerabau für diesen Zweck erschaffen hatte. In diesem speziellen Fall wurde die Patentschrift vom 7. August 1958 ausnahmsweise und einmalig für den VEB Kinowerke erteilt, der mit seinen Kinoprojektoren und Schmalfilmkameras für dieses Segment eigentlich gar nicht zuständig war. Wer weiß welches Durcheinander und welche Unsicherheiten im Hintergrund abliefen. Diese schlußendliche Erteilung der für den Prestor geradezu essentiellen Schutzansprüche machte es möglich, daß der Prestor wenige Wochen später auf der Herbstmesse herausgebracht werden konnte.

 

 

Bis dahin war dann allerdings viel Zeit ins Land gegangen. Entwicklungsansätze, die vielleicht 1954 noch als vielversprechend angesehen werden konnten, hatten sich 1960 entweder als falsch herausgestellt, oder aber die entsprechende Marktnische war bereits ausgefüllt. Der technische wie wirtschaftliche Mißerfolg der Pentina bekräftigt diese Sicht. Trotzdem muß die Gesamtbilanz für den Prestor natürlich differenzierter ausfallen. Grundsätzlich war die Verfahrensweise, den Prestor von Anfang an sowohl speziell für die Reflexanwendung sowie gleichzeitig auch als „allgemeinen“ Hochleistungsverschluß zu konzeptionieren – also zweigleisig zu fahren – weitsichtig und zeitgemäß. Geht man zugunsten des VEB Zeiss Ikon davon aus, daß der Prestor nur deshalb nicht eher in die Produktion überführt werden konnte, weil aufgrund der Auseinandersetzungen mit der Zeiss Ikon AG Stuttgart die Verfügungsrechte über die zugehörigen Schutzrechte unsicher waren, dann muß auch das Urteil über den Prestor entsprechend milder ausfallen. Schließlich wurde dieser hochwertige Verschluß später noch zehntausendfach erfolgreich in der Werra eingesetzt. Die Frage allerdings, ob der Prestor angesichts der Produktionsschwierigkeiten, mit denen er die Dresdner Kameraindustrie in der Folge noch belasteten sollte, nicht doch ein von Anfang an überambitioniertes Projekt darstellte; die muß am Ende jeder für sich selbst beantworten.

 

 

 

Ergänzung 3: Details zur Pentina

 

Die Pentina war hier so oft Aufhänger der Debatte, daß es mir passend erscheint, abschließend noch ein paar Detailinformationen zu dieser Kamera zu liefern.

Das ist das Spitzenmodell der Pentina-Reihe. Ich kann es nicht direkt nachweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß es sich bei der hier verbauten bildaufhellenden (und im übrigen völlig unmattierten) Fresnel-Bildfeldlinse mit Meßkeilpaar um dieselbe Scheibe handelt, die auch in der westdeutschen Contaflex Verwendung fand. Offensichtlich hat man diese Scheibe importiert, um die Pentina konkurrenzfähig zu halten. Das gelang aber nicht, und zwar aus Gründen, auf die ich hier abschließend noch einmal näher eingehen möchte.

 

Einiges vom Debakel mit der Pentina läßt sich schon daran ablesen, daß diese Kamera zuerst zu einem Preis von unglaublichen 790,- Mark herausgebracht worden ist. Zum Vergleich: Die damalige internationale Spitzenkamera Praktisix kostete mit dem Primotar "nur" 766,- Mark. Nachdem die Produktion der Pentina eingestellt worden war, wurden die Lagerbestände zu reduzierten Preisen verkauft, bei dem das oben gezeigte Spitzenmodell "FM" nun noch 640,- Mark kostete. Gegenüber den 407,- Mark der Praktica IV mit dem gleichen Tessar 2,8/50 war das für den Amateur allerdings immernoch unattraktiv. Neben der Prakti ist die Pentina daher diejenige Kamera, für die Anfang der 60er Jahre im Amateurblatt FOTOKINO-magazin am intensivsten geworben worden ist.

Für die Pentina gibt es eine Art Grundsatzpatent, mit dem sich Walter Hennig letzten Endes das etwas seltsame Aussehen „seiner“ Kamera hat schützen lassen (Österreichische Patentschrift Nr. 217.852 vom 15. Februar 1960 bzw. Bundesgebrauchsmuster Nr. 1.815.682 vom 28. Oktober 1959). Der Ursprung dieses Aussehens der Pentina lag dabei weniger in irgendwelchen formgestalterischen Erwägungen begründet, sondern war Folge einer bestimmten Konstruktionsidee. Als „Design der Ingenieure“ hat Claus Prochnow diesen im deutschen Kamerabau oft anzufindenden Ansatz einmal bezeichnet. Die äußere Form folgte in erster Linie den Notwendigkeiten des inneren Aufbaus. „Vieles war reine Umhüllung des für die Mechanik benötigten Raumes“ [Prochnow, Rollei Report 1, 1993, S. 197]. Diese Aussage Prochnows war auf die Rolleiflex gemünzt. Die Konstruktion der Pentina fand aber ziemlich genau 30 Jahre später statt. Zu jener Zeit hatte sich im Kamerabau die Einsicht durchgesetzt, eine Kamera müsse so konstruiert sein, daß sie sich gut montieren bzw. reparieren läßt. Dazu hatte man es als vorteilhaft erkannt, wenn die Kamera aus einem Innengehäuse besteht, an das alle mechanischen Bauteile nach und nach angebaut werden konnten. Dieses Innengehäuse wurde dann in ein Außengehäuse gesetzt, wie es die Exakta und die damals gerade neu herausgekommene Praktisix vormachten. Solcherlei Außengehäuse wurden aber laut Hennigs Patentschrift als zu aufwändig in der Fertigung angesehen und kamen deshalb für eine möglichst preiswerte Amateurkamera wie die Pentina nicht infrage. Die Idee Hennigs lag daher darin, das Innengehäuse mit einfachen Blechformteilen zu verschließen und ringsum mit einem Rahmen zu umranden. Mit dem Integrieren des Sucherprismas innerhalb dieses Rahmens (DBGM Nr. 1.817.705 vom 26. November 1959) fiel zudem die sehr aufwendig zu fertigende Kameradeckkappe weg. Leider stelle sich dies später als einer der größten Gegenargumente zur Pentina heraus: Spiegelreflexkameras ohne den typischen Sucherdom hatten es bis in die jüngste Zeit schwer, als vollwertig anerkannt zu werden.

Mit dieser Konstruktion wollte Walter Hennig nicht nur eine glatte Oberfläche der Kamera erreichen, sondern auch eine leichte Montage. So war laut Patent ausdrücklich vorgesehen, die rahmenförmige Umrandung hauptsächlich mithilfe des Sucherschuhs und der Bodenmutter mit dem Innengehäuse zu verbinden – also wenig zusätzliche Schraubverbindungen einzusetzen. Um ehrlich zu sein: Sehr praktisch ist dieser Aufbau montagemäßig nicht gerade gewesen. Außerdem verbeulte der Rahmen aus dünnem, weichem Aluminium im Gebrauch rasch. Die ungewohnte äußerliche Form dieser Kamera wurde zwar von der Fachpresse damals wohlwollend aufgenommen – der Photoamateur, für den sie eigentlich gedacht war, sah das aber offenbar anders.

 

Der kaufte sich lieber die im Jahr zuvor herausgekommene Praktica IV. Beide hatten quasi denselben Prismensucher. Wollte er Farbbilder auf dem Agfacolor Umkehrfilm machen, dann beschaffte er sich zusätzlich einen Handbelichtungsmesser. Über den Wert oder Unwert fest eingebauter Belichtungsmesser gab es damals eine breite Diskussion in der »Fotografie«. Solange diese noch auf Selenzellen und stoßempfindlichen Meßwerken basierten, wurden sie eher abgelehnt. Wer trotzdem einen in die Kamera integrierten Belichtungsmesser haben wollte, für den wurde auf der Frühjahrsmesse 1960, auf der auch die Pentina herausgebracht wurde, eine Variante der Praktica IV mit einem ungekuppelten Belichtungsmesser vorgestellt. Das funktionierte genau so gut. Beziehungsweise genau so schlecht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, daß die Pentina zwar einen mit der Zeit- und Blendeneinstellung gekuppelten Nachführ-Belichtungsmesser zu bieten hatte, dieser aber nur auf der Kameraoberseite abgelesen werden konnte. Damit war jedoch der ganze Sinn der Belichtungshalbautomatik zunichte gemacht, für die es nun einmal notwendig gewesen wäre, Meßnadel und Nachführzeiger ins Sucherbild einzuspiegeln, um nämlich nach dem Abgleich sofort auslösen zu können. So mußte die Pentina für die Belichtungsmessung stets vom Auge genommen werden, was doch am Ende aufs gleiche hinauslief, wie die infragekommenden Zeit-Blenden-Kombinationen vom ungekuppelten Belichtungsmesser der Praktica IVB abzulesen.

 

Diese unverzeihliche Kalamität hatte ich bislang für die Folge einer vollkommen inkonsequenten Konstruktionstätigkeit gehalten. Mittlerweile habe ich allerdings ein DDR Patent Nr. 24.511 vom 17. März 1959 gefunden, das aufzeigt, daß es nicht an der Konstruktion, sondern der Umsetzung mangelte. Hans-Joachim Daeche (von dem weiter unten noch die Rede sein wird) und Herbert Ziegler (bekannt vom Pentaplast-Projekt) hatten nämlich durchaus eine patentfähige Lösung erarbeitet, wie der Meßwerkzeiger eingespiegelt werden könnte. Die Zeichnungen aus dem Schutzrecht lassen erkennen, daß es sich um eine sehr geschickte Ausführung gehandelt hätte, die ohne großen zusätzlichen Raumbedarf umsetzbar gewesen wäre.

Fragt sich also, weshalb letztlich eine Verwirklichung unterblieb. Überhaupt fällt ja auf, wie spät alle direkt zur Pentina gehörenden Patente angemeldet wurden - manche gar erst kurz vor der bevorstehenden Frühjahrsmesse. Das alles deutet auf große Eile hin und auf einen gewissen Druck, doch endlich mit marktreifen Produkten herauszukommen. Man muß also schlußfolgern, daß Entwicklungen, die vielleicht noch nicht fertig waren, einfach nicht umgesetzt wurden. Oder sie wurden weggelassen, um die Kamera schlichtweg nicht noch weiter zu verkomplizieren. Heraus kam dann eine Kamera, die man objektiv betrachtet als ein halbfertiges Produkt bezeichnen muß. Und das war angesichts des bis hier hin veranstalteten Aufwandes einfach unverzeihlich.

Denn ich denke, ich habe oben ausreichend geschildert, welches Jammertal der Dresdner Kamerabau durchschreiten mußte, um endlich den komplexen Prestor Zentralverschluß fertigungsreif zu bekommen. Und nun baute man in diese komplizierte Kamera einen an Primitivität kaum zu überbietenden Belichtungsmesser ein, der lediglich aus der Reihenschaltung einer Selenzelle mit einem Mikroamperemeter bestand. Da hatte ja die auf derselben Messe vorgestellte Werra V mehr zu bieten, denn bei der war nicht nur der Nachführzeiger im Sucher sichtbar, nein sogar die gewählte Zeit-Blenden-Kombination wurde klar und deutlich eingespiegelt. Das würde ja bedeuten, man hätte bei der großen, ehrwürdigen Zeiss Ikon in Dresden jahrelang an etwas herumkonstruiert, nur um jetzt feststellen zu müssen, daß man letzten Endes von einem kleinen, erst vor ein paar Jahren aus dem Boden gestampften Werk im thüringischen Eisfeld überholt worden war.

 

Mit der Werra gemein hatte die Pentina wenigstens die glattflächige Gestaltung des Kameragehäuses, die der Werra seinerzeit international großes Lob eingebracht hatte. Um dies auch für die Pentina zu erreichen, wurde der Schnellschalthebel links neben dem Sucherprisma unter den beschriebenen Rahmen ins Gehäuse integriert, sodaß nur das Griffstück herausschaute. So etwas hat man sich sogar noch in einem bundesrepublikanischen Gebrauchsmuster Nr. 1.814.619 vom 10. Oktober 1959 schützen lassen.

DBGM 1.814.619

Neben dem angesprochenen Grundsatzpatent Walter Hennigs, das gewissermaßen den äußeren Aufbau der Pentina vorbestimmte, gibt es noch ein zweites solches von Hans-Joachim Daeche (Nr. DD48.510 vom 26. Februar 1960). Diesem Ingenieur kam nun offenbar die wenig beneidenswerte Aufgabe zu, den vor Jahren gehegten Traum von der Zentralverschlußreflexkamera endlich in die nüchterne Realität umzusetzen. Sachlicher ausgedrückt hatte er das Problem zu lösen, den Zentralverschluß mit der übrigen Kameramechanik zu kuppeln. Daeche hatte sich dazu ein Kurbelgetriebe ausgedacht, das direkt mit der Welle verbunden war, auf der die Aufwickelspule saß.

DD48.510

Wie man anhand der Patentzeichnung erkennen kann, wurde mit dieser Kurbel ein Hebel (Schwinge) verschwenkt, der den Verschluß spannte und am Ende des Spannvorganges die Sektoren in die Öffnungsposition brachte. Gleichzeitig sorgte das zwischenliegende Koppelgestänge dafür, daß der Spiegel in die Betrachtungsposition gebracht wurde. Das war geschickt gelöst, weil zum einen keine aufwändig herzustellenden Zahnradgetriebe notwendig waren und andererseits die Betätigungsorgane am Ende des Spannvorganges vollständig wegschwenkten und daher Spiegel und Verschluß ohne jegliche Hemmung eines Getriebes ablaufen konnten. Weil der Spannweg des Verschlusses sehr genau einjustiert werden mußte, hatte Daeche eine Abgleichmöglichkeit mittels eines exzentrischen Lagers vorgesehen, auf das man noch bis spät im Montageprozeß bequemen Zugang hatte.

DD48.510

Das war also alles bemerkenswert übersichtlich aufgebaut (vor allem im direkten Vergleich zu den westdeutschen Zentralverschlußreflexen mit ihren vielen Getriebeteilen). Trotzdem darf das nicht hinwegtäuschen, wie aufwändig all diese Hebelübertragungen insgesamt ausfielen. Spannen des Verschlusses und Öffnen der Sektoren für die Sucherbetrachtung, Rückführung des Spiegels und einer zusätzlichen Lichtschutzklappe aus dem Bodenraum der Kamera, Öffnen der Springblende und nicht zuletzt das Öffnen eines zusätzlichen Okularverschlusses gegen Lichteinfall während der Spiegelbewegung – all diese Bewegungsvorgänge mußten aus dem Spannvorgang hergeleitet werden. Verglichen mit einer Praktica bedeutete dies eine deutliche Verkomplizierung des Kameramechanismus. Auch darf nicht verschwiegen werden, daß diese ganzen Baugruppen ziemlich viel Platz beanspruchten. Die Pentina war zwar gegenüber der Schlitzverschlußkamera schmaler, dafür wuchs sie disproportional in die Höhe, was sicherlich zu ihrem von vielen als wenig harmonisch empfundenen Äußeren beitrug.

Freilich waren bei der Praktica statt einfach herzustellender Hebel und Kurbeln etliche Getriebeteile notwendig. Die müssen aber als geradezu grobschlächtig bezeichnet werden, wenn man sie mit der Präzision vergleicht, die der Verschluß der Pentina verlangte.

Aber darüber habe ich mich bereits zur Genüge ausgelassen. Bleibt nur noch ein Gebrauchsmuster zu nennen, das speziell für die Pentina im Prestor angewandt worden ist. Es handelt sich um eine Dämpfungseinrichtung für den Sektorentreibring (DBGM Nr. 1.748.055 vom 29. Oktober 1956). Das besondere am Durchschwingverschluß ist ja, daß keine Bewegungsumkehr stattfindet, sondern der Sektorentreibring bei kurzen Verschlußzeiten ohne Zwischenstopp durchläuft. Das sorgt dafür, daß er vor allem bei der kürzesten Verschlußzeit sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen kann (die ja prinzipiell erwünscht sind). Würde man nun den Sektorentreibring am Ende seiner Bewegung auf einen harten Anschlag auflaufen lassen, wären schon nach kurzer Zeit Materialbeschädigungen die Folge. Also hatte man sich eine Dämpfungseinrichtung aus Gummi ausgedacht, die äußerlich von Metall umgeben war. Genau die Ausführung, wie sie das Gebrauchsmuster zeigt, ist auch später so im Prestor Reflex umgesetzt worden.

DBGM 1.748.055

Und zu genau diesem Gebrauchsmuster kann ich noch eine Begebenheit liefern, die man glattweg als Anekdote bezeichnen könnte, wenn sie nicht einen solchen tragischen Hintergrund hätte. Angemeldet wurde das Gebrauchsmuster mit einem Brief, den der VEB Zeiss Ikon am 24. Oktober 1956 an das Münchner Patentamt verschickt hatte. Am 16. April 1958 wurde dieses Schutzrecht auf den VEB Kinowerke umgeschrieben. Am 14. September 1958 erfolgte alsdann eine weitere Umschreibung auf den VEB Kamera-Werke Niedersedlitz, die aber auch nur bis zum 25. April 1959 ihre Gültigkeit hatte, weil dann das Schutzrecht letztlich auf den VEB Feinmeß überging. Auch solche Vorgänge können uns also heute ein Bild darüber vermitteln, wie „geordnet“ die Auflösungs- und Umgestaltungsprozesse im Dresdner Kamerabau in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wirklich abgelaufen sind.

MK, Januar 2017

 

 

Zum Schluß noch zwei Anmerkungen:

 

1. Oben habe ich die Vermutung geäußert, die Mimosa sei von (ehemaligen) Betriebsangehörigen der (ehemaligen) Zeiss Ikon AG entworfen bzw. auch gefertigt worden. Dazu habe ich folgende Bestätigung gefunden: Im Jahre 1954 gab es in der »Fotografie« zwei Beiträge zu technischen Problemen mit der Mimosa. Im Januarheft 1955 (S. 26) fühlte sich der VEB Zeiss Ikon aus eigenem Antriebe heraus berufen, auf diese Unklarheiten eine kurze Stellungnahme zu veröffentlichen. Ferner erwähnt der Zeiss Ikon Ingenieur Kretzschmar in einem Ausatz über den damals neu herausgekommenen Prestor RVS ausdrücklich auch den Velax als Eigenentwicklung (Vgl. Kretzschmar, Gerhard: Prestor-RVS, Ein neuer Hochleistungs-Zentralverschluß, Fotografie 7/1959, S. 277f.)

 

2. Aus dem oben genannten sowie einem weiteren Aufsatz von Gerhard Kretzschmar über „Möglichkeiten der Blitzsynchronisation mit Zentralverschlüssen des VEB Zeiss Ikon, Dresden“ in der »Fotografie« 11/1955, S. 288, geht eindeutig hervor, daß sowohl die Spannverschlüsse Tempor, Cludor und Vebur, als auch der Automatverschluß Priomat 00 durch diesen Betrieb entwickelt und gefertigt worden sind. Somit darf nun auch diese bisherige Annahme als gesicherte Erkenntnis gelten!