zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Praktina IIa DA

Die Praktina darf man wohl als eine der fortgeschrittensten Kameras der 50er Jahre bezeichnen. Hier haben Siegfried Böhm und seine Mitarbeiter technische Lösungsansätze für photographische Probleme in den Kamerabau eingeführt, die noch auf Jahrzehnte hinaus aktuell waren. Motorantriebe, Langfilmmagazine, und nicht zuletzt die eigentliche Vervollkommnung der Einäugigen Reflexkamera, die automatisch schließende Blende. Der Segen der Einäugigen war auch ihr Fluch. Daß das Aufnahmeobjektiv zugleich als Sucherobjektiv dient, sorgt für absolute Parallaxenfreiheit des Sucherbildes. Leider muß ein Objektiv für die Mattscheibenabbildung möglichst lichtstark sein, während das Objektiv für die Aufnahme fast immer abgeblendet wird. Das bedeutet in der Praxis, daß die Blende andauernd auf- und zugedreht werden muß, wenn man zwischen Scharfstellen und Aufnahmebereitschaft hin und herwechselt. Bei bewegten Motiven wird diese Arbeitsweise und damit die gesamte Einäugige Reflextechnologie schnell unbrauchbar. Daran half auch die Vorwahlblende nichts zu ändern, die lediglich davon befreite, beim zudrehen der Blende die Kamera vom Auge nehmen zu müssen. Am dauernden hin- und herdrehen von Einstell- zu Aufnahmeblende änderte sich dadurch freilich nichts.

 

Die Einäugige Spiegelreflexkamera konnte erst dann zu diesem unbeschreiblich universellen photographischen Handwerksgerät werden, als diese letzte technische Unzulänglichkeit beseitigt werden konnte. Die Idee lag darin, die Kamera dafür sorgen zu lassen, daß die bis zum Moment des Auslösens voll geöffnete Objektivblende sich dann binnen möglichst kurzer Zeit auf ihren vorher festgelegten Arbeitswert schließt. Es teilen sich verschiedene Kameras den Anspruch, diese Technologie eingeführt zu haben. Die ungarische Gamma Duflex aus den späten 40er Jahren soll eine Springblende gehabt haben; diese Kamera kam aber nie über den Status eines Prototyps hinaus. Die ab 1953 gefertigte Contaflex der Zeiss Ikon AG Stuttgart hatte eine Springblende, allerdings war diese Bestandteil des integrierten Zentralverschlusses. Die Automatikblende für Wechselobjektive eingeführt zu haben, das muß nach derzeitigem Kenntnisstand der Praktina FX zugerechnet werden. Es handelte sich um eine halbautomatische Springblende, die vorher gespannt werden mußte. Nachdem 1956/57 die Praktisix die neue Vollautomatische Springblende eingeführt hatte, wurde auch ihre Schwesterkamera Praktina (neben anderen kleineren Änderungen) auf diese neue Blendenmechanik umgebaut. Hier geschah sowohl das Spannen (=Öffnen) als auch das Schließen von der Kameramechanik aus. Der kameraseitige Hebel für die Blende sitzt an derselben Stelle wie bei der FX, hat aber gerade die umgekehrte Funktion. Das macht die beiden Blendensysteme mechanisch inkompatibel, was sich als Zugeständnis an den technischen Fortschritt nicht verhindern ließ. Der riesige Erfolg, den anschließend das Praktisix-Schraubbajonett mit seiner Springblende gehabt hat, bestätigt, daß die Umstellung der Blendenautomatik bei der Praktina IIa auf dieses System eine völlig richtige Entscheidung gewesen ist. Da für die FX von Zeiss Jena ohnehin nur die beiden Normalobjektive und das Flektogon 2,8/35 mit Halbautomatischer Springblende im Angebot waren, war die Umstellung eigentlich nicht schwerwiegend, zumal Zeiss für die Praktina IIa sehr schnell eine neue Objektivpalette mit ASB-Objektiven anbieten konnte. Diese war gerade zur Frühjahrsmesse 1960 mit dem Flektogon 4/25 abgeschlossen worden, als die Produktion der Praktina überraschend eingestellt wurde. Die Gründe dafür sind nicht zu 100% geklärt. Offenbar verkaufte sich die Praktina IIa ziemlich schlecht und wurde regelrecht „auf Halde“ produziert. Davon zeugt, daß diese Kamera noch einige Jahre nach Produktionseinstellung als Neuware verkauft wurde. Sie kostete auch nach der großen Preissenkung (um durchschnittlich 30%!!) vom Frühjahr 1960 mit Flexon und Lichtschacht immernoch ganze 821,- Mark – und damit fast das Doppelte der Praktica IV.

 

Es war schade um die Praktina, aber offenbar ließ sich diese Kamera nicht kostendeckend fertigen. Im Vergleich zur Praktica war sie um Längen komplizierter aufgebaut, aus viel mehr Teilen, die zudem noch einiges an Justageaufwand verlangten. Zurückspringen des Blendenmitnehmers, hochklappen des Spiegels, korrekte Abfolge der drei Blitzsynchronkontakte, Ablauf des Verschlusses – das mußte bei dieser Kamera alles sehr genau getimet werden. Dazu kam, daß dieser ganze Mechanismus noch per Motor angetrieben werden konnte. An eine Fließandmontage vorgefertigter Teile war 1960 noch nicht zu denken.

Ein Sondermodell und was es uns über den Zustand eines ganzen Betriebszweiges zu erzählen hat...

Praktina DA Patent
Praktina IIa DA Konstruktionszeichnung

Aber was hat es denn nun mit der „DA“ auf sich? DA wie doppelte Auslösung. Wie bereits gesagt spielte die Umstellung auf die neue Springblende für die DDR-Objektivfertigung keine große Rolle. Wenn man sich das Produktionsverzeichnis der Jenaer Objektivfertigung durchschaut, dann hat man hier offenbar nahtlos von einem auf das andere Blendensystem umgeschaltet. Anders sah es offenbar für die Springblendenobjektive aus, die von bundesdeutschen Fremdherstellern für die Praktina angeboten wurden. Ich kann nur vermuten, daß jene nach der Umstellung der Blendenautomatik (im Laufe des Jahres 1957) bei den Händlern Westeuropas in den Auslagen verstaubten, weil sie für die Praktina IIa faktisch unbrauchbar waren. So etwas ist natürlich für den Photohandel immer äußerst ungünstig und beeinträchtigt das Vertrauensverhältnis zum Kamerahersteller. Dieses Problem hat man offenbar in Dresden Niedersedlitz erkannt und ich kann nun erstmals belegen, daß man es auch sehr ernst genommen zu haben scheint. Es ist schon seit einiger Zeit klar, daß dieser Umbau der Praktina IIa auf beide Blendensysteme nun doch beim Hersteller vorgenommen wurde, weil ein Zusatzblatt für die originale Bedienungsanleitung aufgefunden wurde. Ich habe nun aber beim Durcharbeiten der Patentliteratur eine Schutzrechtanmeldung vom 2. Mai 1960 gefunden, mit der diese doppelte Blendenauslösung sogar patentiert wurde (DDR Parent Nr. 27268). Mit Werner Kühnel ist nun auch der Urheber dieser Lösung namentlich erfaßt. Damit dürfte nun klar sein, daß es sich hier nicht um irgendeinen pfuschigen Fremdumbau in irgendeiner Garage handelt, wie das bislang manche behaupteten, sondern daß hier richtiger Aufwand getrieben wurde.

 

Mich wundert das auch nicht wirklich. Das Jahr 1960 markiert den Tiefpunkt des Dresdner Kamerabaus. Die Kamera- und Kinowerke waren gerade geründet um die abstruse Situation zu beenden, daß mehrere Firmen nebeneinanderher an Produkten entwickelten, die sich gegenseitig kannibalisierten. Nun, da die Entwicklungsabteilungen im Stehbildbereich zusammengelegt waren, offenbarte sich aber das Desaster erst richtig. Die noch von der Zeiss Ikon initiierte und von den Kamerawerken mit viel Aufwand zuendeentwickelte Pentina Zentralverschluß-Spiegelreflex entpuppte sich als schwer verkäuflich auf den Westmärkten. Das Debakel um die Prakti erschütterte den Betrieb in den Grundfesten. Mit einer unausgegorenen Neuentwicklung gerade den Westexport zu verunsichern, das war äußert kontraproduktiv. Denn sonst hatte man zu jener Zeit ja kaum noch etwas zu exportieren. Nur die Praktica IV und die Praktisix waren bei den KKW noch auf der Höhe der Zeit und die Exakta Varex der Ihagee verkaufte sich noch gut. Auf der anderen Seite mußte die Praktina aufgegeben werden, obwohl hier Carl Zeiss Jena gerade mit viel Aufwand eine große Palette an Springblendenobjektiven bereitgestellt hatte.

 

Das Jahr 1960 ist vielleicht ein Tiefpunkt – es ist aber auch ein Wendepunkt. Im Abschnitt „Technik“ habe ich schon ein bißchen angedeutet, was für ein Entwicklungsschub aus der zusammengelegten Konstruktionsabteilung entsteht und in den Folgejahren den Dresdner Kamerabau voranbringt. Lamellenverschluß, Innenlichtmessung, Modulbauweise für eine rationelle Fließbandproduktion – die 60er Jahre entwickelten sich zum Goldenen Zeitalter des Dresdner Kamerabaus. Und dazu brauchte es offenbar ein solches annus horribilis.

 

MK