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Serienmäßig umgebaut?

 

Neue Erkenntnisse zur Geschichte der Spiegelcontax

Im vergangenen Jahr hat mich Yves Strobelt mit einer schweren Krankheit angesteckt – dem „Spiegelcontaxfieber“. Diese Infektion hat sich im Nachhinein deshalb als sehr hartnäckig erwiesen, weil sie viele Fragen aufwarf für die ich nicht immer die richtigen „Behandlungsmethoden“ finden konnte. Yves Strobelt und ich sind wohl nicht die einzigen, die diese formschönen Kameras bewundern, aber Probleme dabei haben, gerade bei den frühen Kameras einen schlüssigen Zusammenhang zwischen der Einteilung in Modellreihen und den äußerlich sichtbaren Detailunterschieden bzw. der Höhe der Seriennummer zu erkennen. Selbst eingefleischte Sammler der Spiegelcontax und die dezidierte Literatur zu dieser Kamera haben für uns in dieser Hinsicht Fragen offen gelassen. Dann allerdings bin ich mehr oder weniger per Zufall auf Indizien gestoßen, die aus meiner Sicht eine neue Herangehensweise an diese offenen Fragen möglich machen. Dieser Aufsatz möchte daher im wahrsten Sinne des Wortes neue Einblicke liefern, indem er aufzeigt, daß die Erklärungen für einige dieser Diskrepanzen nicht an bloßen Äußerlichkeiten festgemacht werden können, sondern vielmehr im Inneren der Kameras zu finden sind.

Contax S Nr. 2012
Contax S Typ D Nr. 11312

Abb. 1 und 2: Links die für diesen Aufsatz wichtige Contax S mit der frühen Seriennummer 2012 eines niederländischen Sammlers, rechts zum Vergleich eine spätere S Typ D mit der Nummer 11 312. Interessant an der linken Kamera ist, daß sie sowohl den zeittypischen Blitzkontakt im Stativgewinde, als auch einen professionell installierten koaxialen Blitzanschluß in einer Bauweise besitzt, der nicht „von der Stange“ ist. Wann und in welchem Zusammenhang die Kamera jenen zweiten Blitzanschluß bekommen hat, ist nicht bekannt. Allerdings führen zu beiden Anschlüssen Kabel aus ein und demselben Material, wie es typisch für die 50er Jahre der DDR war.

Der Anlaß, sich mit diesem „Rätsel“ ein wenig intensiver zu befassen, lag darin begründet, daß ich im letzten Jahr zufälligerweise gleich zwei frühe Contax S kurz hintereinander zur Reparatur auf dem Tisch hatte. Beide Sammler – einer davon Yves Strobelt – wollten ihre Kameras unbedingt funktionstüchtig haben. Yves‘ Contax S mit der Nummer 13045 war in einem sehr schlechten Zustand, die Tücher regelrecht herausgerissen, die Welle der Steuerwalze verbogen und das Hemmwerk beschädigt. Bei der zweiten Kamera waren Teile im Transportmechanismus gebrochen und die Tücher unbrauchbar. Bei beiden Kameras konnte man in etwa erahnen, welcher Art die Qualitätsmängel waren, die zu Beginn der Serienproduktion der Contax Probleme bereiteten.

Contax Sperrklinen

Abb. 3: Abgebrochene Sperrklinke aus der Contax S mit derSeriennummer 2012. Die unten abgebildete Sperrklinke aus einer wesentlich späteren Kamera ist dann offensichtlich aus anderem Material gefertigt worden.

Nach dem Öffnen der ersten der beiden Kameras kam die Überraschung: Hier sah einiges ziemlich anders aus als von späteren Contax gewohnt. Vom Hemmwerk ragte ein langer Draht bis zum Transportgetriebe, an dessen Ende sich ein massiver Messingblock befand. Unter dem Transportgetriebe war ein langer Hebelmechanismus, der sich bei späteren Modellen nicht finden läßt. Nach dem Ausbau von Turmlager und Vorhangwalze offenbarte sich, daß auch diese Teile Unterschiede aufwiesen. Damit war klar, daß die Verschlüsse dieser beiden Exemplare der Contax S in wesentlichen Merkmalen anders aufgebaut waren, als die Verschlüsse späterer Modelle. Auch wenn man auf den ersten Blick nur von Details sprechen mag – das Funktionsprinzip des Verschlusses wurde nämlich nicht grundlegend geändert – so handelt es sich aus technischer Sicht durchaus um eine weitgreifende Überarbeitung, die wohl angesichts massiver Probleme mit der Zuverlässigkeit der frühen Serienmodellen der Spiegelcontax notwendig war.

Abb. 4: Der offensichtlich als Ablaufbremse dienende Hebelmechanismus der Contax S. Interessant ist, daß der Hebel mit einer eingekratzten Seriennummer 2010 versehen ist, die Kamera aber die Seriennummer 2012 hat. Die Bildbühne dieser Kamera trägt sogar die Seriennummer 2264. Hier wurde also damals offenbar ziemlich zusammengestückelt.

Die auffälligsten Unterschiede zwischen den Verschlüssen dieser beiden frühen Modelle und den Serienkameras ab dem Modell Contax D lassen sich im Wesentlichen in drei Punkten zusammen-fassen. Der in technischer Hinsicht wohl Weitreichendste ist der in Abb. 4 gezeigte Hebel, den ich nur als Verschlußbremse deuten kann. Diese Vermutung liegt deshalb nahe, weil die bei den späteren Modellen so charakteristische „Prellsicherung G475“ hier noch fehlt. Diese Prellsicherung vernichtet am Ende des Verschlußablaufs die Bewegungsenergie der Vorhänge und verhindert, daß diese in den Lichtpfad zurückprellen bzw. sich der bereits geschlossene Belichtungsschlitz wieder öffnet. Offensichtlich wird bei der frühen Contax die Funktion des Abbremsens durch den obigen Hebel und die Funktion der Prellsicherung durch einen federnden Haken im Bildfensterbereich bewerkstelligt. Um aber hierzu genauere Aussagen machen zu können, müßte man Zugriff auf eine Reparaturanleitung der frühen Contax S haben.

Turmlager

Abb. 5 und 6: Vorhangwalzen und Turmlager jeweils der Contax S und der Contax D ff. Die andere Formgebung des Contax D Turmlagers (ganz rechtes Bild mit dem vorn sichtbaren, angeschraubten Messingblech) sollte sich noch als wichtiger Anhaltspunkt herausstellen.

Vorhangwalzen

Als zweiter wichtiger Unterschied stellten sich der andere Aufbau und die abweichende Form des Turmlagers dar. Bekanntermaßen arbeitet der Schlitzverschluß der Spiegelcontax, ähnlich wie die Barnack‘sche Konstruktion für die Leica, mit einer getriebelosen Ablaufsteuerung, das heißt die Steuerwalzen beider Vorhänge liegen auf einer gemeinsamen Achse und sie sind vom Durchmesser so dick gewählt, daß auf ihrem Umfang die gesamte notwendige Tuchlänge Platz findet. Kameras wie die Exakta und Praktica arbeiten mit dünneren Walzen, die mithilfe einer entsprechenden Getriebeuntersetzung mit der Verschlußsteuerung verbunden sind. Die ausgeklügelten Verschlüsse der Leica und Spiegelcontax benötigen ein solches Getriebe nur zum Spannen des Verschlusses, also um die Vorhangwalze eine knappe Vollumdrehung zu bewegen. Das dazu notwendige Zahnrad war bei der Contax S ursprünglich Bestandteil der Verschlußwalze und unmittelbar mit den Seilscheiben des ersten Verschlußvorhanges verbunden. Bis auf ein kleines Segment war es durchbrochen um die Ansteuerung des zweiten Verschlußvorhanges hindurchzuführen. Dieses Zahnrad lief stets beim Ablauf des Verschlusses mit. Im Zuge der Umkonstruktion des Verschlusses wurde dieses Zahnrad nun zum festen Bestandteil des Turmlagers. Damit wurde die Vorhangwalze von den Kraftwirkungen und Reibungen dieses Getriebeteils entlastet. Das Zahnrad läuft als Zahnkranz innerhalb des Turmlagers und nimmt die Verschlußvorhänge so lange mit, bis das im Vordergrund sichtbare, angeschraubte Messingteil die Vorhänge vom Zahnkranz abkuppelt.

Hemmwerke

Abb. 7: Links das Ankerhemmwerk der Contax S, rechts das auf dem Prinzip des Fliehkraftreglers beruhende Hemmwerk der Contax D ff.

Als drittes und wohl augenfälligstes Merkmal des neuen Verschlusses möchte ich noch das neue Hemmwerk erwähnen. Hier wurde von einer Ankerhemmung wie man sie von Selbstauslösern kennt zu einem Fliehkraftregler-Hemmwerk übergegangen. Diese Konstruktionsänderung ist aus der Sicht des Sammlers besonders hilfreich, weil er hier ohne die Kamera zerlegen zu müssen am Klang feststellen kann, ob es sich um eine ursprüngliche Contax S oder eine zur Contax D um-gebaute S Typ D handelt. Voraussetzung ist natürlich, daß der Verschluß noch abläuft. Wer also herausfinden will, ob die frühe Contax in den Technischen Sammlungen Dresden mit dem schwarz angemalten Prismendom wirklich authentisch ist, der könnte hingehen, die Kamera auf eine Sekunde einzustellen und den Verschluß ablaufen zu lassen. Wer sich unsicher ist, wie die beiden Hemmwerke sich klanglich unterscheiden lassen, dem stelle ich gerne ein Hörbeispiel mit einem direkten Vergleich beider Hemmwerke zur Verfügung.

Diskrepanzen in den Seriennummern machten stutzig

Aber wieso „ursprüngliche Contax S“ und „zur Contax D umgebaute Contax S Typ D“? Bevor ich im vergangenen Herbst die zweite frühe Contax S mit der Seriennummer 2012 zur Reparatur erhielt, hatte mir Yves Strobelt seine akribisch recherchierte Auflistung von Seriennummern verschiedener Contax-Modelle zugeschickt. Dabei trat folgende Diskrepanz auf: Ich konnte nun mit Sicherheit sagen, daß der ursprüngliche Verschluß der Contax S und der umkonstruierte der späteren Kameras sich zeitlich eindeutig voneinander abgrenzen lassen. In der Liste mit den Seriennummern kamen aber Modelle der Contax S und der Contax S Typ D über längere Zeiträume hinweg unsystematisch vermischt vor. Etwas weiter in Richtung höherer Seriennummern mischten sich auch Kameras der Contax D langsam in die Reihe ein. Hier konnte etwas nicht stimmen. Meine ursprüngliche Vermutung, man habe mit der Contax D und dem neuen Verschluß mit den Seriennummern von vorn zu zählen begonnen, stellte sich bald als falsch heraus.

 

Weil die zweite Contax S mit der Seriennummer 2012 im Zuge der Reparatur wiederum weitgehend zerlegt werden mußte, hatte ich Gelegenheit, diese im Urzustand befindliche Kamera tief-greifend mit einer Contax S Typ D und einer Contax D direkt zu vergleichen. Dabei stieß ich auf Anzeichen, die die Frage, was es mit dem mysteriösen Zwischenmodell Contax S Typ D auf sich hat, ein wenig besser erklären können, als das bislang möglich war.

 

Äußerlich erkennbar, und daher auch seit längerem bekannt ist, daß das „D“ in mancher Front-kappe der Contax S Typ D sich zum Teil deutlich von der darüberstehenden „Zeiss Ikon“-Gravur unterscheidet und damit offensichtlich nachträglich graviert wurde. Es gibt allerdings auch Frontkappen, auf denen beide Angaben gemeinsam graviert worden sind. Erst als Yves Strobelt mich auf dieses Faktum aufmerksam gemacht hatte, wurde mir klar, wie sich all diese Ungereimtheiten in einen sinnvollen Zusammenhang bringen lassen. Es sind deshalb die Modelle Contax S und die Contax S Typ D innerhalb des Nummernbereichs der Contax S wild durcheinander verstreut, weil die Contax S offenbar in großen Umfang auf den neuen Verschluß der Contax D umgebaut, und damit zum Modell Contax S Typ D wurde.

 

Nun, da mir dieser Zusammenhang offenbar geworden war, fielen mir auch Merkmale ins Auge, mit denen er sich empirisch nachweisen ließ. Ich hatte mich nämlich zuvor bei der Reparatur einer Contax S Typ D darüber gewundert, daß in dieser Kamera ein Widerlager für eine Feder eingebaut war, die für den Verschlußtyp D überhaupt nicht notwendig ist. Es handelt sich um genau jenen Bolzen, an dem die Feder des Hebels befestigt ist, den ich oben mangels besseren Wissens als Verschlußbremse bezeichnet habe. Da dieser, wie oben gezeigt wurde, ein eindeutiges Merkmal für eine Contax S ist, die Kamera aber nun den Verschluß der Contax D besitzt, ist dies ein stichhaltiger Beweis dafür, daß diese Kamera im Nachhinein den neu entwickelten Verschluß des Nachfolgemodells bekommen hat. Als glücklicher Umstand ist dabei anzusehen, daß der Bolzen – wohl um Lichteinfall durch die Bohrung in den Patronenraum zu vermeiden – einfach an Ort und Stelle belassen wurde. Nur so konnte ich ihn nämlich bemerken.

Contax S
Contax S Typ D
Contax D

Abb. 8; 9 und 10: Oben die teilzerlegte Contax S Nr. 2012 während des Einbaus neuer Verschlußtücher. Das Bild in der Mitte zeigt einen Blick in die entkernte Contax S Typ D Nr. 15 781. Der obere kleine Kreis weist jeweils auf das Widerlager für die Feder, der große Kreis auf die Ausfräsung für das neue Turmlager. In der oberen, noch im ursprünglichen Zustand befindlichen Kamera fehlt letztere. Zum Vergleich unten ein späteres Serienmodell mit Contax D Verschluß. Die Ausfräsung im Kameragrundkörper und das Widerlager fehlen gänzlich.

Erst später fiel mir noch ein zweites eindeutiges Beweismerkmal auf. Das neue Turmlager der Contax D ist aus Gründen, wie ich sie oben beschrieben habe, anders geformt, als das des Vorgängers. Das Blech des Ausrückmechanismus ragt so weit hervor, daß am Chassis der Contax S eine Ausfräsung notwendig wurde, bevor man das neue Turmlager einbauen konnte. Erst jetzt erinnerte ich mich, daß ich diese Ausfräsung ja bereits bei der Reparatur der Contax S von Yves Strobelt zuvor selbst angebracht hatte, um das Turmlager eines Ersatzteilspenders unterzubringen. Der originale Mechanismus dieser Kamera war durch Gewalteinwirkung leider nicht mehr brauchbar. Ich hatte also unbewußt das getan, was in den 1950er Jahren die Mechaniker bei Zeiss Ikon bzw. in den Vertragswerkstätten offenbar in größerem Umfange vorgenommen hatten: Eine kleine Ausfräsung anzubringen, um den Verschluß der Contax D in defekte oder unzuverlässige Modelle der Contax S einzubauen.

 

Diese offenbar zahlenmäßig recht umfangreichen Umbaumaßnahmen kann ich freilich nicht mit Archivmaterial oder dgl. belegen, sondern nur indirekt anhand von Merkmalen erhalten gebliebener Kameras schlußfolgern. Bei Untersuchung von vier weiteren Exemplaren der Contax S Typ D waren beide oben aufgezeigten Merkmale nachweisbar, welche diese Kameras nach meiner Hypothese als zum Modell D umgebaute Contax S ausweisen. Um hier noch sicherer zu gehen, müßten weitere Exemplare der Contax S Typ D untersucht werden. Zumindest das Merkmal der Ausfräsung für das neue Turmlager ist auch ohne großes Zerlegen der Kamera gut sichtbar. Bei den späteren Serienmodellen der Contax D fehlt diese Ausfräsung übrigens. Hier wurde dann gleich die Gußform des Kamerakörpers entsprechend angepaßt. Auch das Widerlager für die Feder ist verständlicherweise bei diesen Modellen fortgelassen worden.

Es bleiben natürlich Fragen

Bedeutet das Vorhandensein des „kleinen D“ unter dem Zeiss Ikon Achromaten einer Contax S, daß es sich ausschließlich um nachträgliche Umbauten der älteren Contaxmodelle handelt, oder könnte die Kamera auch in dieser Form neu ab Werk produziert worden sein? Offenbar trifft letzteres zu, denn es existieren entsprechende Bedienungsanleitungen. Es könnte sich dabei um ein Übergangsmodell handeln, bei dem noch Kameragrundkörper der Contax S ab Werk mit dem neuen Verschluß bestückt wurden. Dies würde auch einigermaßen erklären, warum neben nachgravierten auch neu gefertigte Frontkappen mit dem „kleinen D“ verbaut wurden. Es scheint übrigens auch so gewesen zu sein, daß bei dieser Umbauaktion einfach diejenigen Frontkappen verbaut wurden, die gerade vorrätig waren. So kann Yves Strobelt sogar Kameras im Nummern-kreis der Contax S nachweisen, die nach dem Umbau eine Frontkappe der Contax D bekommen haben. Letztere haben interessanterweise sogar einen Ernemanntum auf der Schrägfläche, wie er erst zur Zeit der Contax F üblich wurde. Solche Anzeichen deuten darauf hin, daß die besagte Umbauaktion über einen viel längeren Zeitraum hinweg stattgefunden haben mag, als lediglich innerhalb der Garantiefrist der Contax S. Aber dies wird man heute kaum noch stichhaltig klären können.

Contax S Typ D Anleitung

Abb. 11: Das Deckblatt einer Bedienungsanleitung der Contax S Typ D, die darauf verweist, daß dieses Modell nicht nur aus Umbauten entstanden ist, sondern auch ab Werk so geliefert wurde. Der Druckvermerk der Anleitung datiert diese auf den März 1952.

Auch nicht mehr genau klären können wird man meiner Auffassung nach die Frage, was genau die Buchstabenfolge A, B und C ausmacht, bevor das Modell D entstand. Wir sollten aber unbedingt davon ausgehen, daß diese Buchstaben ihre tiefgreifende und wichtige Bedeutung innerhalb der Evolution der Spiegelcontax haben. Diese besteht aber garantiert nicht darin, daß sich die Formgebung des Zeiteneinstellknopfes geändert hat. Vielmehr ist davon auszugehen, daß mit diesen Buchstaben wichtige Entwicklungsschritte beispielsweise des Schlitzverschlusses voneinander abgegrenzt werden. Offenbar kann heute niemand mehr sagen, auf welche Entwicklungsstufe sich eigentlich das „Modell A“ bezog. Es ist aber sicherlich davon auszugehen, daß bei Anlauf der Serienfertigung bereits der Entwicklungsstand „C“ erreicht worden ist. Yves Strobelt und ich fragen uns daher, ob es nicht sinnvoll wäre, für alle Spiegelcontax ab etwa einer dreistelligen Seriennummer bis zum Erscheinen des Modells Contax S Typ D – also quasi für alle im Originalzustand belassenen Contax S – pauschal von einer Contax S Typ C zu sprechen. Wir sind der Auffassung, daß durch eine solche Übereinkunft manch fachinterne Diskussion erleichtert werden würde.

 

Dieser Aufsatz erhebt nicht den Anspruch, eine „neue Wahrheit“ über die Geschichte der Spiegelcontax zu verkünden. Vielmehr ist er als Zwischenergebnis einer Art „Feldforschung“ anzusehen und sollte in diesem Hinblick als Belebung der Debatte gedacht sein. Yves Strobelt arbeitet weiter an der Vervollständigung seiner Liste mit Kameranummern. Es bestehen noch Lücken, die es aufzufüllen gilt. Auf diese Weise könnte man vielleicht einmal die Frage aufklären, welchen Zweck der zweite Nummernkreis hat, der auf der Kamerarückwand aufgraviert ist und wieso dieser zwischendurch einmal unvermittelt auf eine siebenstellige Zählweise wechselt, um dann anschließend wieder zu sechs Stellen zurückzukehren. Wer zu dieser Datensammlung beitragen möchte, ist herzlich dazu eingeladen, seine Kamera- und Rückwandnummern zur Verfügung zu stellen. Zu diesem Zwecke oder auch für Fragen oder Anregungen stehen wir gerne per email oder Facebook zur Verfügung.

 

 

 

Marco Kröger, März 2016

 

 

 

 

Nachtrag: Dr. Alexander Schulz hat zwei Monographien zur Geschichte der Spiegelcontax geschrieben. Im ersten, in deutscher Sprache verfaßten Werk beschreibt er noch die Unterscheidung in die Modelle A, B und C der frühen Contax S. In seinem zweiten, englischsprachigen Buch erwähnt er diese Aufteilung nicht, sondern erklärt das Auftauchen des "D" damit, daß es Zeiss Ikon im März 1951 durch ein Westberliner Gericht verboten worden sei, Kameras mit dem Markenzeichen Contax in der Bundesrepublik zu vertreiben. Kurze Zeit später habe die Zeiss Ikon AG Stuttgart sich das Markenrecht am "Zeiss-Ikon-Label" international sichern können. Der VEB Zeiss Ikon Dresden habe daraufhin mit dem Hinzufügen des "D" stärker auf den Produktionsstandort Dresden verweisen wollen. (Vgl. Schulz, Contax S, Stuttgart, 2008, S. 63). Auf meine Nachfrage, wieso er auf diese konstruiert klingende Erklärung komme, erklärte Schulz, er hielte mittlerweile die Einteilung in die Modellreihen A, B und C für eine bewußte Fälschung Richard Hummels und habe sie deshalb fallengelassen.

 

Ich halte diese Modelleinteilung in A, B und C nicht für eine Fälschung Richard Hummels, auch wenn diesem Mann ansonsten ein äußerst fragwürdiges Arbeiten bis hin zur bewußten Manipulation vorgeworfen werden muß. Ich denke, ich habe im obigen Aufsatz hinreichend deutlich machen können, woran sich das Erscheinen eines neuen Modells Contax D festmachen läßt. Der Rest ist eine Frage des logischen Denkens. Die Authentizität der Modelle A, B und C erscheint doch allein dadurch mehr als plausibel, weil die nachfolgenden Weiterentwicklungen der Contax mit den Modellen D, E und F in DERSELBEN alphabetischen Folge weitergeführt wird.

 

MK

 

 

 

 

Zwischenmeldung: Zur Frage der Nummerierung an ZI-Geräten

 

 

Ein auffälliges Charakteristikum von Photogeräten des Zeiss Ikon Werkes sind die beiden Nummernkreise, die – zumindest während großer Zeitabschnitte – jede Kamera aufzuweisen hat. Auch bei den Kinogeräten dieses Herstellers ist das so, wie man hier an dieser Pentaka gut sehen kann.

 

Wir haben vor einem Jahr die Frage aufgeworfen, was es wohl damit auf sich hat, und können nun erste diesbezügliche Erkenntnisse mitteilen. Dazu möchte ich aber etwas weiter ausholen. Mir scheint es nämlich zweckmäßig, einen Vergleich zum Nummerierungssystem des Zeisswerks in Jena zu ziehen. Als man hier nämlich um 1890 mit dem Objektivbau begann, bekam jedes einzelne Objektiv eine Nummer, mit dem es sich in eine fortlaufende Reihe eingruppierte. Interessant ist, daß sich später innerhalb dieser fortlaufenden Seriennummern bestimmte Blöcke ausfindig machen lassen. Das ist vor allem mit Zeiss-Objektiven über der Seriennummer 800.000 der Fall, da von diesem Zeitpunkt ab die Jenaer Produktion durch eine umfassende Kartei dokumentiert worden ist, die dank der Herren Thiele und Wimmer überliefert werden konnte. Solch einen Block von beispielsweise 1000 Stück Tessaren 2,8/50mm möchte ich einmal als "Produktionslos" bezeichnen. Wie diese Gruppen zustandegekommen sind, stelle ich mir folgendermaßen vor. Bedenken Sie dabei immer, daß wir uns in der Zeit vor jeglicher elektronischer Datenverarbeitung befinden. Also: Die Firma Zeiss Ikon in Dresden bestellt bei Carl Zeiss Jena zur Komplettierung von 1000 Stück Contax S eine ebenso große Anzahl von Objektiven Tessar 2,8/50mm. Mit Eingang dieses Fertigungsauftrages wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Nummernkreis für diese 1000 Objektive festgelegt. So geschehen beispielsweise irgendwann im Laufe des Jahres 1952, als in Jena schließlich beginnend mit dem 2. Oktober 1952 1000 Stück o.g. Tessare montiert wurden, und die dann Fabrikationsnummern zwischen 3.683.001 und 3.684.000 aufgraviert bekamen.

 

In etwa zur selben Zeit muß vonseiten des Ihagee Kamerawerkes Dresden ein Auftrag über 300 Tessare 2,8/80mm für die Exakta 6x6 eingegangen sein. Und obwohl deren Fabrikationsnummern zwischen 3.691.001 und 3.691.300 etwas weiter hinten zu liegen kamen, wurden sie bereits beginnend mit dem 7. Juli 1952 montiert. Wir sehen hier, daß zwischen der Verteilung des Nummernkreises im Zuge des Auftragseinganges und der tatsächlichen Auslieferung der Objektive durchaus größere zeitliche Zwischenräume liegen können. Zu den Zeissobjektiven gäbe es natürlich noch mehr zu sagen, aber wir wollen uns hier einstweilen damit begnügen.

 

Denn mein Punkt ist nun folgender: Die Fabrikationsnummer bei Zeiss Ikon, wie sie also beispielsweise auf der Rückwand der Contax oder auf dem Boden der Pentaka zu finden ist, entspricht vom Prinzip her dem, wie die Seriennummern der Zeissobjektive (ursprünglich) aufgebaut waren. Wenn man also bei Zeiss Ikon die Herstellung von 1000 Stück Spiegelcontax beschlossen hatte, dann wurden die 1000 Nummern dieses Produktionsloses innerhalb des Fabrikationsnummernkreises vergeben. Wurde als nächstes die Herstellung von 500 Stück Taxona mit Tessar beschlossen, dann wurde der nächste Nummernkreis hinzugefügt. Diese These wird durch die Nummernsammlung von Yves Strobelt bislang gut gestützt. Ich kann auch sogleich eine Möglichkeit angeben, wie sie widerlegbar wäre. Würden nämlich desöfteren doppelte Fabrikationsnummern auftreten, also eine Contax und eine Taxona mit derselben, dann wäre diese Systematik hinfällig. Bislang ist das aber nicht der Fall und auch die Gruppierung in Produktionslosen zeichnet sich gut ab.

 

Aber damit ist es freilich noch nicht getan. Ich muß jetzt von Ihnen, werter Leser, die volle Aufmerksamkeit einfordern, weil es jetzt etwas komplizierter wird. Wir haben es nämlich mit dem Umstand zu tun, daß im VEB Carl Zeiss Jena um 1980 herum – also nach immerhin neun Jahrzehnten – vom bisherigen System der Objektivnummern abgegangen worden ist. Der Grund ist schnell genannt; man hatte einfach so große Stückzahlen produziert, daß man die Zehn-Millionen-Marke überschritten hatte und die Ziffernfolge daher unzumutbar lang wurde. Ich kann mir aber auch vorstellen, daß man im Zeitalter der EDV-Systeme das bisherige Verfahren, bei dem zum Teil völlig verschiedene Produkte in ein System gepreßt wurden, nicht mehr als praktisch erachtete. Man ist daher Anfang der 80er Jahre dazu übergegangen, jeden Objektivtyp für sich zu zählen und mit einer von 1000 ab fortlaufenden Seriennummer zu versehen. Das hat für uns heute einerseits den Nachteil, daß eine zeitliche Einordnung schlechter ist (weil ja unterschiedliche Objektivtypen in ganz verschiedenen Mengen produziert wurden), andererseits läßt sich nun die produzierte Gesamtmenge eines Objektivtyps genau eruieren, weil diese der höchsten Seriennummer minus 1000 entspricht.

 

Diese Umstellung von 1980 bei Zeiss Jena erwähne ich deshalb, weil sich auf diese Weise am besten verdeutlichen läßt, was es mit der zweiten Nummer auf jeder Zeiss Ikon Kamera auf sich hat. Diese offiziell als "Kameranummer" bezeichnete Ziffernfolge entspricht nämlich genau diesem Gedanken. Hier werden die Kameras INNERHALB EINER BAUREIHE fortlaufend gezählt. Das ist der große Unterschied zur Fabrikationsnummer und das ist auch der Grund dafür, wieso diese beiden Nummernsysteme auf den ersten Blick so gar nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Sie fügen sich schlichtweg aus Prinzip nicht ineinander.

 

Für den Sammler scheint auf den ersten Blick nur diese Seriennummer einen Sinn zu ergeben und er kann mit der Fabrikationsnummer wenig anfangen. Wenn wir uns aber einmal hineinversetzen in die Zeit, da diese Kameras hergestellt wurden, dann hat die Fabrikationsnummer natürlich einen faszinierenden Hintergrund. Sie erlaubt einen Blick in die Interna des Zeiss Ikon Werkes. Wie groß waren die Produktionslose? Wie verteilten sich die hergestellten Gesamtmengen auf die einzelnen Geräte? Auch erlaubt uns eine solche "Institution" Fabrikationsnummer einen Blick darauf, wie damals in den 50er Jahren logistisch gearbeitet wurde. Zu einem bestimmten Kreis an Fabrikationsnummern der Kameras, deren Produktion beschlossen wurde, gehörte auch ein ebensolcher Nummernkreis an Normalobjektiven, welche bei Zeiss Jena oder Meyer Görlitz in Auftrag gegeben wurden. Solch eine Systematik war offenbar unumgänglich, um in einem Betrieb wie Zeiss Ikon, der ja sehr viele unterschiedliche Kameratypen fertigte, den Überblick behalten zu können. Bei der Ihagee, wo man quasi nur die Exakta und die Exa fertigte, war eine solche Logistik offenbar nicht unbedingt nötig. Bedenken Sie auch, daß die Zeiss Ikon für ein und denselben Objektivtyp auch unterschiedliche Fassungsarten benötigte. Mal wurde ein Tessar in Schneckengang gefaßt, mal dasselbe Objektiv in einem Zentralverschluß. Apropos: Auch unterschiedliche Typen von Zentralverschlüssen mußten den jeweiligen Typen an Zentralverschlußkameras genau zugeordnet werden. Hat man dann nur die Seriennummernkreise der einzelnen Modelle zur Verfügung, die sich unter Umständen willkürlich überschneiden, dann kann es sehr schnell zu fatalen Verwechslungen kommen. Die Fabrikationsnummer – zumal wenn sie in Verbindung mit der Seriennummer angewendet wurde – schloß solcherlei Verwechslungen von vornherein aus.

 

Das ist unser Erkenntnisstand im April 2017. Mangels eindeutiger Quellen stellt er nur eine Vermutung dar, aber etwas Plausiblereres haben wir andererseits auch noch nirgendwo gelesen. Mal sehen, ob wir noch mehr in Erfahrung bringen können…