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Weitere Stereokameras

Stereo Exa

Nach einem ganz andern Prinzip arbeiten diese Stereokameras auf Basis der Exa. Solche Umbauten ohne Abänderung des Filmtransportes sind zwar einfach zu bewerkstelligen, weshalb sie auch schon oft durchgeführt wurden, aber aus technischer Sicht ist diese Lösung ziemlich unzulänglich. Ihr Bauprinzip liegt darin, daß einfach zwei Kameras im natürlichen Augenabstand von etwa 65mm nebeneinandermontiert werden. Daraus ergeben sich aber zwei eklatante Nachteile. Das ziemlich längliche "Vollformat" 24x36mm ist für Stereoaufnahmen aus verschiedenen Gründen ungünstig. Außerdem muß stets ein Filmabschnitt von 3x8 Perforationslöchern transportiert werden, also 114mm Filmlänge, auf der aber nur zwei Stereohalbbilder Platz finden. Das ergibt einen insgesamt sehr unökonimischen Filmtransport mit nur 12 Stereopaaren je Film. Der einzige Vorteil ist, daß durch die Basis von 65mm bereits das Sucherbild stereoskopisch gesehen werden kann.

Eines der beiden obengenannten Probleme, nämlich den unökonomischen Filmverbrauch, löst diese Stereo-Werra. Diese Kamera bietet einen "verschränkten Filmtransport", bei dem jeweils ein großer auf einen kleinen Schaltschritt folgt. Das kennt man vom Verascope und der Belplasca. Anders als beim Colardeau-Schaltschritt liegen hier statt zwei nur ein Bild zwischen den beiden Filmfenstern. Das heißt erst einmal kann das linke, bereits belichtete Stereohalbbild zwischen den beiden Filmfenstern "geparkt" werden, nach der nächsten Aufnahme muß nun aber alles belichtete Filmmaterial aus dem Bildfensterbereich wegtransportiert werden, damit es nicht zu Doppelbelichtungen kommt. Das ist also der Hauptunterschied zum gleichmäßigen Colardeau-Schaltschritt, der mit seinen zwei Bilder fassenden Zwischenraum sozusagen kontinuierlich "zwischenspeichern" kann. Die demgegenüber diskontinuierliche Zwischenspeicherung beim ungleichmäßigen Schaltschritt verlangt also nach einem abwechseln kurzen und langen Filmtranport, der bei Kameras wie der Belplasca oder der FED Stereo automatisch gesteuert wird. Es muß nämlich UNBEDINGT verhindert werden, daß man mit dem Wechselspiel des Filmtransportes durcheinanderkommt, denn das würde die vorige, die jetzige und die nachfolgende Stereoaufnahme vollständig durch Doppelbelichtung verderben.

Stereo-Werra

 

Um das zu verhindern, habe ich in diese Stereo-Werra wenigstens ein zustätzliches Zählwerk eingebaut, das genau anzeigt, wie oft der Film zu transportieren ist. Diese Kamera mit ihrem Meßsucher, den Wechselobjektiven und den beiden gekuppelten Prestor-Verschlüssen mit 1/750 sec Verschlußzeit sollte eigentlich eine ideale Stereokamera sein. Aber leider schlägt hier das zweite der obengenannten Probleme zu: Das volle Kleinbildformat 24x36mm ist nicht gut für Stereobilder geeignet. Es ist viel zu breit und gibt oft sehr unübersichtliche Bilder. Der beste Raumeindruck (und um den geht es schließlich!) ergibt sich, wenn das Auge mit einem Blick die Szenerie erfassen und sozusagen von vorn nach hin durch den Raum schweifen kann, ohne von dem was links und rechts ist abgelenkt zu werden. Deshalb sind die nur leicht rechteckigen Stereoformate wie das der Belplasca oder aber das Quadrat am besten für die Raumbildphotographie geeignet. Außerdem passen Quadrate am besten in das Papier-Endformat 6x13cm bzw. füllen die Leinwand am besten aus.

Weltax Stereo

 

Ganz besonders hochwertige Raumbilder ermöglicht natürlich das Mittelformat. Der Rollfilm 120 ist das ideale Material für Stereoaufnahmen. Zwei aufeinanderfolgende Bildnummern liegen auf dem Schutzpapier 64mm auseinander - das entspricht genau dem Augenabstand und ermöglicht einen einfachen Bildtransport mit nebeneinanderliegenden Teilbildern, die quasi gemeinsam "wegtransporiert" werden. Genauso vorteilhaft ist, daß sich zwei Halbbilder von 56x56mm Nutzgröße ohne jegliche Vergrößerung im Stereo-Großformat 6x13cm unterbringen lassen. Die Positive kann man also auf einfache Weise im Kontaktverfahren herstellen. Wenn man Umkehrfilm benutzt, dann erhält man direkt betrachtungsfertige Positive, für die man bei geübtem stereoskopischen Blick nicht einmal ein Stereoskop braucht.

Weltax Stereo

Die Kamera ist aus zwei Weltax aufgebaut und ermöglicht das Auswechseln der Objektive durch die angeschraubte Frontplatte. Zunächst kommen zwei historische Doppelanastigmate "Teronar 1:5,4" zum Einsatz, die eigentlich für eine 4,5x10,7 Kamera gedacht sind, aber das 6x6 Format gerade so auszeichnen. Die beinah 100 Jahre alten Objektive sind in einem erstklassigen Stereo-Compur gefaßt.

 

Viel Aufwand steckt in dem Großbildsucher, der genau auf den über 60 Grad umfassenden Bildwinkel der 65mm-Objektive abgestimmt ist und eine exakte Bildkomposition ermöglicht, die ja bei Stereoaufnahmen besonders wichtig ist.

Weltax Stereo

Pouva Stereo

 

Leider sind 6x6 Stereoaufnahmen auch am teuersten, denn auf einem Rollfilm 120 kriegt man nur sechs Stereopaare unter. Trotzdem gelingen selbst mit solch einer einfachen "Pouva Stereo" herausragende Raumbilder, insbesondere wenn die originalen Objektive durch zwei hochwertige Tessare ersetzt wurden wie hier.

Die Anleitung zum Bau einer solchen Stereokamera fand sich seinerzeit im "Fotobastelbuch" von Kunz/Samplawsky und wurde daher entsprechend häufig nachgebaut - auch von mir. Doch nur wenige gingen den an anderer Stelle dieses Buches aufgezeigten Weg, die originalen Objektive durch hochwertige Anastigmate zu ersetzen. Offenbar wurde in der DDR die Produktion von Faltkameras 6x6 und 6x9 recht plötzlich eingestellt, nachdem immer mehr preiswerte Kleinbild-Amateurkameras wie die Pentona, Penti oder die Beirette K erhältlich waren. So läßt es sich jedenfalls erklären, daß offenbar in den 60er Jahren einzelne Objektive samt Verschlüssen als Bastelware in einschlägigen Photogeschäften erhältlich waren. Sie waren wohl Überproduktionsbestände, nachdem die in der zweiten Hälfte der 50er Jahre immer stärker konzentrierte Kameraindustrie diese altmodischen "Falter" konsequent aus dem Produktionsprogramm genommen hatte. Das jedenfalls suggeriert das "Fotobastelbuch".

Übrigens ist es aus stereoskopischer Sicht gar nicht notwendig, die Objektive zu tauschen. Das liegt an dem Umstand, daß eine der stereoskopischen Grundregeln besagt, daß alle im Raumbild erkennbaren Gegenstände innerhalb der Schärfentiefe liegen müssen. Unschärfen im Raumbild wirken unnatürlich und sehr störend, weil das Raumbild die technische Konservierung des freien natürlichen Sehens ist. Das freie natürliche Sehen kennt aber keine Unschärfen, denn noch bevor ein Gegenstand, den wir betrachten, voll in unserem Bewußtsein angekommen ist, haben die Augen ihn bereits anfokussiert. Das Scharfstellen der Augenlinsen geschieht also unwillkürlich und ohne daß wir uns darüber Gedanken machen müssen. Daß wir die Dinge beim freien natürlichen Blick stets scharf sehen, ist für uns also eine Selbstverständlichkeit, der wir uns nicht sonderlich bewußt sind. Demnach müssen auch jene Raumbilder, die den freien natürlichen Blick nachahmen, stets scharf sein. Unschärfen im plastischen Bild würden unsere Augen und unser Gehirn dazu provozieren, krampfhaft etwas zu fokussieren, was nicht zu fokussieren ist, weil es bereits unscharf aufgenommen wurde. Das ist übrigens einer meiner Hauptkritikpunkte an den 3D-Filmen, die seit einigen Jahren in den auf digitale Technik umgestellten Kinos laufen. In diesen Filmen wird die hier genannte stereoskopische Grundregel nämlich eklatant verletzt. Um diese Filme offenbar auch in 2D vermarkten zu können, oder weil die stereoskopischen Grundregeln schlichtweg nicht bekannt sind, wird mit dem künstlerischen Gestaltungsmittel gearbeitet, das Hauptmotiv durch gezieltes Setzen eines Schärfepunktes eindrucksvoll vom Vorder- und Hintergrund freizustellen. Gerade von diesem Gestaltungsmittel lebt ja die flächige Photographie und sie versucht auf diese Weise, Bildplastik vorzutäuschen.

 

Die Stereophotographie braucht keine Plastik vorzutäuschen, denn sie gibt diese ja naturgetreu wieder. Dazu müssen aber wie gesagt die stereoskopischen Grundregeln beachtet werden. Verletzt man diese, so führt das zu Verschmelzungsstörungen oder raschen Ermüdung. Das mag der Grund gewesen sein, wieso ich damals im Film „Avatar“ nach einer Stunde genervt und mit schmerzendem Kopf die Polfilterbrille vom Kopf gerissen habe.

 

Wie hält man nun die Schärfebedingung ein? Es gibt für diese Frage eine sehr einfache Formel, die eine Blendenzahl angibt, mit der sich eine ausreichende Schärfentiefe ergibt. Sie lautet: Kritische Blende ist gleich Objektivbrennweite (in mm) geteilt durch Aufnahmebasis (in cm). Für das Objektiv „Dublar 8/70mm“ der Pouva Start heißt das also: 70 geteilt durch 6,3 ergibt ziemlich genau Blende 11. Dieser Wert gilt als Anhaltspunkt für alle mittelformatigen Stereokameras mit Brennweiten um 75mm und Objektivabständen von üblichen 63mm. Bei dieser Aufnahmebasis beträgt die voll zur Verfügung stehende Raumtiefe etwa drei Meter bis unendlich. Diese ergibt sich aus der sog. 70 Minuten Bedingung - eine weitere stereoskopische Grundregel. Will man diese zulässige Raumtiefe also voll ausnutzen (und es ist der Sinn und Zweck der Raumbildphotographie, Motivteile innerhalb des zur Verfügung stehenden Raumes zu plazieren), dann wird man stets mindestens auf etwa 1:11 abblenden müssen. Das war übrigens auch immer der größte Nachteil der mittelformatigen Stereokameras, daß diese große Abblendung nötig ist und man zu langen Verschußzeiten kam. Heute, da Filme statt 9 oder 13 DIN nun 24 oder gar 27 DIN haben, ist diese Problematik einigermaßen in den Hintergrund getreten.

 

Unsere Pouva Stereo ist mit Tessaren der Lichtstärke 1:3,5 also völlig überzüchtet. Man müßte die Wiedergabe der Raumtiefe auf lächerlich wenige Zentimeter begrenzen, wollte man diese hohe Lichtstärke gänzlich ausnutzen. Daher blendet man diese Tessare also ohnehin auf 1:11 ab. Die einfachen, lichtschwachen Objektive der Bakelitkameras genügen auf den ersten Blick also vollauf. Da die Pouva Start nur eine Revolverblende mit 1:8 und 1:16 zu bieten hat, müßte man also sogar auf 16 abblenden. Weil das einfache periskopische Objektiv der Pouva Start ohnehin keine Punktschärfe liefert, wird man aber auch Blende 8 grade noch anwenden können. Die scheinbar höhere Schärfentiefe billiger Objektivkonstruktionen war schon vor mehr als hundert Jahren bekannt. Und genau vor diesem Hintergrund ist es gerechtfertigt, doch ein anastigmatisch korrigiertes Objektiv vom Triplet- oder Tessartyp einzusetzen, denn das liefert bei Blende 11 eine echte Punktschärfe. Für stereoskopische Farbaufnahmen ist eine Achromasie (also Bilder ohne Farbsäume) ohnehin unerläßlich, die das einfache Periskop der Pouva Start nicht zu bieten hat. Zudem ist eine Verschlußzeitenreihe von 1…1/250s, die der Vebur liefert, auch nicht zu verachten…

Pouva Stereo
Pouva Stereo

M. Kröger