zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Anfertigen und Einbau neuer Verschlußtücher

Als um die Wende vom 19. zum 20. Jhd. immer mehr Kameras mit Schlitzverschlüssen (auch Fokalebenenverschluß genannt) aufkamen, übten diese eine große Anziehungskraft auf Berufs- und anspruchsvolle Amateurphotographen aus. Mit ihnen konnten nicht nur kürzeste Belichtungszeiten erreicht werden, sie hatten auch einen deutlich höheren Wirkungsgrad als die damaligen Objektivverschlüsse. Letztere waren noch recht unzulänglich konstruiert, die Leder- oder Luftbremsen waren nicht langzeit- und klimastabil und der Antrieb der Sektoren zu langsam. Das führte zu langen Öffnungs- und Schließzeiten, die einen Großteil der Gesamtbelichtungszeit ausmachten und währenddessen wie eine ungewollte Abblendung des Objektives wirkten. War ein Schlitzverschluß nahe genug an der Platte angeordnet und wurden nicht allzu kleine Schlitzbreiten eingestellt, dann konnte ein solcher einen Wirkungsgrad von über 90% erreichen – und das selbst bei sehr lichtstarken Objektiven.

 

Aber leider gab es auch etliche Schattenseiten. Schlitzverschlüsse waren lange Zeit als „Rouleauverschlüsse“ gebaut, das heißt es wurde ein lichtdichtes Tuchmaterial auf- und abgerollt. Dazu wurde feingewobenem Baumwolltuch eine Schicht aus schwarzem Gummi aufvulkanisiert. Ein solches Gummituch ist grundsätzlich ein Verschleißmaterial. Es verliert mit der Zeit an Flexibilität wodurch der Verschlußablauf gehemmt wird und die Zeiten ungenau werden. Später wird der Gummibelag hart, brüchig und rissig, wodurch er seine Lichtdichtheit verliert und die Kamera schließlich ganz und gar unbrauchbar wird. Zu Zeiten, als noch 9x12-Kameras der Standard waren, bevorzugten Photographen daher lieber den Zentralverschluß, obwohl er kurze Zeiten gar nicht oder nur nominell erreichen konnte und vor allem bei lichtstarken Objektiven den besagten schlechten Wirkungsgrad hatte. Nicht vergessen werden darf, daß das in der Fokalebene liegende, schwarze Tuch auch immer durch einfallendes direktes Sonnenlicht gefährdet ist, das an dieser Stelle zu einem sehr kleinen und daher auch sehr heißen Bild gebündelt wird. Brandlöcher in den Tüchern waren jahrzehntelang einer der wichtigsten Gründe für den Reparaturaufenthalt von Schlitzverschlußkameras.

 

Trotzdem wurden in den 1930er Jahren immer mehr Spitzenkameras mit Schlitzverschluß entwickelt. Den Ausschlag gab Oskar Barnack mit seinem ausgeklügelten Leicaverschluß, der mit seiner Bauart diese flexibel handhabbare Kamera erst ermöglichte. Andere Hersteller zogen nach – auch weil sich die Qualität des Gummituchs verbessert hatte. Hatte Heinz Küppenbender in den 1930er Jahren bei seiner Contax noch auf einen Schlitzverschluß aus Metallrollos gesetzt, so setzte Wilhelm Winzenburg nach 1945 nun auch auf den konstruktiv insgesamt weniger anspruchsvollen Gummituchverschluß. Exakta, Praktica, Edixa… alle hatten Gummituchschlitzverschlüsse und sie haben sich prinzipiell millionenfach bewährt.

 

So sehen die Verschlußtücher vieler Spiegelcontax heute aus. Die Gummiauflage ist so hart und brüchig geworden, daß sie aufplatzt und abbröckelt. Das Trägermaterial aus feingewobenem Baumwollstoff liegt dann stellenweise frei und läßt Licht durch. Auch wenn die Degeneration noch nicht so weit fortgeschritten ist, hat das Tuchmaterial bereits so viel an Flexibilität verloren, daß der Verschluß nicht mehr sauber ablaufen kann und das Bild nicht richtig belichtet wird.

Allerdings ist beispielsweise von der Exakta bekannt, daß die Ihagee auch nach 1945 ihr Tuchmaterial vom angestammten Hersteller in der Bundesrepublik bezogen hat. Ich kann nur vermuten, daß dies bei der Zeiss Ikon Dresden nicht so gehandhabt wurde. Die Spiegelcontax krankt nämlich durchweg an harten, bröslig gewordenen Verschlußtüchern. Insbesondere der Vorhang, der lange Zeit aufgerollt war, ist meist betroffen. Man erkennt das daran, daß der Verschluß nicht vollständig abläuft und bei hochgeklapptem Spiegel ein „Sternenhimmel“ sichtbar wird.

Contax Reparatur

Hier hilft nur ein Austausch der Tücher. Das wird aber dadurch erschwert, daß die Rollos der Spiegelcontax eine sehr spezielle Machart haben. Die beiden Tücher überlappen sich nicht im verdeckten Zustand, sondern greifen nach dem Prinzip von Nut und Feder ineinander. Die dazu notwendigen Metallteile sind zum Teil genietet und überleben eine Demontage auch bei größter Sorgfalt nicht. Ich habe mir daher ein Verfahren ausgedacht, wie ich die vorhandenen Metallteile mit neuem, modernem Tuchmaterial verbunden bekomme. Ich bin auch so weit hinter die Verschlußfunktion gestiegen, daß ich die Zeitjustage innerhalb befriedigender Toleranzen hinbekomme. Damit habe ich schon einigen dieser schönen Kameras zu einem neuen Leben verholfen.

Die Spiegelcontax gehört zu denjenigen Schlitzverschlußmodellen, die besonders stark an verbrauchten Gummitüchern krankt. Ich würde grob abschätzen, daß zwischen zwei Drittel und drei Viertel dieser Kameras heute von diesem Problem betroffen sind. Noch bevor das Tuch undicht wird, laufen die Vorhänge aufgrund ihrer Steifigkeit langsam oder unvollständig ab, was am Probefilm an zu starker oder völlig fehlender Schwärzung erkannt werden kann. Der erste Griff, wenn ich eine Spiegelcontax in die Hand bekomme, geht daher bei abgenommenem Objektiv in den Spiegelkasten. Mit ein bißchen an Erfahrung weiß man dann sofort, ob sich das Einlegen eines Filmes überhaupt noch lohnt.

 

Vom prozentualen Anteil her weniger betroffen sind die Kameras der Kamerawerke Niedersedlitz, woraus ich ganz einfach schlußfolgere, daß diese wie die Ihagee ihr Tuchmaterial von einem anderen Fabrikanten bezogen hat, bzw. Zeiss Ikon ihre Tücher selbst gefertigt hat. Aber auch einige Praktikas haben hin und wieder verschlissene Tücher vor allem wenn sie längere Zeit gestanden haben. Auch die Praktina ist recht häufig von diesem Problem betroffen, was bei ihr besonders schade ist, da dieses Modell doch recht seltener anzutreffen ist, als die Praktica. Außerdem weckt die Praktina in den letzten Jahren immer mehr Interesse, da mittlerweile deren Bedeutung als erste Systemspiegelreflex erkannt wird und als Vorbild für das, was später Nikon oder Topcon im Angebot hatten.

 

Nun ist es bei der Praktina allerdings so, daß hier besonders sorgsam gearbeitet werden muß, wenn man neue Tücher installiert. Diese Kamera zeichnet sich ja durch zwei interessante Besonderheiten aus: Zum einen die Schlitzbildung für die 1/1000 Sekunde am Ende des Spannvorganges (ähnlich wie bei der Spiegelcontax) und zum anderen die zunehmende Verbreiterung des Belichtungsschlitzes während er über das Bildfenster wandert. Letzteres sorgt dafür, daß der gleichmäßigen Beschleunigung der Rollos entgegengewirkt wird. Dafür ist es aber notwendig, daß das neue Tuch die passende Dicke hat (ich habe Werte zwischen 180 und 200 Mikrometern gemessen).

 

Denn über eine Sache werden wir doch einig sein: Wenn man neue Tücher einbaut, dann muß man auch anstreben, die Verschlußzeiten wieder einigermaßen korrekt einzujustieren. Tücher einkleben – das machen viele. Manche bieten es sogar kommerziell an. Um so erschütternder, wenn man auf Nachfrage feststellt, daß die gar keine Möglichkeit haben, die Zeiten zu messen. Dabei ist die absolute Verschlußzeit gar nicht das ausschlaggebende. Hier werden Abweichungen von +/- 50% nur selten wahrgenommen. Aber es muß peinlich genau darauf geachtet werden, daß diese Verschlußzeit über das gesamte Bildfenster hinweg mit großer Konstanz abläuft. Und das bekommt man ohne ordentliche Meßmittel nicht hin.

Hier sieht man den neu angefertigten zweiten Vorhang im Vergleich zum verbrauchten original eingebauten. Die Vorhangwalze ist gereinigt und alles bereit, wieder eingebaut zu werden. Die Walze ruht drehbar auf ihrer Welle, wodurch ein sehr genauer Abgleich der 1/1000 Sekunde möglich ist. Richtwert sind 2mm Schlitzweite. Erst am Ende des Abgleichs wird die Position der Walze auf ihrer Welle durch zwei kleine Bohrungen endgültig festgelegt.

Exakta shutter construction

Daß die Konstruktion der Exakta noch einer anderen Ära entstammt, merkt man, wenn man bei ihr einmal die Tücher tauschen muß. Hier gibt es keine automatische Schlitzbildung für die 1/1000 Sekunde. Das Einjustieren dieses Verschlusses ist ein Zusammenspiel zwischen der Spannung beider Tücher und ihrer Abstände. Letzteres wird durch Unterkleben von Tuchmaterial und der Verschlußbänder variiert. Das ist alles ein ziemlicher Hexenzauber. Ich bin mir sicher, die Dame im Ihagee-Werk (meistens waren das geschickte Frauen!), die das viele Jahre lang gemacht hat, konnte mit ihrer Erfahrung einen solchen Verschluß rasch einjustieren. Wir Nachgeborenen sitzen stundenlang an sowas und raufen uns die Haare...